Der Wagen ist nicht viel wert, er hat zu oft unter freiem Himmel

gestanden; aber Axel bietet schließlich noch ganze fünf Kronen mehr

und ersteht auch den Wagen. Dann kauft Axel nichts mehr. Aber alles

verwundert sich, daß der vorsichtige Mann so viel gekauft hat.

Nun ging's an die Tiere. Sie standen heute im Stall, um in der Nähe zu

sein. Was sollte Brede mit Tieren, wenn er kein Weideland mehr dafür

hatte! Kühe hatte er gar nicht, er hatte seine Landwirtschaft mit zwei

Geißen begonnen, jetzt hatte er vier. Außerdem hatte er sechs Schafe.

Ein Pferd besaß er nicht.

Isak kaufte ein gewisses Schaf mit flachen Ohren. Als Bredes Kinder

dieses Schaf aus dem Stall herausführten, bot er sofort darauf; das

erregte Aufmerksamkeit; Isak von Sellanraa war ja ein reicher und

angesehener Mann, der brauchte doch nicht noch mehr Schafe, als er

schon hatte. Bredes Frau hält einen Augenblick mit ihrem Kaffeeverkauf

inne und sagt: Zu diesem Schaf kann man dir nur zureden, Isak; es ist

zwar alt, aber es wirft jedes Jahr zwei oder drei Lämmer. -- Ja, das

weiß ich, erwidert Isak und sieht sie voll an. Ich kenne das Schaf.

Er macht sich mit Axel Ström zusammen auf den Heimweg und führt sein

Schaf am Strick. Axel ist schweigsam, und irgend etwas scheint ihn zu

wurmen, was es nun auch sein mag. Aber er hat doch eigentlich keine

äußere Ursache, niedergeschlagen zu sein, denkt Isak. Seine Wirtschaft

ist in gutem Stande, er hat das meiste Futter schon hereingebracht, und

er ist eben dabei, sein Wohnhaus aufzurichten. Es geht bei Axel Ström,

wie es gehen soll, ein wenig langsam, aber sicher. Jetzt hat er sich

auch ein Pferd angeschafft.

Du hast Bredes Hof gekauft, sagt Isak. Willst du ihn bewirtschaften? --

Nein, ich will ihn nicht bewirtschaften. Ich habe ihn für einen andern

gekauft. -- So. -- Was meinst du, habe ich zuviel bezahlt? -- O nein.

Er hat gute Moore, wenn sie entwässert werden. -- Ich habe den Hof für

meinen Bruder in Helgeland gekauft. -- So. -- Aber ich habe so halb und

halb daran gedacht, mit ihm zu tauschen. -- Du willst mit ihm tauschen?

-- Wenn Barbro lieber da unten wohnen möchte.

Schweigend gehen sie ein gutes Stück. Dann sagt Axel: Man ist

sehr hinter mir her, ich soll den Telegraphen übernehmen. -- Den

Telegraphen? So. Ja, ich habe gehört, der Brede habe ihn aufgekündigt.

-- So, antwortet Axel lächelnd; das ist nicht ganz genau so gewesen,

ihm, dem Brede, ist aufgekündigt worden. -- Ja, ja, sagte Isak und

versuchte Brede ein wenig zu entschuldigen; der Telegraph nimmt viel

Zeit weg. -- Sie haben ihm zu Neujahr gekündigt, wenn er sich nicht

bessere. -- So. -- Meinst du nicht, ich könnte den Posten übernehmen?

-- Isak dachte lange nach und antwortete dann: Ja, ja, das bringt Geld.

-- Sie wollen mir mehr geben. -- Wieviel? -- Das Doppelte. -- Das

Doppelte? Ja, dann meine ich, du könntest es dir überlegen. -- Aber die

Strecke ist etwas länger geworden. Nein, ich weiß doch nicht, was ich

tun soll; es läßt sich jedoch jetzt weniger aus dem Wald herausschlagen

als zu deiner Zeit, und ich muß mir noch mehr Geräte anschaffen, ich

habe jetzt zu wenig. An bar Geld fehlt es immer, und mein Viehstand ist

nicht so groß, daß ich davon verkaufen könnte. Ich meine, ich sollte

es einmal ein Jahr mit dem Telegraphen versuchen ... Keinem der beiden

fiel es ein, daß Brede sich bessern und seinen Posten behalten könnte.

Als sie nach Maaneland kamen, ist auch Oline auf ihrem Heimweg dort

angelangt, ja, Oline ist merkwürdig, sie kriecht fett und rund daher

wie eine Raupe und ist doch über siebzig Jahre, aber sie kommt weiter.

Sie sitzt in der Gamme und trinkt Kaffee, aber als sie die Männer

gewahr wird, läßt sie alles liegen und stehen und kommt heraus. Guten

Tag, Axel, zurück von der Versteigerung? fragt sie. Du hast doch nichts

dagegen, daß ich Barbro einen Besuch mache? Und du baust ein Wohnhaus

und wirst ein immer größerer Herr? Du hast ein Schaf gekauft, Isak?

-- Ja, erwidert Isak, kommt es dir nicht bekannt vor? -- Ob es mir

bekannt vorkommt? Nein. -- Es hat aber doch diese flachen Ohren, sieh

nur. -- Flache Ohren, wieso denn? Und wenn auch? Ja, was ich sagen

wollte: Wer hat denn Bredes Hof gekauft? Eben habe ich zu der Barbro

gesagt, wer wohl ihr Nachbar werden würde, habe ich gesagt. Die arme

Barbro sitzt nur da und weint, wie nicht anders zu erwarten ist. Aber

der Allmächtige hat ihr eine zweite Heimat hier auf Maaneland beschert.

Flache Ohren? Ich habe in meinem Leben schon viele Schafe mit flachen

Ohren gesehen. Und das ist wahr, Isak, diese Maschine, die du hast, ist

fast mehr als meine alten Augen fassen können. Und was sie gekostet

hat, danach will ich lieber gar nicht fragen, so hoch kann ich gar

nicht zählen. Wenn du sie gesehen hast, Axel, dann weißt du, was ich

meine, es war mir, als sähe ich Elias in seinem feurigen Wagen; Gott

verzeih mir die Sünde ...

Als das Heu unter Dach war, fing Eleseus an, sich zur Abreise zu

rüsten. Er hatte dem Ingenieur geschrieben, er komme jetzt wieder, aber

darauf die sonderbare Antwort erhalten, daß die Zeiten schlecht seien,

man müsse sich einschränken, der Ingenieur könne den Posten nicht mehr

besetzen und müsse von nun an alles selbst schreiben.

Das war doch eine verfluchte Sache! Aber wozu brauchte auch dieser

Bezirksingenieur einen Schreiber? Damals, als er den kleinen Jungen

Eleseus von seinem Elternhaus wegnahm, wollte er sich wohl nur als

großer Mann in der Gegend zeigen, und wenn er ihn bis über die

Konfirmation genährt und gekleidet hatte, so hatte er auch ein wenig

Hilfe auf dem Büro dafür gehabt. Jetzt war der Junge erwachsen, nun war

es eine andere Sache.

Aber, schrieb der Ingenieur, wenn Du zurückkommst, so will ich tun, was

ich kann, um Dich auf einem anderen Büro unterzubringen, obgleich es

wahrscheinlich schwierig sein wird. Es gibt so überflüssig viele junge

Leute hier, die diese Laufbahn einschlagen. Freundliche Grüße.

Gewiß wollte Eleseus zurück in die Stadt, ja, ganz zweifellos. Sollte

er sich wegwerfen? Er wollte doch weiterkommen in der Welt. Und Eleseus

sagte den Seinigen nichts von der veränderten Sachlage; das führte

doch zu nichts, und außerdem war er etwas schlapp, also schwieg er.

Das Leben auf Sellanraa wirkte wieder auf ihn, es war ein ruhmloses

und alltägliches Dasein, es war ruhig und einschläfernd, man wurde ein

Träumer, da war niemand, vor dem er sich hätte aufspielen, niemand,

mit dem er sich hätte messen können. Das Stadtleben hatte sein Wesen

gespalten, hatte ihn vornehmer gemacht als die andern, aber auch

schwächer, er fühlte sich jetzt eigentlich überall heimatlos. Daß er

wieder anfing, den Geruch des Rainfarn angenehm zu finden -- nun gut!

Aber es hatte doch keinen Sinn, wenn ein Bauernjunge, der abends seine

Mutter die Kühe melken hörte, dabei auf folgenden Gedanken kam: Jetzt

wird gemolken, hör doch nur, es ist beinahe wunderbar anzuhören, es

ist wie eine Art Lied, in lauter einzelnen Strahlen, ganz anders als

die Hornmusik in der Stadt oder die Heilsarmee oder die Pfeife des

Dampfschiffs. Der Milchstrahl, der in ein Gefäß rinnt ...

Es war nicht Brauch auf Sellanraa, seine Gefühle sehr zu zeigen, und

Eleseus fürchtete sich vor dem Augenblick des Abschieds. Er war jetzt

gut ausgestattet, er sollte wieder einen Ballen Leinwand zu Unterzeug

mitbekommen, und der Vater hatte Geld bereitgelegt, das Eleseus

eingehändigt werden sollte, wenn er die Schwelle überschritt. Geld --

konnte Isak wirklich Geld entbehren? Aber es ging nicht anders, Inger

deutete ja an, daß es zum letztenmal sei. Eleseus werde bald aufrücken

und für sich selbst sorgen. -- So, sagte Isak. -- Die Stimmung wurde

feierlich, im Hause wurde es still, alle hatten zum Abschiedsessen ein

gekochtes Ei bekommen, und Sivert stand schon draußen, fertig gerüstet,

mitzugehen und das Gepäck zu tragen. Eleseus konnte mit dem Abschied

anfangen.

Er fing bei Leopoldine an. Ja, sie sagte ihm auch Lebewohl und machte

das recht nett. Ebenso wiederholte die Magd Jensine, die eben Wolle

kardätschte, den Abschiedsgruß. Aber beide Mädchen glotzten ihn ganz

verflucht an, nur weil er vielleicht ein klein wenig rote Augen hatte.

Er reichte seiner Mutter die Hand, und sie weinte natürlich laut auf

und kümmerte sich den Henker darum, daß er das Weinen nicht leiden

konnte. Laß dir's gut gehen! schluchzte sie. Der Abschied vom Vater war

der schlimmste, unbedingt, aus tausend Gründen: er war so abgearbeitet

und so unendlich getreu, hatte die Kinder auf den Armen getragen, ihnen

von Möwen und anderen Vögeln erzählt und von Tieren und allen Wundern

des Feldes. Das war gar nicht lange her, ein paar Jahre ...

Der Vater steht am Fenster, dann dreht er sich plötzlich um, ergreift

die Hand des Sohnes und sagt laut und ärgerlich: Ja, ja, leb wohl!

Ich sehe, das neue Pferd hat sich dort losgerissen! Und hinaus

läuft er und rennt davon. Ach, und er hatte sich ja selbst kurz

vorher hingeschlichen und das Pferd losgebunden, und das wußte der

Spitzbube Sivert recht gut, der draußen stand und dem Vater lächelnd

nachschaute. Und außerdem war ja das Pferd auf der Nachmahd.

Dann war Eleseus fertig.

Doch da kam ihm die Mutter auf die Türschwelle nach, schluchzte noch

mehr und sagte: Gott sei mit dir! und drückte ihm etwas in die Hand.

Dies hier -- und du sollst ihm nicht danken, das mag er nicht. Und

schreib auch fleißig!

Zweihundert Kronen.

Eleseus sah hinüber. Der Vater strengte sich ungeheuer an, einen

Tüderpflock in die Erde zu rammen, was ihm anscheinend gar nicht

gelingen wollte, obgleich es doch weicher Wiesengrund war.

Die Brüder schritten fleißig aus, sie kamen nach Maaneland, da stand

Barbro auf der Schwelle und lud sie ins Haus ein. Gehst du wieder fort,

Eleseus? Dann mußt du aber hereinkommen und wenigstens eine Tasse

Kaffee trinken.

Sie gehen in die Gamme, und Eleseus ist nicht mehr verrückt vor

Liebe und will zum Fenster hinausspringen oder Gift nehmen, nein, er

legt seinen hellen Überrock über die Knie und sorgt dafür, daß das

silberne Schild obenhin zu liegen kommt, danach fährt er sich mit dem

Taschentuch übers Haar, und dann macht er die sehr feine Bemerkung: Ein

klassisches Wetter heute!

Barbro hat auch nicht die Fassung verloren, sie spielt mit ihrem

silbernen Ring an der einen Hand und mit dem goldenen an der andern

-- ja, sie hatte wahrhaftig jetzt auch den goldenen Ring bekommen --,

und sie hat eine Schürze an, die vom Hals bis zu den Füßen geht, so

sieht man ihr wenigstens ihre Rundlichkeit nicht an. Und nachdem sie

den Kaffee gekocht hat und während die Gäste ihn trinken, näht sie erst

ein bißchen an einem weißen Tuch und häkelt dann ein bißchen an einem

Kragen und betreibt allerlei jungfrauenhafte Arbeiten. Barbro ist nicht

in Verlegenheit über den Besuch, und das ist gut, dadurch wird der Ton

natürlich, und Eleseus kann wieder so obenhin und einnehmend tun.

Wo ist denn Axel? fragt Sivert.

Wo er ist? Irgendwo, antwortet Barbro und richtet sich auf. Ja, jetzt

kommst du wohl nie wieder heim aufs Land? fragt sie Eleseus. -- Das

ist höchst unwahrscheinlich, erwidert er. -- Hier ist nicht der rechte

Ort für jemand, der an die Stadt gewöhnt ist. Ich wäre froh, wenn ich

mit dir reisen könnte. -- Ach, das ist dir nicht Ernst. -- Nicht,

meinst du? Oh, ich habe es erfahren, wie es ist, wenn man in der

Stadt wohnt, und wie es auf dem Lande ist. Ich bin in einer größeren

Stadt gewesen als du. Da ist es kein Wunder, wenn es mir hier nicht

gefällt. -- Gewiß, so habe ich es nicht gemeint, du bist ja sogar in

Bergen gewesen, beeilte er sich zu sagen. Es war ja schrecklich, wie

hochfahrend sie war! -- Ja, wenn ich die Zeitung nicht hätte, so liefe

ich sofort davon, sagte Barbro. -- Aber der Axel und alles miteinander,

das habe ich gemeint. -- Ach, der Axel, das ginge mich nichts an.

Und du selbst, hast du nicht vielleicht jemand in der Stadt, der auf

dich wartet? -- Nun konnte Eleseus nicht anders, er mußte sich ein

wenig aufspielen, er kniff die Augen zu und ließ es auf der Zunge

zerschmelzen: daß er allerdings doch vielleicht jemand in der Stadt

habe, der auf ihn warte. Ach ja, aber er hätte das alles noch ganz

anders ausnützen können, wenn Sivert nicht dabeigesessen hätte; so

konnte er nur sagen: Ach, Unsinn! -- Na, sagte sie verletzt, und es war

eigentlich eine Schande, wie übellaunig sie war: Unsinn! Ja, du kannst

von den Leuten auf Maaneland nicht mehr erwarten, wir sind nicht so

großartig.

Aber Eleseus kümmerte sich den Henker um sie, sie war recht fleckig im

Gesicht geworden, und ihr Zustand war jetzt sogar seinen Kinderaugen

aufgegangen. -- Willst du nicht ein wenig Gitarre spielen? fragte er.

-- Nein, erwiderte sie kurz angebunden. Was ich sagen wollte, Sivert,

kannst du nicht kommen und Axel ein paar Tage beim Aufrichten des neuen

Hauses helfen? Wie wär's, wenn du gleich morgen dabliebst, wenn du

vom Dorf zurückkommst? -- Sivert überlegte: Ja, aber ich habe keinen

Arbeitsanzug da, sagte er. -- Ich will heut abend hinlaufen und deine

Werktagskleider holen, daß du sie hast, wenn du zurückkommst. -- Na ja,

sagte Sivert, ich will mir's überlegen. -- Barbro wurde unnötig eifrig.

Du mußt es aber gern tun! Der Sommer vergeht, und das Wohnhaus sollte

noch vor den Herbsttagen aufgerichtet und gedeckt sein. Axel hat dich

schon oft darum bitten wollen, aber er kommt immer nicht dazu. Nein, du

mußt uns diese Handreichung gern tun. -- Wenn ich etwas helfen kann,

dann tu ich es auch gern, erwiderte Sivert.

Das war also abgemacht.

Aber nun ist Eleseus wirklich berechtigt, sich beleidigt zu fühlen.

Er sieht ja ein, daß es von Barbro recht klug ist, wenn sie um ihrer

selbst und um Axels willen darauf aus ist, Hilfe für den Hausbau

zu bekommen; aber sie tut das zu offenkundig. Sie ist noch nicht

die Hausfrau auf dem Hofe, und es ist noch keine Ewigkeit her, seit

er selbst sie geküßt hat, dieses Frauenzimmer! Hatte sie denn gar

keine Scham im Leibe? -- Doch, sagt er darum plötzlich, ich werde

wiederkommen und bei dir Gevatter stehen. -- Barbro warf ihm einen

Blick zu und sagte ärgerlich: Gevatter? Und du willst von Unsinn

sprechen! Außerdem werde ich dir Nachricht schicken, wenn ich einmal

um einen Gevatter verlegen sein sollte. -- Was konnte Eleseus anderes

tun, als beschämt lächeln und sich weit weg wünschen! -- Besten Dank

für den Kaffee, sagte Sivert. -- Ja, Dank für den Kaffee, sagte auch

Eleseus, aber er stand nicht auf und verbeugte sich auch nicht, nein,

zum Henker; sie schwoll ja vor Gift und Galle!

Laß doch einmal sehen, sagte Barbro. Ja, die Kontorherren, bei denen

ich war, die hatten auch silberne Schildchen in den Röcken, noch viel

größere, sagte sie. Nun, also du kommst zurück und bleibst hier über

Nacht, Sivert? Ich hole deine Kleider.

Das war der Abschied.

Die Brüder gingen weiter, Eleseus hatte zwei große Banknoten in der

Brusttasche, und die Barbro konnte seinetwegen der Kuckuck holen. Die

Brüder hüteten sich wohl, auf irgendeinen rührenden Gesprächsstoff zu

kommen, auf des Vaters sonderbaren Abschied und der Mutter Tränen, sie

machten einen Umweg um Breidablick herum, um dort nicht angehalten zu

werden, und führten scherzhafte Reden über diesen Streich. Als sie so

weit hinuntergekommen waren, daß sie das Dorf sehen konnten, wo Sivert

umdrehen sollte, übermannte es sie beide doch ein wenig. Sivert sagte:

Es kann wohl sein, daß es jetzt ohne dich ein wenig einförmig wird.

-- Da fing Eleseus an zu pfeifen und seine Schuhe zu untersuchen, und

er sah, daß er einen Spreißel im Finger hatte, und suchte in seinen

Taschen -- nach Papieren, sagte er --, oh, wie schlau! Aber es wäre

dennoch schlimm gegangen, wenn nicht Sivert sie beide gerettet hätte:

Den Letzten! rief er, gab dem Bruder einen Schlag auf den Rücken und

lief davon. Das half, sie riefen einander noch einige Abschiedsworte

zu, und dann zog jeder seines Weges.

Schicksal oder Glückszufall! Eleseus kehrte trotz allem in die Stadt

zurück auf einen Posten, den er nicht mehr innehatte, aber durch

dieselbe besondere Fügung bekam Axel Ström einen Arbeiter. Am 21.

August fingen sie an das Blockhaus aufzurichten, und zehn Tage später

war es unter Dach. Ach, es war kein großartiges Wohnhaus und nur

ein paar Balkenlagen hoch, aber es war doch ein Blockhaus und keine

Erdhütte, und das Vieh konnte nun in dem Raum, der seither menschliche

Wohnung gewesen war, einen herrlichen Winterstall bekommen.

2

Am dritten September verschwand Barbro, das heißt, ganz verschwand

sie nicht, sie war nur bei den Gebäuden nirgend zu finden. Axel

schreinerte, so gut er konnte, er war dabei, ein Fenster und eine Tür

in den Neubau einzusetzen, und war sehr in seine Arbeit vertieft.

Als aber die Mittagszeit vorbei war und man ihn immer noch nicht

hineinrief, ging er in die Gamme. Niemand war da. Er suchte sich selbst

etwas Essen zusammen und schaute sich um, während er aß; Barbros

Kleider hingen alle da, sie konnte also nur draußen irgendwo sein. Er

ging wieder an seine Arbeit im Neubau und schaffte dort eine Weile,

dann schaute er wieder in die Gamme -- noch immer niemand da. Sie mußte

irgendwo liegengeblieben sein.

Barbro! ruft er. Nichts. Er sucht in der Umgebung der Häuser, geht

hinüber zu einigen Gebüschen bei den Feldern, er sucht lange,

vielleicht eine Stunde, er ruft -- nichts! Endlich findet er sie weit

entfernt; sie liegt auf der Erde hinter Gebüsch versteckt, der Bach

läuft an ihren Füßen vorbei, sie ist barhäuptig und barfuß, und sie ist

bis in den Rücken hinauf tropfnaß.

Hier liegst du? sagt er. Warum hast du keine Antwort gegeben? -- Ich

konnte nicht, flüsterte sie und war stockheiser. -- Was -- hast du

denn im Wasser gelegen? -- Ja, ich bin ausgeglitten. Oh! -- Ist dir

schlecht? -- Ja. Es ist vorbei. -- Ist es vorbei? fragt er. -- Ja.

Jetzt mußt du mir helfen, daß ich nach Hause komme. -- Wo ist --? --

Was? -- Wo ist das Kind? -- Es war tot. -- War es tot? -- Ja.

Axel rührt sich nicht, er bleibt stehen. Wo ist es? fragt er.

Das brauchst du nicht zu wissen, erwidert sie. Hilf mir nach Hause. Es

war tot. Ich kann selbst gehen, wenn du mich nur ein wenig unter dem

Arme faßt.

Axel trägt sie nach Haus und setzt sie auf einen Stuhl, das Wasser

läuft an ihr herab. -- Ist es tot gewesen? fragt er. -- Du hörst es ja,

erwidert sie. -- Wo hast du es? -- Du willst es wohl ausschnüffeln?

Hast du etwas zu essen gefunden, während ich fort war? -- Was wolltest

du denn dort am Bach? -- Was ich am Bach wollte? Ich wollte Wacholder

holen. -- Wacholder? -- Für die Milcheimer. -- Dort wächst doch kein

Wacholder, sagt er. -- So geh doch an deine Arbeit! ruft sie heiser und

ungeduldig. Was ich am Bach wollte? Ich wollte mir Besenreis holen.

Ob du gegessen hast? frag ich. -- Gegessen? wiederholte er. Ist es

dir sehr schlecht? -- Ach nein! -- Ich will den Doktor holen. -- Ja,

untersteh dich! erwidert sie. Damit steht sie auf und fängt an, sich

trockene Kleider zum Umziehen herbeizuholen. Weißt du sonst gar nicht,

wie du dein Geld wegwerfen sollst?

Axel geht wieder an seine Arbeit, verrichtet indes nicht viel; aber

er klopft ein wenig und hobelt ein wenig, damit ihn Barbro hört;

schließlich keilt er das Fenster ein und dichtet es mit Moos.

Am Abend hat Barbro nicht viel Hunger, aber sie arbeitet hier ein wenig

und dort ein wenig, sie geht in den Stall und melkt und steigt nur

etwas vorsichtiger als sonst über die hohen Schwellen. Wie gewöhnlich,

legte sie sich im Heustall schlafen, und die beiden Male, die Axel

während der Nacht nach ihr schaute, schlief sie fest. Sie hatte eine

gute Nacht.

Am nächsten Morgen war Barbro beinahe wie sonst, nur gänzlich stimmlos

vor Heiserkeit, und sie hatte sich einen langen Strumpf um den Hals

gewickelt. Sie konnten nichts miteinander reden. Die Tage vergingen,

und das Ereignis wurde alt, andere Dinge traten in den Vordergrund.

Der Neubau sollte eigentlich leer stehen, daß die Balken sich setzen

konnten, damit das Haus dicht und zugfrei werde, aber es blieb keine

Zeit, das abzuwarten, es mußte sofort beziehbar gemacht und der Stall

eingerichtet werden. Nachdem dies geschehen und der Umzug vollendet

war, wurden die Kartoffeln herausgenommen und nachher das Korn

geschnitten. Das Leben lief im gewohnten Geleise.

Aber an vielen kleinen und großen Dingen merkte Axel, daß ihre

Beziehungen lockerer geworden waren, Barbro fühlte sich in Maaneland

jetzt nicht mehr zu Hause und auch nicht mehr gebunden als jedes andere

Dienstmädchen. Das Band zwischen ihnen hatte sich gelockert, als das

Kind starb. Axel hatte immer so großartig gedacht: Warte nur, bis das

Kind da ist! Aber das Kind kam und ging wieder. Zuletzt legte Barbro

auch noch die Fingerringe ab und trug keinen mehr davon. -- Was soll

das bedeuten? fragte er. -- Was das bedeuten soll? sagte sie und warf

den Kopf zurück.

Aber das konnte doch nichts anderes als Arglist und Verrat von ihrer

Seite sein.

Jetzt hatte er die kleine Leiche am Ufer des Baches gefunden. Nicht

als ob er weiter danach gesucht hätte, er wußte ja beinahe genau das

Plätzchen, wo sie liegen mußte, aber er ließ es träge auf sich beruhen.

Der Zufall wollte, daß er es nicht ganz vergaß: Vögel fingen an, über

dieser Stätte zu kreisen, schreiende Elstern und Raben und eine Weile

später auch ein Adlerpaar in schwindelnder Höhe. Es war gerade, als ob

zuerst eine einzelne Elster gesehen hätte, daß hier etwas niedergelegt

worden war, und als ob sie dann auch gerade wie ein Mensch nicht

darüber hätte schweigen können, sondern hätte darüber schwatzen müssen.

Dadurch wurde auch Axel aus seiner Gleichgültigkeit geweckt, und er

wartete einen passenden Augenblick ab, sich hinzuschleichen. Er fand

die Leiche unter Moos und Zweigen und ein paar Steinplatten in ein

Tuch, einen großen Lappen, gewickelt. Mit einer Mischung von Neugier

und Grausen öffnete er das Bündel ein wenig -- geschlossene Augen,

dunkle Haare, ein Junge, gekreuzte Beine, mehr sah er nicht. Der Lappen

war naß gewesen und war halb getrocknet, das Ganze sah aus wie ein halb

ausgewundenes Bündel von Wäsche.

Axel konnte die Leiche nicht so offen liegenlassen, im Innersten

hatte er wohl auch Angst für sich selbst und für sein Haus; er lief

heim, holte einen Spaten und machte das Grab tiefer; aber da es so

nah am Bach war, sickerte das Wasser herein, und er mußte weiter oben

am Hügel ein neues Grab schaufeln. Währenddem schwand seine Furcht,

Barbro könnte kommen und ihn hier finden, er wurde trotzig und dachte,

seinetwegen könne sie wohl kommen, ja, dann könnte sie, bitte, die

kleine Leiche nett und ordentlich einhüllen, ob das Kind nun totgeboren

war oder nicht. Er sah sehr wohl ein, was er mit dem Tode dieses Kindes

verloren, daß er nun alle Aussicht hatte, in seinem Neubau ohne Hilfe

zu sitzen, und zwar gerade jetzt, wo sein Viehstand mehr als dreimal

so groß war wie vorher. Bitte schön, es wäre gar nicht zu viel, wenn

sie käme! Aber Barbro -- es kann gut sein, daß sie entdeckt hatte,

womit er beschäftigt war, jedenfalls kam sie nicht, er mußte selbst die

kleine Leiche einhüllen, so gut er konnte, und sie in das neue Grab

legen. Dann breitete er schließlich die Rasenstücke wieder darüber und

verwischte jede Spur; nun war nichts weiter zu sehen als ein kleiner

grüner Hügel im Gebüsch.

Als er heimkehrte, traf er Barbro im Hofe. Wo bist du gewesen? fragte

sie. -- Die Bitterkeit in seinem Herzen hatte sich wohl verloren, denn

er antwortete: Nirgends. Wo bist denn du gewesen? Aber Barbro las wohl

eine Warnung aus seinem Gesichtsausdruck, sie ging ins Haus, ohne noch

ein Wort zu sagen.

Axel ging ihr nach.

Was soll denn das bedeuten, daß du deine Fingerringe nicht mehr trägst?

fragte er geradezu. -- Vielleicht fand sie es am ratsamsten, ein klein

wenig nachzugeben, sie lachte und sagte: Du bist so grimmig, daß ich

lachen muß. Wenn du aber willst, daß ich die Ringe zuschanden arbeite,

wenn ich sie werktags trage, so kann ich es ja tun! Damit suchte sie

sie hervor und steckte sie an.

Segen der Erde: Roman · 第 18 / 32 段