meinten wohl, klug zu handeln, wenn sie sich nicht gar so eifrig
zeigten. Am nächsten Morgen kamen sie indes doch, hatten ihr Packpferd
bei sich und waren auf der Heimreise. Aber da war Geißler weggegangen.
War Geißler weggegangen?
Die Herren konnten unter diesen Umständen nichts vom Pferde aus
abmachen, sie mußten absteigen und warten. Wohin war Geißler gegangen?
Niemand wußte es, er ging überall herum, er interessierte sich für
Sellanraa, zuletzt war er bei dem Sägewerk gesehen worden. Die
Stafetten wurden ausgesandt, ihn zu suchen, aber er mußte wohl weit
weggegangen sein, denn er gab keine Antwort, als er gerufen wurde. Die
Herren schauten nach ihren Uhren und waren anfänglich sehr ärgerlich
und sagten: Wir werden doch nicht die Narren sein und warten. Wenn
Geißler verkaufen will, so soll er auch auf dem Platze sein! O ja,
aber der große Ärger der Herren legte sich, sie warteten, ja, sie
wurden scherzhaft, das war ja zum Verzweifeln, sie mußten hier an der
Grenzscheide des Berges über Nacht bleiben. Das geht ja brillant,
sagten sie. Unsere Angehörigen werden dereinst unsere gebleichten
Gebeine finden!
Endlich kam Geißler. Er hatte sich auf dem ganzen Gute umgesehen, und
jetzt kam er eben vom Sommerstall. Es kommt mir vor, als ob auch der
Sommerstall für dich zu klein würde, sagte er zu Isak. Wieviel Stück
Vieh hast du denn alles in allem da droben? -- So konnte er sprechen,
obgleich die Herren mit der Uhr in der Hand dastanden. Geißler hatte
eine merkwürdige Röte im Gesicht, als ob er starke Getränke genossen
hätte. Puh, ist mir von dem Gang warm geworden! sagte er.
Wir hatten einigermaßen erwartet, Sie würden auf dem Platze sein,
sagte einer der Herren. -- Darum hatten mich die Herren nicht gebeten,
erwiderte Geißler. Sonst wäre ich auf dem Platze gewesen. -- Na, und
der Handel? Ob Geißler heute ein vernünftiges Gebot annehmen wolle?
Es würden ihm doch wohl nicht jeden Tag fünfzehn- bis zwanzigtausend
angeboten, oder doch? -- Diese neue Andeutung verletzte Geißler
bedeutend. War das auch eine Art? Und die Herren hätten sicherlich
nicht so gesprochen, wenn sie nicht ärgerlich gewesen wären, und
Geißler wäre nicht auf der Stelle blaß geworden, wenn er nicht vorher
an einem einsamen Ort gewesen und rot geworden wäre. Jetzt erbleichte
er und erwiderte kalt: Ich will nicht andeuten, was den Herren zu
bezahlen vielleicht erschwinglich ist, dagegen weiß ich, was ich haben
will. Ich will das Kindergeschwätz über den Berg nicht mehr hören.
Mein Preis ist derselbe wie gestern. -- Eine Viertelmillion Kronen? --
Ja. --
Die Herren stiegen zu Pferd.
Jetzt will ich Ihnen etwas sagen, Geißler, begann der eine. Wir wollen
bis auf fünfundzwanzigtausend gehen. -- Sie sind immer noch scherzhaft
aufgelegt, erwiderte Geißler. Ich will Ihnen einen ernsthaft gemeinten
Gegenvorschlag machen: Wollen Sie mir Ihr kleines Grubenstückchen
verkaufen? -- Ja, das lasse sich überlegen, sagten die einigermaßen
überrumpelten Herren. -- Dann werde ich es kaufen, erklärte Geißler.
Oh, dieser Geißler! Der ganze Hof stand voller Menschen, die ihn reden
hörten, alle Leute von Sellanraa und die Maurer und die Herren und
die Stafetten; er konnte sich vielleicht überhaupt kein Geld zu einem
solchen Geschäft verschaffen, aber Gott weiß, ob er es nicht am Ende
doch konnte, wer verstand sich auf ihn! Auf jeden Fall brachte er mit
seinen wenigen Worten eine kleine Revolution unter den Herren hervor.
Wollte er ihnen ein Schnippchen schlagen? Meinte er, seinen Berg durch
dieses Vorgehen wertvoller zu machen?
Die Herren überlegten wirklich, die Herren fingen an, leise miteinander
darüber zu reden, sie stiegen wieder von den Pferden. Da mischte sich
der Ingenieur in die Sache, sie kam ihm wohl zu erbärmlich vor, und er
schien auch die Macht und die Gewalt dazu zu haben. Jetzt stand ja der
ganze Hof voll von Leuten, die alle zuhörten. -- Wir verkaufen nicht!
erklärte er bestimmt. -- Nicht? fragten die Herren. -- Nein!
Sie flüsterten ein Weilchen zusammen, dann stiegen sie wirklich im
Ernst zu Pferd. -- Fünfundzwanzigtausend! rief einer der Herren. --
Geißler gab keine Antwort, er drehte sich um und ging wieder zu den
Maurern.
Und so verlief die letzte Zusammenkunft.
Geißler tat den Folgen gegenüber ganz gleichgültig, er ging hin und
her und sprach von dem und jenem, jetzt war er ganz davon hingenommen,
daß die Maurer eben gewaltig große Deckenbalken über den ganzen Stall
legten. Sie wollten noch in dieser Woche mit dem Stall fertig werden,
es sollte nur ein Notdach errichtet werden, später würde man noch einen
Heuboden auf den Stall aufsetzen.
Isak hielt Sivert von der Arbeit am Stall zurück und ließ ihn nichts
tun, damit Geißler zu jeder Zeit den jungen Mann zu einem Gang in die
Berge bereit finde. Das war eine unnütze Vorsorge, Geißler hatte seine
Absicht aufgegeben oder sie vielleicht auch vergessen. Nachdem er von
Inger etwas Mundvorrat bekommen hatte, schlug er gegen Abend den Weg
nach dem Dorf hinunter ein und blieb über das Abendessen fort.
Er kam an den beiden neuen Ansiedlungen unterhalb Sellanraa vorbei
und sprach mit den Leuten dort, er kam bis nach Maaneland und wollte
sehen, was Ström in den letzten Jahren ausgerichtet hatte. Es war
mit ihm nicht so sehr vorwärtsgegangen, aber er hatte doch viel Land
urbar gemacht. Geißler interessierte sich auch für diese Ansiedlung
und fragt: Hast du ein Pferd? -- Ja. -- Unten, weiter südlich, habe
ich eine Mähmaschine und einen Reolpflug stehen, neue Sachen, die
will ich dir schicken. -- Was! rief Axel und konnte sich eine solche
Freigebigkeit gar nicht vorstellen; er dachte an Abzahlung. -- Ich
will dir die Geräte schenken, sagte Geißler. -- Das ist doch nicht
möglich! meinte Axel. -- Aber du mußt deinen beiden Nachbarn helfen
und ihnen ein Stück Neuland umbrechen, verlangte Geißler. -- Das soll
nicht fehlen, versprach Axel, aber er konnte den ganzen Geißler nicht
verstehen. So, dann habt Ihr also Grundbesitz und Maschinen im Süden?
fragte er. -- Geißler antwortete: Ach, ich habe gar vielerlei. --
Seht, das hatte Geißler vielleicht gar nicht, er hatte nicht vielerlei
Geschäfte, aber er tat oft so. Diese Mähmaschine und diesen Reolpflug
brauchte er ja nur in irgendeiner Stadt zu kaufen und heraufzuschicken.
Er hatte ein langes Gespräch mit Axel Ström über die andern Ansiedler
in der Gegend, über das Handelshaus Storborg, über Axels Bruder, einen
jung verheirateten Mann, der jetzt nach Breidablick gekommen war und
angefangen hatte, die Moore zu entwässern. Axel beklagte sich darüber,
daß keine weibliche Hilfe zu bekommen sei, er habe nur eine alte Frau
namens Oline, sie sei nicht viel nütze, aber er müsse doch froh sein,
solange er sie halten könne. Im Sommer habe er eine Zeitlang Tag und
Nacht arbeiten müssen. Er hätte vielleicht eine weibliche Hilfe aus
seinem Heimatort, aus Helgeland, bekommen können, aber dann hätte
er ihr außer dem Lohn auch noch das Reisegeld bezahlen müssen. Er
habe Ausgaben nach allen Seiten. Axel erzählte weiter, daß er die
Aufsicht über die Telegraphenlinie übernommen habe, aber das reue ihn
einigermaßen. -- Das ist etwas für Leute wie Brede, sagte Geißler. --
Ja, das ist sehr richtig gesagt, gab Axel zu. Aber es war wegen des
Geldes. -- Wie viele Kühe hast du? fragte Geißler. -- Vier. Und einen
jungen Stier. Es ist sehr weit bis nach Sellanraa zum Stier.
Aber eine viel wichtigere Sache, die er mit Geißler besprechen wollte,
lag Axel Ström auf dem Herzen. Es war jetzt eine Untersuchung im Gang
gegen Barbro. Ja, natürlich war die Sache herausgekommen. Barbro war
guter Hoffnung gewesen, aber sie war frank und frei und ohne Kind von
hier abgereist. Wie hing das zusammen? Als Geißler vernahm, um was es
sich handelte, sagte er kurz und gut: Komm mit! und führte Axel weit
von den Gebäuden weg. Dann setzte er eine äußerst wichtige Miene auf
und benahm sich wie eine Art Obrigkeit. Sie ließen sich am Waldessaum
nieder, und Geißler sagte: So, nun laß mich hören!
Natürlich war die Sache herausgekommen, wie hätte es auch anders gehen
können! Die Gegend war nicht mehr menschenleer, und außerdem war Oline
gekommen. Was hatte Oline mit der Sache zu tun? Oh, die! Und außerdem
hatte sich Brede mit ihr verkracht. Jetzt war an Oline nicht mehr
länger vorbeizukommen, sie wohnte an Ort und Stelle und konnte Axel
selbst allmählich ausforschen; sie lebte ja für verdächtige Sachen, ja
sie lebte zum Teil davon, da war also wieder etwas mit der richtigen
Witterung! Eigentlich war Oline jetzt zu alt, um Haus und Vieh auf
Maaneland zu versorgen, sie hätte es aufgeben sollen, aber konnte sie
das? Hätte sie einen Ort, wo ein so großes Geheimnis verborgen lag,
ruhig verlassen können? Sie brachte die Winterarbeit fertig, ja sie
schindete sich auch noch den Sommer hindurch, es kostete sie große
Anstrengung, und sie hielt sich nur durch die Aussicht aufrecht, einer
Tochter von Brede etwas nachweisen zu können. Kaum fing im Frühjahr
der Schnee an zu schmelzen, so schnupperte Oline bereits in der Gegend
umher, sie fand den kleinen Hügel am Bach und erkannte sofort, daß der
Rasen in Stücken aufgelegt war; sie hatte auch eines Tages das Glück
gehabt, Axel zu treffen, wie er das kleine Grab festtrat und es ebnete.
Axel wußte also auch von der Sache. Oline nickte mit ihrem grauen Kopf,
jetzt war ihre Zeit gekommen.
Nicht Axels wegen. Axel war gar kein unguter Mann, um bei ihm zu sein,
aber er war sehr genau und zählte seine Käse und wußte Bescheid von
jedem Büschel Wolle. Oline hatte durchaus nicht freie Hand. Und bei
der Rettung letztes Jahr, hatte sich Axel da als Herr gezeigt und sich
freigebig erwiesen? Nein, im Gegenteil, er bestand auf seiner Teilung
des Triumphes. Jawohl, sagte er, wäre Oline nicht gekommen, so hätte
er in der Nacht erfrieren müssen, aber Brede sei ihm auf dem Heimweg
auch eine gute Hilfe gewesen! Das war der Dank! Oline meinte, da müsse
sich der Allmächtige über die Menschen empören! Hätte nicht Axel eine
Kuh am Strick ergreifen, sie herausführen und sagen können: Das ist
deine Kuh, Oline! Aber nein.
Jetzt kam's darauf an, ob es ihn nicht mehr kosten würde als eine Kuh.
Den Sommer über paßte Oline jeden einzelnen Menschen ab, der
vorbeiging, sie flüsterte mit ihm und nickte und vertraute sich ihm
an. Aber kein Wort weitersagen! gebot sie. Oline war auch ein paarmal
drunten im Dorf. Und nun schwirrte es mit Gerüchten in der Gegend,
die waren wie ein Nebel, der sich um die Gesichter legt und in die
Ohren dringt, selbst die Kinder, die auf Breidablick in die Schule
gingen, fingen an zu nicken und geheimnisvoll zu tun. Schließlich
mußte sich auch der Lensmann rühren, mußte Bericht erstatten und seine
Befehle entgegennehmen. Eines Tages kam er mit einem Begleiter und
einem Protokoll nach Maaneland und untersuchte und schrieb und ging
wieder heim. Aber drei Wochen danach kam er wieder und untersuchte und
schrieb noch mehr, und diesmal öffnete er auch einen kleinen grünen
Hügel am Bach und holte die Kindesleiche heraus. Oline war ihm dabei
eine unentbehrliche Hilfe, und als Entgelt für ihre Mühe mußte er
ihre vielen Fragen beantworten, und da sagte er unter anderem auch,
ja, es könnte schon die Rede davon sein, Axel zu verhaften. Da schlug
Oline die Hände zusammen über all die Schändlichkeit, in die sie hier
hineingekommen sei, und wünschte sich weg, weit weg! Aber sie, die
Barbro? flüsterte sie. -- Das Mädchen Barbro sitzt verhaftet in Bergen,
sagte der Lensmann. Die Gerechtigkeit muß ihren Gang gehen, sagte er.
Dann nahm er die Leiche mit sich und fuhr wieder fort.
Es war also nicht verwunderlich, daß Axel in großer Spannung war. Er
hatte dem Lensmann seine Aussagen gemacht und nichts geleugnet. Das
Kind war sein, und er hatte ihm mit eigener Hand ein Grab gegraben.
Nun erkundigte er sich bei Geißler, wie es wohl weitergehen werde. Er
müsse wohl in die Stadt und ein viel schlimmeres Verhör und sonstige
Widerwärtigkeiten erdulden?
Geißler war nicht mehr der gleiche wie zuvor, nein, die umständliche
Erzählung hatte ihn ermüdet, er schien schläfrig zu werden -- was nun
auch der Grund sein mochte; ob vielleicht der Geist vom Morgen nicht
mehr über ihm war? Er sah auf seine Uhr, stand auf und sagte: Das muß
gründlich überlegt werden, ich will darüber nachdenken. Du sollst meine
Antwort bekommen, ehe ich abreise.
Damit ging Geißler.
Gegen Abend kam er nach Sellanraa zurück, aß ein wenig und ging zu
Bett. Er schlief bis tief in den Tag hinein, schlief und ruhte aus;
er war wohl ermattet nach der Zusammenkunft mit den schwedischen
Grubenbesitzern. Erst zwei Tage nachher machte er sich zur Abreise
fertig. Da war er wieder großartig und überlegen, bezahlte reichlich
und schenkte der kleinen Rebekka ein neues Kronenstück.
Isak hielt er eine Rede und sagte: Es ist ganz einerlei, daß es jetzt
nicht zu einem Verkauf gekommen ist, das wird schon noch werden.
Vorläufig lege ich den Betrieb dort oben lahm. Das waren rechte Kinder,
sie meinten mich übers Ohr hauen zu können. Hast du gehört, daß sie
mir fünfundzwanzigtausend boten? -- Ja, sagte Isak. -- Nun, erwiderte
Geißler und scheuchte mit einer Kopfbewegung jede Art von Schandangebot
und jegliches Staubkorn weit weg. Es schadet dem Bezirk hier oben gar
nichts, wenn ich den Betrieb lahmlege, im Gegenteil, es wird die Leute
veranlassen, ihr Land zu bebauen. Aber drunten im Dorf, da wird man's
merken. Es ist ja im Sommer viel Geld unter die Leute gekommen, schöne
Kleider und süßen Brei gab's für jedermann; damit ist es jetzt aus.
Siehst du, das Dorf hätte wohl gut Freund mit mir sein können, dann
wäre es vielleicht anders gegangen. Jetzt habe _ich_ zu bestimmen.
Er sah nun allerdings nicht so aus, als habe er über viel zu gebieten;
als er ging, trug er ein Päckchen mit Mundvorrat in der Hand, und seine
Weste war nicht mehr blendend weiß. Vielleicht hatte ihn seine gute
Frau mit dem Rest der vierzigtausend Kronen, die sie einmal erhalten
hatte, für diese Reise ausgestattet, Gott weiß, ob das nicht der Fall
war. Aber nun kommt er kahl heim!
Geißler vergaß nicht, auf dem Heimweg bei Axel Ström einzutreten und
ihm Bescheid zu sagen. Ich habe darüber nachgedacht, die Sache ist nun
einmal im Gang, du kannst jetzt nichts tun. Du wirst zu einem Verhör
vorgeladen werden und mußt deine Aussagen machen ... Das war nur so ein
Gerede, Geißler hatte vielleicht gar nicht mehr an die Sache gedacht.
Und Axel sagte niedergeschlagen zu allem ja. Zum Schluß aber blies sich
Geißler wieder zu einem gewaltigen Mann auf, er zog die Brauen hoch
und sagte nachdenklich: Ob ich vielleicht in die Stadt kommen und bei
der Verhandlung anwesend sein könnte? -- Ach ja, wenn Ihr das könntet!
rief Axel. -- Im nächsten Augenblick entschied Geißler: Ich will sehen,
ob ich nicht Zeit finden kann. Für heute leb wohl! Ich werde dir die
Maschinen schicken.
Geißler ging.
Ob das nun wohl seine letzte Reise in die Gegend gewesen war?
6
Die letzte Gruppe von Arbeitern kommt vom Berg herunter, der Betrieb
hat völlig aufgehört, jetzt liegt der Berg wieder verödet da. Auch der
gemauerte Stall auf Sellanraa ist nun fertig. Er hat ein Notdach aus
Rasenstücken für den Winter bekommen. Der große Raum ist in einzelne
kleinere Räume eingeteilt, helle Räume, ein gewaltig großer Salon in
der Mitte und große Kabinette an den beiden Enden, ja, es ist gerade
wie für die Menschen. Isak hat einmal hier auf dem Platz mit einigen
Geißen zusammen in einer Gamme gewohnt; jetzt ist auf Sellanraa keine
Gamme mehr zu finden.
Der Stall wird mit Abteilungen, mit Ständen und Holzverschlägen
eingerichtet. Damit das alles rasch fertig wird, sind die beiden Maurer
immer noch da, aber Gustaf sagt, er verstehe nichts von der Holzarbeit,
und will nun weiter. Gustaf hat sich bei der Maurerarbeit als sehr
brauchbar erwiesen und hat Lasten gehoben wie ein Bär. Abends war er
allen zur Freude und Aufmunterung gewesen; er hatte die Mundharmonika
gespielt und hatte außerdem den Frauen geholfen, schwere Kufen hinunter
an den Fluß und wieder heraufzutragen. Aber jetzt will er abreisen.
Nein, die Holzarbeit verstehe er nicht, sagt er. Es ist gerade, als ob
er durchaus fort wolle.
Du könntest wohl noch bis morgen bleiben, sagt Inger. -- Nein, es gebe
jetzt hier keine Arbeit mehr für ihn, und er habe auch in den letzten
Grubenarbeitern Begleitung übers Gebirge. -- Wer wird mir jetzt beim
Wasserholen helfen? sagt Inger und lächelt wehmütig dabei. -- Da weiß
der flinke Gustaf sofort einen guten Rat; er nennt Hjalmar. -- Hjalmar
war der jüngste von den beiden Maurern, aber keiner von beiden war
so jung wie Gustaf oder sonst im mindesten wie er. -- Ach was, der
Hjalmar! erwidert Inger verächtlich. Aber plötzlich faßt sie sich und
will Gustaf reizen und sagt: Jawohl, der Hjalmar ist gar nicht so übel.
Und draußen auf dem Felsblock singt er schön. -- Ein Tausendsassa! sagt
Gustaf, ohne sich reizen zu lassen. -- Aber er könne doch die Nacht
über noch bleiben, meint Inger. -- Nein, dann ginge er der Begleitung
verlustig.
Oh, nun war Gustaf der Sache überdrüssig geworden. Es war ja prächtig
gewesen, sie den Kameraden vor der Nase wegzuschnappen und sie die
paar Wochen über, die er da arbeitete, zu haben. Aber nun wollte er
weiter, an andere Arbeit, vielleicht zu einer Liebsten daheim, das
waren neue Aussichten. Sollte er sich Ingers wegen hier ohne Arbeit
umhertreiben? Er hatte so gute Gründe, ein Ende zu machen, daß es Inger
doch wohl einsehen mußte. Aber sie war so keck geworden, dachte an
keine Verantwortung mehr und kümmerte sich um nichts. Sehr lange war es
allerdings nicht so zwischen den beiden gewesen, aber doch so lange,
als die Maurerarbeit währte.
Inger ist wirklich traurig, ja, sie geht in ihrer verirrten Treue so
weit, daß sie sich grämt. Das ist nicht gut für sie, sie ist ohne
Getue, einfach offen und ehrlich verliebt. Nein, sie schämt sich dessen
nicht, sie ist ein kraftstrotzendes Weib voller Schwachheit, sie geht
nur mit der Natur um sie her, sie ist voller Herbstglut. Während sie
etwas Mundvorrat für Gustaf zusammenpackt, wogt ihr der Busen vor
heftigen Gefühlen. Sie denkt nicht darüber nach, ob sie ein Recht dazu
hat, oder ob Gefahr dabei sein könnte, sie gibt sich einfach hin, sie
ist gierig geworden, zu schmecken, zu genießen. Isak könnte sie noch
einmal bis an die Decke heben und sie dann wieder auf den Boden stoßen
-- jawohl, sie enthielte sich dennoch nicht.
Nun geht sie mit ihrem Mundvorrat hinaus und gibt ihn ab. Sie hatte
neben der Treppe eine Kufe zurechtgestellt, die ihr Gustaf zum
letztenmal an den Fluß hinuntertragen helfen sollte. Vielleicht wollte
sie ihm noch etwas sagen, vielleicht ihm etwas zustecken, den goldenen
Ring, Gott weiß, es ist ihr alles zuzutrauen. Aber das muß jetzt ein
Ende haben, Gustaf dankt für den Mundvorrat, sagt Lebewohl und geht.
Und geht.
Da steht sie.
Hjalmar! ruft sie laut, ganz unnötig laut. Es klingt wie ein trotziger
Jubelruf, wie ein Notschrei.
Gustaf geht ...
Den Herbst über wird nun in der ganzen Gegend bis zum Dorf hinunter die
gewöhnliche Arbeit getan; die Kartoffeln werden herausgehackt, das Korn
hereingeschafft, die Kühe werden auf die Weide gelassen. Es sind acht
Ansiedlungen, und überall drängt die Arbeit; aber auf dem Handelsplatz
Storborg haben sie kein Vieh und kein bestelltes Land, sie haben nur
einen Garten, und Handel haben sie auch keinen mehr, auf Storborg
gibt's keine dringende Arbeit.
Auf Sellanraa haben sie eine neue Hackfrucht, die Turnips heißt, die
steht grün und riesengroß da und weht mit den Blättern, und es ist
ganz unmöglich, die Kühe davon fernzuhalten, diese brechen alle Gatter
nieder und stürmen brüllend darauf zu. Darum müssen nun Leopoldine und
die kleine Rebekka das Turnipsfeld hüten, die kleine Rebekka hat eine
große Rute in der Hand und jagt die Kühe mit wütendem Eifer. Der Vater
arbeitet in der Nähe, und von Zeit zu Zeit kommt er her, befühlt ihre
Hände und Füße und fragt, ob sie nicht friere. Leopoldine, die groß
und beinahe erwachsen ist, strickt beim Hüten Strümpfe und Socken für
den Winter. Sie ist in Drontheim geboren und war fünf Jahre alt, als
sie nach Sellanraa kam; die Erinnerung an eine große Stadt mit vielen
Menschen und an eine weite Reise auf dem Dampfschiff gleitet bei ihr
immer mehr in den Hintergrund, sie ist ein Landkind und kennt keine
andere große Welt als das Dorf dort unten, wo sie einige Male in der
Kirche gewesen und wo sie letztes Jahr konfirmiert worden ist ...
Jetzt kommen einige Nebenarbeiten an die Reihe, so der Weg abwärts, der
an einigen Stellen kaum fahrbar ist. Da die Erde noch nicht gefroren
ist, fangen Isak und Sivert eines schönen Tages an, an dem Wege Gräben
zu ziehen. Es sind noch zwei Stücke Moorland da, die entwässert werden
müssen.
Axel Ström hat versprochen, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, weil
auch er ein Pferd hat und den Weg braucht. Aber nun hat Axel ein
dringendes Geschäft in der Stadt -- was in aller Welt wollte er denn
dort --, es sei eine ganz dringende Sache, sagte er. Statt seiner
schickt er seinen Bruder von Breidablick zu dem Wegbau. Fredrik heißt
er.
Dieser Mann war jung und neu verheiratet, ein leichtlebiger Kunde, der
gerne sein Späßchen macht und trotzdem brauchbar ist. Er und Sivert
sind einander recht ähnlich. Nun war Fredrik, als er morgens heraufkam,
bei seinem nächsten Nachbarn Aronsen auf Storborg gewesen und noch ganz
erfüllt von dem, was ihm der Kaufmann gesagt hatte. Es hatte damit
angefangen, daß Fredrik eine Rolle Tabak verlangte. Ich werde dir
eine Rolle Tabak verehren, wenn ich selbst eine habe, sagte Aronsen.
-- So, habt Ihr nicht einmal mehr Tabak? -- Nein, und ich lasse auch
keinen mehr kommen, es ist ja niemand mehr da, der ihn kauft. Was
meinst du denn, daß ich an einer Rolle Tabak verdiene? Aronsen war in
recht schlechter Laune gewesen, er war der Ansicht, die schwedische
Grubengesellschaft habe ihn an der Nase herumgeführt. Nun hatte er sich
hier in der Einöde niedergelassen, um Handel zu treiben, und da wurde
der Grubenbetrieb eingestellt!
Fredrik lächelt behaglich über Aronsen und spottet über ihn: Nein, er
hat gar kein Land bestellt und hat nicht einmal Futter für sein Vieh,
das kauft er! Er ist bei mir gewesen und wollte Heu kaufen. Nein, ich
hatte kein Heu zu verkaufen. So, du brauchst also kein Geld? fragte er,
der Aronsen. Er meint, es sei alles, wenn man nur Geld habe, warf einen
Hundertkronenschein auf den Tisch und sagte: Da ist Geld. -- Ja, Geld
ist etwas Schönes, sagte ich. -- Das ist bom konstant, sagte er. Es ist
gerade, als sei er ab und zu ein bißchen närrisch, und seine Frau läuft
am hellen Werktag mit einer Taschenuhr umher -- was das nur für eine
wichtige Stunde sein mag, die sie nicht vergessen darf.
Sivert fragt: Hat der Aronsen nichts von einem Mann gesagt, der
Geißler heißt? -- Doch, das sei einer, der seinen Berganteil nicht
verkaufen wolle, sagte er. Aronsen war rasend: Ein abgesetzter
Lensmann, sagte er, der vielleicht keine fünf Kronen im Beutel hat, er
sollte totgeschossen werden! -- Ihr müßt nur ein wenig warten, sagte
ich. Vielleicht verkauft er später. -- Nein, sagte der Aronsen, das
darfst du nicht glauben. Das begreife ich als Kaufmann ganz gut, wenn
die eine Partei zweihundertfünfzigtausend verlangt und die andere
fünfundzwanzigtausend bietet, dann steht zuviel zwischen ihnen, das
gibt kein Geschäft. Aber Glück zu! sagte der Aronsen, wenn nur ich mit
den Meinigen den Fuß niemals in dieses Loch gesetzt hätte. -- Ja, denkt
Ihr vielleicht daran, zu verkaufen? fragte ich. -- Ja, sagte er, genau
an das denke ich. Diese Moorsümpfe, dieses Loch und diese Einöde! Ich
nehme ja keine Krone mehr am Tag ein, sagte er.