Die Männer lachten über Aronsen und hatten keinerlei Mitleid mit ihm.

Glaubst du, daß er wirklich verkauft? fragte Isak. -- Ja, er tat so.

Und er hat auch schon den Knecht entlassen. Ja, der Aronsen ist ein

komischer Kerl, das ist gewißlich wahr. Den Knecht entläßt er, der

das Holz für den Winter schlagen und mit seinem eigenen Pferd Heu

einführen könnte, aber den Ladendiener behält er. Es ist wohl wahr, er

verkauft nicht für eine Krone am Tag, denn er hat keine Waren mehr in

seinem Laden, aber wozu braucht er dann den Ladendiener? Ich glaube, es

ist nur Hochmut, Großtuerei. Er muß einen Mann haben, der am Pult steht

und in große Bücher schreibt. Hahaha, ja, es ist gerade, als ob der

Aronsen ein ganz klein wenig verrückt wäre.

Die drei Männer arbeiten bis zur Mittagsstunde, verzehren dann ihr

mitgebrachtes Essen und plaudern noch ein Weilchen. Sie haben ihre

eigenen Angelegenheiten zu bereden, das Wohl und Wehe der Gegend

und der Ansiedler, das sind keine Kleinigkeiten, aber sie behandeln

sie mit Gelassenheit, sie sind gesetzte Männer, ihre Nerven sind

unverbraucht und tun nicht, was sie nicht tun sollten. Nun kommt das

Spätjahr, rundum im Wald ist es still geworden, die Berge stehen hier

und die Sonne steht dort, am Abend kommen die Sterne und der Mond,

das sind alles feste Verhältnisse, sie sind voller Freundlichkeit wie

eine Umarmung. Hier haben die Menschen noch Zeit, sich im Heidekraut

auszuruhen, mit dem einen Arm als Kopfkissen.

Fredrik spricht von Breidablick und daß er dort noch nicht viel habe

ausrichten können. Doch, sagte Isak, du hast schon viel getan, das

hab' ich gesehen, als ich drunten war. -- Dieses Lob von dem ältesten

Ansiedler in der Gegend, dem Riesen, tut Fredrik augenscheinlich

wohl, er fragt ehrlich: Meint Ihr wirklich? Nein, es muß immer noch

besser kommen. Ich bin in diesem Jahr sooft abgehalten worden. Das

Wohnhaus mußte hergerichtet werden, es war nicht dicht und wurde immer

schlimmer, und den Heuschuppen mußte ich einreißen und neu aufstellen.

Die Stallgamme war zu klein, ich habe Kühe und Kälber, was der Brede

zu seiner Zeit nicht gehabt hat, sagt Fredrik stolz. -- Gefällt es dir

hier? fragt Isak. -- Ja, mir gefällt es, und meiner Frau gefällt es

auch, warum sollte es uns nicht gefallen? Wir haben einen weiten Blick

und sehen die Straße hinauf und hinunter. Das kleine Gehölz beim Hause

ist nach unserer Meinung sehr hübsch, es sind Birken und Weiden darin,

und wenn ich Zeit habe, will ich auf der andern Seite des Hofplatzes

noch mehr Bäume pflanzen. Es ist großartig, wie trocken das Moor schon

geworden ist, seit ich im Frühjahr Gräben gezogen habe. Nun wollen wir

sehen, was heuer darauf wächst! Ob es uns gefällt? O ja, wenn doch

meine Frau und ich Haus und Hof und Grund und Boden haben! -- Na, wollt

ihr immer nur zu zweit bleiben? fragt Sivert listig. -- Nein, weißt du,

es kann wohl sein, daß wir mehr werden, erwidert Fredrik munter. Und

wenn wir schon davon reden, ob es uns hier gefällt, so habe ich meine

Frau noch nie so gedeihlich gesehen wie jetzt.

Sie arbeiten bis zum Abend. Zuweilen richten sie sich auf und schwatzen

miteinander. Du hast also keinen Tabak bekommen? fragt Sivert. -- Nein,

und das tat mir auch nicht leid. Ich rauche nicht, erwidert Fredrik.

-- Du rauchst nicht? -- Nein. Ich bin zu dem Aronsen nur hingegangen,

um zu hören, was er sagt. Da lachten die beiden Spitzbuben und freuten

sich diebisch.

Auf dem Heimweg sind Vater und Sohn schweigsam wie gewöhnlich. Aber

Isak muß sich etwas ausgedacht haben, denn er sagt: Du, Sivert? -- Ja?

erwidert Sivert. -- Ach, nichts Besonderes, sagt Isak. -- Sie gehen

eine lange Strecke weiter, dann spricht der Vater wieder: Kann denn

Aronsen Handel treiben, wenn er keine Waren mehr hat? -- Nein, sagt

Sivert. Aber es sind jetzt nicht mehr viele Menschen da, für die er

Waren braucht. -- So, meinst du? Ja, du kannst recht haben. -- Sivert

wundert sich ein wenig über diese Worte seines Vaters, und dieser fährt

fort: Es sind jetzt allerdings nur acht Ansiedlungen hier, aber es

können mehr und immer mehr werden. Wer weiß! -- Sivert wundert sich

noch mehr, woran denkt sein Vater? Oh, an nichts. Wieder gehen die

beiden eine lange Strecke weiter und sind beinahe zu Hause. Da fragt

der Alte: Hm. Was meinst du wohl, daß der Aronsen für den Hof haben

will? -- Ja, das kommt nun darauf an! antwortet Sivert. Willst du ihn

kaufen? sagt er im Spaß. Aber plötzlich geht ihm ein Licht auf, wo sein

Vater hinaus will: An Eleseus denkt der Alte. Oho, er hat ihn wohl

nie vergessen gehabt, er hat ebenso getreulich an ihn gedacht wie die

Mutter, nur auf seine eigene Weise, näher bei der Erde und auch näher

bei Sellanraa. Da sagt Sivert: Der Preis wird wohl erschwinglich sein.

Und als Sivert so viel gesagt hat, da merkt der Vater seinerseits, daß

er verstanden worden ist, und wie wenn er Angst hätte, zu deutlich

geworden zu sein, sagt er nun schnell ein paar Worte über den Wegbau

und daß es gut sei, den hinter sich zu haben.

In den nächsten Tagen steckten Sivert und seine Mutter die Köpfe

zusammen, sie ratschlagten und hatten viel zu flüstern, auch schrieben

sie einen Brief, und als der Samstag kam, bezeigte Sivert Lust, ins

Dorf zu gehen. -- Was willst du denn schon wieder im Dorfe? du läufst

nur unnötig deine Schuhe durch, sagte der Vater sehr ärgerlich, oh,

viel grimmiger im Gesicht, als natürlich gewesen wäre; er merkte wohl,

daß Sivert auf die Post wollte. -- Ich will in die Kirche, sagte

Sivert. -- Einen besseren Grund fand er nicht, und der Vater sagte: Ja,

wenn es nicht anders sein kann.

Aber wenn Sivert schon einmal in die Kirche wollte, dann konnte er

auch einspannen und die kleine Rebekka mitnehmen. Der kleinen Rebekka

konnte man doch wirklich zum erstenmal in ihrem Leben dieses Vergnügen

machen, sie hatte ja so eifrig das Turnipsfeld gehütet und war im

großen ganzen die Blüte und die Perle von allen auf dem Hofe; ja, das

war sie. Es wurde also angespannt, und Rebekka bekam die Magd Jensine

zur Begleitung mit -- wogegen Sivert nichts einzuwenden hatte.

Während sie fort sind, geschieht es, daß der Ladendiener von Storborg

daherkommt. Was nun? Ei, nichts Besonderes, nur daß ein Ladendiener,

ein Mann namens Andresen daherkommt; er soll in die Berge hinauf, sein

Herr schickt ihn. Weiter ist es nichts. Und dieses Geschehnis bringt

auch keine große Aufregung auf Sellanraa hervor, es ist nicht wie in

alten Tagen, wo ein Fremder ein seltener Anblick auf der Ansiedlung

war und Inger sich mehr oder minder darüber aufregte. Nein, Inger ist

wieder in sich gegangen und ist still und ruhig.

Ein merkwürdiges Ding, dieses Andachtsbuch, ein Führer, ja, ein Arm

um den Hals! Als Inger sich selbst verloren hatte und in den Beeren

irregegangen war, fand sie sich wieder beim Gedanken an ihre Kammer

und an das Andachtsbuch, und zurzeit war sie wieder in sich versunken

und gottesfürchtig. Sie gedenkt der längst verflossenen Jahre, als

sie, wenn sie nähte und sich in den Finger stach, der Teufel auch!

sagte. Das lernte sie von ihren Mitschwestern an dem großen Tisch in

der Nähstube. Jetzt sticht sie sich mit der Nadel, daß es blutet,

und saugt schweigsam das Blut aus. Es gehört nicht wenig Überwindung

zu solcher Umkehr! Aber Inger ging noch weiter. Als der steinerne

Stall fertiggebaut war und alle Arbeiter sich entfernt hatten und

ganz Sellanraa wieder einsam und verlassen dalag, da hatte Inger eine

Krisis und weinte viel und litt schwere Not. Sie bürdete niemand als

sich selbst die Schuld dafür auf, und sie war tief demütig. Wenn

sie nur mit Isak hätte reden und sich das Herz erleichtern können;

aber auf Sellanraa sprach niemand von seinen Gefühlen, und niemand

bekannte seine Fehler. So holte sie ihren Mann sehr fürsorglich zu den

Mahlzeiten herein; sie ging dazu bis zu ihm hin und forderte ihn auf,

statt nur unter der Haustür zu rufen, und abends sah sie seine Kleider

durch und nähte die Knöpfe an. Ja, Inger ging sogar noch weiter. Eines

Nachts stützte sie sich auf den Ellbogen und sagte: Du, Isak. -- Was

gibt's? fragt Isak. -- So, wachst du? -- Ja. -- Ach, nichts Besonderes,

sagt Inger. Aber ich bin nicht gewesen, wie ich hätte sein sollen. --

Was? fragt Isak. Das entfuhr ihm, und auch er richtete sich auf den

Ellbogen auf. Dann redeten sie weiter miteinander, sie ist nun eben

doch eine prächtige Frau und hat das Herz voll. Ich bin nicht so gegen

dich gewesen, wie ich hätte sein sollen, sagt sie. Das tut mir sehr

leid. -- Diese einfachen Worte rühren ihn, sie rühren den Mühlengeist,

und er will Inger gerne trösten; er versteht zwar nichts von der Sache,

versteht nur so viel, daß es keine mehr gibt wie sie. -- Deshalb

brauchst du nicht zu weinen, sagt Isak. Wir sind alle nicht, wie wir

sein sollten. -- Ach nein, sagt sie dankbar. Oh, Isak hatte eine

gesunde Art, die Dinge zu behandeln, er richtete sie wieder auf, wenn

sie umfallen wollten. Wer ist, wie er sein sollte! Er hatte recht; der

Gott des Herzens selbst, der doch ein Gott ist, geht auf Abenteuer aus,

und wir können es ihm ansehen, dem Wildfang: an einem Tag taucht er in

einen Rosenreichtum unter und wiegt sich wohlig darin und leckt sich

die Lippen, am anderen Tag hat er sich einen Dorn in den Fuß getreten

und zieht ihn mit verzweifeltem Gesicht heraus. Stirbt er daran? Oh,

keine Spur. Er ist so gesund wie vorher. Das wäre was Schönes, wenn er

daran stürbe!

Auch mit Inger kam das alles wieder in die Reihe, sie überwindet

es, aber sie bleibt bei ihren Andachtstunden und findet ihren Trost

darin. Inger ist jeden Tag fleißig und geduldig und herzensgut, sie

schätzt Isak vor allen Männern und wünscht sich keinen andern als

ihn. Natürlich ist er dem äußeren Anschein nach kein Tausendsassa und

Sänger, aber er ist schon recht, hoho, das wollte sie meinen! Und es

bewahrheitete sich wieder, daß es ein großer Gewinn ist, gottesfürchtig

und genügsam zu sein.

Und nun kam also dieser kleine Ladenjüngling von Storborg, dieser

Andresen, er kam Sonntags nach Sellanraa, und Inger wurde darüber nicht

erregt, durchaus nicht, sie wollte nicht einmal selbst mit einem Topf

Milch zu ihm hineingehen, und da die Magd nicht zu Hause war, schickte

sie Leopoldine mit der Milch. Und Leopoldine trug ja auch den Topf

Milch recht nett hinein und sagte Bitte! und wurde rot, obgleich sie

doch ihre Sonntagskleider trug und keinen Grund hatte sich zu schämen.

-- Danke, das ist allzuviel, sagte Andresen. Ist dein Vater zu Hause?

fragte er. -- Jawohl, er ist draußen irgendwo. -- Andresen trank,

wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab und sah nach der Uhr. Ist

es weit bis zu den Gruben? fragte er. -- Nein, es ist kaum eine Stunde.

-- Ich soll hinauf und sie mir für Aronsen, bei dem ich angestellt bin,

ansehen. -- So. -- Ja, du kennst mich doch. Ich bin der Ladendiener bei

Aronsen; du bist schon bei uns gewesen und hast eingekauft. -- Ja. --

Ich erinnere mich deiner ganz gut, du hast zweimal bei uns eingekauft.

-- Das ist mehr, als ich erwarten konnte, daß Ihr Euch meiner erinnert,

sagte Leopoldine, dann aber waren ihre Kräfte erschöpft, und sie hielt

sich an einem Stuhl fest. Andresen jedoch hatte noch Kräfte übrig,

er fuhr fort: Warum sollte ich mich nicht mehr an dich erinnern? Und

weiter fragte er: Kannst du nicht mit mir zu den Gruben hinaufgehen?

Allmählich wurde es Leopoldine ganz rot und sonderbar vor den Augen,

der Fußboden schwankte unter ihr, und der Ladendiener Andresen sprach

wie aus weiter Ferne: Hast du keine Zeit? -- Nein, sagte sie. Gott

weiß, wie sie wieder hinauskam in die Küche. Die Mutter sah sie an und

fragte: Was fehlt dir denn? -- Nichts.

Nichts, o nein! Aber seht, jetzt war Leopoldine an der Reihe, erregt

zu werden, nun begann der Kreislauf bei ihr. Sie war ganz geeignet

dazu, rund und hübsch und neukonfirmiert, sie gab ein schönes Opfer.

Ein Vogel zwitschert in ihrer Brust, ihre langen Hände sind wie die

ihrer Mutter voller Zärtlichkeit, voller Weiblichkeit. Konnte sie nicht

tanzen? O doch. Es war ein Wunder, wo sie es lernten, aber sie lernten

tanzen, auch auf Sellanraa, Sivert konnte es, Leopoldine konnte es,

es war ein Tanz, im Ödland entstanden, ein bodenständiges Drehen und

Wenden mit vielen Kräften, Schottisch, Mazurka, Rheinländer und Walzer.

Und warum sollte Leopoldine nicht auch sich putzen und verliebt sein

und mit offenen Augen träumen? Genau wie andere! Als sie konfirmiert

wurde, lieh ihr die Mutter ihren goldenen Ring, es war kein sündiger

Gedanke dabei, es war nur hübsch, und am nächsten Tag, als sie zum

Abendmahl ging, steckte sie übrigens den Ring erst an, als alles

überstanden war. Sie konnte wohl mit einem goldenen Ring am Finger

vor dem Altar stehen, sie war die Tochter eines mächtigen Mannes, des

Markgrafen.

Als der Ladendiener Andresen wieder vom Berg herunterkam, traf er

Isak an und wurde ins Haus geladen. Er bekam Mittagessen und Kaffee.

Alle Hausbewohner waren jetzt in der Stube versammelt und nahmen

teil an der Unterhaltung. Der Ladendiener erklärte, Aronsen habe

ihn hinaufgeschickt, er solle einmal untersuchen, wie es mit den

Gruben stehe, ob Anzeichen zu sehen seien, daß der Betrieb und die

Arbeit wieder aufgenommen werden würden. Gott weiß, der Ladendiener

schwindelte vielleicht gewaltig, wenn er sagte, er sei geschickt

worden, vielleicht hatte er den Gang auf eigene Rechnung gemacht,

und jedenfalls konnte er in der kurzen Zeit, die er weggewesen war,

nicht bis an die Gruben hinaufgekommen sein. -- So von außen kann man

nicht sehen, ob die Gesellschaft wieder anfangen will, sagte Isak. --

Nein, das räumte der Ladendiener ein, aber Aronsen habe ihn nun einmal

heraufgeschickt, und es sei ja auch wahr, vier Augen sähen mehr als

zwei.

Aber nun konnte sich Inger nicht mehr halten, sie fragte: Ist es wahr,

was die Leute sagen, daß der Aronsen verkaufen will? -- Der Ladendiener

antwortete: Er spricht davon. Und ein Mann wie er kann tun, was er

will, er hat das Geld zu allem. -- Na, hat er wirklich soviel Geld? --

Ja, erwidert der Ladendiener und nickt, daran fehlt es nicht. -- Wieder

kann Inger nicht schweigen, sie fragt: Was will er wohl für das Gut?

-- Doch jetzt greift Isak ein, er ist vielleicht noch neugieriger als

Inger, aber der Gedanke, Storborg zu kaufen, soll nun einmal durchaus

nicht von ihm herrühren, und so tut er, als ob ihn das gar nichts

anginge. Er sagt: Weshalb fragst du denn, Inger? -- Ach, ich frage

nur so, erwidert sie. -- Beide sehen gespannt den Ladendiener an und

warten. Endlich rückt er mit der Antwort heraus.

Er spricht sehr zurückhaltend, von dem Preis weiß er nichts, aber

er weiß, was Aronsen selbst gesagt hat, daß Storborg ihn gekostet

habe. -- Und wieviel ist das? fragt Inger, denn sie vermag nicht zu

schweigen und den Mund zu halten. -- Sechzehnhundert Kronen, erwidert

der Ladendiener. -- Ach so! Inger schlägt sofort die Hände zusammen,

denn wenn die Weiberleute etwas nicht haben, so ist es, in Beziehung

auf Güterpreise, Witz und Verstand. Aber sechzehnhundert Kronen sind

nun einmal keine kleine Summe hier im Ödland, und Inger hat nur _eine_

Angst, daß sich nämlich Isak dadurch abschrecken lassen könnte. Aber

Isak ist unerschütterlich wie ein Fels und sagt nur: Das machen die

großen Häuser. -- Ja, sagt auch der Ladendiener Andresen, das machen

die gewaltig großen Häuser.

Kurz ehe der Ladendiener geht, hat sich Leopoldine zur Tür

hinausgedrückt. Es ist höchst sonderbar, aber es kommt ihr ganz

unmöglich vor, ihm die Hand zu geben. Sie hat indes einen guten Platz

gefunden, sie steht in dem neuen Stall und schaut zu einem der Fenster

hinaus. Sie trägt ein blauseidenes Band um den Hals, das hatte sie

vorher nicht gehabt, und das merkwürdigste ist, daß sie Zeit gefunden

hat, es umzubinden. Da geht er vorbei, er ist etwas klein und rund, mit

flinken Beinen, hat einen blonden Vollbart und ist acht bis zehn Jahre

älter als sie. Er ist ganz nett, sollte sie meinen.

Spät in der Nacht zwischen Sonntag und Montag kamen die Kirchgänger

wieder zurück. Alles war gut gegangen, die kleine Rebekka hatte auf

der Heimfahrt während der letzten Stunden geschlafen, und sie wurde

auch schlafend aus dem Wagen gehoben und ins Haus getragen. Sivert hat

viel Neues erfahren, aber als die Mutter fragt: Was gibt's denn Neues?

sagt er nur: Oh, nichts Besonderes. Der Axel hat eine Mähmaschine und

einen Reolpflug. -- Was du sagst? ruft der Vater mit großem Interesse.

Hast du sie gesehen? -- Ja, ich habe sie gesehen, sie standen am

Landungsplatz. -- So, deshalb ist er also in der Stadt gewesen! sagt

der Vater. Und Sivert sitzt dick geschwollen von besserem Wissen da,

sagt aber kein Wort mehr.

Mochte der Vater glauben, Axel sei in die Stadt gefahren, um eine

Mähmaschine und einen Reolpflug zu kaufen; auch die Mutter sollte das

nur glauben. Ach, aber keines der beiden Eltern glaubte das wirklich,

sie hatten auch munkeln hören, daß das mit einem neuen Kindsmord in

der Gegend zusammenhing. -- Geh du jetzt nur zu Bett! sagt der Vater

schließlich.

Sivert, dick geschwollen von Wissen, geht und legt sich zu Bett. Axel

ist zu einer Verhandlung vorgeladen, es war eine große Sache, der

Lensmann ist mit ihm hingereist. Es war eine so große Sache, daß auch

die Frau Lensmann, die wahrhaftig wieder ein Kleines hatte, ihr Kind

verließ und mit in die Stadt reiste. Sie hatte gesagt, sie wolle ein

Wort mit dem Gericht reden.

Nun schwirrten Klatsch und allerlei Gerüchte durchs Dorf, und Sivert

merkte gut, daß auch wieder von einem älteren Kindsmord geflüstert

wurde. Vor der Kirche stockte jede Unterhaltung, wenn er sich nahte,

und wäre er nicht der gewesen, der er war, so hätten ihm die Leute

vielleicht den Rücken gekehrt. Es war recht gut, Sivert zu sein,

erstens einmal von einem großen Hof zu stammen, eines reichen Mannes

Sohn zu sein und dann auch selbst für einen tüchtigen Kerl, für

einen guten Arbeiter zu gelten. Er wurde von anderen geschätzt und

hochgeachtet, und er hatte auch jederzeit die Volksgunst genossen.

Wenn jetzt nur nicht Jensine zu viel hörte, ehe sie wieder nach Hause

fuhren. Sivert hatte übrigens so seine eigenen Gründe zur Beängstigung,

auch die Leute auf dem Ödland können erröten und erbleichen. Er sah,

wie Jensine mit der kleinen Rebekka aus der Kirche trat, sie hatte auch

ihn gesehen, war aber einfach vorbeigegangen. So wartet er eine Weile

und fährt dann beim Schmied vor, um die beiden abzuholen.

Beim Schmied wird zu Mittag gegessen, das ganze Haus ist versammelt,

und auch Sivert wird etwas zu essen angeboten, aber er hat schon

gegessen und dankt. Sie wußten, daß er um diese Zeit kommen werde, sie

hätten auch die kleine Weile auf ihn warten können, in Sellanraa hätte

man das getan, aber hier tat man es nicht. -- Ach nein, du bist es

jedenfalls besser gewöhnt, sagt die Frau des Schmieds. -- Hast du in

der Kirche etwas Neues erfahren? fragte der Schmied, obgleich er selbst

in der Kirche gewesen ist.

Als Jensine und die kleine Rebekka auf dem Wagen sitzen, sagt die

Schmiedfrau zu ihrer Tochter: Ja, ja, Jensine, laß es nun nicht zu

lange anstehen, bis du wieder nach Hause kommst. -- Das kann man auf

zwei Arten verstehen, dachte Sivert, aber er mischte sich nicht in die

Sache. Wäre die Rede ein klein wenig bestimmter gewesen, so hätte er

vielleicht Antwort gegeben. Er runzelt die Stirne und wartet -- nein,

nichts mehr.

Sie fahren heimwärts, und die kleine Rebekka ist die einzige, die etwas

zu plaudern hat, sie ist erfüllt von dem Erlebnis ihres Kirchganges,

von dem Geistlichen in seinem schwarzen Talar mit dem silbernen Kreuz,

von dem Lichterglanz und dem Orgelschall. Nach einer langen Weile sagt

Jensine: Das mit Barbro ist eine Schande! -- Was hat deine Mutter damit

gemeint, daß du bald wieder nach Hause kommen sollest? fragt Sivert.

-- Was sie damit meinte? -- Willst du uns verlassen? -- Einmal muß ich

ja doch wieder nach Hause, sagt sie. -- Prrr! ruft Sivert und hält das

Pferd an. Soll ich jetzt gleich wieder mit dir umdrehen? fragt er.

-- Jensine sieht ihn an, er ist blaß wie der Tod. -- Nein, erwidert

sie, und gleich darauf fängt sie an zu weinen. Die kleine Rebekka

sieht erstaunt von einem zum andern. Ach, die kleine Rebekka war sehr

nützlich auf einer solchen Fahrt, sie ergriff Partei für Jensine,

streichelte sie und brachte sie wieder dazu, daß sie lächelte. Und als

die kleine Rebekka ihrem Bruder drohte, sie werde vom Wagen springen

und sich einen Stecken für ihn suchen, da mußte auch Sivert lächeln. --

Aber nun muß ich fragen, was du gemeint hast? sagt Jensine. -- Sivert

antwortet ohne Bedenken: Ich meinte, daß wir, wenn du uns verlassen

wollest, eben sehen müßten, ohne dich fertig zu werden. -- Lange Zeit

darauf sagte Jensine: Jawohl, die Leopoldine ist ja nun erwachsen und

kann meine Arbeit tun.

Es wurde eine wehmütige Heimfahrt.

7

Ein Mann geht übers Ödland hinauf. Es stürmt und regnet, die

Herbstregen haben begonnen, aber darum kümmert sich dieser Mann

nicht, er sieht froh aus und ist es auch; es ist Axel Ström, er

kommt vom Verhör, wo er freigesprochen worden ist. Und er ist froh:

erstens stehen eine Mähmaschine und ein Reolpflug für ihn drunten

am Landungsplatz, und zweitens ist er freigesprochen. Er hat nicht

geholfen, ein Kind zu ermorden. So kann es gehen!

Aber was für schwere Stunden hat er durchgemacht! Als er dastand und

Zeugnis ablegte, hatte dieser sich in täglicher Arbeit abmühende Mann

die schwerste Arbeit seines Lebens vor sich gehabt. Er hatte keinen

Nutzen davon, Barbros Schuld zu vergrößern, deshalb nahm er sich in

acht, ja nicht zuviel zu sagen, ja, er sagte nicht einmal alles, was

er wußte, jedes Wort mußte aus ihm herausgefragt werden, und meistens

antwortete er nur mit ja und nein. War das nicht genug? Sollte die

Sache noch größer gemacht werden, als sie schon war? Ach, es sah häufig

aus, als ob es Ernst werden wollte; die hohe Obrigkeit war gar so

schwarz gekleidet und gefährlich, mit wenigen Worten hätte sie alles

zum Schlimmsten wenden und ihn vielleicht gar verurteilen können. Aber

es waren nette Leute, sie wollten seinen Untergang nicht. Und außerdem

traf es sich auch noch so, daß mächtige Kräfte in Tätigkeit waren, um

Barbro zu retten, und das gereichte auch ihm zum Nutzen.

Was in aller Welt konnte ihm nun noch geschehen?

Barbro selbst konnte doch wohl nicht auf die Gedanken kommen, Aussagen

zu machen, die ihren gewesenen Hausherrn und Liebsten belastet hätten;

er war im Besitz eines gar zu furchtbaren Wissens, sowohl um diese wie

um eine frühere Kindsangelegenheit, so dumm war Barbro nicht. Oh,

und sie war schlau genug, sie lobte Axel und sagte, er habe nicht das

mindeste von ihrer Niederkunft gewußt, bis alles vorüber gewesen sei.

Er sei ziemlich eigen, und sie stimmten nicht überein, aber er sei ein

stiller Mann und ein ausgezeichneter Mensch. Nein, daß er ein neues

Grab gegraben und die Leiche hineingetan habe, das sei viel später

geschehen, und zwar nur deshalb, weil er meinte, das erste Grab sei

nicht trocken genug; das sei es übrigens doch gewesen, nur sei Axel

eben gar so eigen.

Was konnte also Axel geschehen, wenn Barbro so die ganze Schuld

auf sich nahm? Und für Barbro selbst waren sehr mächtige Kräfte in

Bewegung; die Frau Lensmann Heyerdahl war in Bewegung.

Sie ging zu Hoch und Nieder und schonte sich keineswegs, sie verlangte

als Zeugin verhört zu werden und hielt vor Gericht eine große Rede. Als

sie an die Reihe kam, stand sie vor den Schranken als recht vornehme

Dame, sie erfaßte die Frage des Kindsmordes in ihrer ganzen Breite

und hielt dem Gericht eine Vorlesung; man hätte meinen können, sie

habe sich die Erlaubnis dazu im voraus erwirkt. Man konnte von der

Frau Lensmann sonst denken, was man wollte, aber Reden halten konnte

sie, und gelehrt in Politik und allen sozialen Fragen war sie. Es war

nur ein Wunder, wo sie alle die Worte hernahm. Ab und zu hatte es den

Anschein, als wolle der Vorsitzende versuchen, sie zu veranlassen,

etwas mehr zur Sache zu kommen, aber er hatte augenscheinlich nicht

das Herz, sie zu unterbrechen, und so ließ er sie weiterreden. Und zum

Schluß förderte sie einige brauchbare Aufklärungen zutage und machte

dem Gericht einen aufsehenerregenden Vorschlag.

Von rechtstechnischen Weitläufigkeiten abgesehen, ging die Geschichte

zu wie folgt:

Wir Frauen, sagte die Frau Lensmann, wir sind die unglückliche und

unterdrückte Hälfte der Menschheit. Die Männer machen die Gesetze,

wir Frauen haben keinen Einfluß darauf. Aber kann sich nun etwa ein

Mann hineinversetzen in das, was es für eine Frau heißt, ein Kind zu

gebären? Hat er ihre Angst gefühlt, hat er die unsäglichen Schmerzen

gefühlt, und hat er ihre Weheschreie ausgestoßen?

Segen der Erde: Roman · 第 24 / 32 段