Endlich vermag Eleseus seine Gedanken so weit von seiner eigenen

Person und seinen eigenen Angelegenheiten abzulenken, daß er fragt:

Was hast du eigentlich heute vor? -- Hm! eigentlich nichts Besonderes,

erwidert sein Vater. Aber Eleseus reiste ja jedenfalls ab, so konnte

es also nichts schaden, wenn er erfuhr, was der Vater vorhatte. -- Die

Jensine vom Schmied will ich holen, erklärte der Vater, ja, gesteht er

wirklich zu. -- Mußt du dir selbst die Mühe machen; hätte denn nicht

Sivert fahren können? fragt Eleseus. -- Seht, Eleseus verstand es nicht

besser, er meinte also, Sivert werde Jensine mit dem Wagen wiederholen,

nachdem sie einmal so hochmütig getan hatte und von Sellanraa

fortgegangen war!

Nein, es war letztes Jahr mit dem Heumachen gar nicht gegangen.

Inger hatte sich allerdings sehr darangehalten, wie sie versprochen

hatte, Leopoldine tat auch ihre Arbeit, und dazu hatten sie auch den

Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Aber das Heu war zum

Teil schweres Timotheusgras und die Wiesen weit vom Hause entfernt.

Sellanraa war jetzt ein großes Gut, die Frauen hatten dort anderes zu

tun, als Heu zu machen; all das viele Vieh mußte versorgt werden, das

Essen mußte zur rechten Zeit fertig sein, das Buttern und Käsemachen

war zu besorgen, desgleichen das Waschen und das Backen, Mutter und

Tochter schafften sich gar zu sehr ab. Einen solchen Sommer wollte

Isak nicht noch einmal erleben, er bestimmte kurz und gut, daß

Jensine wiederkommen solle, wenn sie zu haben sei. Inger hatte jetzt

auch nichts mehr dagegen, sie hatte ihren Verstand wieder und sagte:

Meinetwegen mach es, wie du willst. Oh, Inger war jetzt fügsamer

geworden, es ist keine kleine Sache, wenn man seinen verlorenen

Verstand wiederkriegt. Inger hatte keine heiße Glut mehr zu verstecken,

keine innere Leidenschaft mehr im Zaum zu halten, der Winter hatte sie

abgekühlt, sie hatte nur noch Glut genug für den Hausgebrauch. Sie fing

jetzt an, an Körperfülle zuzunehmen, schön und stattlich sah sie aus.

Es war merkwürdig, wie wenig sie alterte, sie wurde nicht stückweise

alt und welk, vielleicht kam es daher, weil sie erst so spät aufgeblüht

war. Gott mag wissen, woher alles kommt, nichts hat nur eine einzige

Ursache, alles hat eine Ursachen_reihe_! Und hatte nicht Inger das

größte Lob bei der Frau des Schmieds? Was konnte die Schmiedfrau

ihr vorwerfen? Durch ihr verunziertes Gesicht war sie um ihren Lenz

betrogen worden, später war sie in künstliche Luft versetzt worden, und

dadurch waren ihr sechs Jahre ihres Sommers gestohlen; da sie aber doch

heißes Blut hatte, mußte ihr Herbst wilde Schößlinge treiben. Inger

ist besser als so eine Schmiedfrau, zwar ein bißchen beschädigt, ein

bißchen verzerrt, aber eine gute Natur, eine tüchtige Natur ...

Vater und Sohn fahren weiter, sie fahren an Brede Olsens Herberge vor

und führen das Pferd in den Schuppen. Es ist Abend geworden. Sie selbst

gehen ins Haus.

Brede Olsen hat dieses Haus gemietet, es ist eigentlich ein

Nebengebäude, das dem Kaufmann gehört, jetzt sind zwei Stuben und zwei

Schlafkammern darin eingerichtet; es ist ganz erträglich, und die Lage

ist gut, das Haus wird von Kaffeegästen besucht und außerdem von den

Leuten in der Umgegend, die mit dem Postschiff fahren wollen.

Brede scheint wirklich einmal Glück gehabt zu haben, er ist auf den

richtigen Platz gekommen, und das hat er seiner Frau zu verdanken.

Bredes Frau kam auf den Gedanken, dieses Kaffeehaus und diese Herberge

einzurichten, als sie während der Versteigerung auf Breidablick

Kaffee verkaufte; das war damals sehr unterhaltend gewesen, es war

angenehm, Münze zwischen den Fingern zu haben, bares Geld. Seit sie

hierhergekommen sind, ist alles gut gegangen, die Frau verkauft jetzt

im Ernst Kaffee und beherbergt allerlei Leute, die kein Dach über dem

Kopf haben. Sie wird auch von den Reisenden recht gelobt. Natürlich

ist ihre Tochter Katrine, die jetzt ein großes Mädchen und eine flinke

Aufwärterin ist, eine gute Hilfe. Aber ebenso natürlich ist es nur eine

Zeitfrage, bis wann die kleine Katrine nicht mehr im Hause ihrer Eltern

sein und da aufwarten wird. Aber inzwischen geht es ganz ordentlich

mit dem Umsatz, und das ist die Hauptsache. Der Anfang war entschieden

gut gewesen und hätte noch besser sein können, wenn sich der Kaufmann

genügend mit Brezeln und Spekulatius zum Kaffee vorgesehen hätte; da

saßen nun alle Leute, die den siebzehnten Mai feiern wollten, und

riefen vergebens nach Kuchen zum Kaffee: Kaffeekuchen! Da lernte es der

Kaufmann, sich mit Backwaren für die Feste des Dorfes zu versehen.

Brede und die ganze Familie leben von diesem Betrieb, so gut es geht.

Zu gar vielen Mahlzeiten gibt es nichts als Kaffee mit übriggebliebenem

Kaffeekuchen, aber auch das hält Leib und Seele zusammen, und die

Kinder bekommen davon ein feines, ja sozusagen ein verfeinertes

Aussehen. Es haben nicht alle Kuchen zum Kaffee! sagten die Leute im

Dorf. Der Familie Brede scheint es gut zu gehen, sie halten sogar

einen Hund, der bei den Gästen herumschleicht, Bissen erschnappt und

fett wird. Was ist doch so ein fetter Hund eine Anpreisung für die

Verpflegung in einer Herberge!

Brede Olsen nimmt also die Stelle des Hausherrn in diesem Betrieb ein

und hat sich auch nebenher emporgearbeitet. Er ist wieder der Begleiter

und Amtsdiener des Lensmannes geworden und hatte in dieser Stellung

eine Zeitlang viel zu tun. Aber letzten Herbst hat seine Tochter

Barbro mit der Frau Lensmann Streit bekommen, wegen einer Kleinigkeit,

geradeheraus gesagt, wegen einer Laus, und seit der Zeit ist auch Brede

bei der Herrschaft nicht mehr gern gesehen. Aber Brede hat dadurch

nicht viel verloren, er hat andere Herrschaften, die ihn, gerade um

die Frau Lensmann zu ärgern, aufsuchen, so daß er als Doktorkutscher

ein gesuchter Mann ist, und die Frau Pfarrer hat gar nicht so viele

Schweine, als sie Brede gerne schlachten lassen würde -- das sind seine

eigenen Worte.

Manchmal ist allerdings auch jetzt noch bei der Familie Brede

Schmalhans Küchenmeister, und nicht alle sind so fett wie der Hund.

Aber Gott sei Dank, Brede hat einen leichten Sinn: Die Kinder werden

alle Tage größer, sagt er, obgleich auch immer wieder neue kleine

dazukommen. Die Großen, die fortgezogen sind, sorgen ja nun für sich

selbst und schicken zuweilen auch eine Kleinigkeit nach Hause. Barbro

ist auf Maaneland verheiratet, und Helge ist beim Heringsfang; sie

geben den Eltern Waren oder Geld, wenn sie es möglich machen können,

ja, sogar Katrine, die zu Hause die Gäste bedient, hat im Winter

einmal, als es recht trübe aussah, ihrem Vater einen Fünfkronenschein

zustecken können. Das ist ein Mädchen! rühmte Brede, und er fragte

nicht danach, von wem und wofür sie den Schein bekommen habe. So war

es recht, die Kinder sollten ein Herz für ihre Eltern haben und ihnen

beistehen!

Mit seinem Sohn Helge ist Brede nicht ebenso zufrieden; zuweilen

steht er im Kaufladen und entwickelt allen, die ihm zuhören wollen,

seine Ansichten über die Pflichten der Kinder ihren Eltern gegenüber:

Nehmt zum Beispiel meinen Sohn Helge. Wenn er ein bißchen Tabak

raucht und gelegentlich einmal ein Gläschen trinkt, so hab' ich gar

nichts dagegen, wir sind alle einmal jung gewesen. Aber er soll uns

nicht einen Brief um den andern schicken mit nichts darin als schönen

Grüßen. Er soll nicht die Ursache sein, daß seine Mutter weint. Das ist

unrecht. In früherer Zeit war es anders. In früheren Zeiten waren sich

die Kinder nicht zu gut dazu, sie gingen in einen Dienst und halfen

ihren Eltern. So sollte es immer sein. Haben nicht Vater und Mutter sie

unter dem Herzen getragen und blutigen Schweiß geschwitzt, bis sie sie

großgezogen hatten? Das sollten sie nie vergessen.

Es war gerade, als hätte Helge diese Rede seines Vaters mit angehört,

denn eben jetzt kam ein Brief von ihm mit einem Geldschein, einem

ganzen Fünfzigkronenschein. Und nun fing in der Familie Brede ein

Herrenleben an; sie kauften in ihrem Übermut Fisch und Fleisch zum

Mittagessen und eine Hängelampe mit Prismen dran in die beste Stube der

Herberge.

So verging ein Tag nach dem andern, und was will man mehr? Die Familie

Brede lebte weiter, lebte von der Hand in den Mund, aber ohne sich

große Sorgen zu machen, und was will man mehr?

Das ist einmal ein seltener Besuch! rief Brede und führte Isak und

Eleseus in die Stube mit der Prismenlampe. Aber was sehe ich! Du, Isak,

wirst doch nicht verreisen wollen! -- Nein, ich habe nur beim Schmied

etwas zu besorgen. -- So, dann ist es wohl Eleseus, der wieder seine

Reise in die Städte antritt?

Eleseus ist an das Leben in Gasthäusern gewöhnt, er macht sich's

bequem, hängt seinen Überzieher und seinen Stock auf und verlangt

Kaffee. Etwas zu essen hat der Vater mit. Katrine kommt mit Kaffee.

-- Nein, ihr dürft nichts bezahlen, erklärt Brede. Ich bin schon

sooft in Sellanraa bewirtet worden, und bei Eleseus stehe ich auch im

Schuldbuch. Du nimmst keine Öre, Katrine! -- Aber Eleseus bezahlt,

er zieht den Beutel und bezahlt und gibt noch zwanzig Öre Trinkgeld.

Nichts da! Kein Geschwätz!

Isak geht zum Schmied, und Eleseus setzt sich wieder.

Mit Katrine spricht er das Notwendigste, aber nicht mehr, er unterhält

sich lieber mit ihrem Vater. Nein, Eleseus macht sich nichts aus den

Mädchen, er ist einmal von ihnen schlecht behandelt worden, und jetzt

will er nichts mehr von ihnen wissen. Vielleicht hat er überhaupt nie

einen Liebesdrang gehabt, der der Rede wert gewesen wäre, da er sich

gar nicht um sie kümmert. Ein wunderbarer Mann im Ödland, ein Herr mit

schmächtigen Schreiberhänden und ganz weiblichem Sinn für Putz und

Regenschirm und Spazierstock und Gummischuhe. Verschroben, verdreht,

ein unverständlicher Junggeselle. Auf einer Oberlippe will nicht einmal

ein rechter Bart wachsen. Aber vielleicht hatte dieser Junge einmal

gute Anlagen gehabt, war einmal von Natur ordentlich ausgesteuert

gewesen, war aber dann in unnatürliche Verhältnisse gekommen und zum

Wechselbalg geworden. Ist er so fleißig auf einem Büro und in einem

Kaufladen gewesen, daß all seine Ursprünglichkeit verlorengegangen

ist? Vielleicht war es so. Jedenfalls ist er nun da, gewandt und

leidenschaftslos, etwas schwächlich, etwas gleichgültig, und geht

weiter und weiter auf seinem Abweg. Er könnte jeden einzelnen Mann im

Ödland beneiden, allein nicht einmal dazu ist er imstande.

Katrine ist daran gewöhnt, mit den Gästen zu scherzen, und nun zieht

sie ihn auf, er wolle wohl wieder gen Süden zu seiner Liebsten? -- Ich

habe andere Dinge im Kopf, erwidert Eleseus. Ich will Geschäfte machen,

Verbindungen anknüpfen. -- Du mußt besseren Leuten gegenüber nicht so

zudringlich sein, Katrine, ermahnt sie ihr Vater. Oh, Brede Olsen ist

sehr höflich gegen Eleseus, ganz ungeheuer respektvoll. Das darf er

auch wohl sein, es ist klug von ihm, er ist auf Storborg Geld schuldig

und steht seinem Gläubiger gegenüber. Und Eleseus? Ho, ihm gefällt

diese Höflichkeit, und er ist dafür gut und gnädig. Hochverehrtester!

heißt er Brede im Spaß und spielt sich auf. Er spricht davon, daß er

wieder seinen Regenschirm vergessen habe. Gerade in dem Augenblick,

als wir an Breidablick vorbeifuhren, fiel mir mein Regenschirm ein! --

Brede fragt: Ihr werdet wohl heute abend bei unserm kleinen Kaufmann

ein Glas Toddy trinken? -- Und Eleseus antwortet: Ja, wenn ich allein

wäre! Aber ich habe meinen Vater bei mir. -- Brede tut ganz behaglich

und plaudert weiter: Übermorgen kommt ein Mann hierher, der wieder nach

Amerika zurück will. -- Ist er zu Besuch daheim gewesen? -- Ja. Er

ist vom Oberdorf. Er ist eine lange Reihe von Jahren drüben gewesen,

aber nun hat er den Winter daheim zugebracht. Sein Koffer ist schon

mit einer Fuhre heruntergekommen, das ist ein Riesenkoffer. -- Ich

hab' auch schon daran gedacht, nach Amerika zu gehen, sagt Eleseus

aufrichtig. -- Ihr? ruft Brede. Ihr habt das doch nicht nötig. -- Ich

bliebe wahrscheinlich auch nicht für Zeit und Ewigkeit drüben, ich

weiß nicht. Aber ich habe schon so viele Reisen gemacht, da könnte ich

auch diese einmal machen. -- Gewiß. Und man muß drüben in dem Amerika

wüst Geld verdienen. Nehmen wir nur einmal den Mann an, von dem ich

vorhin gesprochen habe. Er hat jetzt im Winter droben im Oberdorf

ein Weihnachtsvergnügen nach dem andern bezahlt, und wenn er zu mir

kommt, so sagt er: Ich will einen ganzen Kessel Kaffee haben und allen

Kaffeekuchen, den du hast! Ja, so sagt er. Wollt Ihr seinen Koffer

sehen?

Sie gingen in den Gang hinaus und betrachteten den Koffer. Ein wahres

Weltwunder, glänzte auf allen Seiten von Metall und Beschlägen, mit

drei Schnappschlössern dran, noch außer dem eigentlichen Schloß. --

Diebssicher! sagte Brede, wie wenn er den Versuch gemacht hätte.

Sie gingen wieder ins Zimmer hinein, aber Eleseus war still geworden.

Dieser Mann aus dem Oberdorf machte ihn völlig zunichte, der trat

auf Reisen wie der größte Beamte auf; Brede war augenscheinlich ganz

von diesem Menschen erfüllt. Eleseus verlangte noch mehr Kaffee und

versuchte auch reich zu tun; er verlangte Kuchen zu seinem Kaffee und

fütterte den Hund damit. Ach ja, aber er fühlte sich dennoch gering

und niedergeschmettert. Was war sein eigener Koffer diesem Wunderwerk

gegenüber? Da stand er, schwarzes Wachstuch, die Ecken verstoßen

und weiß geworden, ein Handkoffer -- bei Gott, er wollte sich einen

prachtvollen Koffer kaufen, wenn er hinunterkam -- paßt nur auf! Gebt

doch dem Hund nichts! sagte Brede. -- Aber Eleseus war wieder ein

bißchen Mensch geworden und spielte sich auf. Das ist einmal ein riesig

fetter Hund! sagte er.

Von dem einen Gedanken kam er auf den andern, er brach die Unterhaltung

mit Brede ab und ging hinaus, ging in den Schuppen zu dem Pferd. Dort

machte er den Brief auf, den er in der Tasche hatte. Er hatte ihn nur

eingesteckt und nicht nachgesehen, wieviel Geld er enthielt; er hatte

solche Briefe von zu Hause schon öfters erhalten, und es waren immer

verschiedene Geldscheine darin gewesen, eine Beisteuer zu der Reise.

Was war aber jetzt das? Ein großes Stück graues Papier, über und über

bemalt von der kleinen Rebekka für ihren lieben Bruder Eleseus, dabei

ein Briefchen von der Mutter. Was sonst noch? Nichts mehr. Kein Geld.

Die Mutter schrieb, sie habe den Vater nicht mehr um Geld bitten

können, denn es sei jetzt von dem Reichtum, den sie seinerzeit für den

Kupferberg bekommen hätten, nicht mehr viel übrig. Das Geld sei für den

Ankauf von Storborg und seither für alle die Waren und für die vielen

Reisen draufgegangen. Nun müsse er versuchen, sich das Geld für die

Reise diesmal selbst zu beschaffen, denn das Geld, das jetzt noch da

sei, müßten seine Geschwister bekommen, die dürften auch nicht ganz

leer ausgehen. Glückliche Reise und herzliche Grüße!

Kein Geld.

Eleseus hatte selbst nicht genug Geld für die Reise, er hatte seine

Ladenkasse umgekehrt, aber nicht viel darin gefunden. Ach, wie dumm war

er gewesen; er hatte erst neulich seinem Lieferanten in Bergen einen

Geldbrief geschickt und einige Rechnungen bezahlt. Das hätte warten

können. Natürlich war es auch allzu sorglos von ihm gewesen, sich auf

den Weg zu machen, ohne vorher den Brief zu öffnen, da hätte er sich

die Wagenfahrt ins Dorf mit seinem elenden Koffer sparen können. Jetzt

stand er da ...

Der Vater kam vom Schmied zurück mit wohlgelungener Besorgung: Jensine

wollte morgen mit ihm kommen. Seht, Jensine war durchaus nicht

querköpfig gewesen und hatte sich nicht lange bitten lassen, sie hatte

sofort begriffen, daß man auf Sellanraa eine Hilfe für die Sommerarbeit

brauchte und hatte nichts dagegen, wiederzukommen. Wieder ein glatter

Bescheid.

Während der Vater erzählt, denkt Eleseus über seine eigenen

Angelegenheiten nach. Er zeigt dem Vater den Koffer des Amerikaners und

sagt: Ich wäre froh, wenn ich da stünde, wo dieser Koffer hergekommen

ist! -- Und der Vater erwidert: Ja, das wäre noch nicht das schlimmste

...

Am nächsten Morgen macht sich der Vater zur Heimfahrt bereit; er

frühstückt, spannt an und fährt beim Schmied vor, um Jensine und ihre

Truhe abzuholen. Eleseus sieht ihnen lange nach, und als der Wagen im

Walde verschwunden ist, bezahlt er in der Herberge und gibt wieder ein

Trinkgeld. Laß meinen Koffer da stehen, bis ich zurückkomme, sagt er zu

Katrine und geht fort.

Wo geht Eleseus hin? Er hat nur einen Ort, wo er hingehen kann, er

dreht um, er muß in sein Heim zurückkehren. Er nimmt den Weg hinauf

unter die Füße und gibt sich Mühe, dem Vater und Jensine so nahe als

möglich zu bleiben, ohne von ihnen gesehen zu werden. Er geht und

geht, und jetzt fängt er wirklich an, jeden einzelnen Ödlandbauern zu

beneiden.

Es ist schade um Eleseus, er ist vom Leben so verdreht worden.

Betreibt er denn nicht auf Storborg einen Kaufladen? Jawohl, aber

dort Herr zu sein, das will doch gar nichts heißen, er macht zu viele

vergnügliche Reisen, um Geschäftsverbindungen anzuknüpfen, die kosten

zuviel, er reist nicht billig. Nur nicht kleinlich sein! sagt Eleseus

und gibt zwanzig Öre Trinkgeld, wo zehn auch genug wären. Diesen

flotten Herrn kann sein Geschäft nicht erhalten, er braucht Zuschuß von

zu Hause. Jetzt erntet man auf Storborg Kartoffeln, Heu und Korn für

den Haushalt, aber der Belag aufs Brot muß von Sellanraa kommen. Ist

das alles? Sivert muß alle Waren umsonst von der Küste herauffahren.

Ist das jetzt alles? Die Mutter muß ihm vom Vater das Geld zu seinen

Reisen verschaffen. Ist das jetzt alles?

Das Schlimmste kommt noch.

Eleseus betreibt sein Geschäft wie ein Narr. Er fühlt sich so

geschmeichelt, wenn die Leute aus dem Dorf zu ihm heraufkommen, um

einzukaufen, daß er ihnen gern auf Borg gibt. Und als das einmal

bekannt wird, kommen mehr und immer mehr und kaufen auf Borg; Eleseus

ist entgegenkommend und borgt, sein Laden wird leer und füllt sich

wieder. Das alles kostet Geld. Wer bezahlt? Der Vater.

Im Anfang war die Mutter seine gläubige Fürsprecherin: Eleseus sei der

helle Kopf in der Familie, man müsse ihm ordentlich vorwärts helfen.

Bedenke nur, wie billig er Storborg bekommen hat, und wie er gleich

haarscharf sagte, was er dafür geben wolle! Wenn der Vater meinte,

Eleseus' Geschäft sei allmählich die reine Komödie, so erwiderte seine

Mutter: Was ist das für ein Geschwätz! und sie gebrauchte so deutliche

Redensarten, daß es war, als sei der gute Isak Eleseus gegenüber doch

gar zu familiär geworden.

Seht, die Mutter war selbst weggewesen und hatte Reisen gemacht, sie

begriff, daß Eleseus hier im Ödland nicht recht gedeihen konnte, er war

an feinere Sitten gewöhnt, hatte sich in allerlei Gesellschaftskreisen

bewegt, und hier fehlten ihm Ebenbürtige. Allerdings, er borgte armen

Leuten zuviel; aber das tat Eleseus nicht aus Bosheit und um seine

Eltern zu ruinieren, er tat es aus guter und vornehmer Veranlagung,

er hatte den Drang, den Leuten, die unter ihm standen, zu helfen.

Du liebe Zeit, er war der einzige Mensch im Ödland mit einem weißen

Taschentuch, das fortwährend gewaschen werden mußte. Wenn sich die

Leute vertrauensvoll an ihn wandten und um Kredit baten und er hätte

nein gesagt, so hätte das mißverstanden werden können, als sei er

nicht der ausgezeichnete Mensch, für den er galt. Außerdem hatte er

auch Pflichten als der Städter und das Genie unter den Bewohnern des

Ödlandes.

Dies alles zog die Mutter wohl in Betracht.

Aber der Vater, der davon keinen Deut begriff, öffnete ihr eines Tages

die Augen und die Ohren und sagte: Sieh her, das ist jetzt der Rest von

dem Geld für das Kupferbergwerk. -- So, so, sagte sie. Und wo ist denn

das andere hingekommen? -- Das hat alles Eleseus bekommen. -- Dann soll

er endlich einmal seinen Verstand gebrauchen!

Armer Eleseus, er ist zerfahren und verpfuscht. Er hätte Ödlandbauer

bleiben sollen, jetzt ist er ein Mensch, der Buchstaben zu schreiben

gelernt hat, er hat keinen Unternehmungsgeist, keine Tiefe. Aber ein

kohlschwarzer Teufelskerl ist er auch nicht, er ist nicht verliebt und

nicht ehrgeizig, er ist eigentlich gar nichts, nicht einmal ein großer

Übeltäter.

Der junge Mann hatte etwas Unglückliches, etwas Verurteiltes an

sich, wie wenn er in seinem Innern Schaden genommen hätte. Der gute

Bezirksingenieur aus der Stadt hätte ihn lieber in seiner Jugend

nicht entdecken, ihn nicht zu sich nehmen und nicht etwas aus ihm

machen sollen, da wurden dem Kinde die Wurzeln abgerissen, und es fuhr

schlecht dabei. Alles, was er jetzt vornimmt, läßt einen Schaden bei

ihm erkennen, etwas Dunkles auf hellem Grunde ...

Eleseus geht und geht. Die beiden auf dem Wagen sind an Storborg

vorbeigefahren. Eleseus macht einen Bogen darum herum und wandert auch

an Storborg vorbei; was sollte er daheim in seinem Kaufladen? Die zwei

auf dem Wagen kamen mit Anbruch der Nacht auf Sellanraa an, Eleseus

ist ihnen dicht auf den Fersen. Er sieht, daß Sivert auf den Hofplatz

herauskommt und verwundert Jensine betrachtet; die beiden geben

einander die Hand und lachen ein wenig, dann nimmt Sivert das Pferd am

Zügel und führt es in den Stall.

Jetzt wagt sich auch Eleseus hervor, er, der Stolz der Familie wagt

sich hervor. Er geht nicht, er schleicht, er trifft Sivert im Stall.

Ich bin's nur, sagt er. -- Was, du bist auch da? ruft Sivert und ist

von neuem verwundert.

Die beiden Brüder reden leise miteinander, es handelt sich darum, ob

Sivert wohl die Mutter dazu bringen kann, Geld herbeizuschaffen, eine

Rettung, Reisegeld. So wie jetzt könne es nicht weitergehen.

Eleseus habe es jetzt satt, er habe schon oft daran gedacht, und heute

nacht solle es nun geschehen, eine lange Reise, Amerika, jetzt in

dieser Nacht noch. -- Amerika! sagt Sivert laut. -- Pst! Ich habe schon

oft daran gedacht, jetzt mußt du die Mutter dazu bringen, es geht so

nicht weiter, ich habe schon oft daran gedacht. -- Aber Amerika! sagt

Sivert. Nein, das darfst du nicht tun. -- Unbedingt! Ich gehe auf der

Stelle wieder zurück, ich erreiche das Postschiff noch. -- Du wirst

doch wohl vorher etwas essen? -- Ich bin nicht hungrig. -- Willst du

nicht ein wenig schlafen? -- Nein.

Sivert will seinem Bruder wohl und sucht ihn zurückzuhalten, allein

Eleseus ist standhaft, zum erstenmal standhaft. Sivert ist ganz

verwirrt, zuerst, als er Jensine sah, war ihm schon ein wenig sonderbar

zumut geworden, und nun will Eleseus das Ödland vollständig verlassen,

sozusagen diese Welt verlassen. -- Was willst du mit Storborg anfangen?

fragt er. -- Andresen kann es haben, antwortet Eleseus. -- Andresen

kann es haben, wieso denn? -- Bekommt er denn nicht Leopoldine? -- Das

weiß ich nicht. Doch das kann wohl sein.

Sie reden und reden immer leise weiter. Sivert meinte, es wäre am

besten, wenn der Vater selbst herauskäme, so daß Eleseus mit ihm reden

könnte; aber nein, nein! flüstert Eleseus zurück. Nein, das könne

er nicht; er hat es noch nie vermocht, Gefahren von solcher Art ins

Angesicht zu schauen, er hat stets einen Vermittler nötig gehabt.

Sivert sagt: Du weißt ja, wie die Mutter ist. Mit ihr kommst du nicht

weiter vor lauter Tränen und Zuständen, sie darf es nicht wissen. --

Nein, sagt auch Eleseus, sie darf es nicht wissen.

Sivert geht ins Haus, er bleibt eine Ewigkeit weg und kommt mit Geld

zurück, mit viel Geld. Da sieh her, das ist alles, was er hat; meinst

du, es sei genug? Zähl nach, er hat das Geld nicht gezählt. -- Was

hat der Vater gesagt? -- Er hat nicht viel gesagt. Jetzt mußt du noch

einen Augenblick warten, ich zieh nur noch etwas an und komme mit dir.

-- Das darfst du nicht, du mußt schlafen gehen. -- So? Fürchtest du

dich vielleicht, wenn du in der Dunkelheit eine Weile allein im Stall

bleiben sollst? fragt Sivert mit einem schwachen Versuch zu scherzen.

Er bleibt nur einen Augenblick weg, kommt fertig angezogen zurück

und bringt auch des Vaters Rucksack mit dem Mundvorrat mit. Wie sie

hinausgehen, steht plötzlich der Vater vor ihnen: Was höre ich, du

willst so weit fort? sagt er. -- Ja, erwiderte Eleseus, aber ich komme

wieder. -- Ach, ich steh nur da und halte dich auf, murmelt der Alte

und kehrt um. Glückliche Reise! ruft er noch mit sonderbar heiserer

Stimme zurück und geht rasch seines Weges.

Segen der Erde: Roman · 第 30 / 32 段