auf den Feldern der Heimat? Gott mochte es wissen, er hatte vielleicht
eine Absicht dabei! Etwas Bauernehrgeiz hatte er wohl auch, er wollte
nicht zurückstehen. Außerdem schadete es nicht, wenn er an dem Tag,
an dem er die Heimat wieder verließ, mit dem Vater gut Freund war. Um
die Wahrheit zu sagen, so hatte er verschiedene kleine Schulden in der
Stadt, es wäre gut, wenn er diese bereinigen könnte. Das würde großen
neuen Kredit bedeuten. Und hier handelte es sich nicht nur um einen
Hundertkronenschein, sondern um etwas, das etwas war.
Eleseus war nicht dumm, oh, weit entfernt, er war sogar auf seine Art
schlau. Er hatte den Vater wohl heimkommen sehen und wußte, daß er
in diesem Augenblick drinnen am Fenster saß und herüberschaute. Wenn
sich da nun Eleseus besondere Mühe bei der Arbeit gab, gereichte ihm
das vielleicht gerade jetzt zum Vorteil, und es geschah ja niemand ein
Unrecht dadurch.
Eleseus hatte etwas Verfeinertes an sich, was es nun auch sein mochte,
aber zugleich auch etwas Verpfuschtes wie etwas Zerstörtes, er war
nicht böse, aber ein wenig verstockt. Hatte ihm in den verflossenen
Jahren eine starke Hand über sich gefehlt? Was konnte die Mutter jetzt
für ihn tun? Einzig und allein ihm helfen. Sie konnte sich von den
großen Zukunftsaussichten des Sohnes blenden lassen und ihm beim Vater
die Stange halten. Das konnte sie.
Aber Isak wurde schließlich ärgerlich über ihre abweisende Haltung,
seiner Meinung nach war der Plan mit Breidablick gar nicht so übel.
Heute auf dem Heimweg hatte er sogar der Versuchung nachgegeben und das
Pferd angehalten, um sich in aller Eile einen sachkundigen Überblick
über die vernachlässigte Ansiedlung zu verschaffen: unter arbeitsamen
Händen konnte etwas daraus werden. -- Warum soll ich es nicht wagen?
fragte er Inger jetzt. Ich habe so viel Herz für Eleseus übrig, daß
ich ihm dazu verhelfen will. -- Ach, wenn du ein Herz für ihn hast, so
nenne Breidablick vor ihm nicht mehr, versetzte sie. -- So. -- Nein,
denn er hat viel größere Gedanken als wir.
Isak ist ja selbst seiner Sache nicht ganz sicher, er kann also nicht
so recht gewichtig reden, aber es ärgert ihn, daß er mit diesem Plan
herausgerückt ist und so unvorsichtig offen geredet hat, deshalb will
er ihn nur ungern aufgeben. Er soll tun, was er will, erklärte Isak
plötzlich. Und er sagt es mit lauter, drohender Stimme zum Besten für
Inger, falls sie zufällig nicht gut hören sollte. Ja, sieh mich nur an,
aber ich sage jetzt nichts mehr. Das Schulhaus ist dort, und es ist
auf dem halben Wege vom Dorfe hierher, und alles miteinander, was sind
denn das für große Gedanken, die er hat? Mit einem Sohne wie er könnte
ich leicht verhungern, ist das etwa besser? Aber nun frage ich, wie
es kommt, daß mein eigenes Fleisch und Blut ungehorsam gegen -- mein
eigenes Fleisch und Blut sein kann? -- Isak schwieg. Er begriff wohl,
je mehr er redete, desto schlimmer wurde es. Er wollte jetzt erst
einmal die Sonntagskleider ausziehen, in denen er im Dorfe gewesen war;
aber nein, er änderte diesen Entschluß wieder und wollte so bleiben,
wie er war -- was er wohl damit wollte? Du mußt versuchen, es mit
Eleseus ins reine zu bringen, sagte er dann. -- Inger antwortete: Es
wäre am besten, du würdest es ihm selbst sagen. Mir folgt er nicht!
-- Jawohl, Isak ist das Haupt für alle, das wollte er meinen. Eleseus
sollte es nur versuchen, sich zu mucksen! Aber ob es nun war, weil er
eine Niederlage befürchtete -- Isak weicht jetzt aus und sagt: Ja, das
könnte ich tun, ich könnte es ihm selbst sagen. Aber da ich so vieles
andere zu besorgen habe, so muß ich jetzt an anderes denken. -- So?
fragt Inger verwundert.
Nun geht Isak wieder fort, nur bis an die Grenze des Grundstücks,
aber jedenfalls fort. Er ist sehr geheimnisvoll und will allein sein.
Die Sache ist die, er ist heute mit einer dritten Neuigkeit vom Dorf
zurückgekommen, und diese dritte ist größer als die beiden anderen, sie
ist ungeheuer groß; er hat sie am Waldessaum versteckt. Da steht sie,
in Sackleinwand und Papier eingebunden. Er packt sie aus, und es ist
eine große Maschine. Seht, sie ist rot und blau, wunderbar, mit vielen
Zähnen und vielen Messern, mit Gelenken, mit Armen, Rädern, Schrauben,
eine Mähmaschine. Natürlich wäre das neue Pferd nicht gerade an diesem
Tag geholt worden, wenn es nicht wegen der Mähmaschine hätte sein
müssen.
Isak steht mit einem ungeheuer scharfsinnigen Gesicht da und versucht,
die Gebrauchsanweisung, die der Kaufmann ihm vorgelesen hatte, von
einem Ende zum andern aus seinem Gedächtnis hervorzuholen; er befestigt
eine Stahlfeder da und schiebt dort einen Bolzen ein, dann ölt er jedes
Loch und jede Ritze, dann sieht er das Ganze noch einmal nach. Noch
nie hat Isak einen solchen Augenblick erlebt. Eine Feder in die Hand
nehmen und sein Hauszeichen unter ein Dokument setzen -- jawohl, auch
das ist eine große Gefahr und Schwierigkeit. Ebenso mit dem Reolpflug,
der viele gebogene Messer hat, die ineinandergreifen müssen. Und dann
die große Kreissäge im Sägewerk, die haargenau in ihrem Lager ruhen muß
und nicht nach Ost und West ausweichen oder gar herausspringen darf.
Aber die Mähmaschine -- ein wahres Elsternest aus stählernen Zweigen
und Haken und Vorrichtungen und Hunderten von Schrauben. Oh, Ingers
Nähmaschine war nur eine Kleinigkeit dagegen!
Dann spannte sich Isak selbst vor und probierte die Maschine. Das war
gerade der große Augenblick. Deshalb wollte er zuerst im verborgenen
mit der Maschine bleiben und auch sein eigenes Pferd sein.
Denn wie, wenn nun die Maschine falsch zusammengesetzt war und ihre
Arbeit nicht verrichtete, sondern mit einem Knall zersprang? Aber
das geschah nicht, die Maschine mähte Gras. Das würde auch gerade
noch fehlen! Isak hatte hier in tiefes Studium versunken stundenlang
gestanden, die Sonne war indessen untergegangen. Wieder spannt er sich
vor und probiert, die Maschine mäht Gras. Das fehlte auch gerade noch!
Als gleich nach dem heißen Tag der Tau fiel und die beiden Brüder,
jeder mit seiner Sense, auf der Wiese standen, um für den nächsten Tag
zu mähen, tauchte Isak bei den Häusern auf und sagte: Hängt eure Sensen
heute abend nur wieder hinein. Ihr könnt das neue Pferd anschirren und
mit ihm hinüber an den Wald kommen.
Damit ging aber Isak nicht ins Haus hinein, um sein Abendbrot zu essen,
was die andern schon getan hatten, sondern er drehte auf dem Hofplatz
gleich wieder um und ging aufs neue dahin, woher er gekommen war.
Sollen wir den Karren anspannen? rief ihm Sivert nach.
Nein, antwortete der Vater und ging weiter.
Er strotzte förmlich von Geheimniskrämerei und war ganz übermütig, bei
jedem Schritt wiegte er sich in den Knien, so nachdrücklich schritt er
dahin. Ging es dem Tod und Untergang entgegen, so war er jedenfalls
ein mutiger Mann, er trug nichts in den Händen, mit dem er sich hätte
verteidigen können.
Die Jungen kamen mit dem Pferd nach, jetzt sahen sie die Maschine, und
sie hielten jäh an. Das war die erste Mähmaschine hier im Ödland, die
erste auch im Dorfe, rot und blau, prachtvoll anzusehen. Der Vater, das
Oberhaupt aller, rief gleichgültig und ganz wie sonst: Kommt her und
spannt das Pferd vor diese Mähmaschine! -- Die Söhne spannten ein.
Dann fuhren sie, der Vater fuhr. Brr! sagte die Maschine und mähte das
Gras nieder. Die Söhne hinterher, ohne etwas in den Händen, ohne zu
arbeiten, lächelnd. Jetzt hielt der Vater an und sah zurück -- na, es
könnte besser gemäht sein. Er schraubte an ein paar Stellen, um die
Messer näher an den Boden zu legen, und probierte wieder. Nein, so wird
ungleich gemäht, uneben gemäht. Die Scheide, an der alle Messer sind,
wackelt ein wenig auf und nieder. Vater und Söhne wechselten ein paar
Worte. Eleseus hat die Gebrauchsanweisung gefunden und liest darin.
Da steht, daß du dich auf den Sitz setzen sollst, Vater, dann gehe die
Maschine ruhiger, sagt er. -- So, versetzte der Vater. Ja, das weiß ich
wohl, fügte er hinzu, ich habe alles genau studiert. -- Er setzt sich
auf den Sitz und fährt wieder, nun geht es ruhig. Aber plötzlich mäht
die Maschine nicht mehr, nein, alle Messer stehen auf einmal still. Ho!
Was nun? Der Vater springt vom Sitz herunter, aber jetzt ist er nicht
mehr übermütig, sondern beugt ein kummervolles, fragendes Gesicht über
die Maschine. Vater und Söhne starren diese an; etwas ist verkehrt.
Eleseus hat die Gebrauchsanweisung in der Hand. -- Da liegt ein kleiner
Bolzen! sagt Sivert, indem er ihn vom Boden aufhebt. -- Ach so, es ist
gut, daß du ihn gefunden hast, sagt der Vater, als wäre das alles,
was er brauchte, um die Maschine wieder in Ordnung zu bringen. Gerade
diesen Bolzen habe ich gesucht. -- Aber nun konnten sie das Loch nicht
finden; wo zum Kuckuck war das Loch zu dem Bolzen? Da, sagt Eleseus und
deutet mit dem Finger.
Und jetzt mußte sich Eleseus wohl der Sache etwas gewachsen fühlen,
seine Fähigkeit, eine Gebrauchsanweisung zu erforschen, war hier
unersetzlich; er deutete überflüssig lange auf das Loch und sagte:
Nach der Illustration zu verstehen, muß der Bolzen hier hinein! --
Jawohl muß er hier hinein, sagte auch der Vater, da hatte ich ihn ja
eingesetzt! Und um seine Autorität wieder herzustellen, befahl er
Sivert, nach noch weiteren Bolzen im Gras zu suchen. Es muß noch einer
da sein, sagte er mit ungeheuer wichtiger Miene, wie wenn er alles im
Kopf hätte. Findest du keinen mehr? Na, dann sitzt er wohl noch in
seinem Loch!
Dann wollte der Vater wieder fahren.
Aber das ist falsch! ruft Eleseus. Oh, Eleseus steht mit der Zeichnung
in der Hand, mit dem Gesetz in der Hand da, ihn darf man nicht auf
die Seite schieben. Diese Feder hier muß außen sein! -- Ja? fragt
der Vater. -- Jawohl, aber jetzt ist sie unten, du hast sie unten
hingesetzt. Es ist eine Stahlfeder, die muß außen sein, sonst springt
der Bolzen wieder heraus, und dann stehen alle Messer still. Hier
steht es auf der Abbildung! -- Ich habe meine Brille nicht bei mir,
deshalb kann ich die Zeichnung nicht deutlich sehen, sagte der Vater
kleinlauter. Hier, du hast bessere Augen, schraube du die Feder ein.
Aber mach es nun richtig. Wenn es nicht so weit wäre, würde ich meine
Brille holen.
Jetzt ist alles in Ordnung, und der Vater sitzt auf. Eleseus ruft ihm
nach: Und dann mußt du ein bißchen schnell fahren, dann schneiden die
Messer besser! Hier steht es!
Isak fährt und fährt, und alles geht gut, und Brr! sagt die Maschine.
Sie hinterläßt einen breiten Weg von gemähtem Gras, in einer schönen
Linie liegt es da, fertig zum Ausbreiten. Jetzt kann man Isak vom Hause
aus sehen, und alle Frauenzimmer eilen heraus. Inger trägt die kleine
Rebekka auf dem Arm, obgleich die kleine Rebekka längst laufen kann.
Aber jetzt kommen sie daher, vier Frauenzimmer, große und kleine, und
sie eilen mit weit aufgerissenen Augen zu dem Wunderwerk hin, sie
umdrängen es. Oh, wie mächtig Isak jetzt ist und richtig stolz; frei
auf der Maschine droben sitzt er, im Sonntagsgewand, in vollem Staat,
in Rock und Hut, obgleich ihm der Schweiß von der Stirne tropft. Er
fährt in vier großen Winkeln über ein passendes Wiesenstück, schwingt
um, fährt, mäht, kommt an den Frauen vorüber, die wie aus den Wolken
gefallen sind, sie begreifen es nicht, und Brr! sagt die Maschine.
Dann hält Isak an und steigt herunter. Seht, er sehnt sich gewißlich
danach, zu hören, was die Menschen auf der Erde sagen, was sie jetzt
wohl sprechen werden! Er hört leise Ausrufe, die Menschen wollen ihn
auf seinem großen Posten nicht stören, aber sie stellen ängstliche
Fragen aneinander, und diese Fragen hört Isak. Und jetzt, um ein
freundliches väterliches Oberhaupt für alle zu sein, muntert Isak sie
auf, indem er sagt: Ja, ja, ich mähe nun dieses Wiesenstück, dann
könnt ihr das Heu morgen ausbreiten. -- Du hast wohl gar keine Zeit,
hereinzukommen und zu essen? fragt Inger überwältigt. -- Nein, ich habe
jetzt anderes zu tun, erwidert er.
Dann ölt er die Maschine noch einmal und gibt den anderen zu verstehen,
daß es sich hier um eigentliche Wissenschaft handle. Dann fährt er
wieder und mäht weiter. Schließlich gehen die Frauenzimmer wieder
hinein.
Glücklicher Isak! Glückliche Menschen auf Sellanraa!
Isak erwartet sehr bald, die Nachbarn von drunten ankommen zu sehen.
Axel Ström hat sehr viel Interesse, er kommt vielleicht schon morgen.
Aber Brede von Breidablick ist imstande und kommt noch heute nacht.
Isak hätte gar nichts dagegen, ihnen die Mähmaschine zu erklären
und darzutun, wie gut er sie in allem regieren kann. Er will darauf
hinweisen, daß man mit der Sense unmöglich so glatt und gleichmäßig
mähen könne. Aber was eine solche erstklassige blau und rote
Mähmaschine kostet, das ist auch gar nicht zu sagen!
Glücklicher Isak!
Aber als er die Maschine zum drittenmal anhält und wieder ölt, fällt
ihm wahrhaftig die Brille aus der Tasche. Und das schlimmste ist, daß
seine Söhne es gesehen haben. War eine höhere Macht dabei im Spiel, war
es eine Ermahnung, etwas weniger hochmütig zu sein? Er hatte ja auf dem
Heimweg oft die Brille aufgesetzt und die Gebrauchsanweisung studiert,
sie aber eben nicht verstanden, da hatte Eleseus eintreten müssen. Ach
Gott im Himmel, ja, Kenntnisse sind etwas Gutes! Und um sich selbst
zu demütigen, will Isak es nun aufgeben, Eleseus zum Landmann zu
machen, er wollte nicht mehr davon reden. Nicht, daß die Jungen aus
dem Mißgeschick mit der Brille eine große Sache gemacht hätten, im
Gegenteil; der Spaßvogel Sivert konnte zwar nicht an sich halten, nein,
das konnte er nicht, er zupfte Eleseus am Ärmel und sagte: Komm, jetzt
gehen wir hinein und verbrennen unsere Sensen; Vater mäht für uns! --
Dieser Scherz kam im rechten Augenblick.
Zweiter Teil
1
Sellanraa ist nicht länger eine unbewohnte Stätte, sieben Menschen
leben hier mit groß und klein. Aber während der kurzen Zeit der
Heuernte kam auch noch der eine oder andere Besuch dazu, Leute, die
gerne die Mähmaschine sehen wollten, Brede natürlich als der erste;
aber auch Axel Ström kam und die Nachbarn bis zum Dorf hinunter. Und
von der andern Seite des Gebirges kam Oline; sie war unverwüstlich.
Auch diesmal kam Oline nicht ohne Neuigkeiten aus ihrem Dorfe; sie
stellte sich nie leer ein: Jetzt war die Verrechnung von dem Nachlaß
des alten Sivert fertig geworden, und es blieb kein Vermögen übrig! Gar
keines!
Hier kniff Oline den Mund zusammen, und ihre Blicke schweiften gespannt
von einem zum andern. Na, tönte denn kein Seufzer durch die Stube,
fiel nicht die Decke ein? Eleseus war der erste, der lächelte. Wie
ist's denn, bist du nicht nach dem Ohm Sivert getauft? fragte er mit
gedämpfter Stimme. Und Klein-Sivert antwortete ebenso gedämpft: Doch.
Aber ich habe ja seinen ganzen Nachlaß dir verehrt. -- Wieviel war's
denn? -- Zwischen fünf- und zehntausend. -- Taler? rief Eleseus schnell
und machte Sivert genau nach.
Oline meinte, es sei jetzt nicht Zeit zu spaßen, ach, wie war sie
selbst geprellt worden, und sie hatte doch am Sarg des alten Sivert
ihre ganze zähe Willenskraft aufgeboten und Tränen geweint. Eleseus
wußte ja selbst am besten, was er geschrieben hatte: soundso viel
für Oline als Stab und Stütze für ihr Alter. Was war aus diesem Stab
geworden? Übers Knie gelegt und gebrochen.
Arme Oline, sie hätte wohl eine Kleinigkeit erben dürfen, das wäre der
einzige lichte Punkt in ihrem Leben gewesen! Sie war nicht verwöhnt.
Geübt im Bösen, jawohl, daran gewöhnt, sich von Tag zu Tag mit Kniffen
und kleinen Betrügereien durchzuschlagen, groß allein in der Kunst,
Klatsch zu verbreiten, ihre Zunge gefürchtet zu machen, jawohl.
Nichts hätte sie jetzt noch schlimmer machen können, eine Erbschaft
am allerwenigsten. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet,
hatte Kinder geboren und ihnen ihre eigenen paar Handfertigkeiten
beigebracht, hatte für sie gebettelt, vielleicht auch gestohlen,
aber sie doch ernährt -- eine Mutter in kleinen Verhältnissen. Ihre
Gaben waren nicht geringer als die Gaben anderer Politiker, sie
wirkte und schaffte für sich und die Ihrigen, richtete sich nach dem
Augenblick und brachte sich durch, verdiente ein Käschen da und eine
Handvoll Wolle dort und würde in alltäglicher und unaufrichtiger
Schlagfertigkeit leben und sterben. Oline -- vielleicht hatte sich der
alte Sivert an die Zeit erinnert, wo er sie noch als jung, rotwangig
und hübsch gekannt hatte. Aber nun war sie alt und häßlich, ein
Bild der Vergänglichkeit, sie sollte lieber tot sein. Wo wird sie
begraben? Sie besitzt kein eigenes Erbbegräbnis, wahrscheinlich wird
sie einmal in irgendeinem Kirchhof bei lauter fremden und unbekannten
Knochenresten unter den Boden gebracht, da wird sie einmal landen.
Oline, geboren und gestorben. Auch sie war einmal jung. Eine Erbschaft
für sie jetzt noch zur elften Stunde! Jawohl, ein einziger lichter
Punkt, und die Hände einer Sklavin der Arbeit würden sich für einen
Augenblick gefaltet haben. Die Gerechtigkeit hätte ihr noch einen
verspäteten Lohn gespendet, weil sie für ihre Kinder gebettelt,
vielleicht auch gestohlen, sie aber jedenfalls ernährt hatte. Für einen
Augenblick -- und wieder hätte Dunkel in ihr geherrscht, die Augen
hätten geschielt, die Hände gesucht und getastet: Wieviel ist es? würde
sie sagen. Was, nicht mehr? würde sie sagen. Und sie hätte wieder
recht. Sie war vielfache Mutter und verstand das Leben einzuschätzen,
das war großen Lohnes wert.
Alles schlug fehl. Die Rechnungen des alten Sivert waren jetzt, nachdem
Eleseus sie durchgesehen hatte, wohl einigermaßen in Ordnung, aber der
kleine Hof und die Kuh, der Bootsschuppen und das Großnetz deckten nur
knapp den Fehlbetrag in der Kasse. Und daß es überhaupt einigermaßen
so gut ging, wie es ging, das war zum Teil Oline zu verdanken; sie
war sehr versessen darauf, daß ein Rest für sie übrigbleibe, und so
zog sie vergessene Posten, von denen sie als alte Klatschbase wußte,
oder Posten, die der Revisor absichtlich übersehen hatte, um nicht
achtenswerte Dorfgenossen in Schaden zu bringen, ans Licht. Diese
verflixte Oline! Und sie beschuldigte nicht einmal den alten Sivert
selbst; er hatte ja sicherlich aus gutem Herzen testiert und hätte
auch reichlich Geld hinterlassen, jawohl; nein, die beiden Vertreter
der Kreisverwaltung, die die Sache zu ordnen hatten, die hatten sie
geprellt. Aber einst wird auch dies dem Allwissenden zu Ohren kommen!
sagte Oline drohend.
Merkwürdigerweise sah sie nichts Lächerliches darin, daß sie im
Testamente genannt war; das war trotz allem eine Ehre, niemand sonst
von den Ihrigen stand darin.
Die Leute auf Sellanraa trugen das Unglück mit Geduld, sie waren ja
auch nicht ganz unvorbereitet. Inger konnte es allerdings nicht recht
fassen: Der Oheim Sivert, der seiner Lebtag so reich gewesen ist!
sagte sie. -- Er hätte als aufrechter und reicher Mann vor den Thron
des Lammes treten können, aber sie haben ihn beraubt! behauptete
Oline. -- Isak war im Begriff, fortzugehen, und Oline sagte: Das ist
sehr dumm, Isak, daß du fort willst, so kriege ich ja die Mähmaschine
nicht zu sehen. Du hast doch eine Mähmaschine, nicht wahr? -- Jawohl.
-- Ja, jedermann spricht davon. Und daß sie rascher mäht als hundert
Sensen. Was du dir nicht alles anschaffen kannst, Isak, mit deinem
Geld und deinem Vermögen! Unser Pfarrer hat einen neuen Pflug mit zwei
Pflugscharen, aber was ist der Pfarrer neben dir! Das würde ich ihm
offen ins Gesicht sagen. -- Sivert kann dir mit der Maschine vormähen,
er kann es schon viel besser als ich, sagte Isak und ging fort.
Isak ging fort. Auf Breidablick ist Versteigerung gerade um die
Mittagsstunde, und er kann eben noch rechtzeitig hinkommen.
Nicht als ob Isak noch daran dachte, die Ansiedlung zu kaufen, aber das
ist nun die erste Versteigerung in der Gegend, und da will er dabeisein.
Als er bis nach Maaneland gekommen ist und Barbro da sieht, will er
nur grüßen und weitergehen, aber Barbro redet ihn an und fragt ihn, ob
er dort hinunter wolle? -- Ja, antwortet er und will weitergehen. Es
ist Barbros Kinderheimat, die versteigert wird, deshalb antwortet er
so kurz angebunden. -- Willst du zur Versteigerung? fragt sie. -- Zur
Versteigerung? Na, ich gehe eben einmal hinunter. Wo ist denn Axel? --
Axel? Ich weiß nicht, wo er ist. Er ist zur Versteigerung gegangen, er
will wohl auch dies oder jenes zu einem Spottpreis ergattern.
Wie dick doch Barbro war, und wie bissig, ganz rasend!
Die Versteigerung hat schon angefangen. Isak hört des Lensmanns Aufrufe
und sieht viele Leute. Als er näher kommt, sieht er, daß er nicht alle
kennt; es sind verschiedene Leute von auswärts da, aber Brede treibt
sich in seinem besten Anzug umher und ist lebhaft und gesprächig:
Guten Tag, Isak! So, du erweist mir auch die Ehre und kommst zu meiner
Versteigerung. Ich danke dir! Wir sind viele Jahre lang Nachbarn und
gute Freunde gewesen, und niemals hat es ein böses Wort zwischen uns
gegeben. -- Brede wird ganz gerührt: Es ist ja sonderbar, wenn man sich
vorstellt, daß man einen Ort verlassen soll, für den man gelebt und
gestrebt und den man liebgewonnen hat. Aber was hilft es, wenn es einem
nun einmal so bestimmt ist. -- Vielleicht wird es jetzt für dich viel
besser, tröstet Isak. -- Ja, weißt du, das glaube ich auch, erwiderte
Brede rasch gefaßt. Es ist mir nicht leid, durchaus nicht. Ich habe
hier auf dem Lande keine Seide gesponnen, das wird jetzt besser werden,
die Kinder werden größer und fliegen aus dem Nest -- na, die Frau
sorgt ja wieder für ein Kleines, aber trotzdem! Und plötzlich sagt
Brede klipp und klar: Ich habe den Telegraphen aufgekündigt. -- Was?
fragt Isak. -- Ich habe den Telegraphen aufgekündigt. -- Du hast den
Telegraphen aufgekündigt? -- Ja, zu Neujahr. Was soll ich weiter damit?
Und wenn ich im Verdienen wäre und den Lensmann oder den Pfarrer fahren
müßte, dann hätte immer der Telegraph zu allererst kommen müssen. Nein,
das gibt es nicht. Das kann einer machen, der überflüssige Zeit hat;
die Telegraphenlinie entlang rennen, über Berg und Tal für eine kleine
oder gar keine Bezahlung, das tut der Brede nicht! Und außerdem habe
ich mich mit dem Vorstand, der mein Vorgesetzter ist, verkracht.
Der Lensmann wiederholt immer noch die Angebote auf die Ansiedlung,
und sie haben nun die wenigen hundert Kronen erreicht, die das Gut
geschätzt wird, deshalb werden jetzt nur noch fünf oder zehn Kronen
mehr auf einmal geboten. Ich glaube wahrhaftig, jetzt bietet der Axel!
sagt Brede plötzlich und eilt neugierig zu ihm hinüber. Willst du
meinen Hof kaufen? Ist dir deiner nicht groß genug? -- Ich biete für
einen andern Mann, erwidert Axel etwas ausweichend. -- Na ja, das
ist mir einerlei, so ist das nicht gemeint. -- Der Lensmann hebt den
Hammer, ein neues Gebot wird gemacht, hundert Kronen mehr auf einmal;
niemand geht höher, der Lensmann nennt das letzte Angebot noch ein
paarmal, wartet eine Weile mit erhobenem Hammer und schlägt dann zu.
Wer hatte geboten?
Axel Ström. Für einen andern Mann.
Der Lensmann schreibt ins Protokoll: Axel Ström pr. Kommission.
Für wen kaufst du? fragte Brede. Nicht, als ob es mir nicht ganz
einerlei wäre.
Aber nun stecken einige Herren am Tische des Lensmannes die Köpfe
zusammen. Da sitzt ein Vertreter der Bank, der Kaufmann ist, mit seinem
Ladendiener da, etwas hat sich ereignet, die Forderungen der Gläubiger
sind nicht gedeckt! Brede wird gerufen, leicht und sorglos kommt er
daher und nickt nur, jawohl, ganz derselben Ansicht. Wer hätte auch
denken können, daß der Hof nicht mehr bringen werde, sagte er. Und
plötzlich verkündet er allen Anwesenden mit lauter Stimme: Da wir nun
mit der Versteigerung fertig sind und ich doch einmal den Lensmann
herbemüht habe, so will ich alles verkaufen, was ich hier habe. Den
Wagen, die Tiere, eine Mistgabel, den Schleifstein, das brauche ich
alles nicht mehr, ich verkaufe Rump und Stump.
Geringe Angebote. Bredes Frau, auch sie leichtfüßig und sorglos, trotz
ihres ungeheuren Umfangs, hat inzwischen begonnen, an einem Tisch
Kaffee zu verkaufen; sie findet diese Beschäftigung unterhaltend, sie
lächelt, und als Brede selbst kommt und Kaffee trinkt, verlangt sie zum
Spaß auch von ihm Bezahlung. Und Brede zieht wirklich seinen mageren
Beutel und bezahlt. Seht doch nur die Frau an! sagt er zu der ganzen
Versammlung. Sie versteht's! sagt er.