wie Axel sich gedacht hatte. Er war nicht betrübt darüber. Betrübt?
Weit entfernt, sie war ein Zankteufel, aber bis jetzt hatte er doch
noch nicht alle Hoffnung aufgegeben gehabt, sie würde doch vielleicht
wiederkommen. Er wußte beim Henker nicht, wie es zuging, er hing doch
ein bißchen zu fest an dieser Person, an diesem Ungeheuer; zuzeiten
konnte sie ihre süßen Stunden haben, unvergeßliche Stunden, und gerade,
um sie daran zu hindern, ganz bis Bergen durchzubrennen, war er beim
Abschied mit Geld so geizig gewesen. Und nun war sie doch auf und
davon gegangen. Von ihren Kleidern hing noch dies und das da, und ein
Strohhut mit einem Flügel darauf lag in Papier gehüllt droben auf
dem Bodenraum; aber sie kam nicht, ihr Eigentum zu holen. Ach ja,
vielleicht war er doch ein wenig betrübt! Wie Spott und Hohn erschien
es ihm, daß er immer noch ihre Zeitung erhielt, und das würde wohl auch
vor Neujahr nicht aufhören.
Aber schließlich hatte er doch an anderes zu denken, er mußte ein Mann
sein.
Im Frühjahr mußte er an der Nordwand des Neubaus eine Scheune anfügen,
jetzt im Winter mußten die Stämme dazu gefällt und die Bretter gesägt
werden. Axel hatte keinen zusammenhängenden Wald mit großen Bäumen,
aber da und dort standen auf seinem Grund und Boden mächtige Föhren,
und er suchte sich solche am Wege nach Sellanraa aus, damit sich das
Hinschaffen der Stämme nach dem Sägewerk leichter bewerkstelligen ließe.
Eines Morgens füttert er sein Vieh sehr reichlich, damit es bis zum
Abend aushalten kann, schließt die Türen hinter sich zu und geht
in den Wald; außer Axt und Mundvorrat nimmt er noch eine hölzerne
Schneeschaufel mit. Das Wetter ist mild, gestern tobte ein schwerer
Sturm mit Niederschlägen, aber heute ist es still. Er geht den ganzen
Weg an der Telegraphenlinie entlang, bis er zur Stelle ist; dort zieht
er seine Jacke aus und fängt an zu hacken. Jeden Baum, den er fällt,
zweigt er sofort ab, haut die Stämme glatt und schichtet Zweige und
Äste auf Haufen.
Brede Olsen kommt den Weg herauf, dann ist also die Linie wohl durch
den gestrigen Sturm in Unordnung geraten. Aber vielleicht lief Brede
auch ohne besonderen Grund die Linie ab, er war sehr eifrig im Dienst
geworden, er hatte sich also doch gebessert. Die Männer sprachen nicht
miteinander und grüßten sich auch nicht.
Axel merkt wohl, daß das Wetter im Begriff ist umzuschlagen, der
Wind wird immer stärker, aber Axel arbeitet nur eifrig weiter. Die
Mittagsstunde ist längst vorbei, aber er hat noch nichts gegessen.
Jetzt eben fällt er eine große Föhre, und diese schlägt ihn in ihrem
Fall zu Boden. Wie ist das zugegangen? Unglück war unterwegs. Eine
Riesenföhre schwankt auf ihrer Wurzel, der Mensch bestimmt ihr eine
Seite zum Fallen, der Sturm eine andere. Der Mensch verliert. Es wäre
noch angegangen, allein der Schnee deckte den unebenen Boden, Axel trat
fehl, sprang auf die Seite und kam mit einem Bein in eine Felsspalte,
nun lag er zwischen Felsen eingeklemmt und hatte eine große Föhre über
sich.
Jawohl, es hätte trotzdem noch angehen können, allein er lag so
ausgesucht verdreht, allerdings, soweit er fühlen konnte, mit ganzen
Gliedern, aber schief und ohne eine Möglichkeit, sich unter dem
schweren Gewicht hervorzuarbeiten. Nach einer Weile hatte er die eine
Hand frei, auf der andern aber liegt er, und er kann die Axt nicht
erreichen. Er sieht sich um und überlegt, wie jedes gefangene Tier es
auch gemacht hätte, sieht sich um und überlegt und arbeitet und müht
sich unter dem Baum ab. Brede muß in einiger Zeit auf dem Rückweg
wieder vorbeikommen, denkt er und müht sich ab und atmet schwer.
Im Anfang nimmt Axel die Sache leicht und ist nur ärgerlich, daß er
durch diesen Zufall, dieses elende Ungefähr festgehalten ist, er ist
keine Spur besorgt für seine Gesundheit und noch weniger für sein
Leben. Allerdings fühlt er, daß die Hand, auf der er liegt, allmählich
gefühllos wird, und auch das Bein in der Felsenspalte wird kalt und
auch gefühllos, aber das geht ja immer noch an. Brede kommt wohl bald.
Aber Brede kommt nicht.
Der Sturm nimmt zu und treibt Axel den Schnee gerade ins Gesicht. Jetzt
wird's Ernst! denkt er, ist aber immer noch unbekümmert, ja, es ist
beinahe, als ob er sich selbst durch den Schnee zublinzle: Aufgepaßt,
jetzt wird's nämlich Ernst! Nach einer langen Weile stößt er einen
einzelnen Hilferuf aus. Der ist wohl bei dem Sturm nicht weit zu
hören, aber er geht die Linie entlang zu Brede. Axel liegt da mit ganz
wertlosen Gedanken: wenn er doch nur die Axt erreichen könnte, dann
könnte er sich vielleicht freihacken! Wenn er nur die Hand hervorziehen
könnte! Diese lag auf etwas Spitzem, einem Stein, und der bohrte sich
langsam und höflich allmählich in den Handrücken ein. Wenn nur dieser
verflixte Stein weg gewesen wäre! Aber noch niemals hat jemand von
einem Stein einen rührenden Zug berichten können.
Die Zeit vergeht, das Schneetreiben wird schlimmer. Axel wird
zugeschneit; er ist ganz hilflos, der Schnee legt sich harmlos und
unschuldig auf sein Gesicht, eine Weile schmilzt er, dann wird das
Gesicht kalt, und der Schnee schmilzt nicht mehr. Nun wird es wirklich
Ernst!
Jetzt stößt er zwei laute Hilferufe aus und horcht dann hinaus.
Nun wird auch seine Axt zugeschneit, er sieht nur noch ein Stückchen
Schaft hervorragen. Dort drüben hängt sein Beutel mit dem Mundvorrat;
hätte er ihn nur erreichen können, dann hätte er etwas gegessen,
einen ordentlichen Happen. Und wenn er schon in seinen Ansprüchen an
das Leben so dreist war, so konnte er sich gleich auch seine Jacke
herwünschen, denn es wird kalt. Wieder stößt er einen gewaltigen Ruf
aus.
Da steht Brede. Er ist stehengeblieben und sieht hinüber zu dem
rufenden Mann, er bleibt nur einen Augenblick stehen und sieht hinüber,
wie um zu ergründen, was los ist. Komm her und gib mir meine Axt! ruft
Axel etwas kläglich. -- Brede sieht weg, er hat ergründet, was los ist,
jetzt schaut er in die Höhe zu dem Telegraphendraht hinauf und will
augenscheinlich anfangen zu pfeifen! War er denn verrückt? -- Komm her
und gib mir die Axt, ich liege unter einem Baum! wiederholte Axel etwas
lauter als vorher. Aber Brede hat sich so sehr gebessert und ist so
eifrig in seinem Dienste, daß er nichts sieht als den Telegraphendraht
und nur eifrig pfeift. Und wohlgemerkt, munter und rachgierig pfeift
er! -- So, du willst mich umbringen und mir nicht einmal die Axt
reichen! ruft Axel. -- Aber jetzt muß Brede offenbar notwendig noch
weiter die Linie entlang gehen und nach dem Draht schauen, und er
verschwindet im Schneetreiben.
So, na ja! Aber jetzt wäre es doch ein rechter Staatsstreich, wenn Axel
sich selbst so weit frei machte, daß er die Axt erreichen könnte!
Er spannt Leib und Brust an, um die ungeheure Last zu heben, die
ihn daniederhält, er bewegt den Baum, schüttelt ihn, erreicht aber
damit nur, daß noch mehr Schnee auf ihn herabrieselt. Nach einigen
vergeblichen Versuchen gibt er es auf.
Es fängt an zu dunkeln. Brede ist gegangen, aber wie weit kann er
inzwischen gekommen sein? Nicht sehr weit, Axel ruft wieder und redet
dabei von der Leber weg: Willst du mich hier einfach liegenlassen, du
Mörder? ruft er. Denkst du nicht an deiner Seelen Seligkeit? Du weißt,
du könntest für eine einzige kleine Handreichung eine Kuh von mir
bekommen, aber du bist ein Hund, Brede, und du willst mich umbringen!
Aber ich werde dich anzeigen, so wahr ich hier liege, merk dir's!
Kannst du nicht herkommen und mir die Axt geben?
Stille. Axel strengt sich wieder unter seinem Baume an, hebt ihn ein
wenig mit dem Leib und erreicht damit, daß immer noch mehr Schnee auf
ihn herunterfällt. Dann ergibt er sich in sein Schicksal und seufzt,
matt und schläfrig wird er auch. Sein Vieh steht jetzt in der Gamme und
brüllt, es hat seit heute morgen nicht naß und nicht trocken bekommen,
Barbro füttert es nicht mehr, sie ist davongelaufen, mit beiden
Fingerringen noch dazu. Es wird dunkel, jawohl, es wird Abend, und es
wird Nacht, aber das ginge ja noch an, allein es wird auch kalt, sein
Bart vereist, seine Augen werden auch bald vereisen, die Jacke dort am
Baume würde ihm guttun, und ist es denn möglich, das eine Bein ist bis
zur Hüfte wie tot? Alles steht in Gottes Vaterhand! sagt er, er kann
augenscheinlich ganz fromm reden, wenn er will. Es wird dunkel, jawohl,
er kann auch ohne angezündete Lampe sterben! Er wird ganz weich und
gut, und um recht demütig zu sein, lächelt er freundlich und albern
ins Unwetter hinein, es ist ja der Schnee des Herrn, der unschuldige
Schnee! Ja, er kann es ja auch lassen, Brede anzuzeigen.
Er wird still und immer schläfriger, ganz lahm, als ob er vergiftet
wäre, er sieht so viel Weiß vor den Augen, Wälder und Ebenen, große
Schwingen, weiße Schleier, weiße Segel, weiß, weiß -- was kann das
sein? Unsinn, er weiß ganz gut, daß das Schnee ist, er liegt im Freien,
es ist kein Wahn, daß er unter einem Baum begraben ist. Dann ruft
er wieder aufs Geratewohl, brüllt, da unten im Schnee liegt seine
gewaltige haarige Brust und brüllt, es muß bis in die Gamme bei dem
Vieh zu hören sein, er brüllt ein ums andere Mal. Du bist ein Schwein,
ein Untier! ruft er Brede nach. Hast du bedacht, was du tust, wenn du
mich so verkommen läßt? Willst du mir die Axt geben? frag ich. Bist du
ein gemeines Vieh oder ein Mensch? Aber Glück zu, wenn es deine Absicht
ist, mich hier liegenzulassen --
Er muß geschlafen haben, er liegt ganz steif und leblos da, aber seine
Augen stehen offen, zwar mit Eis umrändert, aber offen, er kann nicht
damit blinzeln; hat er mit offenen Augen geschlafen? Vielleicht hat
er nur ein paar Minuten oder auch eine Stunde geschlummert, Gott weiß
es, aber jetzt steht Oline da. Axel hört, daß sie fragt: Im Namen Jesu
Christi, lebst du noch? Und weiter fragt sie, warum er da liege, ob er
verrückt sei? Jedenfalls steht Oline da.
Ja, Oline hat etwas Witterndes, etwas Schakalartiges, sie taucht auf,
wenn ein Unglück um den Weg ist, sie hat eine sehr scharfe Witterung.
Wie hätte Oline im Leben vorwärtskommen können, wenn sie nicht so
eifrig gewesen wäre und keine so scharfe Witterung gehabt hätte? Jetzt
hatte sie also Axels Botschaft erhalten und war trotz ihrer siebzig
Jahre über das Gebirge gekommen, um ihm zu helfen. Gestern hat sie der
Sturm in Sellanraa festgehalten, heute kam sie nach Maaneland, fand
niemand zu Hause, fütterte das Vieh, trat unter die Tür und horchte
hinaus, melkte das Vieh, lauschte dann wieder, sie begriff gar nicht --
Da hörte sie rufen und sagte sich: Entweder ist es der Axel oder einer
der Unterirdischen, in beiden Fällen ist es der Mühe wert, ein wenig
nachzusehen, die ewige Weisheit des Allmächtigen in so viel Unruhe im
Walde zu ergründen -- und mir tut er nichts, ich bin nicht wert, ihm
die Schuhriemen zu lösen --
Hier steht sie nun.
Die Axt? Oline gräbt und gräbt im Schnee und findet die Axt nicht.
Sie versucht ohne Axt fertig zu werden und gibt sich Mühe, den Baum,
so wie er daliegt, zu heben; aber sie ist wie ein kleines Kind und
vermag nur die äußersten Zweige zu schütteln. Sie sucht wieder nach
der Axt, es ist finster, aber sie gräbt mit Händen und Füßen. Axel
kann nicht deuten, er kann nur sagen, wo die Axt einmal gelegen hatte,
aber da ist sie nicht mehr. Wenn es nur nach Sellanraa nicht so weit
wäre! sagt Axel. Aber nun fängt Oline an, nach ihrem eigenen Kopf zu
suchen, und Axel ruft ihr zu, nein, nein, dort sei sie nicht. -- Nein,
nein, sagt Oline, ich will nur überall nachsehen. Und was ist denn
das? fragt sie. -- Hast du sie gefunden? fragt Axel. -- Ja, mit des
Allmächtigen Beistand erwidert Oline hochtrabend. Aber Axel ist nicht
sehr hochgemut, er gibt zu, daß er vielleicht nicht recht bei Verstand
sei, er ist beinahe fertig. Und was denn Axel mit der Axt wolle? Er
könne sich ja nicht rühren, sie, Oline, müsse ihn loshacken. Oh, Oline
habe schon mehr Äxte in der Hand gehabt, habe schon mehr als einmal in
ihrem Leben Holz gespalten!
Axel kann nicht gehen, das eine Bein ist ihm bis zur Hälfte wie
abgestorben, der Rücken ist ihm wie gerädert, heftige Stiche bringen
ihn beinahe zum Heulen, im ganzen genommen fühlt er sich kaum als
lebendiger Mensch, ein Teil von ihm liegt immer noch unter dem Baum.
Es ist so sonderbar, und ich verstehe es nicht, sagt er. Oline versteht
es gut und erklärt das Ganze mit wunderbaren Worten: ja, sie hat einen
Menschen vom Tode errettet, und so viel weiß sie, der Allmächtige hat
sie als sein geringes Werkzeug gebraucht, er hat keine himmlischen
Heerscharen schicken wollen. Ob Axel nicht seinen weisen Ratschluß
erkenne? Und wenn der Herr einen Wurm in der Erde hätte zu Hilfe
schicken wollen, so hätte er das tun können. -- Ja, das weiß ich wohl,
aber es ist mir so sonderbar zumut, sagte Axel. -- Sonderbar? Er
solle nur ein ganz klein wenig warten, sich bewegen, sich vorbeugen
und wieder aufrichten, ja, so, immer nur ein wenig auf einmal, seine
Gelenke seien eingerostet und abgestorben, er solle seine Jacke
anziehen, damit er warm werde. In ihrem ganzen Leben werde sie nun und
nimmer den Engel des Herrn vergessen, der sie das letztemal vor die Tür
gerufen habe -- und da hörte sie Rufe aus dem Walde. Es sei wie in den
Tagen des Paradieses gewesen, als mit Posaunen geblasen wurde bei den
Mauern von Jericho.
Wunderbar! Aber während dieses Geschwätzes hat Axel Zeit, er übt seine
Gelenke und lernt gehen.
Langsam geht's dem Hause zu, Oline ist immer noch der Retter in der
Not und stützt Axel. So geht es ganz gut. Als sie ein Stück Weges
hinuntergekommen sind, begegnen sie Brede. -- Was ist denn das? fragt
Brede. Bist du krank? Soll ich dir helfen? sagt er. -- Axel schweigt
abweisend. Er hat Gott gelobt, sich nicht zu rächen und Brede nicht
anzuzeigen, aber weiter ist er nicht gegangen. Und weshalb war Brede
nun wieder auf dem Wege bergauf? Hatte er gesehen, daß Oline nach
Maaneland gekommen war, und begriffen, daß sie die Hilferufe hören
mußte? -- So, du bist da, Oline? sagt Brede geschwätzig. Wo hast du
ihn gefunden? Unter einem Baum? Ja, ist es nicht sonderbar mit uns
Menschen! legt er los. Ich sah eben die Telegraphenlinie nach, da
hörte ich rufen. Wer sich sofort auf die Beine machte, das war ich;
ich wollte Hilfe leisten, falls es nötig sein sollte. Also du bist es
gewesen, Axel? Und du hast unter einem Baum gelegen? -- Jawohl, und du
hast es gehört und gesehen, als du herunterkamst, aber du bist an mir
vorbeigegangen, antwortete Axel. -- Gott sei mir Sünder gnädig! ruft
Oline über solch schwarze Bosheit. -- Brede erklärt, wie es gewesen
sei. Dich gesehen? Ich hab' dich gut gesehen. Aber du hättest mich doch
rufen können, warum hast du nicht gerufen? Ich sah dich ausgezeichnet,
aber ich dachte, du hättest dich ein wenig zum Ausruhen hingelegt. --
Willst du den Mund halten! ruft Axel drohend. Du hast mich absichtlich
liegenlassen.
Oline sieht ein, daß Brede jetzt nicht eingreifen darf, das würde
ihre eigene Unentbehrlichkeit verringern und ihr Rettungswerk nicht
mehr ganz vollständig erscheinen lassen. Sie verhinderte Brede, Axel
hilfreiche Hand zu reichen, ja, er darf nicht einmal den Rucksack oder
die Axt tragen. Oh, in diesem Augenblick ist Oline vollständig auf
Axels Seite; wenn sie später einmal zu Brede kommt und hinter einer
Schale Kaffee sitzt, wird sie ganz auf seiner Seite sein. -- Laß mich
doch wenigstens die Axt oder die Schneeschaufel tragen, sagt Brede.
-- Nein! erwidert Oline an Axels Statt. Die will er selbst tragen. --
Brede bleibt dabei: Du hättest mich doch rufen können, Axel. Wir sind
doch nicht so verfeindet, daß du mir das Wort nicht hättest gönnen
können. Du hast gerufen? So, dann hättest du lauter rufen müssen, du
mußt doch wissen, was für ein Schneesturm tobte. Und außerdem hättest
du mir mit der Hand winken können. -- Ich hatte keine Hand frei, mit
der ich hätte winken können, erwidert Axel. Du hast wohl gesehen, daß
ich wie gefesselt dalag. -- Nein, das hab' ich nicht gesehen. So etwas
ist mir doch noch nie vorgekommen! Laß mich doch deine Sachen tragen,
hörst du! -- Oline sagt: Laß Axel in Frieden! Er ist krank.
Aber jetzt hat auch Axels Hirn sich wieder erholt. Er hat schon früher
allerlei von der alten Oline gehört und begreift, daß sie für alle
Zukunft teuer und lästig für ihn werden würde, wenn sie die einzige
wäre, die ihm das Leben gerettet hatte. Er will den Triumph ein wenig
verteilen, Brede darf wirklich den Rucksack und die Werkzeuge tragen,
ja, Axel ließ ein Wort fallen, daß ihm das eine Erleichterung sei, daß
es ihm wohltue. Allein Oline will sich nicht darein finden, sie zerrt
an dem Rucksack und erklärt, daß sie und sonst niemand tragen werde,
was zu tragen sei. Die schlaue Einfalt ist im Streit von allen Seiten.
Axel steht einen Augenblick ohne Stütze da, und Brede muß wahrhaftig
den Rucksack fahren lassen, um Axel zu stützen, obgleich dieser gar
nicht mehr wankt.
Und nun geht es in der Weise weiter, daß Brede den schwachen Mann
stützt und Oline die Last trägt. Sie schleppt und schleppt und ist
voll Grimm und Bosheit. Sie hat sich den geringsten und gröbsten Teil
der Arbeit auf dem Heimwege zuschieben lassen müssen! Was, zum Teufel,
hatte Brede hier verloren? -- Du, Brede, sagte sie. Was muß ich hören?
Dein Hof ist dir verkauft worden? -- Warum fragst du? erwiderte Brede
keck. -- Warum ich frage? Ich hab' nicht gewußt, daß das geheimgehalten
werden soll. -- Unsinn, Oline, du hättest kommen und auf den Hof bieten
sollen! -- Ich? Du treibst deinen Spott mit einem alten Weibe. -- So,
bist du denn nicht reich geworden? Es heißt doch, du habest des alten
Sivert Goldschrein geerbt, hahaha! -- Es stimmte Oline nicht milder,
daß sie an das fehlgeschlagene Erbe erinnert wurde. Ja, er, der alte
Sivert, hat mir alles Gute gegönnt, das kann man nicht anders sagen,
erwidert sie. Aber als er tot war, wurde er all seines irdischen
Gutes beraubt. Du weißt es ja auch, Brede, wie es ist, wenn man
ausgeplündert wird und kein eigenes Dach mehr über dem Kopf hat. Aber
der alte Sivert, der hat jetzt große Säle und Paläste, und du und ich,
Brede, wir sind noch auf der Erde, und jedermann wischt die Schuhe an
uns ab. -- Was gehst denn du mich an, sagt Brede und wendet sich an
Axel. Ich bin sehr froh, daß ich gerade vorbeigekommen bin und dir nach
Hause helfen kann. Gehe ich dir auch nicht zu schnell? -- Nein.
Aber mit Oline streiten, ein Wortgefecht mit Oline! Unmöglich!
Niemals gab sie nach, und niemand kam ihr darin gleich, Himmel und
Erde zusammenzumischen zu einem einzigen Gebräu von Bosheit und
Freundschaft, Gift und Gefasel. Nun muß sie auch noch hören, daß es
eigentlich Brede ist, der Axel nach Hause hilft. -- Was ich sagen
wollte, fing sie an. Hast du eigentlich den großen Herren, die damals
auf Sellanraa waren, deine Säcke mit Steinen gezeigt? -- Wenn du
willst, Axel, so nehme ich dich einfach auf den Rücken und trage dich,
sagt Brede. -- Nein, erwidert Axel. Aber ich danke dir für den guten
Willen.
Unterdessen gehen sie immer weiter, sie sind nun bald zu Hause, und
Oline begreift, daß sie keine Zeit verlieren darf, wenn sie noch etwas
erreichen will: Es wäre am besten gewesen, Brede, wenn _du_ Axel vom
Tode errettet hättest, sagt sie. Aber wie war das, Brede, du hast
seine Not gesehen und hast seine Hilferufe gehört und bist einfach
vorbeigegangen? -- Halt nur deinen Mund, Oline! sagt Brede.
Mundhalten wäre nun eigentlich auch das bequemste für sie gewesen,
sie watete im Schnee und hatte schwer zu tragen; sie keuchte, aber
den Mund hielt sie dennoch nicht. Sie hatte sich einen Trumpf für
zuletzt aufgespart, eine gefährliche Sache, sollte sie es wagen? --
Und die Barbro, die ist also auf und davon gegangen? fragt sie. -- Ja,
erwidert Brede leichtfertig. Und dadurch hast du einen Winterverdienst
bekommen. -- Aber hier bot sich Oline wieder eine gute Gelegenheit,
sie konnte zu verstehen geben, wie sehr sie gesucht sei, begehrt weit
herum in ihrer Gemeinde. Sie hätte zwei Plätze, ja eigentlich drei
haben können. Im Pfarrhaus wolle man sie auch haben. Und zu gleicher
Zeit gab sie etwas zu verstehen, was Axel wohl hören durfte, das konnte
nichts schaden: es sei ihr soundso viel für den Winter geboten worden,
dazu ein Paar neue Schuhe und das Futter für ein Schaf obendrein. Aber
sie wisse, daß sie hier auf Maaneland zu einem besonders guten Mann
komme, der sie überreich belohnen werde, und darum komme sie lieber
hierher. Nein, Brede solle sich nur keine Sorge machen, bis jetzt habe
ja der himmlische Vater eine Tür nach der andern vor ihr aufgetan
und sie aufgefordert, einzutreten. Und es sehe ja aus, als ob Gott
eine besondere Absicht dabei gehabt habe, als er sie nach Maaneland
schickte, denn sie habe heute abend einen Menschen vom Tode errettet.
Jetzt ist Axel ganz ermattet, und sein Bein versagt. Merkwürdig, bis
dahin ist es immer besser gegangen, je mehr Wärme und Leben in seine
Glieder zurückkehrten, jetzt jedoch hat er Brede dringend nötig, um
sich aufrecht halten zu können! Es schien anzufangen, als Oline von
ihrem Lohn sprach, und später, als sie ihm wieder das Leben gerettet
hatte, da wurde es ganz schlimm. Wollte er ihren Triumph noch einmal
herabsetzen? Gott weiß es, aber sein Hirn war jedenfalls wieder ganz in
Ordnung. Als sie sich den Häusern nähern, bleibt Axel stehen und sagt:
Ich glaube nicht, daß ich bis nach Hause kommen kann. Brede nimmt ihn
ohne weiteres auf den Rücken. Und nun geht's weiter, Oline voll Gift
und Galle, Axel, so lang er ist, auf Bredes Rücken. Aber wie ist denn
das, sollte Barbro nicht ein Kind bekommen? -- Ein Kind? stöhnt Brede
unter seiner Last. Es ist ein äußerst sonderbarer Aufzug, Axel läßt
sich bis auf die Türschwelle tragen.
Brede keucht unmäßig. Ja, oder war es etwa kein Kind? fragt Oline. --
Hier fällt Axel ein und sagt zu Brede: Ich weiß wirklich nicht, wie
ich heute abend hätte heimkommen sollen, wenn du nicht gewesen wärest!
Aber er vergißt auch Oline nicht und sagt: Ich danke auch dir, Oline,
du bist die erste gewesen, die mich gefunden hat. Ich danke euch allen
beiden.
Das war der Abend, an dem Axel gerettet wurde.
In den folgenden Tagen ist Oline schwer dazu zu bringen, von etwas
anderem zu reden als von dem großen Ereignis. Axel hat genug zu tun,
sie etwas in den Schranken zu halten. Oline kann das Plätzchen in
der Stube zeigen, wo sie stand, als der Engel des Herrn sie vor die
Tür rief, damit sie die Hilferufe höre; Axel hat wieder anderes zu
denken und muß ein Mann sein. Er fängt seine Arbeit im Walde wieder
an, und als er mit dem Baumfällen fertig ist, fährt er die Stämme nach
Sellanraa in die Sägemühle.
Das ist eine glatte und ebene Winterarbeit: Stämme hinauf und
zugeschnittene Bretter herunter! Aber es gilt, sich zu beeilen und
vor Neujahr fertig zu werden, bevor der starke Frost einsetzt und das
Sägewerk einfriert. Es geht sehr gut, alles wird fertig. Wenn Sivert
von Sellanraa gerade leer aus dem Dorf zurückkommt, nimmt auch er
einen Stamm auf seinen Schlitten und hilft seinem Nachbar. Die beiden
halten dann einen ordentlichen Schwatz zusammen und haben ihre Freude
aneinander.
Was gibt's Neues im Dorf? fragt Axel. -- Nichts, erwidert Sivert. Es
soll ein neuer Ansiedler hierherkommen.
Ein neuer Ansiedler, oh, das war nicht nichts, es war nur Siverts Art
zu sprechen. Jedes Jahr kam ein neuer Ansiedler in die Gegend und
ließ sich da nieder; es waren jetzt fünf Ansiedlungen unterhalb von
Breidablick, oberhalb ging es langsamer mit dem Kolonisieren, obgleich
der Boden nach Süden zu überall mehr Ackerkrume und weniger Moorland
aufwies. Der Ansiedler, der sich am weitesten hinausgewagt hatte, war
Isak, als er Sellanraa gründete, er war der mutigste und klügste. Nach
ihm kam Axel Ström. Nun hatte sich also ein neuer Mann angekauft. Der
neue Mann sollte eine große Strecke Moorland zum Entwässern und Wald
unterhalb Maaneland gekauft haben -- es war ja genug da.