Abend, und da der Sankt-Olafstag noch nicht gewesen ist, wird es nicht
dunkel. Arme Barbro, sie schont sich nicht, sie hat eine bestimmte
Absicht, sie hat ein Ziel, und so nimmt sie den ersten Kampf auf.
Sie hat sich im Grunde niemals geschont, ist niemals träge gewesen,
darum ist sie auch ein schönes und feines Geschöpf. Barbro hat eine
leichte Auffassungsgabe, gebraucht sie jedoch oftmals zu ihrem eigenen
Verderben. Was war auch anderes zu erwarten? Sie hat gelernt, sich
von einer Not in die andere zu retten, aber sie hat verschiedene gute
Eigenschaften behalten; der Tod eines Kindes ist ihr nichts, aber ein
lebendes Kind könnte es gut bei ihr haben. Außerdem hat sie ein sehr
musikalisches Ohr, sie klimpert weich und richtig auf der Gitarre und
singt mit etwas heiserer Stimme dazu, was angenehm und etwas wehmütig
anzuhören ist. Sich selbst schonen? Ho, so wenig, daß sie sich selbst
völlig weggeworfen und den Verlust nicht einmal empfunden hatte. Dann
und wann weinte sie, und das Herz wollte ihr über dies und jenes in
ihrem Leben fast brechen; das gehört dazu, das kommt von den rührenden
Liedern, die sie singt, das ist die Poesie und die süße Wonne der
Wehmut in ihr, sie hat häufig sich selbst und andere damit angeführt.
Hätte sie ihre Gitarre mit sich nehmen können, so hätte sie heute abend
Axel etwas vorgeklimmpert.
Sie richtet sich so ein, daß sie spät anlangt, und auf Maaneland ist
alles still, als sie den Hofraum betritt. Sieh, Axel hat schon in der
Nähe des Hauses mit dem Mähen begonnen und wahrhaftig auch schon etwas
trockenes Heu eingefahren! Nun überlegt sich Barbro, die alte Oline
werde drinnen in der Schlafkammer schlafen und Axel in der Heuscheune,
wo sie selbst früher geschlafen hatte. Wie ein Dieb in der Nacht
schleicht sie auf die bekannte Tür zu, dann ruft sie leise: Axel! --
Was gibt's? antwortet Axel sofort. -- Ich bin's nur, sagt Barbro und
tritt zu ihm ein. Kannst du mich über Nacht hierbehalten?
Axel schaut sie an, er ist etwas langsam, er sitzt in seinen
Unterkleidern da und schaut sie an. So, du bist's? sagt er. Wo willst
du hin? -- Ja, das kommt nun zuerst darauf an, ob du eine Hilfe für
die Sommerarbeit brauchst, erwidert sie. -- Axel denkt darüber nach
und fragt: Bleibst du nicht mehr dort, wo du gewesen bist? -- Nein,
bei Lensmanns hab' ich Schluß gemacht. -- Ich könnte recht gut eine
Hilfe für die Sommerzeit brauchen, sagt Axel. Aber was soll das heißen,
willst du etwa wiederkommen? -- Nein, du brauchst dich gar nicht um
mich zu kümmern, wehrt Barbro ab. Morgen geh ich weiter, ich geh nach
Sellanraa und über die Berge, dort hab' ich eine Stelle. -- So, du hast
dich verdingt? -- Ja. -- Ich könnte wohl eine Hilfe für den Sommer
brauchen, wiederholt Axel.
Barbro ist ganz naß, sie hat Kleider in ihrem Bündel bei sich und muß
sich umziehen. Kümmere dich gar nicht darum, daß ich hier bin, sagt
Axel und weicht nur ein wenig nach der Tür zurück. Barbro zieht die
nassen Kleider aus, und währenddessen sprechen sie miteinander, und
Axel dreht öfters den Kopf nach ihr um. -- Aber jetzt mußt du ein wenig
hinausgehen, sagt Barbro. -- Hinausgehen? fragt er. Und es war auch
wirklich kein Wetter zum Hinausgehen. Er steht da und sieht zu, wie
sie immer nackter wird, er kann kein Auge von ihr abwenden; und wie
gedankenlos Barbro ist, sie hätte gut immer ein trockenes Stück anlegen
können, wenn sie das nasse abzog, aber das tat sie nicht. Ihr Hemd
ist ganz dünn und klebt an ihrem Körper, sie knöpft es auf der einen
Achsel auf und wendet sich um, sie ist sehr geübt. In diesem Augenblick
schweigt Axel bumsstill und sieht, daß sie nur einen Griff oder zwei
braucht, um das Hemd abzuziehen. Das ist prachtvoll gemacht, denkt er.
Und da bleibt sie nun ganz gedankenlos stehen.
Später liegen sie im Heu und unterhalten sich. Jawohl, er brauche eine
Hilfe für den Sommer, das sei schon wahr. -- Ja, so sagte man mir,
stimmt Barbro bei. -- Er habe auch in diesem Jahr wieder allein mit
dem Mähen und Heumachen anfangen müssen, Barbro könne wohl verstehen,
wie ratlos er sei. -- Ja, Barbro verstand alles. -- Andrerseits sei es
doch gerade Barbro gewesen, die damals davongelaufen sei und ihn ohne
weibliche Hilfe zurückgelassen habe; das könne er nicht vergessen, und
die Ringe habe sie auch mitgenommen. Und zu aller Schmach sei auch
noch ihre Zeitung immer weiter gekommen, diese Bergensche Zeitung,
die er gar nicht loswerden konnte, und er habe sie hinterher noch
für ein ganzes Jahr bezahlen müssen. -- Das war ja ein schändliches
Blatt, sagte Barbro und stellte sich die ganze Zeit auf seine Seite.
Aber bei so großer Willfährigkeit konnte auch Axel kein Unmensch
sein, er gab zu, daß Barbro Grund gehabt haben könnte, sich auch über
ihn zu ärgern, weil er die Aufsicht über die Telegraphenlinie ihrem
Vater weggenommen hatte. Übrigens kann dein Vater den Telegraphen
wiederhaben, ich mache mir nichts daraus, es ist nur Zeitverlust.
-- Ja, sagte Barbro. -- Axel überlegte eine Weile, dann fragte er
geradezu: Ja, wie ist das, willst du nur den Sommer über bleiben? --
Ach, das soll so werden, wie du es haben willst, entgegnete Barbro. --
So, ist das deine aufrichtige Meinung? -- Ja, genau was du willst, das
will ich auch. Du brauchst nicht mehr an mir zu zweifeln. -- So. --
Nein. Und ich hab' uns auch in der Kirche aufbieten lassen.
So. Das war keine schlimme Kunde. Axel blieb ruhig liegen und
überlegte. Wenn es diesmal Ernst war und nicht wieder ein schändlicher
Verrat, so hatte er die eigene Frau im Hause, und es war ihm für alle
Zeit geholfen. -- Ich hätte eine Frau von daheim haben können, sagte
er. Sie hat geschrieben, sie wolle mich haben. Aber ich hätte ihr die
Rückreise von Amerika bezahlen müssen. -- Barbro fragt: So, ist sie in
Amerika? -- Ja, sie ist voriges Jahr hingereist; aber es gefällt ihr
nicht dort. -- Nein, du mußt dich nicht um sie kümmern! erklärt Barbro.
Was würde sonst aus mir? fragt sie und beginnt zu weinen. -- Darum hab'
ich es auch nicht fest mit ihr gemacht, sagt Axel.
Nun wollte Barbro aber auch nicht zurückstehen, sie bekannte, daß sie
in Bergen einen Mann hätte haben können, er sei Bierführer bei einer
gewaltig großen Brauerei, und ihm sei viel anvertraut. Und er grämt
sich gewiß immer noch um mich, sagt Barbro schluchzend. Aber weißt du,
wenn zwei Leute so viel miteinander gehabt haben wie du und ich, Axel,
dann kann ich nicht vergessen, wenn du auch längst vergessen hast. --
Wer, ich? erwidert Axel. Nein, darum brauchst du nicht zu weinen, ich
habe dich niemals vergessen. -- So.
Dieses Zugeständnis ist Barbro eine große Hilfe, und sie sagt:
Unsinn, was willst du denn das viele Reisegeld ganz von Amerika
herüber bezahlen, wenn du es doch nicht nötig hast. -- Sie rät ihm von
der ganzen Sache ab, es würde zu teuer, und er sei doch nicht dazu
gezwungen. Barbro schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, sein
Glück selbst zu begründen.
Im Lauf der Nacht werden sie einig. Sie waren einander ja nicht fremd
und hatten schon oft alles miteinander besprochen. Auch die notwendige
Trauung sollte noch vor dem Sankt-Olafstag und der Heuernte vor sich
gehen, sie hatten nicht nötig, sich zu verstellen, und Barbro drängte
jetzt selbst am eifrigsten. Axel stieß sich nicht daran, daß Barbro
es jetzt so eilig hatte, und es erweckte auch keinen Verdacht in ihm,
im Gegenteil, ihre Eile schmeichelte ihm und feuerte ihn an. Jawohl,
er war ein Ödlandbewohner, ein wetterfester Mann, er nahm es nicht so
genau, war wahrlich nicht überfein, er war zu allerlei genötigt, er sah
auf den Nutzen. Dazu kam noch, daß ihm Barbro wieder ganz neu und schön
erschien, beinahe reizender als zuvor. Sie war ein frischer Apfel, und
er biß hinein. Sie waren ja bereits aufgeboten.
Über die Kindsleiche und die Gerichtsverhandlung schwiegen alle beide.
Dagegen redeten sie von Oline, und wie sie sie loswerden könnten? Ja,
sie muß zum Hause hinaus, erklärte Barbro. Wir sind ihr keinen Dank
schuldig. Sie ist nichts als ein Klatschweib voller Bosheit. -- Aber es
erwies sich als sehr schwierig, Oline loszuwerden.
Gleich am ersten Morgen, als Barbro zum Vorschein kam, ahnte Oline
ihr Schicksal. Ihr wurde sofort schlimm zumute, aber sie verbarg das
und nickte und bot Barbro einen Stuhl an. Es war doch auf Maaneland
einen Tag nach dem andern gegangen. Axel hatte Wasser und Brennholz
herbeigetragen und ihr die schwersten Arbeiten abgenommen, und den
Rest hatte Oline fertiggebracht. Im Lauf der Zeit hatte sie sich
entschlossen, bis zum Ende ihres Lebens auf der Ansiedlung zu bleiben,
aber da kam diese Barbro und machte diesen Plan zunichte.
Wenn eine Kaffeebohne im Hause wäre, so hätte ich dir einen Kaffee
gemacht, sagte sie zu Barbro. Willst du noch weiter hinauf in die
Berge? -- Nein, erwiderte Barbro. -- So, du willst nicht weiter hinauf?
-- Nein. -- Nun, mich geht es ja nichts an, sagte Oline. Willst du
wieder hinunter? -- Nein, auch das nicht, ich bleibe jetzt wieder hier.
-- So, du willst wieder hierbleiben? -- Ja, so wird's wohl kommen.
Oline wartet eine Weile, sie gebraucht ihren alten Kopf, der steckt
bereits voller Politik: Ja, sagt sie. Dann kann ich hier loskommen.
Das freut mich sehr. -- So, ist Axel ein so scharfer Herr gewesen?
sagt Barbro im Scherz. -- Scharf? Er? Geh doch und treibe nicht deinen
Spaß mit einer alten Frau, die nur noch auf die Erlösung wartet. Er,
der Axel ist wie ein Vater und eine höhere Fügung für mich gewesen,
jeden Tag und jede Stunde, anders kann ich nicht sagen. Aber ich habe
nun einmal niemand von den Meinigen hier in der Gegend, ich stehe
einsam und verlassen auf anderer Leute Eigentum und habe alle meine
Angehörigen auf der andern Seite des Gebirges.
Aber Oline blieb da. Sie war nicht eher als nach der Trauung zu
entbehren, und Oline sträubte sich lange, sagte aber endlich ja, sie
wolle ihnen die Gefälligkeit erweisen und das Haus hüten und für
das Vieh sorgen, während sie getraut würden. Das nahm zwei Tage in
Anspruch. Als aber die Neuverheirateten heimkamen, ging Oline doch
nicht. Sie verschob es immer wieder, den einen Tag behauptete sie, es
sei ihr nicht gut, den andern sah es aus, als ob es regnen wollte.
Sie schmeichelte Barbro, es sei jetzt auf Maaneland mit der Kost ganz
anders geworden und doch auch Kaffee im Hause! Oh, Oline scheute vor
nichts zurück, sie fragte Barbro bei Dingen um Rat, die sie selbst viel
besser wußte. Was meinst du, soll ich die Kühe nach der Reihe melken,
wie sie im Stall stehen, oder soll ich Bordelin zuerst nehmen? -- Das
kannst du halten, wie du willst. -- Ja, hab' ich es nicht gesagt! ruft
Oline. Du bist draußen in der Welt unter hohen und vornehmen Leuten
gewesen und hast alles gelernt. Mir armen Person ist's nicht so gut
gegangen.
Nein, Oline scheute vor nichts zurück, sondern trieb Politik Tag und
Nacht. Erzählte sie nicht Barbro, wie sehr gut Freund sie mit ihrem
Vater, mit Brede Olsen, sei! Ho, sie habe manche vergnügte Stunde mit
ihm verplaudert, er sei so ein netter und freundlicher Mann, der Brede,
nie höre man ein unfreundliches Wort aus seinem Munde!
Aber es ging doch nicht auf die Dauer, weder Axel noch Barbro wollte
Oline länger im Hause behalten, und Barbro nahm ihr alle Arbeit aus der
Hand. Oline beklagte sich nicht, aber sie sagte mit einem gefährlichen
Seitenblick auf die Hausfrau und mit leicht verändertem Tone: Ja, ihr
seid jetzt große Leute, sagte sie. Der Axel hat letzten Herbst eine
Reise in die Stadt gemacht, hast du ihn dort getroffen? Ach nein, du
bist ja in den Bergen gewesen. Er hatte etwas in der Stadt zu besorgen,
er hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug gekauft. Was sind die auf
Sellanraa gegen euch? Gar nicht zu vergleichen!
Oline versetzte kleine Nadelstiche, allein auch das half nichts, die
Herrschaft fürchtete sich nicht vor ihr, Axel sagte ihr eines Tages
geradeheraus, daß sie jetzt gehen müsse. -- Gehen? fragte Oline. Wie
denn? Muß ich kriechen? Sie weigerte sich zu gehen unter dem Vorwand,
daß sie nicht recht gesund sei und die Beine nicht rühren könne. Und so
schlimm mußte es wirklich gehen: als ihr die Arbeit abgenommen war und
sie kein Feld der Tätigkeit mehr hatte, da fiel sie zusammen und wurde
tatsächlich krank. Sie schleppte sich noch eine Woche lang umher, Axel
schaute sie wütend an, aber Oline blieb aus lauter Bosheit, und zuletzt
mußte sie sich zu Bett legen.
Aber nun lag sie keineswegs nur da und wartete auf ihre Erlösung, sie
sprach im Gegenteil stundenlang davon, daß sie bald wieder gesund
werde. Sie begehrte den Doktor, eine Großartigkeit, die im Ödland
völlig unbekannt war. -- Den Doktor? sagte Axel fragend. Bist du nicht
bei Trost? -- Wieso? fragte Oline sanft zurück und verstand rein gar
nichts. Ja, sie war ganz sanft und mild und sprach sich so erfreut aus,
daß sie niemand zur Last falle, sie könne den Doktor selbst bezahlen.
-- So, das kannst du? sagte Axel. -- So, kann ich es vielleicht nicht?
entgegnete Oline. Und außerdem werde ich doch nicht angesichts des
Erlösers wie ein Tier hier verenden sollen? -- Jetzt mischte sich
Barbro ein und fragte unvorsichtigerweise: Was fehlt dir denn? Ich
bringe dir doch deine Mahlzeiten. Aber den Kaffee habe ich dir in guter
Absicht versagt. -- Bist das du, Barbro? fragt Oline und dreht nur die
Augen nach ihr hin. Sie ist sehr elend und sieht mit den verdrehten
Augen ganz unheimlich aus. Es wird wohl so sein, wie du sagst, Barbro,
daß ich von einem winzigen Tröpfchen Kaffee, einem Löffelchen voll
Kaffee viel kränker würde. -- Wenn du wärest wie ich, so hättest du
jetzt an anderes zu denken als an Kaffee, sagte Barbro. -- Habe ich es
nicht gesagt? Du hast noch nie eines Menschen Tod gewollt, sondern daß
er sich bekehre und lebe. Aber was -- was sehe ich? Bist du denn in
der Hoffnung, Barbro? -- Ich! rief Barbro und fügte wütend hinzu: Du
gehörst auf den Mist geworfen mit deinem Mundwerk!
Hier schweigt die Kranke einen Augenblick nachdenklich, und ihr Mund
zittert, als ob er durchaus lächeln möchte und doch nicht dürfe. --
Ich habe heute nacht jemand rufen hören, sagt sie. -- Sie ist nicht
bei sich! flüstert Axel. -- Doch, ich bin ganz bei mir. Es war gerade,
als ob jemand riefe. Es kam aus dem Wald oder vom Bach her. Es war
sonderbar, gerade wie das Schreien eines kleinen Kindes. Ist Barbro
hinausgegangen? -- Ja, sagte Axel, sie will deine Narrheiten nicht
länger mit anhören. -- Ich spreche keine Narrheiten, ich bin nicht
so von Sinnen, wie ihr meint, sagte Oline. Nein, das ist nicht des
Allmächtigen Wunsch und Wille, daß ich jetzt schon mit allem, was ich
von Maaneland weiß, zum Thron des Lammes eingehen soll. Ich werde wohl
wieder gesund. Aber du sollst mir den Doktor holen, Axel, dann geht es
schneller. Was ist das für eine Kuh, die du mir geben willst? -- Was
für eine Kuh? -- Die Kuh, die du mir versprochen hast. Ist es Bordelin?
-- Du sprichst in den Tag hinein, sagt Axel. -- Du weißt, daß du mir
eine Kuh versprochen hast, damals, als ich dir das Leben rettete. --
Nein, das weiß ich nicht.
Da hebt Oline den Kopf und schaut ihn an. Sie ist ganz kahlköpfig und
grau, ihr Kopf sitzt auf einem langen Vogelhals, sie sieht hexenmäßig
und fürchterlich aus, Axel fährt zurück und greift rückwärts nach der
Türklinke. -- So, sagt Oline, du bist von der Sorte! Dann sprechen wir
vorerst nicht mehr davon. Ich kann auch ohne die Kuh leben und werde
sie nicht mehr in den Mund nehmen. Aber es ist gut, daß du dich genau
als der Mann gezeigt hast, der du bist, so weiß ich es für ein andermal.
Aber in der Nacht starb Oline, zu irgendeiner Stunde in der Nacht,
jedenfalls war sie bereits kalt, als sie morgens zu ihr hereinkamen.
Die alte Oline, geboren und gestorben ...
Es war weder Axel noch Barbro unlieb, daß sie Oline für immer begraben
konnten, sie brauchten jetzt nicht mehr so auf der Hut zu sein, sie
konnten vergnügt leben. Barbro klagt wieder über Zahnweh, sonst ist
alles gut. Aber dieses ewige wollene Tuch um den Mund, das sie immer
wegziehen muß, wenn sie ein Wort reden will, ist keine kleine Plage,
und Axel kann das viele Zahnweh nicht begreifen. Er hatte wohl die
ganze Zeit her ihre vorsichtige Art zu kauen beobachtet, aber es fehlte
ihr doch kein Zahn im Mund. -- Hast du dir denn keine neuen Zähne
machen lassen? fragt er. -- Doch. -- Ja, tun die denn auch weh? --
Spotte nicht so! erwidert Barbro erzürnt, obgleich er wirklich in gutem
Glauben gefragt hatte. Und in ihrer Bitterkeit kommt sie dazu, bessere
Auskunft zu geben: Du siehst doch, wie es mit mir steht.
Wie es mit ihr stand? Axel sieht etwas näher zu und bemerkt, daß
sie bereits anfängt einen dicken Leib zu bekommen. -- Du bist doch
nicht in der Hoffnung? fragt er. -- Doch, das weißt du wohl, erwidert
sie. -- Etwas vor den Kopf geschlagen starrt er sie an. In all
seiner Langsamkeit sitzt er da und rechnet eine Weile: eine Woche,
zwei Wochen, in der dritten Woche. -- Weiß ich das? sagt er. --
Barbro ist sehr gereizt durch dieses Zwiegespräch und fängt an laut
hinauszuweinen, ja gekränkt zu weinen. Du kannst mich nur auch gleich
in die Erde graben, dann bist du mich los! ruft sie.
Merkwürdig, was die Weiberleute für Gründe zum Weinen finden können!
Nein, Axel will Barbro durchaus nicht in die Erde graben, er ist ein
handfester Mann, der auf den Nutzen sieht; in einem Blumenflor zu
waten, dazu hat er keine Lust. -- Dann kannst du im Sommer nicht auf
dem Feld arbeiten? fragt er. -- Was, nicht auf dem Feld arbeiten?
erwidert sie entsetzt. Und lieber Gott, worüber ein Frauenzimmer doch
plötzlich wieder lächeln kann! Als es Axel auf diese Weise nahm,
rieselte ein hysterisches Glücksgefühl durch Barbros Körper, und sie
rief: Für zwei werde ich arbeiten! Du wirst sehen, Axel, daß ich alles
arbeite, wobei du mich anstellst, und noch viel mehr. Ich will mich
abrackern und noch vergnügt dabei sein, wenn du nur zufrieden bist!
Es gab noch mehr Tränen und Lächeln und Zärtlichkeiten. Die beiden
waren allein im Ödland, niemand war zu fürchten, offene Türen,
Sommerwärme, Fliegengesumm. Sie war so willfährig und hingebend, alles
wollte sie genau so wie er.
Nach Sonnenuntergang ist Axel damit beschäftigt, seine Mähmaschine
anzuspannen, er will noch ein kleines Stück abmähen für den nächsten
Morgen. Barbro kommt hastig herausgelaufen, als ob sie etwas Wichtiges
zu besorgen hätte, und sagt: Du, Axel, wie hast du überhaupt daran
denken können, dir jemand aus Amerika kommen zu lassen? Sie wäre ja
erst bis zum Winter hier gewesen, und was hättest du da noch mit ihr
angefangen? -- Seht, auf diesen Gedanken war Barbro verfallen, und nun
kam sie damit angelaufen, wie wenn das notwendig wäre!
Aber es war keineswegs notwendig, Axel hatte von der ersten Stunde an
eingesehen, daß er eine weibliche Hilfe für ein ganzes Jahr gewann,
wenn er Barbro wieder zu sich nahm. Dieser Mann schwankt nicht, und
er träumt sich nicht zu den Sternen hinauf. Nun hat er die eigene
Frau im Hause und kann auch die Telegraphenlinie noch eine Zeitlang
behalten. Im Jahre macht das doch viel Geld aus, und das ist ihm sehr
willkommen, solange er nicht viel vom Ertrag des Hofes verkaufen kann.
Alles geht und fügt sich ineinander, er ist mitten in der Wirklichkeit.
Und von Brede, der jetzt sein Schwiegervater ist, erwartet er auf der
Telegraphenlinie keinen Überfall mehr.
Das Glück fängt an, Axel mit seinen Gaben zu überschütten.
11
Die Zeit vergeht, der Winter vergeht, es wird wieder Frühling.
Natürlich mußte Isak eines Tages notwendig ins Dorf. Es wurde gefragt,
was er dort wolle. Ich weiß es nicht recht, sagte er. Aber er putzte
den Karren sehr rein, stellte den Sitz darauf und fuhr davon. Und
natürlich hatte er verschiedentliche Eßwaren für Eleseus auf Storborg
bei sich. Es fuhr ja kein Wagen von Sellanraa ab, der nicht irgend
etwas für Eleseus mitnahm.
Wenn Isak das Ödland hinunterfuhr, so war das kein unbedeutendes
Ereignis; er selbst tat es nur selten, Sivert pflegte es an seiner
Statt zu tun. In den zwei ersten Ansiedlungen stehen die Leute unter
der Gammentür und sagen zueinander: das ist der Isak selbst, ich möchte
nur wissen, warum er heute fährt. Als er nach Maaneland kommt, steht
Barbro mit einem Kind auf dem Arm unter dem Fenster, und als sie ihn
sieht, denkt sie: das ist der Isak selbst!
Er kommt nach Storborg und hält an: Prrr! Ist Eleseus daheim? --
Eleseus kommt heraus. Jawohl, er ist daheim, er ist noch nicht
abgereist, aber er will abreisen, er will seinen Frühlingsausflug nach
den Städten im Süden antreten. -- Da schickt dir die Mutter etwas, sagt
der Vater. Ich weiß nicht, was es ist, es wird weiter nichts Besonderes
sein. -- Eleseus nimmt die Gefäße entgegen, dankt und fragt: Hast du
nicht auch einen Brief oder so etwas? -- Doch, antwortet der Vater
und sucht in seinen Taschen. Er ist wohl von der kleinen Rebekka. --
Eleseus bekommt den Brief, darauf hat er gewartet, er sieht, daß er
schön dick ist, und sagt zu seinem Vater: Es ist sehr schade, daß du so
früh kommst, zwei Tage zu früh. Aber wenn du ein bißchen warten willst,
kannst du meinen Koffer gleich mitnehmen.
Isak steigt ab und bindet das Pferd an. Dann macht er einen Gang
über die Felder. Der kleine Ladendiener Andresen ist kein schlechter
Landwirt auf Eleseus' Grund und Boden, Sivert ist ihm allerdings mit
den Pferden von Sellanraa zu Hilfe gekommen, aber er hat auch auf
eigene Faust Moor entwässert und einen Mann zu Hilfe genommen, der die
Gräben mit Steinen auslegte. In diesem Jahr braucht auf Storborg kein
Futter gekauft zu werden, und im nächsten Jahr konnte sich Eleseus
vielleicht ein eigenes Pferd halten. Das hatte er Andresens Freude an
der Landwirtschaft zu verdanken.
Nach einiger Zeit ruft Eleseus, daß er seinen Koffer gepackt habe und
fertig sei. Er selbst steht auch fertig da und will mitkommen, er
hat einen schönen blauen Anzug an und trägt einen weißen Kragen um
den Hals, Galoschen an den Füßen und einen Spazierstock in der Hand.
Allerdings kommt er so mehr als zwei Tage zu früh für das Postboot,
aber das macht nichts, er kann ja im Dorf solange warten; es ist ganz
einerlei, wo er sich aufhält.
Vater und Sohn fahren ab. Der Ladendiener Andresen steht unter der
Ladentür und wünscht: Glückliche Reise!
Der Vater ist besorgt für seinen Sohn und will ihm den Sitz allein
überlassen, aber Eleseus lehnt sofort entschieden ab und setzt sich
neben den Vater. Sie kommen an Breidablick vorbei, da fällt es Eleseus
plötzlich ein, daß er etwas vergessen hat. Prrr! Was denn? fragt der
Vater. Oh, es ist der Regenschirm, Eleseus hat seinen Regenschirm
vergessen; das kann er nicht offen sagen, deshalb sagt er nur: Das
hilft jetzt nichts, fahr zu! -- Wollen wir nicht umkehren? -- Nein,
fahr zu! -- Aber es war eine verwünschte Sache, daß er auch so
vergeßlich sein mußte! Das kam von der großen Eile, weil der Vater über
die Felder wanderte und auf ihn wartete. Nun mußte sich Eleseus aber,
wenn er nach Drontheim kam, einen neuen Regenschirm kaufen. Es tat ja
auch nichts, wenn er zwei Regenschirme hatte. Aber er ist so ärgerlich
auf sich selbst, daß er abspringt und hinter dem Wagen hergeht.
Auf diese Weise können die beiden nicht viel miteinander reden, weil
sich der Vater nun bei jedem Wort umdrehen und über die Achsel reden
muß. Der Vater fragt: Wie lange bleibst du weg? und Eleseus antwortete:
Drei bis vier Wochen etwa. -- Der Vater spricht seine Verwunderung aus
darüber, daß sich die Leute in den großen Städten nicht verirren, aber
Eleseus sagt ihm, er sei selbst an die großen Städte gewöhnt, er habe
sich noch nie verirrt. -- Nun meint der Vater, es sei eine Schande, daß
er allein auf dem Wagen sitze, und er sagt: Mußt du eine Weile fahren,
ich mag nicht mehr. Eleseus will jedoch seinen Vater um keinen Preis
von dem Sitz vertreiben und steigt lieber selbst wieder zu ihm auf.
Aber vorher halten sie eine Mahlzeit aus des Vaters schönem Mundvorrat.
Dann fahren sie weiter.
Endlich kommen sie zu den beiden Ansiedlungen, die am weitesten unten
im Tal liegen, und man merkt jetzt wohl, daß man in der Nähe des
Dorfes ist; auf beiden Neusiedlungen hängen wahrhaftig an dem kleinen
Stubenfenster, das nach der Straße geht, weiße Vorhänge, und auf dem
Dachfirst des Heubodens ist eine kleine Stange für die Flagge zu Ehren
des siebzehnten Mai aufgepflanzt. -- Das ist der Isak selbst, sagen die
Leute der beiden Ansiedlungen, als sie die Reisenden sehen.