Und vieles andere Gute lehrte Isak seine Kinder. Sie waren jetzt

so alt, daß sie in die Schule gehen sollten, aber die Schule war

drunten im Dorfe, viele Meilen entfernt und nicht zu erreichen. An

den Sonntagen hatte Isak den Kindern selbst das Abc beigebracht, aber

irgendeinem höheren Unterricht war er nicht gewachsen, nein, dazu

war dieser geborene Landmann nicht geschaffen. Der Katechismus, die

biblische Geschichte lagen deshalb ruhig auf dem Wandbrett neben den

Ziegenkäsen. So wie Isak die Kinder heranwachsen ließ, mußte er wohl

denken, Unkenntnis in Buchweisheit sei für den Menschen bis zu einem

gewissen Grad eine Kraft. Beide Jungen waren ihm eine Herzensfreude;

Isak mußte oft daran denken, wie ihre Mutter, als sie noch ganz klein

waren, ihm verboten hatte, sie anzufassen, weil er Harz an den Händen

habe. Oh, Harz, das Reinste auf der Welt! Teer und Ziegenmilch und

zum Beispiel Mark -- sind auch gesund und vortrefflich; aber Harz,

Tannenharz -- o schweigt!

Ja, da gingen also die Kinder in einem Paradies von Schmutz und

Unwissenheit umher; aber es waren hübsche Kinder, wenn sie sich ein

seltenes Mal wuschen, und Klein-Sivert war geradezu ein Prachtkerl;

aber Eleseus war feiner und tiefer angelegt. -- Ja, aber woher können

die Möwen wissen, daß ein Sturm droht? fragte er. -- Sie werden

wetterkrank, antwortete der Vater. Aber außerdem sind sie nicht mehr

wetterkrank als die Fliegen, fuhr er fort, was diese auch haben mögen,

ob sie Gicht bekommen oder ob ihnen schwindlig wird oder so etwas.

Aber schlagt nie nach einer Fliege, denn dann wird sie nur schlimmer,

sagte er. Vergeßt das nicht, Jungen! Die Bremse ist von anderer Art,

sie stirbt von selbst. Ganz unversehens kommt die Bremse im Sommer

eines Tages daher, und hast du nicht gesehen, so ist sie auch wieder

verschwunden! -- Wo bleibt sie? fragte Eleseus. -- Wo sie bleibt? Das

Fett erstarrt in ihr, und dann bleibt sie liegen!

An jedem Tag mehr Gelehrsamkeit: Wenn die Kinder von hohen Felsblöcken

heruntersprangen, sollten sie die Zunge gut im Munde behalten, damit

sie ihnen nicht zwischen die Zähne komme. Wenn sie größer würden

und für die Kirche gut riechen wollten, sollten sie sich mit etwas

Rainfarn, der auf der Halde droben wuchs, einreiben. Der Vater war

voller Weisheit. Er erzählte den Kindern von den Steinen und vom

Feuerstein, und daß der weiße Stein härter sei als der graue; aber wenn

er einen Feuerstein fand, mußte er auch einen Feuerschwamm suchen, den

er in Lauge kochte und aus dem er dann Zunder machte. Dann schlug er

Feuer. Er erzählte ihnen vom Mond und sagte, wenn sie mit der linken

Hand in die Mondsichel hineingreifen könnten, dann sei der Mond im

Zunehmen, könnten sie das aber mit der rechten tun, dann sei er im

Abnehmen. -- Vergeßt das nicht, Jungen! Ein seltenes Mal ging Isak

indes zu weit, und da wurde er sonderbar und unverständlich: einmal kam

er mit einem Ausspruch daher, der darauf hinauslief, es sei schwieriger

für ein Kamel in den Himmel zu kommen, als für einen Menschen durch

ein Nadelöhr zu gehen. Ein anderes Mal, als er ihnen von dem Glanz

der Engel berichtete, sagte er, die Engel hätten die Sterne statt

Beschlägen an die Absätze ihrer Schuhe genagelt. Das war ein guter,

treuherziger Unterricht, der auf die Ansiedlung paßte, der Schullehrer

im Dorf drunten würde darüber gelächelt haben; Isaks Kinder dagegen

nährten ihre Phantasie ziemlich stark damit. Sie wurden für ihre eigene

enge Welt erzogen und unterrichtet; was hätte besser sein können? Beim

Schlachten im Herbst waren die Jungen höchst neugierig; für die Tiere,

die geschlachtet werden sollten, hatten sie große Angst, und ihre

kleinen Herzen waren tief betrübt. Da mußte nun Isak mit der einen

Hand das Tier festhalten und mit der andern zustechen, und Oline rührte

das Blut um. Jetzt wurde der alte Bock herausgeführt, weiß und bärtig

war er, die beiden kleinen Burschen standen an der Hausecke und guckten

hervor.

Das ist doch ein abscheulicher Wind heuer, sagte Eleseus und wendete

sich ab und wischte sich die Augen. Der kleine Sivert weinte

offenherziger, er konnte sich nicht beherrschen, sondern rief: Ach, der

arme alte Bock!

Als der Bock gestochen war, trat Isak zu seinen Kindern und gab ihnen

folgende Lehre: Ihr sollt nie ein Schlachtopfer bedauern und nicht

armes Tier sagen. Denn sonst wird es nur lebenszäher. Vergeßt das nicht!

So waren die Jahre vergangen, und abermals näherte sich der Frühling.

Inger hatte wieder geschrieben, daß sie es gut habe und in der Anstalt

sehr viel lerne. Ihr kleines Kind sei jetzt ein großes Mädchen, sie

heiße Leopoldine nach dem Tag ihrer Geburt, dem 15. November. Sie

könne alles und sei ein wahres Genie im Häkeln und Nähen, alles sei

wunderschön gearbeitet, einerlei, ob auf Stoff oder Stramin.

Das Merkwürdige an diesem letzten Brief war, daß Inger ihn selbst

buchstabiert und geschrieben hatte. Isak war nicht so geschickt, er

mußte sich den Brief beim Händler im Dorf vorlesen lassen; aber als er

ihn erst im Kopf hatte, saß er auch fest darin, und als Isak heimkam,

konnte er ihn auswendig.

Nun setzte er sich mit großer Feierlichkeit oben an den Tisch, breitete

den Brief aus und las ihn seinen Jungen vor. Oline sollte auch gerne

sehen, daß er Geschriebenes fließend lesen konnte, aber sonst richtete

er nicht einmal das Wort an sie. Als er fertig war, sagte er: Da könnt

ihr hören, du, Eleseus, und du, Sivert, eure Mutter hat diesen Brief

selbst geschrieben und hat alles mögliche gelernt. Und euer kleines

Schwesterchen kann jetzt schon mehr als wir alle miteinander. Vergeßt

das nicht, Jungen! -- Die Kinder saßen ganz still da und wunderten

sich. -- Ja, das ist großartig, sagte Oline.

Was meinte sie damit? Zog sie Ingers Wahrhaftigkeit in Zweifel? Oder

traute sie Isaks Vorlesen nicht? Olines wahre Meinung war nicht

leicht zu ergründen, wenn sie mit ihrem sanften Gesicht so dasaß und

Zweideutigkeiten sagte. Isak beschloß, sie gar nicht zu beachten.

Und wenn eure Mutter nun heimkommt, dann müßt ihr auch schreiben

lernen, sagte er zu den beiden Kindern.

Oline machte sich mit ein paar Kleidungsstücken zu schaffen, die am

Ofen zum Trocknen hingen, schob einen Kessel hin und her, hängte die

Kleidungsstücke wieder um und tat überhaupt sehr geschäftig. Aber

sie überlegte die ganze Zeit. -- Wenn es dann so großartig hier im

Walde wird, dann hättest du auch ein halbes Pfund Kaffee kaufen und

mitbringen können, sagte sie. -- _Kaffee?_ sagte Isak, das Wort entfuhr

ihm unwillkürlich. -- Oline antwortete ruhig: Bis jetzt habe ich immer

ein wenig von meinem eigenen Geld gekauft.

Kaffee, der für Isak ein Traum und ein Märchen war, ein Regenbogen!

Oline spottete natürlich, er wurde nicht böse auf sie; aber schließlich

fiel dem langsam denkenden Mann Olines Tauschhandel mit den Lappen

ein, und er sagte zornig: Ja, ich werde dir Kaffee kaufen! Ein halbes

Pfund hast du gesagt? Du hättest ein ganzes Pfund sagen sollen. Es

soll wahrlich nicht fehlen. -- Du brauchst nicht so zu spotten, Isak,

sagte sie. Mein Bruder Nils hat Kaffee, und drunten bei Bredes auf

Breidablick haben sie Kaffee. -- Jawohl, denn sie haben keine Milch,

gar keine Milch. -- Nun, das weiß ich nicht, und es ist mir auch

einerlei. Aber du, der so viel weiß und Geschriebenes so gut lesen kann

wie eine Renntierkuh laufen, du weißt wohl, daß es jetzt in allen

Häusern Kaffee gibt. -- Kreatur! sagte Isak.

Da setzte sich Oline auf den Hocker und wollte durchaus nicht

schweigen. Und was Inger betrifft, sagte sie, wenn ich ein so großes

Wort überhaupt in den Mund nehmen darf. -- Du kannst sagen, was du

willst, ich kümmere mich nicht darum. -- Sie kommt heim und hat alles

gelernt. Und dann hat sie wohl Perlen und Federn auf dem Hut? -- Ja,

das hat sie wohl. -- Ja, ja, sagte Oline, nun kann sie sich bei mir

ein bißchen für alle diese Größe bedanken, die sie erreicht hat. --

Bei dir? entfuhr es Isak. -- Oline antwortete demütig: Da ich ja als

geringes Werkzeug dazu gedient habe, sie fortzubringen.

Darauf konnte Isak nichts mehr sagen, die Worte blieben ihm im Halse

stecken, er saß still da und starrte vor sich hin. Hatte er recht

gehört? Oline sah aus, als habe sie gar nichts Besonderes gesagt. Nein,

in einem Wortstreit zog Isak den kürzeren.

Düsteren Sinnes trieb er sich draußen herum. Oline, dieses Vieh,

das sich von Bosheit nährte und fett dabei wurde -- oh, es war wohl

verkehrt von ihm gewesen, daß er sie nicht gleich im ersten Jahr

erschlagen hatte, dachte er und tat vor sich selbst groß. Dazu hätte

er der Mann sein sollen, dachte er weiter. Mann -- er? O ja, niemand

konnte fürchterlicher sein.

Und nun folgt ein komischer Auftritt: er geht in den Stall und zählt

seine Ziegen; da stehen sie mit ihren Zicklein und sind vollzählig.

Er zählt die Kühe, das Schwein, vierzehn Hühner, zwei Kälber. Und die

Schafe habe ich fast vergessen! sagt er laut zu sich selbst. Er zählt

auch die Schafe und tut, als sei er sehr gespannt, ob sie vollzählig

sind. Isak weiß sehr wohl, daß ein Schaf fehlt, ja, er hat es schon

lange gewußt, warum also tun, als wüßte er es nicht? Die Sache ist die:

Oline hatte ihn ja damals verwirrt gemacht und eine Ziege verleugnet,

obgleich alle Ziegen dagewesen waren. Damals war er tüchtig ins Zeug

gefahren, es war aber nichts dabei herausgekommen. Bei einem Streit mit

Oline kam nie etwas heraus. Als er im Herbst schlachten wollte, hatte

er gleich gemerkt, daß ein Mutterschaf fehlte, aber er hatte nicht das

Herz gehabt, sofort Rechenschaft dafür zu verlangen, und auch später

war ihm der Mut dazu nicht gekommen.

Aber heute ist er grimmig, ja, heute ist Isak grimmig, Oline hat ihn

wütend gemacht. Er zählt die Schafe noch einmal, legt den Zeigefinger

auf jedes einzelne und zählt laut. -- Oline darf es gern hören, falls

sie draußen steht und horcht. Und er sagt mit lauter Stimme viel

Schlechtes über Oline: sie habe eine ganz neue Art, die Schafe zu

füttern, so daß plötzlich eines verschwinde, ein Mutterschaf! Sie sei

eine abgefeimte Diebshure, ob sie das verstehe! Oh, Oline dürfe gern

vor der Tür stehen und einen ordentlichen Schrecken bekommen!

Er schreitet zum Stall hinaus, geht in den Pferdestall und zählt das

Pferd, von da will er ins Haus gehen und sich aussprechen. Er geht so

schnell, daß sein Kittel wie ein erregter Kittel von seinem Rücken

wegsteht. Aber Oline hat vielleicht vom Fenster aus dies und jenes

gemerkt, sie tritt ruhig und sicher zur Haustür heraus, die Milcheimer

in den Händen, und will in den Stall gehen.

Was hast du mit dem Mutterschaf mit den flachen Ohren gemacht? fragt

er. -- Mit dem Mutterschaf? -- Ja, und wenn es hier gewesen wäre, hätte

es jetzt schon zwei Lämmer; was hast du mit ihm gemacht? Es hatte

immer zwei Lämmer. Auf diese Weise hast du mir drei Schafe genommen;

verstehst du das?

Oline ist ganz überwältigt, vollständig vernichtet von der

Beschuldigung, sie wackelt mit dem Kopf, und ihre Beine scheinen

unter ihr wegzuschmelzen, so daß sie schließlich umfallen und sich

einen Schaden antun kann. Aber ihr Kopf überlegt die ganze Zeit, ihre

Geistesgegenwart hat ihr immer geholfen, hatte ihr immer Vorteile

gebracht, sie durfte sie auch jetzt nicht verlassen.

Ich stehle Ziegen und ich stehle Schafe, sagt sie still. Ich möchte

wissen, was ich mit ihnen tue. Ich esse sie wohl auf. -- Ja, das

weißt du selbst, was du damit tust. -- So, dann müßte ich hier in

deinem Haus, Isak, nicht Essen und Trinken im Überfluß haben, ich wäre

gezwungen, mir dazu zu stehlen. Aber das kann ich hinter deinem Rücken

sagen, daß ich das in all diesen Jahren nicht nötig gehabt habe. --

Aber was hast du dann mit dem Schaf gemacht? Hat Os-Anders es bekommen?

-- Os-Anders? Oline muß geradezu die Melkeimer abstellen und die Hände

zusammenschlagen: Wenn ich nur so frei von aller Schuld wäre! Was ist

denn das für ein Schaf mit seinen Lämmern, von dem du redest? Ist es

die eine Ziege, die flache Ohren hat? -- Kreatur! sagt Isak und will

gehen. -- Du bist doch ein komischer Kauz, Isak. Da hast du nun genug

Vieh von jeder Art und ein wahres Sternenheer von Tieren in deinem

Stall, aber du hast noch nicht genug! Kann ich wissen, welches Schaf

und welche Lämmer du von mir verlangst? Du müßtest Gott für seine

Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied danken. Wenn jetzt dieser

Sommer und ein Stück vom Winter vorbei sind, dann werfen deine Schafe

wieder Lämmer, und du bekommst dreimal soviel, als du jetzt hast!

O diese Oline!

Isak ging fort, wie ein Bär brummend. Was für ein Dummkopf war ich,

daß ich sie nicht am ersten Tag erschlagen habe! sagte er sich und

warf sich selbst allerlei Schimpfnamen an den Kopf. Was für ein Narr,

ein Roßdreck war ich doch! Aber es ist noch nicht zu spät, warte nur,

mag sie in den Stall gehen! Es ist nicht ratsam, an diesem Abend noch

etwas mit ihr anzufangen, aber morgen, da ist es ratsam. Drei Schafe

verloren! Kaffee! sagte sie.

10

Der nächste Tag sollte ein großes Ereignis bringen: Gäste kamen auf

die Ansiedlung, Geißler kam. Auf den Mooren war es noch nicht einmal

Sommer, aber Geißler machte sich nichts aus dem Weg, er kam zu Fuß

in prächtigen Schaftstiefeln mit breitem lackiertem Umschlag; gelbe

Handschuhe hatte er an, und er sah vornehm aus. Ein Mann aus dem Dorfe

trug sein Gepäck.

Er komme nun eigentlich, um eine Strecke Bergland von Isak zu kaufen,

eine Kupfermine, welchen Preis er dafür verlange? Übrigens könne er

von Inger grüßen -- eine tüchtige Frau, sehr beliebt; er komme von

Drontheim und habe sie da gesprochen. Isak, du hast ja hier mächtig

gearbeitet! -- O ja. So, Ihr habt mit Inger gesprochen? -- Was ist das

dort drüben? Hast du eine Mühle errichtet? Und mahlst du dein eigenes

Mehl? Ausgezeichnet. Und du hast sehr viel Boden umgebrochen, seit ich

das letztemal hier war. -- Und es ging ihr gut? -- Ja, es geht gut. Ach

so, deiner Frau! Ja, jetzt sollst du hören. Komm, wir wollen in die

Kammer gehen. -- Nein, es ist nicht so schön drinnen, sagt Oline, aus

mehreren Gründen abwehrend.

Aber die beiden gingen doch in die Kammer und machten die Tür hinter

sich zu; Oline stand allein in der Stube und bekam nichts zu hören.

Der Lensmann Geißler setzte sich, schlug sich einmal kräftig auf die

Knie und saß da mit Isaks Schicksal in der Hand. Du hast doch wohl

dein Kupferfeld nicht verkauft? fragte er. -- Nein. -- Gut. Ich kaufe

es. Ja, ich habe mit Inger und mit mehreren andern gesprochen. Sie

wird gewiß in allernächster Zeit frei, es liegt jetzt beim König. --

Beim König! -- Beim König. Ich bin zu deiner Frau gegangen, für mich

hatte es natürlich keine Schwierigkeiten, hineinzukommen, und wir

haben lange miteinander gesprochen: Nun, Inger, es geht dir ja gut,

richtig gut? -- Ja, ich habe nichts zu klagen. -- Sehnst du dich nicht

nach Hause? -- Doch, das kann ich nicht leugnen. -- Du sollst bald

heimkommen, sagte ich. Und das kann ich dir sagen, Isak, sie ist ein

tüchtiges Weib; keine Tränen, im Gegenteil, sie lächelte und lachte

-- ihr Mund ist übrigens operiert und zusammengenäht worden. Nun lebe

wohl, sagte ich zu ihr, du sollst nicht mehr lange hierbleiben, mein

Wort darauf.

Dann ging ich zum Direktor, es hätte ja nur gefehlt, daß er mich nicht

empfangen hätte. Sie haben eine Frau hier, die hinaus und wieder heim

gehört, sagte ich, Inger Sellanraa. -- Inger? versetzte er. Ja, sie

ist ein guter Mensch, ich würde sie gerne zwanzig Jahre hier behalten,

sagte er. -- Davon kann keine Rede sein, sagte ich, sie ist schon zu

lange hier gewesen. -- Zu lange? sagte er. Kennen Sie den Fall? --

Ja, ich kenne den Fall von Grund aus, ich bin ihr Lensmann gewesen.

-- Bitte, setzen Sie sich, sagte er da. -- Es hätte auch gerade noch

gefehlt! -- Ja, wir sorgen so gut wie möglich für Inger, sagte der

Direktor, und auch für ihr kleines Mädchen, jawohl. So, die Frau ist

also aus Ihrer Gegend? Wir haben ihr zu einer eigenen Nähmaschine

verholfen, sie hat ihr Gesellenstück in der Werkstatt gemacht, und wir

haben sie in Verschiedenem unterrichtet; sie hat ordentlich weben,

ordentlich nähen, färben und schneidern gelernt. Und Sie sagen, sie sei

schon zu lange hier gewesen? -- Ich wußte wohl, was ich zu antworten

hatte, aber ich wollte damit noch etwas warten, und so sagte ich: Ja,

der Fall ist schlecht geführt worden und muß wieder aufgenommen werden,

jetzt nach der Revision des Strafgesetzes würde sie vielleicht ganz

freigesprochen werden. Es ist ihr ein Hase zugeschickt worden, als sie

schwanger war. -- Ein Hase? fragte der Direktor. -- Ein Hase, sagte

ich. Und das Kind bekam eine Hasenscharte. -- Der Direktor lächelte.

So also. Ihrer Meinung nach ist also auf diesen Punkt nicht genug

Rücksicht genommen worden? -- Nein, antwortete ich, dieser Punkt wurde

gar nicht berührt. -- Nun, das ist wohl auch nicht so gefährlich.

-- Für sie war es gefährlich genug. -- Meinen Sie, ein Hase könne

Wundertaten verrichten? -- Ich erwiderte: Wieweit ein Hase Wundertaten

verrichten kann oder nicht, damit will ich Sie nicht unterhalten,

Herr Direktor. Die Frage ist die, welche Wirkung der Anblick eines

Hasen unter gewissen Umständen auf eine Frau, die eine Hasenscharte

hat, haben kann! -- Der Direktor überlegte eine Weile, dann sagte er:

Ja, ja, aber hier in der Anstalt haben wir die Verurteilten ja nur

aufzunehmen, wir revidieren das Urteil nicht. Nach dem Urteil ist Inger

nicht zu lange hier gewesen.

Jetzt kam ich mit dem heraus, was gesagt werden mußte. Bei der

Inhaftnehmung von Inger Sellanraa sind Fehler gemacht worden. --

Fehler? -- Erstens hätte sie in dem Zustand, in dem sie war, gar nicht

transportiert werden dürfen. -- Der Direktor sah mich scharf an. --

Das ist richtig, sagte er dann. Aber das ist nicht unsere Sache hier

im Gefängnis. -- Zweitens, fuhr ich fort, hätte sie nicht zwei Monate

lang in vollem Gewahrsam sein dürfen, bis ihr Zustand der Behörde hier

am Gefängnis offenbar wurde. Das saß. Der Direktor schwieg lange. --

Haben Sie Vollmacht, für die Frau zu handeln? fragte er. -- Ja, sagte

ich. -- Wie gesagt, wir sind hier zufrieden mit Inger und behandeln

sie auch danach, schwatzte der Direktor, und wieder zählte er auf,

was Inger alles gelernt habe, ja, sie hätten sie auch schreiben

gelehrt, sagte er. Und die kleine Tochter hätten sie bei jemand gut

untergebracht und so weiter. -- Ich erklärte ihm, wie die Verhältnisse

in Ingers Heim seien: da auch zwei kleine Kinder, gemietete Hilfe, um

sie zu versorgen, und so weiter. Ich habe eine Darlegung von ihrem

Manne, sagte ich, die kann beigelegt werden, ob der Fall nun wieder

aufgenommen werden soll oder ob man für die Frau um Begnadigung

einkommen will. -- Lassen Sie mich diese Darlegung sehen, sagte der

Direktor. -- Ich werde sie Ihnen morgen in der Besuchszeit bringen,

versetzte ich.

Isak hörte aufmerksam zu, das war ergreifend, ein Märchen aus fremdem

Land. Unverwandt hingen seine Augen an Geißlers Mund.

Geißler erzählte weiter. Ich ging zurück ins Gasthaus und setzte eine

Darlegung auf, ich machte die Sache zu der meinigen und unterschrieb

Isak Sellanraa. Aber du mußt ja nicht glauben, ich hätte ein Wort

davon verlauten lassen, daß im Gefängnis etwas Unrichtiges gemacht

worden sei. Keine Silbe davon! Rührte nicht daran. Und am nächsten

Tage brachte ich das Dokument hin. -- Bitte setzen Sie sich! sagte der

Direktor sofort. Er las meine Darlegung, nickte ab und zu, schließlich

sagte er: Ausgezeichnet. Sie genügt zwar nicht zur Wiederaufnahme des

Falles, aber ... -- Doch, mit einer Beilage, die ich ebenfalls hier

habe, sagte ich, und ich traf da wieder recht gut. Der Direktor beeilte

sich zu sagen: Ich habe mir die Sache seit gestern überlegt und finde

gute Gründe dafür, ein Gesuch um Begnadigung für Inger einzureichen. --

Das Sie im gegebenen Fall unterstützen werden, Herr Direktor? fragte

ich. -- Ich werde es befürworten, es warm befürworten. -- Da verbeugte

ich mich und sagte: Dann ist die Begnadigung sicher. Ich danke Ihnen im

Namen eines unglücklichen Mannes und eines verlassenen Hauses. -- Ich

glaube nicht, daß wir weitere Auskunft aus Ihrem Heimatort einzuholen

brauchen, sagte der Direktor, Sie kennen sie ja? -- Ich erriet wohl,

warum die Sache sozusagen in aller Stille abgemacht werden sollte, und

erwiderte: Die Auskunft von daheim würde die Sache nur in die Länge

ziehen.

Da hast du die ganze Geschichte, Isak. -- Geißler sah auf seine

Uhr. Und nun zur Sache selbst! Kannst du mich noch einmal nach dem

Kupferberg begleiten?

Isak war ein Stein und ein Klotz, er konnte nicht so augenblicklich von

einem zum andern überspringen. Aufs höchste verwundert und in tiefe

Gedanken versunken, saß er da; dann stellte er noch allerlei Fragen.

Er erfuhr, daß das Gesuch an den König abgegangen war und in einer der

ersten Sitzungen des Staatsrats entschieden werden konnte! Wunderbar!

sagte er.

Sie gingen auf den Berg. Geißler, sein Begleiter und Isak, und sie

blieben ein paar Stunden weg. In dieser kurzen Zeit verfolgte Geißler

den Lauf der Kupferader über einen langen Berg hin und steckte die

Grenzen für den Bereich ab, den er kaufen wollte. Wie ein Wiesel lief

er. Aber dumm war der Mann nicht, sein rasches Urteil war merkwürdig

sicher.

Als er auf den Hof zurückkam -- mit einem Sack voll neuer

Gesteinsproben --, bat er um Feder und Tinte und Papier und setzte

sich zum Schreiben hin. Aber er schrieb nicht immerfort eilig, sondern

plauderte auch dazwischen: Ja, Isak, große Summen bekommst du diesmal

nicht für deinen Berg, aber ein paar hundert Taler kannst du haben!

Dann schrieb er wieder. Vergiß nicht, mich daran zu erinnern, daß

ich auch noch deine Mühle ansehen will, ehe ich gehe, sagte er. Dann

fielen ihm einige rote und blaue Striche an dem Webstuhl auf, und er

sagte: Wer hat das gezeichnet? -- Ja, Eleseus hatte ein Pferd und einen

Bock gezeichnet, er versuchte sich mit seinem bunten Bleistift auf

dem Webstuhl und anderem Holzwerk, weil er kein Papier hatte. Geißler

sagte: Das ist gar nicht schlecht gemacht, und schenkte Eleseus eine

Münze.

Wieder schrieb Geißler eine Weile, dann sagte er: Es werden jetzt

wohl bald mehrere neue Ansiedler durchs Ödland hier heraufkommen!

-- Sein Begleiter fiel ein: Sie sind schon gekommen. -- Wer denn?

-- Vorerst ist da Breidablick, wie sie es nennen, der Brede auf

Breidablick drunten. -- Ach der! lächelte Geißler verächtlich. --

Jawohl, und dann haben noch ein paar andere Grund und Boden gekauft.

-- Wenn sie nur etwas taugen, sagte Geißler. Und da er in demselben

Augenblick entdeckte, daß zwei kleine Jungen in der Stube waren,

zog er Klein-Sivert zu sich heran und gab auch ihm eine Münze. Ein

merkwürdiger Mann, dieser Geißler! Jetzt waren überdies seine Augen

wie etwas entzündet, die Ränder waren wie von rotem Reif umgeben. Das

konnte von Nachtwachen kommen, manchmal kommt aber so etwas auch von

starken Getränken. Aber er machte nicht den Eindruck, als gehe es

bergab mit ihm; während er so über alles mögliche schwatzte, dachte er

gewiß die ganze Zeit an das Dokument vor sich, denn plötzlich ergriff

er rasch die Feder wieder und schrieb ein Stück weiter.

Jetzt schien er fertig zu sein.

Er wendete sich an Isak. Ja, wie gesagt, ein reicher Mann wirst du

nicht bei diesem Geschäft. Aber es kann später noch mehr werden. Wir

wollen es so aufsetzen, daß du später mehr bekommst. Zweihundert kannst

du jedoch jetzt gleich haben.

Isak verstand nicht viel vom Ganzen, aber zweihundert Taler, das war

jedenfalls wieder ein Wunder und eine großartige Bezahlung. Er würde

sie wohl nur auf dem Papier bekommen, natürlich nicht bar, aber es war

ihm auch so recht; er hatte ganz anderes im Kopf und fragte: Und Ihr

glaubt, daß sie begnadigt wird? -- Deine Frau? Wenn ein Telegraph im

Dorf wäre, dann würde ich in Drontheim anfragen, ob sie nicht schon

frei ist, antwortete Geißler. -- Isak hatte wohl vom Telegraphen reden

hören; das war etwas Merkwürdiges, ein Draht auf hohen Stangen, etwas

Überirdisches -- jetzt schlich sich fast etwas wie Mißtrauen gegen

Geißlers große Worte in sein Herz, und er wendete ein: Aber wenn

es der König abschlägt? -- In dem Fall schicke ich meine Beilage zu

der Darlegung ein, die alles enthält, und dann _muß_ deine Frau frei

werden. Zweifle nicht daran!

Dann las er vor, was er geschrieben hatte, den Kaufvertrag für den

Berg, zweihundert Taler in die Hand und später ordentlich hohe

Prozente beim Betrieb oder bei einem Weiterverkauf des Kupferfundes.

Unterschreib, hier! sagte Geißler.

Isak würde augenblicklich unterschrieben haben, aber er war kein

Schriftkundiger, sein ganzes Leben lang hatte er nur Buchstaben in Holz

geschnitten. Ach, und da stand die abscheuliche Oline und sah zu! Er

ergriff die Feder, diesen Greuel von einem leichten Ding, neigte das

richtige Ende nach unten und _schrieb_ -- schrieb seinen Namen. Danach

setzte Geißler noch etwas darunter, vermutlich eine Erklärung, und sein

Begleiter unterschrieb als Zeuge.

Fertig.

Aber immer noch blieb Oline unbeweglich stehen, ja, eigentlich wurde

sie jetzt erst steif. Was würde geschehen?

Segen der Erde: Roman · 第 7 / 32 段