gehört hätte -- das Kind einfach nackt begraben können? Ich will so
weit gehen, zu sagen, sie hätte es in einen Kehrichteimer legen können.
Sie hätte es über der Erde unter einem Baum liegenlassen können, daß es
hätte erfrieren müssen -- das heißt, wenn es nicht schon tot gewesen
wäre. Sie hätte es in einem unbewachten Augenblick in den Ofen stecken
und verbrennen können. Sie hätte es an den Bach von Sellanraa tragen
und es dort hineinwerfen können. Aber von dem allem hat diese Mutter
nichts getan, sie hat das Kind sorgfältig eingehüllt und begraben. Und
wenn es so schön und gut eingewickelt war, wie es gefunden wurde, so
ist es von einer Frau eingehüllt worden und nicht von einem Mann.
Nun sagte der Verteidiger, jetzt hätten die Geschworenen darüber
abzuurteilen, was von Schuld an dem Mädchen Barbro übrigbleibe, nach
des Verteidigers Meinung bleibe keine übrig. Es könnte höchstens
sein, daß die Geschworenen sie deshalb verurteilen wollten, weil sie
den Todesfall nicht angezeigt habe. Aber das Kind sei nun einmal tot
gewesen, es sei weit draußen im Ödland und viele Meilen zum Pfarrer und
Lensmann, es habe seinen ewigen Schlaf in einem schönen Grabe im Walde
schlafen dürfen. Wenn es ein Verbrechen sei, es so begraben zu haben,
so teile die Beklagte dieses Verbrechen mit dem Vater des Kindes,
aber dieses Verbrechen sei in jedem Fall verzeihlich. Man sei immer
mehr davon abgekommen, die Verbrecher zu bestrafen, man suche sie zu
bessern. In alten Zeiten sei man für alles mögliche gestraft worden,
das sei nach dem Gesetz der Rache im Alten Testament gegangen: Auge um
Auge, Zahn um Zahn. Nein, das sei nicht mehr der Geist, der jetzt in
der Gesetzgebung walte; die moderne Rechtspflege sei menschlich; sie
suche sich dem Grad der verbrecherischen _Gesinnung_ anzupassen, die
die Betreffenden bewiesen hätten.
Darum verurteilt dieses Mädchen nicht! rief der Verteidiger. Es
handelt sich hier nicht darum, einen Verbrecher mehr zu fassen, nein,
es handelt sich darum, der menschlichen Gesellschaft ein gutes und
nützliches Mitglied zurückzugeben! Der Verteidiger deutete darauf
hin, daß der Angeklagten nun in einer neuen Stelle, die ihr angeboten
sei, die sorgfältigste Aufsicht zuteil werden würde. Frau Lensmann
Heyerdahl habe aus reicher mütterlicher Erfahrung und weil sie Barbro
seit vielen Jahren kenne, dieser ihr Haus weit aufgetan. Das Gericht
möge nun im Vollgefühl seiner Verantwortung das Mädchen verurteilen
oder freisprechen. Zum Schluß dankte der Verteidiger dem Staatsanwalt,
daß er keine Verurteilung beantragt habe. Daran erkenne man sein tiefes
menschliches Verständnis.
Der Verteidiger setzte sich.
Der Rest der Verhandlung nahm nicht mehr viel Zeit in Anspruch. Das
Referat wiederholte dasselbe, von zwei Seiten gesehen, noch einmal, es
gab eine kurze Übersicht über den ganzen Vorgang, trocken, langweilig
und würdevoll. Es war alles sehr trefflich gegangen, sowohl der
Staatsanwalt als der Verteidiger hatten in das Gebiet des Vorsitzenden
hinübergegriffen, sie hatten ihm sein Amt leicht gemacht.
Es wurde Licht angesteckt, zwei Hängelampen brannten und gaben ein
erbärmliches Licht, bei dem der Vorsitzende kaum seine Anmerkungen
lesen konnte. Er tadelte äußerst scharf, daß der Tod des Kindes den
Behörden nicht gemeldet worden war; aber, sagte er, das wäre unter
den vorliegenden Umständen weit eher dem Kindsvater zugekommen als
der Mutter, da sie zu schwach dazu gewesen sei. Nun hätten also die
Geschworenen zu entscheiden, ob Geburt im geheimen und Kindsmord
vorliege. Alles wurde noch einmal von Anfang bis zu Ende erklärt.
Darauf folgte die gebräuchliche Ermahnung, der Verantwortung eingedenk
zu sein, warum das Gericht eingesetzt sei, und endlich der bekannte
Rat, im Zweifelsfalle zugunsten der Angeklagten zu entscheiden.
Nun war alles klar.
Die Geschworenen verließen den Saal und zogen sich zurück. Sie sollten
sich über den Fragebogen beraten, der dem einen von ihnen mitgegeben
worden war. Fünf Minuten waren sie weg, dann traten sie wieder ein mit
einem Nein auf alle Fragen.
Nein, das Mädchen Barbro hatte ihr Kind nicht getötet.
Nun redete der Vorsitzende noch einige Worte und erklärte, das Mädchen
Barbro sei frei.
Die Zuhörer verließen den Saal. Die Komödie war zu Ende ...
Irgend jemand ergreift Axel am Arm, es ist Geißler. Er sagt: So, nun
bist du also die Geschichte los. -- Ja, sagte Axel. -- Und sie haben
dich ganz unnötig vorgeladen. -- Ja, sagte Axel wieder. Aber inzwischen
hatte er sich etwas gefaßt und fuhr fort: Ich bin aber doch recht froh,
daß ich so davongekommen bin. -- Das hätte auch gerade noch gefehlt!
rief Geißler, und er betonte jedes Wort nachdrücklich. -- Davon bekam
Axel den Eindruck, daß Geißler die Hand im Spiel gehabt, daß er
eingegriffen habe. Gott mochte wissen, ob nicht am Ende Geißler das
Gericht gelenkt und den Erfolg, den er selbst gewollt, herbeigeführt
hatte. Das war dunkel.
Allein so viel begriff Axel doch, daß Geißler den ganzen Tag über auf
seiner Seite gestanden hatte. Ja, ich danke Euch vielmals, sagte er
und wollte Geißler die Hand drücken. -- Wofür? fragte Geißler. --
Für -- ja für alles miteinander. -- Geißler wies ihn kurz ab. Ich
hatte gar nicht im Sinn, etwas zu tun, es war nicht der Mühe wert.
-- Aber Geißler hatte darum doch vielleicht nichts gegen diesen Dank
einzuwenden, es war, als hätte er darauf gewartet und hätte ihn nun
erhalten. Ich habe keine Zeit, mich gerade jetzt noch länger mit dir zu
unterhalten, sagte er. Gehst du morgen wieder nach Hause? Das ist gut.
Leb wohl und auf Wiedersehen! Geißler ging die Straße hinunter ...
Auf der Heimfahrt traf Axel auf dem Dampfschiff den Lensmann und
seine Frau, Barbro und die zwei Mädchen, die als Zeuginnen vorgeladen
gewesen waren. Nun, bist du nicht froh über den Ausgang der Sache?
fragte die Frau Lensmann. -- Doch, erwiderte Axel, er sei sehr froh,
daß die Geschichte zu Ende sei. Auch der Lensmann ergriff das Wort und
sagte: Das ist nun der zweite Kindsmordprozeß, den ich in der Gegend
gehabt habe, der erste galt Inger von Sellanraa, jetzt bin ich auch den
zweiten los. Nein, man darf solche Fälle nicht nur so hingehen lassen,
dem Recht muß Genüge geschehen.
Aber die Frau Lensmann begriff wohl, daß Axel ihr, wegen ihrer
Aussagen gestern, nicht wohlgeneigt sein konnte, jetzt wollte sie das
verwischen, wollte es wieder gutmachen. Du hast doch gestern begriffen,
warum ich gegen dich gesprochen habe? sagte sie. -- Ja, jawohl,
erwiderte Axel. -- Ja, du hast es gewiß eingesehen. Du hast doch sicher
nicht gemeint, ich wolle dir schaden? Dich habe ich jederzeit für einen
prächtigen Mann gehalten, das kann ich dir wohl sagen. -- So! war
alles, was Axel sagte, allein er war froh und gerührt. -- Jawohl, das
habe ich, sagte die Frau Lensmann. Aber ich war genötigt, dir einen
kleinen Teil von der Schuld zuzuschieben, sonst wäre Barbro verurteilt
worden, und du mit ihr. Es geschah meinerseits in der besten Absicht.
-- Jawohl, ja, und ich danke Euch bestens. -- Ich bin es gewesen und
sonst niemand anders, die in der Stadt von Herodes zu Pilatus gelaufen
ist und für euch beide gewirkt hat. Und du hast doch wohl begriffen,
daß wir alle, wie wir es vor Gericht getan haben, einen Teil Schuld auf
dich laden mußten, um euch beide frei zu bekommen! -- Ja, sagte Axel.
-- Und du hast doch wohl keinen Augenblick geglaubt, daß ich gegen dich
sei, nicht wahr? Ich gegen dich sein, wo ich dich doch für so einen
ausgezeichneten Mann halte!
Wie tat das gut nach all den Demütigungen! Axel war jetzt jedenfalls
so gerührt, daß er wahrhaftig der Frau Lensmann etwas schenken wollte,
irgend etwas, um ihr seine Dankbarkeit zu beweisen, vielleicht ein
Stück Schlachtvieh im Herbst. Er hatte einen jungen Ochsen.
Die Frau Lensmann Heyerdahl hielt Wort: sie nahm Barbro zu sich. Auch
schon hier auf dem Schiff nahm sie sich ihrer an und ließ sie weder
frieren noch hungern, und sie duldete auch nicht, daß Barbro mit dem
bergenschen Steuermann schäkerte. Als es das erstemal geschah, sagte
Frau Heyerdahl nichts darüber, sie rief nur Barbro zu sich. Aber siehe
da, bald stand Barbro wieder bei dem Steuermann und schäkerte mit ihm,
sie machte einen schiefen Kopf, sprach bergenschen Dialekt und lächelte
hold; da rief Frau Heyerdahl sie abermals zu sich und sagte: Es will
mir nicht gefallen, Barbro, daß du dich jetzt auf Unterhaltungen mit
Mannsleuten einläßt. Denk doch daran, was du durchgemacht hast und
wo du herkommst. -- Ich habe nur gehört, daß er aus Bergen ist, und
deshalb ein paar Worte mit ihm gesprochen, erwiderte Barbro.
Axel sprach nicht mit ihr. Er bemerkte aber, daß ihre Haut fein und
blaß war und daß sie schöne Zähne bekommen hatte. Seine Ringe trug sie
nicht an den Fingern.
Und nun schreitet Axel also wieder durchs Ödland hinauf. Es stürmt und
regnet zwar, aber er ist seelenvergnügt, er hat die Mähmaschine und
den Reolpflug am Landungsplatz gesehen. Ach, dieser Geißler! Kein Wort
hat er in der Stadt von dieser Sendung verlauten lassen. Er war ein
merkwürdiger Herr.
8
Axel hatte daheim keine lange Ruhezeit; mit den Herbststürmen begann
eine persönliche Mühe und ein großer Verdruß, den er sich selbst
zugezogen hatte: Der Telegraph an seiner Wand meldete, daß die Linie in
Unordnung sei.
Ach, er war zu gierig nach dem baren Geld gewesen, als er diesen Posten
übernommen hatte! Alles war von Anfang an unangenehm gewesen, Brede
Olsen hatte ihm gewissermaßen gedroht, als er die Telegraphensachen und
das Werkzeug bei ihm abholte; er hatte gesagt: Du denkst wohl nicht
mehr daran, daß ich dir im Winter das Leben gerettet habe? -- Oline
hat mir das Leben gerettet, erwiderte Axel. -- So, habe ich dich nicht
auf meinem eigenen armen Rücken nach Hause getragen? Und außerdem hast
du im Sommer nur darauf gepaßt, mir meinen Hof abzukaufen und mich für
den Winter heimatlos zu machen. Ja, Brede war tief gekränkt, er sagte:
Nimm du nur den Telegraphen und das ganze Zeug mit dir. Ich und meine
Familie, wir lassen uns im Dorf nieder und fangen etwas an; was es ist,
weißt du nicht, aber es ist etwas mit einem Hotel und einem Platz,
wo die Leute Kaffee trinken können. Oh, meinst du, wir werden nicht
durchkommen? Meine Frau kann alle Arten von Lebensmitteln verkaufen,
und ich selbst kann Geschäfte machen und viel mehr dabei verdienen als
du. Aber ich will dir nur sagen, Axel, ich könnte dir allerlei Possen
spielen, da ich den ganzen Telegraphen sehr gut kenne; ich könnte
Stangen umwerfen und Drähte abreißen. Dann müßtest du mitten in der
dringendsten Arbeit hinaus. Das will ich dir nur sagen, und du kannst
es dir hinter die Ohren schreiben ...
Jetzt aber hätte Axel notwendig die Maschinen vom Landungsplatz
heraufholen sollen -- ach, jede davon war so schön vergoldet und bunt
bemalt wie ein Bild, er hätte sie heute haben und sie besehen und
sich genau in ihrem Gebrauch unterrichten können -- jetzt mußten sie
stehenbleiben. Es war nicht gut, wenn er wegen der Telegraphenlinie
wichtige Arbeit versäumen mußte. Aber es brachte doch Geld ein.
Oben auf dem Berg trifft er Aronsen. Der Kaufmann Aronsen steht da und
schaut in den Sturm hinaus, ja, er stand da wie eine Erscheinung. Was
wollte er da oben? Er hatte wohl keine Ruhe mehr gehabt und war in die
Berge gegangen, um selbst die Gruben zu untersuchen. Seht, das tat der
Kaufmann Aronsen aus reiner Besorgnis für sich und seine Zukunft. Nun
steht er da auf dem verlassenen Berg vor lauter Elend und Zerstörung:
verrostete Maschinen, Handwerkszeug, Fuhrwerke, vieles davon unter
freiem Himmel, alles ganz trostlos. An verschiedenen Stellen waren an
den Wänden der Baracken geschriebene Zettel angeheftet, die verboten,
die Gebäude, Gerätschaften und Wagen der Gesellschaft zu beschädigen
oder etwas davon mitzunehmen.
Axel fängt ein Gespräch mit dem zornigen Krämer an und fragt: Seid
Ihr auf der Jagd? -- Ja, wenn ich ihn nur getroffen hätte! antwortete
Aronsen. -- Wen hättet Ihr denn gerne getroffen? -- Wen denn sonst, als
den Mann, der mich und alle hier herum ins Verderben bringt? Den Mann,
der seinen Berg nicht verkaufen will und weder Bewegung, noch Handel,
noch Geld unter die Leute kommen läßt. -- Meint Ihr den Geißler? --
Ja, gerade den Kerl meine ich. Er müßte erschossen werden! -- Axel
lacht und sagt: Der Geißler war jetzt vor wenigen Tagen in der Stadt,
da hättet Ihr ihn treffen können. Aber nach meiner geringen Meinung
glaube ich nicht, daß Ihr den Mann dafür verantwortlich machen solltet.
-- Warum nicht? fragte Aronsen wütend. -- Ich fürchte, er wäre etwas
zu unergründlich und zu hochangesehen für Euch. -- Sie stritten eine
Weile darüber, und Aronsen wurde immer heftiger. Zum Schluß fragte
Axel im Scherz: Na, Ihr werdet uns hier im Ödland doch nicht stecken
lassen und ganz von hier fortziehen wollen? -- Meinst du etwa, ich
wolle hier in euren Sümpfen verfaulen und nicht einmal den Tabak für
meine Pfeife verdienen? rief Aronsen ärgerlich. Wenn du mir einen
Käufer verschaffst, so verkaufe ich auf der Stelle. -- Einen Käufer?
rief Axel. Auf Eurem Grundstück ist guter Boden, wenn Ihr ihn bebauen
wolltet. Bei der Größe des Grundstücks nährt es seinen Mann. -- Du
hörst doch, daß ich nicht in der Erde graben mag! rief Aronsen wieder
in den Sturm hinaus. Ich kann etwas Besseres tun. -- Axel meinte, ein
Käufer werde wohl zu finden sein, aber Aronsen verhöhnte den bloßen
Gedanken daran. Im ganzen Ödland ist kein einziger Mann, der mich
auszahlen könnte. -- Nein, nicht gerade hier im Ödland. Aber es gibt
noch andere. -- Ach, hier ist nichts als Armut und Elend! rief Aronsen
wütend. -- Ja, das mag sein. Aber der Isak auf Sellanraa könnte Euch
jeden Tag auszahlen, sagte Axel beleidigt. -- Das glaube ich nicht,
entgegnete Aronsen. -- Es ist mir gleichgültig, was Ihr glaubt, sagte
Axel und wollte weitergehen. -- Aber Aronsen rief ihm nach: Wart doch
einen Augenblick! Meinst du wirklich, Isak könnte mich von Storborg
befreien? -- Ja, erwidert Axel. Von fünf Storborg, was das Geld und die
Mittel anbelangt.
Aronsen war beim Aufstieg um Sellanraa herumgegangen, er hatte sich
nicht sehen lassen wollen, jetzt auf dem Heimweg ging er hinein und
hatte eine Unterredung mit Isak. Nein, sagte Isak und schüttelte nur
den Kopf. Daran habe ich noch nie gedacht und habe es auch nicht im
Sinn. --
Aber als Eleseus zu Weihnachten nach Hause kam, war Isak nicht mehr
ganz so ablehnend. Er selbst hatte jedenfalls noch nie so etwas
Verrücktes gehört, wie Storborg zu kaufen, dieser Einfall wäre ihm
jedenfalls nicht selbst gekommen, wenn aber Eleseus meinte, das
Geschäft sei etwas für ihn, dann konnte man sich die Sache ja überlegen.
Eleseus selbst schwankte. Er war nicht dafür, aber auch auch nicht
dagegen. Blieb er jetzt zu Hause, so war es gewissermaßen mit ihm aus
und vorbei; das Ödland war nicht die Stadt.
Im Herbst, als die Leute aus der Gegend zu dem großen Verhör in der
Stadt vorgeladen waren, vermied er es, sich zu zeigen, er hatte keine
Lust, mit diesen Dörflern zusammenzutreffen, sie gehörten einer anderen
Welt an. Und sollte er nun selbst in diese Welt zurückkehren?
Seine Mutter wollte, man solle kaufen. Sivert wollte auch, daß gekauft
werde; die beiden taten sich mit Eleseus zusammen, und eines schönen
Tages fuhren alle drei nach Storborg hinunter, um sich dort die
Herrlichkeit zu beschauen.
Aber mit der Aussicht, sein Gut loszuwerden, wurde Aronsen sofort ein
ganz anderer: er habe nicht nötig, zu verkaufen! Wenn er von hier
fortgehe, so könne der Hof einfach liegenbleiben, der Hof sei bom
konstant, ein prächtiges Gut, er könne es jeden Tag verkaufen. Ihr
zahlt mir doch nicht, was ich dafür haben will, behauptete Aronsen.
-- Sie gingen durch alle Räume, waren im Stall, im Vorratshaus, sie
besahen sich die armseligen Reste von Waren: einige Mundharmoniken,
Uhrketten, Schachteln mit rosa Papier, Hängelampen mit Prismen, lauter
bei den Ansiedlern unverkäufliche Sachen. Außerdem war noch ein Rest
Baumwollstoffe vorhanden und einige Kisten mit Nägeln.
Eleseus spielte sich auf und beschaute alles mit Sachkenntnis. Für
diese Art Waren hab' ich keine Verwendung, sagte er. -- Ihr braucht
sie ja nicht zu kaufen, erwiderte Aronsen. -- Aber ich biete Euch
fünfzehnhundert Kronen für den Hof, so wie er dasteht, mit Waren und
Viehstand und allem zusammen, sagte Eleseus. Oh, es war ihm sehr
gleichgültig, sein Angebot war nur ein Spott, er wollte sich aufspielen.
Dann fuhren sie wieder nach Hause. Nein, es wurde nichts aus dem
Geschäft. Eleseus hatte Aronsen ein Schandangebot gemacht und ihn damit
beleidigt: Ich höre überhaupt gar nicht hin, was du sagst, erklärte
Aronsen und duzte ihn, duzte diesen städtischen Springinsfeld, der den
Kaufmann Aronsen über Waren belehren wollte. -- Soviel ich weiß, habe
ich nicht Brüderschaft mit dir getrunken, sagte Eleseus ebenso erzürnt.
Oh, das mußte eine lebenslängliche Feindschaft geben!
Aber warum war Aronsen vom ersten Augenblick an so aufgeblasen gewesen
und hatte getan, wie wenn er nicht zum Verkaufen genötigt wäre? Das
hatte seinen Grund, Aronsen hatte nämlich wieder eine Art Hoffnung.
Im Dorf unten war eine Versammlung abgehalten worden, um den Zustand
zu besprechen, der dadurch eingetreten war, daß Geißler seinen Berg
nicht verkaufen wollte. Nicht nur das Ödland litt darunter, der ganze
Bezirk kämpfte mit dem Tode. Aber warum konnten denn die Menschen
jetzt nicht mehr ebenso gut oder schlecht leben wie damals, bevor der
Versuchsbetrieb in Angriff genommen war? Nein, das konnten die Menschen
nicht! Sie hatten sich jetzt an weiße Grütze gewöhnt und an weißes
Brot, an gekaufte Kleiderstoffe, hohe Löhne, ein flottes Leben, ja,
die Menschen hatten sich daran gewöhnt, viel Geld zu haben. Doch nun
war der Geldstrom versiegt, wie ein Heringszug war er wieder im Meer
verschwunden; lieber Gott, was war das für eine Not, was ließ sich da
machen?
Es war kein Zweifel, der ehemalige Lensmann Geißler wollte sich am
Dorfe rächen, weil es dem Amtmann beigestanden hatte, ihn abzusetzen,
und es war auch gar kein Zweifel, daß das Dorf diesen Mann unterschätzt
hatte. Er war nicht so dumm. Mit dem ganz einfachen Mittel, eine
schamlose Viertelmillion für ein Stück Berg zu verlangen, hielt er
die ganze Entwicklung der Gemeinde auf. War er nicht mächtig? Axel
Ström von Maaneland konnte hier mitreden, er hatte Geißler zuletzt
gesprochen. Barbro, Bredes Tochter, war in der Stadt vor Gericht
geladen gewesen und freigesprochen wieder nach Hause gekommen, und da
war Geißler während der ganzen Verhandlung zugegen gewesen! Und wer
etwa meinte, der Geißler habe abgewirtschaftet und liege danieder wie
irgendein armer Schlucker, der brauchte ja nur die teuren Maschinen zu
betrachten, die er Axel zum Geschenk gemacht hatte!
Dieser Mann hielt also das Geschick des Bezirks in seiner Hand, und
man mußte sich mit ihm abfinden. Um wieviel würde Geißler wohl im
allerletzten Fall seinen Berg verkaufen? Darüber mußte man ins reine
kommen. Die Schweden hatten ihm fünfundzwanzigtausend geboten, das
hatte Geißler abgelehnt. Aber wie, wenn nun das Dorf, wenn die Gemeinde
den Rest zuschoß, damit das Geschäft zustande kam? Wenn es nicht eine
gar zu ungereimte Summe war, würde es sich lohnen. Sowohl der Kaufmann
unten an der Küste, als auch der Kaufmann Aronsen auf Storborg würden
ganz in der Stille und in aller Heimlichkeit einen Beitrag geben;
eine solche jetzt gemachte Auslage würde ihnen mit der Zeit wieder
hereinkommen.
Schließlich waren zwei Mann beauftragt worden, zu Geißler zu reisen und
mit ihm zu reden. Und die wurden nun bald zurückerwartet.
Seht, darum hatte Aronsen wieder Hoffnung gefaßt und glaubte, einen
Mann, der Storborg kaufen wollte, hochfahrend behandeln zu können. Aber
er sollte nicht lange hochfahrend bleiben.
Nach einer Woche kamen die zwei Abgesandten mit einer unbedingten
Ablehnung heim. Ach, das schlimme an der Sache war schon von Anfang
an, daß einer der beiden Abgesandten Brede Olsen war -- weil er so gut
Zeit hatte. Die Männer hatten Geißler ganz richtig aufgefunden, aber
Geißler hatte nur den Kopf geschüttelt und gelacht. Reist nur wieder
nach Hause! hatte er gesagt; aber er hatte ihnen die Heimreise bezahlt.
Und so mußte nun also der ganze Bezirk untergehen!
Nachdem Aronsen eine Zeitlang getobt hatte und allmählich immer
ratloser geworden war, ging er eines Tages hinauf nach Sellanraa und
schloß den Handel ab. Ja, das tat Aronsen. Eleseus bekam, was er haben
wollte, einen Hof mit Gebäuden und Vieh und Waren für fünfzehnhundert
Kronen. Allerdings zeigte es sich bei der Übernahme, daß Aronsens Frau
den größten Teil des Baumwollzeugs an sich genommen hatte; um solche
Kleinigkeiten kümmerte sich jedoch ein Mann wie Eleseus nicht. Man darf
nicht kleinlich sein! sagte er.
Aber im ganzen genommen war Eleseus nichts weniger als entzückt. Nun
war sein Lebenslauf also besiegelt, das Ödland würde sein Grab werden.
Er mußte alle seine großen Pläne fahren lassen; Büroschreiber war er
nicht mehr, Lensmann konnte er nicht werden, nein, er war nicht einmal
ein städtischer Herr. Seinem Vater und den andern daheim gegenüber
tat er ein wenig groß damit, daß er Storborg genau um den Preis, den
er geboten, auch bekommen hatte, da konnten sie sehen, daß er sich auf
die Sache verstand! Aber dieser kleine Triumph reichte nicht weit. Er
hatte auch die Befriedigung, den Ladendiener Andresen mit übernehmen
zu können, der ging gewissermaßen bei dem Handel mit drein, Aronsen
brauchte ihn nicht mehr, solange er kein neues Geschäft hatte. Es
kitzelte Eleseus ganz eigenartig, als Andresen kam und fragte, ob er
nicht bleiben dürfe; da war er nun zum erstenmal Herr und Meister. Du
kannst bleiben! sagte er. Ich muß hier am Platz einen Stellvertreter
haben, wenn ich meine Geschäftsreisen mache und Handelsverbindungen mit
Bergen und Drontheim anknüpfe, sagte er.
Und Andresen war kein schlechter Stellvertreter, das sah er gleich;
er war fleißig und hielt gute Aufsicht, während der Herr und Meister
Eleseus abwesend war. Nur im Anfang hatte der Ladendiener Andresen hier
im Ödland den großen und feinen Herrn herausgekehrt, und daran war
sein Herr, Aronsen, schuld gewesen. Jetzt war es anders geworden. Als
im Frühjahr die Moore etwas aufgetaut waren, kam Sivert von Sellanraa
nach Storborg hinunter und fing an, bei seinem Bruder Gräben zu ziehen
-- und da ging wahrhaftig auch der Ladendiener Andresen hinaus aufs
Moor und half Gräben ziehen aus was für einem Grunde es auch geschehen
mochte, da er es eigentlich nicht nötig hatte; aber ein Mann von
solcher Art war er. Der Boden war noch so wenig aufgetaut, daß sie
lange nicht tief genug graben konnten, aber sie taten einstweilen
wenigstens die halbe Arbeit, und das war schon viel getan. Es war des
alten Isaks Gedanke, auf Storborg die Moore zu entwässern und Ackerbau
zu treiben, der kleine Kramhandel sollte nur so nebenbei betrieben
werden, daß die Leute im Ödland nicht nötig hatten, ins Dorf zu gehen,
wenn sie eine Rolle Faden brauchten.
So zogen also Sivert und Andresen Gräben und verschnauften sich
zuweilen und führten eine muntere Unterhaltung. Andresen war auf
irgendeine Weise in den Besitz eines goldenen Zwanzigkronenstücks
gekommen, und nach diesem blitzblanken Goldstück verspürte Sivert
großes Gelüste; aber Andresen wollte sich nicht davon trennen, er
wickelte es in Seidenpapier und verwahrte es in seiner Truhe. Sivert
schlug vor, sie wollten um das Geldstück losen, sie wollten darum
kämpfen, aber darauf wagte Andresen sich nicht einzulassen. Sivert bot
ihm dann zwanzig Kronen in Papier, und außerdem wollte er das ganze
Moor allein entwässern, wenn er das Geldstück bekomme. Aber da war der
Ladendiener Andresen beleidigt und sagte: So, damit du deinen Leuten
zu Hause erzählen könntest, ich brächte es nicht fertig, im Moor zu
arbeiten! Zuletzt einigten sie sich über fünfundzwanzig Kronen in
Papier für das Goldstück, und Sivert lief in der Nacht nach Sellanraa
und bekam das Papiergeld von seinem Vater.
Ein jugendlicher Einfall, ein Einfall der wackeren, lebenskräftigen
Jugend! Eine durchwachte Nacht, eine Meile hin, eine Meile her,
den Tag darauf wieder die volle Arbeit -- das war nichts für den
kräftigen jungen Mann, und es war ein schönes Goldstück. Es war nicht
ausgeschlossen, daß sich Andresen wegen dieses guten Handels ein wenig
über ihn lustig machte; aber da wußte Sivert guten Rat, er brauchte
nur ein Wort von Leopoldine verlauten zu lassen, etwa: Ach ja, das ist
wahr, ich sollte dich von Leopoldine grüßen! so hörte Andresen sofort
auf und wurde dunkelrot.