und schon so zutraulich ist; er redet mit ihr und sagt, sie müsse
vorsichtig auf den Acker treten, damit sie nicht die Schuhe voll Erde
bekomme. Ja, und was seh ich, du hast wahrhaftig heute ein blaues
Kleid an! Laß mich sehen, ja gewiß, es ist blau. Und einen Gürtel hast
du daran und alles miteinander. Kannst du dich an das große Schiff
erinnern, auf dem du hergefahren bist? Hast du die Maschine darin
gesehen? Ja, jetzt geh nur mit deinen Brüdern hinein, dann spielen sie
mit dir.
Seit Oline abgezogen ist, hat Inger ihre alte Arbeit in Haus und
Stall wieder übernommen. Sie übertreibt es vielleicht ein wenig mit
der Reinlichkeit und Ordnung, um zu zeigen, daß die Dinge jetzt eine
andere Art bekommen sollen, und es war auch merkwürdig, welche große
Veränderung bald mit allem vorging, sogar die Glasscheiben in der
Viehgamme wurden gewaschen und die Stände gescheuert.
Aber das war nur in den ersten Tagen, in der ersten Woche so, dann ließ
Inger nach. Eigentlich war es nicht nötig, im Stall alles so blitzblank
zu machen, die Zeit konnte besser angewendet werden. Inger hatte in der
Stadt viel gelernt, und dieses Wissen sollte ihr nun zugute kommen. Sie
nahm wieder Spinnrad und Webstuhl in Gebrauch, und wahrlich, sie war
noch geschickter und flinker geworden, etwas zu flink, hui! besonders
für Isak, wenn er ihr zusah; er begriff nicht, daß ein Mensch es
lernen konnte, so mit seinen Fingern umzugehen, diese langen, hübschen
Finger an Ingers großer Hand! Aber mittendrin gab Inger die eine
Arbeit auf und machte sich an eine andere. Jawohl, sie hatte jetzt
verschiedenes mehr zu besorgen als früher und in größerem Umfang,
vielleicht war sie auch nicht ganz so geduldigen Herzens wie einst,
etwas Unruhe hatte sich ihr wohl ins Herz geschlichen.
Gleich zuerst waren da die Blumen, die sie mitgebracht hatte, es
waren Knollen und Ableger, kleine Leben, an die auch gedacht werden
mußte. Die Fenster waren zu klein dafür, die Gesimse zu schmal, man
konnte da keine Blumentöpfe aufstellen, sie hatte auch keine Töpfe,
und Isak mußte ihr ganz kleine Kästen für Begonien, Fuchsien und Rosen
anfertigen. Und überdies genügte auch ein Fenster nicht, was war ein
Fenster für eine ganze Stube!
Und außerdem, sagte Inger, habe ich auch kein Bügeleisen. Ich sollte
ein Bügeleisen zum Plätten haben, wenn ich Kleider und Anzüge nähe;
niemand kann im Nähen etwas Ordentliches leisten, wenn er nicht eine
Art Plätteisen hat.
Isak versprach, den Schmied im Dorfe zu veranlassen, ein recht gutes
Bügeleisen zu schmieden. Oh, Isak wollte alles tun, wollte immer
nur tun, was Inger verlangte; denn das merkte er wohl, Inger hatte
sehr viel gelernt und war außerordentlich tüchtig geworden. Auch
ihre Sprache war eine andere geworden, eine bessere, gewähltere. Sie
rief ihn jetzt nie mehr mit den alten Worten: Komm herein und iß!
sondern sie sagte: Bitte zum Essen! Alles war anders geworden. In den
alten Tagen hatte er höchstens gesagt: Ja, und noch eine gute Weile
weitergearbeitet, ehe er hineinging. Jetzt antwortete er: Ja, danke,
und kam sofort. Die Liebe macht den Klugen dumm, manchmal antwortete
Isak: Danke, danke! Ja, gewiß war alles anders geworden, aber wurde es
nicht allmählich ein wenig zu vornehm? Wenn Isak in der Muttersprache
der Landwirtschaft redete und _Mist_ sagte, sagte Inger _Dung_, der
Kinder wegen.
Sie war sehr sorgfältig mit den Kindern, unterrichtete sie in allem und
brachte sie vorwärts; die kleinwinzige Leopoldine machte Fortschritte
im Häkeln und die Buben im Schreiben und in anderen Schulfächern,
sie würden also nicht ganz unvorbereitet in die Dorfschule kommen.
Besonders Eleseus war recht tüchtig geworden, der kleine Sivert dagegen
war, geradeheraus gesagt, nichts Besonderes, nur ein Spaßvogel, ein
Wildfang, er wagte es sogar, an der Nähmaschine seiner Mutter ein wenig
zu drehen und hatte mit seinem Taschenmesser auch schon am Tisch und an
den Stühlen herumgeschnitzelt. Jetzt war ihm schon mit der Wegnahme des
Taschenmessers gedroht worden.
Übrigens hatten die Kinder alle Tiere des Hofes zur Unterhaltung, und
Eleseus hatte außerdem noch seinen farbigen Bleistift. Er gebrauchte
ihn sehr vorsichtig und lieh ihn dem Bruder nur höchst ungern; mit der
Zeit waren indes alle Wände mit Zeichnungen bedeckt, und der Bleistift
wurde bedenklich kleiner. Schließlich sah sich Eleseus gezwungen,
Sivert auf Ration zu setzen und ihm den Bleistift nur noch am Sonntag
zu einer Zeichnung zu leihen. Das war nun nicht nach Siverts eigenem
Wunsch, aber Eleseus war nicht der Mann, der sich etwas abhandeln ließ.
Nicht gerade, weil Eleseus der Stärkere gewesen wäre, aber er hatte
längere Arme und konnte sich bei Streitigkeiten besser herauswinden.
Aber dieser Sivert! Ab und zu fand er ein Schneehuhnnest im Walde,
einmal redete er von einem Mäusenest und machte sich groß damit, wieder
einmal faselte er von einer Forelle im Fluß, die so groß sei wie ein
Mensch; aber es war die reine Erfindung von ihm, er war nicht ganz
frei davon, zu schwarz weiß zu sagen, aber sonst war er ein guter Kerl.
Als die Katze Junge bekam, war er es, der ihr Milch brachte, weil
sie Eleseus zu wütend anzischte, und Sivert wurde nicht müde, in die
unruhige Kiste hineinzuschauen, diese Heimstätte, wo es von kleinen
Pfoten wimmelte.
Und dann die Hühner, die er täglich beobachtete! Da war der große Hahn
mit seinem Kamm und seiner Federnpracht, die Hühner, die umherliefen
und gackerten und Sand aufpickten und nach dem Eierlegen plötzlich
ungeheuer verletzt zu schreien anfingen. Da war auch der große Widder.
Der kleine Sivert war jetzt im Vergleich zu früher sehr belesen, konnte
aber doch nicht von dem Widder sagen: Gott, welch eine römische Nase er
hat! Nein, das konnte er nicht. Aber Sivert konnte das, was besser war:
er kannte den Widder von klein auf, wo er noch ein kleines Lamm gewesen
war; er liebte ihn und war eins mit ihm, wie mit einem Verwandten,
einem Mitgeschöpf. Einmal war ein geheimnisvoller Ureindruck durch
seine Sinne geflattert, und das war ein Augenblick, den Sivert nie mehr
vergaß. Der Widder war draußen auf der Wiese und weidete, plötzlich
warf er den Kopf zurück und fraß nicht mehr, blieb nur stehen und
starrte geradeaus. Sivert sah unwillkürlich in dieselbe Richtung. --
Nein, nichts Merkwürdiges! Aber da fühlte Sivert etwas Merkwürdiges
in seinem Innern. Es ist fast, als sehe er in den Garten Eden hinein!
dachte Sivert.
Von den Kühen hatten die Kinder auch jeder zwei für sich, große,
schwer schreitende Tiere, gutmütige, freundliche Tiere, die sich von
den kleinen Menschenkindern jeden Augenblick einholen und streicheln
ließen. Dann war da das Schwein, weiß und peinlich sauber mit seiner
Person, wenn es gut gehalten wurde, das auf jeden Ton horchte, ein
Komiker, gierig auf sein Futter aus, dabei kitzlig und scheu wie ein
junges Mädchen. Und dann der Bock -- es war immer ein alter Ziegenbock
auf Sellanraa; wenn der eine das Leben lassen mußte, rückte ein anderer
an seine Stelle. Aber etwas so Bockmäßiges im Gesicht wie ein Bock!
Gerade in diesen Tagen hatte er auf sehr viele Geißen aufzupassen;
bisweilen jedoch wurde er seiner ganzen Gesellschaft überdrüssig und
legte sich, grüblerisch und langbärtig wie er war, auf den Boden, ein
Vater Abraham! Und dann plötzlich richtete er sich wieder auf die Knie
auf und trottete den Geißen nach. Wo er ging, hinterließ er eine Wolke
von scharfem Geruch.
Das tägliche Leben auf dem Hofe geht weiter. Wenn ein seltenes Mal ein
Wanderer, der über das Gebirge will, vorbeikommt und fragt: Und euch
geht es wohl gut?, da antwortet Isak und antwortet Inger: Ja, danke für
die Nachfrage!
Isak schafft und schafft, und für jede einzelne Arbeit zieht er den
Kalender zu Rat, er gibt auf den Mondwechsel acht und richtet sich nach
den Wetterzeichen, schafft, schafft.
Nun hat er ja durch das Ödland einen einigermaßen ordentlichen Weg
hergestellt, so daß er mit Wagen und Pferd bis ins Dorf hinunterfahren
kann, aber meist geht er lieber schwerbeladen zu Fuß, und da trägt
er dann Ziegenkäse oder Felle oder Birkenrinde, Butter und Eier,
lauter Waren, die er verkauft, und für die er andere Waren einholt.
Nein, im Sommer fährt er nicht oft, weil der Weg von Breidablick bis
vollends hinunter sehr schlecht ist. Er hat Brede Olsen aufgefordert,
beim Herstellen des Weges mit Hand anzulegen, und Brede hat es wohl
auch versprochen, aber nie Wort gehalten. Nun will Isak ihn nicht
noch einmal darum bitten. Lieber trägt er schwere Lasten auf seinem
Rücken. Inger sagt dann: Ich verstehe gar nicht, wie du das kannst! Du
hältst alles aus! Ja, er hielt alles aus. Er hatte Stiefel, die waren
so abenteuerlich dick und schwer, unter den Sohlen ganz mit Eisen
beschlagen, sogar die Schnürriemen waren mit Nietnägeln angeheftet --
schon das, daß ein Mann in solchen Stiefeln gehen konnte, war etwas
Merkwürdiges!
Als er nun wieder einmal ins Dorf hinuntergeht, trifft er an mehreren
Stellen kleine Gruppen von Arbeitern. Sie mauern steinerne Grundpfeiler
ein und stellen Telegraphenstangen auf. Die Leute sind teilweise
aus der Gemeinde, Brede Olsen ist auch dabei, obgleich er sich hier
niedergelassen hat, um Ackerbau zu treiben. Daß er Zeit übrig hat!
denkt Isak.
Der Aufseher fragt Isak, ob er Telegraphenstangen verkaufen wolle. --
Nein. -- Auch nicht gegen gute Bezahlung? -- Nein. -- Oh, Isak ging
es jetzt rascher von der Hand, er konnte nun schneller antworten.
Wenn er jetzt Stangen verkaufte, bekam er nur etwas mehr Geld, einige
Taler mehr, aber er hatte keinen Wald mehr, was für ein Vorteil war
dann dabei? Nun kommt der Ingenieur selbst herbei und wiederholt sein
Verlangen; aber Isak schlägt es auch ihm ab. -- Wir haben Stangen
genug, sagte der Ingenieur, aber es wäre uns nur bequemer, sie in
deinem Walde zu holen und die lange Herbeischaffung zu sparen. -- Ich
habe selbst zuwenig Stangen und Stämme, erwiderte Isak; ich wollte mir
übrigens ein kleines Sägewerk einrichten, denn ich habe keine Scheune
und keine Wirtschaftsgebäude.
Jetzt mischt Brede Olsen sich darein und sagt: Wenn ich du wäre,
würde ich die Stangen verkaufen, Isak. -- Da blitzten die Augen des
geduldigen Isak Brede wahrhaftig scharf an, und er erwiderte: Ja, das
glaube ich schon. -- Wieso? fragte Brede. -- Aber ich bin eben nicht
du, sagte Isak.
Einige von den Arbeitern kicherten ein wenig über diese Antwort.
Jawohl, Isak hatte einen besonderen Grund, seinen Nachbar etwas
zurückzuweisen, gerade heute hatte er nämlich drei Schafe auf
Breidablicks Grundstück gesehen, und das eine davon hatte Isak
wiedererkannt, das mit den flachen Ohren, das Oline im Tauschhandel
weggegeben hatte. Meinethalben mag Brede das Schaf behalten, dachte er
da und ging seines Weges weiter, meinethalben können Brede und seine
Frau sich an dem Schaf bereichern!
Und ganz richtig. Das Sägewerk hatte er auch immer im Kopf. O ja, schon
im Winter, als der Boden fest war, hatte er die große Kreissäge und
die notwendigen Beschläge, die ihm der Kaufmann von Drontheim hatte
kommen lassen, heraufgeschafft. Nun lagen diese Maschinenteile mit
Leinöl bestrichen, um sie gegen Rost zu schützen, in seinem Schuppen.
Einige von den Balken zum Sperrwerk hatte er auch schon herbeigefahren,
er hätte mit dem Aufrichten des Gebäudes jeden Tag anfangen können,
schob es aber noch hinaus. Was war das? Er begriff es nicht, nahmen
seine Kräfte etwa allmählich ab? Andere würden sich nicht darüber
wundern, aber ihm selbst kam es ganz unglaublich vor. War er schwindlig
geworden? Früher war er vor keiner Arbeit zurückgescheut, hatte er
sich denn verändert, seit er das Mahlhaus über einem ebenso großen
Wasserfall errichtet hatte? Er konnte sich ja Hilfe vom Dorf nehmen,
aber nun wollte er es erst einmal wieder allein versuchen und in den
nächsten Tagen damit anfangen; Inger sollte ein wenig mit Hand anlegen.
Er sprach mit Inger darüber. Hm, sagte er, wenn du einmal ein paar
Stunden Zeit übrig hast, könntest du mir bei dem Sägewerk helfen. --
Inger überlegte. Ja, wenn ich es einrichten kann, sagte sie. So, du
willst ein Sägewerk bauen? -- Ja, das ist meine Absicht. Ich habe es
mir jetzt genau überlegt. -- Ist es schwieriger als das Mahlhaus? --
Viel schwieriger, zehnmal schwieriger, prahlte er. Was denkst du denn?
Da muß alles bis aufs aller-, allergenaueste ineinanderpassen, und die
große Kreissäge muß in der Mitte laufen. -- Wenn du es nur zustande
bringst, Isak, entgegnete Inger in ihrer Gedankenlosigkeit. -- Isak
fühlte sich von diesen Worten gekränkt und erwiderte: Das wird sich ja
zeigen. -- Kannst du nicht einen in dieser Sache kundigen Mann zu Hilfe
nehmen? -- Nein. -- Nun, dann wirst du es auch nicht zustande bringen,
sagte sie und hielt nicht mit ihrer Meinung zurück.
Isak hob langsam die Hand an seinen Kopf, es war, als hebe ein Bär die
Tatze auf. -- Gerade das fürchte ich ja, daß ich es nicht fertigbringe,
sagte er, deshalb sollst du, die es versteht, ja auch Hand mit anlegen,
sagte er. -- Jawohl, da hatte der Bär getroffen, aber er errang keinen
Sieg damit. Inger warf den Kopf zurück, wurde widerspenstig und schlug
es ab, beim Sägewerk zu helfen. -- So, sagte Isak. -- Ja, soll ich
vielleicht im Fluß stehen und meine Gesundheit aufs Spiel setzen? Und
wer soll mit der Maschine nähen und das Vieh und den Haushalt und alles
miteinander versorgen? -- Nein, nein, sagte Isak.
Ach, aber es handelte sich ja nur um die vier Eckbalken und die zwei
Mittelbalken auf den beiden Langseiten, nur dazu hätte sie ihm helfen
sollen, sonst zu nichts! War denn Inger im tiefsten Innern während
ihres langen Stadtlebens so zimperlich geworden?
Jawohl, Inger hatte sich sehr verändert und dachte nicht mehr beständig
an ihr gemeinsames Beste, sondern an sich selbst. Wohl hatte sie
Kardätschen und Spinnrad und Webstuhl wieder in Gebrauch genommen, aber
sie saß viel lieber an ihrer Nähmaschine, und als der Schlosser ihr
ein Bügeleisen geschmiedet hatte, war sie fertig ausgerüstet, um sich
im Schneidern als regelrecht ausgebildet zu zeigen. Das war ihr Beruf.
Zuerst nähte sie ein paar Kleider für die kleine Leopoldine. Isak
gefielen sie, und er lobte sie vielleicht ein wenig zu sehr; Inger
deutete an, das sei noch gar nichts im Vergleich zu dem, was sie könne.
-- Aber sie sind zu kurz, sagte Isak. -- So werden sie in der Stadt
getragen, sagte Inger, das verstehst du eben nicht. -- Isak war also
zu weit gegangen, und er stellte Inger dafür ein Stück Tuch zu eigenem
Gebrauch in Aussicht. -- Tuch zu einem Mantel? fragte Inger. -- Ja,
oder wozu du es sonst willst. -- Inger entschied sich zu Tuch für einen
Mantel und beschrieb Isak, wie es sein sollte.
Aber als sie den Mantel fertig hatte, mußte sie auch jemand haben, dem
sie sich darin zeigen konnte; sie begleitete deshalb die beiden Jungen
ins Dorf, als sie dort in die Schule gebracht wurden. Und diese Reise
war nicht von geringem Nutzen, sie hinterließ Spuren.
Zuerst kamen sie an Breidablick vorüber, da kam die Frau mit ihren
Kindern heraus und starrte die Vorüberfahrenden an. Inger und ihre
beiden kleinen Jungen saßen auf dem Wagen, und sie fuhren wie
Herrenleute, die beiden Jungen kamen wahrhaftig in die Schule, und
Inger hatte einen Tuchmantel an! Bei diesem Anblick ging der Frau auf
Breidablick ein Stich durchs Herz, den Mantel konnte sie entbehren,
sie war gottlob nicht eitel, aber sie hatte selbst Kinder, das
große Mädchen Barbro, Helge, den Zweitältesten, und Katrine, alle
schulpflichtig. Natürlich waren die beiden älteren im Dorf schon in
der Schule gewesen, aber als die Familie aufs Moor und auf dieses
abgelegene Breidablick heraufzog, mußten ja die Kinder wieder Heiden
werden.
Hast du Lebensmittel für deine Buben mit? fragte die Frau. --
Lebensmittel, jawohl. Siehst du die Kiste da nicht? Das ist mein
Reisekoffer, den ich mitgebracht habe, und der ist ganz mit
Lebensmitteln angefüllt. -- Was hast du mitgenommen? -- Was ich
mitgenommen habe? Speck und Fleisch fürs Mittagessen und Butter und
Brot und Käse für die anderen Mahlzeiten. -- Ja, ihr habt es großartig
da droben, sagte die Frau, und ihre armen bleichwangigen Kinder
sperrten Augen und Ohren auf, als diese herrlichen Sachen aufgezählt
wurden. -- Wo willst du sie unterbringen? fragte die Frau weiter. --
Beim Schmied. -- So, sagte die Frau. Ja, die meinigen sollen jetzt
auch wieder in die Schule, und sie werden beim Lensmann wohnen. --
So, sagte Inger. -- Ja, oder beim Doktor oder beim Pfarrer. Brede ist
eben mit allen den Großen so gut bekannt, daher kommt es. -- Da strich
Inger ihren Mantel zurecht und schob etliche schwarzseidene Fransen
vorteilhaft hervor. -- Wo hast du den Mantel gekauft? fragte die Frau.
Hast du ihn mitgebracht? -- Ich habe ihn selbst genäht. -- Ja, es
ist, wie ich sage, ihr da droben sitzt bis über die Ohren in Geld und
Herrlichkeit.
Als Inger weiterfuhr, war ihr froh zumute, und sie war recht hochmütig,
und als sie ins Dorf kam, ließ sie das ein wenig zu sehr hervortreten,
jedenfalls nahm die Frau Lensmann Heyerdahl Ärgernis daran, daß sie
in einem Mantel ankam. Sie sagte, die Frau auf Sellanraa vergesse
offenbar, wer sie sei; ob sie denn vergessen habe, woher sie nach
sechsjähriger Abwesenheit gekommen war? Aber Inger hatte nun jedenfalls
ihren Mantel gezeigt, und weder die Frau des Kaufmanns noch die Frau
des Schmieds noch die Frau des Schullehrers würden etwas dagegen gehabt
haben, wenn sie selbst einen solchen Mantel besessen hätten; aber kommt
Zeit, kommt Rat.
Es dauerte gar nicht lange, bis Inger Kundschaft bekam. Einige Weiber
von der andern Seite des Gebirges kamen aus Neugier. Oline hatte wohl
gegen ihren Willen allerlei von Inger erzählt, und die nun kamen,
brachten Nachrichten von Ingers Heimatort mit; dafür wurde ihnen
aufgewartet, und sie durften die Nähmaschine sehen. Junge Mädchen kamen
zu zwei und zwei von der Gemeinde an der Küste herauf und berieten
sich mit Inger: es war Herbst, sie hatten zu einem neuen Kleid gespart,
und nun konnte ihnen Inger über die Mode in der Welt draußen Auskunft
geben, ja ab und zu auch den Stoff zuschneiden. Bei diesen Besuchen
lebte Inger auf, sie blühte förmlich, war freundlich und hilfreich und
dabei so tüchtig in ihrem Fach, daß sie aus freier Hand zuschneiden
konnte; bisweilen nähte sie auch lange Säume auf ihrer Maschine ganz
umsonst und gab dann den jungen Mädchen den Stoff zurück mit den
herrlich scherzhaften Worten: So, die Knöpfe kannst du jetzt selbst
annähen!
Später, im Herbst, wurde Inger sogar gebeten, ins Dorf herunterzukommen
und für die Großen zu nähen. Aber das konnte sie nicht, sie hatte ihre
Familie und das Vieh und die häuslichen Pflichten, und sie hatte kein
Dienstmädchen. Was hatte sie nicht? Ein Dienstmädchen!
Sie sagte zu Isak: Wenn ich eine Hilfe hätte, könnte ich ruhiger an
meiner Näharbeit bleiben. -- Isak verstand nicht, was sie meinte.
Hilfe? fragte er. -- Ja, Hilfe im Hause, ein Dienstmädchen. -- Da
drehte sich wohl alles im Kreise vor Isak, denn er lachte ein wenig
in seinen roten Bart und hielt es für Spaß: Jawohl, wir sollten ein
Dienstmädchen haben, sagte er. -- Das haben alle Hausfrauen in der
Stadt, versetzte Inger. -- Ach so, sagte Isak.
Seht, er war vielleicht nicht besonders froh und freundlich gestimmt,
nicht gut aufgelegt, denn nun hatte er mit dem Bau seines Sägewerks
angefangen, und es war nicht schnell vorwärtsgegangen; er konnte nicht
mit der einen Hand den Pfosten halten, ihn mit der andern wagerecht
leiten und zugleich die Schräghölzer befestigen. Aber als dann die
Jungen wieder von der Schule heimkamen, ging es besser, die guten
Jungen waren ihm eine große Hilfe. Sivert besonders war merkwürdig
gewandt beim Einschlagen der Nägel, aber Eleseus war tüchtiger beim
Loten mit der Schnur. Nach Verlauf von einer Woche hatten Isak und die
Jungen wirklich die Pfosten aufgerichtet und mit Schräghölzern so dick
wie Balken stark befestigt. Eine große Arbeit war bewältigt.
Es ging -- alles ging. Aber woher es auch kommen mochte, Isak war
jetzt an den Abenden oft müde. Es handelte sich ja nicht nur darum,
ein Sägewerk zu bauen und damit Punktum, alles andere mußte auch getan
werden. Das Heu war unter Dach, aber das Korn stand noch draußen
und färbte sich allmählich golden, bald mußte es geschnitten und
untergebracht werden, und auch die Kartoffelernte stand vor der Tür.
-- Aber Isak hatte eine ausgezeichnete Hilfe an seinen Jungen. Er
bedankte sich indes nicht bei ihnen, das war nicht Sitte unter Leuten
wie er und die Seinen, aber er war ungeheuer zufrieden mit ihnen. Ab
und zu, jedoch nur selten einmal, setzten sie sich wohl auch mitten in
der Arbeit zusammen und unterhielten sich miteinander, und da konnte
der Vater sich im Ernst mit den Jungen darüber beraten, was sie zuerst
und was nachher tun wollten. Das waren stolze Augenblicke für Eleseus
und Sivert, und sie lernten dabei wohl zu überlegen, ehe sie redeten,
um nicht unrecht zu bekommen. -- Es wäre doch schlimm, wenn wir das
Sägewerk nicht unter Dach brächten, ehe die Herbststürme einsetzen,
sagte der Vater.
Wenn nur Inger noch wie in den alten Tagen gewesen wäre! Aber Ingers
Gesundheit war wohl eben leider nicht mehr so gut wie früher, was ja
auch nach der langen Einsperrung nicht anders zu erwarten war. Daß
ihr Sinn sich verändert hatte, war eine Sache für sich, ach, sie war
jetzt so viel weniger nachdenklich, war gleichsam oberflächlicher,
leichtsinniger. Von dem Kinde, das sie umgebracht hatte, sagte sie: Ich
bin eine recht dumme Person gewesen, wir hätten sie operieren und ihren
Mund zunähen lassen können, dann hätte ich nicht nötig gehabt, sie zu
erwürgen. Und niemals ging sie hinaus in den Wald an ein kleines Grab,
wo sie einstmals die Erde mit den Händen zusammengescharrt und ein
kleines Kreuz darauf gesetzt hatte.
Aber Inger war keine unmenschliche Mutter, sie sorgte treulich für ihre
anderen Kinder, hielt sie in Ordnung, nähte für sie und konnte bis spät
in die Nacht hinein aufsitzen, um ihre Kleider zu flicken. Es war ihr
höchster Traum, daß etwas Rechtes aus ihnen werden sollte.
Dann wurde das Korn eingefahren, dann wurden die Kartoffeln
herausgehackt, und dann wurde es Winter. Ach nein, das Sägewerk kam
nicht unter Dach im Herbst! Aber da war nun nichts zu machen, es ging
ja auch nicht ums Leben, und bis zum Sommer kam wohl Zeit und Rat.
13
Und im Winter kam die gewohnte Arbeit an die Reihe, Holz wurde
gefahren, die Wirtschaftsgeräte und die Fuhrwerke wurden hergerichtet,
Inger versorgte das Haus, schaffte und nähte, und die Jungen waren
wieder für lange Zeit in der Schule. Seit mehreren Jahren schon hatten
sie miteinander ein Paar Schneeschuhe gehabt, und dies eine Paar hatte
für beide genügt, solange sie daheim gewesen waren. Da hatte der eine
gewartet, solange der andere lief, oder der eine stellte sich hinter
dem andern auf. Oh, es war gut gegangen, etwas Schöneres hatten sie
sich gar nicht vorstellen können, sie waren unschuldig. Aber drunten
im Dorf waren die Verhältnisse größer, in der Schule wimmelte es von
Schneeschuhen, ja, es zeigte sich, daß sogar die Kinder auf Breidablick
jedes ein eigenes Paar hatte. Da mußte schließlich Isak ein neues Paar
für Eleseus machen, und Sivert durfte die alten behalten.
Isak tat mehr, er kaufte den Jungen Winteranzüge und unzerreißbare
Stiefel. Aber als dies getan war, ging Isak zum Kaufmann und bestellte
einen Ring. -- Einen Ring? fragte der Kaufmann. -- Ja, einen
Fingerring. Ich bin so hoffärtig geworden, daß ich meiner Frau einen
Fingerring schenken will. -- Soll es ein silberner oder ein goldener
sein oder nur einer aus Messing, der im Goldbad gewesen ist? -- Es
soll ein silberner sein. -- Der Kaufmann überlegte lange, dann sagte
er: Wenn du das tun willst, Isak, und wenn du deiner Frau einen Ring
verehren willst, den sie zeigen kann -- so kaufe ihr einen goldenen
Ring. -- Was? sagte Isak laut. Aber im innersten Herzen hatte er wohl
selbst an einen goldenen Ring gedacht.