annahm, und sie fragte dreist: Hast du noch mehr an mir auszusetzen? --
Ich habe nichts an dir auszusetzen, erwiderte er. Du sollst nur wieder
sein, wie du früher gewesen bist, ganz zu Anfang, als du herkamst.
Das meine ich. -- Es ist nicht so leicht, immer gleich zu sein, sagte
sie. -- Er fuhr fort: Daß ich deines Vaters Gut kaufte, geschah nur
deshalb, daß wir dorthin ziehen könnten, wenn du lieber dort wohnen
möchtest. Was meinst du dazu? -- Ho, nun hatte er verspielt, oh, er
hatte nur Angst, er könnte seine weibliche Hilfe verlieren und mit
seinem Viehstand und seinem Haushalt allein bleiben, das merkte sie
gut. -- Das hast du schon einmal gesagt, erwiderte sie abweisend. --
Jawohl, aber ich habe keine Antwort erhalten. -- Antwort? sagte sie.
Ich ertrage es nicht, das noch einmal zu hören.
Axel meinte, er sei ihr weit entgegengekommen. Er hatte die Familie
Brede weiter auf Breidablick wohnen lassen, und obgleich er den
kleinen Ertrag mit dem Gut gekauft hatte, so hatte er doch nur einige
Fuhren Heu eingeführt und die Kartoffeln der Familie überlassen. Es war
eine große Ungereimtheit von Barbro, jetzt böse zu werden, aber ihr war
das ganz einerlei; sie fragte, als ob sie tief gekränkt wäre: Sollten
wir nach Breidablick ziehen und meine ganze Familie obdachlos machen?
Hörte er denn recht? Mit offenem Mund saß er da, dann fing er an zu
schlucken, als bereite er sich zu einer langen Antwort vor, aber es
wurde nichts daraus, und er fragte nur: Ziehen sie denn nicht ins Dorf?
-- Das weiß ich nicht, erwiderte sie. Hast du ihnen vielleicht dort
eine Wohnung gemietet?
Axel wollte nicht weiter mit ihr rechten, aber er konnte doch nicht
ganz verschweigen, daß sie ihn einigermaßen in Verwunderung gesetzt
habe, und so sagte er: Du wirst immer halsstarriger und verstockter,
aber du meinst es nicht so. -- Ich meine alles, was ich sage,
entgegnete sie. Und nun sag mir einmal, warum konnten meine Leute nicht
lieber hierher ziehen? Dann hätte ich doch etwas Hilfe von meiner
Mutter gehabt. Aber du meinst ja, ich hätte nicht so viel zu tun, daß
ich Hilfe brauche.
Sie hatte damit natürlich einigermaßen recht, aber auch sehr viel
unrecht: Die Familie Brede hätte ja dann in der Gamme wohnen müssen,
und Axel hätte wieder nicht gewußt, wohin mit seinem Vieh. Wo wollte
sie denn hinaus, fehlte ihr denn aller Sinn und Verstand? -- Ich will
dir etwas sagen, es ist besser, du bekommst eine Magd. -- Jetzt im
Winter, wo es nicht mehr so viel zu tun gibt? Nein, ich danke. Damals,
als ich eine brauchte, da hätte ich eine bekommen sollen, jawohl.
Wieder hatte sie einigermaßen recht: sie hätte eine Magd haben müssen,
als sie nicht wohl und in gesegneten Umständen war. Aber Barbro war ja
niemals mit ihrer Arbeit im Rückstand geblieben, sie war eigentlich
jetzt ebenso flink und tüchtig, tat alles, was geschehen mußte, und
ließ niemals ein Wort von einer Magd verlauten. Aber sie hätte eine
haben sollen. Ja, dann verstehe ich es nicht, sagte er mutlos.
Schweigen.
Dann fragte Barbro: Ich habe sagen hören, du wollest den Telegraphen
übernehmen, den mein Vater hat? -- Wieso, wer hat das gesagt? -- Es
geht das Gerede. -- Ja, es ist nicht unmöglich, erklärte Axel. -- So.
-- Warum fragst du? -- Ich frage, weil du meinem Vater Haus und Hof
abgenommen hast und ihm nun auch noch seinen Lebensunterhalt nehmen
willst.
Schweigen.
Aber nun wollte sich Axel doch nicht noch mehr gefallen lassen, und er
rief: Ich will dir etwas sagen, du bist das gar nicht wert, was ich für
dich und die Deinen tue.
So, sagte Barbro.
Nein! rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stand er auf.
Du brauchst nicht zu meinen, daß du mir Angst machen kannst, piepste
sie mit schwacher Stimme und drückte sich näher an die Wand.
Dir Angst machen! machte er ihr nach und blies verächtlich. Aber jetzt
ist es Ernst, und ich will wissen, wie es mit dem Kind gewesen ist.
Hast du es ertränkt?
Ertränkt?
Ja, es ist doch im Wasser gewesen.
So, du hast das gesehen? sagte sie. Du hast wohl -- daran gerochen,
hätte sie beinahe gesagt, wagte es aber nicht, denn es war vielleicht
jetzt gerade nicht mit ihm zu spaßen. Du hast es also gesehen?
Ich habe gesehen, daß es im Wasser gelegen hat.
Ach, das hast du wohl sehen dürfen, versetzte sie. Es wurde im Wasser
geboren, ich glitt aus und konnte nicht mehr aufstehen.
So, du bist ausgeglitten?
Ja, und in demselben Augenblick kam auch das Kind.
So, sagte er. Aber du hast doch einen Lappen mitgenommen. Hast du
geahnt, daß du ausgleiten würdest?
Einen Lappen mitgenommen? wiederholte sie.
Einen großen weißen Lappen, eines von meinen Hemden, das du quer
abgeschnitten hattest.
Jawohl, den Lappen habe ich mitgenommen, um Wacholder drin nach Hause
zu tragen, sagte Barbro.
Wacholder?
Ja, Wacholder. Habe ich dir nicht gesagt, daß ich Wacholder holen
wollte?
Ja, oder Besenreis.
Ach, das ist doch einerlei, was es war ...
Allein trotz dieses starken Zusammenstoßes wurde es wieder gut zwischen
den beiden, das heißt, es wurde nicht mehr gut, aber erträglich; Barbro
war klug und zeigte sich nachgiebiger, sie witterte Gefahr. Aber unter
diesen Verhältnissen wurde ja das Leben auf Maaneland immer gezwungener
und unerträglicher, ohne Vertrauen, ohne Freude, immer auf der Hut.
Es ging immer nur einen Tag um den andern, aber solange es überhaupt
ging, mußte Axel zufrieden sein. Er hatte nun einmal dieses Mädchen zu
sich genommen, er brauchte es, war ihr Liebster gewesen, hatte sich an
sie gebunden, es war keine leichte Sache, sich und sein ganzes Leben
zu ändern. Barbro wußte alles, was mit dem Neubau zusammenhing, wo
Hab und Gut aufbewahrt war, wann die Kühe und Geißen werfen würden,
ob das Winterfutter kärglich oder reichlich war, welche Milch zu
Käsen bestimmt war und welche im Haushalt verbraucht werden durfte --
eine Fremde wurde von nichts eine Ahnung haben, und eine Fremde war
vielleicht gar nicht aufzutreiben.
Ach, aber oft schon hatte Axel doch daran gedacht, Barbro
fortzuschicken und ein anderes Mädchen dafür zu nehmen; sie war
zuweilen ein wahrer Zankapfel, und er fürchtete sich beinahe vor ihr.
Selbst zu der Zeit, in der er das Unglück gehabt hatte, Glück bei
ihr zu haben, war er bisweilen vor ihrer merkwürdig grimmigen und
unliebenswürdigen Art zurückgewichen. Allein sie war schön und hatte
auch ihre süßen Stunden und begrub ihn gut in ihren Umarmungen. Doch
das war einmal, jetzt hatte es aufgehört. Nein, danke schön, diese
elende Geschichte wollte sie nicht noch einmal durchmachen! Aber es ist
nicht so leicht, sich und sein ganzes Leben umzuformen. Dann wollen wir
sofort heiraten, sagte Axel dringend. -- Sofort? erwiderte sie. Nein,
ich fahre zuerst in die Stadt und lasse meine Zähne herrichten. Ich
habe sie ja vor lauter Zahnweh beinahe alle verloren.
Da mußte es nun eben weitergehen wie seither; Barbro bekam keinen
bestimmten Lohn mehr, aber sie bekam viel mehr als ihren Lohn, und
sooft sie Geld begehrte und es auch erhielt, dankte sie dafür, als ob
es ein Geschenk wäre. Übrigens begriff Axel nicht, wozu sie das Geld
brauchte; was sollte sie hier auf dem Lande mit Geld? Sparte sie es
zusammen? Aber wozu in aller Welt sparte sie jahraus, jahrein zusammen?
Es war da sehr viel, was Axel nicht begriff: hatte sie denn nicht
den Verlobungsring, ja sogar einen goldenen Ring bekommen? Es hatte
ja auch lange Zeit nach diesem letzten großen Geschenk ein gutes
Verhältnis zwischen ihnen geherrscht, aber in alle Ewigkeit wirkte es
doch nicht, keineswegs, und er konnte ihr doch nicht immer wieder Ringe
kaufen. Kurz und gut: wollte ihn Barbro nicht? Frauenzimmer sind doch
merkwürdige Geschöpfe! Stand sonst noch irgendwo ein Mann mit schönem
Viehstand und einem neuen Wohnhaus für sie bereit? Axel hatte alles
Recht, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen über die Dummheit und
Launenhaftigkeit der Weiber.
Es war ganz merkwürdig, Barbro schien keinen andern Gedanken im Kopf zu
haben als das Leben in der Stadt und in Bergen. Aber um Gottes willen,
warum war sie dann überhaupt wieder herauf in den Norden gekommen?
Ein Telegramm ihres Vaters allein hätte sie nicht dazu vermocht, auch
nur einen Fuß vor den andern zu setzen, sie mußte einen andern Grund
gehabt haben. Hier war sie doch Jahr um Jahr von morgens bis abends
unzufrieden. Holzgeschirre statt solcher aus Blech und Eisen, Kessel
statt Kasserollen; dieses ewige Melken statt eines Spaziergangs in die
Meierei; Bauernstiefel, Schmierseife, einen Heusack unter dem Kopf,
niemals Hornmusik, keine Menschen. Hier war sie ...
Nach dem großen Zusammenstoß haderten sie noch oftmals miteinander.
Sollen wir darüber schweigen oder sollen wir darüber reden? sagte
Barbro. Du denkst wohl gar nicht mehr daran, was du meinem Vater
angetan hast? sagte sie. -- Axel fragte: So, was habe ich denn getan?
-- Das weißt du selbst am besten, sagte sie. Aber Inspektor wirst du
nun übrigens doch nicht. -- So. -- Nein, das glaube ich nicht, bis ich
es sehe. -- Du meinst wohl, ich sei nicht klug genug dazu? -- Es ist
ja ganz gut für dich, wenn du klug bist, aber du liest nicht und du
schreibst nicht, du nimmst auch niemals nur eine Zeitung in die Hand.
-- Ich kann so viel lesen und schreiben, als ich nötig habe, sagte er;
aber du bist nichts als ein großes Lästermaul. -- Da hast du deinen
Ring! schrie sie und warf den silbernen Ring auf den Tisch. -- So,
und wo ist denn der andere? fragte er nach einer Weile. -- Wenn du
deine Ringe wiedernehmen willst, so kannst du sie haben, sagte sie und
mühte sich, den goldenen Ring abzustreifen. -- Dein Zorn macht keinen
Eindruck auf mich, sagte er und ging hinaus.
Und natürlich trug sie sehr bald beide Ringe wieder.
Es machte Barbro auf die Dauer auch nichts aus, daß er sie wegen des
Todes des Kindes im Verdacht hatte. Ganz im Gegenteil, sie pfiff darauf
und war hochmütig. Nicht als ob sie etwas eingestanden hätte, aber sie
sagte: Ja, und wenn ich es auch ertränkt hätte! Du lebst hier in der
Einöde und weißt nichts davon, wie es sonst in der Welt zugeht. -- Als
sie wieder einmal über diese Frage sprachen, dachte sie, sie wolle ihm
einen Begriff davon beibringen, daß er die Sache viel zu ernsthaft
nehme; sie selbst legte einem Kindsmord nicht mehr Wichtigkeit bei, als
er verdiente. Sie wußte von zwei Mädchen in Bergen zu erzählen, die
ihre Kinder umgebracht hatten, und die eine hatte einige Monate Strafe
erhalten, weil sie so dumm gewesen war und es nicht selbst umgebracht,
sondern es ausgesetzt hatte, damit es erfrieren sollte, und die andere
war freigesprochen worden. Nein, das Gesetz ist jetzt hierin nicht mehr
so unmenschlich wie früher, sagte Barbro. Und außerdem kommt es auch
gar nicht immer heraus, sagte sie. Eines der Mädchen, die im Hotel in
Bergen dienten, hat zwei Kinder umgebracht; sie war aus Christiania
und trug einen Hut mit Federn darauf. Für das letzte Kind bekam sie
drei Monate, aber das mit dem ersten ist nicht herausgekommen, erzählte
Barbro.
Axel hörte zu, und es graute ihm immer mehr vor ihr. Er suchte zu
begreifen, suchte in dieser Finsternis irgend etwas zu erkennen, aber
im Grunde hatte sie recht. Er nahm die Sache viel zu ernsthaft. Sie
war mit all ihrer banalen Verderbtheit eines ernsthaften Gedankens
gar nicht wert. Ein Kindsmord war für sie gar kein Begriff, hatte
gar nichts Außerordentliches an sich, es war nur der Ausschlag der
ganzen moralischen Sittenlosigkeit und des Leichtsinns, der von einem
Dienstmädchen zu erwarten war. Das zeigte sich auch in den Tagen,
die darauf folgten: da gab es keine Stunde des Nachdenkens, sie war
genau wie früher voll überflüssigen Geschwätzes, ganz Dienstmädchen.
Ich muß fort wegen meiner Zähne, sagte sie. Und dann sollte ich ein
Mantlett haben. Ein „Mantlett” war eine Art kurzen Kragens, der nur bis
zur Mitte reichte, das war einige Jahre lang Mode gewesen, und Barbro
wollte auch ein Mantlett haben.
Wenn Barbro alles so selbstverständlich hinnahm, was blieb Axel dann
übrig, als sich auch zu beruhigen? Sein Verdacht stand auch nicht
immer ganz fest, und sie gestand ja niemals etwas ein, im Gegenteil,
sie hatte einmal ums andere alle Schuld geleugnet, ohne Zorn, ohne
Halsstarrigkeit, aber zum Henker, genau so, wie ein Dienstmädchen
leugnet, eine Schüssel zerschlagen zu haben, selbst wenn sie es getan
hat. Ein paar Wochen vergingen, dann wurde es Axel doch zuviel,
er blieb eines Tages mitten in der Stube stehen und hatte eine
Offenbarung. Aber du großer Gott, alle hatten doch ihren Zustand
gesehen, daß sie rund und dick und in anderen Umständen war! Und jetzt
war sie wieder schlank, wo aber war das Kind? Wenn nun alle Menschen
kämen und suchten? Sie würden eines Tages eine Erklärung verlangen.
Und wenn also nichts Schlimmes geschehen war, so wäre es viel besser
gewesen, die Leiche auf dem Friedhof zu begraben. Dann wäre sie fort
aus dem Gebüsch, fort aus Maaneland.
Nein, das hätte mir nur Unannehmlichkeiten bereitet, erklärte Barbro.
Sie hätten das Kind geöffnet, und es hätte ein Verhör gegeben. Das
wollte ich nicht haben.
Wenn es nur später nicht viel schlimmer wird, sagte er.
Barbro entgegnete: Warum denkst du so viel darüber nach? Laß es doch im
Gebüsch! Ja, sie fragte lächelnd: Meinst du vielleicht, es komme hinter
dir her? Du mußt nur den Mund halten und dich nicht mehr darum kümmern.
So, na ja.
Habe ich vielleicht das Kind ertränkt? Nein, es hat sich selbst
ertränkt, als ich ins Wasser fiel. Es ist ja unglaublich, was du für
Gedanken hast! Und außerdem kommt es nie heraus, sagte sie.
Mit Inger von Sellanraa ist es doch auch herausgekommen, wie ich gehört
habe, wendete er ein.
Barbro dachte nach. Das beunruhigt mich gar nicht! sagte sie. Das
Gesetz ist seither anders geworden; wenn du die Zeitung lesen würdest,
hättest du es gesehen. Viele kriegen Kinder und töten sie, und niemand
tut ihnen deshalb weiter etwas zuleide! Barbro sucht ihm das zu
erklären, und sie versteht etwas von der Sache, sie ist nicht umsonst
draußen in der Welt gewesen und hat viel gehört und gesehen und
gelernt; jetzt saß sie vor ihm und war gescheiter als er. Sie hatte
drei Hauptgründe, die sie immer wieder vorbrachte: erstens hatte sie es
nicht getan, zweitens wäre es gar nicht so gefährlich, selbst wenn sie
es getan hätte, und drittens würde es niemals herauskommen.
Ich habe gemeint, es komme alles heraus, wendete er ein.
O nein, bei weitem nicht! entgegnete sie. Und ob sie ihn nun verblüffen
oder ihm Mut machen wollte, oder ob es aus Eitelkeit oder aus
Großtuerei geschah, sie ließ in diesem Augenblick eine Bombe platzen:
Ich habe selbst etwas getan, das nicht herausgekommen ist, sagte sie.
Du? sagte er ungläubig. Was hast du denn getan?
Was ich getan habe? Ich habe getötet.
Vielleicht hatte sie nicht beabsichtigt, ganz so weit zu gehen, jetzt
mußte sie aber noch weiter gehen, er saß ja da und starrte sie an. Ach,
es war nicht einmal grenzenlose Frechheit von ihr, es war Zanksucht,
Großtuerei, sie wollte überlegen sein und das letzte Wort behalten:
Glaubst du mir nicht? rief sie. Erinnerst du dich an die Kindsleiche im
Hafen? Die hatte ich hineingeworfen.
Was! rief er.
Die Kindsleiche damals. Du weißt auch gar nichts mehr! Wir haben doch
in der Zeitung davon gelesen.
Nach einer Weile brach er los: Du bist ein entsetzliches Weib!
Aber seine Verwirrung stärkte sie, flößte ihr eine Art unnatürlicher
Kraft ein, so daß sie Einzelheiten berichten konnte: Ich hatte es mit
in meinem Koffer -- ja, es war tot, das hatte ich gleich getan, als es
geboren war. Und als wir in den Hafen kamen, warf ich es hinaus.
Axel saß finster und schweigend da; aber Barbro redete weiter, das sei
jetzt schon lange her, schon mehrere Jahre, es sei damals gewesen, als
sie nach Maaneland kam. Da könne er sehen, daß nicht alles herauskomme,
bei weitem nicht alles. Was er meine, wie das wäre, wenn alles
herauskäme, was alle Leute täten? Und was erst die verheirateten Leute
in der Stadt täten! Die brächten ihre Kinder um, ehe sie geboren seien,
es gebe besondere Ärzte dafür. Diese Leute wollten nicht mehr als ein
Kind, höchstens zwei Kinder haben, und darum tötete es der Doktor im
Mutterleib. Axel könne ihr glauben, daß das draußen in der Welt nicht
schwer genommen werde.
Axel fragte: Na, dann hast du wohl das zweite Kind auch umgebracht?
Nein, erwiderte sie äußerst gleichgültig. Das habe ich nicht nötig
gehabt, sagte sie. Aber sie kam noch einmal darauf zurück, daß es gar
nicht so gefährlich gewesen wäre. Sie schien daran gewöhnt, dieser
Frage in die Augen zu sehen, deshalb blieb sie so gleichgültig dabei.
Beim erstenmal war es allerdings vielleicht etwas grausig, ein klein
wenig unheimlich für sie gewesen, ein Kind umzubringen, aber das
zweitemal? Sie konnte mit einer Art von geschichtlichem Gefühl an die
Tat denken: das war geschehen und geschah auch wieder.
Mit schwerem Kopf verließ Axel die Stube. Es focht ihn weiter nicht
sehr an, daß Barbro ihr erstes Kind umgebracht hatte; das ging ihn
nichts an. Und daß sie dieses Kind überhaupt gehabt hatte, darüber war
auch nicht viel zu sagen. Eine Unschuld war sie nicht gewesen, und
sie hatte sich auch nicht dafür ausgegeben, im Gegenteil, sie hatte
ihre Erfahrenheit durchaus nicht verborgen und ihn sogar in manchem
dunkeln Spiel unterwiesen. Gut. Aber dieses letzte Kind hätte er gerne
behalten, ein kleiner Junge, ein weißes Geschöpfchen in einen Lappen
gewickelt! Wenn sie schuld war an des Kindes Tod, so hatte sie ihm ein
Unrecht zugefügt, ein Band zerschnitten, das ihm wertvoll war, und das
ihm nie mehr ersetzt wurde. Aber es konnte ja sein, daß er ihr unrecht
tat, daß sie wirklich im Bach ausgeglitten war und sich nicht mehr
aufrichten konnte. Allerdings, der Lappen war ja da, das halbe Hemd,
das sie mitgenommen hatte ...
Die Stunden gingen auch jetzt hin, es wurde Mittag und es wurde
Abend. Und als Axel zu Bett gegangen war und lange genug ins Dunkel
hineingestarrt hatte, schlief er ein und schlief bis an den Morgen. Ein
neuer Tag brach an, und nach diesem Tag kamen noch andere Tage.
Barbro blieb immer dieselbe. Sie wußte sehr viel von der Welt und
behandelte solche Kleinigkeiten, die hier auf dem Lande Gefahren
waren und Schrecken verbreiteten, mit Gleichgültigkeit. Das war auch
wieder tröstlich, sie war gescheit für beide, unbesorgt für beide.
Übrigens sah sie auch nicht aus wie ein gefährlicher Mensch. Barbro
ein Ungeheuer? Keine Spur. Sie war im Gegenteil ein schönes Mädchen,
blauäugig mit einem Stumpfnäschen, und die Arbeit ging ihr flink von
der Hand. Die Ansiedlung war ihr nur ein wenig verleidet, und verleidet
waren ihr auch die Holzgeschirre, die sooft gescheuert werden mußten,
und vielleicht war ihr auch der ganze Axel verleidet und das ganze
verflucht zurückgezogene Leben, das sie führte. Aber sie brachte keines
der Tiere um und stand auch nicht bei Nacht mit gezücktem Messer über
ihm.
Nur noch einmal kam es dazu, daß die beiden über die Kindsleiche
draußen im Walde miteinander sprachen. Axel wiederholte noch einmal,
sie hätte auf dem Kirchhof begraben und mit Erde bedeckt werden sollen,
aber Barbro blieb auch jetzt dabei, daß ihre Handlungsweise ganz recht
gewesen sei. Bei dieser Gelegenheit sagte sie etwas, das zeigte, daß
auch sie überlegte, ho, und schlau war, und weiter sah, als ihre Nase
reichte, ja, daß sie mit einem kleinen ärmlichen Negergehirn dachte:
Und wenn es auch aufkommt, dann spreche ich mit dem Lensmann, ich habe
bei ihm gedient, und die Frau Heyerdahl hilft mir. Es stehen nicht alle
so gut wie ich, und sie werden doch freigesprochen. Und außerdem steht
Vater gut mit den großen Herren, er ist Gerichtsbote und alles, was
drum und dran ist.
Axel schüttelte nur den Kopf.
Du glaubst es nicht?
Was du dir einbildest, daß dein Vater ausrichten könne!
Was weißt denn du davon? rief sie ärgerlich. Denk daran, daß du ihn ins
Elend gebracht hast, du hast ihm seinen Hof und seinen Lebensunterhalt
genommen!
Sicherlich hatte sie eine Art Vorstellung davon, daß ihres Vaters
Ansehen in der letzten Zeit eingebüßt hatte und daß dies zum Schaden
für sie selbst ausschlagen könnte. Was sollte Axel darauf antworten? Er
schwieg. Er war ein Mann des Friedens, ein Mann der Arbeit.
3
Als es dem Winter zuging, war Axel wieder der einzige Mensch auf
Maaneland. Barbro war gegangen. Ja, das war das Ende. Ihre Reise in die
Stadt solle nicht lange dauern, sagte sie. Es sei ja keine Reise nach
Bergen, aber sie wolle nicht einen Zahn nach dem andern verlieren und
einen Mund bekommen wie ein Kalb. Was das kosten werde? fragte Axel. --
Wie kann ich das wissen? erwiderte sie. Dich wird's jedenfalls nichts
kosten, ich werde es abverdienen.
Sie hatte ihm auch auseinandergesetzt, warum es am besten sei, wenn
sie die Reise jetzt mache; jetzt seien nur zwei Kühe zu melken, bis
zum Frühjahr würden noch zwei kalben und auch die Geißen Junge werfen,
die Heuernte würde kommen, die Arbeit würde drängen bis über den Juni
hinaus. -- Tu, was du willst, sagte Axel.
Die Sache sollte ihn nichts kosten, gar nichts. Aber sie müsse doch
etwas Geld haben, nur eine kleine Summe; sie brauche Geld zur Reise
und für den Zahnarzt, außerdem brauche sie ein Mantlett und noch
verschiedenes andere, aber das müsse ja nicht sein, wenn es ihm
unangenehm sei. -- Du hast bis jetzt schon Geld genug bekommen, sagte
Axel. -- So, erwiderte sie. Das ist aber jedenfalls nicht mehr da. --
Hast du denn nichts zurückgelegt? -- Zurückgelegt? Du kannst ja in
meiner Kiste nachsuchen. Ich habe auch in Bergen nichts zurückgelegt,
und dort hatte ich doch einen viel größeren Lohn. -- Ich habe kein Geld
für dich, sagte er.
Axel hatte keinen rechten Glauben daran, daß Barbro von dieser
Reise zurückkommen werde, und sie hatte seine Geduld mit ihrer
Unliebenswürdigkeit so über alle Maßen geprüft, daß er anfing, ihrer
überdrüssig zu werden. Es gelang ihr schließlich auch nicht, eine
nennenswerte Summe aus ihm herauszuwinden, aber er sah durch die
Finger, als sie sich einen ungeheuren Mundvorrat einpackte, ja, er
selbst fuhr sie und ihre Kiste hinunter ins Dorf zum Postboot.
Nun war es also geschehen.
Er hätte ganz gut wieder allein auf der Ansiedlung sein können, er war
es von früher her gewöhnt, aber er war jetzt durch seinen Viehstand
allzusehr gebunden, und wenn er einmal von Hause abwesend sein mußte,
waren die Tiere nicht versorgt. Der Kaufmann hatte ihm geraten, sich
Oline kommen zu lassen, sie sei doch einmal mehrere Jahre auf Sellanraa
gewesen, allerdings sei sie jetzt alt, aber noch rührig und arbeitsam.
Ja, Axel hatte nach Oline geschickt, aber sie war nicht gekommen, und
er hatte auch nichts von ihr gehört.
Während Axel auf sie wartet, fällt er Holz im Walde, drischt seine
kleine Kornernte und besorgt seinen Viehstand. Es war einsam und still
um ihn. Ab und zu kam Sivert von Sellanraa vorbei auf der Fahrt ins
Dorf oder vom Dorf zurück; hinunter führte er Brennholz oder Häute oder
Käse, aber zurück kam er fast immer leer, der Hof Sellanraa brauchte
nicht viel Waren zu kaufen.
Dann und wann kam auch Brede Olsen an Maaneland vorbei und in der
letzten Zeit häufiger als sonst -- wer konnte wissen, was er hier so
eifrig, so fleißig zu laufen hatte! Es war, als ob er sich noch in den
letzten Wochen an der Telegraphenlinie unentbehrlich machen und den
Posten behalten wolle. Seit Barbro abgereist war, kam er nie mehr zu
Axel herein, sondern ging nur rasch vorbei, und das war doch vielleicht
ein gar zu arger Hochmut von ihm, da er immer noch auf Breidablick
wohnen blieb und nicht abgezogen war. Eines Tages, als er vorbeigehen
wollte, ohne auch nur zu grüßen, hielt ihn Axel an und fragte, bis wann
er den Hof zu räumen gedenke. -- Auf welche Weise hast du dich von
Barbro getrennt? fragte Brede dagegen. Das eine Wort gab das andere:
Du hast sie ohne alle Mittel fortgeschickt. Es war nahe daran, daß sie
nicht einmal bis Bergen gekommen wäre.
So, sie ist also in Bergen? -- Ja, schließlich sei sie hingekommen,
schreibt sie, aber dir hat sie nicht dafür zu danken. -- Ich werde dich
jetzt sofort aus Breidablick hinauswerfen, sagte Axel. -- Ja, weil du
seither so gutherzig gewesen bist, erwiderte der andere spöttisch. Nach
Neujahr werfen wir uns selbst hinaus, fuhr er fort und ging dann seines
Weges.