Da kommt Inger dahergegangen. Du mußt jetzt zum Essen kommen, Isak,

sagt sie ganz lieb und freundlich. -- Ja, gibt er zur Antwort, aber

er will nicht, daß sie näher herankommt, und er will kein Gerede.

Ach, diese Inger, sie merkte gar nichts, sie kam näher. Was hast du

dir jetzt wieder ausgedacht? fragt sie, denn sie möchte ihm damit

schmeicheln, daß er sich fast jeden Tag etwas Neues und Großartiges

ausdenkt. -- Aber Isak ist sehr grimmig, fürchterlich grimmig ist er,

er erwidert: Das weiß ich nicht. -- Und Inger ihrerseits ist sehr

töricht, sie fragt ihn und plaudert ihm noch allerlei vor und geht

nicht. -- Da du es nun doch einmal gesehen hast, ich will diesen Stein

herausheben, sagt er. -- So, du willst ihn herausheben? fragt sie. --

Ja. -- Ich kann dir wohl nicht helfen? -- Isak schüttelt den Kopf. Aber

es war doch ein hübscher Zug von Inger, daß sie ihm helfen wollte, und

er konnte sie nicht länger zurückweisen. Wenn du ein klein wenig warten

willst, sagt er und läuft nach Hause, um den Schmiedehammer und einen

Meißel zu holen.

Wenn er den Stein an der richtigen Stelle etwas uneben machte, indem

er einen Splitter abschlug, so bekam die Hebestange einen besseren

Halt. Inger hält den Meißel, und Isak schlägt zu. Ja, es gelingt, ein

Splitter fällt ab. -- Ich danke dir für die Hilfe, sagt Isak. Und du

sollst vorerst mit dem Essen nicht auf mich warten, ich will erst

diesen Stein heraus haben.

Allein Inger geht nicht, und im Grunde genommen ist es Isak auch lieb,

daß sie stehenbleibt und ihm bei seiner Arbeit zuschaut, das hatte

er schon in jungen Tagen gern gehabt. Und siehe da, er findet einen

prächtigen Halt für die Hebestange und hebt -- der Stein bewegt sich!

-- Er bewegt sich! sagt Inger. -- Du willst mich doch nicht foppen?

fragt Isak. -- Ich foppen! Er bewegt sich!

Soweit war er gekommen, wahrhaftig, der Stein bewegte sich, er hatte

den Stein für die Sache gewonnen, jetzt arbeiteten sie zusammen.

Isak hebt und wiegt die Stange hin und her, und der Stein bewegt

sich ein wenig, aber nicht mehr. Isak macht eine Weile so weiter,

allein es führt zu nichts. Plötzlich sieht er ein, daß es sich nicht

darum handelt, ob sein Körpergewicht zureicht, er hat nicht mehr

die alte Kraft, das ist die Sache, er hat die zähe Biegsamkeit des

Körpers eingebüßt. Körpergewicht? Es wäre ja gar nichts gewesen, sich

über die schwere Stange zu legen und sie abzubrechen. Aber er hatte

an Kraft verloren, so sah es aus. Das erfüllte den duldsamen Mann

mit Bitterkeit; wenn nur wenigstens nicht Inger dabeigestanden und

zugeschaut hätte!

Plötzlich läßt er die Stange fahren und ergreift den Schmiedehammer.

Der Zorn hatte ihn erfaßt, er war in der Stimmung, Gewalt zu

gebrauchen. Seht, er hat immer noch die Mütze auf dem Ohre sitzen und

sieht räubermäßig aus, jetzt läuft er mit gewaltigen Schritten rund

um den Stein herum, als ob er sich selbst dem Stein gegenüber in das

richtige Licht setzen wollte, ho, es sah aus, als ob er jetzt diesen

Stein als eine Ruine hinter sich zurücklassen wollte. Warum sollte er

das nicht tun? Einen Stein, den man tödlich haßt, zu zerschmettern, das

ist nur Formsache. Und wenn der Stein Widerstand leistete, wenn er sich

nicht zerschmettern ließ? Oh, es würde sich schon zeigen, wer von ihnen

beiden der Überlebende sein würde!

Aber jetzt redet Inger ein wenig ängstlich, denn sie merkt wohl, was in

dem Manne gärt, sie sagt: Wie wär's, wenn wir uns beide auf den Balken

da legten? und mit dem Balken meinte sie die Hebestange. -- Nein! rief

Isak rasend. Aber nach einem Augenblick des Nachdenkens sagt er: ja,

wenn du doch schon einmal da bist, aber ich begreife nicht, warum du

nicht nach Hause gehst. Wir wollen's einmal versuchen!

Und nun gelingt es ihnen, den Stein auf die Kante zu drehen. Es glückt.

Puh! sagt Isak.

Allein nun offenbart sich vor ihren Augen etwas Unerwartetes: die

Unterseite des Steines ist eine Fläche, eine große schöne Fläche,

eben, glatt wie der Fußboden. Der Stein ist also nur die Hälfte eines

Steines, die andere Hälfte muß irgendwo in der Nähe liegen. Isak wußte

wohl, daß die beiden Hälften eines Steines sehr gut eine verschiedene

Lage in der Erde haben konnten, es war wohl der Frost gewesen, der sie

im Laufe langer Zeiträume voneinander entfernt hatte. Aber dieser ganze

Fund freut ihn außerordentlich. Oh, dieser Stein ist brauchbar, er gibt

eine prächtige Türschwelle. Selbst eine größere Geldsumme würde das

Herz des Ödlandbewohners nicht mit solcher Befriedigung erfüllt haben.

Das ist eine feine Türschwelle, sagt er stolz, und Inger bricht im

guten Glauben in die Worte aus: Ich begreife nur nicht, wie du das hast

wissen können! -- Hm! sagt Isak. Meinst du, ich hätte für nichts hier

in der Erde gegraben?

Sie gehen zusammen nach Hause, Isak hat sich eine unverdiente

Bewunderung erschlichen; die schmeckt aber nicht viel anders als die

verdiente. Er setzt auseinander, daß er die ganze Zeit über auf der

Jagd nach einer ordentlichen Türschwelle gewesen sei, jetzt habe er

eine gefunden. Von jetzt an war es auch nicht mehr verdächtig, wenn er

auf dem Bauplatz arbeitete, er konnte dort unter dem Vorwand nach der

zweiten Hälfte der Türschwelle zu suchen, roden, soviel er wollte. Und

als Sivert nach Hause kam, ließ sich Isak sogar von dem Sohne helfen.

Aber wenn es so weit gekommen war, daß er nicht mehr allein hingehen

und einen Stein aus der Erde brechen konnte, dann hatte sich viel

geändert, dann sah es gefährlich aus, dann eilte es mit dem Bauplatz.

Das Alter hatte Isak eingeholt, er fing an, für die Ausdingstube

reif zu werden. Der Triumph, den er sich angeeignet hatte, als er

die Türschwelle fand, verglühte im Laufe der Tage, er war unecht und

undauerhaft gewesen. Isak fing an, etwas gebeugt zu gehen.

War er denn nicht einstmals in seinem Leben aufmerksam und hellhörig

geworden, sobald nur jemand Stein oder Graben zu ihm gesagt hatte? Das

war noch gar nicht lange her, nur einige Jahre. Und damals mußte sich

ja einer, der ein trocken gelegtes Moor nur mit einem schiefen Blick

ansah, vor ihm in acht nehmen. Jetzt fing er so langsam und allmählich

an, derartiges mit mehr Ruhe aufzufassen, ach ja, Herrgott im Himmel!

Nichts war mehr so wie früher, das ganze Ödland hatte sich verändert,

dieser breite Telegraphenweg durch den Wald war früher nicht da, die

Berge droben am Wasser waren früher nicht gesprengt und durchwühlt

gewesen. Und die Menschen? Sagten sie noch Grüß Gott! wenn sie kamen,

und Behüt dich Gott! wenn sie gingen? Sie nickten nur, und oft das

nicht einmal.

Aber früher hatte es auch kein Sellanraa gegeben, nur eine Torfgamme;

aber was war es jetzt? Und dann war auch früher kein Markgraf dagewesen.

Ja, und was war der Markgraf jetzt! Nichts als ein trauriger und

vertrockneter alter Mann. Was nützte es zu essen und gute Gedärme zu

haben, wenn das keine Kraft mehr gab? Jetzt war es Sivert, der Kräfte

hatte, und gottlob, daß er sie hatte; aber wie, wenn auch Isak selbst

sie gehabt hätte! Wozu sollte es gut sein, daß sein Rad anfing sich

langsamer zu drehen? Er hatte geschafft wie ein rechter Mann, sein

Rücken hatte die Lasten eines Lasttiers getragen, jetzt sollte er

Ausdauer darin zeigen, auf einem Hocker herumzusitzen.

Isak ist mißvergnügt, Isak ist schwermütig.

Da liegt ein alter Südwester auf dem Hügel und vermodert. Der Sturm

hat ihn hierher an den Waldessaum geweht, oder vielleicht haben ihn

auch die Kinder dorthin gebracht, als sie noch klein waren. Da liegt

er nun ein Jahr ums andere und vermodert immer mehr, und er war doch

einmal ein neuer Südwester gewesen, ein schöner gelber Südwester. Isak

erinnert sich noch, wie er damit vom Kaufmann nach Hause kam, und wie

Inger sagte, das sei ein schöner Südwester. Ein paar Jahre später ging

er damit zum Maler ins Dorf hinunter und ließ ihn glänzend schwarz

lackieren und den Schirm daran grün malen. Als er damit nach Hause kam,

sagte Inger, er sei jetzt schöner als je. Inger gefiel immer alles

ausgezeichnet, ach, das war eine schöne Zeit; er schlug Klafterholz,

und Inger sah ihm zu, das war seine beste Zeit im Leben gewesen. Und

wenn der März und April kam, dann wurden er und Inger verliebt, gerade

wie die Vögel und Tiere des Waldes, und wenn der Mai kam, dann säte er

Korn und legte Kartoffeln und arbeitete Tag und Nacht. Es gab Schlaf

und Arbeit, Liebe und Träumerei, er war wie sein erster großer Stier,

und der war ein Wundertier gewesen, groß und glänzend wie ein König,

wenn er in seiner Pracht einherschritt. Aber einen solchen Mai bringen

die Jahre jetzt nicht mehr, das gibt es nicht mehr.

Einige Tage lang war Isak niedergeschlagen. Das waren dunkle

Tage. Er fühlte weder Lust noch Kraft in sich, mit dem Aufbau des

Futterspeichers zu beginnen. Das wird einmal Siverts Sache sein, jetzt

galt es, das Ausdinghäuschen fertigzustellen. Auf die Dauer konnte er

es nicht vor Sivert verborgen halten, daß es ein Bauplatz war, den er

hier am Waldrand rodete, und eines Tages offenbarte er die Sache: Das

da ist ein guter Stein, wenn wir einmal wieder etwas mauern wollen,

sagte er. -- Und das da ist auch ein guter Stein, sagte er. -- Sivert

verzog keine Miene, er erwiderte: Prächtige Grundsteine. -- Ja, was

meinst du? sagt der Vater. Wir haben nun hier so lange nach der zweiten

Türschwelle gegraben, daß ein ganz schöner Bauplatz entstanden ist.

Aber ich weiß nicht. -- Das wäre wirklich kein dummer Bauplatz, sagte

Sivert und läßt seinen Blick über den Platz hingleiten. -- So, meinst

du? Wir könnten ja hier ein kleines Häuschen bauen für Besuche, wenn

jemand kommt. -- Ja. -- Es müßte wohl eine Stube und eine Kammer

sein? Du hast ja gesehen, wie es war, als die schwedischen Herren das

letztemal hier waren, und jetzt haben wir keinen Neubau für sie. Aber

was meinst du, eine kleine Küche müßte doch auch dabei sein, falls sie

kochen wollten? -- Ja, ohne eine kleine Küche könnten sie nicht sein,

sie müßten uns ja auslachen, sagt Sivert. -- So, meinst du?

Der Vater schwieg. Aber der Sivert war doch ein wunderbarer Junge, wie

schnell er begriff und einsah, was schwedische Herren alles notwendig

brauchten; nicht eine einzige Frage stellte er, er sagte nur: Wenn ich

du wäre, so würde ich an die Nordwand eine kleine Scheune anbauen.

Es wäre sehr bequem für sie, wenn sie eine Scheune hätten, falls sie

einmal nasse Kleider zum Trocknen aufhängen wollten.

Der Vater fällt sofort ein: Da hast du recht!

Nun schweigen beide und arbeiten an ihren Steinen weiter. Nach einer

Weile fragt der Vater: Ist Eleseus noch nicht heimgekommen? -- Sivert

erwidert ausweichend: Er kommt jetzt bald.

Die Sache mit Eleseus war die, er war sehr häufig fort, wollte

beständig reisen. Hätte er denn die Waren nicht auch schriftlich

bestellen können, statt selbst hinzureisen und sie einzukaufen? Er

bekam sie allerdings viel billiger, aber wieviel kosteten die Reisen!

Er hatte eine so merkwürdige Art zu denken. Und was wollte er denn

mit noch mehr Baumwollstoff und seidenen Bändern für Taufhäubchen und

schwarzen und weißen Strohhüten und langen Tabakspfeifen? Derartiges

kaufte doch kein Ödlandbewohner, und die Kunden aus dem Dorf kamen nur

nach Storborg herauf, wenn sie kein Geld hatten. Eleseus war in seiner

Art recht tüchtig, oh, man mußte nur einmal sehen, wie geschickt er

auf Papier schrieb oder mit der Kreide rechnete! Wenn ich nur deinen

Kopf hätte! sagten die Leute bei solchen Gelegenheiten. Das alles war

ganz richtig, aber er hatte zuviel Geld ausstehen. Diese Dorfleute

bezahlten ja niemals, was sie schuldig waren, und selbst so ein

Bettelmann wie Brede Olsen war im Winter nach Storborg gekommen und

hatte Baumwollstoff und Kaffee und Sirup und Kerzen auf Borg erhalten.

Isak hat ja nun schon sehr viel Geld für Eleseus und sein Geschäft und

seine Reisen ausgegeben, und so sehr viel von dem Reichtum, den er für

den Kupferberg erhalten hat, ist nicht mehr übrig, und was dann? -- Wie

glaubst du, daß das mit Eleseus weitergehen wird? fragt Isak plötzlich.

-- Weitergehen? fragt Sivert zurück, um Zeit zu gewinnen. -- Es sieht

nicht aus, als ob es gehen wollte. -- Er selbst ist voll der besten

Hoffnung, sagt Sivert. -- So, hast du mit ihm darüber gesprochen? --

Nein, Andresen hat es gesagt. -- Der Vater denkt darüber nach und

schüttelt den Kopf: Nein, es geht nicht, sagt er. Aber es ist schade um

Eleseus!

Und der Vater wird immer finsterer und war doch schon vorher nicht

allzu leichten Sinnes gewesen.

Da rückt Sivert mit einer Neuigkeit heraus: Es kommen jetzt noch

mehr Ansiedler ins Ödland. -- Wieso? -- Ja, zwei neue Ansiedler. Sie

haben sich noch weiter oben als wir angekauft. -- Isak bleibt mit dem

Spaten in der Hand stehen, das war eine große Neuigkeit und eine gute

Neuigkeit, eine von den besten. Dann sind wir zehn Ödlandbauern, sagt

er. Isak bekommt nähere Auskunft, wo sich die neuen Ansiedler angekauft

haben, er hat die ganze Geographie im Kopf und nickt: Ja, da haben sie

recht getan, dort haben sie einen guten Wald für Brennholz und auch

Hochstämme. Das Grundstück neigt sich gegen Südosten.

Nein, nichts konnte die Ansiedler zurückhalten; es kamen immer mehr

neue Leute her. Der Bergwerksbetrieb hörte allerdings auf, aber das war

ja nur zum Nutzen der Landwirtschaft, es war nicht wahr, daß das Ödland

tot dalag, im Gegenteil, es wimmelte da von Leben, zwei neue Ansiedler

mehr, vier Hände mehr, Äcker, Wiesen und Häuser. Ach, die freien,

grünen Halden im Walde, Hütten und Quellen, Kinder und Tiere! Korn

wächst auf den Mooren, wo zuvor nur Schachtelhalme gestanden hatten,

blaue Glockenblumen nicken von den Hügeln, Sonnengold leuchtet auf dem

blühenden Hornklee vor den Häusern. Und Menschen sind da und sprechen

und denken und sind eins mit Himmel und Erde.

Hier steht nun der erste, der sich im Ödland niedergelassen hat. Als er

kam, watete er bis an die Knie in Sumpf und Heide, er fand eine sonnige

Halde und siedelte sich da an. Andere kamen nach ihm, sie traten einen

Fußpfad durch die unbebaute Allmende, noch andere kamen, der Fußpfad

wurde zu einem Fahrweg, nun fuhren sie mit Karren darauf. Isak muß sich

zufrieden fühlen, Stolz muß ihn durchzucken, er hat den Grund zu dieser

ganzen Ansiedlung gelegt, er ist der Markgraf.

Ja, ja, aber wir können nicht ewig hier auf diesem Bauplatz

weiterroden, wenn wir in diesem Jahr noch den Futterspeicher aufrichten

wollen, sagt er.

Und das sagte er wohl in einer plötzlichen frohen Laune, mit neuem

Lebensmut.

10

Eine Frau wandert durch das Ödland hinauf. Es fällt ein milder

Sommerregen, sie wird naß, aber darum kümmert sie sich nicht, sie hat

anderes zu denken, sie ist sehr gespannt, ob -- es ist Barbro, und

keine andere, Barbro, Bredes Tochter. Jawohl, sie darf wohl gespannt

sein, sie kann nicht wissen, wie dieses Abenteuer ablaufen wird, aber

sie ist von der Frau Lensmann entlassen und ist fort aus dem Dorf. So

steht es.

Sie macht einen Bogen um alle Ansiedlungen im Ödland herum, denn sie

möchte alle Menschen vermeiden. Jedermann würde ja gleich erraten,

wohin sie will, denn sie trägt ein Bündel mit Kleidern auf dem Rücken.

Jawohl, sie will nach Maaneland und will wieder dort bleiben.

Zehn Monate lang hat sie bei der Frau Lensmann gedient, und das ist

keine kurze Zeit, wenn man sie in Tage und Nächte umrechnet, aber wenn

man den Zwang und alle die hinausziehenden Gedanken bedenkt, dann ist

es eine Ewigkeit. Im Anfang ging alles wirklich gut; Frau Heyerdahl war

sehr besorgt um Barbro und gab ihr Schürzen und putzte sie heraus, es

war eine Freude, in so schönen Kleidern in den Kaufladen geschickt zu

werden. Barbro war ja schon als Kind hier im Dorf gewesen, sie kannte

alle Leute von der Zeit her, wo sie hier in die Schule gegangen war

und die Jungen geküßt und mit Steinen und Muscheln allerlei Spiele

gespielt hatte. Ein paar Monate ging alles gut. Aber dann umsorgte die

Frau Heyerdahl sie immer noch mehr, und als die Weihnachtsvergnügungen

angingen, wurde Frau Heyerdahl streng. Aber wozu das alles, doch nur

um das gute Verhältnis zu stören! Barbro hätte es überhaupt nicht

ausgehalten, wenn sie nicht gewisse Nachtstunden für sich gehabt hätte:

von zwei Uhr an bis morgens um sechs konnte sie ziemlich sicher sein,

und sie gestattete sich manche verstohlene Freuden in diesen Stunden.

Aber was für ein Mädchen war denn die Köchin, daß sie Barbro nicht

anzeigte? Sie war das ganz gewöhnliche Dienstmädchen und ging selbst

unerlaubterweise aus. Die beiden hielten abwechselnd Wache.

Es verging auch eine recht lange Zeit, ehe sie entdeckt wurden. Barbro

war keineswegs so leichtsinnig, daß ihr an die Stirn geschrieben

gewesen wäre, an ihr sei nichts mehr zu verderben. Verderben?

Sie widerstand so viel als nötig war. Wenn ein Bursche sie zum

Weihnachtstanz einlud, so sagte sie das erstemal nein, das zweitemal

auch, aber das drittemal sagte sie: Ich will sehen, ob ich von zwei

bis sechs Uhr kommen kann. Seht, so antwortet ein anständiges Mädchen

und macht sich nicht schlechter, als sie ist, und läßt keine Frechheit

sehen. Sie war ein Dienstmädchen und diente die ganze Zeit und kannte

kein anderes Vergnügen als Ausgelassenheit. Das war auch alles, was sie

begehrte. Die Frau Lensmann hielt ihr lange Reden und borgte ihr Bücher

-- die Närrin! Barbro bildende Bücher leihen, die in Bergen gewesen

war, Zeitungen gelesen und das Theater besucht hatte! Sie war doch

nicht Gottes Wort vom Lande!

Aber die Frau Lensmann mußte doch Verdacht geschöpft haben, eines

Morgens um drei Uhr steht sie vor der Mägdekammer und ruft: Barbro!

-- Ja, antwortet die Köchin. -- Ist Barbro nicht da? Mach auf! --

Die Köchin schließt auf und gibt die zuvor vereinbarte Erklärung:

Barbro habe ganz notwendig auf der Stelle nach Hause laufen müssen.

-- Nach Hause, auf der Stelle? Es ist drei Uhr in der Nacht, sagt

Frau Heyerdahl und hält mit ihrer Verwunderung darüber nicht zurück.

Am anderen Morgen gab es ein großes Verhör; Brede wurde gerufen, und

die Frau Lensmann fragte: Ist Barbro heute nacht um drei Uhr bei euch

gewesen? -- Brede war nicht vorbereitet, aber er sagt sofort ja. --

Jawohl um drei Uhr in der Nacht. Wir waren sogar solange aufgeblieben,

weil wir etwas Wichtiges zu besprechen hatten, antwortete Barbros

Vater. -- Darauf verkündet die Frau Lensmann feierlich: Barbro geht bei

Nacht nicht mehr aus! -- Nein, gewiß nicht, erwidert Brede. -- Solange

sie in meinem Hause ist wenigstens nicht. -- Nein. Ja, da hörst du's,

Barbro, ich habe es dir gleich gesagt! spricht der Vater. -- Du kannst

zuweilen vormittags zu deinen Eltern gehen, bestimmt die Frau Lensmann.

Aber die wachsame Frau Lensmann hat darum ihren Verdacht doch nicht

ganz aufgegeben; sie läßt eine Woche verstreichen, dann macht sie um

vier Uhr morgens eine Stichprobe. Barbro! rief sie. Oh, aber diesmal

war die Köchin aus, Barbro war daheim, und die Mägdekammer glänzte in

Unschuld. Die Frau mußte schnell einen Vorwand erfinden. Hast du die

Wäsche gestern abend hereingeholt? -- Ja! -- Das ist gut, denn es fängt

an zu stürmen. Gute Nacht.

Es war übrigens recht lästig für Frau Heyerdahl, sich von ihrem Mann in

der Nacht wecken zu lassen und selbst zu den Mädchen hinüberzutappen,

um nachzusehen, ob sie zu Hause seien! Geschehe, was da wolle, sie tat

es nicht mehr.

Und wenn nun das Glück sie nicht im Stich gelassen hätte, so hätte

es Barbro auf diese Weise das Jahr durch mit ihrer Herrin aushalten

können. Aber vor einigen Tagen hatte es einen Krach zwischen ihnen

gegeben.

Es war frühmorgens in der Küche. Zuerst hatte sich Barbro ein wenig

mit der Köchin gezankt, ja, nicht nur so ganz wenig, sie sprachen

lauter und lauter und vergaßen, daß Frau Heyerdahl kommen könnte.

Die Köchin hatte sich schlecht benommen und hatte sich außer der

Reihe fortgeschlichen, weil es Sonntagnacht gewesen war. Und womit

entschuldigte sie sich? Sagte sie, sie habe fort müssen, um sich von

einer teuren Schwester zu verabschieden, die nach Amerika reise?

Keine Spur, sie entschuldigte sich gar nicht, sondern behauptete, sie

habe diese Sonntagnacht gut gehabt. -- Daß du auch gar keine Ehre und

Wahrhaftigkeit im Leibe hast, du Canaille! rief Barbro.

Da stand Frau Heyerdahl unter der Tür.

Sie hatte sich vielleicht ursprünglich nur eine Erklärung für dieses

laute Geschrei ausbitten wollen, erwiderte auch noch den Mädchen ihren

Morgengruß, aber dann sah sie plötzlich Barbro scharf an, sah Barbros

Brusttuch an, beugte sich vor und sah noch näher zu. Das fing an

unheimlich zu werden. Und plötzlich stößt Frau Heyerdahl einen Schrei

aus und weicht zur Tür zurück. Was in aller Welt ist das? denkt Barbro

und schaut an sich herunter. Lieber Gott, nichts als eine Laus! Barbro

muß ein wenig lächeln, und da es ihr nicht ungewohnt ist, auch in

außerordentlichen Umständen zu wissen, was sie zu tun hat, knipst sie

die Laus weg. -- -- Was, auf den Fußboden! schreit die Frau Lensmann.

Bist du verrückt! Gleich nimm das Tier auf! -- Ja, Barbro beginnt

zu suchen und ist wieder rasch gefaßt, sie tut, als ob sie die Laus

gefunden hätte und wirft sie großartig ins Küchenfeuer.

Wo hast du die her? fragt die Frau erregt. -- Wo ich die her habe?

antwortet Barbro. -- Ja, ich will wissen, wo du gewesen bist und sie

dir geholt hast. Antworte! -- Nun machte Barbro den großen Fehler, daß

sie nicht sagte: Im Kaufladen! Das wäre das einzig richtige gewesen.

Nein, sie wußte nicht, wo sie die Laus aufgelesen haben könnte, aber

sie deutete an, sie habe sie vielleicht durch die Köchin bekommen. Da

fuhr die Köchin plötzlich hoch auf: Du von mir! Du bringst es für dich

allein fertig, dir Läuse zu holen! -- Aber du warst es doch, die heute

nacht aus war!

Abermals ein großer Fehler, das hätte sie niemals sagen sollen. Nun

hatte die Köchin auch keinen Grund mehr zu schweigen, und alles von

den unglückseligen Nächten außer dem Hause kam an den Tag. Frau

Heyerdahl ist in höchster Erregung; von der Köchin will sie nichts,

ihre Erregung gilt Barbro, dem Mädchen, für das sie eingestanden ist.

Und dennoch hätte vielleicht auch jetzt noch alles gerettet werden

können, wenn Barbro ihr Haupt gebeugt hätte wie ein Schilfrohr, und zu

Boden gesunken wäre und sich hoch und teuer verschworen hätte, es in

Zukunft nie mehr zu tun. Aber nein, Frau Heyerdahl mußte schließlich

ihr Kindermädchen daran erinnern, was sie alles für sie getan hatte,

und da gab Barbro wahrhaftig Antwort, sie trumpfte auf, so dumm war

sie. Ja, oder vielleicht war sie auch so klug, vielleicht wollte sie

die Sache auf die Spitze treiben, um von da wegzukommen. Frau Heyerdahl

sagte: Ich habe dich aus den Klauen des Löwen gerissen. -- Was das

betrifft, erwiderte Barbro, so wäre es mir ebenso lieb, wenn Ihr es

nicht getan hättet. -- Ist das der ganze Dank, den ich bekomme? rief

Frau Heyerdahl. -- Ach, was soll das Gerede! sagte Barbro. Vielleicht

wäre ich verurteilt worden, aber mehr als ein paar Monate hätte man mir

jedenfalls nicht gegeben, und dann wäre ich die Geschichte los! -- Frau

Heyerdahl ist einen Augenblick sprachlos, ja, eine Weile steht sie nur

da, öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Das erste Wort, das sie

herausbringt, ist die Kündigung. -- Ja, ganz wie Ihr wollt, ist alles,

was Barbro erwidert.

Während der Tage, die seither verflossen sind, hat sich Barbro bei

ihren Eltern aufgehalten. Aber dort konnte sie nicht immer bleiben.

Oh, es ging ihnen nicht schlecht, die Mutter trieb jetzt einen

Kaffeeausschank, und es kamen immer viele Leute ins Haus; aber davon

konnte Barbro nicht leben, und sie konnte ja auch andere gute Gründe

haben, warum sie wieder in eine feste Stellung kommen wollte. So nahm

sie also heute einen Sack mit Kleidern auf den Rücken und wanderte ins

Ödland hinauf. Nun kam es darauf an, ob Axel Ström sie wieder aufnehmen

würde! Aber sie hatte am letzten Sonntag das Aufgebot verkünden lassen.

Segen der Erde: Roman · 第 28 / 32 段