Es waren vergnügliche Tage für die beiden, während sie im Moor

arbeiteten und sich zum Spaß stritten, wieder arbeiteten und wieder

stritten. Zuweilen kam Eleseus zu ihnen heraus und half mit, aber

er wurde rasch müde, er hatte weder einen starken Körper noch einen

starken Willen, aber er war der liebenswürdigste Mensch. -- Da kommt

die Oline! konnte der Schäker Sivert sagen. Nun mußt du heimgehen und

ihr wieder ein halbes Pfund Kaffee verkaufen! Und das tat Eleseus

gerne. Er ging hin und verkaufte Oline irgendeine Kleinigkeit. Solange

brauchte er doch keine Schollen umzukehren.

Und die arme Oline, sie mußte von Zeit zu Zeit ein paar Kaffeebohnen

haben, ob sie nun ein seltenes Mal das Geld dazu von Axel bekam oder

sich die Bohnen für einen kleinen Ziegenkäse eintauschte. Oline war

nicht mehr so ganz unverändert, der Dienst auf Maaneland war im Grunde

zu schwer für dies alte Weib und hatte an ihr gezehrt, aber doch nicht

so sehr, daß sie ihr Alter oder ihre Hinfälligkeit zugegeben hätte,

hoho, sie hätte ihre Meinung ordentlich gesagt, wenn ihr aufgekündigt

worden wäre! Sie war zäh und nicht unterzukriegen, tat ihre Arbeit und

fand noch Zeit, zu den Nachbarn zu wandern und einen kleinen, unendlich

angenehmen Schwatz zu halten, den sie daheim vermissen mußte, denn Axel

war kein Redner.

Sie war unzufrieden mit der Gerichtsverhandlung, enttäuscht von dem

Ausfall der Verhandlung, dem Freispruch auf der ganzen Linie. Daß

Barbro, Bredes Tochter, ohne Strafe davonkam, wenn Inger auf Sellanraa

acht Jahre bekommen hatte, das konnte Oline nicht fassen und begreifen,

sie nahm ein ganz unchristliches Ärgernis daran, daß man gegen eine

andere „so gütig gewesen war”. -- Aber der Allmächtige hat seine

Meinung noch nicht kundgetan! sagte Oline und nickte mit dem Kopfe.

Sie stellte damit ein mögliches späteres himmlisches Strafgericht in

Aussicht. Natürlich war Oline außerstande, ihr Mißvergnügen über die

Sache bei sich zu behalten; besonders wenn sie mit ihrem Hausherrn

über das eine oder andere uneinig wurde, machte sie auf ihre Weise

Andeutungen und wurde äußerst spitzig: Ja, ich weiß nicht, wie das

Gesetz jetzt gegen die Sünder von Sodom und Gomorra geworden ist. Ich

aber halte mich an Gottes Wort, so einfältig bin ich.

Ach, Axel war seiner Haushälterin mehr als überdrüssig und wünschte sie

dahin, wo der Pfeffer wächst. Nun kam das Frühjahr wieder, und er mußte

wieder alle Feldarbeit allein verrichten. Dann kam die Heuernte, und

er war verraten und verkauft. Das waren Aussichten! Seine Schwägerin

auf Breidablick hatte heim nach Helgeland geschrieben und versucht,

eine ordentliche weibliche Hilfskraft für ihn aufzutreiben, aber bis

jetzt war es ihr noch nicht geglückt. Und jedenfalls hätte er dann das

Reisegeld bezahlen müssen.

Nein, das war eine böse und schlechte Tat von Barbro gewesen, das

kleine Kind auf die Seite zu schaffen und selbst auf und davon zu

gehen. Zwei Winter und einen Sommer hatte er sich nun mit Oline

behelfen müssen, und es sah ganz so aus, als ob es noch länger so

bleiben müßte. Aber nahm sich Barbro, die schlechte Person, dies

irgendwie zu Herzen? Er hatte einmal während des Winters drunten

im Dorf einige Worte mit ihr gesprochen, aber keine Träne war ihr

langsam heruntergerollt und da festgefroren. -- Was ist aus den Ringen

geworden, die ich dir gegeben habe? fragte er. -- Ringe? sagte sie. --

Ja, Ringe. -- Die hab' ich nicht mehr. -- So, du hast sie nicht mehr?

-- Zwischen uns war ja alles aus, sagte sie, da konnte ich doch die

Ringe nicht mehr tragen. Das ist nicht der Brauch, wenn doch alles aus

ist. -- Ich möchte nur wissen, was du damit angefangen hast. -- Willst

du sie wiederhaben? fragte sie. Ich hätte dich nicht für so gemein

gehalten. -- Axel überlegte einen Augenblick, dann sagte er: Ich hätte

dich dafür entschädigen können. Du hättest sie nicht umsonst hergeben

müssen.

Aber nichts da, Barbro hatte die Ringe abgelegt und gab Axel nicht

einmal Gelegenheit, um einen billigen Preis zu einem goldenen und einem

silbernen Ring zu kommen.

Übrigens war Barbro nicht roh und häßlich, nein, das war sie

keineswegs. Sie trug eine lange Schürze mit Trägern und Falten, und um

ihren Hals stand ein weißer Streifen in die Höhe, das war hübsch. Die

Leute behaupteten, sie habe sich im Dorf bereits wieder einen Schatz

angeschafft, aber das war vielleicht nur Gerede; die Frau Lensmann

hielt sie jedenfalls gut im Zaum und ließ sie in diesem Jahr durchaus

nicht zum Weihnachtstanz gehen.

Na, diese Frau Lensmann paßte wahrlich gut auf; während Axel auf der

Straße mit seiner früheren Magd über zwei Ringe verhandelte, trat die

Frau Lensmann plötzlich dazwischen und sagte: Du solltest mir doch

etwas aus dem Laden holen, Barbro! -- Barbro lief davon. Nun wandte

sich die Frau an Axel und sagte: Könntest du mir nicht irgendein Stück

Schlachtvieh verkaufen? -- Hm! war alles, was Axel erwiderte, und er

grüßte höflich.

Es war ja gerade diese Frau Lensmann gewesen, die ihn im Herbst als

einen ausgezeichneten, ja als einen der allerausgezeichnetsten Menschen

gelobt und gepriesen hatte, das verdiente wohl ein Entgegenkommen.

Axel kannte von früher her die ländliche Art des Benehmens, den

großen Herren und der Obrigkeit gegenüber, und es hatte ihm ja auch

gleich ein Stück Schlachtvieh, ein junges Rind, das er opfern könnte,

vorgeschwebt. Aber es verging ein Tag um den andern, der ganze Herbst

verging und ein Monat nach dem andern, und er sparte das Rind. Es sah

nicht danach aus, als ob irgend etwas Schlimmes geschehen würde, wenn

er es ganz behielte; er wäre jedenfalls um so viel ärmer, wenn er es

weggäbe, und es war ein Staatsrind.

Hm. Guten Tag! Nein, sagte Axel und schüttelte den Kopf, er habe kein

Schlachtvieh. -- Es war, als ob die Frau seine innersten Gedanken

erriete, denn sie sagte: Ich habe gehört, du habest ein junges Rind.

-- Jawohl, das hab' ich, erwiderte er. -- Willst du es aufziehen? --

Ja, ich will es aufziehen. -- So, sagte die Frau Lensmann. Und hast du

nicht einen Hammel? -- Nein, jetzt nicht. Ich habe nämlich nicht mehr

Vieh behalten, als ich großziehen will. -- Nun ja, dann ist es eben

nichts, sagte die Frau Lensmann, nickte ihm zu und ging.

Axel fuhr nach Hause, aber er dachte weiter über diese Unterredung

nach, und er fürchtete, er habe sich am Ende dumm benommen. Die

Frau Lensmann war doch einmal eine wichtige Zeugin gewesen, für ihn

und gegen ihn, aber eine wichtige Zeugin. Man hatte ihm ja allerlei

nachgesagt, aber er war doch aus einer schwierigen und unheimlichen

Geschichte mit einer Kindsleiche in seinem Walde glatt herausgekommen.

Er mußte am Ende doch einen Hammel opfern.

Übrigens merkwürdig, dieser Gedanke stand in einem fernen Zusammenhang

mit Barbro. Wenn er mit einem Hammel zu ihrer Herrin kam, mußte Barbro

doch einen gewissen Eindruck von ihm bekommen.

Aber wieder verging ein Tag um den andern, und es geschah nichts

Schlimmes durch den Aufschub. Als er wieder ins Dorf hinunterfuhr,

nahm er keinen Hammel mit, nein; das tat er nicht. Aber im letzten

Augenblick nahm er ein Lamm mit. Es war übrigens ein großes Lamm, also

kein geringes Tier, und als er damit ankam, sagte er: Die Hammel haben

ein zähes Fleisch, ich wollte Ihnen etwas wirklich Gutes bringen. --

Aber die Frau Lensmann wollte nichts von einem Geschenk hören. Sag,

was du für das Lamm haben willst, sagte sie. Diese Dame hielt etwas

auf öffentliche Ordnung. Nein, danke, sie nahm keine Geschenke von den

Leuten entgegen. Und die Sache lief wahrhaftig darauf hinaus, daß Axel

sein Lamm gut bezahlt bekam.

Barbro bekam er nicht zu Gesicht. Die Frau Lensmann hatte ihn wohl

kommen sehen und Barbro aus dem Wege geschafft. Na, Glück zu, Barbro

hatte ihn anderthalb Jahre lang um seine weibliche Hilfskraft betrogen!

9

Im Frühjahr ereignete sich etwas höchst Unerwartetes und dabei sehr

Bedeutungsvolles: der Betrieb in den Kupfergruben sollte wieder

aufgenommen werden, Geißler hatte seinen Berg verkauft. War das

Unglaubliche geschehen? Ach, dieser Geißler war nun einmal ein

unergründlicher Herr, er konnte tun und konnte lassen, verneinend den

Kopf schütteln und bejahend nicken. Er konnte ein ganzes Dorf wieder

zum Lächeln bringen.

Hatte ihm am Ende doch das Gewissen geschlagen und wollte er den

Bezirk, in dem er Lensmann gewesen war, nicht länger mit selbstgebauter

Grütze und mit Geldmangel strafen? Oder hatte er gar seine

Viertelmillion bekommen? Oder war vielleicht die Sache so, daß Geißler

selbst Geld brauchte und den Berg für das, was er eben dafür bekam,

verkaufen mußte? Fünfundzwanzigtausend oder fünfzigtausend sind ja

schließlich auch ein schönes Geld. Es wurde übrigens behauptet, sein

Sohn habe in seinem Namen das Geschäft abgeschlossen.

Jedenfalls aber wurde der Betrieb wieder aufgenommen; derselbe

Ingenieur mit verschiedener Arbeiterschaft kehrte zurück, und dieselbe

Arbeit fing wieder an. Dieselbe Arbeit, ja, aber auf eine ganz andere

Weise als früher, gerade umgekehrt.

Alles schien ganz in Ordnung zu sein; die Schweden kamen mit Leuten

und Dynamit und Geld, was konnte da noch fehlen? Und auch Aronsen

kam wieder, der Kaufmann Aronsen, und wollte durchaus Storborg wieder

kaufen. -- Nein, erklärte Eleseus, ich verkaufe nicht. -- Ihr werdet

doch gewiß verkaufen, wenn Ihr Geld genug bekommt? -- Nein.

Nein, Eleseus wollte Storborg nicht verkaufen. Die Sache war die, sein

Dasein als Kaufmann auf dem Ödland kam ihm nicht mehr gar so elend

vor; er hatte eine schöne Veranda mit bunten Glasscheiben, er hatte

einen Ladendiener, der die Arbeit tat, er selbst konnte auf Reisen

sein. Ja, reisen auf dem ersten Platz, zusammen mit vornehmen Leuten.

Wenn er nur einmal ganz bis nach Amerika kommen könnte, daran hatte

er schon oft gedacht. Schon allein von diesen Geschäftsreisen in die

Städte im Süden, um Verbindungen anzuknüpfen, konnte er nachher immer

noch lange zehren. Nicht, als ob er üppig gelebt hätte, mit eigenem

Dampfschiff gefahren wäre und Orgien gefeiert hätte. Er und Orgien!

Er war eigentlich ein sonderbarer Mensch, um Mädchen bekümmerte er

sich gar nicht mehr, er ließ sie links liegen, hatte alles Herz für

sie verloren. Nein, aber natürlich war er der Sohn des Markgrafen,

der auf dem ersten Platz fuhr und vielerlei Waren kaufte. Er selbst

kam jedesmal von seinen Ausflügen ein wenig feiner und vornehmer nach

Hause, das letztemal kam er mit Galoschen an den Füßen zurück. Trägst

du zwei Paar Schuhe? wurde er gefragt. -- Ja, ich leide an kalten

Füßen, erklärte Eleseus. Und da hatte man herzliches Mitleid mit seinen

kalten Füßen.

Glückselige Tage, ein Herrenleben und Müßiggang! Nein, er wollte

Storborg nicht verkaufen. Sollte er wieder in das Städtchen

zurückkehren, von neuem in dem kleinen Bauernkramladen stehen und

keinen Ladendiener unter sich haben? Übrigens hoffte er auch darauf, es

werde sich von nun an ein ungeheurer Betrieb auf Storborg entwickeln;

die Schweden waren zurückgekehrt und würden die Gegend mit Geld

überschwemmen, er wäre ein Narr, wenn er verkaufen würde. Aronsen mußte

einmal ums andere mit einer Absage seines Weges ziehen und entsetzte

sich immer mehr über seine eigene Dummheit, das Ödland verlassen zu

haben.

Ach, Aronsen hätte mit seinen Selbstvorwürfen Maß halten und ebenso

hätte Eleseus seine großen Erwartungen einschränken dürfen; aber vor

allen Dingen hätten die Ansiedler und die Dorfbewohner weniger große

Hoffnungen hegen und nicht lächeln und sich die Hände reiben sollen,

wie es die Englein tun, weil sie selig sind; nein, das hätten die

Ansiedler und Dorfbewohner durchaus nicht tun sollen, denn nun wurde

die Enttäuschung gewaltig. Sollte man es glauben: die Grubenarbeit

begann zwar ganz richtig, aber sie begann auf der andern Seite des

Berges, zwei Meilen weit entfernt, am südlichen Ende von Geißlers

Gebiet, weit drinnen in einem anderen Kirchspiel, das die diesseitigen

Bewohner nichts anging. Von da aus sollte sich die Arbeit langsam nach

Norden zu durchfressen, bis zu der ersten Fundstelle des Kupfers, bis

zu Isaks Fundstelle, und ein Segen für das Ödland und das Dorf werden.

Das würde im besten Fall viele Jahre dauern, vielleicht Menschenalter.

Diese Erkenntnis kam und wirkte wie die ärgste Dynamitsprengung mit

Bewußtlosigkeit und Taubheit. Die Dorfbewohner versanken in Kummer und

Sorgen. Einige schimpften auf Geißler: dieser verfluchte Geißler habe

ihnen wieder einen Possen gespielt; andere krochen zu einer Versammlung

zusammen und schickten eine neue Gesandtschaft von Vertrauensmännern

aus, diesmal zu der Grubengesellschaft, zu dem Ingenieur. Dieser

Schritt führte zu gar nichts; der Ingenieur setzte ihnen auseinander,

daß er mit der Arbeit auf der Südseite beginnen müsse, weil es von

dort näher zum Meere sei, dort brauche man keine Luftbahn, dort sei

fast gar kein Transport nötig. Nein, die Arbeit müsse auf der Südseite

anfangen. Damit basta!

Da reiste Aronsen sofort hinüber auf das neue Arbeitsfeld zu der neuen

Goldgrube. Er wollte auch den Ladendiener Andresen mitnehmen. Wozu

willst du hier im Ödland bleiben? sagte er. Es ist viel besser für

dich, wenn du mit mir gehst. -- Aber der Ladendiener Andresen wollte

das Ödland nicht verlassen, es war unbegreiflich, aber es war gerade,

als ob ihn etwas hier fesselte; es schien ihm hier zu gefallen, er

war hier festgewurzelt. Andresen selbst mußte sich verändert haben,

das Ödland hatte sich nicht geändert. Hier waren die Leute und die

Verhältnisse noch genau so wie früher: der Bergwerksbetrieb war zwar

aus der Gegend verschwunden, aber keiner der Ödlandbewohner hatte

darüber den Kopf verloren, sie hatten ihre Landwirtschaft, ihre Ernten

und ihren Viehbestand. Bares Geld gab es allerdings nicht so viel bei

ihnen, sie hatten alle Lebensbedürfnisse, einfach alle. Nicht einmal

Eleseus verzweifelte darüber, daß der Geldstrom an ihm vorüberfloß;

das schlimmste war, daß er in der ersten Begeisterung eine Menge

unverkäuflicher Waren angeschafft hatte. Nun, die mußten eben vorläufig

lagern bleiben, sie putzten den Laden heraus und dienten ihm zur Ehre.

Nein, der Ödlandbauer verlor den Kopf nicht. Er fand die Luft nicht

ungesund, hatte Bewunderer genug für seine neuen Kleider, er vermißte

die Diamanten nicht, und Wein kannte er nur von der Hochzeit zu Kanaan.

Der Ödlandbewohner quälte sich nicht wegen der Herrlichkeiten, auf die

er verzichten mußte: Kunst, Zeitungen, Luxus, Politik waren gerade

soviel wert, als die Menschen dafür bezahlen wollten, nicht mehr. Der

Erntesegen aber mußte erarbeitet werden um jeden Preis, das war der

Ursprung, die Quelle von allem und jedem.

Was, das Leben des Ödlandbewohners öde und traurig? Hoho, nichts

dergleichen! Er hatte seine höheren Mächte, seine Träume, sein

Liebesleben, seinen reichen Aberglauben. Eines Abends geht Sivert

den Fluß entlang und bleibt plötzlich stehen: im Wasser liegen zwei

Wildenten, Ente und Enterich. Sie haben ihn entdeckt, haben den

Menschen gesehen und sind scheu geworden, einer der Vögel sagt etwas,

er stößt einen kurzen Laut aus, eine Melodie in drei Tönen, und der

andere antwortet gleichlautend. Im selben Augenblick heben sie die

Flügel und sausen wie zwei kleine Räder einen Steinwurf weit den Fluß

hinauf, wo sie sich wieder aufs Wasser niederlassen. Da sagt der eine

wieder etwas, und der andere antwortet; es ist dieselbe Sprache, wie

das erstemal, aber so innig befreit, daß es eine kleine Seligkeit

ist: die Töne sind zwei Oktaven höher gestimmt. Sivert steht da und

betrachtet die Vögel, sieht an ihnen vorbei und weit ins Land der

Träume hinein. Ein Laut ist in ihm erklungen, eine Süßigkeit in ihm

aufgestiegen, er stand da mit einer zarten, feinen Erinnerung an etwas

Wildes und Schönes, etwas früher Erlebtes, von dem die Erinnerung in

ihm erloschen ist. Stille geht er nach Hause, er spricht nicht davon,

plaudert nicht darüber, irdische Worte reichten dazu nicht aus. Es war

Sivert von Sellanraa, jung und durchschnittlich ging er eines Tages aus

und hatte dieses Erlebnis.

Und das war nicht sein einziges Abenteuer, er erlebte noch andere. Aber

er mußte auch das Abenteuer erleben, daß Jensine Sellanraa verließ. Das

brachte große Unordnung in Siverts Gemütsleben.

Ja, es kam wirklich so weit, daß Jensine fortging, sie wollte selbst

gehen. Ach, Jensine war nicht die erste beste, das konnte niemand

behaupten! Sivert hatte ihr einmal angeboten, sie wieder nach Hause

zu fahren; bei der Gelegenheit hatte sie leider geweint, später aber

hatten ihre Tränen sie gereut, und sie zeigte, daß sie bereute, sie

kündigte. Jawohl, in aller Ordnung.

Und nichts auf der Welt wäre Inger auf Sellanraa erwünschter gewesen,

als daß Jensine ging; Inger hatte angefangen, unzufrieden mit ihrer

Magd zu sein. Das war merkwürdig, denn sie hatte nichts an ihr

auszusetzen, aber sie schien sie nur mit Überwindung ansehen und ihre

Anwesenheit auf dem Hofe kaum noch ertragen zu können. Das hing wohl

mit Ingers Gemütszustand zusammen: sie war den ganzen Winter über

schwermütig und fromm gewesen und kam nicht darüber hinweg. Du willst

gehen? Jawohl, geh nur, sagte Inger. Das war ein Segen, eine Erhörung

nächtlicher Gebete. Es blieben trotzdem noch zwei erwachsene weibliche

Personen auf dem Hofe, was sollte diese lebensfrische und mannbare

Jensine hier? Mit Unwillen betrachtete Inger diese Mannbarkeit, und sie

dachte wohl: gerade wie ich damals!

Ihre große Frömmigkeit ließ nicht nach. Sie war nicht an sich

lasterhaft, sie hatte gekostet, jawohl, sie hatte genippt, aber sie

hatte nicht im Sinn, das bis ins Alter zu treiben, keine Rede davon.

Inger wies diesen Gedanken mit Entsetzen von sich. Der Grubenbetrieb

hörte auf, und alle Arbeiter verschwanden -- lieber Gott, nichts hätte

besser sein können! Die Tugend war nicht nur erträglich, sie war

notwendig, ein notwendiges Gut, eine Gnade.

Allein die Welt war schlecht. Seht, da war nun Leopoldine, die kleine

Leopoldine, ein Fruchtkeim, ein kleines Kind, und war zum Überfließen

voll Gesundheit und Sünde. Wenn sich ihr ein Arm um die Mitte legte, so

würde sie zusammensinken, pfui! Sie hatte Finnen im Gesicht bekommen,

das deutete auf Wildheit im Blute, ach, die Mutter erinnerte sich

wohl daran, damit begann die Wildheit im Blute. Die Mutter verdammte

die Tochter durchaus nicht wegen dieser Finnen im Gesicht, aber sie

wollte ihnen ein Ende machen. Leopoldine sollte damit aufhören. Was

hatte auch dieser Ladendiener Andresen an den Sonntagen nach Sellanraa

heraufzukommen und mit Isak von der Landwirtschaft zu schwatzen?

Bildeten sich denn diese beiden Mannsleute ein, daß die kleine

Leopoldine gar nichts merke? Oh, die Jugend war schon früher verrückt

gewesen, vor dreißig, vierzig Jahren, aber jetzt war sie schlimmer

geworden.

Ja, wie es nun auch geht! sagte Isak, als sie davon sprachen. Jetzt

ist das Frühjahr da, und Jensine ist fort, und wen können wir für die

Sommerarbeit bekommen? -- Die Leopoldine und ich werden arbeiten,

erklärte Inger. Lieber will ich Tag und Nacht arbeiten! rief sie erregt

und dem Weinen nahe. -- Isak konnte sich diesen heftigen Ausbruch

nicht erklären, aber er hatte seine eigenen Ansichten, deshalb ging

er mit Hacke und Spaten an den Waldrand und fing an, einen Stein zu

bearbeiten. Nein, wahrhaftig, Isak konnte nicht verstehen, daß die Magd

Jensine fortgegangen war, sie war doch ein tüchtiges Mädchen gewesen.

Er verstand im ganzen nur das Nächstliegende, die Arbeit, gesetzliches

und natürliches Tun. Er war von rundem und gewaltigem Körperbau,

niemand war weniger astral wie er, er aß wie ein rechter Mann, und es

bekam ihm gut, deshalb kam er auch höchst selten aus dem Gleichgewicht.

Da war nun also dieser Stein. Es waren noch viele andere Steine da,

aber mit einem mußte er nun einmal anfangen. Isak sieht den Tag kommen,

da er hier ein Häuschen bauen muß, eine Heimstätte für sich und Inger.

Er will den Bauplatz ein wenig ebnen, während Sivert drunten auf

Storborg ist, sonst muß er seinem Sohn eine Erklärung geben, und das

möchte er vermeiden. Natürlich wird der Tag kommen, wo Sivert alle

Gebäude auf dem Hofe für sich selbst braucht, dann müssen die Eltern

eine Wohnung haben. Sie kamen ja mit dem Bauen auf Sellanraa niemals

zu Ende, der große Futterboden auf dem steinernen Stall war auch noch

nicht gebaut. Aber die Balken und die Bretter dazu lagen fertig da.

Also da war nun dieser Stein. Was davon aus der Erde hervorragte, sah

nicht besonders groß aus, aber er rührte und regte sich nicht, er mußte

also doch ein gewaltiger Brocken sein. Isak grub rund darum herum und

machte einen Versuch mit dem Spaten, aber der Stein rührte sich nicht.

Er grub noch tiefer und versuchte es wieder -- nein. Nun mußte Isak

nach Hause und eine Schaufel holen, um die lose Erde wegzuschaffen.

Dann grub er wieder und probierte -- nein. Das ist einmal ein Block!

dachte Isak in all seiner Geduld. Er grub nun schon eine gute Weile,

der Stein reichte immer tiefer in die Erde hinunter, und er konnte

ihn nirgends richtig anpacken. Es wäre doch recht ärgerlich, wenn er

genötigt wäre, den Stein zu sprengen. Dann wären die Schläge, um das

Bohrloch zu machen, weithin zu hören und würden alle Hausbewohner

herbeirufen. Isak grub weiter, aber dann holte er eine Hebestange

und versuchte es damit -- nein. Er grub wieder. Nun fing Isak doch

allmählich an, etwas ärgerlich auf den Stein zu werden; er runzelte die

Stirn und schaute ihn an, wie wenn er eben nur gekommen wäre, um die

Steine hier ein wenig zu beaufsichtigen, und wie wenn gerade dieser

Stein hier besonders dumm wäre. Er kritisierte ihn, er war so rund und

dumm, er war nirgends zu fassen, ja, er meinte beinahe, er habe eine

ganz verkehrte Form. Sollte er ihn sprengen? Keine Rede davon, wozu

auch noch Pulver an ihn verschwenden! Oder sollte er ihn aufgeben,

sollte er eine Art von Furcht zeigen, der Stein könnte ihm überlegen

sein?

Isak grub. Er mühte sich im Schweiße seines Angesichts, aber was war

der Erfolg? Endlich bekam er die Spitze der Hebestange darunter und

machte einen Versuch -- der Stein rührte sich nicht. Sachgemäß war an

seinem Vorgehen nichts auszusetzen, aber es hatte keinen Erfolg. Was

war denn das? Hatte er denn nicht auch sonst schon Steine ausgebrochen?

War er alt geworden? Komisch, hehe! Lächerlich. Er hatte ja wohl

neulich einmal Anzeichen von abnehmender Kraft bemerkt, das heißt,

er hatte es nicht bemerkt, er hatte sich nicht darum gekümmert, es

war Einbildung gewesen. Und nun geht er wieder an den Stein, völlig

entschlossen, ihn zu heben.

Oh, das war keine Kleinigkeit, wenn Isak sich über eine Hebestange

legte und sich schwer machte! Da liegt er vorgebeugt und hebt und hebt,

zyklopisch und mit außerordentlicher Kraft, mit einem Oberkörper, der

bis zu den Knien zu reichen scheint. Es war ein gewisser Pomp und eine

Pracht über ihm, sein Äquator war ungeheuer.

Allein der Stein rührte sich nicht.

Es half alles nichts, er mußte noch tiefer graben. Sollte er den Stein

sprengen? Schweig still! Nein, aber er mußte noch tiefer graben. Er

wurde sehr eifrig. Der Stein mußte und sollte heraus! Man konnte nicht

sagen, es sei in diesem Trieb von seiten Isaks etwas Perverses gewesen;

es war die alte Liebe des Ackerbauern zur Urbarmachung des Bodens, aber

gänzlich ohne Zärtlichkeit. Es sah ganz närrisch aus, erst umkreiste

er den Stein von allen Seiten, ehe er sich dranmachte, dann grub er

ringsherum und betastete ihn und schaufelte die Erde mit den bloßen

Händen weg, ja, das tat er. Aber das alles waren keine Liebkosungen.

Es war ihm heiß geworden, aber heiß vor Eifer. Wie, wenn er es jetzt

wieder mit der Hebestange versuchte? Er setzte sie da an, wo er sich am

meisten Erfolg versprach -- nein. War das einmal ein merkwürdiger Trotz

und Eigensinn von einem Stein! Aber jetzt schien es zu gehen. Isak

versucht es noch einmal und bekommt Hoffnung, der Erdarbeiter hatte es

im Gefühl, daß der Stein nicht mehr unüberwindlich war. Da glitt die

Hebestange ab und warf Isak zu Boden. Verdammt! sagte er. Das fuhr ihm

so heraus. Seine Mütze hatte zu gleicher Zeit einen Schupps gekriegt

und saß nun so schief, daß er ganz spanisch, ganz räubermäßig aussah.

Er spuckte aus.

Segen der Erde: Roman · 第 27 / 32 段