Breidablick denken? -- Warum? fragte Sivert. Was sollen wir damit? --
Ja, das weiß ich nicht. Das Schulhaus ist auch dort, und Breidablick
liegt mittendrin. -- Ja, und? fragte der Sohn. -- Ich wüßte gar nichts
damit anzufangen, denn man kann es zu nichts verwenden. -- Hast du
daran gedacht? fragte Sivert. -- Der Vater antwortete: Nein. Ich denke
an Eleseus, ob er wohl darauf arbeiten möchte? -- Eleseus? -- Ja, aber
ich weiß nicht. -- Lange Überlegung auf beiden Seiten. Dann sammelte
der Vater das Handwerkszeug zusammen, lud es sich auf und wendete sich
heimwärts. -- Ich meine, du solltest mit ihm darüber reden, sagte
Sivert schließlich. Und der Vater schloß das Gespräch mit den Worten:
Nun haben wir auch heute keinen schönen Stein zu der Türschwelle
gefunden.
Der nächste Tag war ein Samstag, und da mußten sie schon sehr früh
aufbrechen, um mit dem Kinde rechtzeitig übers Gebirge zu kommen.
Jensine, die Magd, sollte auch mit, da hatten sie die eine Patin, die
andern Gevattern mußten jenseits des Gebirges unter Ingers Verwandten
aufgetrieben werden.
Inger war sehr hübsch, sie hatte sich ein besonders kleidsames
Kattunkleid genäht und trug überdies weiße Streifen um den Hals und
an den Handgelenken. Das Kind war ganz in Weiß, nur unten am Saum war
ein neues blauseidenes Band durchgezogen; aber es war ja auch ein
ganz besonderes Kind, es lächelte und plauderte schon und horchte
auf, wenn die Stubenuhr schlug. Der Vater hatte den Namen ausgewählt.
Ihm kam dies zu, er wollte hier eingreifen -- laßt uns nur meinem Rat
folgen! Er hatte zwischen Jakobine und Rebekka, die beide etwas mit
Isak zusammenhingen, geschwankt, schließlich war er zu Inger gegangen
und hatte ängstlich gesagt: Hm. Was meinst du zu Rebekka? -- O ja,
antwortete Inger. -- Als Isak dies hörte, wurde er ordentlich männlich
und sagte barsch: Wenn sie etwas heißen soll, so soll sie Rebekka
heißen. Dafür stehe ich ein!
Und natürlich wollte er mit in der Kirche sein, der Ordnung halber
und auch, um das Kind zu tragen, der kleinen Rebekka sollte ein gutes
Taufgeleite nicht fehlen. Er stutzte sich den Bart, zog wie in jüngeren
Jahren ein frisches rotes Hemd an; es war zwar in der größten Hitze,
aber er hatte einen schönen neuen Winteranzug, den legte er an.
Übrigens war Isak nicht der Mann, der sich Verschwendung und Flottheit
zur Pflicht machte, deshalb zog er zu der Wanderung übers Gebirge ein
Paar von seinen märchenhaften Siebenmeilenstiefeln an.
Sivert und Leopoldine mußten bei den Haustieren daheim bleiben.
Sie ruderten im Boot über den Gebirgssee, und das war eine große
Erleichterung gegen früher, wo sie immer außen herum hatten wandern
müssen. Aber mitten auf dem Wasser, als Inger der Kleinen die Brust
geben wollte, sah Isak etwas Glänzendes an einem Faden um ihren Hals
hängen. -- Was konnte das sein? In der Kirche bemerkte er, daß sie den
goldenen Ring am Finger trug. Oh, diese Inger, sie hatte sich es nicht
versagen können!
17
Eleseus kam nach Hause.
Er war jetzt mehrere Jahre fort gewesen und war größer als der
Vater geworden, mit langen weißen Händen und einem kleinen dunklen
Schnurrbart. Er spielte sich nicht auf, sondern schien sich ein
natürliches, freundliches Wesen zur Pflicht zu machen; die Mutter war
verwundert und froh darüber. Er bekam mit Sivert zusammen die Kammer,
die Brüder waren gut Freund miteinander und spielten einander manchen
Schabernack, an dem sie sich höchlich ergötzten. Aber natürlich mußte
Eleseus beim Zimmern des Anbaus helfen, und da wurde er bald müde und
erschöpft, weil er körperlicher Arbeit ganz ungewohnt war. Ganz schlimm
wurde es, als Sivert die Arbeit aufgeben und sie den beiden andern
überlassen mußte -- ja, da war dem Vater eher geschadet als gedient.
Und wohin ging Sivert? Ja, war nicht eines Tages Oline übers Gebirge
dahergekommen mit der Botschaft von Oheim Sivert, daß er im Sterben
liege! Mußte da nicht Klein-Sivert hingehen? Das war ein Zustand! --
Niemals hätte das Verlangen des Oheims, Sivert jetzt bei sich zu haben,
ungelegener kommen können; aber da war nichts zu machen.
Oline sagte: Ich hatte gar keine Zeit, den Auftrag zu übernehmen, nein,
ganz und gar nicht, aber ich habe nun einmal die Liebe zu allen den
Kindern hier und für Klein-Sivert besonders, und so wollte ich ihm zu
seinem Erbe verhelfen. -- Ist denn der Oheim Sivert sehr krank? --
Ach du lieber Gott, er nimmt mit jedem Tag mehr ab! -- Liegt er zu
Bett? -- Zu Bett! Herr des Himmels, ihr solltet nicht so freventlich
herausreden. Sivert springt und läuft nicht mehr auf dieser Welt.
Nach dieser Antwort mußten sie ja annehmen, daß es mit dem Oheim Sivert
stark auf das Ende zugehe, und Inger trieb Klein-Sivert noch tüchtig
zur Eile an; sofort sollte er gehen.
Aber der Oheim Sivert, der Halunke, der Schelm, lag durchaus nicht im
Sterben, er lag nicht einmal beständig zu Bett. Als Klein-Sivert ankam,
fand er eine fürchterliche Unordnung und Vernachlässigung auf dem
kleinen Hofe vor, ja, die Frühjahrsarbeit war nicht einmal ordentlich
getan worden, nein, nicht einmal der Winterdung war hinausgefahren,
aber der Tod schien nicht augenblicklich bevorzustehen. Der Oheim
Sivert war allerdings ein alter Mann, über siebzig, er war hinfällig
und trieb sich halb angezogen im Hause umher, lag auch oft zu Bett
und mußte für verschiedenes notwendig Hilfe haben; zum Beispiel mußte
das Heringsnetz, das im Bootsschuppen hing und da schlecht aufgehoben
war, ausgebessert werden. O ja, aber der Oheim war durchaus nicht so
am Ende, daß er nicht noch gepökelte Fische essen und sein Pfeifchen
rauchen konnte.
Nachdem Sivert eine halbe Stunde dagewesen war und gesehen hatte, wie
alles zusammenhing, wollte er gleich wieder heim. -- Heim? fragte der
Alte. -- Ja, wir bauen eine Stube, und dem Vater fehlt meine Hilfe.
-- So, sagte der Alte, ist denn nicht Eleseus daheim? -- Doch, aber
der ist diese Arbeit nicht gewohnt. -- Warum bist du dann gekommen? --
Sivert erklärte, welche Botschaft Oline gebracht habe. -- Im Sterben?
fragte der Alte. Meinte sie, ich liege im Sterben? Zum Teufel auch!
-- Hahaha! lachte Sivert. -- Der Alte sah den Neffen gekränkt an und
sagte: Du machst dich über einen Sterbenden lustig, und du bist nach
mir getauft worden! -- Sivert war zu jung, um eine betrübte Miene
aufzusetzen, er hatte sich nie etwas aus dem Oheim gemacht, und jetzt
wollte er wieder heim.
Na, und du hast also auch gemeint, ich liege im Sterben und bist da
gleich hergerannt, sagte der Alte. -- Oline hat es gesagt, beharrte
Sivert. -- Nach kurzem Schweigen machte der Oheim ein Angebot: Wenn
du mein Netz im Bootsschuppen flickst, darfst du etwas bei mir sehen.
-- So, sagte Sivert, und was ist es? -- Ach, das geht dich nichts an,
versetzte der Alte mürrisch und legte sich wieder zu Bett.
Die Verhandlungen brauchten offenbar Zeit. Sivert wußte nicht recht,
was tun. Er ging hinaus und sah sich um, alles war unordentlich und
vernachlässigt, die Arbeit hier in Angriff nehmen zu sollen, wäre ein
Unding gewesen. Als er wieder hereinkam, war der Oheim auf und saß am
Ofen.
Siehst du dies? fragte er und deutete auf einen eichenen Schrein, der
zwischen seinen Füßen auf dem Boden stand. Das war der Geldschrein.
In Wirklichkeit war es einer von jenen Flaschenkasten, mit vielen
Abteilungen, den Beamte und andere vornehme Leute in alten Tagen auf
ihren Reisen mit sich geführt hatten; es waren jetzt keine Flaschen
mehr drin, der alte Bezirkskassierer bewahrte Rechnungen und Gelder
darin auf. Oh, diese Flaschenkiste, die Sage ging, daß sie den Reichtum
der ganzen Welt berge, die Leute im Dorfe pflegten zu sagen: Wenn ich
nur das Geld hätte, das der Sivert in seinem Schrein hat!
Der Oheim Sivert entnahm dem Schrein ein Papier und sagte feierlich:
Du kannst doch wohl Geschriebenes lesen? Lies dies Dokument! --
Klein-Sivert war durchaus nicht überlegen im Lesen von Schriftstücken,
nein, das war er nicht, aber jetzt las er, daß er zum Erben der ganzen
Hinterlassenschaft des Oheims eingesetzt sei. -- Und nun kannst du tun,
was du willst, sagte der Alte und legte das Dokument wieder in den
Schrein.
Sivert fühlte sich nicht besonders gerührt, das Dokument berichtete
ihm eigentlich nicht mehr, als was er vorher gewußt hatte, schon von
Kind auf hatte er ja nichts anderes gehört, als daß er den Oheim einmal
beerben werde. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er in dem Schrein
Kostbarkeiten hätte zu sehen bekommen. -- Es ist wohl viel Merkwürdiges
in dem Schrein, sagte er. -- Mehr als du denkst, versetzte der Oheim
kurz.
Er war so enttäuscht und ärgerlich über den Neffen, daß er den
Schrein zuschloß und wieder zu Bett ging. Da lag er dann und gab
verschiedene Mitteilungen kund: Dreißig Jahre lang bin ich hier im
Dorf Bevollmächtigter und Herr der Gelder gewesen, ich habe es nicht
nötig, jemand um eine Handreichung anzuflehen. Woher wußte denn Oline,
daß ich am Sterben sei? Kann ich nicht, wenn ich will, drei Mann zum
Doktor fahren lassen? Ihr sollt nicht euren Spott mit mir treiben. Und
du, Sivert, kannst nicht warten, bis ich meinen Geist ausgehaucht habe.
Ich will dir nur eins sagen: Jetzt hast du das Dokument gelesen, und es
liegt in meinem Geldschrein; mehr sag ich nicht. Aber wenn du von mir
fortgehst, dann richte deinem Bruder Eleseus aus, daß er hierherkommen
soll. Er heißt nicht nach mir und trägt nicht meinen irdischen Namen --
aber er soll nur kommen!
Trotz der Drohung, die in diesen Worten lag, überlegte Sivert sich die
Sache und sagte dann: Ich werde Eleseus deinen Auftrag ausrichten.
Oline war noch auf Sellanraa, als Sivert zurückkam. Sie hatte Zeit
gehabt, einen Gang durch die Gegend zu machen, ja sogar bis zu Axel
Ström und Barbros Ansiedlung, dann kam sie wieder zurück und tat
äußerst wichtig und geheimnisvoll. Die Barbro ist dicker geworden,
sagte sie flüsternd, das wird doch nichts zu bedeuten haben? Aber sagt
es niemand! Was, da bist du ja wieder, Sivert, da brauche ich ja wohl
nicht erst zu fragen, ob dein Oheim entschlafen ist? Ja, ja, er war ein
alter Mann und ein Greis am Rande des Grabes. Was -- er ist also nicht
tot? Gott sei Lob und Dank! Was, ich hätte nur ein leeres Geschwätz
verführt, sagst du? Wenn ich nur bei allem so frei von Schuld wäre!
Konnte ich denn wissen, daß dein Oheim Gott ins Angesicht log? Er nimmt
ab, das waren meine Worte, und diese werde ich einmal vor Gottes Thron
wiederholen. Was sagst du, Sivert? Ja, aber lag nicht dein Oheim zu
Bett und rauchte und faltete beide Hände auf der Brust und sagte, nun
liege er da und kämpfe es aus?
Mit Oline konnte man sich unmöglich in einen Streit einlassen, sie
überwältigte ihren Gegner mit ihrem Geschwätz und machte ihn mundtot.
Als sie hörte, daß der Oheim Sivert Eleseus zu sich rief, ergriff sie
auch diesen Umstand sofort und verwendete ihn zu ihrem Vorteil. Da
könnt ihr hören, ob ich ein leeres Geschwätz im Munde geführt habe. Der
alte Sivert ruft seine Verwandten herbei und schmachtet nach seinem
Fleisch und Blut, es ist am letzten bei ihm. Du mußt ihm das nicht
abschlagen, Eleseus, geh nur gleich, damit du deinen Oheim noch am
Leben triffst. Ich muß auch übers Gebirge, da können wir zusammen gehen.
Oline verließ indes Sellanraa nicht, bis sie Inger auf die Seite
gezogen und ihr noch über Barbro zugeflüstert hatte: Sag es niemand,
aber sie hat die Anzeichen! Und nun meint sie wohl, sie werde die Frau
auf der Ansiedlung. Manche Leute kommen obenauf, ob sie auch von Anfang
an so klein sind wie Sandkörner am Meeresstrand. Wer hätte nun das
von Barbro geglaubt! Axel ist sicher ein fleißiger Mann, und so große
Güter und Höfe wie hier im Ödland gibt es nicht auf unserer Seite des
Gebirges, das weißt du auch, Inger, du stammst ja aus unserer Gemeinde
und bist dort geboren. Barbro hatte ein paar Pfund Wolle in einer
Kiste, es war lauter Winterwolle, ich habe keine davon verlangt, und
sie hat mir auch keine davon angeboten; wir sagten nur Grüßgott und
Gutentag, obgleich ich sie von Kindesbeinen an gekannt habe, damals,
als ich hier auf Sellanraa war, und du, Inger, fort in der Lehre --
Jetzt weint die kleine Rebekka, warf Inger rasch ein, und dann steckte
sie Oline noch eine Handvoll Wolle zu.
Große Dankesbezeugung von Oline: Ja, ist es nicht, wie ich eben zu der
Barbro gesagt habe, so freigebig wie die Inger gibt es niemand mehr,
sie schenkt sich wahrhaftig lahm und wund und murrt nie darüber. Ja,
geh nur hinein zu dem kleinen Engel, noch nie hat ein Kind seiner
Mutter so ähnlich gesehen wie die kleine Rebekka dir. Ob sich Inger
erinnern könne, was sie einmal gesagt habe, daß sie keine Kinder mehr
bekomme? Da könne sie nun sehen! Nein, man solle auf die Alten hören,
die selbst Kinder gehabt hätten, denn Gottes Wege sind unerforschlich,
sagte Oline.
Dann trabte sie hinter Eleseus durch den Wald aufwärts, vor Alter
gebückt, fahl und grau und neugierig, immer dieselbe. Nun würde
sie zum alten Sivert gehen und zu ihm sagen, sie -- Oline -- sei es
gewesen, die Eleseus bestimmt habe, zu ihm zu kommen.
Aber Eleseus hatte sich durchaus nicht nötigen lassen, es war nicht
schwer gewesen, ihn zu überreden. Seht, im Grunde genommen war er
besser, als es den Anschein hatte, er war wirklich auf seine Art
ein guter Bursche, gutmütig und freundlich von Natur, nur ohne
große körperliche Kräfte. Daß er aus der Stadt nur ungern aufs Land
zurückkehrte, hatte seinen guten Grund, er wußte ja wohl, daß die
Mutter wegen Kindsmord in der Strafanstalt gewesen war, in der Stadt
hörte er nichts davon, aber da auf dem Lande wußten es wohl alle. War
er nun nicht mehrere Jahre lang mit Kameraden zusammen gewesen, die ihm
ein feineres Empfinden beigebracht hatten, als er früher gehabt hatte?
War nicht eine Gabel ebenso notwendig wie ein Messer? Hatte er nicht
alle Tage da drinnen nach Kronen und Öre gerechnet, und hier rechnete
man immer noch nach dem alten Talerfuß. O ja, er wanderte sehr gern
übers Gebirge in eine andere Gegend, daheim auf dem väterlichen Hofe
mußte er ja jeden Augenblick seine Überlegenheit im Zaume halten. Er
gab sich Mühe, sich den andern anzupassen, und es gelang ihm auch,
aber er mußte auf der Hut sein, zum Beispiel, als er vor ein paar
Wochen nach Sellanraa heimgekommen war. Er hatte ja einen hellgrauen
Frühjahrsüberzieher mitgenommen, obgleich man mitten im Sommer war;
als er ihn an einem Nagel in der Wohnstube aufhängte, hätte er gut
das silberne Schild mit seinen Buchstaben darauf nach außen drehen
können, aber er hatte es nicht getan. Ebenso war es mit dem Stock, dem
Spazierstock! Es war allerdings nur ein Regenschirmstock, von dem er
den Stoff und die Stahlschienen abgemacht hatte, aber auf Sellanraa
hatte er ihn nicht getragen und lustig geschwungen, weit entfernt, er
hatte ihn verborgen am Schenkel angelegt getragen.
Nein, es war nicht verwunderlich, daß Eleseus übers Gebirge ging. Er
taugte nicht zum Hausbauen, er taugte dazu, Buchstaben zu schreiben,
das konnte nicht der erste beste, aber in seiner Heimat war niemand,
der seine Gelehrsamkeit und seine Kunst zu schätzen wußte, ausgenommen
vielleicht die Mutter. So wanderte er fröhlichen Herzens vor Oline her
den Wald hinauf, er wollte weiter oben auf sie warten, er lief wie ein
Kalb, hetzte ordentlich vorwärts. Eleseus hatte sich gewissermaßen vom
Hofe weggestohlen, er hatte Angst, gesehen zu werden, jawohl, denn
er hatte den Frühjahrsüberzieher und den Spazierstock mitgenommen.
Jenseits des Gebirges konnte er ja hoffen, bessere Leute zu treffen
und auch selbst gesehen zu werden, vielleicht sogar in die Kirche zu
kommen. Deshalb plagte er sich in der Sonnenhitze mit dem überflüssigen
Überrock.
Und er hinterließ keine Lücke, wurde nicht vermißt beim Hausbau, im
Gegenteil, nun bekam ja der Vater den Sivert wieder, der Sivert war von
viel größerem Nutzen und hielt vom Morgen bis Abend aus. Sie brauchten
auch nicht viel Zeit zum Aufrichten des Gebäudes, es war nur ein Anbau,
drei Wände; sie brauchten auch die Stämme nicht zuzuhauen, das wurde
im Sägewerk gemacht. Die Schwartenbretter kamen ihnen dann gleich
beim Dachbau zugute. Eines schönen Tages stand wirklich die Stube vor
ihren Augen fertig da, gedeckt, mit gelegtem Boden und eingesetzten
Fenstern. Weiter konnten sie vor der Ernte nicht mehr damit kommen. Das
Verschalen und Anstreichen mußte auf später warten.
Da kam plötzlich Geißler mit großer Gefolgschaft übers Gebirge daher!
Und das Gefolge war zu Pferde, auf glänzenden Pferden mit gelben
Sätteln; es waren wohl reiche Reisende, sie waren sehr schwer und dick,
die Pferde bogen sich unter ihnen durch. Mitten unter diesen großen
Herren ging Geißler zu Fuß. Es waren im ganzen vier Herren und Geißler,
dazu noch zwei Diener, von denen jeder ein Lastpferd führte.
Auf dem Hofplatz stiegen die Reiter ab, und Geißler sagte: Da haben wir
Isak, den Markgrafen selbst. Guten Tag, Isak! Du siehst, da komme ich
wieder, wie ich gesagt habe.
Geißler war noch ganz der alte; obgleich er zu Fuß kam, schien er sich
keineswegs geringer zu fühlen als die andern, ja, sein abgetragener
Rock hing ihm lang und leer über seinen eingefallenen Rücken hinunter,
aber sein Gesicht zeigte einen überlegenen und hochmütigen Ausdruck. Er
sagte: Diese Herren und ich haben die Absicht, ein Stück weit den Berg
hinaufzuwandern; sie sind zu dick und möchten ein wenig Speck loswerden.
Die Herren waren übrigens freundlich und gutmütig; sie lächelten zu
Geißlers Worten und entschuldigten sich, daß sie wie im Krieg über den
Hof hereinbrächen. Sie hätten Mundvorrat bei sich, würden ihn also
nicht arm fressen, wären aber dankbar, wenn sie für die Nacht ein Dach
über den Kopf bekommen könnten. Vielleicht dürften sie in dem neuen
Gebäude da übernachten.
Als sie eine Weile ausgeruht hatten und Geißler bei Inger und den
Kindern drin gewesen war, gingen alle die Gäste auf den Berg und
blieben bis zum späten Abend weg. Am Nachmittag hatten die Leute auf
dem Hofe ab und zu ganz unerklärliche Laute, Schüsse, gehört, und bei
der Rückkehr brachten die Herren neue Gesteinsproben in Säcken mit.
Schwarzkupfer, sagten sie und nickten über den Steinen. Es entspann
sich eine lange, gelehrte Unterredung, und sie guckten dabei in eine
Karte, die sie in groben Strichen gezeichnet hatten. Unter den Herren
waren ein Sachverständiger und ein Ingenieur, einer wurde Landrat
genannt, einer Hüttenbesitzer. Luftbahn, sagten sie, Seilbahn, sagten
sie. Geißler warf ab und zu ein Wort ein, und das schien die Herren
jedesmal richtig aufzuklären; es wurde großes Gewicht auf seine Worte
gelegt.
Wem gehört das Land südlich vom See? fragte der Landrat Isak. -- Dem
Staat, antwortete Geißler flugs. Er war wachsam und klug, in der
Hand hielt er das Dokument, das Isak einst mit seinem Namenszeichen
unterschrieben hatte. -- Ich habe ja schon gesagt, daß es dem Staat
gehört, warum fragst du noch einmal danach? sagte er. Wenn du mich
kontrollieren willst, bitte!
Später am Abend nahm Geißler Isak allein mit sich hinein und sagte:
Wollen wir den Kupferberg verkaufen? -- Isak antwortete: Aber der Herr
Lensmann hat mir ja den Berg schon einmal abgekauft und bezahlt. --
Richtig, sagte Geißler, ich habe den Berg gekauft. Aber du sollst doch
auch Prozente vom weiteren Verkauf oder vom Betrieb haben; willst du
diese Prozente verkaufen? -- Das verstand Isak nicht, und Geißler mußte
es ihm erklären. Isak könne keine Grube in Betrieb setzen, er sei ein
Landmann, er mache Land urbar; er, Geißler, könne aber auch keine Grube
betreiben. Aber Geld, Kapital? Oh, soviel er wolle! Aber er habe keine
Zeit, er habe gar so vielerlei vor, sei ständig auf Reisen, müsse für
seine Güter im Norden und im Süden sorgen. Nun wolle er -- Geißler --
an diese schwedischen Herren verkaufen, sie seien alle Verwandte seiner
Frau und reiche Leute, Fachleute, sie könnten die Grube eröffnen und in
Betrieb nehmen. Ob Isak es nun verstehe? -- Ich will, wie Sie wollen,
sagte Isak.
Merkwürdig -- dieses große Zutrauen tat dem armen Geißler wohl: Ja, ich
weiß nun nicht, ob du gut dabei fährst, sagte er und überlegte. Doch
plötzlich wurde er sicher und fuhr fort: Aber wenn du mir freie Hand
gibst, werde ich jedenfalls besser für dich handeln, als du es selbst
tun könntest. -- Isak fing an: Hm. Ihr seid von der ersten Stunde an
hier ein guter Herr für uns gewesen ... Geißler runzelte die Stirn und
unterbrach ihn: Also, es ist gut!
Am nächsten Morgen setzten sich die Herren hin, um zu schreiben.
Sehr ernsthafte Sachen schrieben sie; zuerst einen Kaufkontrakt
auf vierzigtausend Kronen für den Kupferberg, dann ein Dokument,
worin Geißler zugunsten seiner Frau und seiner Kinder auf jeden
Heller von diesen vierzigtausend verzichtete. Isak und Sivert wurden
hereingerufen, um diese Papiere als Zeugen zu unterschreiben. Als dies
getan war, wollten die Herren Isak seine Prozente für eine Bagatelle
abkaufen, für fünfhundert Kronen. Aber Geißler unterbrach sie mit den
Worten: Scherz beiseite!
Isak verstand nicht viel vom Ganzen, er hatte einmal verkauft und
seine Bezahlung dafür erhalten, und im übrigen, Kronen -- das war gar
nichts, es waren keine Taler. Sivert dagegen dachte sich mehr dabei,
der Ton der Verhandlungen war ihm auffallend: das war gewiß eine
Familiensache, die hier beigelegt und abgemacht wurde. So sagte einer
der Herren: Lieber Geißler, du brauchtest wirklich nicht so rote Ränder
um die Augen zu haben! Worauf Geißler scharfsinnig aber ausweichend
antwortete: Nein, das brauche ich wirklich nicht. Aber es geht eben
nicht nach Verdienst in dieser Welt.
War es so, daß Frau Geißlers Brüder und Verwandte ihren Mann abfinden,
sich vielleicht mit einem Schlag von seinen Besuchen befreien und
die widerwärtige Verwandtschaft loswerden wollten? Nun war ja der
Kupferberg wahrscheinlich nicht wertlos, das wurde von keinem
behauptet, aber er war sehr abgelegen, die Herren sagten geradezu,
sie kauften ihn jetzt, um ihn weiterzuverhandeln an Leute, die viel
leichter eine Grube in Betrieb setzen und ausbauen könnten als sie.
Darin lag nichts Unnatürliches. Sie sagten auch offen, sie wüßten
nicht, wieviel der Berg eintragen könnte. Wenn eine Grube eröffnet
würde, seien vielleicht vierzigtausend Kronen keine Bezahlung;
wenn aber der Berg so liegen bleibe, wie er jetzt sei, dann sei es
hinausgeworfenes Geld. Aber jedenfalls wollten sie reinen Tisch machen,
und deshalb böten sie Isak fünfhundert Kronen für seinen Anteil.
Ich bin Isaks Bevollmächtigter, sagte Geißler, und ich verkaufe sein
Recht nicht unter zehn Prozent der Kaufsumme.
Viertausend! sagten die Herren.
Viertausend! beharrte Geißler. Der Berg ist Isaks Eigentum gewesen,
er erhält viertausend. Mir hat er nicht gehört, ich bekomme
vierzigtausend. Wollen sich die Herren wohl die Mühe nehmen und das
bedenken.
Ja, aber viertausend!
Geißler stand auf und sagte: Jawohl oder gar kein Verkauf.
Sie überlegten, tuschelten miteinander und gingen auf den Hofplatz
hinaus, zogen die Sache in die Länge. Richtet die Pferde! riefen sie
dann den Dienern zu. Einer der Herren ging zu Inger hinein, bezahlte
fürstlich für den Kaffee, einige Eier und das Nachtquartier. Geißler
ging anscheinend gleichgültig umher, aber er war noch ebenso wachsam:
Wie ist es mit der Wasserleitung im vorigen Jahr gegangen? fragte er
Sivert. -- Sie hat uns die ganze Ernte gerettet. -- Ich sehe, ihr habt
den Sumpf dort umgerodet, seit ich das letztemal hier war. -- Ja. --
Ihr müßt euch noch ein Pferd anschaffen, sagte Geißler. Er sah alles.
Komm jetzt her, damit wir fertig werden! rief der Hüttenbesitzer.
Darauf gingen alle miteinander in den Neubau, und Isaks viertausend
wurden aufgezählt. Geißler bekam eine Urkunde; er steckte sie
nachlässig in die Tasche, als hätte sie gar keinen Wert. Heb sie wohl
auf, sagten die andern zu ihm, und deiner Frau wird das Bankbuch in
einigen Tagen zugestellt werden, sagten sie. -- Geißler runzelte die
Stirne und erwiderte: Es ist gut!
Aber sie waren noch nicht fertig mit Geißler. Nicht als ob er den Mund
aufgetan hätte, um etwas für sich zu verlangen, aber da stand er nun,
und sie sahen, wie er dastand; vielleicht hatte er sich auch selbst
einen kleinen Teil des Geldes ausbedungen. Als der Hüttenbesitzer ihm
ein Banknotenbündel reichte, nickte Geißler nur und sagte wieder, es
sei gut. Und nun trinken wir noch ein Glas mit Geißler, sagte der
Hüttenbesitzer.