Nun begann der Ärger in ihm aufzukochen. Zuerst äußerte er ihn in

feiner Weise: sie sei wahrlich keine vorteilhafte Repräsentantin des

weiblichen Geschlechtes. Und als das nichts half -- oh, er hätte

lieber schweigen und ertragen sollen, sie wurde nur immer schlimmer.

Aber er wurde auch nicht besser, sondern sagte: Wenn ich gewußt hätte,

wie du bist, wäre ich heute abend gar nicht heruntergekommen. -- Und

was dann? versetzte sie. Dann hättest du deinen Stock, den du da in

der Hand hältst, nicht spazierengetragen. -- Oh, Barbro war in Bergen

gewesen, sie konnte spotten, sie hatte auch ordentliche Spazierstöcke

gesehen, deshalb konnte sie jetzt so unverschämt fragen, was das für

ein geflickter Regenschirmstock sei, mit dem er anstolziert komme?

-- Er ertrug es. Dann möchtest du wohl auch deine Photographie

wiederhaben? fragte er. -- Wenn das nicht wirkte, dann wirkte nichts

mehr. Ein Geschenk zurücknehmen, das war das Äußerste, was man sich

im Ödland denken konnte! Was machst du dir denn daraus? antwortete

sie ausweichend. -- Gut, erklärte er keck, ich werde sie dir sofort

zurückschicken. Gib mir nun auch meinen Brief wieder.

Damit stand er auf.

Jawohl, sie gab ihm den Brief, aber da traten ihr auch die Tränen

in die Augen, und ihre Laune schlug plötzlich um. Das Dienstmädchen

war gerührt, der Freund verließ sie, leb' wohl zum letztenmal! Du

brauchst nicht zu gehen, sagte sie, ich mache mir nichts daraus, was

Axel glaubt. -- Aber jetzt wollte er seinen Vorteil ausnützen, und

so verabschiedete er sich. Denn wenn eine Dame so ist wie du, dann

absentiere ich mich, sagte er.

Langsam wanderte er von der Gamme weg heimwärts, er pfiff und schwang

seinen Stock und tat ganz unbekümmert. Bah! Eine kleine Weile nachher

kam Barbro auch heraus und rief ihm ein paarmal nach. Jawohl, er blieb

stehen, das tat er, aber er war ein beleidigter Löwe. Sie setzte sich

ins Heidekraut und schien ihr Benehmen zu bereuen, sie zerrte an

einem Heidekrautbüschel, und allmählich wurde er wieder vernünftiger,

ja, er bat sie sogar noch um einen Kuß, zum letzten Abschied, sagte

er. -- Nein, das wollte sie nicht. -- So sei doch so reizend wie das

letztemal! sagte er. Er schwänzelte von allen Seiten um sie herum

und ging immer rascher und rascher, um womöglich eine Gelegenheit zu

erwischen. Aber sie wollte nicht reizend sein, sie erhob sich, und da

stand sie. Da nickte er nur und ging.

Als er außer Sehweite war, trat plötzlich Axel hinter einigen Büschen

hervor. Barbro fuhr zusammen und fragte: Wie ist denn das, kommst du

von oben herunter? -- Nein, ich komme von unten herauf, antwortete er,

aber ich habe euch beide hier heraufgehen sehen. -- Ach so, wirklich!

Ja, davon wirst du fett werden! rief sie auf einmal rasend, sie war

auch jetzt ebenso schlechter Laune wie vorher! Was brauchst du da

herumzuschnüffeln? Was geht es dich an? -- Axel war auch nicht gerade

freundlich. -- So, er ist also heute auch wieder hier gewesen? -- Und

wenn auch? Was willst du von ihm? -- Was _ich_ von ihm will? Nein, was

willst _du_ von ihm? Du solltest dich schämen! -- Mich schämen? Sollen

wir darüber schweigen, oder sollen wir darüber reden? fragte Barbro

nach einer alten Redensart. Ich will nicht wie ein altes Steinbild in

deiner Gamme sitzen, daß du es weißt. Warum ich mich schämen sollte?

Wenn du eine andere Haushälterin nehmen willst, dann gehe ich meiner

Wege. Du brauchst nur deinen Mund zu halten, wenn es nicht schändlich

ist, dich überhaupt darum zu bitten. Da hast du meine Antwort. Jetzt

werde ich auf der Stelle hineingehen, dir dein Essen anrichten und

Kaffee kochen, dann kann ich nachher tun, was ich will.

Unter fortwährendem Zanken ging sie hinein.

Nein, Axel und Barbro waren nicht immer einig. Sie war nun schon

zwei Jahre bei ihm, aber es hatte immer ab und zu Streit gegeben,

hauptsächlich weil Barbro wieder fort wollte. Er drang in sie, wollte,

sie solle für immer dableiben, sich ganz bei ihm niederlassen und

seine Gamme und sein Leben mit ihm teilen, er wußte, wie schlimm es

wäre, wenn er wieder ohne Hilfe sein müßte -- sie hatte ihm auch schon

mehrere Male versprochen, seinen Antrag anzunehmen, ja, in liebevollen

Stunden konnte sie sich gar nichts anderes denken als dazubleiben.

Aber sobald sich ein Streit entspann, drohte sie mit dem Fortgehen,

und wenn sie auch nichts anderes sagte als: sie wolle in die Stadt und

ihre Zähne herrichten lassen, sie fielen ihr sonst aus. Fortgehen,

fortgehen! Er mußte sie irgendwie an den Ort fesseln können.

Fesseln? Es klang, als höhne sie einer jeden Fessel.

So, du willst auch jetzt fortgehen? sagte er. -- Und wenn dem so

wäre? versetzte sie. -- _Kannst_ du denn reisen? -- Kann ich nicht? Du

meinst, ich sei in Not, weil es dem Winter zugeht, aber ich kann in

Bergen jederzeit eine Stelle bekommen. -- Da sagte Axel sehr ruhig:

Das kannst du jedenfalls vorderhand nicht! Du sollst doch ein Kind

bekommen? -- Ein Kind? Nein, von was für einem Kind redest du da? --

Axel starrte sie an. War Barbro verrückt geworden?

Etwas anderes war, daß Axel selbst vielleicht etwas zu wenig

nachsichtig war: seit er nun diesen Anspruch auf sie hatte, war er mit

etwas zu großer Sicherheit aufgetreten; das war unklug, er brauchte

ihr ja nicht sooft zu widersprechen und sie zu reizen; es wäre nicht

notwendig gewesen, ihr im Frühjahr geradezu zu befehlen, die Kartoffeln

zu legen, er hätte sie zur Not allein legen können. Wenn sie erst

verheiratet wären, würde schon die Zeit kommen, wo er sich zum Herrn

aufwerfen konnte, aber bis dahin mußte er seinen Verstand gebrauchen

und nachgeben.

Aber das Schmähliche war eben die Sache mit diesem Kontoristen,

dem Eleseus, der mit glatten Redensarten und einem Spazierstock

einhergeschlendert kam. War nun das ein Benehmen für ein verlobtes

Mädchen in ihrem Zustand? War so etwas überhaupt zu begreifen? Bis

jetzt war Axel ohne Nebenbuhler hier gewesen. Ja, so änderte sich die

Lage!

Hier sind neue Zeitungen für dich, sagte Axel. Und hier ist eine

Kleinigkeit, die ich für dich gekauft habe. Du kannst nun sehen, ob es

dir gefällt. -- Sie war kalt. Obgleich alle beide kochend heißen Kaffee

tranken, antwortete sie eiskalt: Ich wette, es ist ein goldener Ring,

den du mir schon seit über einem Jahr versprochen hast.

Da hatte sie sich jedenfalls vergaloppiert, denn es war tatsächlich der

Ring. Ein goldener Ring war es allerdings nicht, und einen solchen

hatte er ihr auch nie versprochen, daran erinnerte sie sich jetzt: aber

es war ein silberner Ring mit zwei vergoldeten Händen darauf, also ein

echter karatgestempelter. Aber ach, der unglückselige Aufenthalt in

Bergen! Barbro hatte dort richtige Verlobungsringe gesehen, man sollte

ihr nur nichts weismachen wollen! -- Diesen Ring kannst du selbst

behalten, sagte sie. -- Was fehlt denn daran? -- Was daran fehlt?

Nichts fehlt daran, antwortete sie. Damit stand sie auf und begann

den Tisch abzuräumen. -- Du kannst ja diesen vorläufig haben, später

wird sich dann vielleicht auch noch ein anderer finden, sagte Axel. --

Darauf erwiderte Barbro nichts.

Übrigens war Barbro an dem Abend recht schlecht. War nicht ein neuer

silberner Ring dankenswert? Dieser vornehme Kontorist hatte ihr wohl

den Kopf verdreht. Axel konnte sich nicht enthalten zu sagen, was

dieser Eleseus immer hier zu suchen habe. Was will er von dir? -- Von

mir? -- Ja, sieht denn der Mensch nicht, wie es um dich bestellt ist?

Sieht er dich denn nicht an? -- Barbro stellte sich vor Axel hin und

sagte: So, du meinst wohl, du habest mich nun an dich gebunden, aber

du sollst sehen, daß das erlogen ist. -- So, sagte Axel. -- Ja, und du

sollst sehen, daß ich auch von hier fortgehe. -- Darauf verzog Axel nur

den Mund zu einem leichten Lächeln, aber er tat es nicht einmal offen

und in die Augen fallend, denn er wollte sie nicht reizen. Dann sagte

er beruhigend wie zu einem Kinde: Nun sei einmal artig, Barbro. Du

weißt ja, du und ich!

Und natürlich, spät in der Nacht endete es damit, daß Barbro wieder

freundlich wurde und sogar mit dem silbernen Ring am Finger einschlief.

Oh, es würde wohl alles wieder gut werden!

Für die beiden in der Gamme wurde wirklich alles wieder gut, aber für

Eleseus war es schlimmer. Es fiel ihm schwer, die Kränkung, die er

erlitten hatte, zu überwinden. Da er sich nicht auf Hysterie verstand,

glaubte er, er sei aus reiner Bosheit genarrt worden; die Barbro auf

Breidablick war ein wenig zu keck gewesen, selbst wenn man mit in

Rechnung zog, daß sie in Bergen gewesen war.

Die Photographie hatte er Barbro auf diese Weise zurückgeschickt, daß

er sie selbst in einer Nacht zurückbrachte und zu ihr in den Heuboden

hineinwarf, wo sie ihre Schlafstelle hatte. -- Er hatte es aber

durchaus nicht in grober, unhöflicher Form getan, nein, weit entfernt;

er hatte lange an der Tür herumgetastet, um sie aufzuwecken, und als

sie sich auf den Ellbogen aufrichtete und fragte: Findest du denn heut

nacht den Weg nicht herein? hatte diese vertrauliche Frage ihn wie mit

einer Nadel oder einem Degen gestochen; aber er hatte nicht geschrien,

sondern nur die Photographie hübsch auf den Fußboden hineingleiten

lassen. Und dann war er seiner Wege gegangen. Gegangen? Tatsächlich

war er nur ein paar Schritte gegangen, dann fing er an zu laufen, zu

laufen; er war sehr aufgeregt, ja, förmlich lustig, das Herz hämmerte

ihm in der Brust; hinter einem Buschwerk hielt er an und schaute

zurück, nein, sie kam ihm nicht nach! Ach, er hatte es halb gehofft!

Und wenn sie ihm wenigstens so annähernd Zuneigung gezeigt hätte. Aber

zum Kuckuck, dann brauchte er auch nicht so zu laufen, wenn sie ihm

nicht auf den Fersen folgte, nur im Hemd und Unterrock, verzweifelt,

ja, zerschmettert über sich selbst und über die vertrauliche Frage, die

nicht für ihn bestimmt gewesen war!

Er wanderte heimwärts, ohne Stock und ohne zu pfeifen, nein, er war

kein großer Herr mehr. Ein Stich in die Brust ist keine Kleinigkeit.

Und war es damit zu Ende?

An einem Sonntag ging er wieder hinunter, nur um Ausschau zu halten.

Mit einer fast krankhaften unglaublichen Geduld lag er lauernd hinter

dem Gebüsch und starrte nach der Hütte hinüber. Als sich endlich Leben

und Bewegung zeigte, war es, als sollte er vollends vernichtet werden.

Axel und Barbro traten beide aus der Gamme und gingen zusammen in

den Stall. Sie waren jetzt zärtlich zueinander, ja, sie hatten eine

freundliche Stunde, sie gingen Arm in Arm, er wollte ihr wohl im Stall

helfen. Sieh einer!

Eleseus betrachtete das Paar mit einer Miene, als habe er alles

verloren, als sei er zugrunde gerichtet. Vielleicht dachte er ungefähr

so: sie geht Arm in Arm mit Axel Ström, wie sie dazu gekommen ist, weiß

ich nicht, einmal hat sie ihre Arme um mich geschlungen.

Sie verschwanden im Stall.

Na, meinetwegen! Bah! Sollte er hier im Gebüsch liegen und sich selbst

vergessen? Das sollte er wohl tun, sich flach auf die Erde legen und

sich so vergessen? Wer war sie? Aber er war der, der er war. Oh, noch

einmal: Bah!

Er sprang auf und stand aufrecht da. Dann streifte er Blätter und

Heidekraut von seinen Hosen und richtete sich wieder hoch auf.

Sein Zorn und sein Übermut traten auf seltsame Art zutage: er war

desperat und fing an ein Lied von nicht unbedeutender Leichtfertigkeit

anzustimmen. Und wenn er dann die schlimmsten Stellen recht absichtlich

viel lauter sang, dann lag auf seinem Gesicht ein inniger Ausdruck.

19

Isak kam mit einem Pferd aus dem Dorfe zurück. Jawohl, er hatte das

Pferd des Amtsdieners gekauft, es war, wie Geißler gesagt hatte, zu

haben, aber es kostete zweihundertvierzig Kronen, gleich sechzig Taler.

Die Pferdepreise waren jetzt ins Unerschwingliche gestiegen, in Isaks

Kindheit hatte man die besten Pferde für fünfzig Taler haben können.

Aber warum hatte er nicht selbst Pferde gezüchtet? Oh, er hatte es

sich wohl überlegt, hatte an ein junges Füllen gedacht -- das er ein

und auch zwei Jahre hätte aufziehen müssen. Das konnte der tun, dem

seine Feldarbeit Zeit dazu ließ, einer, der seine Sümpfe so daliegen

lassen konnte und sie nicht umzuroden brauchte, bis er einmal ein Pferd

hatte, das ihm die Ernte heimfuhr. Wie der Amtsdiener sagte: Ich habe

keine Lust, ein Pferd zu füttern; das Heu, das ich habe, können meine

Frauenzimmer hereintragen, während ich auf Verdienst auswärts bin.

Das neue Pferd war schon ein alter Gedanke von Isak, ein mehrjähriger

Gedanke, nicht Geißler hatte ihn ihm erst in den Kopf gesetzt. Deshalb

hatte er ja auch soweit möglich Vorbereitungen dafür getroffen, noch

eine Raufe, noch einen Weidepfahl für den Sommer; Wagen und Karren

hatte er mehrere, und weitere wollte er im Herbst anfertigen. Das

Wichtigste von allem, das Futter, hatte er natürlich auch nicht

vergessen; warum wäre es sonst so notwendig gewesen, das letzte Stück

Moor schon im letzten Jahre umzubrechen, wenn er nicht hätte vorbeugen

wollen, weil er sonst seinen Kuhbestand hätte vermindern müssen! Jetzt

war auf dem Moor Grünfutter gesät worden, das war für die kalbenden

Kühe bestimmt.

Ja, alles war bedacht worden. Inger hatte wieder guten Grund, wie in

alten Tagen vor Verwunderung die Hände zusammenzuschlagen.

Isak brachte Neuigkeiten aus dem Dorf mit: Breidablick sollte verkauft

werden, jetzt war es vom Kirchplatz aus bekanntgemacht worden. Die

wenigen Felder, die bebaut waren, die Wiesen und die Kartoffeläcker,

alles war inbegriffen, vielleicht auch das Vieh, ein paar Haustiere,

Kleinvieh. Will er denn rump und stump alles verkaufen und sich ganz

ausziehen? rief Inger. Und wo will er denn hinziehen? -- Ins Dorf. --

Das war ganz richtig, Brede wollte ins Dorf ziehen. Allerdings hatte

er zuerst versucht, sich bei Axel Ström einzuquartieren, wo ja Barbro

schon war. Das ging jedoch nicht. Brede wollte um alles in der Welt

das Verhältnis zwischen seiner Tochter und Axel nicht zerstören, und

so nahm er sich wohl in acht, aufdringlich zu werden, aber natürlich

war es ihm ein böser Strich durch die Rechnung. Axel wollte ja bis

zum Herbst das neue Haus unter Dach bringen, wenn dann er und Barbro

hineinzogen, hätte da nicht Brede mit seiner Familie die Gamme

bekommen können? Nein! Seht, Brede dachte nicht als Ansiedler, er

verstand nicht, daß Axel ausziehen mußte, weil er die Gamme für seinen

wachsenden Viehstand brauchte; die Gamme mußte auch hier in den Stall

verwandelt werden. Aber selbst nachdem Brede alles erklärt worden war,

blieb ihm dieser Gedankengang fremd. Die Menschen kommen doch wohl vor

den Tieren, sagte er. -- Nein, das war nicht des Ansiedlers Ansicht,

oh, weit entfernt! Die Tiere zuerst, die Menschen konnten sich immer

einen Winteraufenthalt verschaffen. -- Da mischte sich Barbro drein und

sagte: So, du stellst die Tiere über die Menschen? Es ist gut, daß ich

das erfahren habe! -- Wahrlich, Axel machte sich ja eine ganze Familie

zum Feind, weil er kein Obdach für sie hatte. Aber er gab nicht nach.

Er war ja auch nicht dumm und gutmütig, sondern im Gegenteil allmählich

immer geiziger geworden; er wußte wohl, daß bei einer solchen

Einquartierung mehr Mägen zu befriedigen sein würden.

Brede beschwichtigte seine Tochter und gab ihr zu verstehen, daß er

am liebsten wieder ins Dorf ziehe; er könne es auf dem Ödland nicht

aushalten, sagte er, und allein aus diesem Grunde verkaufe er seinen

Hof.

Ja, aber im Grunde genommen war es nun nicht Brede Olsen, der

verkaufte, sondern die Bank und der Kaufmann waren es, die Breidablick

zu Geld machten, aber um den Schein zu wahren, sollte es in Bredes

Namen geschehen. Auf diese Weise glaubte er der Schande zu entgehen.

Und Brede war auch gar nicht so sehr niedergedrückt, als Isak mit ihm

zusammentraf, er tröstete sich damit, daß er ja immer noch Inspektor

über die Telegraphenlinie sei; das sei eine sichere Einnahme, und mit

der Zeit werde er sich schon wieder zu seiner alten Stellung im Dorfe,

zum allgemeinen Helfer und Begleiter des Lensmanns, emporarbeiten.

Natürlich war Brede auch gerührt gewesen. Das gehörte dazu: es sei ja

so eine Sache, sich von der Stelle, die er liebgewonnen und wo er so

viele Jahre lang gelebt und geschafft und gearbeitet habe, zu trennen.

Aber der gute Brede ließ sich nie dauernd unterkriegen, das war seine

gute Seite, das Anziehende an ihm. Er hatte einmal die Eingebung

bekommen, Ödland urbar zu machen, dieser Versuch war nicht glücklich

ausgefallen; aber auf dieselbe lustige Weise hatte er auch in anderen

Fragen gehandelt, und da war es ihm besser gelungen. Ja, wer konnte

wissen, ob er nicht mit seinen Gesteinsproben noch einmal gewaltige

Geschäfte machte! Und jedenfalls war da Barbro, die er auf Maaneland

untergebracht hatte! Sie komme ja nie wieder von Axel Ström weg, das

dürfe man wohl sagen, es sei jedermann offenkundig!

Nein, solange er seine Gesundheit habe und für sich und die Seinen

schaffen könne, stehe es nicht schlecht, sagte Brede Olsen. Und

gerade jetzt seien alle seine Kinder allmählich erwachsen, sie zögen

fort und sorgten für sich selbst, sagte er. Helge sei schon bei der

Heringsfischerei, und Katrine komme zu Doktors in Dienst. Dann hätten

sie nur zwei kleinere Kinder daheim -- allerdings komme bald noch ein

drittes dazu, aber ...

Isak brachte aus dem Dorf eine Neuigkeit mit: Die Frau des Lensmannes

hatte ein Kleines bekommen. -- Inger fragte plötzlich lebhaft: Einen

Jungen oder ein Mädchen? -- Das habe ich nicht gehört, antwortete Isak.

Also die Frau des Lensmannes hatte ein Kind bekommen, sie, die immer

im Frauenverein gegen die überhandnehmenden Geburten bei den Armen

geeifert hatte. Man solle der Frau das Stimmrecht geben und ihr Einfluß

auf ihr eigenes Schicksal einräumen, hatte sie gesagt. Jetzt war

sie gefangen. Ja, sagte die Frau Pastor, sie hat ihren Einfluß wohl

angewendet, hahaha, und doch ist sie ihrem Schicksal nicht entgangen!

Dieses witzige Wort über Frau Heyerdahl ging im ganzen Dorf herum und

wurde von sehr vielen verstanden; auch Inger verstand es vielleicht,

nur Isak verstand nichts.

Isak verstand zu arbeiten, verstand seine Hantierung zu betreiben.

Er war jetzt ein reicher Mann mit einem großen Hof, aber von dem

vielen baren Geld, das ihm der Zufall in den Schoß geworfen hatte,

machte er nur einen schlechten Gebrauch: er hob es auf. Das Ödland

rettete ihn. Hätte Isak im Dorf gewohnt, dann hätte vielleicht die

große Welt auch etwas auf ihn eingewirkt; dort war so viel Schönes,

so vornehme Verhältnisse, er würde Unnötiges gekauft haben und wäre

am Werktag in einem roten Hemd gegangen. Hier im Ödland war er gegen

alle Verschwendung geschützt, er lebte in reiner Luft, wusch sich

am Sonntagmorgen und badete, wenn er droben am Gebirgssee war.

Die tausend Taler -- jawohl, ein Geschenk vom Himmel, jeden Heller

davon zum Aufbewahren! Wozu sonst? Isak konnte seine gewöhnlichen

Ausgaben mit Leichtigkeit durch den Verkauf seiner Erträgnisse von dem

Viehbestand und den Feldern bestreiten.

Eleseus wußte ja besser Bescheid, er hatte dem Vater geraten, sein

Geld auf der Bank anzulegen. Es war auch wohl möglich, daß dies das

verständigste gewesen wäre, aber jedenfalls war es aufgeschoben worden,

wurde vielleicht nie getan. Nicht, weil Isak immer den Rat des Sohnes

überhört hätte, Eleseus war wahrlich nicht so schlimm, das hatte Isak

in der letzten Zeit herausgefunden. Jetzt in der Heuernte hatte er

es mit dem Mähen versucht -- nein, ein Meister wurde er darin nicht,

und er mußte sich in Siverts Nähe halten und sich von ihm jedesmal

die Sense wetzen lassen, aber Eleseus hatte lange Arme und konnte das

Heu wie ein ganzer Mann zusammenraffen. Jetzt waren er und Sivert und

Leopoldine und Jensine drüben auf der Wiese und setzten das erste Heu

auf Heinzen, und Eleseus schonte sich da auch nicht, sondern arbeitete

mit dem Rechen, bis er Blasen bekam und mit verbundenen Händen gehen

mußte. Seit mehreren Wochen schon hatte er keinen rechten Appetit

gehabt, war aber deshalb doch nicht arbeitsscheu geworden. Über den

Jungen mußte etwas Neues gekommen sein, es sah aus, als sei ein

gewisses Mißgeschick in einer gewissen Liebesangelegenheit oder etwas

anderes in dieser Richtung, ein großer Schmerz oder eine Enttäuschung,

vom Guten für ihn gewesen. Seht, jetzt hat er sogar seinen letzten von

der Stadt mitgebrachten Tabak aufgeraucht, und das hätte vielleicht

unter anderen Umständen einen Kontoristen dazu bringen können, die Türe

zuzuschlagen oder sich über dies und jenes scharf auszusprechen; aber

nein, Eleseus wurde dadurch nur ein gesetzter Bursche, fester in der

Haltung, ja, wahrlich ein Mann.

Auf was verfiel aber dann der Spaßvogel Sivert, um ihn zu reizen?

An diesem Tag knieten beide Brüder auf Steinen im Fluß und tranken, und

Sivert war so unvorsichtig, Eleseus anzubieten, ihm ein besonders gutes

Moos zu Tabak zu trocknen -- oder vielleicht willst du es roh rauchen?

sagte er. -- Ich werde dir Tabak geben, versetzte Eleseus, indem er den

Arm ausstreckte und den Bruder bis an die Schultern ins Wasser tauchte.

Ha, da bekam er's! Sivert lief noch lange mit einem nassen Kopf umher.

Ich glaube, Eleseus wächst sich allmählich zu einem tüchtigen Kerl

heraus, dachte der Vater, wenn er den Sohn bei der Arbeit sah. -- Hm.

Ob der Eleseus nun für ganz daheimbleiben will? fragte er Inger. -- Sie

sagte ebenso sonderbar vorsichtig: Das könnte ich nicht sagen. Nein,

das will er nicht. -- So, hast du mit ihm darüber gesprochen? -- Ach

nein. Doch, ich habe nur ein ganz klein wenig gesagt. Aber ich errate

es. -- Ich möchte wissen, wie es wäre, wenn er einen eigenen Hof hätte?

-- Wieso? -- Ob er ihn bebauen würde? -- Nein. -- So, hast du mit ihm

darüber geredet? -- Darüber geredet? Siehst du nicht, wie verändert er

ist? Ich kenne ihn gar nicht mehr. -- Du brauchst ihn nicht schlecht

zu machen, sagte Isak unparteiisch. Ich sehe nichts anderes, als daß

er draußen ein gutes Tagewerk vollbringt. -- So, ja, ja, antwortete

Inger schüchtern. -- Ich weiß nicht, was du gegen den Jungen hast! rief

Isak erzürnt. Er leistet mit jedem Tag bessere Arbeit, kannst du mehr

erwarten? -- Inger murmelte: Er ist nicht mehr, wie er war. Du solltest

mit ihm wegen der Westen sprechen. -- Wegen der Westen? Wieso? -- Er

sagt, daß er im Sommer in der Stadt weiße Westen getragen habe. --

Isak dachte darüber nach und begriff nichts. Aber kann er denn nicht

eine weiße Weste bekommen? fragte er. Isak war verwirrt, das Ganze war

natürlich nur ein Weibergeschwätz, er meinte, der Junge sei mit der

weißen Weste im Recht und begriff überdies nicht, was das bedeuten

sollte, er wollte also rasch darüber weggehen. Nun, was würdest du dazu

sagen, wenn er Bredes Ansiedlung zum Heraufarbeiten bekäme? -- Wer?

fragte Inger. -- Eleseus. -- Breidablick? fragte Inger. Tu das ja nicht.

Die Sache war nämlich die, daß sie den Plan schon mit Eleseus

durchgesprochen hatte, sie kannte ihn wohl von Sivert, der den Mund

nicht hatte halten können. Und im übrigen -- warum hätte Sivert über

den Plan schweigen sollen, den der Vater sicher nur deshalb verraten

hatte, damit er durchgesprochen würde? Es war nicht das erstemal, daß

er Sivert auf diese Weise zum Vermittler machte. Na, aber was hatte

Eleseus geantwortet? Wie früher, wie in seinen Briefen aus der Stadt:

Nein, ich will das, was ich gelernt habe, nicht wegwerfen und wieder

der reine Garnichts sein! Das hatte er geantwortet. Ja, dann war ja

die Mutter mit ihren guten Gründen herausgerückt, aber Eleseus hatte

für alles nur abschlägige Antworten gehabt und gesagt, er habe andere

Pläne für sein Leben. Das junge Herz hat seine unerforschlichen Gründe;

nach dem, was geschehen war, fand er es vielleicht auch unmöglich,

der Nachbar von Barbro zu werden. Das konnte niemand wissen. Er hatte

der Mutter gegenüber nur obenhin Auskunft gegeben und gesagt, er

könne in der Stadt eine bessere Stelle bekommen, als er jetzt habe;

er könne auch Schreiber beim Landrichter oder Landrat werden; man

müsse hinaufkommen, in einigen Jahren werde er vielleicht Lensmann

oder Leuchtturmwächter, oder er komme aufs Zollamt. Es gebe so viele

Möglichkeiten für den, der etwas gelernt habe.

Woher es nun auch kam, aber jedenfalls wurde die Mutter bekehrt, wurde

mitgerissen, und sie war ja selbst so wenig sicher, die Welt konnte sie

gar leicht wieder in ihre Schlingen ziehen. Im Winter hatte sie sogar

in einem gewissen ausgezeichneten Andachtsbuch gelesen, das sie bei

ihrem Weggang in der Anstalt in Drontheim bekommen hatte; aber jetzt?

Ob denn Eleseus wirklich Lensmann werden könne? -- Jawohl, antwortete

Eleseus. Was ist denn der Lensmann Heyerdahl anderes als ein früherer

Schreiber auf einer Amtsstube?

Große Aussichten! Die Mutter wollte Eleseus geradezu abraten, sein

Leben zu ändern und sich wegzuwerfen. Was sollte ein solcher Mann im

Ödland?

Segen der Erde: Roman · 第 16 / 32 段