Und als Axel mit der Zeitung herausrückte, die ihm auf der Post

mitgegeben worden war, setzte sich Barbro hin und las die neuesten

Nachrichten von der Welt draußen: von einem Einbruch bei einem

Goldschmied in der Strandstraße, von einer Schlägerei zwischen

Zigeunern, von einer Kindsleiche, die in den Stadtfjord hereingetrieben

und in ein altes, unter den Armen quer abgeschnittenes Hemd

eingewickelt gewesen war. Wer kann nur das Kind ins Wasser geworfen

haben? fragte Barbro. Aus alter Gewohnheit las sie auch noch die

Marktpreise.

Und die Zeit verging.

16

Auf Sellanraa gab es große Veränderungen.

Ja, nichts war von der ersten Zeit her wiederzuerkennen. Hier waren

nun verschiedene Gebäude, ein Sägewerk und eine Mühle, und die öden

Strecken waren wohlbebautes Land geworden. Und noch mehr stand bevor.

Aber Inger war vielleicht noch am merkwürdigsten, ganz anders wieder

und überaus tüchtig.

Die Krise vom letzten Sommer hatte wohl nicht auf einmal ihren

Leichtsinn besiegen können, im Anfang hatte sie mehrere Rückfälle;

sie ertappte sich darauf, daß sie von der Anstalt und von Drontheims

Domkirche sprechen wollte. Ach, so kleine unschuldige Dinge! Ihren

Ring zog sie vom Finger, und ihre so freimütig kurzen Röcke machte sie

länger. Sie war nachdenklich geworden, es wurde stiller auf dem Hofe,

die Besuche nahmen ab, die fremden Mädchen und Frauen aus dem Dorf

kamen seltener, weil sie sich nicht mehr mit ihnen einließ. Niemand

kann im Ödland leben und nur immer lachen und scherzen, Freude ist

nicht Lustigkeit.

Droben im Ödland hat jede Jahreszeit ihre Wunder, aber immer und

unveränderlich sind die dunklen, unermeßlichen Laute von Himmel und

Erde, das Umringtsein nach allen Seiten hin, die Waldesdunkelheit, die

Freundlichkeit der Bäume. Alles ist schwer und weich zugleich, kein

Gedanke ist da unmöglich. Nördlich von Sellanraa lag ein ganz kleiner

Teich, eine Lache, nur so groß wie ein Aquarium. Da tummelten sich

winzige Fischkinder, die nie größer wurden; sie lebten und starben und

waren zu nichts nütze, lieber Gott, zu rein gar nichts! Eines Abends

stand Inger da und horchte auf die Kuhglocken. Sie hörte nichts, denn

alles war totenstill ringsum, aber plötzlich vernahm sie Gesang aus dem

Aquarium. Er war sehr schwach und beinahe nicht vernehmlich, nur wie

hinsterbend. Das war das Lied der kleinwinzigen Fische.

Sellanraa lag so günstig, daß die Bewohner jeden Herbst und Frühjahr

die Wildgänse, die über das Ödland hinflogen, sahen und ihr Rufen und

Locken in der Luft droben hören konnten, es klang wie verwirrtes Reden.

Und dann war es, als stehe die Welt stille, bis der Zug vorüber war.

Fühlten sich die Menschen da nicht von einer Art Schwäche überfallen?

Sie nahmen ihre Arbeit wieder auf, aber zuvor taten sie einen tiefen

Atemzug, ein Hauch aus dem Jenseits hatte sie gestreift.

Große Wunder umgaben sie zu allen Zeiten. Im Winter die Sterne und auch

die Nordlichter, ein flammendes Firmament, eine Feuersbrunst droben

bei Gott. Hier und da, nicht oft, nicht für gewöhnlich, aber hier und

da vernahmen sie auch donnern. Das war hauptsächlich im Herbst, und

es war düster und feierlich für Menschen und Tiere. Die Haustiere,

die auf der nahen Wiese weideten, drängten sich zusammen und blieben

beieinander stehen. Worauf horchten sie? Warteten sie auf das Ende?

Und worauf warteten die Menschen im Ödland, wenn sie beim Grollen des

Donners mit gesenktem Kopfe dastanden?

Der Frühling -- jawohl, dessen Eile und Ausgelassenheit und Entzücken;

aber der Herbst! Der stimmte die Leute anders. Da fürchteten sie sich

oft in der Dunkelheit, und sie nahmen ihre Zuflucht zum Abendgebet, sie

wurden hellseherisch und hörten Vorboten. Manchmal gingen sie an einem

Herbsttag hinaus, um etwas hereinzuholen, die Männer vielleicht Holz,

die Frauen das Vieh, das jetzt wie unsinnig nach Pilzen suchte -- und

sie kehrten zurück, das Herz von geheimnisvollen Dingen erfüllt. Waren

sie unversehens auf eine Ameise getreten und hatten deren Hinterleib

auf dem Pfad festgetreten, so daß der Vorderkörper nicht mehr loskommen

konnte? Oder waren sie einem Schneehuhnnest zu nahe gekommen und war

ihnen eine Mutter zischend entgegengeflattert? Und nicht einmal die

großen Kuhpilze waren ohne Bedeutung. Der Mensch wird nicht starr und

bleich, wenn er sie nur ansieht. Ein Kuhpilz blüht nicht und rührt sich

nicht von der Stelle, aber es ist etwas Überwältigendes an ihm, und er

ist ein Ungeheuer, er gleicht einer Lunge, die nackt und ohne hüllenden

Körper ein eigenes Leben führt.

Inger wurde schließlich recht schwermütig, das Ödland bedrückte sie,

sie wurde fromm. Hätte sie dem entgehen können? Niemand im Ödland kann

dem entgehen, da gibt es nicht nur irdisches Streben und Weltlichkeit,

da ist Frömmigkeit und Gottesfurcht und viel Aberglauben. Inger meinte

wohl, sie habe mehr Grund als andere, der Züchtigung des Himmels

gewärtig sein zu müssen, diese würde wohl nicht ausbleiben; sie wußte,

daß Gott an den Abenden durch das ganze Ödland streifte und fabelhaft

gute Augen hatte, er würde sie schon finden. In ihrem täglichen Leben

war nicht so sehr viel, was sie hätte anders machen können. Oh, sie

konnte den goldenen Ring zuunterst in ihrer Truhe verbergen, und sie

konnte an Eleseus schreiben, er solle sich auch bekehren; aber außerdem

blieb wohl nichts anderes übrig, als selbst gute Arbeit zu leisten und

sich nicht zu schonen. Ja, eines konnte sie doch noch tun! Sich in

demütige Kleider hüllen und nur am Sonntag ein schmales blauseidenes

Band um den Hals tragen, um einen Unterschied vom Werktag zu machen.

Diese unechte und unnotwendige Armut war der Ausdruck für eine Art

Philosophie, für Selbsterniedrigung, Stoizismus. Das blauseidene Band

war nicht mehr neu, war von einer Mütze abgetrennt, die Leopoldine zu

klein geworden war, es war da und dort verblichen und geradeheraus

gesagt auch etwas schmutzig -- nun gebrauchte es Inger als einen

demütigen Sonntagsstaat. Jawohl, sie übertrieb und machte die Armut

in der Hütte nach, sie trug eine falsche Armut zur Schau -- wäre ihr

Verdienst größer gewesen, wenn sie zu einem so geringen Staat gezwungen

gewesen wäre? Laßt sie in Frieden, sie hat ein Recht auf Frieden!

Sie übertrieb großartig und tat mehr, als sie mußte. Es waren zwei

Männer auf dem Hofe, aber Inger paßte wohl auf, bis sie fort waren, und

sägte dann Holz; wozu sollte nun diese Qual und Züchtigung gut sein?

Sie war ein ganz unbedeutender, ganz geringer Mensch, ihre Fähigkeiten

waren recht gewöhnlich, ihr Tod oder ihr Leben würde nirgends im Lande

gemerkt werden, außer hier im Ödland. Hier war sie beinahe groß,

jedenfalls war sie die größte, und sie meinte, sie sei aller der

Züchtigung, die sie auf sich selbst verwendete, wohl wert. -- Ihr Mann

sagte: Sivert und ich haben darüber gesprochen, wir wollen nichts davon

wissen, daß du unser Holz sägst und dich überschaffst. -- Ich tue es um

meines Gewissens willen, entgegnete Inger.

Um des Gewissens willen? Das stimmte Isak wieder nachdenklich; er war

jetzt ein Mann in Jahren, langsam im Überlegen, aber gewichtig, wenn

er schließlich seine Ansicht sagte. Das Gewissen mußte doch recht

kräftig sein, wenn es Inger so vollständig hatte umwenden können. Und

was es nun auch sein mochte, aber Ingers Bekehrung wirkte auch auf ihn

ein, sie steckte ihren Mann an, er wurde grüblerisch und zahm. Das

war ein sehr schwerer, fast unüberwindlicher Winter; Isak suchte die

Einsamkeit, suchte Verborgenheit. Um seinen eigenen Wald zu schonen,

hatte er nun im Staatswald an der schwedischen Grenze einige Dutzend

gute Stämme gekauft -- er wollte beim Fällen dieser Bäume niemand zu

Hilfe haben, er wollte allein sein; Sivert wurde befohlen, daheim zu

bleiben und auf die Mutter aufzupassen, damit sie sich nicht zu sehr

anstrenge.

In den kurzen Wintertagen ging also Isak noch in der Dunkelheit zum

Wald und kam erst bei Dunkelheit wieder heim. Nicht immer schienen Mond

und Sterne, manchmal waren seine eigenen Fußstapfen vom Morgen wieder

zugeschneit, dann konnte er sich nur schwer zurechtfinden. Und an einem

Abend hatte er ein Erlebnis.

Er hatte schon den größten Teil des Wegs zurückgelegt, und bei

dem hellen Mondschein sah er Sellanraa schon drüben auf der Halde

liegen; da lag es hübsch und wohl gebaut, aber klein, fast wie ein

unterirdisches Gehöft anzusehen, weil es so tief eingeschneit war.

Aber jetzt bekam er wieder Bauholz, und Inger sowie die Kinder würden

sich sehr verwundern, wozu er das Holz verwenden wollte, an was für

ein überirdisches Gebäude er dachte. Er setzte sich in den Schnee und

wollte ein wenig ausruhen, um nicht erschöpft heimzukommen.

Ringsum ist es ganz still, und Gott sei Dank für diese Stille und seine

eigene nachdenkliche Stimmung, sie ist nur vom Guten! Isak ist ja ein

Ansiedler, und er schaut nach seinem Grundstück hinüber, wo er noch

mehr Ödland umgraben muß. Er bricht in Gedanken große Steine aus, er

hat ein entschiedenes Talent zum Entwässern. Und er weiß, dort drüben

liegt noch eine recht tiefe Sumpfstrecke auf seinem Eigentum. Dieser

Sumpf ist voller Erz, eine metallische Haut steht auf jeder Lache,

den will er jetzt trockenlegen. Mit den Augen teilt er den Boden in

Vierecke ein, er hat Pläne und Absichten mit diesen Vierecken, er will

sie recht grün und fruchtbar machen. Oh, ein urbar gemachtes Feld war

etwas sehr Gutes, es wirkte auf ihn wie Ordnung und Recht und dazu wie

Genuß ...

Er stand auf und fand sich nicht mehr ganz zurecht. Hm! Was war

geschehen? Nichts, er hatte nur ein wenig ausgeruht. Jetzt aber steht

etwas vor ihm, ein Wesen, ein Geist, graue Seide -- nein, es war

nichts. Es wurde ihm sonderbar zumut, er machte einen kurzen unsicheren

Schritt vorwärts und ging geradeswegs auf einen Blick zu, einen großen

Blick, zwei Augen, gleichzeitig fangen die Espen in der Nähe zu

rauschen und zu raunen an. Nun weiß jedermann, daß die Espe eine ganz

infame, unbehagliche Art zu rauschen hat, jedenfalls hatte Isak noch

niemals ein widerlicheres Rauschen gehört als jetzt, und er fühlte, wie

ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er griff auch mit der Hand nach

vorne, aber dies war vielleicht die hilfloseste Bewegung, die diese

Hand je gemacht hatte.

Aber was war nun das da vor ihm, und hatte es eine Gestalt oder nicht?

Isak hatte ja seiner Lebtag darauf geschworen, daß es eine höhere

Macht gebe, und einmal hatte er sie auch gesehen, aber das, was er

jetzt sah, glich Gott nicht. Ob der Heilige Geist wohl so aussah? Aber

warum stand er dann jetzt hier -- auf dem weiten Feld zwei Augen, ein

Blick und sonst nichts? War es, um ihn zu holen, um seine Seele zu

holen, dann mochte es so sein, einmal würde es ja doch geschehen, dann

wurde er selig und kam in den Himmel.

Isak war gespannt, was geschehen würde, ein Schauder durchrieselte ihn,

die Gestalt strömte ja Kälte und Frost aus, es mußte der Teufel sein.

Hier betrat Isak sozusagen bekannten Boden, es war nicht unmöglich, daß

es der Teufel war; aber was wollte er hier? Auf was hatte er Isak jetzt

eben ertappt? Auf dem Gedanken, Ödland umzubrechen, aber das konnte ihn

doch unmöglich geärgert haben. Von einer anderen Sünde, die er begangen

haben konnte, wußte Isak nichts, er war nur auf dem Heimweg vom Walde,

ein müder und hungriger Arbeiter, er wollte nach Sellanraa, alles in

guter Absicht.

Wieder machte er einen Schritt vorwärts, aber es war kein langer

Schritt, und er wich überdies sofort wieder ebenso weit zurück. Da die

Erscheinung nicht weichen wollte, runzelte Isak wahrhaftig die Stirne,

als traue er der Sache nicht mehr recht. Wenn es der Teufel war, so

mochte es der Teufel sein, der hatte jedoch nicht die höchste Macht.

Luther hatte ihn einstmals beinahe umgebracht, und es gab viele, die

ihn mit dem Kreuzeszeichen und Jesu Namen verscheucht hatten. Nicht,

daß Isak die Gefahr herausgefordert und sich dann hingesetzt und

darüber gelacht hätte, aber das Sterben und Seligwerden, das er zuerst

im Sinne gehabt hatte, diesen Gedanken gab er jedenfalls auf, und jetzt

machte er zwei Schritte auf die Erscheinung zu, bekreuzigte sich und

rief: Im Namen Jesu!

Hm? Als er seine eigene Stimme hörte, war es, als komme er plötzlich

wieder zu sich, und er sah Sellanraa auf der Halde liegen. Die Espen

rauschten nicht mehr, die beiden Augen waren aus der Luft verschwunden.

Er zögerte nicht länger auf dem Weg und forderte die Gefahr nicht

heraus. Aber als er auf seiner eigenen Türschwelle stand, räusperte

er sich kräftig und erleichtert, und er ging erhobenen Hauptes in die

Stube hinein wie ein Mann, ja, wie ein Held.

Inger stutzte und fragte, warum er so leichenblaß aussähe.

Da leugnete er nicht, daß er dem Teufel begegnet sei.

Wo? fragte sie.

Dort drüben. Uns gerade gegenüber.

Inger zeigte keinen Neid. Ja, sie lobte ihn nicht gerade deshalb, aber

in ihrer Miene lag nichts, was einem bösen Wort oder einem Fußtritt

geglichen hätte. Ach, Ingers Gemüt hatte sich im Gegenteil in den

letzten Tagen etwas aufgehellt, und sie war freundlicher geworden,

woher es auch kommen mochte; nun fragte sie nur:

Ist es der Teufel selbst gewesen?

Isak nickte und sagte, soweit er habe sehen können, sei er es selbst

gewesen.

Wie bist du ihn losgeworden?

Ich ging im Namen Jesu auf ihn los, antwortete Isak.

Inger wiegte überwältigt den Kopf hin und her, und es dauerte eine

Weile, bis sie das Essen auftragen konnte. Jedenfalls darfst du aber

jetzt nicht mehr ganz allein in den Wald gehen, sagte sie.

Sie zeigte sich besorgt um ihn, das tat ihm wohl. Er tat, als sei er

noch gleich mutig und als kümmere er sich durchaus nicht um irgendeine

Begleitung in den Wald, aber er tat nur so, um Inger mit seinem

unheimlichen Erlebnis nicht mehr als notwendig zu erschrecken. Er war

ja der Mann und das Oberhaupt des Hauses, der Schutz aller.

Inger durchschaute ihn auch und sagte: Ja, ja, du willst mich nur nicht

ängstlich machen, aber du mußt Sivert mitnehmen. -- Isak lächelte nur

verächtlich. -- Du kannst im Walde krank und elend werden, und ich

glaube, du bist auch in der letzten Zeit nicht so recht gesund gewesen.

-- Wieder lächelte Isak verächtlich. Krank? Abgeschunden und müde,

jawohl; aber krank? Inger solle ihn nicht lächerlich machen, er sei

und bleibe gesund, er esse, schlafe und arbeite, er sei ja geradezu

unheilbar gesund. Einmal sei ein gefällter Baum auf ihn gestürzt und

habe ihm das Ohr abgerissen, er habe das Ohr aufgehoben und es mit

der Mütze Tag und Nacht an seinem Platz festgehalten, und da sei es

wieder angewachsen. Für innere Unpäßlichkeiten nehme er Süßholzsaft in

kochender Milch und komme dadurch in Schweiß, Lakritze also, die er

beim Kaufmann hole, ein erprobtes Mittel, das Theriak der Alten. Wenn

er sich in die Hand haue, lasse er sein Wasser über die Wunde laufen

und salze sie ein, dann sei es in wenigen Tagen geheilt. Der Doktor sei

noch nie nach Sellanraa geholt worden.

Nein, Isak war nicht krank. Eine Begegnung mit dem Teufel konnte

schließlich der Gesündeste haben. Isak fühlte auch von dem gefährlichen

Abenteuer keine Nachwehen, im Gegenteil, es war, als sei er dadurch

gestärkt worden. Als sich der Winter seinem Ende zuneigte und der

Frühling nicht mehr so ewig weit entfernt war, fühlte sich der Mann

und das Oberhaupt allmählich als eine Art Held: Ich verstehe mich auf

solche Dinge, wir müssen nur meinem Rat folgen, zur Not kann ich sogar

bannen.

Im ganzen genommen waren ja die Tage länger und heller, Ostern war

vorüber, die gefällten Bäume waren heimgefahren, alles leuchtete, die

Menschen atmeten nach dem überstandenen Winter auf.

Inger war wieder die erste, die sich aufrichtete, sie war jetzt schon

lange in guter Laune. Woher das kam? Hoho, es hatte seine guten Gründe,

sie war wieder dick geworden, sollte wieder ein Kind bekommen. Alles

ebnete sich in ihrem Leben, nichts versagte. Aber das war ja die größte

Barmherzigkeit nach all dem, was sie verbrochen hatte, sie hatte Glück,

das Glück verfolgte sie! Isak wurde wahrhaftig eines Tages aufmerksam

und mußte sie fragen: Ich glaube wirklich, es wird wieder etwas, wie

ist das möglich? -- Ja, gottlob, es wird gewiß etwas! antwortete sie.

-- Beide waren gleich überrascht. Natürlich war Inger nicht zu alt;

Isak kam sie nicht zu alt vor, aber trotzdem, wieder ein Kind, ja, ja!

Die kleine Leopoldine war ja schon mehrere Male im Jahr für längere

Zeit in der Schule auf Breidablick, da hatten sie keine Kleinen mehr zu

Hause, und außerdem war Leopoldine jetzt auch schon ein großes Mädchen.

Einige Tage vergingen, aber am nächsten Samstag machte sich Isak

energisch auf den Weg ins Dorf, und er wollte erst am Montagmorgen

zurückkommen. Er wollte nicht sagen, was er im Sinne hatte, aber

siehe da, er kam mit einer Magd zurück. Sie hieß Jensine. -- Du bist

wohl nicht recht klug, sagte Inger, ich brauche sie nicht. -- Isak

erwiderte, jawohl, jetzt brauche sie eine Magd.

Und jedenfalls war das nun ein so hübscher und gutherziger Einfall von

Isak, daß Inger ganz beschämt und gerührt war; das neue Mädchen war die

Tochter des Schmieds; sie sollte vorerst den Sommer über dableiben,

später werde man weitersehen.

Und außerdem, sagte Isak, habe ich an Eleseus telegraphiert.

Inger zuckte zusammen. Telegraphiert? Wollte Isak sie rein umbringen

mit seiner Gutherzigkeit? Seht, es war ja seit langer Zeit ihr großer

Schmerz, daß Eleseus in der Stadt war, in der ruchlosen Stadt! Sie

hatte an ihn vom lieben Gott geschrieben und ihm außerdem auch erklärt,

der Vater werde allmählich alt, der Hof aber immer größer, Klein-Sivert

könne nicht alles leisten, und er solle ja auch den Oheim Sivert einmal

beerben -- und sie hatte ihm für alle Fälle einmal auch das Reisegeld

geschickt. Aber Eleseus war ein Stadtmensch geworden und sehnte sich

nicht ins Bauernleben zurück, er erwiderte, was er denn daheim ungefähr

tun solle? Ob er auf dem Hofe schaffen und all sein Wissen und seine

Gelehrtheit wegwerfen solle? Und tatsächlich habe ich keine Lust dazu,

schrieb er. Und wenn du mir wieder etwas Stoff zu Wäsche schicken

kannst, dann brauche ich deshalb keine Schulden zu machen, schrieb er.

-- O ja, die Mutter schickte Stoff zu Wäsche, sandte merkwürdig oft

Stoff zu Wäsche; aber als sie erweckt und fromm geworden war, da war es

ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, und sie begriff, daß Eleseus

den Stoff unter der Hand verkaufte und das Geld zu anderem benutzte.

Dasselbe begriff auch der Vater. Er sagte nie ein Wort darüber, denn

er wußte, daß Eleseus der Augapfel der Mutter war, daß sie über ihn

weinte und den Kopf schüttelte; trotzdem aber verschwand ein Stück

doppelseitiges Tuch nach dem andern. Darüber war sich Isak ganz klar,

daß kein Mensch auf der weiten Welt soviel Wäsche auftragen könnte.

Wenn er also alles in allem betrachtete, so mußte Isak deshalb als Mann

und Oberhaupt wieder eingreifen. So ein Telegramm durch den Kaufmann

kostete allerdings unverhältnismäßig viel, aber teils würde das

Telegramm sicher eine ungeheure Wirkung auf den Sohn ausüben, teils war

es ja für Isak selbst etwas ganz Außergewöhnliches, wenn er bei seiner

Rückkehr Inger von dem Telegramm mitteilen konnte. Als er heimwärts

wanderte, trug er sogar noch den Koffer der Magd auf dem Rücken; und er

fühlte sich ebenso stolz und so geheimnisvoll wie an jenem Tage, als

er Inger den goldenen Ring mitgebracht hatte ...

Es kam eine herrliche Zeit, Inger wußte gar nicht, was Nützliches und

Gutes sie nun alles tun sollte. Wie in alten Tagen sagte sie oft zu

ihrem Mann: Du kannst alles zustande bringen! Und ein anderes Mal: Du

schaffst dich zu Tode! Und abermals: Nein, jetzt mußt du hereinkommen

und essen, ich habe Waffeln für dich gebacken! Um ihm eine Freude zu

machen, fragte sie: Ich möchte nur wissen, was du mit diesen Balken

vorhast und was du eigentlich bauen willst? -- Nein, das weiß ich noch

nicht recht, antwortete er und tat sehr wichtig.

Es war jetzt wieder ganz wie in den alten Tagen. Und nachdem das Kind

geboren war -- es war ein Mädchen, ein großes, wohlgestaltetes Mädchen

--, hätte Isak ein Stein oder ein Hund sein müssen, wenn er nicht Gott

dankbar gewesen wäre. Aber was wollte er bauen? Das wäre etwas für

Oline, darüber könnte sie klatschen: einen Anbau ans Haus, noch eine

Stube. Seht, die Familie auf Sellanraa war nun sehr zahlreich geworden:

sie hatten eine Magd, sie erwarteten Eleseus nach Hause, und ein

funkelnagelneues kleines Mädchen war angekommen -- die alte Stube mußte

nun Schlafkammer werden, anders ging es nicht.

Und natürlich mußte Isak das Inger eines Tages erzählen; sie war ja

so neugierig darauf, es zu erfahren, und obgleich Inger das ganze

Geheimnis vielleicht schon von Sivert gehört hatte -- sie tuschelten

ja oft miteinander --, so tat sie ordentlich überrascht, ließ die Arme

sinken und sagte: Das ist doch wohl nicht dein Ernst? -- Aber zum

Platzen voll von innerem Glück erwiderte er: Du kommst mit so vielen

neuen Kindern daher, wie soll ich sie denn unterbringen?

Die Mannsleute waren nun jeden Tag eifrig beim Steinausbrechen für die

neue Grundmauer. Sie waren einander jetzt ungefähr gleich bei dieser

Arbeit; der eine frisch und fest in seinem jungen Körper und rasch im

Erfassen der günstigsten Lage, im Erkennen der passendsten Steine,

der andere alternd und zäh, mit langen Armen und das Brecheisen mit

ungeheurem Gewicht einsetzend. Und wenn sie einmal so ein richtiges

Kraftstück ausgeführt hatten, schnauften sie gerne eine Weile aus und

hielten einen scherzhaften und zurückhaltenden Schwatz miteinander.

Brede will ja verkaufen, sagte der Vater. -- Ja, versetzte der Sohn.

-- Möchte wissen, wieviel er verlangt. -- Ja, wieviel wohl? -- Du hast

nichts gehört? -- Nein, doch, zweihundert. -- Der Vater überlegte eine

Weile, dann sagte er: Was meinst du, gibt das hier einen Eckstein?

-- Es kommt darauf an, ob wir ihn zuhauen können, antwortete Sivert

und stand augenblicklich auf, reichte dem Vater den Setzhammer und

nahm selbst den Vorhammer. Er wurde rot und heiß, richtete sich in

seiner ganzen Größe auf und ließ den Vorhammer niedersausen, richtete

sich wieder auf und ließ ihn abermals niederfallen -- zwanzig gleiche

Schläge, zwanzig Donnerschläge! Er schonte weder das Werkzeug noch

sich selbst, er leistete tüchtige Arbeit, das Hemd kroch ihm über die

Hose heraus und entblößte ihm den Bauch, bei jedem Schlag richtete er

sich auf die Zehenspitzen auf, um dem Hammer noch größere Wucht zu

verleihen. Zwanzig Schläge!

Nun wollen wir sehen! rief der Vater. -- Der Sohn hielt inne und

fragte: Hat er einen Sprung bekommen? -- Alle beide legten sich nieder

und untersuchten den Stein, untersuchten den Kerl, den Halunken, nein,

er hatte keinen Sprung bekommen. -- Jetzt will ich es einmal mit dem

Vorhammer allein probieren, sagte der Vater und richtete sich auf.

Noch gröbere Arbeit, einzig und allein mit Kraft, der Vorhammer wurde

heiß, der Stahl gab nach, die Feder, mit der Isak schrieb, wurde

stumpf. Er geht vom Stiel ab, sagte er von dem Vorhammer und hörte auf

zu schlagen. Ich kann auch nicht mehr, sagte Isak. Oh, das meinte er

nicht, daß er nicht mehr könne!

Dieser Vater, dieser Prahm, unansehnlich, voller Geduld und Güte, er

gönnte es dem Sohn, den letzten Schlag zu tun und den Stein zu spalten.

-- Da lag er nun in zwei Teilen. Ja, du hast einen kleinen Kniff dabei,

sagte der Vater. Hm. Aus Breidablick könnte man schon etwas machen. --

Ja, das sollte ich meinen. -- Ja, wenn das Moor mit Gräben durchzogen

und umgegraben würde. -- Das Haus müßte hergerichtet werden. -- Ja,

selbstverständlich, das Haus müßte hergerichtet werden, oh, es würde

viel zu arbeiten geben dort, aber ... Wie war es, hast du gehört,

ob die Mutter am Sonntag in die Kirche will? -- Ja, sie hat davon

gesprochen. -- So. Aber komm, nun müssen wir uns ordentlich umschauen,

damit wir eine schöne Steinschwelle für den Anbau finden. Du hast wohl

noch nichts Passendes dazu gesehen? -- Nein, antwortete Sivert.

Dann arbeiteten sie weiter.

Ein paar Tage später meinten beide, nun hätten sie genug Steine

zu der Mauer. Es war an einem Freitagabend, sie setzten sich, um

auszuschnaufen, und plauderten wieder eine Weile.

Segen der Erde: Roman · 第 13 / 32 段