Stell das Essen auf den Tisch, Oline! sagte Isak, und er war vielleicht

ein wenig hochmütig, seit er auf Papier geschrieben hatte. Ihr müßt

eben vorliebnehmen, wie wir es haben! sagte er zu Geißler.

Es riecht gut nach Fleisch und Brühe, sagte Geißler. Da sieh her, Isak,

hier ist das Geld! -- Damit zog Geißler sein Taschenbuch heraus, das

dick und strotzend war, er nahm zwei Bündel Banknoten heraus, zählte

sie und legte sie auf den Tisch: Zähl selbst! sagte er.

Schweigen. Stille.

Isak! rief Geißler.

Ja. Na ja, sagte Isak, und er murmelte überwältigt: Das ist nun nicht

mein Anspruch -- nach allem, was Ihr schon getan habt. -- Es müssen

zehn Zehner und zwanzig Fünfer sein, sagte Geißler kurz. Ich hoffe, es

wird einmal viel mehr für dich herauskommen.

Da kam Oline wieder zu sich. Das Wunder war geschehen. Sie stellte das

Essen auf den Tisch.

Am nächsten Morgen ging Geißler nach dem Flusse und besah sich die

Mühle. Alles war klein und roh zusammengezimmert, ja, es war wie eine

Mühle für die Unterirdischen, aber stark und nützlich zum Gebrauch für

Menschen. Isak führte seinen Gast noch etwas weiter den Fluß hinauf und

zeigte ihm eine zweite Stromschnelle, wo er auch schon etwas gearbeitet

hatte; es sollte ein kleines Sägewerk werden, wenn ihm Gott die

Gesundheit erhielt.

Das einzige ist, daß wir hier so weit von der Schule entfernt sind,

sagte er. Ich muß die Jungen drunten im Dorf in Kost geben. -- Der

bewegliche Geißler sah darin keine größere Unannehmlichkeit. Gerade

jetzt lassen sich immer mehr Ansiedler hier in dieser Gegend nieder,

und dann kommt eine Schule her. -- Ach, das kommt wohl erst so weit,

wenn meine Kleinen groß sind. -- Und was tut's, wenn du sie drunten

unterbringst? Du fährst mit den Jungen und mit Lebensmitteln hinunter

und holst sie nach drei oder sechs Wochen wieder ab, das ist doch gar

nichts für dich. -- Nein.

Nein, eigentlich war es gar nichts, wenn Inger jetzt heim kam. Haus und

Hof, Nahrung und sonst viel Schönes hatte er, viel Geld hatte er also

jetzt auch und dazu eine eiserne Gesundheit. O diese Gesundheit, stark

und ungeschwächt in jeder Beziehung, die Gesundheit eines ganzen Mannes!

Als Geißler abgezogen war, begann Isak über viele hoffärtige Dinge

nachzudenken. Jawohl, denn dieser gute Geißler hatte zum Schlusse noch

die aufmunternden Worte gesagt, daß er Isak gleich Nachricht schicken

wolle, sobald er zum Telegraphen komme. In vierzehn Tagen kannst du

drunten auf der Post einmal nachfragen, hatte er gesagt. Das allein war

schon etwas Großen, und Isak machte sich nun daran, eine Sitzbank auf

seinem Karren zu verfertigen. Wahrhaftig einen Wagenstuhl, der zu den

Feldarbeiten abgenommen, aber wieder aufgesetzt wurde, wenn man ins

Dorf fuhr. Als jedoch der Wagenstuhl fertig war, sah er so weiß und

neu aus, daß er etwas dunkler angestrichen werden mußte. Und außerdem,

was war nicht alles zu machen! Der ganze Hof mußte angestrichen

werden. Hatte Isak nicht schon seit Jahren daran gedacht, eine große

Scheuer mit einer Einfahrtsbrücke zu bauen, um das Heu in den oberen

Raum hineinfahren zu können? Und hatte er nicht das Sägewerk bald

fertigstellen, sein ganzes Grundstück einfriedigen und ein Boot für den

Gebirgssee bauen wollen? Vieles hatte er sich vorgenommen. Aber es half

alles nichts, und wenn er auch seine Kräfte vertausendfachen könnte,

die _Zeit_ reichte nicht aus. Es war Sonntag, ehe er sich's versah, und

gleich darauf war es schon wieder Sonntag.

Aber anstreichen wollte er jedenfalls. Die Häuser standen ja jetzt so

nackt und grau da wie Häuser in Hemdärmeln. Er hatte noch Zeit vor der

Feldarbeit, es war ja noch gar nicht eigentlich Frühling, das Kleinvieh

war zwar schon draußen, aber der Boden war noch überall gefroren.

Isak packt einige Mandeln Eier ein, um sie zu verkaufen, geht ins Dorf

und kehrt mit Ölfarbe zurück. Sie reichte zu einem Gebäude, zu der

Scheune, diese wurde rot angestrichen. Er holt neue Farbe und gelben

Ocker fürs Wohnhaus. -- Ja, es ist, wie ich sage, hier wird's jetzt

vornehm, murmelt Oline täglich. O Oline, sie merkte wohl, daß ihre Zeit

auf Sellanraa bald zu Ende sein würde, sie war zäh und stark genug, es

zu ertragen, aber doch nicht ohne Bitterkeit. Isak seinerseits hielt

nun keine Abrechnung mehr mit ihr, obgleich sie in der letzten Zeit

gehörig stahl und unterschlug. Isak schenkte ihr sogar einen jungen

Widder, denn sie war ja eigentlich jetzt schon recht lange um wenig

Lohn bei ihm. Übrigens war Oline auch nicht schlecht gegen seine Kinder

gewesen; sie war nicht streng und rechtschaffen und dergleichen, aber

sie hatte eine bequeme Art für die Kinder, gab Rede und Antwort, wenn

sie fragten, und erlaubte ihnen fast alles. Kamen sie herbei, wenn sie

Käse machte, dann durften sie versuchen, und wenn sie an einem Sonntag

einmal vor dem Gesichtwaschen auskneifen wollten, dann ließ sie sie

laufen.

Als die Häuser mit der Grundfarbe angestrichen waren, holte Isak im

Dorf so viel Farbe, als er nur tragen konnte, und das war nicht wenig.

Dreimal strich er die Häuser an, und die Fensterkreuze und -rahmen

machte er weiß. Wenn er jetzt aus dem Dorfe zurückkam und sein Heim

da auf der Halde sah, war es ihm, als sehe er das Märchenschloß Soria

Moria vor sich! Das Ödland war bebaut und nicht mehr zu erkennen, Segen

ruhte darauf, Leben war entstanden aus einem langen Traum, Menschen

lebten da, Kinder spielten um die Häuser her. Bis hinauf zu den blauen

Bergen dehnte sich schöner großer Wald aus.

Und als Isak wieder einmal zum Kaufmann kam, gab dieser ihm

einen blauen Brief mit einem Wappen drauf, und der Brief kostete

fünf Schilling. Der Brief war ein Telegramm, das mit der Post

weitergeschickt worden war, und es war vom Lensmann Geißler. Nein,

dieser Geißler, was für ein merkwürdiger Mensch war er doch! Er

telegraphierte die wenigen Worte: Inger frei, kommt baldigst, Geißler.

Aber jetzt drehte sich der Kaufladen im Kreise vor Isak, und es

war, als wichen der Ladentisch und die Menschen weit, weit in den

Hintergrund zurück. Er fühlte mehr, als er es vernahm, daß er sagte:

Gott sei Lob und Dank! -- Du kannst sie möglicherweise schon morgen

hier haben, wenn sie zeitig genug von Drontheim abgereist ist. -- So,

sagte Isak.

Er wartete bis zum nächsten Tag. Das Boot, das die Post von der

Dampfschiffstation mitbrachte, kam allerdings, aber Inger war nicht an

Bord. -- Dann kann sie erst in der nächsten Woche hier sein, sagte der

Kaufmann.

Es war fast gut, daß Isak so viel Zeit vor sich hatte, denn es war

noch sehr viel zu tun. Sollte er alles vergessen und seine Felder

vernachlässigen? Er geht heim und fährt den Dung hinaus. Das ist

bald geschehen. Er sticht mit dem Spaten in die Erde und verfolgt

das Auftauen von Tag zu Tag. Die Sonne steht jetzt kräftig und groß

am Himmel, der Schnee ist verschwunden, es grünt überall, auch das

Rindvieh ist aus dem Stalle. An einem Tag pflügt Isak, ein paar Tage

darauf sät er sein Korn und legt Kartoffeln. Die kleinen Jungen legen

die Kartoffeln wie mit Engelshänden, sie haben sehr geschickte Hände

und kommen dem Vater weit voraus.

Dann wäscht Isak seinen Wagen am Fluß und befestigt den Sitz darauf.

Dann spricht er mit den Kindern von einem Ausflug, den er nach dem

Dorfe machen müsse. -- Aber gehst du denn nicht zu Fuß? fragen sie. --

Nein, ich habe die Absicht, diesmal mit Wagen und Pferd zu fahren. --

Dürfen wir nicht auch mitfahren? -- Nein, ihr müßt artige Jungen sein

und diesmal zu Hause bleiben. Jetzt kommt eure Mutter heim, und dann

könnt ihr vieles bei ihr lernen. -- Eleseus, der gerne lernen will,

fragt: Als du damals auf Papier geschrieben hast, wie war denn das? --

Ich habe es fast nicht gefühlt, antwortete der Vater, es ist, als sei

die Hand ganz leer dabei. -- Will sie nicht davonlaufen, gerade wie auf

dem Eis? -- Wer? -- Die Feder, mit der du geschrieben hast? -- O doch.

Jawohl, aber man muß eben lernen, sie zu lenken.

Der kleine Sivert jedoch war von anderer Art und sagte nichts von der

Feder, er wollte aufsitzen, wollte nur auf dem Wagenbrett sitzen, einen

unbespannten Wagen antreiben und ungeheuer schnell fahren. Er brachte

es so weit, daß der Vater beide Jungen ein großes Stück Wegs mitfahren

ließ.

11

Isak fährt, bis er an ein Moorloch kommt. Da hält er an. Ein schwarzes,

tiefes Moorloch, die blaue Wasserfläche liegt regungslos da; Isak

wußte, wozu sie gut war, er hatte wohl kaum je in seinem Leben einen

anderen Spiegel gebraucht als ein solches Moorloch. Seht, er ist heute

in seinem roten Hemd sehr hübsch und ordentlich angezogen, jetzt

zieht er eine Schere heraus und schneidet sich den Bart. Der eitle

Mühlengeist, wollte er sich geradezu prachtvoll machen und sich von

seinem fünf Jahre alten Vollbart trennen? Er schneidet und schneidet

und besieht sich im Wasser. Natürlich hätte er diese Arbeit heute auch

daheim verrichten können; aber er scheute sich vor Oline, es war schon

sehr viel gewesen, daß er gerade vor ihrer Nase das rote Hemd angezogen

hatte. Er schert und schert, ein gutes Teil Barthaare fallen auf den

Spiegel. Als das Pferd nicht länger ruhig stehen will, hört er auf und

erklärt sich für fertig. O jawohl, er fühlt sich bedeutend jünger. --

Ja zum Kuckuck, wenn er es verstand, auch bedeutend schlanker sogar.

Dann fährt er ins Dorf.

Am nächsten Tag kommt das Boot. Isak sitzt auf einem Felsblock neben

dem Schuppen des Kaufmanns und späht hinaus, aber auch diesmal

erscheint Inger nicht. Lieber Gott, es stiegen ziemlich viel Reisende

aus, Erwachsene und Kinder, aber Inger war nicht darunter. Isak hatte

sich im Hintergrund gehalten, sich auf diesen Felsblock gesetzt, nun

hatte er keinen Grund mehr, noch länger da sitzenzubleiben, und so

ging er zum Boot hin. Immer noch kamen Kisten und Tonnen, Leute und

Postsachen aus dem Achtriemer heraus, aber Isak sah Inger nicht.

Dagegen sah er eine Frau mit einem kleinen Mädchen, die schon drüben an

der Tür des Bootshauses stand, aber die Frau war hübscher als Inger,

obgleich Inger nicht häßlich war. -- Aber wie -- das _war_ ja Inger.

Hm! sagte Isak und eilte hinüber. Sie begrüßten einander; Inger sagte

guten Tag und reichte ihm die Hand, etwas erkältet und blaß noch von

der Seekrankheit und der Reise. Isak stand ganz still da, schließlich

sagte er: Ja, es ist recht schönes Wetter! -- Ich habe dich gut dort

drüben gesehen, sagte Inger, aber ich wollte mich nicht durchdrängen.

Bist du heute ohnedies im Dorf? fragte sie. -- Ja. Hm. -- Es geht

euch allen doch wohl gut? -- Ja, danke der Nachfrage. -- Dies ist die

Leopoldine, sie ist auf der Reise viel wohler gewesen als ich. Sieh,

das ist dein Vater, nun mußt du deinen Vater begrüßen, Leopoldine. --

Hm! sagte Isak auch jetzt wieder; es war ihm höchst sonderbar zumute,

oh, er war ein Fremder unter ihnen. -- Inger sagte: Wenn du am Boot

drunten eine Nähmaschine siehst -- sie gehört mir. Und dann habe ich

noch eine Kiste. -- Isak ging sofort; mehr als gerne ging er. Die

Bootsleute zeigten ihm die Kiste, aber wegen der Nähmaschine mußte

Inger selbst kommen und sie heraussuchen. Es war ein schöner Kasten von

unbekannter Form, mit einem runden Deckel und einem Henkel zum Tragen

-- eine Nähmaschine in dieser Gegend! Isak lud sich die Kiste und die

Nähmaschine auf und sagte zu seiner Familie: Ich laufe rasch mit diesem

hinauf ins Dorf, komme aber gleich wieder und trage dann sie, sagte

er. -- Wen tragen? fragte Inger lächelnd. Meinst du, das große Mädchen

könne nicht gehen?

Sie gingen miteinander zu dem Pferd und dem Wagen hin. Hast du ein

neues Pferd gekauft? fragte Inger. Und hast du einen Wagen mit

einem Wagenstuhl? -- Ja, das versteht sich. Doch was ich sagen

wollte: Möchtest du nicht erst ein wenig essen? Ich habe Mundvorrat

mitgebracht. -- Das kann warten, bis wir das Dorf hinter uns haben,

sagte sie. Was meinst du, Leopoldine, kannst du allein da sitzen? --

Aber das wollte der Vater nicht leiden. Nein, sie könnte auf die Räder

herunterfallen. Setz du dich mit ihr hinauf und nimm selbst die Zügel.

So fuhren sie ab, und Isak ging hinter dem Wagen her.

Er betrachtete die beiden auf dem Wagen. Da war nun Inger gekommen,

fremd nach Anzug und Aussehen, vornehm, ohne Hasenscharte, nur mit

einem roten Streifen auf der Oberlippe. Sie zischte nicht mehr, das war

das Merkwürdige, sie sprach ganz rein. Ein grau und rot gestreiftes

wollenes Kopftuch mit Fransen daran sah prachtvoll aus zu ihrem dunklen

Haar. Sie wendete sich auf dem Sitz um und sagte: Es wäre gut, wenn du

ein Fell mitgebracht hättest, es kann heute abend kühl für das Kind

werden. -- -- Sie kann meine Jacke haben, und wenn wir erst im Wald

sind, so ist dort ein Fell, ich habe es dort hinterlegt. -- So, du hast

ein Fell im Wald! -- Ja, ich habe es nicht den ganzen Weg auf dem Wagen

mitnehmen wollen, falls ihr heute nicht gekommen wäret. -- So. Was

hast du gesagt, geht es den beiden Jungen auch gut? -- Jawohl, danke

der Nachfrage. -- Sie werden jetzt groß sein, das kann ich mir denken.

-- Ja, daran fehlt's nicht. Sie haben jetzt gerade die Kartoffeln

gelegt. -- Ach so, sagte die Mutter und schüttelte den Kopf. Können sie

schon Kartoffeln legen? -- Eleseus geht mir bis hierher und Sivert bis

hierher, versetzte Isak und maß an sich.

Die kleine Leopoldine bat um etwas zu essen. Ach, das nette kleine

Geschöpf, ein Marienkäferchen auf einem Fuhrwerk. Sie sprach mit einem

singenden Tonfall, in einer merkwürdigen Sprache von Drontheim, der

Vater mußte es sich bisweilen übersetzen lassen. Sie hatte dieselben

Züge wie die Jungen, die braunen Augen und die länglichen Wangen,

die alle drei Kinder von der Mutter geerbt hatten; die Kinder waren

der Mutter Kinder, und das war gut so! Isak war seinem Töchterchen

gegenüber ein wenig schüchtern, angesichts ihrer kleinen Schuhe, der

langen dünnen Wollstrümpfe und des kurzen Kleides! Als sie den fremden

Vater begrüßte, hatte sie sich verneigt und ihm ein winziges Händchen

hingereicht.

Im Walde angekommen, rasteten sie und aßen, das Pferd bekam sein

Futter, und Leopoldine hüpfte mit ihrem Brot in der Hand im Heidekraut

umher.

Du hast dich nicht sehr verändert, sagte Inger, indem sie ihren Mann

betrachtete. -- Isak sah auf die Seite und antwortete: So, meinst du?

Aber du bist sehr vornehm geworden! -- Haha! Nein, ich bin jetzt alt,

erwiderte sie so recht scherzhaft. -- Es war offenbar, Isak fühlte sich

nicht recht sicher, er blieb zurückhaltend, war wie verschüchtert. Wie

alt war wohl seine Frau? Sie konnte nicht jünger als dreißig sein --

das heißt, sie konnte nicht mehr sein, unmöglich. Und obgleich Isak

aß, riß er doch ein Zweiglein Heidekraut ab und kaute auch daran. Was,

ißt du auch Heidekraut? rief Inger lachend. Isak warf das Heidekraut

weg und steckte einen Bissen in den Mund, dann ging er hin und hob das

Pferd vorne in die Höhe. Inger folgte diesem Auftritt mit Erstaunen,

sie sah, daß das Pferd auf zwei Beinen stand. -- Warum tust du das?

fragte sie. -- Es ist so zutraulich, sagte er von dem Pferd und ließ es

wieder los. Warum hatte er das nur getan? Er hatte wohl eine mächtige

Lust dazu verspürt. Vielleicht hatte er seine Verlegenheit dahinter

verbergen wollen.

Dann brachen sie wieder auf, und alle drei gingen eine Strecke zu

Fuß. Eine Ansiedlung kam in Sicht. Was ist das? fragte Inger. -- Das

ist Bredes Grundstück, er hat es gekauft. -- Brede? -- Und es heißt

Breidablick! Es sind große Moore da, aber wenig Wald. -- Als sie an

Breidablick vorbei waren, sprachen sie weiter darüber, Isak aber hatte

gesehen, daß Bredes Wagen unter freiem Himmel stand.

Doch jetzt wurde das Kind schläfrig, da nahm der Vater es fürsorglich

auf den Arm und trug es. Sie wanderten weiter, Leopoldine war bald

eingeschlafen, und Inger sagte: Nun legen wir sie in dem Fell auf den

Wagen, dann kann sie schlafen, solange sie will. -- Sie wird da so sehr

gerüttelt, meinte der Vater und wollte sie lieber tragen. Sie kommen

über das Moor und in den Wald hinein, und Ptro sagt Inger. Sie hält

das Pferd an, nimmt Isak das Kind ab und sagt, er solle die Kiste und

die Nähmaschine zusammenrücken, dann könne Leopoldine hinten im Wagen

liegen. Da wird sie gar nicht geschüttelt und gerüttelt, was ist das

für Unsinn! -- Isak tut, wie sie sagt, hüllt seine kleine Tochter in

das Fell und schiebt ihr seine Jacke unter den Kopf. Dann fahren sie

weiter.

Der Mann und die Frau gehen zu Fuß und reden von Verschiedenem. Die

Sonne scheint bis spät am Abend, und das Wetter ist warm. Oline --

wo schläft sie für gewöhnlich? fragt Inger. -- In der Kammer. -- So,

und die Buben? -- Die liegen in ihrem eigenen Bett in der Stube.

Es sind zwei Bettladen in der Stube, noch genau so wie damals, als

du fortgegangen bist. -- Ich betrachte dich immerfort, sagt Inger,

du siehst genau so aus wie früher. Und allerlei Lasten haben deine

Schultern durchs Ödland heraufgetragen, aber sie sind darum nicht

schwächer geworden. -- O nein. Aber was ich sagen wollte: ist es dir in

allen den Jahren erträglich gegangen? -- Oh, Isak war ganz bewegt, bei

dieser Frage zitterte ihm die Stimme. Inger antwortete, ja, sie könne

nicht klagen.

Es kam zu einer gefühlvollen Aussprache zwischen ihnen, und Isak

fragte, ob sie nicht müde sei und lieber fahren wolle. -- Nein, danke,

antwortete Inger. Aber ich weiß nicht, was mit mir ist, seit sich die

Seekrankheit ganz verzogen hat, bin ich immerfort hungrig. -- Möchtest

du noch etwas essen? -- Ja, wenn ich uns nicht zu sehr aufhalte. O

diese Inger, sie selbst war wohl nicht hungrig, aber sie gönnte Isak

noch etwas, er hatte ja seine letzte Mahlzeit mit dem Heidekrautstengel

unterbrochen.

Da der Abend warm und hell war und sie noch einen weiten Weg vor sich

hatten, fingen sie wieder an zu essen.

Inger holte ein Paket aus ihrer Kiste heraus und sagte: Ich habe ein

paar Sachen für die kleinen Buben. Komm, wir wollen zu dem Gebüsch

hinübergehen, da ist es sonnig. -- Sie setzten sich unter das Gebüsch,

und Inger zeigte die Sachen für die Jungen: hübsche Hosenträger mit

Schnallen daran, Schreibbücher mit Vorschriften darin, für jeden einen

Bleistift, ein Taschenmesser für jeden. Für sich selbst hatte sie ein

ausgezeichnetes Buch. Hier sieh, mein Name steht darauf, es ist ein

Andachtsbuch. Sie hatte es von dem Direktor zur Erinnerung bekommen.

Isak bewunderte alles mit leisen Worten. Sie zeigte auch eine Anzahl

Kragen, die Leopoldine gehörten, und Isak gab sie ein schwarzes, wie

Seide glänzendes Halstuch. -- Soll ich das haben? fragte er. -- Ja, das

bekommst du. -- Isak nahm es vorsichtig in die Hand und strich darüber

hin. -- Ist es nicht hübsch? -- Ach, hübsch! Damit könnte ich in der

ganzen Welt umherreisen! Aber seine Finger waren so rauh, daß sie an

der merkwürdigen Seide überall hängen blieben.

Jetzt hatte Inger nichts mehr vorzuweisen, aber als sie wieder

zusammenpackte, saß sie so, daß ihre Waden in den rotgestreiften

Strümpfen zum Vorschein kamen. -- Hm! Das sind wohl Stadtstrümpfe?

fragte er. -- Ja, es ist Garn aus der Stadt, aber ich habe sie selbst

geknüpft -- gestrickt, wie wir dort sagten. Es sind ganz lange

Strümpfe, bis über die Knie, sieh her ... Kurz darauf hörte sie sich

selbst flüstern: Du -- du bist noch ganz derselbe -- wie früher!

Eine Weile später fuhren sie weiter, Inger sitzt jetzt droben und lenkt

das Pferd. Ich habe auch ein Paket Kaffee mitgebracht, sagt sie, aber

heute abend kannst du ihn nicht mehr versuchen, denn er ist noch nicht

gebrannt. -- Du sollst dich auch nicht damit plagen, erwidert er.

Wieder nach einer Weile ist die Sonne untergegangen, und es wird kühl.

Inger will absteigen und gehen. Sie decken Leopoldine dichter mit dem

Fell zu und lächeln darüber, daß sie so lange schlafen kann. Dann

unterhalten sich Mann und Frau wieder im Weitergehen. Es ist ein wahres

Vergnügen, Inger jetzt sprechen zu hören, niemand hätte besser sprechen

können, als Inger jetzt sprach.

Haben wir nicht vier Kühe? fragt sie. -- O nein, wir haben jetzt mehr,

antwortet er stolz, wir haben acht. -- _Acht_ Kühe! -- Ja, wenn man den

Stier mitrechnet. -- Habt ihr Butter verkauft? -- O ja, und Eier. --

Haben wir denn auch Hühner? -- Ja, das versteht sich. Und ein Schwein.

-- Inger muß sich über die Maßen verwundern, sie kann das Gehörte kaum

fassen und hält einen Augenblick das Pferd an: Ptro! Und Isak ist stolz

und legt es darauf an, sie ganz zu überwältigen. Der Geißler, sagt er,

du weißt, der Geißler, der ist vor kurzem hier gewesen. -- So? -- Ja,

und er hat uns einen Kupferberg abgekauft. -- So, was ist denn das,

ein Kupferberg? -- Ein Berg aus Kupfer. Er liegt droben im Gebirge

an der ganzen Nordseite des Sees. -- So. Und das ist etwas, für das

du eine Bezahlung bekommen hast? -- Jawohl, der Geißler ist nicht der

Mann, der nicht bezahlt. -- Was hast du bekommen? -- Hm. Du wirst es

nicht glauben wollen, aber es sind zweihundert Taler. -- Die hast du

bekommen! ruft Inger und hält wieder einen Augenblick das Pferd an:

Ptro! -- Habe ich bekommen, jawohl. Und den Hof habe ich auch längst

bezahlt. -- Ach, du bist großartig!

Es war in Wahrheit ein Vergnügen, Inger in Verwunderung zu setzen und

sie zu einer reichen Frau zu machen; deshalb fügte Isak noch hinzu, daß

er auch weder beim Kaufmann noch bei sonst jemand Schulden stehen habe.

Und er habe nicht allein Geißlers zweihundert Taler noch unberührt

daliegen, sondern noch mehr, noch hundertsechzig Taler darüber. Sie

hätten also allen Grund, Gott dankbar zu sein. Sie sprachen noch

weiter von Geißler, und Inger konnte Aufklärung über das geben, was

er für ihre Freilassung getan hatte. Es war doch nicht alles so glatt

gegangen; er hatte lange damit zu tun gehabt und war sehr oft beim

Direktor gewesen. Geißler hatte auch ein Schreiben an die Staatsräte

selbst oder an einige andere von der Behörde geschickt, aber das hatte

er hinter dem Rücken des Direktors getan, und als der Direktor das

erfuhr, war er böse geworden und hatte sich gekränkt gefühlt, was ja

auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Aber Geißler hatte sich

dadurch nicht einschüchtern lassen, er verlangte ein neues Verhör und

ein neues Gerichtsverfahren und alles miteinander. Und da hatte der

König unterschreiben müssen.

Der frühere Lensmann Geißler war für diese beiden Menschen immer ein

guter Herr gewesen, und sie hatten sich oft besonnen, aus welchem

Grunde er es wohl getan haben mochte, er hatte alles miteinander um

den einfachen Dank getan, es war nicht zu begreifen. Inger hatte in

Drontheim mit ihm gesprochen, war aber dadurch nicht klüger geworden.

Alle andern in der Gemeinde sind ihm ganz einerlei, ausgenommen wir,

erklärte Inger. -- Hat er das gesagt? -- Ja, er ist wütend auf die

Gemeinde hier. Und er werde es ihr schon noch zeigen! sagte er. -- So.

-- Und sie würden es schon noch bereuen, daß sie ihn verloren hätten,

sagte er.

Jetzt kamen sie aus dem Wald heraus, und da lag Sellanraa vor ihnen. Es

waren mehr Gebäude als früher, die Häuser waren hübsch angestrichen;

Inger kannte sich nicht mehr aus und hielt jäh an: Du willst doch nicht

sagen, daß das da -- daß das da bei uns ist! rief sie aus.

Die kleine Leopoldine erwachte endlich und richtete sich auf. Sie war

ganz ausgeruht, wurde heruntergehoben, durfte zu Fuß gehen! Gehen wir

dorthin? fragte sie. -- Ja, ist es nicht schön?

Drüben am Haus bewegten sich kleine Gestalten; das waren Eleseus und

Sivert, die Ausguck hielten, nun kamen sie dahergelaufen. Inger schien

plötzlich erkältet zu sein, sie hatte heftigen Husten und Schnupfen.

Ja, die Erkältung zog ihr sogar in die Augen, sie standen voll Wasser.

Man erkältet sich so leicht an Bord, ganz nasse Augen bekommt man vor

lauter Schnupfen.

Aber als die kleinen Burschen näher herankamen, hielten sie mitten in

ihrem Lauf inne und starrten nur noch. Wie ihre Mutter aussah, das

hatten sie vergessen, und ihre kleine Schwester hatten sie ja noch nie

gesehen. Aber der Vater -- ihn erkannten sie erst wieder, als er ganz

nahe herangekommen war. Er hatte sich seinen großen Bart abgeschnitten.

12

Nun ist alles gut. Isak sät seinen Hafer, eggt ihn und führt die Walze

darüber. Leopoldine kommt heraus und will auf der Walze sitzen. Was,

auf einer Walze sitzen -- sie ist so klein und kennt so was gar nicht,

ihre Brüder wissen es besser, es ist ja kein Sitz auf Vaters Walze.

Segen der Erde: Roman · 第 8 / 32 段