Sie besprachen es nach allen Richtungen und einigten sich schließlich

über Größe und Preis des Ringes; aber noch immer überlegte Isak und

schüttelte den Kopf und meinte, das sei doch ein teures Stück; aber der

Kaufmann wollte eben durchaus einen echt goldenen Ring bestellen. Als

Isak heimwärts wanderte, war er eigentlich froh über seinen Entschluß,

aber zugleich entsetzte er sich über die Ausgaben, zu denen einen die

Liebe bringen konnte.

Es war ein richtiger Schneewinter, und als gegen Neujahr eine gute

Bahn war, fingen die Leute aus dem Dorf an, Telegraphenstangen über

die Moore heraufzufahren und sie in gewissen Abständen voneinander

abzuladen. Sie fuhren mit vielen Pferden an Breidablick vorüber, kamen

auch an Sellanraa vorbei -- schließlich trafen sie mit anderen Pferden

zusammen, die von jenseits des Gebirges Stangen herauffuhren, und da

war die ganze Linie vollständig.

So verging ein Tag um den andern ohne große Ereignisse. Was hätte

geschehen sollen? Im Frühling begann man mit dem Aufstellen der

Telegraphenstangen, Brede Olsen war auch wieder dabei, obgleich er die

Frühjahrsarbeit auf seinem Hofe hätte besorgen sollen. Daß er Zeit dazu

hat! fragte sich Isak wieder.

Isak selbst hatte kaum Ruhe zum Essen und Schlafen, er konnte kaum

alles zur rechten Zeit fertigbringen, seine Felder waren jetzt recht

groß geworden.

Aber dann vor der Erntezeit brachte er das Sägewerk unter Dach und

konnte sich nun an das Einsetzen der Säge machen. Seht, es war kein

Wunderwerk von einem Holzbau, den er fertiggebracht hatte, aber der

Bau war riesenstark und stand nun da und war von großem Nutzen. Die

Säge ging, die Säge schnitt, Isak hatte seine Augen gebraucht, wenn er

drunten im Dorf in der Sägemühle gewesen war, und hatte sich alles wohl

gemerkt. Es war eine herzlich kleine Sägemühle, die er da errichtet

hatte, aber er war zufrieden mit ihr, er hieb die Jahreszahl über der

Tür ein und setzte sein Hauszeichen darunter.

Und in diesem Sommer ereignete sich nun doch mehr als gewöhnlich auf

Sellanraa.

Die Telegraphenarbeiter waren jetzt so weit heraufgekommen, daß die

erste Gruppe eines Abends an dem Hofe anklopfte und um Obdach bat. Die

Leute durften in der Scheune schlafen. Als die Tage vergingen, kam auch

die zweite Gruppe, und alle fanden Obdach auf Sellanraa. Die Linie

wurde am Hof vorbei weiter hinaufgeführt, aber die Leute kamen trotzdem

noch auf den Hof, um da zu übernachten. Und an einem Samstagabend

erschien der Ingenieur, um die Löhne auszuzahlen.

Als Eleseus den Ingenieur sah, bekam er Herzklopfen, und er schlich

sich zur Tür hinaus, um nicht nach dem farbigen Bleistift gefragt zu

werden. Ach, das war ein böser Augenblick, und Sivert kam auch nicht

heraus, an dem er ein wenig eine Stütze hätte haben können! Wie ein

bleiches Gespenst glitt Eleseus um die Hausecke; endlich traf er die

Mutter. Eleseus bat sie gleich, sie möchte Sivert herausschicken, er

konnte sich nicht anders helfen.

Sivert nahm die Sache weniger schwer, er hatte ja auch nicht die

große Schuld auf sich liegen. Die Brüder setzten sich in ziemlicher

Entfernung nieder, und Eleseus sagte: Wenn du es auf dich nehmen

würdest! -- Ich? sagte Sivert. -- Denn du bist soviel kleiner, dir

würde er nichts tun. -- Sivert überlegte, er sah, daß der Bruder in

großer Not war, und es schmeichelte ihm auch, daß Eleseus ihn brauchte.

-- Ich könnte dir vielleicht eine Handreichung tun, sagte er altklug.

-- Du mußt es tun! rief Eleseus und drückte einfach seinem Bruder das

Stückchen, das noch von dem farbigen Bleistift übrig war, in die Hand.

Es soll dir gehören, sagte er.

Sie wollten miteinander wieder hineingehen, aber Eleseus sagte, er habe

noch etwas am Sägewerk zu tun oder vielmehr im Mahlhaus, etwas, was

er nachsehen müsse, es gehe nicht so schnell, er werde kaum vor einer

guten Weile fertig sein. Sivert ging allein hinein.

Da saß der Ingenieur mit Silbergeld und Banknoten vor sich und zahlte

die Löhne aus. Als das geschehen war, setzte ihm Inger einen Topf Milch

nebst Glas vor, und er war dankbar dafür. Er trank. Dann plauderte er

mit der kleinen Leopoldine, und als er die Zeichnungen an den Wänden

sah, fragte er gleich, wer denn der Meister sei, der sie gemacht

habe. Bist du es? fragte er Sivert. Der Ingenieur wollte sich wohl

bei der Mutter für die Gastfreundschaft dankbar erweisen. Er erfreute

die Mutter, indem er die Zeichnungen lobte, und Inger gab eine gute

Erklärung. Ihre Buben hätten die Zeichnungen gemacht, beide Buben; bis

sie heimgekommen und dafür gesorgt habe, hätten die Kinder kein Papier

gehabt und deshalb die Wände bekritzelt, nun habe sie das Herz nicht,

es abzuwaschen. -- Laß es nur stehen, sagte der Ingenieur. Papier?

sagte er und legte eine Menge großer Bogen auf den Tisch. Da, zeichnet

nur weiter, bis ich das nächste Mal wiederkomme! Wie steht es denn mit

Bleistiften? -- Da trat Sivert ganz einfach mit dem Bleistiftstümpfchen

vor und zeigte, wie klein es war. Und siehe, er bekam einen neuen, noch

ungespitzten farbigen Bleistift! Zeichnet nur drauflos! Aber macht

lieber das Pferd rot und den Bock blau. Nicht wahr, du hast noch kein

blaues Pferd gesehen?

Dann ging der Ingenieur wieder fort.

Am selben Abend kam ein Mann vom Dorf herauf mit einem Ranzen auf dem

Rücken. Er gab einige Flaschen für die Arbeiter ab und entfernte sich

dann wieder. Aber nachdem er gegangen war, blieb es nicht mehr so still

auf Sellanraa; die Ziehharmonika ertönte, es wurde laut gesprochen und

gesungen und auf dem Hofplatz getanzt. Einer der Arbeiter forderte

Inger zu einem kleinen Drehum auf, und Inger -- ja, wer verstand sich

auf sie? Sie kicherte und tanzte wahrhaftig ein paarmal im Kreise

herum. Als dies getan war, wollten die andern auch mit ihr tanzen, und

da tanzte sie recht flott mit.

Wer verstand sich auf Inger! Hier tanzte sie nun vielleicht ihren

ersten seligen Tanz in ihrem Leben; man riß sich um sie, dreißig Männer

waren hinter ihr her, sie war allein, die einzige, die gewählt werden

konnte, keine andere stach sie aus. Und wie flott diese riesenhaften

Telegraphenarbeiter sie vom Boden aufhoben! Warum nicht tanzen? Eleseus

und Sivert schliefen schon drinnen in der Kammer wie Säcke trotz des

Tumultes auf dem Hofe, die kleine Leopoldine aber war noch auf und

stand dabei und sah mit großen verwunderten Augen den Sprüngen der

Mutter zu.

Isak war indessen die ganze Zeit nach dem Abendessen draußen auf dem

Feld gewesen. Als er wieder hereinkam, um zu Bett zu gehen, wurde ihm

aus einer Flasche zu trinken angeboten, und er trank auch ein wenig. Er

setzte sich, nahm Leopoldine auf den Schoß und sah dem Tanzen zu. Da

kannst du dich ordentlich herumschwingen! sagte er gutmütig zu Inger.

Da kannst du wahrlich die Füße regen!

Aber nach einer Weile hörte der Musikant auf zu spielen, und der Tanz

war vorbei. Die Arbeiter machten sich nun fertig, den noch übrigen Teil

der Nacht und den ganzen nächsten Tag im Dorf zu verbringen und erst

am Montagmorgen wiederzukommen. Bald lag Sellanraa wieder ganz still

da, nur ein paar ältere Männer blieben zurück und legten sich in der

Scheune schlafen.

Isak sah sich nach Inger um, damit sie hineingehe und Leopoldine zu

Bett bringe; als er sie dann nirgends erblickte, ging er hinein und

legte das Kind zu Bett. Und er selbst ging auch zur Ruhe.

Gegen Morgen erwachte er, aber Inger war nicht da. Ist sie im Stall?

dachte er. Dann stand er auf und ging in den Stall. Inger? fragte er.

Keine Antwort. Die Kühe drehten die Köpfe und sahen ihn an. Alles

war still. Aus alter Gewohnheit zählte er das Vieh, zählte auch das

Kleinvieh, das eine Mutterschaf blieb so gern die Nacht über draußen --

jetzt war es wieder draußen geblieben. Inger? fragte er wieder. Auch

jetzt keine Antwort. Sie ist doch sicher nicht ganz mit hinunter ins

Dorf gegangen, dachte er.

Die Sommernacht war hell und warm; Isak blieb eine Weile unter der

Haustür sitzen, dann stand er auf und ging in den Wald, um nach dem

Mutterschaf zu sehen. Er fand Inger. Inger hier? Ja, Inger und noch

einer. Sie saßen im Heidekraut, Inger ließ seine Schildmütze auf

ihrem Zeigefinger tanzen, sie sprachen miteinander, Inger war wieder

umworben.

Isak ging leise zu ihnen hin. Inger wendete sich um und sah ihn. Da

wurde sie weiß wie ein Leintuch, der Kopf sank ihr auf die Brust,

sie ließ die Mütze fallen, war vernichtet. -- Hm! Weißt du, daß das

Mutterschaf wieder fehlt? sagte Isak. Aber das weißt du natürlich

nicht, sagte er.

Der junge Telegraphenarbeiter hob seine Mütze auf und verzog sich

seitwärts in die Büsche. Ich muß wohl den anderen nachgehen, sagte er.

Ja, gute Nacht, sagte er und ging. Niemand erwiderte seinen Gruß.

So, du sitzest hier? sagte Isak. Mußt du hier sitzen?

Er wendete sich heimwärts, und Inger richtete sich auf die Knie auf;

sie kam auf die Füße und ging ihm nach. So gingen sie dahin, der Mann

voraus, die Frau hinterdrein, Tandem. Sie kamen heim.

Inger hatte wohl indessen Zeit gehabt, sich zu fassen. Und sie faßte

sich: Ich wollte gerade nach dem Mutterschaf sehen, sagte sie, denn ich

hatte gesehen, daß es nicht da war. Dann kam der Mann, er hat mir beim

Suchen geholfen. Wir hatten uns kaum hingesetzt gehabt, als du kamst.

Wo willst du jetzt hin?

Ich? Ich muß wohl nach dem Tier sehen.

Nein, jetzt sollst du zu Bett gehen. Und wenn noch jemand suchen soll,

so werde ich es tun. Geh du nur zur Ruhe, du kannst sie notwendig

brauchen. Im übrigen kann das Schaf auch draußen übernachten, das hat

es schon öfters getan.

Ja, um von Raubtieren aufgefressen zu werden, sagte Isak und ging.

Nein, du darfst nicht! rief sie und holte ihn ein. Du brauchst Schlaf,

ich will gehen.

Isak ließ sich überreden. Aber er wollte auch nichts davon hören, daß

Inger noch nach dem Schaf suchen sollte, und so gingen beide hinein.

Inger sah sofort nach den Kindern. Sie ging in die Kammer, trat an das

Bett und tat, als sei sie aus den erlaubtesten Gründen draußen gewesen,

ja, sie war nicht ganz frei davon, mit Isak ein wenig zu liebäugeln,

wie wenn sie von ihm noch eine ganz andere Zuneigung erwartete, als ihr

an dem ganzen Abend entgegengebracht worden war -- denn jetzt hatte er

ja eine volle Erklärung, meinte sie. Aber nein, danke! Isak war nicht

so leicht herumzubringen, er hätte es am liebsten gesehen, wenn sie so

recht betrübt gewesen wäre und nicht gewußt hätte, was sie vor Reue

tun sollte. Das hätte er am liebsten gesehen. Was war denn das, daß

sie im Wald draußen etwas zusammengesunken war, das ärmliche bißchen

Schrecken, als er sie im Wald entdeckt hatte -- was half das, wenn es

so schnell wieder verflog!

Am nächsten Tag, der doch ein Sonntag war, zeigte sich Isak noch

durchaus nicht versöhnt, er wanderte draußen umher, sah nach seinem

Sägewerk und seiner Mühle und betrachtete seine Felder, teils mit den

Kindern, teils allein. Als Inger sich einmal anzuschließen versuchte,

ging Isak gleich seines Wegs und sagte: Ich muß an den Fluß hinauf und

nach etwas sehen. Irgend etwas nagte offenbar an ihm, aber er trug es

in der Stille und donnerte nicht los. Oh, Isak war ein Großer, zum

Beispiel Israel, dem das gelobte Land wohl verheißen war, der jedoch

darum betrogen worden war, aber dennoch gläubig blieb.

Am Montag war die Stimmung bedeutend leichter, und als die Tage

vergingen, begann der ärgerliche Eindruck von jener Nacht sich

allmählich zu verwischen. Die Zeit macht gar vieles wieder gut, mit

Spucke und Lappen, mit Schlaf und Essen heilt sie alle Wunden. Isak war

nicht zum schlimmsten dabei gefahren, er hatte nicht einmal Gewißheit,

ob ihm Unrecht angetan worden war, außerdem hatte er an vieles andre

zu denken, denn jetzt fing die Ernte an. Und schließlich war ja die

Telegraphenlinie bald fertig, dann würde es wohl wieder ruhig auf dem

Hof werden. Eine breite helle Straße zog sich nun durch den Laubwald

hin, in ihrer Mitte standen die Stangen mit Drähten bis ganz hinauf

aufs Gebirge.

Am nächsten Samstag, an dem die letzte Lohnauszahlung stattfand,

richtete es Isak so ein, daß er von zu Hause abwesend war; er wollte

es selbst so. Er ging mit Butter und Käse ins Dorf hinunter und kam

erst in der Nacht zum Montag wieder zurück. Die Arbeiter hatten da

alle miteinander die Scheune verlassen, beinahe alle, der letzte Mann

schwankte mit einem Sack auf dem Rücken eben zum Hof hinaus, beinahe

der letzte Mann. Daß es doch noch nicht ganz sicher war, erriet Isak an

einer Eßkiste, die noch in der Scheune stand; wo der Eigentümer war,

wußte er nicht, wollte es auch nicht wissen, aber eine Schildmütze lag

als anstößiger Beweis auf der Eßkiste.

Isak schleuderte die Eßkiste auf den Hofplatz hinaus, und die Mütze

flog hinterdrein, dann schloß er die Scheune ab, ging in den Stall und

guckte durchs Fenster hinaus. Mag die Kiste da stehen und die Mütze da

liegen bleiben, dachte er wohl; es ist mir einerlei, wem sie gehören,

es ist eine schlechte Kiste, und ich verachte sie, dachte er wohl. Aber

wenn er jetzt seine Eßkiste holen will, dann wird Isak hinausgehen und

ihn ein wenig am Arm nehmen, daß er blau und grün wird. Und wo der Weg

zum Hof hinausgeht, das soll er auch erfahren!

Damit verließ Isak das Fenster im Pferdestall und ging zu den Kühen

hinein und sah von dort aus zum Fenster hinaus und fand keine Ruhe.

Die Kiste war mit einem Strick zusammengeschnürt, der jämmerliche

Kerl hatte nicht einmal ein Schloß daran; der Strick war aufgegangen

-- hatte Isak wohl die Kiste zu fest angepackt? Woher es auch kommen

mochte, aber Isak war nicht mehr so ganz sicher, ob er auch recht

gehandelt habe. Bei seinem Gang durchs Dorf hatte er nach seinem neuen

Reolpflug gefragt, einem besonders starken zum Umroden von Ödland, den

er bestellt hatte; oh, eine ausgezeichnete Maschine, eine Gottesgabe,

ja, und diese war eben angekommen! Da war es ihm gewesen, als komme

Segen mit ihr in sein Haus. Die höhere Macht, die die Schritte der

Menschen lenkt, war vielleicht jetzt nahe und sah ihm zu, ob er den

Segen verdiene oder nicht; Isak war immer mit den höheren Mächten

beschäftigt, ja, in einer Herbstnacht hatte er im Walde draußen Gott

mit eigenen Augen gesehen; das war vor allem ein merkwürdiger Anblick

gewesen.

Isak ging auf den Hofplatz hinaus und blieb bei der fremden Kiste

stehen. Noch überlegte er, ja, er schob seinen Hut schief und kratzte

sich am Kopfe, dabei sah er ganz keck und flott aus, wie ein Spanier

sah er aus. Aber dann mußte er ungefähr so gedacht haben: Ach, da

stehe ich und bin weit davon entfernt, ein prächtiger, ausgezeichneter

Mensch zu sein, ich bin ein Hund! Dann schnürte er den Strick um die

Kiste fest zu, hob die Mütze auf und trug beides wieder in die Scheune

hinein. Nun war es getan.

Als er wieder aus der Scheune heraustrat und sich nach der Mühle

wandte, weg von seinem Hause, weg von allem, da stand Inger nicht am

Fenster, nein. Nun wohl, mag sie stehen, wo sie will, übrigens war

sie wohl in ihrem Bett, wo hätte sie sonst sein sollen? Aber in den

alten Tagen, in den ersten unschuldigen Jahren auf der Ansiedlung, da

hatte Inger keine Ruhe gehabt, sondern war aufgeblieben und hatte auf

ihn gewartet, wenn er auf dem Heimweg vom Dorfe war. Das war jetzt

anders geworden, alles war anders geworden. Auch als er ihr den Ring

gab -- ach, hätte etwas mehr mißglückt sein können? Isak war übermäßig

bescheiden gewesen und weit entfernt, von einem echt goldenen Ring zu

sprechen. Es ist nichts Besonderes, hatte er gesagt, steck ihn einmal

an den Finger und probier, ob er dir paßt. -- Ist das Gold? fragte sie.

-- Ja, aber er ist nicht sehr breit, versetzte er. -- Doch! hätte sie

erwidern sollen, sie sagte indes: Nein, aber gerade recht. -- Du kannst

ihn ja jetzt behalten wie sonst eine Kleinigkeit, sagte er schließlich

niedergeschlagen.

Aber Inger war doch dankbar für den Ring, sie trug ihn an der rechten

Hand und ließ ihn funkeln, wenn sie nähte; ab und zu durften ihn die

Mädchen anprobieren und ihn eine Weile am Finger behalten, wenn sie bei

ihr waren und sie wegen eines neuen Kleides um Rat fragten. Begriff

denn Isak nicht, daß sie ungeheuer stolz auf den Ring war! ...

Aber es war sehr einsam, da in der Mühle zu sitzen und die ganze

lange Nacht dem Brausen des Sturzbaches zuzuhören. Isak hatte nichts

Unrechtes getan und brauchte sich nicht zu verstecken, er ging also von

der Mühle fort, heimwärts, in sein Haus. --

Und nun wurde Isak ganz beschämt, wahrlich beschämt und froh. Brede

Olsen saß da, der Nachbar, niemand anderer, er saß da und trank Kaffee.

Ja, Inger war auf, die beiden saßen nur beieinander und tranken Kaffee.

Da ist Isak! sagte Inger in freundlichem Ton, indem sie aufstand und

ihm auch eine Schale Kaffee einschenkte. Guten Abend! sagte Brede

ebenso freundlich.

Isak merkte wohl, daß Brede bei dem Abschiedsfest der

Telegraphenarbeiter mit dabei gewesen war; er sah übernächtigt aus,

aber das tat nichts, er war fröhlich und freundlich. Natürlich

tat er ein wenig groß: Eigentlich habe er keine Zeit zu dieser

Telegraphenarbeit, denn er habe ja seinen Hof, aber er habe nicht nein

sagen können, der Ingenieur sei so sehr in ihn gedrungen. Und dann habe

es ja auch dazu geführt, daß Brede nun die Inspektorstelle über die

Linie übernehmen müsse. Es sei nicht wegen der Bezahlung, sagte Brede,

er könnte im Dorf drunten viel mehr verdienen, aber er habe nicht

ungefällig sein wollen. Nun habe man ihm eine kleine glänzende Maschine

an der Wand angebracht, die sei ganz unterhaltend, fast ein Telegraph

selbst.

Isak konnte mit dem besten Willen über diesen Prahlhans und Faulpelz

nicht böse sein, dafür fühlte er sich zu erleichtert, als er an diesem

Abend anstatt eines Fremden seinen Nachbar in seinem Hause vorfand.

Isak hatte das Gleichgewicht des Bauern, dessen einfache Gefühle,

dessen Handfestigkeit, dessen Langsamkeit; er stimmte Brede zu und

nickte zu seiner Oberflächlichkeit. Hast du nicht noch eine Schale

Kaffee für Brede? fragte er Inger. Und Inger schenkte ein.

Übrigens erzählte Inger, der Ingenieur sei ein ganz ausgezeichnet

freundlicher Herr. Er habe sich die Zeichnungen und das Geschriebene

der Kinder angesehen und habe dann gesagt, er wolle Eleseus zu sich

nehmen. -- Zu sich nehmen? fragte Isak. -- Ja, mit in die Stadt. Er

solle für ihn schreiben, solle Schreiber auf seinem Büro werden, so

sehr hätten ihm Eleseus' Zeichnungen und das Geschriebene gefallen.

-- So, sagte Isak. -- Ja, was meinst du dazu? Er will ihn auch dort

konfirmieren lassen. Das sind doch schöne Aussichten, nicht wahr? --

Das meine ich auch, sagte Brede. Und soweit kenne ich den Ingenieur,

wenn der schon so etwas sagt, dann meint er es auch. -- Wir haben hier

auf der Ansiedlung keinen Eleseus, den wir entbehren könnten, sagte

Isak.

Nach diesen Worten wurde es eine Weile ganz still und unbehaglich in

der Stube. Natürlich war Isak nicht der Mann, mit dem sich reden ließ.

-- Wenn nun aber der Junge selbst vorwärtskommen will, und wenn er

das Genie hat, etwas Rechtes zu werden! sagte Inger schließlich. --

Wieder Stille. Doch nun sagte Brede lächelnd: Wenn doch der Ingenieur

eines von meinen Kindern nehmen wollte! Ich habe genug Kinder. Aber

das älteste ist die Barbro, und das ist ein Mädchen. -- Ja, ja, die

Barbro ist recht und gut, sagte Inger, um höflich zu sein. -- O ja,

daran fehlt es nicht, stimmte Brede bei, die Barbro ist ein tüchtiges

Mädchen, sie kommt jetzt zum Lensmann in Dienst. -- Zum Lensmann? --

Ja, ich habe es durchaus versprechen müssen. Die Frau Lensmann hat mir

gar keine Ruhe gelassen.

Es war jetzt schon gegen Morgen, und Brede rüstete sich zum Aufbruch.

-- Ich habe noch meine Mütze und meine Eßkiste in eurer Scheune stehen,

sagte er. Wenn nicht etwa die Burschen alles miteinander mitgenommen

haben, fügte er scherzhaft hinzu.

14

Und die Zeit verging.

Ja, natürlich kam Eleseus in die Stadt, Inger setzte es durch. Nachdem

er ein Jahr dort gewesen war, wurde er konfirmiert, dann blieb er fest

auf dem Büro des Ingenieurs und wurde immer tüchtiger im Schreiben.

Oh, was waren das für Briefe, die er heimschickte, bisweilen mit roter

und blauer Tinte geschrieben, die reinen Gemälde! Und wie die Sprache

darin, die Sätze! Ab und zu bat Eleseus um Geld, bat um Unterstützung:

er brauchte Geld zu einer Taschenuhr samt Kette, damit er am Morgen

nicht zu lange schlief; dann zu einer Pfeife und Tabak, wie es die

andern jungen Schreiber in der Stadt hatten; dann zu etwas, das er

Taschengeld nannte; dann zu etwas, das Abendschule hieß, wo er Zeichnen

und Turnen und andere für seinen Stand und seine Stellung notwendige

Dinge lernte. Alles in allem war Eleseus in einer Stellung in der Stadt

nicht billig zu haben.

Taschengeld? fragte Isak. Ist das Geld, das man in der Tasche hat?

-- Ja, das muß wohl so sein, man tut es wohl, damit man nicht ganz

leer daherkommt. Und es ist ja gar nicht so viel, ein Taler ab und

zu. -- Ganz richtig, ein Taler hier und ein Taler dort, antwortete

Isak zornig. Aber er war zornig, weil Eleseus ihm fehlte und er ihn

daheim haben wollte. Aber schließlich werden es viele Taler, fuhr er

fort. Ich kann das nicht leisten, du mußt ihm schreiben, daß er nichts

mehr bekommt. -- So, na ja, sagte Inger beleidigt. -- Der Sivert, was

bekommt denn der als Taschengeld? fragte Isak. -- Inger erwiderte: Du

bist nie in einer Stadt gewesen und verstehst das nicht, der Sivert

braucht kein Taschengeld. Und im übrigen kommt der Sivert nicht zu

kurz, wenn sein Oheim Sivert einmal stirbt. -- Das weißt du nicht. --

Doch, das weiß ich.

Und das war gewissermaßen richtig, der Oheim Sivert hatte sich dahin

ausgesprochen, daß Klein-Sivert ihn beerben solle. Oheim Sivert hatte

an Eleseus' Prahlerei und Vornehmtuerei in der Stadt Anstoß genommen,

er hatte genickt und die Lippen zusammengekniffen und gesagt, ein

Schwestersohn, der nach ihm genannt sei -- nach dem Oheim Sivert --

brauche keineswegs zu verhungern. Aber was besaß der Oheim Sivert wohl?

Besaß er neben seinem vernachlässigten Hof und seinem Bootsschuppen

auch noch einen so großen Haufen Geld, wie man allgemein annahm?

Niemand wußte es. Und dazu kam noch, daß Oheim Sivert ein eigensinniger

Mensch war, er verlangte, Klein-Sivert solle zu ihm kommen und bei

ihm bleiben. Oheim Sivert betrachtete das als Ehrensache: er wollte

Klein-Sivert zu sich nehmen, wie der Ingenieur Eleseus zu sich genommen

hatte. Aber wie sollte Klein-Sivert von zu Hause wegkommen? Das

war unmöglich. Er war des Vaters einzige Hilfe. Außerdem hatte der

Junge auch keine große Lust, zu dem Oheim zu gehen, dem berühmten

Bezirkskassierer; er war schon einmal dort gewesen, aber dann lieber

wieder heimgegangen. Er war jetzt konfirmiert, reckte und streckte sich

und wuchs heran, feiner Flaum sproßte ihm auf den Wangen, und er hatte

starke Hände mit Schwielen daran. Er schaffte wie ein Mann.

Isak hätte ohne Siverts Hilfe niemals die neue Scheune aufrichten

können, aber jetzt stand sie mit der Einfahrtsbrücke und den Luken

und allem ebenso groß da wie die Pfarrscheune selbst. Natürlich war

sie nur aus Fachwerk mit Bretterverschalung, aber besonders solid

gebaut mit eisernen Klammern an den Ecken und mit zolldicken Brettern

aus der eigenen Sägemühle verschalt. Ja, und da hatte Klein-Sivert

mehr als einen Nagel eingeschlagen und hatte die schweren Balken fürs

Sparrenwerk aufgehoben, daß er fast darunter umgesunken war. Sivert

verstand sich ausgezeichnet mit seinem Vater und arbeitete ständig

an seiner Seite, er war von des Vaters Art. Und er war nicht so fein

und so verwöhnt, sondern ging nur jedesmal, ehe er sich auf den Weg

zur Kirche machte, auf die Halde hinauf und rieb sich mit ein wenig

Rainfarn ab, um einen guten Geruch an sich zu haben. Da fing wahrlich

die kleine Leopoldine an, größere Ansprüche zu machen, was man ja auch

nicht anders erwarten konnte, da sie ein Mädchen und dazu die einzige

Tochter war. Jetzt im Sommer hatte sie ihre abendliche Grütze nicht

ohne Sirup darauf essen können, nein, das gewann sie nicht über sich.

Und sie leistete auch nicht viel bei der Arbeit.

Inger hatte den Gedanken an ein Dienstmädchen nicht aufgegeben, und

jeden Frühling hatte sie aufs neue davon angefangen, aber jedesmal war

Isak unnachgiebig geblieben. Wieviel mehr Kleider hätte sie zuschneiden

können, wieviel mehr nähen und feine Stoffe weben und gestickte

Pantoffeln fertigbringen, wenn sie Zeit gehabt hätte! Aber eigentlich

zeigte sich Isak gar nicht mehr so unnachgiebig wie früher, wenn er

auch noch brummte. Hoho, beim erstenmal hatte er eine lange Rede

gehalten, nicht aus Rechtsgefühl und Verständigkeit, auch nicht aus

Hochmut, sondern leider nur aus Schwäche, aus Wut. Aber jetzt war es,

als habe er etwas nachgegeben, und als schäme er sich.

Segen der Erde: Roman · 第 10 / 32 段