Es kamen allerhand Zeiten; Inger hatte also wieder ihren Sinn geändert.

Ja, sie änderte sich wieder, gab allmählich ihre Vornehmtuerei auf und

wurde wieder eine ernste und herzliche Frau auf einer Ansiedlung. Daß

die Fäuste eines Mannes so Großes ausrichten konnten! Aber so sollte es

sein, es handelte sich hier um ein starkes, tüchtiges Frauenzimmer, das

ein langer Aufenthalt in künstlicher Luft verwirrt gemacht hatte -- sie

stieß nach dem Manne, der aber zu fest auf seinen Füßen stand. Er hatte

seinen natürlichen Platz auf der Erde, auf seinem Grund und Boden,

nicht einen Augenblick verlassen. Er konnte nicht weggeschoben werden.

Es kamen vielerlei Zeiten; im nächsten Jahr herrschte wieder

Trockenheit, und wahrlich, sie verminderte die Ernte und zehrte am

Mut der Menschen. Das Korn auf dem Felde verbrannte, die Kartoffeln

jedoch -- die merkwürdigen Kartoffeln -- wurden nicht versengt, sondern

blühten, blühten. Die Wiesen sahen allmählich grau aus, aber die

Kartoffeln blühten. Eine höhere Macht leitete alle Dinge, aber die

Wiesen fingen an grau zu werden.

Da, eines Tages erschien Geißler, der frühere Lensmann Geißler, endlich

kam er wieder. Es war wirklich seltsam, daß er nicht tot war, sondern

wieder auftauchte. Warum kam er wohl?

Diesmal hatte Geißler allerdings kein großes Gepäck und allerlei

Dokumente über Gebirgskäufe und so weiter bei sich, er war im Gegenteil

recht einfach gekleidet, sein Haar und Bart waren ergraut und seine

Augen rot umrändert. Er brachte niemand mit, der ihm seine Sachen trug,

er hatte nur eine Tasche mit Schriftstücken und nicht einmal einen

Reisesack bei sich.

Guten Tag! sagte Geißler.

Guten Tag! erwiderten Isak und Inger. Seid Ihr wieder auf Reisen?

Geißler nickte.

Und ich danke auch für den Besuch in Drontheim! fügte Inger noch hinzu.

Dazu nickte auch Isak und sagte: Ja, wir beide sagen schönen Dank dafür.

Aber Geißler hatte die Gewohnheit, nicht nur Herz und Gefühl zu zeigen,

er sagte gleich: Ich will übers Gebirge nach Schweden hinüber.

Obgleich die Leute auf dem Hofe wegen der Trockenheit niedergedrückt

waren, wurden sie durch Geißlers Besuch doch aufgeheitert; sie

bewirteten ihn reichlich. Es war eine große Freude für sie, ihn

herzlich aufnehmen zu können, er hatte ihnen ja so viel Gutes getan.

Geißler selbst war nicht niedergedrückt; er redete sofort von allem

möglichen, sah auf die Felder hinaus und nickte; oh, er war noch immer

ganz aufrecht und sah aus, als habe er mehrere hundert Taler bei sich.

Mit ihm kam Leben und Aufmunterung ins Haus; nicht daß er gelärmt

hätte, aber er führte eine lebhafte Unterhaltung.

Ein herrlicher Ort, dieses Sellanraa! sagte er. Und jetzt ziehen immer

mehr Leute hier herauf, Isak, fünf Ansiedlungen hab' ich gezählt, oder

sind es noch mehr?

Sieben im ganzen, die beiden andern kann man vom Weg aus nicht sehen.

Sieben Höfe, sagen wir fünfzig Menschen. Die Umgebung hier

wird allmählich dicht bebaut. Habt ihr nicht auch schon eine

Schulgerechtigkeit und eine Schulstube?

Doch.

Das habe ich gehört. Ein Schulhaus auf Bredes Grundstück, weil das mehr

in der Mitte liegt. Also, Brede ist ein Ansiedler geworden! Geißler

lachte verächtlich. Von dir habe ich reden hören, Isak, du bist der

Meister hier. Das freut mich. Du sollst ja jetzt auch ein Sägewerk

haben?

Ja, so, wie es eben ist. Aber ich fahre gut dabei. Und ich habe auch

schon öfters einen Balken für die da unten gesägt.

So soll es sein!

Es würde mich freuen, zu hören, was Ihr darüber sagt, Herr Lensmann,

wenn Ihr mitgehen und das Sägewerk ansehen wolltet.

Geißler nickte, wie wenn er ein Fachmann wäre, und sagte, das wolle

er gerne tun, ja, er werde sich das Sägewerk ansehen und alles genau

betrachten. Er fragte: Du hast doch _zwei_ Jungen, wo ist denn der

andere? In der Stadt? Auf einem Büro? Hm! sagte Geißler. Aber dieser

dort sieht aus wie ein Prachtkerl! Wie heißt du?

Sivert.

Und der andere?

Eleseus.

Auf so einem Ingenieurbüro ist er? Was lernt er denn dort? Das ist nur

Hungerleiderei. Er hätte zu mir kommen können, sagte Geißler.

O ja, versetzte Isak nur, um sich höflich zu zeigen. Geißler tat ihm

leid. Oh, der gute Geißler sah nicht aus, als könne er sich jetzt

fremde Hilfe halten, er hatte es vielleicht jetzt allein schwer genug,

sein Rock war ja an den Handgelenken geradezu ausgefranst.

Möchtet Ihr nicht ein Paar trockene Strümpfe anziehen? fragte Inger,

indem sie ein Paar von ihren eigenen neuen herbeibrachte, ein Paar

gereifelte und dünne aus ihren eigenen vornehmsten Tagen.

Nein, danke, sagte Geißler kurz, obgleich er gewiß triefend nasse Füße

hatte.

Er hätte lieber zu mir kommen sollen, sagte er von Eleseus. Ich könnte

ihn sehr notwendig brauchen, sagte er, indem er eine kleine silberne

Tabaksdose aus der Tasche zog und damit spielte. Das war vielleicht das

einzige Prachtstück, das er von früher her noch besaß.

Aber er hatte keine rechte Ruhe und hielt sich nicht lange bei einem

Gegenstand auf. Die silberne Dose wurde wieder eingesteckt, und er fing

von etwas Neuem an. Aber wie grau doch die Wiese da draußen aussieht!

Vorhin dachte ich, es sei der Schatten. Warum muß denn der Boden hier

verbrennen? Komm einmal mit mir, Sivert!

Rasch stand er von dem gedeckten Tisch auf, wendete sich der Tür zu,

dankte Inger für das Essen und verschwand. Sivert ging mit ihm.

Sie gingen nach dem Fluß. Geißler spähte die ganze Zeit mit klugen

Augen umher; plötzlich blieb er stehen und sagte: Hier! Und dann

erklärte er: Es geht durchaus nicht an, daß ihr den Boden verbrennen

laßt, wenn ihr doch einen allmächtigen Fluß habt, wo ihr Wasser holen

könnt. Morgen soll die Wiese wieder grün sein.

Der erstaunte Sivert sagte nur: Ja.

Jetzt hebst du hier schräg herunter einen mäßigen Graben aus, der Boden

ist eben, und am Einlauf machen wir eine Rinne. Da ihr eine Sägemühle

habt, habt ihr wohl auch ein paar lange Bretter? Gut! Hol Hacke und

Spaten und fang hier an, ich komme gleich wieder und stecke die Linie

ordentlich ab.

Er lief wieder ins Haus hinein, es quietschte in seinen Stiefeln, so

naß waren sie. Er stellte Isak bei den Holzrinnen an; er müsse viele

Rinnen machen, und sie müßten da und dort, wo der Boden nicht durch

einen Graben aufgerissen werden dürfe, gelegt werden. Isak versuchte

einzuwenden, daß das Wasser vielleicht nicht bis dahin dringen würde,

es sei ein sehr weiter Weg, der trockene Boden werde es aufsaugen,

ehe es bis an die versengten Stellen gelange. Geißler erklärte,

ja, es werde wohl eine Weile dauern, die Erde werde zuerst tüchtig

aufschlucken, aber dann werde die Feuchtigkeit weitergehen. -- Morgen

um diese Zeit werden Acker und Wiese wieder grün sein! -- So, sagte

Isak und nagelte aus Leibeskräften Rinnen zusammen.

Geißler ging zu Sivert zurück. So ist's recht, sagte er, mach nur so

weiter, ich habe gleich gesehen, daß du ein Prachtkerl bist! Die Linie

muß nach diesen Pflöcken laufen. Triffst du auf große Steine oder

Felsblöcke, so weich aus, aber bleib in der gleichen Höhe. Verstehst

du, in derselben Höhe!

Wieder ging's zurück zu Isak. Jetzt hast du eine Rinne fertig, aber

wir brauchen sechs. Spute dich, Isak, morgen wird alles grün sein, und

deine Ernte ist gerettet!

Geißler setzte sich auf den Hügel, legte beide Hände auf die Knie und

war entzückt; er plauderte, blitzschnell kamen ihm die Gedanken. Hast

du Pech, hast du Werg? Das ist ausgezeichnet, alles hast du. Denn im

Anfang werden ja die Rinnen lecken, dann aber ziehen sie an und werden

so dicht wie Flaschen. Du sagst, du habest Werg und Pech vom Bootbauen,

nun, wo ist das Boot? Droben im Gebirgssee? Das will ich mir auch

ansehen.

Oh, der Geißler versprach so viel! Er war ein flüchtiger Herr und war

noch unruhiger geworden als früher, alles mußte bei ihm sozusagen im

Sprung geschehen. Aber dann ging es auch im Sturm. Er war nicht ohne

Überlegenheit. Natürlich war er zu Übertreibungen geneigt. Acker und

Wiese konnten unmöglich über Nacht grün werden; aber Geißler war rasch

im Erfassen und Beschließen; wenn die Ernte auf Sellanraa gerettet

wurde, war es wirklich diesem merkwürdigen Mann zu verdanken.

Wie viele Rinnen hast du jetzt? Das ist zu wenig. Je mehr Holzrinnen du

hast, desto glatter läuft das Wasser. Wenn du zehn bis zwölf zehn Ellen

lange Rinnen zusammennagelst, so fährst du gut dabei. Was sagst du, du

habest zwölf Ellen lange Bretter? Dann nimm sie, es bezahlt sich bis

zum Herbst.

Danach hatte Geißler wieder keine Ruhe mehr. Er stand auf und lief

abermals zu Sivert hinüber. Großartig, Sivert, jetzt geht's gut! Dein

Vater hämmert die Rinnen zusammen und dichtet sie, wir bekommen mehr,

als ich mir zuerst dachte; geh jetzt und hole die Rinnen, wir wollen

anfangen!

Den ganzen Nachmittag herrschte ein großes Gehetze, das war die tollste

Arbeit, die Sivert je mitgemacht hatte, ein ihm ganz unbekanntes Tempo.

Sie gönnten sich keine Zeit, zum Essen hineinzugehen. Aber jetzt lief

das Wasser! Da und dort mußten sie tiefer graben, da und dort mußte

eine Rinne gehoben oder tiefer gelegt werden, aber das Wasser lief!

Bis zum späten Abend gingen die drei Männer umher, verbesserten und

förderten ihre Arbeit und waren ernsthaft davon erfüllt; und als die

Flüssigkeit anfing, über die ausgetrockneten Stellen hinzurieseln,

blitzte ein heller Freudenstrahl in den Herzen der Hofbewohner auf.

Ich habe meine Uhr vergessen, wieviel Uhr ist es denn? fragte Geißler.

Ja, grün, morgen um diese Zeit! sagte er.

Sogar in der Nacht stand Sivert auf und sah nach der Wasserleitung. Er

begegnete seinem Vater, der zu demselben Zweck draußen war. Ach Gott,

welche Spannung und welches Ereignis im Ödland!

Aber am nächsten Tag lag Geißler lange zu Bett und war schlaff; der

Eifer hatte ihn verlassen. Er hatte keine Lust, das Boot droben

anzusehen, und nur weil er sich schämte, ging er wenigstens nach dem

Sägewerk. Nicht einmal für die Wasserleitung hatte er noch dasselbe

Interesse. Als er sah, daß weder Acker noch Wiese über Nacht grün

geworden waren, verlor er den Mut; er dachte nicht daran, daß das

Wasser immer weiter lief und sich immer weiter ausbreitete. Doch hielt

er sich einigermaßen aufrecht, und so sagte er: Möglicherweise kann es

bis morgen dauern, ehe du den Erfolg siehst, aber du darfst den Mut

nicht verlieren.

Gegen Abend kam Brede Olsen dahergeschlendert. Er brachte

Gesteinsproben mit, die er Geißler zeigen wollte. Sie sind meiner

Ansicht nach außerordentlich merkwürdig, sagte er. -- Aber Geißler

wollte Bredes Steine nicht sehen. Treibst du auf diese Weise Ackerbau

hier, indem du herumläufst und Reichtümer entdecken willst? fragte er

höhnisch. -- Brede hatte indes keine Lust mehr, von seinem früheren

Lensmann Zurechtweisungen hinzunehmen, er gab es ihm tüchtig heim, fing

an, ihn zu duzen, und sagte: Ich kümmere mich nicht um dich! -- Du tust

ja heute noch nichts Rechtes, treibst nichts als Lappalien, versetzte

Geißler. -- Und du etwa? sagte Brede. Was hast denn du diese ganze Zeit

über getan? Du hast einen Berg da droben gekauft, der gar nichts wert

ist und nur so daliegt. Hehe, ja, du bist mir der Rechte, du! -- Mach,

daß du fortkommst! sagte Geißler. -- Und Brede hielt sich auch nicht

länger auf, er hob seinen kleinen Sack auf die Schulter und kehrte ohne

Abschied in sein Nest zurück.

Geißler setzte sich wieder, blätterte in einigen Papieren und dachte

eifrig nach. Es war, als habe er Blut geleckt und wolle nun nachsehen,

wie es sich mit dem Kupferberg verhielt, mit dem Kontrakt, der Analyse:

es war ja fast reines Kupfer, Schwarzkupfer da, er mußte etwas damit

anfangen, durfte nicht wieder zusammenklappen.

Der Grund, warum ich eigentlich gekommen bin, ist, dies hier in

Ordnung zu bringen, sagte er zu Isak. Ich habe die Absicht, recht

viele Leute hierherzuziehen und droben im Gebirge einen großen Betrieb

einzurichten. Was denkst du dazu?

Isak tat er wieder leid, deshalb widersprach er nicht.

Das ist nicht gleichgültig für dich, fuhr Geißler fort. Es kommen

dann viele Menschen hierher, und es gibt viel Umtrieb und Lärm

und Sprengungen, ich weiß nicht, wie dir das gefallen wird. Aber

andrerseits kommt Leben und Bewegung in den Bezirk, und du wirst großen

Absatz für die Erzeugnisse deiner Milchwirtschaft bekommen. Du kannst

dafür verlangen, was du willst.

Ja, sagte Isak.

Gar nicht davon zu reden, daß du von dem, was aus dem Berg gewonnen

wird, hohe Prozente erhältst. Das wird viel Geld, Isak.

Isak antwortete: Ich habe schon zu viel von Euch bekommen ...

Am nächsten Morgen verließ Geißler den Hof und wanderte in östlicher

Richtung weiter, Schweden zu. Als Isak sich erhob, ihn zu begleiten,

sagte er kurz: Nein, ich danke. Es tat Isak fast weh, als er ihn so arm

und allein fortgehen sah. Inger hatte ihm einen prächtigen Mundvorrat

mitgegeben, sie hatte sogar Waffeln für ihn gebacken, aber sie waren

bei weitem nicht gut genug, er hätte auch noch Sahne in einer Flasche

und eine Menge Eier mitnehmen sollen; aber das wollte er nicht tragen.

Inger war recht enttäuscht darüber.

Geißler wurde es gewiß schwer, Sellanraa zu verlassen, ohne für seinen

Aufenthalt zu bezahlen, wie er es gewohnt war. Er tat deshalb, als habe

er bezahlt, als habe er wirklich einen größeren Geldschein hingelegt,

denn er sagte zu der kleinen Leopoldine: Und nun sollst du auch noch

etwas haben. Hier nimm! Damit gab er ihr seine Tabaksdose, die silberne

Dose! -- Du kannst sie auswaschen und Nadeln drin aufheben. Übrigens

paßt sie nicht gut dazu; wenn ich nur geschwind nach Hause könnte, dann

solltest du etwas anderes bekommen, ich habe ja verschiedenes ...

Aber die Wasserleitung lag nach Geißlers Besuch noch da, sie lag da

und schaffte Tag und Nacht, Woche um Woche, sie machte die Felder

grün, half den Kartoffeln zum Verblühen, half dem Korn in den Halm zu

schießen.

Die Ansiedler von weiter unten kamen einer nach dem andern herauf,

um sich das Wunderwerk anzusehen. Auch Axel Ström kam, der Besitzer

von Maaneland, der unverheiratet war und keine eigene weibliche Hilfe

hatte, sondern alles selbst besorgte, auch er kam. Er war heute

aufgeräumter und sagte, es sei ihm nun ein Mädchen zur Hilfe für den

Sommer versprochen worden, nun sei dieser Kummer gestillt! Er nannte

den Namen des Mädchens nicht, und Isak fragte nicht danach; aber es

war Bredes Barbro, die man ihm versprochen hatte, es sollte ihn nur

ein Telegramm nach Bergen kosten. Na, und Axel legte ja das Geld für

dieses Telegramm aus, obgleich er gewiß ein äußerst sparsamer Mann, ja

geradezu etwas geizig war.

Die Wasserleitung war es, die Axel an diesem Tag heraufgelockt hatte;

er sah sie sich von dem einen Ende bis zum andern an und interessierte

sich ungeheuer dafür. Auf seinem Grundstück war zwar kein größerer

Fluß, aber doch ein Bach, auch hatte er keine Bretter zu Rinnen, aber

er wollte den ganzen Wasserlauf in die Erde graben, das ließ sich

auch machen. Es sehe auch auf seinem tiefgelegenen Grundstück nicht

so schlimm aus, wenn aber die Trockenheit anhalte, müsse er auch

bewässern. -- Als er das gesehen hatte, was er hatte sehen wollen,

sagte er Lebewohl. Isak und seine Frau luden ihn ein, hereinzukommen,

aber er sagte, er habe keine Zeit, er wolle an diesem Abend noch mit

dem Graben anfangen; dann ging er.

Das war ein anderer Mann als Brede!

Oh, jetzt hatte Brede Grund, über die Moore zu laufen, um über die

Wasserleitung und das Wunderwerk auf Sellanraa zu schwatzen! Ja, es ist

nicht gut, wenn man zu fleißig auf seinem Grundstück ist, sagte er. Da

hat nun der Isak so viele Gräben zum Austrocknen gezogen, daß er jetzt

wieder wässern muß.

Isak war geduldig, aber er wünschte oft, er könnte diesen Menschen

loswerden, diesen Schwätzer in der Nähe von Sellanraa. Brede war

verpflichtet, die Telegraphenlinie in Ordnung zu halten, da er ja

regelrecht dazu angestellt war. Aber die Telegraphenbehörde hatte ihm

schon mehrere Male wegen seiner Nachlässigkeit einen Rüffel erteilen

müssen, und jetzt war Isak abermals die Stelle angeboten worden. Nein,

mit dem Telegraphen war Brede nicht beschäftigt, sondern mit den

Metallen in den Bergen; es war eine wahre Sucht bei ihm geworden, eine

fixe Idee.

Jetzt geschah es auch recht oft, daß er in Sellanraa einkehrte und

meinte, er habe den Schatz gefunden. Er nickte dann und sagte: Ich

sag jetzt nichts mehr, aber ich habe etwas ganz Besonderes gefunden,

das leugne ich nicht. Er verschwendete seine Zeit und seine Kräfte um

nichts und wieder nichts. Wenn er dann müde in sein Haus zurückkehrte,

warf er einen kleinen mit Gesteinsproben gefüllten Sack auf den Boden,

pustete und schnaufte nach seinem Tagewerk und meinte, niemand arbeite

so hart für seinen Unterhalt wie er. Er baute etwas Kartoffeln auf

saurem Moorboden, mähte die Grasplätze ab, die von selbst um sein

Haus her wuchsen, das war seine Feldarbeit. Er war in ein falsches

Fahrwasser geraten, es mußte ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.

Jetzt war schon sein Torfdach zerfetzt und die Küchentreppe von der

Dachtraufe verfault, ein kleiner Schleifstein lag umgestürzt am Boden,

und das Fuhrwerk stand ewig unter freiem Himmel.

Brede hatte es insofern gut, als er sich über solche Kleinigkeiten

durchaus nicht abgrämte. Wenn die Kinder den Schleifstein beim

Spielen umherrollten, war der Vater sehr gutmütig und lieb, ja, er

half bisweilen selbst beim Rollen. Eine leichte und faule Natur,

ohne Ernst, aber auch ohne Schwerlebigkeit, ein schwacher Charakter

ohne Verantwortlichkeitsgefühl, aber er fand Auswege, sich den

Lebensunterhalt zu verschaffen, wie er auch sein mochte; so lebte er

mit den Seinen von der Hand in den Mund, sie lebten alle miteinander.

Aber natürlich konnte der Kaufmann Brede und seine Familie nicht

in alle Ewigkeit am Leben erhalten, das hatte er schon oft gesagt,

und jetzt sagte er es in strengem Ton. Brede sah das selbst ein und

versprach, nun werde er die Sache in Ordnung bringen; er wolle sein

Grundstück verkaufen, vielleicht verdiene er gut dabei, und dann werde

er den Kaufmann bezahlen.

Ja, selbst wenn er daran verlor, wollte Brede verkaufen, was sollte er

mit einem Grundstück! Er sehnte sich wieder ins Dorf hinunter, nach

Leichtsinn, Klatschereien und dem Kaufladen -- dahin sehnte er sich,

anstatt ruhig hier zu schaffen und zu wirken und die große Welt zu

vergessen. Ach, hätte er die Weihnachtsfeiern mit dem Lichterbaum oder

das Nationalfest am siebzehnten Mai oder die Wohltätigkeitsverkäufe

im Gemeindehaus vergessen können! Er liebte es ja über alles, mit den

Leuten zu schwatzen, sich nach Neuigkeiten zu erkundigen, aber mit

wem hätte er sich hier auf den Mooren unterhalten können? Inger auf

Sellanraa hatte eine Weile Anlage dazu gezeigt, jetzt war sie wieder

ganz anders geworden, wieder ganz wortkarg. Und übrigens war sie im

Gefängnis gewesen, und er war ein öffentlich angestellter Mann, das

schickte sich nicht.

Nein, er hatte sich selbst auf die Seite gestellt, als er das Dorf

verließ. Jetzt sah er mit Eifersucht, daß der Lensmann einen andern

Gerichtsboten und daß der Doktor einen andern Kutscher hatte; er

war von den Menschen, die ihn brauchten, fortgelaufen, jetzt, da er

nicht mehr zur Hand war, behalfen sie sich ohne ihn. Aber welch ein

Gerichtsbote und welch ein Kutscher! Eigentlich müßte er -- Brede --

mit Wagen und Pferd ins Dorf zurückgeholt werden!

Aber da war nun Barbro, und warum hatte er denn versucht, sie auf

Sellanraa unterzubringen? Oh, das hatte er nach reiflicher Überlegung

mit seiner Frau getan. Wenn alles richtig ging, so hätte das Mädchen da

Aussichten für die Zukunft gehabt, ja, vielleicht wären da Aussichten

für die ganze Familie Brede gewesen. Die Haushälterinstelle bei den

zwei Kontoristen in Bergen war ja schon recht, aber Gott mochte

wissen, was Barbro da schließlich bekam? Barbro war ja hübsch und auf

ihren Vorteil aus, sie hätte vielleicht hier bessere Gelegenheit,

vorwärtszukommen. Es waren zwei Söhne auf Sellanraa.

Aber als Brede merkte, daß dieser Plan fehlschlug, dachte er sich einen

andern aus. Oh, im Grunde war es wirklich nichts Erstrebenswertes,

mit Inger verwandt zu werden, mit einer bestraften Person, es gab

noch andere Burschen als die auf Sellanraa! Da war nun Axel Ström. Er

hatte Hof und Gamme, er war ein Mann, der schaffte und sparte und sich

allmählich Vieh und andere Besitztümer anschaffte, aber keine Frau und

keine weibliche Hilfe hatte. Das kann ich dir sagen, wenn du Barbro

bekommst, so hast du alle Hilfe, die dir not tut! sagte er zu Axel. Und

hier kannst du ihre Photographie sehen, sagte er.

Ein paar Wochen vergingen, dann kam Barbro. Ja, Axel war nun schon

mitten in der Heuernte, er mußte bei Nacht mähen und bei Tag wenden

und hatte alles allein zu leisten; aber nun kam Barbro. Sie kam wie

ein wirkliches Geschenk. Es zeigte sich auch, daß sie arbeiten konnte;

sie scheuerte das Geschirr, wusch die Kleider und kochte das Essen,

sie melkte die Tiere und half draußen beim Heurechen, jawohl, sie war

mit draußen beim Heu und trug es mit herein, es fehlte nichts. Axel

entschloß sich, ihr einen guten Lohn zu geben, er gewann doch noch

dabei.

Hier war sie nicht nur die Photographie einer feinen Dame. Barbro

war groß und schlank, sie hatte eine etwas heisere Stimme, zeigte

Reife und Erfahrung in vielem und war durchaus keine Neukonfirmierte.

Axel begriff nicht, warum ihr Gesicht so mager und elend aussah: Ich

sollte dich eigentlich vom Ansehen kennen, aber du gleichst deiner

Photographie gar nicht. -- Das kommt von der Reise, erwiderte sie. Ja

und von der Stadtluft. -- Es dauerte auch nicht lange, da wurde sie

wieder rund und hübsch, und sie sagte: Glaub mir, so eine Reise und so

eine Stadtluft, die zehren tüchtig an einem! Sie spielte auch auf die

Versuchungen in Bergen an -- da müsse man sich in acht nehmen! Aber

während sie sich weiter unterhielten, sagte sie, Axel solle sich auf

eine Zeitung, eine Bergener Zeitung abonnieren, damit sie auch sehen

könne, was in der Welt vorgehe. Sie sei jetzt ans Lesen, an Theater und

Musik gewöhnt, hier sei es sehr einsam, sagte sie.

Da Axel Ström mit seiner Sommeraushilfe so Glück gehabt hatte,

abonnierte er auf die Zeitung und ertrug auch die Familie Brede, die

recht oft auf seine Ansiedlung kam und da aß und trank. Er wollte

seiner Dienstmagd Freude machen. Nichts konnte behaglicher sein als

die Sonntagabende, wenn Barbro die Saiten ihrer Gitarre schlug und

mit ihrer etwas heiseren Stimme dazu sang; Axel war über die fremden

hübschen Lieder und darüber, daß wirklich jemand auf der Ansiedlung bei

ihm war und sang, gerührt.

Im Laufe des Sommers lernte er Barbro allerdings auch von anderen

Seiten kennen, aber im großen und ganzen war er zufrieden. Sie war

nicht ohne Launen, und sie konnte rasche Antworten geben, etwas zu

rasche. An jenem Sonnabend, als Axel notwendig ins Dorf hinunter zum

Kaufmann mußte, hätte Barbro das Vieh und die Hütte nicht verlassen und

auch alles andere nicht einfach im Stich lassen dürfen. Die Ursache

dazu war ein kleiner Streit gewesen. Und wo war sie hingegangen? Nur

nach Hause, nach Breidablick, aber trotzdem. Als Axel in der Nacht

zurückkam, war Barbro nicht da, er versorgte die Tiere, aß und ging

schlafen. Gegen Morgen erschien Barbro. -- Ich wollte wieder einmal

fühlen, wie es einem in einem Haus mit einem Bretterboden zumut ist,

sagte sie recht höhnisch. -- Darauf konnte Axel eigentlich nichts

erwidern, denn er hatte ja nur eine Torfhütte mit einem Lehmboden, aber

er antwortete, er habe immerhin auch Bretter und werde wohl auch einmal

ein Haus mit einem Bretterboden haben! -- Da war es, als gehe sie in

sich; nein, schlimmer war Barbro nicht, und obgleich es Sonntag war,

ging sie rasch in den Wald, holte Wacholderzweige für den Lehmboden und

machte ihn hübsch.

Aber da sie so ausgezeichnet und von Herzen gut war, mußte ja auch

Axel mit dem hübschen Kopftuch herausrücken, das er am vorhergehenden

Abend für sie gekauft hatte; er hatte eigentlich gedacht, er wolle es

aufheben, um ordentlich etwas von ihr dafür zu erreichen. Aber nun

gefiel es ihr sehr gut, sie probierte es sofort auf, ja, sie fragte

ihn, ob es ihr nicht gut stehe. O doch, sehr gut, aber sie könnte gerne

sein Felleisen auf den Kopf setzen, es würde ihr auch stehen. Da lachte

sie und wollte auch recht liebenswürdig sein, deshalb sagte sie: Ich

gehe lieber mit diesem Kopftuch in die Kirche und zum Abendmahl als im

Hut. In Bergen trugen wir ja alle Hüte, ja, ausgenommen gewöhnliche

Dienstmädchen, die vom Lande hereinkamen.

Wieder lauter Freundschaft!

Segen der Erde: Roman · 第 12 / 32 段