und was Inger betrifft, so gewann er sie für sich allein, obgleich
er nicht zudringlich war. Ein anderer junger Mann spielte die
Ziehharmonika, aber das war lange nicht dasselbe, wie wenn Gustaf die
Mundharmonika blies. Ein dritter junger Mann, auch ein Tausendsassa,
suchte dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß er auswendig
ein Lied zur Ziehharmonika sang; aber es war auch das nichts
Besonderes, obgleich er eine rollende Stimme hatte. Nach kurzer Zeit
hatte Gustaf wahrhaftig Ingers goldenen Ring an seinem kleinen Finger
stecken. Und wie war das zugegangen, da er sich doch nicht aufgedrängt
hatte? Ei, er drängte sich genügend herzu, aber er machte es in aller
Stille, gerade wie sie auch, es ging ohne Worte, sie tat, wie wenn sie
es gar nicht merkte, als er sich mit ihrer Hand zu schaffen machte. Als
sie dann später in der Barackenküche saß und Kaffee trank, hörte sie
draußen etwas Lärm und Streit, und sie begriff, daß dies sozusagen ihr
zu Ehren war. Das reizte sie auf, das alte Birkhuhn saß da und lauschte
auf ein angenehmes Geräusch.
Wie Inger an jenem Sonntagabend von den Bergen nach Hause kam? Ho,
ausgezeichnet, ebenso tugendhaft, wie sie gegangen war, nicht mehr
und nicht minder. Viele Männer gaben ihr das Geleite, und die vielen
Männer wollten nicht umkehren, solange Gustaf bei ihr war, sie gaben
nicht nach, sie wollten nicht nachgeben! Nicht einmal draußen in der
großen Welt hatte es Inger so unterhaltend gehabt. -- Ob Inger nichts
vermisse, fragten sie schließlich. -- Vermissen, nein. -- Den goldenen
Ring! sagten sie. -- Nun mußte Gustaf damit herausrücken, er hatte ein
ganzes Heer gegen sich. -- Es ist gut, daß du ihn gefunden hast, sagte
Inger und beeilte sich, von ihrem Gefolge Abschied zu nehmen.
Sie näherte sich Sellanraa und sah die vielen Dächer, dort unten war
ihr Heim. Sie erwachte wieder zu der tüchtigen Frau, die sie war; sie
geht einen Fußweg am Sommerstall vorbei, um nach dem Vieh zu sehen, und
auf dem Wege dahin kommt sie an einer Stelle vorbei, die sie gut kennt:
hier lag einmal ein kleines Kind begraben, sie hatte die Erde mit den
Händen zusammengescharrt und ein kleines Kreuz darauf gesteckt. Ach,
wie lange war das her! Und gleich denkt sie weiter: Ob wohl die Mädchen
gemolken und für den Abend alles in Ordnung gebracht haben!
Die Grubenarbeit geht weiter, jawohl, aber es wird gemunkelt, daß der
Berg nicht halte, was er versprochen habe. Der Sachkundige, der nach
Hause gereist war, kommt wieder und hat noch einen zweiten Sachkundigen
bei sich, sie bohren und sprengen und untersuchen gründlich. Was ist
denn nicht in Ordnung? Das Kupfer ist fein genug, daran fehlt es nicht,
aber die Ader ist dünn, sie nimmt nach Süden an Dicke zu und fängt
gerade da, wo die Grenzlinie der Gesellschaft geht, erst an, dick
und herrlich zu werden, aber da ist die Allmende. Seht, die ersten
Käufer hatten sich wohl nicht viel bei ihrem Kauf gedacht, es war ein
Familienrat, Verwandte, die auf Spekulation kauften; sie hatten sich
nicht den ganzen Berg gesichert, all die vielen Meilen bis zum nächsten
Tale, nein, sie kauften ein Stückchen von Isak Sellanraa und Geißler
und verkauften dann wieder.
Und was ist nun zu tun? Die Herren und die Vorarbeiter und die
Sachkundigen wissen das sehr gut, sie müssen sofort mit dem
Staat verhandeln. Sie schicken also eine Stafette nach Hause mit
Briefschaften und Karten und reiten danach selbst zum Lensmann, um
Beschlag auf den ganzen Bergzug auf der Südseite des Wassers zu legen.
Aber jetzt treffen sie auf allerlei Schwierigkeiten. Das Gesetz steht
ihnen im Weg, sie sind Ausländer, sie können nicht direkt kaufen.
Das wissen sie wohl, da haben sie vorgesorgt. Allein die Südseite des
Berges ist bereits verkauft, das haben sie nicht gewußt. -- Verkauft?
sagen die Herren. -- Schon lange, schon seit mehreren Jahren. -- Wer
hat das Land gekauft? -- Geißler. -- Was für ein Geißler? Ach der? --
Verbrieft und versiegelt, sagt der Lensmann. Es ist kahler Fels, er hat
ihn beinahe für nichts bekommen. -- Aber zum Kuckuck, was ist denn das
für ein Geißler, von dem wir immer wieder hören! Wo ist er? -- Gott
weiß, wo er ist.
Die Herren mußten eine neue Stafette nach Schweden schicken. Und sie
mußten ja auch versuchen, herauszubringen, wer dieser Geißler war.
Vorläufig konnten sie nicht mehr mit voller Mannschaft weiterarbeiten
lassen.
Nun kam Gustaf hinunter nach Sellanraa; er trug all sein irdisch Gut
auf dem Rücken und sagte, nun komme er! Jawohl, Gustaf hatte den Dienst
bei der Gesellschaft verlassen, das heißt, er hatte sich am letzten
Sonntag etwas zu offenherzig über den Kupferberg geäußert, seine Worte
waren dem Vorarbeiter und dem Ingenieur hinterbracht worden, und Gustaf
hatte den Abschied erhalten. Glückliche Reise, und außerdem war es
vielleicht gerade das, was er gewollt hatte: nun erweckte es keinen
Verdacht, wenn er nach Sellanraa ging. Er bekam sofort Arbeit beim
Stallbau.
Sie mauern und mauern, und als kurz darauf noch ein Mann von den Bergen
kommt, findet auch er einen Platz bei der Arbeit; nun konnten zwei
Schichten gemacht werden, und die Arbeit ging rasch von der Hand. Der
Stall würde bis zum Herbst doch noch fertig werden.
Aber ein Arbeiter nach dem andern kam von den Bergen herunter, allen
war aufgekündigt worden, und sie zogen wieder heim nach Schweden. Der
Versuchsbetrieb sollte aufhören. Im Dorfe drunten ging es wie ein
Seufzer durch alle Menschen; seht, sie waren so töricht, sie begriffen
nicht, daß ein Probebetrieb ein Betrieb auf Probe ist, aber das war
es. Mißmut und schlimme Ahnungen ergriffen die Menschen im Dorfe, das
Geld wurde seltener, die Löhne wurden herabgesetzt, der Handelsplatz
Storborg verödete. Was sollte das alles bedeuten? Nun war doch alles
so schön im Gang, Aronsen hatte sich eine Flaggenstange und eine
Flagge angeschafft, er hatte sich für den Winter ein Eisbärfell für
seinen Familienschlitten gekauft und die ganze Familie mit großartigen
Kleidern ausstaffiert. Das waren ja nur Kleinigkeiten, aber es waren
auch große Dinge geschehen: zwei neue Ansiedler hatten sich Rodeland
in der Gegend gekauft, hoch oben zwischen Maaneland und Sellanraa,
das war keine unbedeutende Sache für diese kleine abgelegene Welt.
Die beiden Ansiedler hatten ihre Gammen errichtet, hatten gerodet und
Moore entwässert, es waren fleißige Leute, sie waren in kurzer Zeit
weit gekommen. Den ganzen Sommer über hatten sie ihre Nahrungsmittel
in Storborg gekauft, aber als sie das letztemal kamen, war fast
nichts mehr zu haben. Waren -- was sollte Aronsen mit Waren, wenn
der Grubenbetrieb aufgehört hatte? Nun hatte er beinahe keine Waren
mehr, er hatte nur Geld. Von allen Leuten in der Gegend war vielleicht
Aronsen der mißmutigste; er hatte sich mit seinem Überschlag gar zu
sehr verrechnet. Als ihm geraten wurde, sein Land zu bebauen und bis
bessere Zeiten kämen, davon zu leben, antwortete er: Das Land bebauen?
Dazu bin ich mit den Meinen nicht hierhergekommen.
Zuletzt hielt es Aronsen nicht mehr aus, er wollte selbst hinauf zu
den Gruben und einmal nach der Sache sehen. Es war an einem Sonntag.
Als er nach Sellanraa kam, wollte er Isak mit hinaufnehmen; aber Isak
hatte noch keinen Fuß ins Gebirge gesetzt, seit dort der Betrieb
angefangen hatte, er gedieh am besten auf seiner Halde. Inger mußte
sich ins Mittel legen. Kannst du denn nicht mit Aronsen gehen, wenn er
dich darum bittet, sagte sie. Sieh einmal an, Inger hatte wohl nichts
dagegen, wenn Isak eine Weile von zu Hause weg war! Es war Sonntag, sie
wollte ihn wohl gerne ein paar Stunden los sein. So ging Isak also mit.
Sie sahen allerlei Neues auf dem Berge, Isak kannte sich in dieser
neuen Stadt von Baracken und Wagenschuppen und gähnenden Gruben gar
nicht mehr aus. Der Ingenieur selbst führte sie herum. Vielleicht
war dem guten Ingenieur zurzeit nicht so ganz leicht zumute, aber er
versuchte, der schweren Stimmung, die auf der ganzen Gegend und auf der
Gemeinde lastete, entgegenzuarbeiten. Da war nun eine gute Gelegenheit,
der Markgraf von Sellanraa selbst und der Kaufmann von Storborg waren
auf dem Platze.
Der Ingenieur erklärte die Gesteinsarten: Kies, Kupferkies, der
enthielt Kupfer, Eisen und Schwefel. Ja, er wußte bis aufs Tüpfelchen,
was der Berg enthielt, er enthielt sogar ein wenig Silber und Gold.
Man trieb nicht Bergbau, ohne seine Sache zu können. Aber soll das
nun aufhören? fragte Aronsen. -- Aufhören? wiederholte der Ingenieur
erstaunt. Damit wäre Südamerika nicht gedient. Mit dem Versuchsbetrieb
würde nun eine Weile Schluß gemacht, sie hätten ja jetzt gesehen, was
vorhanden war, jetzt würde erst die Luftbahn gebaut, und dann erst
werde es in dem Gebirge nach Süden zu losgehen. Isak wisse wohl nicht,
wo dieser Geißler hingekommen sei? -- Nein. -- Na, er werde schon zu
finden sein. Dann gehe es erst recht im Ernst los. Was, aufhören!
Isak ist in Verwunderung und Bewegung geraten über eine kleine
Maschine, die mit dem Fuß getreten wird; er erkennt sofort, was das
ist; das ist ja eine kleine Schmiede, die auf einem Karren geführt und
überall aufgestellt werden kann. -- Was kostet eine solche Maschine?
fragt Isak. -- Diese? Die Feldesse? Oh, die kostet nicht viel. Sie
hätten mehrere solche, aber sie hätten ganz andere Maschinen und
Einrichtungen drunten an der See, ungeheure Maschinen. Isak werde wohl
begreifen, daß man solchen tiefen Tälern und Abgründen in den Bergen
nicht mit Nägeln zu Leibe gehen könne, hahaha.
Sie gehen weiter, und der Ingenieur erzählt, daß er in den nächsten
Tagen nach Schweden abzureisen gedenke. -- Aber Ihr kommt doch wieder?
fragt Aronsen. -- Natürlich. Der Ingenieur war sich nichts bewußt,
weshalb ihn die Regierung oder die Polizei zu Hause festsetzen könnte.
Isak richtete es so ein, daß sie noch einmal vor die kleine Schmiede
zu stehen kamen. Wieviel kann solch eine Esse kosten? fragt er. --
Kosten. Das wußte der Ingenieur wahrhaftig nicht mehr. Sie kostet ja
wohl einiges Geld, aber bei einem so großen Betrieb kommt das gar nicht
in Betracht. Der prächtige Ingenieur, vielleicht war ihm jetzt gerade
nicht ganz leicht zu Sinn, aber er wahrte den Schein und tat großartig
bis zuletzt. Ob Isak eine Feldesse brauchen könne? Dann solle er nur
diese nehmen. Seine Gesellschaft sei mächtig genug, sie schenke ihm die
Feldesse!
Eine Stunde später wandern Isak und Aronsen wieder nach Hause. Aronsen
ist ruhiger geworden und hat ein wenig Hoffnung geschöpft, Isak
schreitet den Berg hinunter mit der kostbaren Feldesse auf dem Rücken.
Der alte Prahm war es gewöhnt, Lasten zu tragen! Der Ingenieur hatte
angeboten, am nächsten Tag das Kleinod durch einen Mann nach Sellanraa
zu schicken, aber Isak dankte und sagte, das sei nicht nötig. Er
dachte, wie die zu Hause sich verwundern würden, wenn er mit einer
Schmiede auf dem Rücken ankam!
Aber es war Isak, der sich verwundern mußte, als er heimkam.
Dort kam gerade ein Pferd mit einer ganz sonderbaren Wagenladung
auf den Hof gefahren. Der Kutscher war ein Mann aus dem Dorfe, aber
nebenher schritt ein Herr, den Isak verwundert anstarrte: es war
Geißler.
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Isak hätte sich auch sonst noch über das eine oder andere verwundern
können, aber er war nicht dazu geschaffen, an viele Dinge auf einmal zu
denken. Wo ist Inger? fragte er nur, als er an der Küchentür vorbeikam,
denn er dachte daran, daß Geißler ordentlich bewirtet werden müsse.
Inger? Sie war in die Beeren gegangen, war in den Beeren gewesen, seit
Isak auf den Berg gestiegen war, sie mit Gustaf, dem Schweden. Das alte
Ding, sie war so toll und verliebt; es ging zwar dem Herbst und dem
Winter zu, aber sie fühlte wieder Sommerhitze in sich, ihr Herz blühte!
Komm und zeig mir, wo Multebeeren wachsen, sagte Gustaf. Wer hätte da
widerstehen können! Sie lief in ihre Kammer und war einige Minuten lang
ernst und fromm; aber er stand draußen und wartete, die Welt war ihr
dicht auf den Fersen; sie ordnete ihre Haare, beschaute sich nach allen
Seiten im Spiegel und ging dann wieder hinaus. Was weiter, wer hätte
das auch nicht getan! Die Frauen können den einen Mann nicht von dem
andern unterscheiden, nicht immer, nicht oft. --
Sie gehen also in die Beeren und pflücken, pflücken Multebeeren auf dem
Moor, sie steigen von einem Erdhaufen auf den andern, sie hebt ihre
Röcke in die Höhe und läßt ihre schönen Waden sehen. Rundum ist es
still, das Schneehuhn hat schon große Junge und zischt nicht mehr, es
gibt weiche Plätzchen im Gebüsch auf dem Moor. Sie sind noch nicht eine
Stunde gegangen, und schon ruhen sie aus. Inger sagt: Bist du so einer!
Ach, sie ist so schwach ihm gegenüber, sie lächelt verlegen, denn
sie ist sehr verliebt; ach, wie ist doch Verliebtsein süß und bitter
zugleich! Schick und Brauch verlangen wohl, sich zu wehren. Ja, um
endlich doch nachzugeben. Inger ist sehr verliebt, sterblich und ohne
Gnade verliebt, sie will ihm wohl und ist nur gut und herzlich gegen
ihn.
Das alte Ding!
Wenn der Stall fertig ist, dann gehst du fort, sagt sie. -- Nein, er
gehe nicht fort. Natürlich müsse er einmal fortgehen, aber nicht schon
in einer Woche. -- Wollen wir nicht heimgehen? fragt sie. -- Nein.
Sie pflücken Beeren, und nach einer Weile finden sie wieder weiche
Plätzchen im Gebüsch, und Inger sagt: Du bist verrückt, Gustaf! Die
Stunden vergehen, jetzt sind sie wohl im Gebüsch eingeschlafen. Sind
sie eingeschlafen? Das ist ausgezeichnet, mitten im Ödland, in Eden.
Da setzt sich Inger auf und horcht und sagt: Ich meine, ich höre weit
drüben auf dem Weg einen Wagen fahren.
Die Sonne sinkt; während sie heimgehen, werden die Heidehügel im
Schatten dunkler. Sie kommen noch an vielen geschützten Stellen vorbei,
Gustaf sieht sie, und Inger sieht sie wohl auch, aber sie meint die
ganze Zeit, es fahre jemand vor ihnen her. Aber sich auf dem ganzen
Heimweg gegen einen närrischen hübschen Jungen wehren müssen? Inger ist
sehr schwach, sie lächelt nur und sagt: Nein, so einen wie dich hab'
ich doch noch nie gesehen!
Inger kommt allein nach Hause. Es ist gut, daß sie jetzt kommt,
großartig ist es, eine Minute später wäre nicht so gut gewesen. Isak
ist gerade mit seiner Schmiede und mit Aronsen in den Hof getreten,
und ein Pferd mit einem Wagen hält auch eben vor der Tür.
Guten Tag! sagt Geißler und begrüßt dann auch Inger.
Da stehen diese Menschen und schauen einander an. Es könnte nicht
besser passen.
Geißler ist wiedergekommen. Er ist einige Jahre weggewesen, aber jetzt
ist er wieder da, etwas älter und grauer, aber lebhaft wie immer, und
jetzt ist er fein gekleidet, trägt eine weiße Weste und eine goldene
Kette. Der Teufel versteht diesen Mann!
Hat er Kunde erhalten, daß jetzt auf dem Kupferberg etwas vor sich
ging, und wollte er die Sache untersuchen? Gut, hier war er. Er
sieht hell wach aus, mustert Häuser und Felder, indem er den Kopf
sachte hin und her dreht und die Blicke wandern läßt; er sieht große
Veränderungen, der Markgraf hat seine Herrschaft erweitert. Geißler
nickt befriedigt.
Was schleppst du denn da herbei? fragte er Isak. Das ist ja eine ganze
Pferdelast! sagt er. -- Eine Schmiedeesse, erklärt Isak. Die wird mir
hier auf der Ansiedlung manches liebe Mal zugute kommen, sagt er und
heißt Sellanraa immer noch eine Ansiedlung. -- Wo hast du sie her? --
Der Ingenieur droben auf dem Berg hat sie mir geschenkt. -- Ist auf dem
Berg ein Ingenieur? fragt Geißler, wie wenn er es nicht wüßte.
Sollte Geißler hinter dem Ingenieur auf dem Berg zurückstehen? Ich habe
gehört, daß du dir eine Mähmaschine gekauft hast, jetzt habe ich dir
dazu einen Heurechen mitgebracht, sagt er und deutet auf den Wagen.
Da stand die Maschine, rot und blau, ein unmäßig großer Kamm, ein
Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Sie hoben die Maschine
vom Wagen und betrachteten sie, Isak spannte sich vor und versuchte sie
auf der nackten Erde. Der Mund stand ihm offen vor Verwunderung. Ein
Wunder nach dem andern war nach Sellanraa gekommen.
Sie sprachen über den Kupferberg, über das Bergwerk. Sie haben dort
eifrig nach Euch gefragt, sagt Isak. -- Wer hat gefragt? -- Der
Ingenieur und alle die Herren. Sie müßten Euch unbedingt auffinden,
sagten sie. Ach, Isak machte sicher zuviel aus der Sache, Geißler
vertrug das vielleicht nicht, er machte einen steifen Nacken und sagte:
Da bin ich, wenn sie etwas von mir wollen.
Den Tag darauf kamen die beiden Stafetten aus Schweden zurück, und mit
ihnen kamen zwei von den Eigentümern des Bergwerks; sie waren zu Pferd,
vornehme, dicke Herren und allem Anschein nach steinreich. Sie hielten
auf Sellanraa fast nicht an, sondern erkundigten sich nur vom Pferd
aus nach dem Wege und ritten weiter nach dem Berge zu. Sie taten, als
ob sie Geißler gar nicht sähen, obgleich er ganz in der Nähe stand.
Die Stafetten mit den beladenen Packpferden ruhten eine Stunde aus,
unterhielten sich mit den Maurern, die am Stall arbeiteten, erfuhren,
daß der alte Herr mit der weißen Weste und der goldenen Kette Geißler
sei, und dann zogen auch sie weiter. Aber die eine der Stafetten kam
noch am selben Abend wieder auf den Hof herunter mit der mündlichen
Botschaft, Geißler solle zu den Herren hinaufkommen. Hier bin ich, wenn
sie etwas von mir wollen, ließ Geißler antworten.
Geißler war großartig geworden, er dachte vielleicht, er habe die
ganze Welt in der Tasche, oder fand er eine mündliche Botschaft gar zu
nachlässig? Aber wie ging es zu, daß er gerade in dem Augenblick nach
Sellanraa kam, wo man ihn brauchte? War er denn allwissend? Na, als
die Herren auf dem Berge diese Antwort bekamen, mußten sie sich wohl
oder übel nach Sellanraa herabbemühen. Der Ingenieur und die beiden
Sachverständigen kamen mit.
Aber es waren noch allerlei Wendungen und Winkelzüge notwendig, ehe die
Zusammenkunft zustande kam. Das versprach nicht viel Gutes, Geißler tat
ungeheuer großartig.
Die Herren waren jetzt recht höflich, sie baten Geißler, zu
entschuldigen, daß sie gestern nach ihm geschickt hätten, sie seien
von der Reise sehr ermüdet gewesen. Geißler war auch wieder höflich,
er erwiderte, auch er sei von seiner Reise ermüdet gewesen, sonst wäre
er hinaufgekommen. Ja, aber nun zur Sache: Ob er den Berg auf der
Südseite des Wassers verkaufen wolle? -- Sind die Herren selbst Käufer
oder spreche ich mit Zwischenhändlern? -- Das war die reine Bosheit von
Geißlers Seite, er mußte doch sehen, daß diese vornehmen und dicken
Herren keine Zwischenhändler sein konnten. Dann ging es weiter: Der
Preis? fragten sie. -- Ja, der Preis! sagte auch Geißler und überlegte.
Zwei Millionen, sagte er dann. -- Ach so, sagten die Herren und
lächelten. -- Aber Geißler lächelte nicht.
Der Ingenieur und die Sachverständigen hatten so obenhin den Berg
untersucht, hatten einige Löcher gebohrt und gesprengt, und das
Ergebnis lautete also: Das Vorkommen des Kupfers war auf Eruptionen
zurückzuführen, die Kupferfunde waren sehr ungleich verteilt,
nach der vorläufigen Untersuchung waren sie am mächtigsten an der
Grenze zwischen dem Eigentum der Gesellschaft und dem von Geißler,
weiterhin nahmen sie wieder ab. Auf der letzten halben Meile kam kein
abbauwürdiger Kupferkies mehr vor.
Geißler hörte diesem Bericht mit der größten Gleichgültigkeit zu. Er
zog einige Dokumente aus der Tasche, die er aufmerksam durchsah, aber
es waren keine Karten, und Gott weiß, ob sie überhaupt den Kupferberg
betrafen. -- Es ist nur nicht tief genug gebohrt worden, sagte er, als
ob er das aus seinen Papieren entnehme. Das gaben die Herren sofort
zu; aber der Ingenieur fragte, wie Geißler das wissen könne, er habe
ja überhaupt gar nicht gebohrt. -- Da lächelte Geißler, als ob er
mindestens ein paar hundert Meter tief in den Erdball hineingebohrt,
aber dann die Bohrlöcher unkenntlich gemacht habe.
Bis Mittag redeten sie hin und her, dann schauten die Herren auf ihre
Uhren. Geißler war mit seinen Ansprüchen bis auf eine Viertelmillion
heruntergegangen, aber weiter herunter ging er nicht um Haaresbreite.
Nein, sie mußten ihn ernstlich verletzt haben, sie gingen von der
Anschauung aus, daß er gerne verkaufen würde, daß er genötigt sei
zu verkaufen; aber das war er nicht, hoho, konnten sie denn nicht
sehen, daß er beinahe ebenso vornehm und großartig war wie sie? --
Fünfzehn- bis zwanzigtausend seien auch eine schöne Summe, meinten die
Herren. -- Geißler sagte: Dagegen sei nichts einzuwenden, wenn man
das Geld gerade nötig habe, aber zweihundertundfünfzigtausend seien
mehr. -- Da sagte einer von den Herren, und er sagte das, um Geißler
gleichsam niederzudrücken: Eben fällt mir ein, wir sollen Sie von Frau
Geißlers Verwandten in Schweden grüßen. -- Danke! sagte Geißler. --
Apropos! sagte der andere Herr, da dies nichts genützt hatte. Eine
Viertelmillion! Es ist doch aber kein Gold, sondern Kupferkies. --
Geißler nickte. Ja, es ist Kupferkies.
Da wurden die Herren alle miteinander ungeduldig, fünf Uhrendeckel
sprangen auf und klappten wieder zu, und jetzt war keine Zeit mehr
zum Scherzen, jetzt war Mittag. Die Herren verlangten kein Essen auf
Sellanraa, sie ritten zurück zu den Gruben und speisten dort ihr
eigenes Essen.
So verlief diese Zusammenkunft.
Geißler blieb allein zurück.
Was waren das wohl für Überlegungen, die ihn bewegten? Vielleicht
gar keine, vielleicht war es ihm gleichgültig, und er überlegte gar
nicht. O nein, er überlegte, aber er ließ keinerlei Unruhe merken. Nach
dem Mittagessen sagte er zu Isak: Ich wollte eigentlich einen weiten
Gang über meinen Berg machen und hätte wie das letztemal Sivert gerne
mitgenommen. -- Isak sagte augenblicklich zu. -- Nein, er hat anderes
zu tun, erklärte Geißler. -- Er soll sofort mit Euch gehen, sagte Isak
und rief Sivert von seiner Maurerarbeit ab. -- Aber Geißler hob die
Hand und sagte kurz: Nein!
Er trieb sich auf dem ganzen Hof herum, kam auch mehrere Male wieder
bei den Maurern vorbei und unterhielt sich da lebhaft mit ihnen. Daß
er das konnte, wo ihn doch eben erst so etwas Wichtiges in Anspruch
genommen hatte! Oh, vielleicht hatte er solange in unsicheren
Verhältnissen gelebt, daß eigentlich für ihn gar nichts mehr auf dem
Spiele zu stehen schien, einen schwindelnden Sturz würde er auf keinen
Fall tun.
Hier stand er nun vor einem reinen Glücksfall. Nachdem er das kleine
Grubenstück an die Verwandten seiner Frau verkauft hatte, ging er
stracks hin und kaufte den ganzen übrigen Berg; warum hatte er das
getan? Wollte er die jetzigen Eigentümer dadurch ärgern, daß er ihr
nächster Nachbar wurde? Ursprünglich hatte er wohl nur auf der Südseite
des Wassers, da, wohin die Grubenstadt kommen mußte, wenn je ein
Bergwerk errichtet wurde, einen Streifen haben wollen; Eigentümer des
ganzen Berges aber wurde er, weil ihn dies beinahe nichts kostete, und
weil er sich die Mühe einer weitläufigen Grenzabsperrung sparen wollte.
Er wurde Bergkönig aus Gleichgültigkeit, ein kleiner Bauplatz für
Baracken und Maschinenschuppen wurde zu einem Reiche, das bis hinunter
ans Meer ging.
In Schweden ging der erste kleine Grubenteil von Hand zu Hand, und
Geißler hielt sich über dessen Schicksal stets unterrichtet. Natürlich
hatten die ersten Besitzer dumm gekauft, verrückt dumm, der Familienrat
war nicht sachverständig gewesen, und die Herren hatten sich kein
genügend großes Stück des Berges gesichert, sie hatten nur einen
gewissen Geißler abfinden und sich ihn vom Halse schaffen wollen.
Aber die neuen Besitzer waren nicht weniger komische Leute, sie waren
gewaltige Männer, die sich einen Scherz erlauben und nur so zum
Vergnügen, etwa bei einem Gelage, kaufen konnten, wer weiß! Aber als es
nun zu einem Versuchsbetrieb kam und Ernst aus der Sache wurde, standen
sie plötzlich vor einer Mauer: Geißler.
Sie sind Kinder! dachte Geißler vielleicht von seiner Höhe herunter, er
war sehr mutig und steifnackig geworden. Die Herren hatten allerdings
versucht, ihn mit kaltem Wasser zu begießen, sie hatten geglaubt, vor
einem Dürftigen zu stehen und deshalb ein Wörtlein von so fünfzehn bis
zwanzigtausend fallen lassen. Sie waren Kinder, sie kannten Geißler
nicht. Hier stand er.