Sivert. Er kommt mit fertigen Häusern, die er herführen läßt und im
Handumdrehen aufstellt. -- So, dann hat er also Geld? -- Das muß er
wohl haben. Er kommt mit Familie, mit einer Frau und drei Kindern.
Und er hat Vieh und Pferde. -- Ja, dann hat er Geld, sagt Axel. Hast
du sonst nichts gehört? -- Nein. Er sei dreiunddreißig Jahre alt.
-- Wie heißt er denn? -- Aron, wird behauptet. Seinen Hof hat er
Storborg genannt. -- So, also Storborg, die große Burg. Ja, ja, das
ist nicht klein. -- Er ist von der Küste. Es heißt, er sei bis jetzt
beim Fischhandel gewesen. -- Dann kommt es also darauf an, ob er etwas
von der Landwirtschaft versteht, sagt Axel. Hast du sonst nichts von
ihm gehört? -- Nein. Er hat bar bezahlt, als er den Kaufbrief bekam.
Sonst hab' ich nichts gehört. Aber es heißt, er habe ein Heidengeld
mit seiner Fischerei verdient. Jetzt wolle er sich hier niederlassen
und Handel treiben. Ja, das wird behauptet. -- So, er will also Handel
treiben!
Das war das allerwichtigste, und die beiden Nachbarn besprachen
die Sache nach allen Seiten, während sie dahinfuhren. Es war eine
große Neuigkeit, vielleicht die größte in der ganzen Geschichte der
Ansiedlung, und es gab viel zu besprechen: Mit wem wollte der neue
Ansiedler Handel treiben? Mit den acht Gehöften auf der Allmende?
Oder hoffte er auch auf Kunden aus dem Dorfe? Auf jeden Fall würde ein
Kaufladen von großer Bedeutung sein, vielleicht vermehrte das auch die
Kolonisierung, und die Güter stiegen im Preise, wer konnte es wissen!
Wie sie redeten und der Sache nicht müde wurden! Diese beiden Männer
hatten ihre Interessen und ihre Ziele, die ebenso wichtig waren wie
die anderer, das Land war ihre Welt, die Arbeit, die Jahreszeiten,
die Ernte waren die Abenteuer, die sie erlebten. War dabei nicht auch
Spannung? Ho, Spannung genug! Oftmals konnten sie nur kurze Zeit
schlafen, oftmals mußten sie über die Mahlzeiten weg arbeiten, sie
konnten das ertragen, sie hatten die Gesundheit dazu; sieben Stunden
unter einem Föhrenstamm schadete ihnen nichts an Leben und Gesundheit,
wenn die Knochen ganz geblieben waren. Ein Leben in einer Welt ohne
Weite, ohne Ausblick? So! Aber welch eine Welt von Ausblick bot dieses
Storborg mit seinem Handel draußen auf dem Ödland!
Bis Weihnachten wurde darüber geredet ...
Axel hatte einen Brief erhalten, einen großen Brief mit einem Löwen
darauf, der war vom Staate: er solle die Telegraphendrähte, die Geräte
und das Werkzeug bei Brede Olsen abholen und von Neujahr an die
Aufsicht über die Linie übernehmen.
4
Mit vielen Pferden wird über das Moor gefahren, die Häuser werden dem
neuen Ansiedler zugefahren, eine Wagenladung nach der andern, tagelang.
An einer Stelle, die später Storborg heißen soll, wird abgeladen; das
Anwesen wird auch gewiß einmal sehr groß, vier Mann sind drüben am Hang
und brechen Steine zu einer Mauer und zwei Kellern aus.
Es wird gefahren und gefahren. Jeder Balken ist schon genau zugehauen,
sie brauchen, wenn der Frühling kommt, nur zusammengefügt werden,
das ist fein ausgerechnet; die Balken haben laufende Nummern, und es
fehlt keine Tür, kein Fenster, ja nicht eine farbige Glasscheibe für
die Veranda. Und eines Tages kommt ein Wagen mit einer hohen Last von
Latten daher. Was ist das? Einer von den Ansiedlern unterhalb von
Breidablick weiß es; er ist aus dem Süden und hat das schon früher
gesehen. Das gibt einen Gartenzaun, sagt er. -- Der neue Mann will sich
also hier im Ödland einen Garten anlegen, einen großen Garten.
Das schien sich gut anzulassen, noch niemals hatte es einen solchen
Verkehr über die Moore gegeben, und viele Pferdebesitzer verdienten ein
schönes Geld durch Fuhren, die sie leisteten. Sie besprachen auch die
Sache mündlich unter sich: Nun war Aussicht auf zukünftigen Verdienst,
der Kaufmann würde seine Waren aus dem In- und Ausland beziehen, und
sie mußten mit vielen Pferden von der See heraufgeführt werden.
Es sah aus, als ob alles recht großartig werden würde. Ein junger
Aufseher oder Bevollmächtigter war angekommen, der den Fuhrbetrieb
leitete, er trieb und drängte und schien nicht Pferde genug auftreiben
zu können, obgleich nicht mehr allzu viele Wagenladungen übrig waren.
Es sind ja gar nicht so viele Wagenladungen von den Häusern mehr übrig,
wurde ihm gesagt. -- Ja, aber alle Waren, erwiderte er. -- Sivert von
Sellanraa kam wieder wie gewöhnlich mit leerem Wagen dahergefahren,
und der Aufseher rief ihm zu: Warum kommst du leer? Du hättest doch
eine Wagenladung für uns bis Storborg mitnehmen können. -- Das hätte
ich wohl können, aber ich wußte nichts davon, entgegnete Sivert. -- Er
ist von Sellanraa, und sie haben dort zwei Pferde, flüsterte jemand
dem Aufseher zu. -- Ist es wahr, daß ihr zwei Pferde habt? fragte
dieser. Komm mit beiden her und leiste Fuhren für uns, hier ist Geld
zu verdienen. -- Ja, das wäre nicht so uneben, meinte Sievert. Aber
jetzt gerade haben wir schlecht Zeit! -- Hast du keine Zeit, Geld zu
verdienen? fragte der Aufseher.
Nein, auf Sellanraa hatten sie nicht immer übrige Zeit, es war da gar
zu viel zu tun. Und jetzt hatten sie sogar zum erstenmal Männer zur
Hilfe gedingt, zwei schwedische Maurer sprengten Steine zu einem Stall.
Dieser Stall war seit vielen Jahren Isaks großer Gedanke gewesen,
die Gamme für das Vieh wurde allmählich zu klein und zu dürftig, ein
steinerner Stall mit doppelten Mauern und einer richtigen Dungstätte
sollte es werden. Aber es war so vieles, was gemacht werden sollte,
das eine zog immer wieder das andere nach sich; jedenfalls hörte das
Bauen niemals auf. Isak hatte ein Sägewerk und eine Mühle und einen
Sommerstall, warum sollte er nicht auch eine Schmiede haben? Nur eine
kleine Schmiede zur Nothilfe, es war ja so weit ins Dorf, wenn der
Vorhammer sich bog oder man ein paar neue Hufeisen brauchte. Eine Esse
und einen Amboß, warum sollte er die nicht haben? Im ganzen entstanden
ja so viele große und kleine Gebäude auf Sellanraa.
Der Hof wird immer größer, wird gewaltig groß, es geht auch nicht
mehr ohne Dienstmagd, und Jensine muß ganz dableiben. Ihr Vater, der
Schmied, fragt gelegentlich nach ihr, und ob sie nicht bald wieder
heimkomme, aber er besteht nicht darauf, er ist sehr nachgiebig und
hat wohl eine Absicht dabei. Sellanraa liegt am höchsten in der
Allmende und nimmt immer mehr zu, nimmt zu an Häusern und an Grund
und Boden, die Menschen sind immer dieselben. Die Lappen kommen jetzt
nicht mehr vorbei und spielen sich als Herren in der Ansiedlung auf,
das hat längst aufgehört. Die Lappen kommen überhaupt nicht mehr
oft vorbei, sie machen lieber einen großen Bogen um den Hof herum,
jedenfalls kommen sie nicht mehr ins Haus herein, sie bleiben draußen
stehen, wenn sie überhaupt stehenbleiben. Die Lappen treiben sich in
der Einöde, im Dunkeln herum; wenn sie in Licht und Luft gebracht
werden, gehen sie ein wie Maden und Ungeziefer. Ab und zu verschwindet
an einer entlegenen Stelle ein Kalb oder ein Lamm, ganz weit draußen,
wo Sellanraa aufhört. Dagegen ist nichts zu machen. Natürlich kann
Sellanraa das tragen. Und wenn Sivert auch schießen könnte, so hätte
er doch keine Flinte, aber er kann nicht schießen, er ist lustig und
unkriegerisch, ein großer Schelm. Außerdem ist das Abschießen von
Lappen wohl verboten, sagt er.
Sellanraa kann kleine Verluste seines Viehstandes verschmerzen, denn es
ist groß und stark, aber es ist nicht ohne Sorgen, ach nein! Inger ist
keineswegs das ganze Jahr hindurch mit sich und ihrem Leben zufrieden,
nein, sie hat einmal eine große Reise gemacht, und da ist wohl eine
Art verderblicher Abgespanntheit über sie gekommen. Die verschwindet
und kommt wieder. Sie ist rasch und fleißig wie in ihren besten Tagen,
und sie ist eine hübsche und gesunde Frau für ihren Mann, für den
Mühlengeist, aber hat sie nicht auch Erinnerungen von Drontheim? Träumt
sie niemals? Doch und besonders während des Winters. Da gärt zuweilen
eine ganz verfluchte Lebenslust in ihr, und da sie nicht allein tanzen
kann, gibt es keinen Ball. Schwere Gedanken und ein Andachtsbuch? Ach
ja, jawohl, aber Gott weiß, das andere ist auch schön und herrlich! Sie
ist genügsam geworden; die schwedischen Maurer sind jedenfalls fremde
Menschen und ungewohnte Stimmen auf dem Hofe, aber es sind ältere und
ruhige Männer, die nicht spielen, sondern arbeiten. Aber sie sind doch
besser als gar nichts, sie bringen doch etwas Leben mit sich, der eine
singt wunderschön, und Inger bleibt bisweilen stehen und hört ihm zu.
Der Mann heißt Hjalmar.
Aber damit ist noch nicht alles gut und recht auf Sellanraa. Da ist
zum Beispiel die große Enttäuschung mit Eleseus. Von ihm war ein
Brief gekommen, daß seine Stelle bei dem Ingenieur aufgehört habe,
aber er werde bald eine andere bekommen, er müsse nur warten. Dann
kam ein Brief, er könne, während er auf einen hohen Posten in einem
Büro warte, nicht von nichts leben, und als ihm von zu Hause ein
Hundertkronenschein geschickt wurde, schrieb er zurück, das habe gerade
genügt, einige kleine Schulden zu decken. -- So, sagte Isak. Aber nun
haben wir die Maurer und allerlei Auslagen, frag du nur den Eleseus, ob
er nicht lieber heimkommen wolle und uns helfen! -- Inger schrieb, aber
Eleseus wollte nicht wieder heimkommen, nein, er wollte die Reise nicht
unnötig noch einmal machen, lieber wollte er hungern.
Seht, es war wohl in der ganzen Stadt keine hohe Stelle in einem Büro
frei, und Eleseus war vielleicht auch nicht Draufgänger genug, sich
seinen Weg zu bahnen. Gott weiß, vielleicht war er auch nicht besonders
tüchtig. Geschickt und fleißig im Schreiben war er wohl, aber ob er
auch klug und gescheit war? Und wenn nicht, wie würde es ihm dann gehen?
Als er mit den zweihundert Kronen von zu Hause in die Stadt
zurückkehrte, kam diese sofort mit ihren unbezahlten Rechnungen daher,
und nachdem er diese beglichen hatte, mußte er sich einen Stock kaufen,
der alte Regenschirmstock tat es nicht mehr. Verschiedene andere Dinge,
die er sich anschaffen mußte, lagen auch nahe, eine Pelzmütze für den
Winter, wie alle seine Kameraden eine hatten, ein Paar Schlittschuhe,
einen silbernen Zahnstocher, um sich damit die Zähne zu stochern und
elegant damit zu deuten, wenn man bei einem Gläschen zusammensaß und
schwatzte. Und solange er noch reich war, hielt er die andern frei,
so gut er konnte; bei seinem Ankunftsfest ließ er mit der größten
Sparsamkeit ein halbes Dutzend Bierflaschen aufziehen. -- Was, du gibst
der Kellnerin zwanzig Öre? wurde er gefragt. Wir geben zehn. -- Nur
nicht kleinlich sein! sagte Eleseus.
Er war nicht kleinlich, nein, das stand ihm gar nicht an, er stammte
von einem großen Hof, ja, von einem Herrenhof, sein Vater, der
Markgraf, besaß unendliche Wälder und vier Pferde, dreißig Kühe
und drei Mähmaschinen. Eleseus war kein Lügenbeutel, und nicht er
hatte die Märe von dem Herrenhof Sellanraa verbreitet, das hatte der
Bezirksingenieur seinerzeit getan und in der Stadt damit geprahlt.
Aber es war Eleseus nicht gerade zuwider, daß dieses Märchen so halb
und halb geglaubt wurde. Da er selber nichts war, konnte er wenigstens
der Sohn von jemand sein, das verschaffte ihm Kredit, und er konnte
sich durchschlagen. Aber auf die Dauer ging das doch nicht, endlich
sollte er doch einmal bezahlen, und da saß er fest. Einer seiner
Kameraden verschaffte ihm dann eine Anstellung im Geschäft seines
Vaters. Es war ein Laden mit Bauernkundschaft, der die verschiedensten
Waren führte; aber es war immerhin besser als gar nichts. Es war recht
unangenehm für einen so alten Knaben, mit einem Anfängergehalt in einem
Kramladen zu stehen, wenn er sich doch zum Lensmann hatte ausbilden
wollen; aber er verdiente wenigstens seinen Lebensunterhalt dabei,
es war ein vorläufiger Ausweg, ach, es war eigentlich gar nicht so
schlimm. Eleseus war auch hier freundlich und gefällig und war bei den
Kunden beliebt. Und er schrieb nach Hause, er sei jetzt zum Handel
übergegangen.
Aber das war nun die große Enttäuschung seiner Mutter. Wenn Eleseus
hinter einem Ladentisch stand, so war er ja auch nicht mehr als
der Ladendiener beim Kaufmann im Dorfe drunten. Früher war er
unvergleichlich viel mehr gewesen, außer ihm hatte niemand je das Dorf
verlassen und auf einem Büro gearbeitet. Hatte er denn sein großes
Ziel aus dem Auge verloren? Inger war nicht so dumm, sie wußte, daß es
einen Unterschied gab zwischen dem Gewöhnlichen und dem Ungewöhnlichen,
aber sie konnte das vielleicht nicht so genau unterscheiden. Isak war
einfältiger und einfacher, er rechnete jetzt immer weniger mit Eleseus,
wenn er rechnete; sein ältester Sohn war gewissermaßen aus seinem
Gesichtskreis hinausgeglitten, er hörte auf, sich Sellanraa zwischen
seinen beiden Söhnen geteilt zu denken, wenn er einmal nicht mehr
dasein sollte.
Im Frühjahr kamen Ingenieure und Arbeiter aus Schweden; sie sollten
Wege bauen, Baracken errichten, Grundstücke ausebnen, sprengen,
Verbindungen mit Lebensmittellieferanten, mit Pferdebesitzern, mit
Grundbesitzern an der See abschließen -- wozu das alles? Sind wir denn
nicht im Ödland, wo alles still und tot ist? Doch, aber jetzt sollte
ein Versuchsbetrieb auf dem Kupferberg eröffnet werden.
So, nun wurde also doch etwas aus der Sache, Geißler hatte keine leeren
Umtriebe gemacht.
Es waren nicht dieselben großen Herren wie das letztemal, der Landrat
fehlte, der Grubenbesitzer fehlte, aber es war der alte Sachverständige
und der alte Ingenieur. Sie kauften Isak alle seine gesägten Bretter
ab, die er nur entbehren konnte, sie kauften Nahrungsmittel und
Getränke und bezahlten gut, dann unterhielten sie sich und waren
freundlich und sagten, Sellanraa gefalle ihnen. Eine Seilbahn! sagten
sie. Eine Luftbahn vom Berggipfel hinunter an die See, sagten sie. --
Über alle Moore weg? fragte Isak, denn er war schwach im Denken. --
Ach, da mußten sie lachen! Auf der andern Seite, sagten sie, nicht
auf dieser Seite, das würde ja viele Meilen weit sein. Nein, auf der
andern Seite des Berges, gleich zum Meer hinunter, da ist starkes
Gefälle und gar keine Entfernung. Wir lassen das Erz durch die Luft
in eisernen Trögen hinunter, du wirst sehen, es wird großartig! Aber
zum Anfang wird das Erz hinuntergefahren, wir bauen einen Weg und
lassen es mit den Pferden hinunterfahren -- oh, mit wenigstens fünfzig
Pferden, auch das wird großartig. Und wir sind auch nicht nur so wenig
Leute, wie du hier siehst. Was sind denn wir? Nichts! Von der andern
Seite kommen noch mehr; ein ganzer Zug Arbeiter und fertige Baracken
und Nahrungsmittel und alle Art von Gerätschaften, wir treffen oben
auf der Höhe zusammen. Es kommt Zug in die Sache, Millionen, und das
Erz kommt nach Südamerika. -- Ist der Landrat nicht mit dabei? fragte
Isak. -- Was für ein Landrat? Ach der? Nein, der hat verkauft! -- Und
der Grubenbesitzer? -- Der hat auch verkauft. So, du erinnerst dich an
sie? Nein, die haben verkauft. Und die von ihnen abgekauft haben, haben
wieder verkauft. Jetzt gehört der Kupferberg einer großen Gesellschaft,
ungeheuer reichen Leuten. -- Wo mag wohl Geißler sein? fragte Isak.
-- Geißler? Kenne ich nicht. -- Der Lensmann Geißler, der damals den
Kupferberg verkauft hat. -- Ach der! Hat der Geißler geheißen? Gott
weiß, wo er hingekommen ist. Erinnerst du dich an den auch noch?
Dann sprengten sie und arbeiteten in den Bergen mit vielen Leuten
den ganzen Sommer über, es war ein großer Betrieb. Inger hatte
einen ausgedehnten Handel mit Milch und Käse, und sie fand es recht
unterhaltend, Handel zu treiben und viele Menschen kommen und gehen zu
sehen. Isak schritt mit seinem dröhnenden Gang weit aus und bestellte
sein Land, er ließ sich durch nichts stören. Die zwei Maurer und Sivert
bauten den Stall. Es wurde ein großer Bau; aber es dauerte lange, bis
er aufgerichtet war, es waren zu wenig Mann bei der Arbeit, und Sivert
war außerdem oft nicht dabei, weil er bei der Feldarbeit helfen mußte.
Jetzt war es gut, daß sie eine Mähmaschine hatten und drei flinke
Frauenzimmer beim Heuwenden.
Alles war gut geworden, das Ödland war zum Leben erwacht, Geld blühte
allenthalben.
Seht doch nur den Handelsplatz Storborg, war das nicht ein Geschäft
im großen Stil? Dieser Aron mußte doch ein verfluchter Kerl sein, er
mußte seinerzeit von der bevorstehenden Grubenarbeit Wind bekommen
haben und war sofort heraufgezogen mit seinem Kramladen; er handelte,
oh, er handelte wie eine Regierung, ja, wie ein König. Zuallererst
verkaufte er allerlei Haushaltungsgegenstände und Arbeiteranzüge; aber
die Grubenarbeiter, die Geld haben, sind nicht so sparsam damit, daß
sie alle nur das Notwendige kaufen, nein, sie kaufen alles. Besonders
an den Sonntagabenden wimmelte es auf dem Handelsplatz Storborg von
Käufern, und Aron strich Geld ein; er hatte seinen Ladendiener und
seine Frau zur Hilfe hinter dem Ladentisch und verkaufte selbst, was
er vermochte, aber es wurde nicht leer in seinem Laden bis tief in die
Nacht hinein. Und es zeigte sich, daß die Pferdebesitzer im Dorfe recht
behielten, es gab einen gewaltigen Fuhrwerksbetrieb mit Waren hinauf
nach Storborg, die Straße mußte an verschiedenen Stellen verlegt und
ordentlich instand gesetzt werden, jetzt war es etwas ganz anderes als
Isaks schmaler Fußweg durchs Ödland. Aron wurde der reine Wohltäter für
die Gegend mit seinem Handel und seiner Straße. Er hieß übrigens nicht
Aron, das war nur sein Taufname, er hieß Aronsen, so nannte er sich
wenigstens selbst, und so hieß ihn seine Frau. Die Familie tat recht
großartig und hielt zwei Dienstmägde und einen Knecht.
Der Grund und Boden auf Storborg blieb vorläufig unbebaut liegen, sie
hatten keine Zeit für Landwirtschaft, wer hätte auch im Moor Gräben
ziehen wollen! Dafür hatte Aronsen einen Garten mit einem Lattenzaun
und mit Johannisbeerensträuchern und Astern und Ebereschen und anderen
gepflanzten Bäumen, einen feinen Garten. Es war ein breiter Gang darin,
auf dem Aronsen an den Sonntagen auf und ab gehen und eine lange Pfeife
rauchen konnte. Im Hintergrund lag die Veranda des Hauses mit roten und
gelben und blauen Scheiben. Storborg! Drei kleine hübsche Kinder liefen
herum, das Mädchen sollte lernen, Haustochter eines Kaufmanns zu sein,
die Söhne sollten selbst die Handelsschaft erlernen; oh, drei Kinder
mit einer Zukunft vor sich!
Hätte Aronsen nicht an die Zukunft gedacht, so wäre er überhaupt nicht
hierhergekommen. Er hätte bei seiner Fischerei bleiben, und wenn er
Glück hatte, auch dabei viel Geld verdienen können; aber das war
nicht so vornehm wie ein Handelsgeschäft, es brachte nicht so viel
Hochachtung ein, die Hüte flogen da nicht vor einem von den Köpfen.
Aronsen hatte seither gerudert, in Zukunft wollte er segeln. Er hatte
eine Redensart: bom konstant. Seine Kinder sollten es mehr bom konstant
haben, als er es gehabt hatte, sagte er, damit meinte er, sie sollten
weniger hart arbeiten müssen.
Und siehe da, die Sache ließ sich gut an, er und seine Frau, ja sogar
seine Kinder wurden höflich gegrüßt. Man durfte es nicht gering
anschlagen, daß sogar die Kinder gegrüßt wurden. Die Grubenarbeiter
kamen vom Berg herunter und hatten seit langer Zeit keine Kinder mehr
gesehen. Aronsens Kinder liefen ihnen bis vor den Hof entgegen, und
die Arbeiter redeten gleich so freundlich mit ihnen, als hätten sie
drei Pudelhunde vor sich. Sie hätten den Kindern gerne Geld geschenkt,
weil es aber die Kinder des Kaufmanns waren, spielten sie ihnen statt
dessen auf der Mundharmonika vor. Gustaf kam, der junge Wildfang mit
dem Hut auf einem Ohre und dem munteren Geplauder, ja er kam herbei und
schäkerte eine gute Weile mit den Kindern. Die Kinder kannten ihn auch
gleich, wenn er ankam, und liefen ihm entgegen, er lud sie sich alle
drei auf den Rücken und tanzte mit ihnen herum. Ho! sagte Gustaf und
tanzte. Dann nahm er seine Mundharmonika und blies Lieder und Weisen,
so schön, daß die beiden Dienstmägde herauskamen und Gustafs Spiel mit
nassen Augen zuhörten. Gustaf wußte, was er tat, der ausgelassene Kerl!
Nach einer Weile ging er in den Laden und klimperte mit seinem Geld und
füllte seinen ganzen Rucksack mit den verschiedensten Sachen, und als
er dann wieder heim in die Berge ging, hatte er einen ganzen kleinen
Kramladen bei sich, den er auf Sellanraa auspackte und vorwies. Er
hatte Briefpapier mit Blumen darauf und eine neue Pfeife und ein neues
Hemd und ein Halstuch mit Fransen dran, hatte Süßigkeiten, die er an
die Frauen austeilte; er hatte glänzende Sachen, eine Uhrkette mit
einem Kompaß daran, ein Federmesser; ja, er hatte eine Menge Sachen,
unter anderem auch Raketen, die er sich für den Sonntag gekauft hatte,
um sich und andere damit zu unterhalten. Inger setzte ihm Milch zu
trinken vor, und er spaßte mit Leopoldine und hob die kleine Rebekka
hoch in die Luft. -- Na, steht der Stall bald? fragte er seine
Landsleute, die Maurer, und war auch mit diesen gut Freund. -- Nein,
sie hätten nicht Hilfe genug, sagten die Maurer. -- Dann wolle er ihnen
helfen, sagte Gustaf zum Spaß. -- Das wäre sehr gut, meinte Inger, denn
der Stall sollte bis zum Herbst fertig sein, wenn das Vieh nicht mehr
draußen bleiben könne.
Nun ließ Gustaf eine Rakete steigen, und nachdem er einmal eine
abgebrannt hatte, konnte er auch gleich alle sechse steigen lassen,
und die Weiberleute und die Kinder hielten den Atem an vor lauter
Verwunderung über dieses Hexenwerk und den Hexenmeister, der es gemacht
hatte. Inger hatte noch niemals eine Rakete gesehen, aber dieser
sonderbare Blitz erinnerte sie an die große Welt. Was wollte jetzt
eine Nähmaschine bedeuten! Und als Gustaf schließlich auch noch die
Mundharmonika spielte, wäre ihm Inger am liebsten nachgezogen vor
lauter Rührung...
Die Grubenarbeit geht ihren Gang, und das Erz wird mit Pferden an die
See hinuntergefahren; ein Dampfschiff ist schon damit beladen worden
und nach Südamerika abgedampft, und dafür ist ein neues angekommen.
Großer Betrieb. Jedermann, der überhaupt gehen kann, ist im Gebirge
gewesen und hat sich die Wunder angeschaut, auch Brede Olsen ist mit
seinen Gesteinsproben dort gewesen, ist jedoch abgewiesen worden,
weil der Sachverständige wieder nach Schweden abgereist war. An den
Sonntagen war große Völkerwanderung aus dem Dorfe, ja sogar Axel Ström,
der keine Zeit zu verlieren hat, ist ein paarmal, als er die Linie
nachsah, dagewesen. Jetzt gibt es bald niemand mehr, der die Wunder
noch nicht gesehen hat. Da zieht wahrhaftig sogar Inger Sellanraa ihre
schönen Kleider an, steckt den goldenen Ring an den Finger und geht in
die Berge.
Was will sie dort?
Sie will eigentlich gar nichts, sie ist nicht einmal neugierig, zu
sehen, wie der Berg geöffnet wird, sie will nur sich sehen lassen.
Als Inger sah, daß andere Frauen in die Berge gingen, spürte sie, daß
auch sie ihnen nach mußte. Sie hat eine entstellende Narbe an der
Oberlippe und hat erwachsene Kinder, aber sie will den andern nach. Es
ärgert sie, daß diese jung sind, aber sie will versuchen, es mit ihnen
aufzunehmen; sie hat noch nicht angefangen, dick zu werden, sie ist
groß und hübsch und sieht gut aus. Natürlich ist sie nicht mehr rot und
weiß, und ihre zarte Pfirsichhaut ist schon längst vergangen, aber man
würde schon sehen, sie kamen sicher, nickten und sagten: Die ist recht!
Die Arbeiter kommen ihr mit großer Freundlichkeit entgegen, sie haben
von Inger manchen Topf Milch erhalten und kennen sie; sie führen sie in
den Gruben, in den Baracken, in den Ställen, in der Küche, im Keller,
im Vorratshaus umher, die dreistesten unter ihnen rücken ihr auf den
Leib und nehmen sie ein wenig in den Arm; aber das macht Inger nichts,
das tut ihr wohl. Wenn sie Stufen hinauf- oder hinuntergeht, hebt sie
den Rock hoch auf und läßt ihre Waden sehen, aber sie ist ganz gelassen
dabei und tut, als ob nichts geschehen wäre. Die ist recht! denken die
Arbeiter.
Das alte Ding, sie ist trotz allem rührend: es war leicht zu merken,
ein ihr zugeworfener Blick von diesen warmblütigen Mannsleuten kam
ihr unerwartet, sie war dankbar dafür und vergalt ihn, es tat ihr
ordentlich wohl, in Gefahr zu sein, sie war ein Frauenzimmer wie
andere. Sie war wohl aus Mangel an Versuchung bisher ehrbar gewesen.
Das alte Ding!
Gustaf kam auch dazu. Er überließ zwei Mädchen aus dem Dorf einem
Kameraden, nur um herbeikommen zu können. Gustaf wußte, was er tat; er
schüttelte Inger mit überflüssiger Wärme die Hand zum Gruße, aber er
drängte sich nicht auf. -- Na, Gustaf, kommst du nicht bald und hilfst
uns beim Stallbau? fragte Inger und wird dabei dunkelrot. -- Gustaf
antwortet, ja, nun komme er bald. Seine Kameraden hören das und sagen,
sie kämen nun bald alle miteinander. -- Ja, werdet ihr denn nicht den
ganzen Winter hier in den Bergen bleiben? fragt Inger. Die Arbeiter
antworten zurückhaltend, nein, es sehe nicht danach aus. Gustaf ist
kecker, er sagt lachend, sie hätten nun bald alles vorhandene Kupfer
herausgekratzt. -- Das ist nicht dein Ernst! ruft Inger. -- Nein,
erwiderten die andern Arbeiter, Gustaf solle sich in acht nehmen, so
etwas zu sagen.