Inger. Denn später ist Leopoldine größer und kann dies und jenes tun.
-- Hilfe? fragte Isak, wobei sollst du dir denn helfen lassen? -- Wobei
ich mir helfen lassen will? Läßt du dir etwa nicht helfen? Wozu ist
denn Sivert da?
Was sollte Isak auf solchen Unverstand entgegnen? Er sagte: Ja, ja,
wenn du eine Magd bekommst, dann werdet ihr wohl pflügen und ernten und
den Hof besorgen. Dann können Sivert und ich unserer Wege gehen.
Wie das auch sein mag, entgegnete Inger, jedenfalls könnte ich jetzt
Barbro als Magd bekommen, sie hat ihrem Vater darüber geschrieben.
-- Welche Barbro? fragte Isak. Etwa Bredes Barbro? -- Ja, sie ist in
Bergen. -- Bredes Barbro will ich nicht hier in meinem Hause haben,
sagte er. Wen du auch sonst nehmen magst, fügte er hinzu.
Er wies also nicht jede andere zurück.
Seht, in Barbro von Breidablick hatte Isak kein Vertrauen; sie war
unbeständig und oberflächlich wie der Vater -- vielleicht auch wie die
Mutter --, war flüchtigen Sinnes, ohne Ausdauer. Beim Lensmann war sie
nicht lange geblieben, nur ein Jahr; als sie dann konfirmiert war, kam
sie zum Kaufmann, blieb aber auch da nur ein Jahr. Dann war sie erweckt
und fromm geworden, und als die Heilsarmee ins Dorf kam, trat sie in
diese ein, bekam eine rote Binde um den Arm und eine Gitarre in die
Hände. In dieser Ausstaffierung reiste sie auf der Jacht des Kaufmanns
nach Bergen. Das war im vorigen Jahr gewesen, und jetzt eben hatte
sie ihre Photographie heim nach Breidablick geschickt; Isak hatte sie
gesehen: ein fremdes Fräulein mit gekräuseltem Haar und einer langen
Uhrkette über die Brust herunter. Die Eltern waren stolz auf ihre
kleine Barbro und zeigten das Bild jedem, der an Breidablick vorbeikam;
es war großartig, wie sie sich herausgemacht hatte, und sie hatte keine
rote Binde mehr um den Arm und keine Gitarre mehr in den Händen.
Ich habe es mitgenommen und es der Frau des Lensmanns gezeigt, die
erkannte sie gar nicht wieder, sagte Brede. -- Bleibt sie in Bergen?
fragte Isak mißtrauisch. -- Sie bleibt in Bergen, solange sie dort
ihr Brot verdient, antwortete Brede. Wenn sie nicht lieber nach
Christiania reist, setzte er hinzu. Was soll sie hier daheim! Sie
hat jetzt eine neue Stelle, ist Haushälterin bei zwei Junggesellen,
feinen Kontorherren. Und was sie für einen großen Lohn hat! -- Wieviel?
fragte Isak. -- Das gibt sie in ihrem Brief nicht genau an. Aber daß
er etwas Ungeheures ist gegen hier im Dorf, das merke ich daran, daß
sie Weihnachtsgeschenke und viele andere Geschenke bekommen hat, ohne
daß am Lohn etwas abgezogen worden wäre. -- So, sagt Isak. -- Ja, du
möchtest sie wohl nicht als Magd haben? fragte Brede. -- Ich? entfuhr
es Isak. -- Nein, hehe, ich hab' nur so gefragt. Denn die Barbro soll
nur bleiben, wo sie ist. Aber was ich sagen wollte: Du hast nichts
Besonderes am Telegraphen droben bemerkt? -- Am Telegraphen? Nein.
-- Ach nein, es ist nicht oft etwas in Unordnung daran, seit ich ihn
übernommen habe. Und dann habe ich ja meine eigene Maschine an der
Wand, die mir's anzeigt, wenn etwas daran fehlt. In den nächsten Tagen
muß ich aber einmal die Linie abschreiten und nachsehen. Ich habe eben
viel zuviel zu tun und zu besorgen, ein einziger Mann kann das nicht
alles leisten. Aber da ich nun einmal Inspektor hier bin und dies
öffentliche Amt habe, muß ich ihm eben auch nachkommen, solange ich
es habe. -- Isak fragte: Du denkst doch nicht daran, es aufzugeben?
-- Ich weiß nicht, antwortete Brede, ich bin noch nicht entschlossen.
Aber man läßt mir keine Ruhe, ich soll wieder ins Dorf hinunterkommen.
-- Wer läßt dir keine Ruhe? fragte Isak. -- Alle miteinander. Der
Lensmann möchte mich wieder als Gerichtsdiener, dem Doktor fehle ich
zum Überlandfahren, und die Frau Pfarrer hätte mich schon mehr als
einmal zur Hilfe haben wollen, wenn nur nicht der Weg so weit wäre.
Nun, wie war es denn, Isak, hast du wirklich so viel Geld für deinen
Berg bekommen? -- Ja, das ist nicht gelogen, antwortete Isak. -- Aber
was wollte denn der Geißler damit? Nun liegt er da. Das ist doch etwas
Merkwürdiges. Jetzt ist ein Jahr ums andere darüber hingegangen. --
Isak hatte selbst oft über dieses Rätsel nachgegrübelt, er hatte auch
mit dem Lensmann darüber geredet, hatte nach Geißlers Adresse gefragt,
um ihm zu schreiben. Gewiß war die Sache merkwürdig. -- Ich weiß
nichts, sagte Isak.
Brede verbarg nicht, daß ihn dieser Handel mit dem Berg sehr
interessiere: Es heißt, es seien noch mehrere Berge wie die deinigen
droben in der Allmende, sagte er; da können große Dinge drin sein, wir
aber gehen hier umher wie die stummen Tiere und sehen es nicht. Ich
habe mich nun entschlossen, an einem Tag einmal hinaufzugehen und da zu
untersuchen. -- Ach so, du verstehst dich auf Felsen und Gesteinsarten?
fragte Isak. -- Ja, ein wenig schon, und ich habe auch andere darüber
befragt. Und wie es auch sein mag, so muß ich irgend etwas für mich
finden, ich kann mit all den Meinen nicht von dem Hofe hier leben. Zum
Kuckuck, das ist einfach unmöglich. Bei dir ist es ganz anders, du hast
lauter Wald und guten Ackerboden. Bei mir ist nichts als Moor. -- Moor
ist guter Boden, sagte Isak kurz. Ich habe selbst Moor. -- Es ist ganz
unmöglich, es auszutrocknen, erwiderte Brede ...
Aber es war nicht unmöglich, das Moor auszutrocknen. Als Isak an
diesem Tag weiter hinunterkam, stieß er auf neue Ansiedlungen. Zwei
lagen weiter unten, dem Dorfe zu, aber eine war hoch droben zwischen
Breidablick und Sellanraa -- oh, es wurde allmählich im Ödland
gearbeitet, in Isaks erster Zeit lag es ganz menschenleer da. Und diese
drei Ansiedler waren von auswärts, es schienen Leute mit Verstand
zu sein; das erste, was sie taten, war nicht, Geld aufzunehmen und
sich ein Haus zu bauen, sie kamen in einem Jahr her, zogen Gräben
und verschwanden wieder, genau wie wenn sie gestorben wären. Das war
die richtige Art: Gräben ziehen, pflügen, säen. Axel Ström war jetzt
Isaks nächster Nachbar, ein tüchtiger Mann, Junggeselle, von Geburt
ein Helgeländer; er hatte Isaks neuen Reolpflug entlehnt, um seinen
Moorboden damit umzupflügen, und erst im zweiten Jahr hatte er sich
einen Heuschuppen und eine Gamme errichtet und sich ein paar Stück Vieh
angeschafft. Sein Besitztum hieß Maaneland, Mondland, weil der Mond so
schön darauf schien. Er hatte keine eigene Frauensperson zur Hilfe, und
Hilfe im Sommer war an diesem abgelegenen Ort nur schwer zu haben, aber
wie er seine Arbeit einteilte und ausführte, das war ganz und gar die
richtige Art. Oder hätte er etwa wie Brede zuerst ein Haus bauen und
dann mit seiner Familie und vielen kleinen Kindern ins Ödland kommen
sollen, ohne Vieh oder Äcker, von denen er leben konnte? Was verstand
Brede Olsen vom Entwässern des Moores oder Urbarmachen des Ödlandes?
Brede Olsen verstand es, die Zeit mit Lappalien zu vergeuden; da kam
er wirklich eines Tages an Sellanraa vorüber und wollte hinauf auf die
Berge, um nach edlen Metallen zu suchen! Am Abend kehrte er zurück,
hatte aber nichts Bestimmtes gefunden. Nur ein paar Anzeichen, sagte er
und nickte dazu. Er wollte den Gang bald noch einmal machen und wollte
auch die Berge nach Schweden zu untersuchen.
Und ganz richtig, Brede kam wieder. Er hatte wohl Geschmack daran
gewonnen, er schob es auf die Telegraphenlinie, er müsse sie nachsehen.
Indessen versorgten Frau und Kinder den Hof daheim oder ließen alles
ungetan liegen. Isak bekam Bredes Besuche bald satt, und er ging aus
dem Hause, wenn er kam. Dann schwätzten Inger und Brede herzlich
miteinander. Was konnten sie nur zu schwätzen haben? Oh, Brede war
oft im Dorf drunten und wußte immer etwas Neues von den Großen dort,
Inger aber hatte ihrerseits ihre berühmte Reise nach Drontheim und
ihren Aufenthalt, von dem sie erzählen konnte. In den Jahren, die sie
fortgewesen war, hatte sie schwätzen gelernt, sie fing mit jedermann
gleich eine Unterhaltung an. Nein, sie war nicht mehr dieselbe
treuherzige, rechtschaffene Inger von früher.
Immer noch kamen Frauen und Mädchen nach Sellanraa, um sich Kleider
zuschneiden oder im Handumdrehen wohl auch einen langen Saum auf
der Maschine nähen zu lassen, und Inger unterhielt sie gut dabei.
Auch Oline kam wieder, sie konnte es wahrscheinlich nicht aushalten,
wegzubleiben, denn sie kam sowohl im Frühjahr als im Herbst, aalglatt,
butterweich und falsch. -- Ich mußte einmal sehen, wie es bei euch
steht, sagte sie jedesmal. Und ich habe so Heimweh nach den kleinen
Knaben, sagte sie, ich habe sie so in mein Herz geschlossen, die lieben
Engel, die sie damals waren. Ja, ja, jetzt sind es große Burschen; aber
es ist ganz merkwürdig, ich muß immer daran denken, wie sie noch so
klein waren und ich für sie zu sorgen hatte. Und ihr baut und baut und
macht den Hof zu einer ganzen Stadt. Werdet ihr auch eine Glocke auf
dem neuen Scheunendach anbringen, gerade wie im Pfarrhaus?
Als Oline wieder einmal auf Sellanraa ankam, brachte sie eine andere
Frau mit, und die beiden Frauen und Inger hatten einen guten Tag
zusammen. Je mehr Menschen Inger um sich herumsitzen hatte, desto
besser und desto schneller hantierte sie mit der Schere und nähte auf
der Maschine; sie tat groß, schwang ihre Schere oder das Plätteisen.
Das erinnerte sie an die Zeit in der Anstalt, wo sie so viele gewesen
waren. Inger verbarg durchaus nicht, wo sie ihre Kunst und ihr Wissen
her hatte, von Drontheim hatte sie's. Es war, als habe sie nicht auf
gewöhnliche Weise dort eine Strafe abgesessen, sondern als sei sie
in der Lehre gewesen: Schneidern, Weben, Färben und Schreiben, in
all dem hatte sie Unterricht in Drontheim gehabt. Von der Anstalt
redete sie mit einem gewissen Heimatgefühl, es waren so viele Leute
dagewesen: Vorsteher und Aufsichtsbeamte und Wächter; als sie damals
wieder heimgekommen war, sei es sehr einsam für sie gewesen, und es
sei ihr überaus hart gefallen, sich von dem Gesellschaftsleben, an das
sie nun gewohnt gewesen, zurückzuziehen. Sie tat sogar, als habe sie
sich erkältet, weil sie in der rauhen Luft draußen gewesen war, ja,
noch jahrelang nach ihrer Rückkehr sei es ihr nicht gut bekommen, in
Wind und Wetter draußen zu sein. Zu der Arbeit außer dem Hause müßte
sie eigentlich eine Magd haben. -- Ja, aber Herrgott im Himmel, sagte
Oline, du mit deiner Gelehrsamkeit und mit deinem großen Haus, du
müßtest doch eine Magd halten können!
Es war recht angenehm, auf Verständnis zu stoßen, und Inger widersprach
Oline nicht. Sie rasselte mit ihrer Maschine, daß es dröhnte, und ließ
den Ring an ihrem Finger funkeln.
Nun siehst du selbst, sagte Oline zu der andern Frau, ist es nicht
wahr, daß Inger einen goldenen Ring bekommen hat? -- Wollt ihr ihn
sehen? fragte Inger und zog ihn ab. Oline griff danach, sie schien
nicht ganz sicher zu sein und untersuchte den Ring, wie ein Affe eine
Nuß untersucht: sah auch nach dem Stempel: Ja, es ist, wie ich sagte,
diese Inger mit all ihrem Reichtum und all ihren Mitteln. -- Die andere
Frau nahm den Ring mit Ehrfurcht in die Hand und lächelte demütig. --
Du darfst ihn eine Weile anbehalten, sagte Inger. Steck ihn nur an, er
geht nicht entzwei!
Und Inger war freundlich und gutherzig. Sie erzählte von der Domkirche
in Drontheim und begann: Ihr habt wohl die Domkirche in Drontheim nicht
gesehen? Nein, ihr seid ja nicht in Drontheim gewesen! Diese Domkirche
war gleichsam Ingers eigene Domkirche; sie verteidigte sie, prahlte mit
ihr, gab Höhe und Breite an, sie sei wie ein Märchen! Sieben Pfarrer
predigten gleichzeitig in ihr und hörten doch nichts voneinander. Dann
habt ihr wohl den Brunnen des heiligen Olaf auch nicht gesehen? Er
liegt mitten in der Domkirche auf der einen Seite, und dieser Brunnen
ist grundlos. Als wir da hingingen, hatten wir einen Stein mitgenommen,
und den ließen wir hineinfallen, aber er erreichte den Grund nicht. --
Er erreichte den Grund nicht! flüsterten die Frauen und schüttelten
die Köpfe. -- Aber außerdem sind noch tausend andere Dinge in der
Domkirche! rief Inger entzückt aus. Da ist nun der silberne Schrein,
das ist der Schrein von Sankt Olaf dem Heiligen, ihm gehört er. Aber
die Marmorkirche, die eine kleine Kirche ganz und gar aus Marmor war,
aber diese Kirche, die haben uns die Dänen im Krieg genommen ...
Die Frauen mußten aufbrechen. Oline zog Inger auf die Seite und
mit sich in die Vorratskammer hinein, wo, wie sie wußte, die Käse
lagen, und machte die Tür hinter sich zu. -- Was willst du von mir?
fragte Inger. -- Oline flüsterte: Der Os-Anders wagt nicht mehr
hierherzukommen. Ich habe es ihm gesagt. -- Ach so, sagte Inger.
-- Ich habe ihm gesagt, er solle es nur wagen, nach dem, was er dir
angetan hat! -- Ja, ja, sagte Inger. Aber er ist seither mehrere Male
hier gewesen, und im übrigen kann er gerne kommen, ich fürchte mich
nicht vor ihm! -- Nein, sagte Oline, aber ich weiß, was ich weiß, und
wenn du es willst, werde ich ihn anzeigen. -- So, sagte Inger, nein,
das sollst du nicht tun.
Aber es war ihr nicht widerwärtig, daß Oline auf ihrer Seite stand; es
kostete sie zwar einen kleinen Ziegenkäse, aber Oline bedankte sich
großartig dafür. Es ist, wie ich sage und immer gesagt habe. Inger
besinnt sich nicht lange, wenn sie gibt, dann gebraucht sie beide
Hände. Nein, du hast keine Angst vor Os-Anders, aber ich habe ihm
nun verboten, dir je wieder unter die Augen zu kommen. Das war das
mindeste, was ich für dich tun konnte. -- Da sagte Inger: Was kann es
mir ausmachen, wenn er kommt, mir kann er nicht mehr schaden. -- Oline
spitzte die Ohren: So, hast du ein Mittel dagegen erfahren? -- Ich
bekomme keine Kinder mehr, sagte Inger.
Da standen sie ja auf gleichem Fuß und hatten beide gleich gute
Trümpfe. Oline wußte ja, daß der Lappe Os-Anders vorgestern gestorben
war ...
Warum sollte Inger keine Kinder mehr bekommen? Sie lebte nicht in
Feindschaft mit ihrem Mann, sie waren nicht wie Hund und Katze, weit
entfernt! Alle beide hatten ihre Eigenheiten, aber sie stritten sich
selten und nie lange, nachher war alles wieder gut. Oftmals konnte
auch Inger wieder wie in den alten Tagen sein und im Stall und auf den
Feldern große Arbeit leisten; es war, als ginge sie da in sich und
bekomme gesunde Rückfälle. Dann sah Isak seine Frau mit dankbaren Augen
an, und wenn er zu denen gehört hätte, die sich gleich aussprechen,
würde er wohl gesagt haben: Was? Hm! Was machst du für einen Spaß!
oder etwas anderes Anerkennendes. Allein er schwieg zu lange, und sein
Lob kam zu spät. Aber auf diese Weise machte es Inger keine Freude, und
es lag nichts daran, ständig tüchtig zu sein.
Sie hätte über fünfzig Jahre alt sein und noch Kinder bekommen können,
aber so wie sie aussah, sich drehte und wendete, war sie vielleicht
nicht einmal vierzig. Alles hatte sie in der Anstalt gelernt --
hatte sie wohl auch einige Kunstgriffe für ihre Person gelernt?
Außerordentlich wohlüberlegt und wohlunterrichtet kehrte sie von dem
Umgang mit den andern Mörderinnen heim, vielleicht hatte sie auch dies
und jenes von den Herren gehört, von den Aufsehern, den Ärzten? Einmal
erzählte sie Isak, ein junger Mediziner habe über ihr ganzes Verbrechen
gesagt: Warum sollte man jemand strafen, wenn er Kinder umbringt, ja,
sogar gesunde Kinder, sogar wohlgestaltete? Die sind da doch nichts
anderes als Fleischklumpen. -- Isak erwiderte: War er denn ein Untier?
-- Er! rief Inger, und dann erzählte sie, wie gut er gegen sie gewesen
sei, gegen sie, Inger selbst, er gerade habe ja einen anderen Arzt
veranlaßt, ihren Mund zu operieren und sie zu einem Menschen zu machen.
Ja, jetzt habe sie nur eine Narbe.
Ja, jetzt hatte sie nur eine Narbe, und sie war eine recht hübsche
Frau geworden, groß, ohne Fettansatz, mit bräunlicher Haut und dichtem
Haarwuchs. Im Sommer ging sie meist barfuß und hoch aufgeschürzt mit
freimütigen Beinen. Isak sah sie, wer sah sie nicht!
Sie stritten sich nicht, nein, Isak hatte nicht die Gabe dazu, und
seine Frau war jetzt viel mundfertiger geworden. Zu einem guten
gründlichen Streit brauchte dieser Klotz, dieser Mühlengeist Zeit,
er verwirrte sich in ihren Worten und brachte nicht viel heraus, und
außerdem hatte er auch ein Herz für sie, eine kräftige Liebe. Er
brauchte sich auch gar nicht oft zu verteidigen, Inger griff ihn
nicht an, er war in vieler Beziehung ein ausgezeichneter Mann, und
Inger ließ ihn ungerügt. Worüber hätte sie sich beklagen sollen?
Wahrlich, Isak war nicht zu verachten, sie hätte einen schlimmeren Mann
bekommen können. War er alt geworden, abgerackert? Freilich hatte sie
Anzeichen von Müdigkeit an ihm bemerkt, aber nicht so, daß es etwas
ausgemacht hätte. Er war, sozusagen, erfüllt von alter Gesundheit und
Unverbrauchtheit ebenso wie sie, und im Nachsommer ihrer Ehe leistete
er seinen Teil an Zärtlichkeit mindestens ebenso warm wie sie.
Aber eine besondere Pracht oder Schönheit war keineswegs an ihm.
Nein, darin war Inger ihm überlegen. Bisweilen dachte sie wohl auch,
sie habe schon Schöneres gesehen, Männer in feinen Kleidern und mit
Spazierstöcken; Herren mit Taschentüchern und gestärkten Kragen, o
diese Stadtherren! Deshalb behandelte sie Isak auch nur als den, der er
war, sozusagen nur nach Verdienst, nicht besser: er war ein Ansiedler
im Walde; wäre ihr Mund von jeher recht gewesen, so hätte sie ihn
nie genommen, das wußte sie jetzt. Nein, dann hätte sie einen andern
kriegen können. Diese Heimat, die ihr geworden war, dieses ganze öde
Dasein, das ihr Isak bereitet hatte, war im Grunde genommen recht
mäßig; jedenfalls hätte sie drunten in ihrer Heimatgemeinde verheiratet
sein und Gesellschaft und Umgang genug haben können, anstatt hier oben
im Ödland eine Hexe zu werden. Hier paßte sie nicht mehr her, sie hatte
jetzt andere Anschauungen.
War es nicht merkwürdig, wie sich die Ansichten ändern konnten! Es
gelang Inger nicht mehr, sich über ein besonders schönes Kalb zu freuen
oder die Hände vor Verwunderung zusammenzuschlagen, wenn Isak mit
einer recht großen Beute vom Fischfang heimkam, nein, sie hatte sechs
Jahre lang in größeren Verhältnissen gelebt. Ja, so ganz allmählich
waren auch die Tage vorüber, wo sie ihn freundlich und liebreich zu
den Mahlzeiten hereinrief. Jetzt sagte sie: Kommst du denn nicht zum
Essen? War das eine Art! Zuerst wunderte er sich ein wenig über diese
Veränderung, über eine so verdammt verdrießliche und unhöfliche Art,
und er erwiderte: Ich habe nicht gewußt, daß das Essen fertig ist. --
Aber als sie behauptete, er müsse das doch einigermaßen nach dem Stand
der Sonne wissen, hörte er auf, etwas zu entgegnen und noch ein Wort
darüber zu verlieren.
Oh, aber einmal, da ertappte er sie und griff tüchtig zu! Das war, als
sie ihm Geld stehlen wollte. Nicht weil er selbst so sehr aufs Geld aus
gewesen wäre, sondern weil es durchaus und ganz allein ihm gehörte.
Hoho, da hätte sie fürs ganze Leben einen Leibschaden davontragen
können! Und doch war Inger da nicht ganz verworfen und gottvergessen
gewesen; Eleseus sollte ja das Geld haben, der liebe Eleseus in der
Stadt, der wieder um einen Taler gebeten hatte. Sollte er da zwischen
all den andern feinen Leuten mit leeren Taschen umhergehen müssen?
Hatte sie nicht ein Mutterherz? Sie hatte Geld von Isak verlangt, und
da dies nicht half, hatte sie selbst zugegriffen. Woher es nun aber
kommen mochte, ob Isak ihr mißtraute, oder ob es ein Zufall war --
der böse Streich wurde jedenfalls gleich entdeckt, und in demselben
Augenblick fühlte sich Inger an beiden Armen gefaßt; sie fühlte, daß
sie zuerst in die Höhe gehoben und dann schwer auf den Boden gestoßen
wurde. Das war etwas Ungewöhnliches, eine Art Bergsturz. Oh, da waren
Isaks Hände nicht abgeschafft und müde! Inger stöhnte laut auf, ihr
Kopf sank nach hinten, sie zitterte und streckte ihm den Taler hin.
Auch jetzt sprach sich Isak nicht weiter aus, obgleich Inger ihn nicht
daran hinderte, zu Wort zu kommen, er stieß eigentlich nur schnaufend
hervor: Prügel gehören dir, sonst kann man dich nicht mehr im Zaum
halten!
Er war nicht wiederzuerkennen. Oh, er machte wohl lang unterdrücktem
Ärger Luft!
Nun verging ein trauriger Tag und eine lange Nacht und noch ein
weiterer Tag. Isak ging fort und schlief draußen, obgleich er trockenes
Heu liegen hatte, das eingefahren werden sollte; Sivert war bei dem
Vater. Inger hatte Leopoldine und die Tiere um sich, aber sie fühlte
sich allein, weinte die ganze Zeit und schüttelte den Kopf über sich
selbst: eine so große Gemütsbewegung hatte sie nur einmal in ihrem
Leben durchgemacht; jetzt mußte sie an damals denken, als sie ihr
neugeborenes Kind umbrachte.
Wo waren Isak und der Sohn? Sie waren nicht müßig gewesen; wohl
stahlen sie einen Tag und mehr von der Heuernte, aber sie bauten ein
Boot droben am Bergsee. Allerdings ein plumpes Fahrzeug ohne alle
Ausschmückung, aber stark und dicht war es wie alles, was sie machten,
und nun hatten sie ein Boot und konnten mit dem Netze fischen.
Als sie wieder heimkamen, lag das Heu noch ebenso trocken da. Sie
hatten dem Himmel den Streich gespielt, sich auf ihn zu verlassen,
und hatten dabei noch gewonnen, der Vorteil war auf ihrer Seite. Da
deutete Sivert plötzlich hinüber und rief: Die Mutter hat geheut! --
Der Vater sah auf die Wiese hinunter und sagte: So. -- Isak hatte ja
gleich gesehen, daß ein Teil des Heus verschwunden war, jetzt war Inger
wohl drinnen bei der Hausarbeit. Das war eine ganz besondere Leistung,
nachdem er ihr gestern mit Schlägen gedroht und sie geschüttelt hatte.
Und es war schweres, kräftiges Heu, sie hatte hart arbeiten müssen, und
außerdem hatte sie auch noch alle Kühe und Ziegen zu melken gehabt. --
Geh hinein und iß! sagte Isak zu Sivert. -- Du nicht auch? -- Nein.
Als Sivert eine Weile drinnen gewesen war, kam Inger heraus; sie blieb
demütig auf der Türschwelle stehen und sagte: Kannst du dir's nicht
selbst gönnen, daß du auch hereinkommst und etwas ißt? -- Darauf
knurrte Isak nur und sagte: Hm. Aber Inger demütig zu sehen, war in
der letzten Zeit ein so seltenes Erlebnis geworden, daß er in seinem
Starrsinn etwas erschüttert wurde. -- Wenn du mir ein paar Zähne in
meinen Rechen einsetzen würdest, dann könnte ich weiter rechen, sagte
sie. Sie wendete sich mit einer Bitte an den Herrn des Hofes, an
das Oberhaupt von allem, und sie war dankbar, daß er ihr nicht eine
höhnische, abschlägige Antwort gab. -- Du hast jetzt genug gerecht und
eingefahren, sagte er. -- Nein, es ist noch nicht genug. -- Ich habe
jetzt keine Zeit, deinen Rechen zu flicken, du siehst, daß Regen kommt.
Damit ging Isak an die Arbeit.
Er wollte sie wohl schonen; die paar Minuten Zeit, die das Flicken des
Rechens in Anspruch genommen hätte, wären zehnmal aufgewogen worden,
wenn Inger mit auf der Wiese geblieben wäre. Nun kam überdies Inger mit
dem Rechen, so wie er war, herbei und begann Heu zusammenzurechen, daß
es eine Art hatte. Sivert kam mit Pferd und Heuwagen, alle strengten
sich aufs äußerste an, der Schweiß lief ihnen herunter, und das Heu
wurde geborgen. Das war ein Meisterstück. Und wieder versank Isak in
Gedanken an jene höhere Macht, die alle unsere Schritte lenkt, von dem
Stehlen eines Talers an bis zum Bergen einer großen Menge trockenen
Heus. Außerdem lag nun auch das Boot fertig droben; nachdem er ein
halbes Menschenalter lang über ein solches nachgegrübelt hatte, lag es
nun droben im Gebirgssee. Ach ja, Herrgott im Himmel! sagte er.
15
Im ganzen genommen wurde das ein merkwürdiger Abend, ein Wendepunkt;
Inger, die seit langer Zeit neben dem Geleise hergegangen war, war
durch ein einziges Aufheben vom Boden wieder auf den richtigen Platz
gekommen. Keines von ihnen sprach von dem Geschehenen; Isak hatte sich
später wegen dieses Talers, der ja nicht viel Geld war, und den er doch
herausgeben mußte, weil er selbst ihn dem Eleseus gönnte, geschämt. Und
gehörte der Taler nicht überdies ebensogut Inger wie ihm? Es kam eine
Zeit, da Isak der Demütige war.