Sie tranken, dann waren sie fertig und verabschiedeten sich von Geißler.

In diesem Augenblick kam Brede Olsen einher. Was wollte der nun? Brede

hatte natürlich die dröhnenden Schüsse am gestrigen Tage gehört und

verstanden, daß droben im Gebirge etwas vor sich ging. Jetzt kam er

und wollte auch Gebirgsstrecken verkaufen. Er ging an Geißler vorbei,

wendete sich an die Herren und sagte: er habe einige merkwürdige

Gesteinsarten entdeckt, ganz wunderbare, die einen seien rot wie Blut,

andere hell wie Silber; er kenne jeden Winkel da droben und könne rasch

mit den Herren hinaufgehen, er wisse mehrere lange Metalladern -- was

das wohl für eine Art Metall sein könne? -- Hast du Proben bei dir?

fragte der Bergbaukundige. -- Ja. Aber ob sie nicht ebensogut auf den

Berg hinaufgehen könnten? Es sei nicht weit, Proben, jawohl! Viele

Säcke voll, viele Kisten voll, er habe sie zwar nicht bei sich, aber

daheim in seinem Hause; er könne rasch hinlaufen und sie holen. Aber

er könne in kürzerer Zeit von den Bergen droben holen, wenn die Herren

warten wollten. Die Herren jedoch schüttelten den Kopf und ritten

davon.

Brede sah ihnen gekränkt nach. Wenn die Hoffnung einen Augenblick in

ihm aufgetaucht war, dann erlosch sie jetzt wieder; er arbeitete unter

der Ungunst des Schicksals, nichts wollte ihm glücken. Nur gut, daß er

einen leichten Sinn hatte, um das Leben trotzdem ertragen zu können.

Er sah den Reitern nach und sagte schließlich: Na, viel Glück auf die

Reise!

Aber jetzt zeigte er sich wieder unterwürfig gegen Geißler, seinen

früheren Lensmann, er duzte ihn nicht mehr, sondern verbeugte sich und

sagte Ihr. Geißler hatte unter irgendeinem Vorwand seine Brieftasche

herausgezogen und ließ sehen, wie sie von Banknoten strotzte. -- Könnt

Ihr mir nicht helfen, Lensmann! sagte Brede. -- Geh heim und grabe

dein Moor um! sagte Geißler und half ihm nicht im geringsten. -- Ich

hätte gut eine ganze Traglast voll Steine mitbringen können, aber wäre

es denn nicht viel besser gewesen, die Herren hätten die Berge selbst

angesehen, da sie nun doch einmal hier waren? -- Geißler tat, als

höre er nicht, was Brede sagte, sondern fragte Isak: Weißt du nicht,

was ich mit dem Dokument gemacht habe? Es war äußerst wichtig, viele

tausend Kronen wert. Ach, da ist es, mitten zwischen den Banknoten. --

Was waren denn das für Leute, haben sie nur einen Ausflug zu Pferde

gemacht? fragte Brede.

Geißler war wohl vorher in großer Spannung gewesen, jetzt fiel er

merklich ab. Aber er hatte doch noch Lust und Leben genug, um noch

allerlei auszurichten. Sivert sollte mit ihm hinauf auf den Berg,

Geißler hatte ein großes Papier bei sich, da zeichnete er die Grenze

auf der Südseite des Wassers deutlich darauf ein. -- Was er wohl für

einen Gedanken dabei hatte! Als er ein paar Stunden später wieder auf

den Hof zurückkam, war Brede noch da, aber Geißler beantwortete keine

einzige von seinen Fragen, sondern war müde und winkte ihm nur mit der

Hand ab.

Er schlief ununterbrochen bis zum nächsten Morgen, da stand er mit der

Sonne auf und war wieder ganz frisch. Sellanraa! sagte er, als er auf

dem Hofplatz stand und weit umherschaute.

All das Geld, das ich bekommen habe, soll denn das mir gehören? fragte

Isak.

Was du sagst! erwiderte Geißler. Verstehst du denn nicht, daß du mehr

hättest haben sollen? Und eigentlich hättest du sie nach unserem

Kontrakt von mir haben sollen, aber wie du gesehen hast, ließ sich das

nicht machen. Wieviel hast du bekommen? Nach alter Rechnung nur tausend

Taler. Ich denke eben darüber nach, daß du noch ein Pferd für den Hof

haben mußt. -- Ja. -- Ich weiß dir ein Pferd. Der jetzige Gerichtsbote

bei Lensmann Heyerdahl läßt seinen Hof verfallen, das Herumreisen und

die Leute auspfänden ist ihm unterhaltender. Er hat schon einen Teil

seines Viehstandes verkauft, jetzt will er auch seinen Gaul los sein.

-- Ich werde mit ihm reden, sagte Isak.

Geißler deutete mit der Hand weit herum und sagte: Alles gehört dem

Markgrafen! Du hast Haus und Vieh und wohlbestellte Felder, niemand

kann dich aushungern.

Nein, antwortete Isak, wir haben alles, was Gott geschaffen hat.

Geißler lief noch eine Weile auf dem Hof umher, dann ging er plötzlich

zu Inger hinein. Kannst du wohl auch heute etwas Mundvorrat entbehren?

fragte er. Wieder ein paar Waffeln, aber ohne Butter und Käse darauf;

sie sind allein schon nahrhaft und fett genug. Nein, tu, wie ich sage,

ich will nicht noch mehr tragen.

Geißler ging wieder hinaus. Er hatte wohl allerlei Gedanken im Kopf. Im

Neubau setzte er sich an den Tisch und begann zu schreiben. Er hatte

sich die Sache schon vorher ausgedacht, deshalb brauchte er nicht viel

Zeit dazu. Es sei eine Eingabe an den Staat, sagte er überlegen zu

Isak. An das Ministerium des Innern, sagte er. Ich habe für so vieles

zu sorgen!

Als er seinen Mundvorrat bekommen hatte und sich verabschiedete, war

es, als falle ihm plötzlich noch etwas ein. Ja, richtig, als ich das

letztemal fortging, vergaß ich gewiß -- ich hatte einen Schein aus

meiner Brieftasche genommen, hatte ihn dann aber in meine Westentasche

gesteckt. Da habe ich ihn nachher gefunden. Ich habe so vielerlei

Geschäfte. Damit steckte er Inger etwas in die Hand und ging.

Ja, dann ging Geißler, und er schien ganz getrosten Mutes zu sein.

Er war durchaus nicht herunter und starb auch noch lange nicht, kam

auch wieder nach Sellanraa, und erst viele Jahre später starb er.

Die Hofleute vermißten ihn aber sehr, als er nun gegangen war; Isak

hatte ihn wegen Breidablick um Rat fragen wollen, war aber nicht dazu

gekommen. Geißler hätte ihm wohl auch abgeraten, den Hof zu kaufen --

für einen Kontoristen wie Eleseus Ödland zu kaufen!

18

Oheim Sivert war doch am Sterben. Eleseus war ungefähr drei Wochen

bei dem Alten gewesen, da war er tot. Eleseus bestellte das Begräbnis

und war recht tüchtig in dieser Richtung, er holte da und dort in den

Häusern einige Fuchsiastöcke, entlehnte eine Flagge und hing sie auf

Halbmast, kaufte schwarzen Flor beim Kaufmann zu heruntergelassenen

Vorhängen. Isak und Inger wurden benachrichtigt und kamen zum

Begräbnis. Eleseus war der eigentliche Wirt und verstand sich sehr

wohl auf die Aufwartung für die Eingeladenen, ja, nachdem am Sarg

noch gesungen worden war, sprach Eleseus sogar einige passende Worte,

worüber seine Mutter vor lauter Stolz und Rührung ihr Taschentuch

gebrauchen mußte. Alles ging ausgezeichnet.

Auf dem Heimweg in seines Vaters Gesellschaft mußte Eleseus seinen

Überzieher offen tragen, den Spazierstock aber verbarg er in seinem

Ärmel. Es ging alles gut, bis sie im Boot übers Wasser fuhren; da stieß

Isak aus Versehen an den Rock, und ein Krach ließ sich hören. -- Was

war das? fragte Isak. -- O nichts, antwortete Eleseus.

Aber der zerbrochene Stock wurde nicht weggeworfen; als sie heimkamen,

suchte Eleseus nach einem passenden Ring um die Bruchstelle. -- Können

wir ihn nicht speideln? fragte Sivert, der große Spaßvogel. Sieh

hier, wenn wir auf beiden Seiten einen guten Holzspan legen und mit

Pechdraht umwickeln ...? -- Ja, ich werde dich mit Pechdraht umwickeln!

erwiderte Eleseus. -- Hahaha! Ach so, du willst wohl lieber ein rotes

Strumpfband herumwickeln? -- Hahaha! lachte auch Eleseus, aber dann

ging er zu seiner Mutter hinein, und bei ihr bekam er einen alten

Fingerhut, von dem er den oberen Teil abfeilte, wodurch er dann einen

sehr schönen Ring für den Spazierstock bekam. Oh, Eleseus war gar nicht

so ungeschickt mit seinen langen Fingern.

Die Brüder trieben immer noch ihren Spaß miteinander. Bekomme ich

das, was der Oheim Sivert hinterlassen hat? fragte Eleseus. -- Ob du

es bekommst? Wieviel ist es? versetzte Sivert. -- Hahaha! Du willst

zuerst wissen, wieviel es ist, du Geizhals! -- Ja, du kannst es gern

haben, sagte Sivert. -- Es wird zwischen fünf- und zehntausend sein. --

Talern? rief Sivert; er konnte die Frage nicht zurückhalten. -- Eleseus

rechnete ja nicht nach Talern, aber jetzt paßte es ihm, er nickte und

ließ Sivert bis zum nächsten Tag in diesem Glauben.

Dann kam Eleseus wieder auf die Sache zurück. Reut dich wohl dein

Geschenk von gestern? fragte er. -- Du Dummkopf, versetzte Sivert;

allerdings, aber fünftausend Taler waren nun einmal fünftausend Taler

und keine Kleinigkeit; wenn der Bruder nicht ein Geizhals oder ein

schlechter Kerl war, dann teilte er mit ihm. -- Nun will ich dir etwas

sagen, erklärte endlich Eleseus, ich glaube nicht, daß ich von der

Erbschaft fett werde. -- Sivert sah ihn überrascht an: So, nicht? --

Nein, nicht besonders und nicht ~par excellence~ fett.

Eleseus hatte ja gelernt, sich in Rechnungen auszukennen; der Schrein

des Oheims, der berühmte Flaschenkasten, war vor ihm geöffnet worden,

und er hatte alle Papiere und Summen durchgehen und Kassensturz

halten müssen. Oheim Sivert hatte seinen Neffen nicht zu Landarbeit

oder zum Flicken des Fischnetzes verwendet, sondern ihn in eine

fürchterliche Unordnung von Zahlen und Rechnungen hineinversetzt. Wenn

ein Steuerzahler vor zehn Jahren mit einer Ziege oder einer Kiste

getrocknetem Kohlfisch bezahlt hatte, dann stand weder die Ziege noch

der Kohlfisch da, sondern der alte Sivert holte den Mann aus seinem

Gedächtnis hervor und sagte: Er hat bezahlt. -- Nun, dann streichen wir

diesen Posten, sagte Eleseus.

Hier war Eleseus der rechte Mann, er war freundlich und munterte den

Kranken damit auf, daß er sagte, es stehe alles gut; die beiden hatten

sich gut zusammen eingelebt, ja, ab und zu hatten sie sogar ihren Spaß

miteinander. Eleseus war ja wohl in dem einen oder andern töricht,

aber das war der alte Sivert auch; sie hatten geradezu hochtrabende

Dokumente abgefaßt, nicht nur zum Vorteil von Klein-Sivert, sondern

auch fürs Dorf, die Gemeinde, der der Alte dreißig Jahre gedient hatte.

-- Herrliche Tage waren es! -- Ich hätte wahrlich niemand Besseren

bekommen können als dich, Eleseus! sagte Oheim Sivert. Er schickte

jemand fort und ließ mitten im Sommer ein geschlachtetes Schaf kaufen,

die Fische wurden ihm frisch aus dem Meer gebracht, und Eleseus wurde

befohlen, aus dem Schrein zu bezahlen; sie lebten recht gut miteinander.

Sie ließen Oline kommen, und sie hätten niemand Besseren haben können,

um an einem Festmahl teilzunehmen, auch war niemand besser dazu

geschaffen als sie, von des alten Siverts letzten Tagen großen Ruhm

zu verbreiten. Und die Befriedigung war gegenseitig. Ich meine, wir

sollten Oline auch mit einer kleinen Erbschaft bedenken, sagte der

Oheim, sie ist jetzt Witwe und hat es recht knapp. Es bleibt trotzdem

noch genug für Klein-Sivert. -- Es kostete Eleseus nur ein paar

Federstriche mir geübter Hand, einen Nachtrag zu dem letzten Willen,

und dann war auch Oline unter die Erben eingereiht. -- Ich werde für

dich sorgen, sagte der alte Sivert zu ihr; falls ich nicht wieder

gesund werden sollte und nicht mehr auf der Erde leben werde, will

ich, daß du nicht Hunger leiden mußt, sagte er. -- Oline rief, sie sei

sprachlos; aber das war sie gar nicht, sie war gerührt und weinte und

dankte; niemand hätte solche Verbindung zwischen einer irdischen Gabe

und zum Beispiel „der großen himmlischen Wiedervergeltung im Jenseits”

finden können wie Oline. Nein, sprachlos war sie nicht.

Aber Eleseus? Waren ihm vielleicht im Anfang die Verhältnisse des

Oheims günstig und zufriedenstellend vorgekommen, so mußte er sich doch

später die Sache neu überlegen und mit der Wahrheit herausrücken. Er

versuchte es mit einem schwachen Einwand: Die Kasse ist ja nicht so

ganz in Ordnung, sagte er. -- Jawohl, aber da ist ja alles, was ich

sonst hinterlasse. -- Ja, und dann hast du wohl auch noch da und dort

Geld auf der Bank? fragte Eleseus, denn so ging das Gerücht. -- Na,

antwortete der Alte, das kann nun sein, wie es will. Aber das Großnetz,

der Hof und die Häuser und das Vieh, und weiße Kühe und rote Kühe! Ich

glaube, du faselst, mein guter Eleseus!

Eleseus wußte nicht, wieviel das Großnetz wert sein konnte; aber das

Vieh hatte er jedenfalls gesehen: es bestand aus einer Kuh. Sie war

weiß und rot. Oheim Sivert redete vielleicht irre. Und Eleseus verstand

auch des Alten Rechnungen nicht alle; sie waren in einem großen

Durcheinander, der reine Wirrwarr, besonders seit dem Jahr, in dem der

Münzfuß von Talern in Kronen übergegangen war. Der Bezirkskassierer

hatte oft die kleinen Kronen für volle Taler gerechnet. Kein Wunder,

daß er sich für reich hielt! Aber Eleseus fürchtete, wenn erst einmal

alles geordnet sein würde, werde nicht viel übrigbleiben, vielleicht

nichts, ja, vielleicht werde es nicht einmal hinreichen.

Oh, Klein-Sivert konnte ihm leicht das versprechen, was der Oheim

hinterlassen würde!

Die Brüder scherzten darüber, Sivert war nicht niedergeschlagen, im

Gegenteil, vielleicht hätte er sich schließlich mehr gegrämt, wenn er

wirklich fünftausend Taler verschleudert hätte. Er wußte wohl, daß er

aus reiner Berechnung nach dem Oheim genannt worden war, er hatte also

auch nichts von ihm verdient. Jetzt zwang er Eleseus die Erbschaft

förmlich auf: Ja, gewiß mußt du sie annehmen, komm, wir wollen es

schriftlich machen! sagte er. Ich gönne es dir, wenn du reich wirst.

Verschmäh es nicht!

Sie hatten viel Spaß miteinander. Sivert war in der Tat der, der

Eleseus am meisten half, das Leben daheim auszuhalten, vieles wäre ohne

Sivert schwerer für Eleseus gewesen.

Jetzt war übrigens Eleseus wieder tüchtig verdorben worden, die drei

Wochen Müßiggang jenseits des Gebirges waren nicht vom Guten für ihn

gewesen; er war da auch in die Kirche gegangen und hatte sich gut

herausgeputzt, ja, er war auch mit jungen Mädchen zusammengetroffen.

Daheim auf Sellanraa gab es keine. Jensine, die Magd, war nicht zu

rechnen, sie war nur ein Arbeitstier, sie paßte besser für Sivert. --

Ich möchte wohl wissen, wie die Barbro von Breidablick geworden ist,

seit sie erwachsen ist, sagte er. -- Geh hinunter zu Axel Ström und

sieh sie dir an, entgegnete Sivert.

An einem Sonntag machte sich Eleseus auf den Weg. Jawohl, er war

auswärts gewesen und hatte Mut und Lustigkeit wiedergefunden, hatte

Blut geleckt, in Axels Gamme lebte er wieder auf. Barbro selbst war

keineswegs zu verachten, jedenfalls war sie die einzige hier in der

Gegend; sie spielte Gitarre und war witzig, außerdem roch sie nicht

nach Rainfarn, sondern nach echten Sachen, nach Haarwasser. Seinerseits

gab Eleseus zu verstehen, daß er nur in den Ferien daheim sei, das Büro

werde ihn bald zurückberufen. Immerhin sei es angenehm, wieder einmal

daheim zu sein, wieder in der alten Heimat, und er habe jetzt droben

die Kammer für sich allein zum Bewohnen. Aber es sei eben doch nicht

die Stadt!

Nein, das weiß Gott, daß das Ödland nicht die Stadt ist! stimmte Barbro

bei.

Axel selbst kam diesen beiden Stadtkindern gegenüber nicht recht zur

Geltung. Er langweilte sich und ging hinaus auf seine Felder. Nun

hatten die beiden freie Hand, und Eleseus war großartig. Er erzählte,

er sei im Nachbardorfe gewesen und habe dort einen Oheim begraben, auch

vergaß er nicht zu sagen, daß er am Sarge eine Rede gehalten hatte.

Als er ging, sagte er zu Barbro, sie solle ihn ein Stück Wegs

begleiten. Aber nein, danke! -- Ist es Sitte und Brauch in der Stadt,

daß die Damen die Herren heimbegleiten? fragte sie. -- Da wurde

Eleseus wahrhaftig rot und verstand, daß er sie beleidigt hatte.

Trotzdem ging er am nächsten Sonntag wieder aufs Nachbargut, und da

trug er den Spazierstock in der Hand. Die beiden unterhielten sich

wieder wie das letztemal, und Axel wurde wieder übersehen: Dein Vater

hat jetzt einen großen Hof, er hat sehr viel gebaut, sagte er. -- O

ja, und er hat auch das Geld zum Bauen. Vater kann alles, was er will!

antwortete Eleseus und prahlte drauflos; für uns andere arme Schlucker

ist es nicht so leicht. -- Wieso? -- Na, habt ihr es nicht gehört?

Jetzt eben sind einige schwedische Millionäre bei ihm gewesen und haben

ihm einen Kupferberg abgekauft. -- Was du da sagst? Und hat er viel

Geld dafür bekommen? -- Kolossal viel. Ja, ja, ich will nicht prahlen,

aber es waren jedenfalls viele Tausend. Aber was ich sagen wollte:

Bauen, sagtest du? Ich sehe, du hast Zimmerholz draußen liegen, wann

willst du selbst bauen? -- Niemals, warf Barbro ein.

Niemals! Das war nun Vorwitz oder Übertreibung. Axel hatte im letzten

Herbst Steine ausgebrochen und sie im Winter hergefahren; jetzt im

Sommer hatte er die Mauer samt Keller und allem andern fertiggemacht,

er brauchte nur noch das Haus aufzurichten. Er sagte, er hoffe das

Haus schon im Herbst unter Dach zu bringen, er habe auch schon daran

gedacht, Sivert zu bitten, ihm ein paar Tage zu helfen, was Eleseus

dazu meine? -- O ja, meinte Eleseus. Aber du kannst mich bekommen,

fügte er lächelnd hinzu. -- Euch? sagte Axel ehrerbietig und redete ihn

plötzlich mit Euch an. Ihr habt Genie für andere Sachen. -- Wie das

schmeckte, sogar hier im Ödland anerkannt zu werden. Ich fürchte sehr,

daß diese meine Hände nicht dazu taugen, sagte Eleseus auch und tat

äußerst vornehm. -- Laß mich sehen! sagte Barbro, indem sie seine Hand

ergiff.

Axel fühlte sich wieder auf die Seite gesetzt und ging hinaus; nun

waren die beiden abermals allein. Sie waren gleichaltrig, waren

zusammen in die Schule gegangen, hatten miteinander gespielt,

umhergetollt und sich geküßt; jetzt frischten sie mit unendlicher

Überlegenheit die Kindheitserinnerungen auf, und Barbro spielte sich

ordentlich auf, das war nicht zu verkennen. Natürlich war Eleseus nicht

zu vergleichen mit den großen Kontoristen in Bergen, die Kneifer und

goldene Uhren hatten, aber hier auf dem Ödland war er unleugbar ein

richtiger Herr. Und nun holte sie ihre Photographie von Bergen herbei

und zeigte sie ihm: so habe sie damals ausgesehen, und wie jetzt! --

Was soll dir denn jetzt fehlen? fragte er. -- So, du meinst, ich habe

nicht verloren? -- Verloren? Ich will dir nur ein für allemal sagen,

daß du jetzt doppelt so hübsch bist, überhaupt voller geworden, sagte

er. Verloren? Nein, das ist klassisch! sagte er. -- Aber findest du

mein Kleid, das am Hals und im Rücken ausgeschnitten ist, auf dem Bild

nicht hübsch? Und dann hatte ich auch, wie du siehst, eine silberne

Kette, die habe ich von einem der Kontoristen, bei denen ich war,

geschenkt bekommen. Aber dann habe ich sie verloren; das heißt nicht

geradezu verloren, sondern ich brauchte Geld, als ich heimreiste.

-- Eleseus fragte: Kann ich nicht die Photographie bekommen? -- Sie

bekommen? Und was bekomme ich dafür? Oh, Eleseus wußte recht gut, was

er am liebsten geantwortet hätte, aber er wagte es nicht zu sagen.

Ich werde mich photographieren lassen, wenn ich wieder in der Stadt

bin, dann bekommst du meine auch, sagte er dagegen. Sie aber nahm das

Bild wieder an sich und sagte: Nein, ich habe nur noch die eine. -- Da

wurde es düster in seinem jungen Herzen, und er streckte die Hand nach

dem Bild aus. -- Ja, ja, dann gib mir gleich etwas dafür! sagte sie

lachend. Oh, da griff er zu und küßte sie herzlich ab.

Nun wurde es ungezwungener; Eleseus entfaltete sich, er wurde

großartig. Sie liebäugelten und lachten und scherzten. Als du nach

meiner Hand gefaßt hast, war das so weich wie ein Samtpfötchen, sagte

er. -- Ja, ja, nun fährst du bald wieder in die Stadt, und dann

kommst du wohl nie mehr hierher, sagte Barbro. -- Hältst du mich für

so schlecht? versetzte Eleseus. -- Hast du niemand dort, der dich

zurückhält? -- Nein. Unter uns gesagt, ich bin nicht verlobt, sagte er.

-- Doch, das bist du gewiß. -- Nein, es ist tatsächlich wahr, was ich

sage.

Sie scherzten und liebäugelten lange miteinander, Eleseus war ganz

verliebt. Ich werde dir schreiben, sagte er, darf ich das? -- Ja,

antwortete sie. -- Ja, denn ich will nicht kleinlich sein und es

nicht ohne Erlaubnis tun! Doch plötzlich wurde er eifersüchtig und

fragte: Es heißt, du seiest mit Axel hier verlobt. Ist es so? -- Mit

ihm, dem Axel! sagte sie so verächtlich, daß es ihn tröstete. Er wird

sich brennen! sagte sie. Dann bereute sie ihre Worte, und sie fügte

hinzu: Der Axel ist schon recht. Und er hält eine Zeitung für mich

und macht mir sehr oft Geschenke, ich kann nichts anderes sagen. --

Gott bewahre mich, er kann in seiner Art ein höchst vorzüglicher und

unvergleichlicher Mann sein, gab Eleseus zu, aber das ist nun einmal

nicht der Kernpunkt.

Aber bei dem Gedanken an Axel mußte sich Barbro wohl etwas beunruhigt

fühlen, sie stand auf und sagte zu Eleseus: Nein, jetzt mußt du gehen,

ich muß in den Stall.

Am nächsten Sonntag ging Eleseus bedeutend später als sonst hinunter,

und er hatte den Brief selbst mitgenommen. Das war ein Brief. Das

Entzücken und Kopfzerbrechen einer ganzen Woche hatten ihn zustande

gebracht, ihn ausgedacht! An Fräulein Barbro Bredesen, zwei- bis

dreimal habe ich nun das für mich so unaussprechliche Glück gehabt,

dich wiederzusehen ...

Wenn er nun so spät am Abend ankam, mußte wohl Barbro im Stall fertig

sein, ja, sie war vielleicht eben zu Bett gegangen. Doch das schadete

nichts, es paßte im Gegenteil gerade gut.

Barbro war jedoch auf und saß in der Gamme. Aber jetzt sah es plötzlich

aus, als wolle sie gar nicht mehr zärtlich sein, nein, durchaus nicht.

Eleseus bekam den Eindruck, daß Axel wohl hinter ihr her gewesen sein

und sie ermahnt haben mußte. -- Bitte, hier ist der Brief, den ich dir

versprochen habe. -- Danke! sagte sie, indem sie den Brief öffnete

und ihn ohne ersichtliche Freude las. -- Ich hätte wohl ebensogut

schreiben können wie du! sagte sie. -- Er war enttäuscht, was hatte sie

nur? Und wo war Axel? Fort. Er war dieser törichten Sonntagsbesuche

vielleicht überdrüssig und wollte nicht dabeisein; aber er konnte ja

auch eine notwendige Besorgung gehabt haben, so daß er gestern ins Dorf

hinuntergegangen war. Fort war er jedenfalls.

Warum sitzt du denn an einem so schönen Abend in der dumpfen Gamme?

Komm mit heraus! sagte Eleseus. -- Ich warte auf Axel, antwortete sie.

-- Auf Axel? Kannst du nicht ohne den Axel sein? -- Doch, aber soll er

etwa nichts zu essen haben, wenn er kommt?

Die Zeit verging, sie war vergeudet, die beiden kamen sich nicht

näher; Barbro war und blieb launisch. Er versuchte ihr wieder vom

Nachbardorf zu erzählen und vergaß wieder nicht, daß er eine Rede

gehalten hatte: Ich hatte allerdings nicht so besonders viel zu sagen,

aber einige waren doch zu Tränen gerührt. -- So, sagte sie. -- Und an

einem Sonntag bin ich in der Kirche gewesen. -- Hast du da mit einer

angebändelt? -- Ob ich mit einer angebändelt habe? Ich war nur dort und

habe mich umgesehen. Der Pfarrer predigte nicht besonders nach meiner

unmaßgeblichen Meinung, er hatte keinen guten Vortrag.

Die Zeit verging.

Was meinst du wohl, was Axel denken wird, wenn er dich so spät hier

antrifft? fragte Barbro plötzlich. -- Ach, wenn sie ihm einen Stoß vor

die Brust versetzt hätte, hätte er nicht mutloser werden können. Hatte

sie denn das letztemal ganz vergessen? War nicht verabredet worden,

daß er am heutigen Abend kommen sollte? Er war schwer gekränkt und

murmelte: Ich kann ja wieder gehen! -- Darüber schien sie sich nicht zu

entsetzen. -- Was habe ich dir getan? fragte er mit bebenden Lippen.

Es schien ihm sehr tief zu gehen, er war in großer Not. -- Mir getan?

Ach, du hast mir nichts getan. -- Aber was ist denn mit dir heute

abend? -- Mit mir? Hahaha! Aber im übrigen kann ich mich nicht darüber

wundern, wenn Axel böse wird. -- Ich werde gehen, wiederholte Eleseus.

Aber sie erschrak wieder nicht darüber, sie machte sich nichts aus ihm,

und es war ihr einerlei, daß er da vor ihr saß und mit seinen Gefühlen

kämpfte. Oh, sie war eine Canaille!

Segen der Erde: Roman · 第 15 / 32 段