Die Brüder wandern zusammen den Weg hinunter, und nach einer Weile

setzen sie sich und essen. Eleseus ist hungrig, er kann kaum gesättigt

werden. Es ist die herrlichste Frühlingsnacht, auf allen Hügeln balzen

die Auerhähne, und dieser heimische Laut macht den Auswanderer einen

Augenblick verzagt. Es ist schönes Wetter, sagt er. Aber jetzt mußt du

umdrehen, Sivert. -- So, sagt Sivert und geht weiter. -- Sie kommen

an Storborg vorbei, an Breidablick vorbei, die Auerhähne balzen auf

dem ganzen Weg auf dem und jenem Hügel; es ist keine Hornmusik wie in

den Städten, nein, aber es sind Stimmen, das öffentliche Aufgebot, das

den Frühling verkündigt. Plötzlich hören sie den ersten Singvogel vom

Gipfel eines Baumes, er weckt auch andere, sie fragen und antworten von

allen Seiten, das ist mehr als ein Gesang, das ist ein Lobgesang. Der

Auswanderer fühlt etwas Heimweh in sich aufsteigen, etwas Hilfloses, er

soll nach Amerika, niemand ist dazu so reif wie er. -- Aber jetzt mußt

du umkehren, Sivert, sagt er. -- Ja, erwiderte der Bruder, da du es

durchaus willst.

Sie setzen sich am Waldrand nieder und sehen das Dorf vor sich liegen,

den Kaufladen, den Landungsplatz, Bredes Herberge. Beim Postschiff

laufen einige Leute hin und her und machen sich zur Abreise fertig.

Ich habe keine Zeit mehr, noch länger hier sitzenzubleiben, sagt

Eleseus und steht wieder auf. -- Es ist recht schade, daß du so weit

fortgehst, sagt Sivert. -- Eleseus erwidert: Aber ich komme wieder. Und

dann reise ich nicht bloß mit einem Wachstuchkoffer.

Als sie einander Lebewohl sagen, steckt Sivert dem Bruder ein kleines

Ding zu, etwas, das in Papier gewickelt ist. -- Was ist das? fragt

Eleseus. -- Sivert entgegnet: Schreib auch fleißig! dann geht er.

Eleseus macht das Papier auf und sieht nach: es ist das Goldstück, die

zwanzig Kronen in Gold. -- Nein, das sollst du mir nicht geben! ruft

er dem Bruder nach. -- Aber Sivert geht weiter.

Er geht eine Weile, dann dreht er um und setzt sich wieder am Waldrand

nieder. Um das Postschiff her wird es immer lebhafter, er sieht, wie

die Leute an Bord gehen, auch sein Bruder geht an Bord, und das Schiff

fährt ab. Da reist Eleseus nach Amerika.

Er kam niemals wieder.

12

Ein merkwürdiger Zug kommt nach Sellanraa herauf, vielleicht als Zug

ein bißchen lächerlich, aber doch nicht nur lächerlich: es sind drei

Männer mit ungeheuren Lasten auf dem Rücken, mit Säcken, die ihnen

über die Brust und den Rücken herunterhängen. Sie gehen im Gänsemarsch

und rufen einander Scherzworte zu, aber sie haben schwer zu tragen.

Der kleine Ladendiener Andresen geht als erster im Zug, übrigens ist

es auch sein Zug; er hat sich selbst, Sivert von Sellanraa und einen

dritten, Fredrik Ström von Breidablick, zu diesem Zug ausgerüstet. Ein

verfluchter kleiner Kerl, dieser Ladendiener Andresen; seine Schultern

sind fast bis zur Erde gebeugt, und seine Jacke ist ihm vom Hals

heruntergezerrt, aber er schleppt, er schleppt seine Last.

Er hat nicht einfach Storborg und den Kaufladen gekauft, dazu hat er

kein Geld, lieber wartet er eine Weile und bekommt dann vielleicht

alles umsonst. Andresen ist kein unbrauchbarer Mensch, er hat

einstweilen Storborg gepachtet und betreibt den Handel weiter.

Er hat den ganzen Warenvorrat durchgesehen und da eine Menge

unverkäuflicher Sachen vorgefunden, von Zahnbürsten an bis zu

gestickten Tischläufern, ja, bis zu kleinen Vögeln auf Drähten, die

„piep” sagten, wenn man sie an der richtigen Stelle klemmte.

Mit all diesen Waren ist er jetzt auf die Wanderschaft gezogen, er will

sie an die Grubenarbeiter jenseits des Berges verkaufen. Er hat von

Aronsens Tagen her Erfahrung darin, daß Grubenarbeiter mit Geld in der

Hand alles in der Welt kaufen. Jetzt ärgert er sich nur darüber, daß er

sechs Schaukelpferde, die Eleseus auf seiner letzten Reise nach Bergen

eingekauft hatte, zurücklassen mußte.

Die Karawane kommt in den Hofraum von Sellanraa herein, und die Männer

legen ihre Lasten ab. Sie ruhen nicht lange; nachdem sie Milch zu

trinken bekommen und zum Spaß ihre Waren allen Leuten auf dem Hof

angeboten haben, nehmen sie ihre Lasten wieder auf und gehen weiter.

Sie sind nicht bloß zum Scherz ausgezogen. In südlicher Richtung durch

den Wald schwanken sie mit ihrer Last weiter.

Sie gehen bis zur Mittagszeit, essen zu Mittag und wandern dann weiter,

bis es Abend wird. Dann machen sie ein Feuer an, lagern sich und

schlafen eine Weile. Sivert schläft sitzend auf einem Stein, den er

seinen Polsterstuhl nennt. Ja, Sivert versteht sich auf das Leben im

Ödland, die Sonne hat den ganzen Tag auf den Stein gebrannt, und es

ist gut darauf zu sitzen und zu schlafen. Seine Kameraden sind nicht

so erfahren und nehmen auch keinen guten Rat an, sie legen sich ins

Heidekraut und wachen frierend und niesend auf. Dann frühstücken sie

und gehen weiter.

Jetzt fangen sie an, die Ohren zu spitzen, ob sie keine Schüsse hören,

und sie hoffen, im Laufe des Tages auf Leute zu stoßen und an die

Gruben zu kommen. Die Arbeit kann inzwischen wohl von der See her weit

in der Richtung auf Sellanraa zu vorgerückt sein. Sie hören keinen

Schuß. Sie gehen bis zur Mittagszeit und begegnen keinem Menschen, aber

sie kommen von Zeit zu Zeit an großen Löchern in der Erde vorbei, die

die Leute zur Probe gegraben haben. Wie hängt das zusammen? Es muß

wohl so sein, daß das Erz auf dieser Seite des Berges ganz überaus

reich ist; es wird also im reinen, schweren Kupfer gearbeitet, und die

Arbeiter rücken von der See her kaum vor.

Nachmittags stoßen sie auf noch mehr Gruben, aber immer noch keine

Menschen; sie gehen weiter bis zum Abend und erblicken schon das Meer

unter sich, sie wandern durch ein Ödland von verlassenen Gruben und

vernehmen keinen einzigen Schuß. Das ist doch gar zu merkwürdig, aber

sie müssen noch einmal ein Feuer machen und sich wieder für die Nacht

lagern. Sie beraten: Ist die Arbeit hier zu Ende? Sollen sie mit ihren

Lasten wieder umkehren? Kein Gedanke! sagt der Ladendiener Andresen.

Am nächsten Morgen kommt ein Mann an ihr Lager, ein blasser und

vergrämter Mann, der die Brauen runzelt, die Leute betrachtet, sie

mustert. Bist du das, Andresen? fragt er. Es ist Aronsen, der Kaufmann

Aronsen; er hat nichts dagegen, von der Karawane Kaffee und etwas zu

essen zu bekommen, und läßt sich bei den Männern nieder. Ich hab'

euern Rauch gesehen und wollte ergründen, was das sei, erklärt er. Ich

dachte: du wirst sehen, sie nehmen Vernunft an und beginnen wieder mit

der Arbeit! Und nun seid nur ihr es! Wo wollt ihr hin? -- Wir wollen

hierher. -- Was habt ihr in euren Säcken? -- Waren! -- Waren? schreit

Aronsen. Wollt ihr hier Waren verkaufen? Hier wohnt niemand. Sie sind

am Samstag abgezogen. -- Wer ist abgezogen? -- Alle miteinander. Hier

ist alles leer und verlassen. Und außerdem hab' ich Waren genug; den

ganzen Laden voll. Ihr könnt bei mir kaufen.

Ach, nun ist der Kaufmann Aronsen wieder übel daran, mit dem

Grubenbetrieb ist es zu Ende!

Sie beruhigen ihn mit noch etwas mehr Kaffee und fragen ihn dann aus.

Aronsen schüttelt ganz zerschmettert den Kopf: Es ist nicht zu sagen,

es ist ganz unbegreiflich! sagt er. Alles war sehr gut gegangen, er

hatte Waren verkauft und viel Geld eingenommen, das ganze Kirchspiel

rund umher blühte und konnte sich weiße Grütze, ein neues Schulhaus

und Lampen mit Prismen dran und städtisches Schuhwerk leisten. Da

fanden die Herren plötzlich, daß es sich nicht mehr lohne, und sie

machten Schluß. Lohnte es sich wirklich nicht mehr? Es hatte sich doch

seither gelohnt, nicht wahr? Kam denn nicht das Kupfererz bei jeder

Sprengung zutage? Das war einfach Betrug. Und sie bedenken nicht, daß

sie damit einen Mann wie mich in die größten Ungelegenheiten bringen,

sagte Aronsen. Aber es ist wohl so, wie behauptet wird, daß der Geißler

wieder an allem schuld ist. Er ist genau in dem Augenblick gekommen,

als die Arbeit stillgelegt wurde; es ist gerade, als ob er es gerochen

hätte!

Ist Geißler hier?

Ob er hier ist! Er gehört erschossen! Er kam eines Tages mit dem

Postschiff an und fragte den Ingenieur: Nun, wie geht's? -- Gut, soviel

ich weiß, antwortet der Ingenieur. Aber der Geißler fragte nun noch

einmal: So, es geht also gut? -- Ja, könnte nicht besser gehen, soviel

ich weiß! erwiderte der Ingenieur. Na, ich danke! Als die Post geöffnet

wurde, war ein Brief und ein Telegramm an den Ingenieur dabei, daß sich

die Arbeit nicht mehr lohne, er solle Schluß machen.

Die Teilnehmer der Karawane schauen einander an; aber der Führer, der

schlaue Kerl Andresen, hat den Mut augenscheinlich noch nicht verloren.

-- Kehrt nur wieder um! rät Aronsen. -- Das tun wir nicht, sagt

Andresen und packt den Kaffeekessel ein. -- Aronsen starrt alle drei

einen nach dem andern an. Ihr seid verrückt! sagt er.

Seht, der Ladendiener Andresen kümmert sich nicht sehr um seinen

früheren Herrn, jetzt ist er selbst Herr, er hat diesen Zug in ferne

Gaue ausgerüstet, er würde an Ansehen einbüßen, wenn er hier auf dem

Berge umkehrte. -- Aber wo wollt ihr denn hin? fragt Aronsen erbittert.

-- Das weiß ich nicht, sagt Andresen. Aber er hat doch wohl seine

Absicht, er denkt vielleicht an die Eingeborenen: daß er hier drei Mann

stark mit Glasperlen und Fingerringen herkommt. -- Kommt, wir wollen

gehen! sagt er zu seinen Kameraden.

Nun hatte sich Aronsen eigentlich diesen Morgen länger draußen

aufhalten wollen; da er einmal unterwegs war, wollte er vielleicht

nachsehen, ob wirklich alle Gruben verlassen seien, ob es wahr sei, daß

alle Menschen fort waren. Aber da diese Hausierer so eigensinnig sind

und weiter wollen, wird er eigentlich an seinem Vorhaben gehindert,

er muß ihnen immer und immer wieder von ihrem Weitermarsch abreden.

Aronsen ist rasend, er geht vor der Karawane her den Berg hinunter,

er dreht sich immer im Kreise und schreit ihnen zu, hält sie auf, er

verteidigt sein Gebiet. So kommen sie zu der Barackenstadt hinunter.

Da sieht es leer und trostlos aus. Die wichtigsten Geräte und Maschinen

sind unter Dach gebracht, aber Balken, Bretter, zerbrochene Wagen,

Kisten und Fässer liegen überall umher. An einigen Häusern prangt ein

Plakat, das den Zutritt verbietet.

Da seht ihr! ruft Aronsen. Nirgends ein Mensch! Wo wollt ihr denn hin?

Und er droht der Karawane mit großem Unheil und mit dem Lensmann; er

selbst wolle sie Schritt für Schritt begleiten und zusehen, ob sie

nicht ungesetzliche Waren verkauften. Darauf stehe Zuchthaus und die

Galeeren, bom konstant.

Plötzlich wird Sivert von jemand angerufen. Die Stadt ist also doch

nicht völlig verlassen, nicht ganz ausgestorben. Ein Mann an einer

Hausecke winkt ihnen. Sivert schwankt mit seiner Last auf ihn zu und

erkennt sofort, wer es ist: Es ist Geißler.

Ein merkwürdiges Zusammentreffen! sagt Geißler. Er hat ein blühend

rosiges Gesicht, aber seine Augen scheinen in der hellen Frühlingssonne

Schaden gelitten zu haben, denn er trägt einen grauen Zwicker. Er

spricht lebhaft wie immer. Ein glückliches Zusammentreffen! sagt

er. Das spart mir den Weg nach Sellanraa, ich habe so viel zu

besorgen. Wie viele Ansiedlungen sind jetzt dort auf der Allmende? --

Zehn. -- Zehn Ansiedlungen? Das gefällt mir, da bin ich zufrieden.

Zweiunddreißigtausend solche Männer wie dein Vater sollten im Lande

sein, ich hab' es ausgerechnet! sagt er und nickt dazu.

Kommst du, Sivert? ruft die Karawane. -- Geißler horcht auf und

antwortet rasch: Nein! -- Ich komme nach! ruft Sivert und legt seine

Last ab.

Die beiden setzen sich und reden zusammen; über Geißler ist der Geist

gekommen, und er schweigt nur, sooft Sivert eine kurze Antwort gibt,

dann legt er wieder los: Ein ganz einzigartiges Zusammentreffen! Ich

komme gar nicht davon weg! Meine ganze Reise ist so ausgezeichnet

verlaufen, und nun treffe ich dich auch noch hier und kann mir

den Umweg über Sellanraa sparen! Wie geht's zu Hause? -- Dank

der Nachfrage. -- Habt ihr schon den Heuboden auf dem steinernen

Stallgebäude aufgeschlagen? -- Ja. -- Ja, ich bin sehr überlastet, die

Geschäfte wachsen mir allmählich über den Kopf. Sieh dir doch einmal

an, wo wir jetzt sitzen, lieber Sivert! Auf der Ruine einer Stadt. Die

haben nun die Menschen ihrem eigenen Vorteil gerade entgegen aufgebaut.

Eigentlich bin ich die Ursache von dem allem, das heißt, ich bin einer

der Vermittler in einem kleinen Komödienspiel des Schicksals. Es hat

damit angefangen, daß dein Vater im Gebirge einige Steine fand und

dich damit spielen ließ, als du noch ein Kind warst. Damit hat es

angefangen. Ich wußte es ganz genau, daß diese Steine nur den Wert

hatten, den die Menschen ihnen beilegten; gut, ich setzte einen Preis

dafür fest und kaufte sie. Von da an gingen die Steine von Hand zu Hand

und plünderten die Leute aus. Die Zeit verging. Vor einigen Tagen bin

ich hier heraufgekommen, und weißt du, was ich hier will? Die Steine

wieder zurückkaufen!

Geißler schweigt und schaut Sivert an. Dabei fällt ihm auch der große

Sack in die Augen, und er fragt plötzlich: Was hast du da? -- Waren

antwortet Sivert. Wir wollen damit hinunter ins Kirchspiel.

Geißler bezeigt keine besondere Teilnahme für diese Antwort, er hat sie

vielleicht gar nicht gehört, er fährt fort: Ich will also die Steine

zurückkaufen. Das letztemal ließ ich meinen Sohn verkaufen, der ist ein

junger Mann deines Alters und weiter nichts. Er ist der Blitz in der

Familie, ich bin der Nebel. Ich gehöre zu denen, die das Rechte wissen,

aber es nicht tun. Er ist der Blitz, zurzeit hat er sich in den Dienst

der Industrie gestellt. Er hat das letztemal in meinem Namen verkauft.

Ich bin etwas, aber er ist nichts; er ist nur der Blitz, der rasche

Mann der Gegenwart. Aber der Blitz als solcher ist unfruchtbar. Nehmen

wir einmal euch Leute auf Sellanraa. Ihr seht alle Tage blaue Berge

vor euch; das sind keine erfundenen Dinge, das sind alte Berge, die

stehen da seit alter grauer Vorzeit, aber sie sind eure Kameraden. So

geht ihr zusammen mit Himmel und Erde, seid eins mit ihnen, seid eins

mit dieser Weite und seid bodenständig. Ihr braucht kein Schwert in der

Faust, ihr geht unbewehrten Hauptes und mit unbewehrter Faust durchs

Leben, umgeben von großer Freundlichkeit. Sieh, da ist die Natur, sie

gehört dir und den Deinen. Der Mensch und die Natur bekämpfen einander

nicht, sie geben einander recht, sie treten nicht in Wettbewerb, laufen

nicht um die Wette irgendeinem Vorteil nach, sie gehen Hand in Hand.

Mittendrin geht ihr Leute auf Sellanraa und gedeiht. Die Berge, der

Wald, die Moore, die Matten, der Himmel und die Sterne -- ach, das

alles ist nicht armselig und karg zugemessen, das ist ohne alles Maß!

Hör auf mich, Sivert, sei zufrieden mit deinem Los! Ihr habt alles,

was ihr zum Leben braucht, alles, wofür ihr lebt; ihr werdet geboren

und erzeugt neue Geschlechter, ihr seid notwendig auf der Erde. Das

sind nicht alle, aber ihr seid es: notwendig auf der Erde. Ihr erhaltet

das Leben. Bei euch folgt ein Geschlecht dem andern, wenn das eine

stirbt, tritt das nächste an seine Stelle. Das eben ist unter dem

ewigen Leben zu verstehen. Und was habt ihr dafür? Ein Dasein in Recht

und Gerechtigkeit, ein Dasein in wahrer und aufrichtiger Stellung zu

allem. Was habt ihr weiter dafür? Nichts unterjocht und beherrscht

euch Leute von Sellanraa, ihr habt Ruhe und Macht und Gewalt, ihr seid

umschlossen von der großen Freundlichkeit. Das habt ihr dafür. Ihr

liegt an einem warmen Busen und spielt mit einer weichen Mutterhand

und trinkt euch satt. Ich denke an deinen Vater, er ist einer von den

zweiunddreißigtausend. Was ist so mancher andere? Ich bin etwas, ich

bin der Nebel, ich bin hier und ich bin dort, ich woge hin und her,

zuweilen bin ich der Regen auf einer dürren Stätte. Aber die anderen?

Mein Sohn ist der Blitz, der eigentlich nichts ist, ein nutzloses

Aufleuchten, er kann Handel treiben. Mein Sohn ist der Typus des

Menschen unserer Zeit, er glaubt aufrichtig an das, was die Zeit ihn

gelehrt hat, was der Jude und der Yankee ihn gelehrt haben; ich jedoch

schüttle den Kopf dazu. Aber ich bin nichts Geheimnisvolles, nur in

meiner eigenen Familie bin ich der Nebel, da sitze ich und schüttle den

Kopf. Die Sache ist die, mir fehlt die Gabe zu einem reuelosen Handeln.

Hätte ich diese Gabe, dann könnte ich selbst der Blitz sein. So bin ich

der Nebel.

Plötzlich kommt Geißler gleichsam wieder zu sich und fragt: Habt ihr

den Heuboden auf eurem steinernen Stallgebäude aufgeschlagen? -- Ja.

Und der Vater hat auch noch ein Wohnhaus gebaut. -- Noch ein Wohnhaus?

-- Ja, für den Fall, daß jemand kommt, sagt er, für den Fall, daß der

Geißler kommt, sagt er. -- Geißler denkt darüber nach und erklärt: Dann

muß ich gewiß kommen. Doch, dann komm ich, sag das deinem Vater. Aber

ich habe so viele Geschäfte. Jetzt bin ich hier heraufgekommen und habe

zu dem Ingenieur gesagt: Grüßen Sie die Herren in Schweden und sagen

Sie, ich sei Käufer. Und nun müssen wir sehen, was daraus wird. Mir

ist es einerlei, ich habe keine Eile. Du hättest den Ingenieur sehen

sollen! Er hat hier den Betrieb im Gang gehalten mit Menschen und

Pferden und Geld und Maschinen und allem Zeug, er glaubte das Rechte

zu tun, er wußte es nicht anders. Er meint, je mehr Steine er zu Geld

mache, desto besser sei es und er tue etwas Verdienstvolles damit, daß

er dem Kirchspiel, daß er dem Lande Geld verschafft, es rast mit ihm

immer mehr dem Untergang entgegen, und er merkt es nicht. Nicht Geld

braucht das Land, das Land hat Geld mehr als genug. Solche Männer, wie

dein Vater einer ist, davon hat es nicht genug. Wenn man bedenkt, daß

sie das Mittel zum Zweck machen und stolz darauf sind! Sie sind krank

und verrückt, sie arbeiten nicht, sie kennen den Pflug nicht, sie

kennen nur den Würfel. Haben sie denn keine Verdienste? sie reiben sich

ja auf mit ihrer Narretei. Sieh sie an, setzen sie denn nicht ihr alles

ein? Der Fehler dabei ist nur, daß dieses Spiel nicht Übermut ist,

nicht einmal Mut, es ist Schrecken. Weißt du, was Glücksspiel ist? Es

ist Angst, die einem den Schweiß auf die Stirne treibt, das ist es. Der

Fehler ist, daß sie nicht im Takt mit dem Leben schreiten wollen, sie

wollen rascher gehen als das Leben, sie jagen, sie treiben sich selbst

wie Keile ins Leben hinein. Aber dann sagen ja ihre Flanken -- halt,

es knackt, such einen Ausweg, halt inne, die Flanken! Dann zerbricht

sie das Leben, höflich, aber bestimmt. Und dann beginnen die Klagen

über das Leben, das Toben gegen das Leben. Jeder nach seinem Gefallen,

einige haben wohl Grund zur Klage, andere nicht, aber niemand sollte

gegen das Leben toben. Man sollte das Leben nicht hart und streng

und gerecht beurteilen, man sollte barmherzig gegen es sein und es

verteidigen: bedenke doch, mit welchen Mitspielern das Leben sein Spiel

spielen muß!

Geißler kommt wieder zu sich und sagt: Wir wollen das auf sich

beruhen lassen. Er ist augenscheinlich müde, er gähnt. Willst du

hinunter? fragt er. -- Ja. -- Das eilt nicht. Du bist mir noch einen

weiten Gang über die Berge schuldig, lieber Sivert, weißt du noch?

Ich erinnere mich noch an alles und jedes. Ich erinnere mich noch,

wie ich anderthalb Jahre alt war: da stand ich schwankend auf der

Scheunenbrücke auf dem Hof Garmo in Lom und roch einen bestimmten

Geruch. Diesen Geruch kenne ich immer noch. Aber wir wollen auch das

auf sich beruhen lassen. Wir hätten jetzt den Gang über die Berge

machen können, wenn du nicht den Sack da tragen müßtest. Was hast du in

dem Sack? -- Waren. Andresen will sie verkaufen. -- Ich bin also ein

Mann, der das Richtige weiß, aber es nicht tut, sagt Geißler. Das ist

buchstäblich zu verstehen. Ich bin der Nebel. An einem der nächsten

Tage kaufe ich vielleicht den Berg wieder, das ist gar nicht unmöglich.

Aber in diesem Falle stelle ich mich nicht hin, schaue in die Luft

und sage: Luftbahn, Südamerika! Das ist etwas für Glücksspieler. Die

Leute hier meinen, ich sei der leibhaftige Teufel, weil ich wußte, daß

es hier einen Krach geben werde. Aber es ist nichts Geheimnisvolles

an mir, die ganze Sache ist sehr einfach: die neuen Kupferlager in

Montana. Die Yankees sind schlauere Spieler als wir, die schlagen uns

mit ihrem Wettbewerb in Südamerika tot. Unser Erz ist zu arm. Mein

Sohn ist der Blitz, er hörte ein Vögelchen davon singen, da bin ich

hergeschwommen. So einfach ist es. Ich war nur den Herren in Schweden

ein paar Stunden voraus, das ist alles.

Geißler gähnt wieder, steht auf und sagt: Wenn du hinunter willst, so

wollen wir jetzt gehen.

Sie gehen miteinander den Berg hinunter, Geißler stapft hinterdrein und

ist schlapp und müde. Die Karawane hat am Landungsplatz haltgemacht,

der muntere Fredrik Ström ist dabei, Aronsen steigen zu lassen. Ich

habe keinen Tabak mehr, habt ihr Tabak? -- Ich werde dir Tabak geben!

ruft Aronsen. -- Fredrik lacht und tröstet ihn: Nehmt es doch nicht

so schwer, Aronsen! Wir wollen jetzt nur diese Waren vor Euren Augen

verkaufen, dann gehen wir wieder heim. -- Halt deinen ungewaschenen

Mund! ruft Aronsen erbost. -- Hahaha, nein, Ihr sollt nicht so

aufgeregt umherlaufen, Ihr sollt wie eine ruhige Landschaft sein!

Geißler ist müde, sehr müde, nicht einmal der graue Zwicker hilft

mehr, die Augen wollen ihm in dem hellen Frühlingsschein zufallen. Leb

wohl, lieber Sivert! sagt er plötzlich. Nein, ich kann diesmal doch

nicht nach Sellanraa kommen, sag das deinem Vater. Ich habe so viel zu

besorgen. Aber sag ihm, daß ich später einmal komme. --

Aronsen spuckt hinter ihm aus und sagt noch einmal: Er gehört

totgeschossen!

In drei Tagen verkauft die Karawane ihre Säcke leer und bekommt gute

Preise. Es wurde ein glänzendes Geschäft. Die Leute des Kirchspiels

hatten noch herrlich viel Geld trotz des Krachs und waren in

bester Übung, es auszugeben; sie brauchten diese Vögel auf Draht

notwendig, sie stellten sie auf ihre Kommoden und kauften auch schöne

Papiermesser, um ihre Kalender damit aufzuschneiden. Aronsen tobte:

Als ob ich nicht geradeso schöne Sachen in meinem Laden hätte!

Der Kaufmann Aronsen war in großer Not, er wollte ja dabeisein und

diese Hausierer bewachen, aber die trennten sich, und jeder ging

allein seines Wegs, und er hätte sich in Stücke reißen müssen, um

allen dreien nachzulaufen. So gab er zuerst Fredrik Ström auf, der das

ungewaschenste Mundwerk hatte, dann Sivert, der ihm niemals auch nur

ein einziges Wort erwiderte, sondern nur immer verkaufte. Aronsen zog

vor, seinem alten Ladendiener Andresen nachzulaufen und in den Häusern

gegen ihn zu arbeiten. Oh, aber der Ladendiener Andresen kannte ja

seinen alten Herrn und dessen Unwissenheit in Beziehung aufs Geschäft

und auf verbotene Waren. So, englischer Faden ist nicht verboten?

fragte Aronsen und stellte sich kundig. -- Doch, erwiderte Andresen.

Ich habe aber auch keine einzige Fadenrolle hier. Die kann ich im

Ödland auch verkaufen. Ich habe keine einzige Fadenrolle, da seht

selbst! -- Das ist schon möglich. Aber du siehst, ich weiß auch, was

verboten ist, da machst du mir nichts weis.

Einen Tag lang hielt es Aronsen aus, dann gab er auch Andresen auf und

ging heim. Die Hausierer hatten jetzt keine Aufsicht mehr.

Und von nun an ging alles ausgezeichnet. In jenen Tagen trugen die

Frauen falsche Haarzöpfe, und der Ladendiener Andresen war ein Meister

darin, solche Zöpfe zu verkaufen, ja, im Notfall verkaufte er helle

Zöpfe an schwarzhaarige Mädchen und bedauerte nur, daß er nicht noch

hellere Zöpfe habe, oder graue, die die teuersten seien. Jeden Abend

kamen die drei jungen Männer an einem vorher bestimmten Platz zusammen

und erstatteten Bericht und halfen einander mit nicht ausverkauften

Sachen aus, und Andresen setzte sich dann gerne mit einer Feile in der

Hand hin und feilte eine deutsche Fabrikmarke auf einer Jagdflinte aus

oder entfernte den Namen Faber von den Bleistiften. Andresen war und

blieb ein Teufelskerl.

Sivert dagegen war eine Enttäuschung. Nicht als ob er faul gewesen wäre

und keine Waren abgesetzt hätte, er setzte sogar die meisten ab. Aber

er bekam zuwenig Geld dafür. Du sprichst nicht genug, erklärte Andresen.

Nein, Sivert hielt keine langen Reden, er war ein Ödlandbauer, war

wortkarg und gelassen. Was war da lange zu schwatzen? Außerdem wollte

Sivert bis zum Sonntag fertig sein und wieder nach Hause gehen,

es gab gar viel Arbeit auf dem Ödland. -- Die Jensine zieht ihn,

behauptete Fredrik Ström. -- Derselbe Fredrik hatte übrigens selbst

die Frühjahrsbestellung zu besorgen und wenig Zeit zu verlieren, aber

trotzdem mußte er am letzten Tag noch zu Aronsen gehen und eine Weile

mit ihm streiten. Ich will ihm die leeren Säcke verkaufen, sagte er.

Segen der Erde: Roman · 第 31 / 32 段