Isak arbeitete auf seinem Grund und Boden, er entwässerte und brach

seine Äcker um, hieb die Grenzscheide zwischen sich und dem Staat

aus, und die dabei gefällten Bäume gaben Klafterholz für ein ganzes

Jahr. Aber da er Inger nicht mehr hatte, die ihn mit ihren Lobsprüchen

anfeuerte, so schaffte er mehr aus Gewohnheit als aus Lust. Nun hatte

er auch schon zwei Thinge vorübergehen lassen, ohne die Bestätigung

seiner Urkunde einzuholen, weil es ihm eben nicht so sehr am Herzen

gelegen hatte. Jetzt erst im Herbst raffte er sich dazu auf. Es stand

bei ihm nicht alles, wie es sein sollte. Geduldig und besonnen, ja

gewiß, das war er, aber er war geduldig und besonnen, weil er von Natur

dazu angelegt war. Er suchte seine Häute zusammen, seine Ziegenfelle

und Kalbfelle, legte sie in den Fluß, schabte später die Haare

herunter, gerbte sie und machte sie zur Verarbeitung für Schuhwerk

fertig. Im Winter stellte er schon beim ersten Schnee sein Saatkorn

fürs nächste Frühjahr auf die Seite, damit das getan war, denn es war

am besten, wenn es bereit stand; er war ein Mann der Ordnung. Aber

er war ein freudloser, einsamer Mann geworden, ach ja, wieder ein

unverheirateter Mann mit allem, was drum und dran war.

Welche Freude war es für ihn jetzt, am Sonntag in seiner Stube zu

sitzen, gewaschen und sauber in seinem roten Hemd, wenn er niemand

mehr hatte, für den er sich hübsch machen konnte? Die Sonntage waren

die längsten von allen Tagen, sie verdammten ihn zum Müßiggang und

zu traurigen Gedanken; er konnte nichts tun, als sich auf seinem

Grundstück umhertreiben und nach allem sehen, was getan werden mußte.

Jedesmal nahm er seine kleinen Jungen mit, immer einen von ihnen auf

dem Arm. Es war so nett, ihr Geplauder anzuhören und auf ihre Fragen zu

antworten.

Die alte Oline hatte er, weil er niemand andern hatte. Und im Grunde

genommen war es nicht so übel, Oline zu haben. Sie kardätschte Wolle

und spann, strickte Strümpfe und Fausthandschuhe, bereitete auch

Ziegenkäse; aber sie hatte keine glückliche Hand und arbeitete ohne

Liebe; von dem, was sie in die Hand nahm, gehörte ihr ja nichts zu

eigen. Da hatte nun Isak einmal zu Ingers Zeit eine besonders hübsche

Dose beim Händler gekauft, die ihren Platz auf dem Wandbrett hatte, sie

war aus Ton und hatte einen Hundekopf auf dem Deckel, eigentlich war

es eine Art Tabaksdose; Oline nahm einmal den Deckel ab und ließ ihn

auf den Boden fallen. Inger hatte einige Fuchsiaableger in einer Kiste

hinterlassen, die mit Glas zugedeckt waren; Oline nahm die Gläser ab

und drückte sie nachher hart und fest wieder darauf. -- Am nächsten

Tage waren alle Ableger tot. Es war wohl nicht so ganz leicht für Isak,

all dies mit anzusehen, und er machte vielleicht ein Gesicht, und da

nichts Weiches oder Schwammhaftes an ihm war, so war es vielleicht ein

gefährliches Gesicht. Oline war unverfroren und zungenfertig und muckte

auf. Kann ich etwas dafür? sagte sie. -- Das weiß ich nicht, erwiderte

Isak, aber du hättest die Hand davon lassen können. -- Ich werde ihre

Blumen nicht mehr anrühren, sagte Oline darauf; aber nun waren sie ja

tot.

Und wozu kamen jetzt sooft Lappen nach Sellanraa, jetzt viel öfters

als früher? Was hatte Os-Anders da zu tun, konnte er nicht einfach

vorübergehen? In einem Sommer kam er zweimal übers Gebirge gewandert;

aber Os-Anders hatte ja keine Renntiere, nach denen er hätte sehen

müssen, sondern lebte vom Bettel und von Besuchen bei anderen Lappen.

Wenn er auf die Ansiedlung kam, ließ Oline alle Arbeit liegen und

klatschte mit ihm über alle Leute im Dorfe, und wenn er wieder ging,

war sein Sack schwer von allem möglichen. Zwei Jahre lang schwieg Isak

geduldig dazu.

Dann wollte Oline wieder neue Schuhe haben, und da schwieg er nicht

länger. Es war im Herbst, und Oline trug jeden Tag Lederschuhe, anstatt

in Lappenschuhen oder Holzpantinen zu gehen. Isak sagte: Es ist schönes

Wetter heute. Hm! So fing er an. -- Ja, sagte Oline. -- Hast du nicht

heute morgen an den Ziegenkäsen bis auf zehn gezählt, Eleseus? fragte

Isak. -- Doch, antwortete Eleseus. -- Aber jetzt sind es nur noch neun.

Eleseus zählte wieder nach und überlegte in seinem kleinen Kopf, dann

sagte er: Ja, und dann der, den Os-Anders bekommen hat, dann sind es

zehn.

Schweigen rings in der Stube. Aber der kleine Sivert wollte auch

zählen, und so wiederholte er die Worte des Bruders: Dann sind es zehn.

Wieder Schweigen ringsum. Da mußte Oline schließlich eine Erklärung

geben. Ja, er hat einen ganz kleinen Käse bekommen, ich habe nicht

gedacht, daß das etwas ausmacht. Aber die Kinder sind noch nicht groß,

und es zeigt sich jetzt schon, was in ihnen steckt. Ich kann wohl sehen

und ausrechnen, wem sie nachschlagen! Dir jedenfalls nicht, Isak, das

weiß ich.

Das war eine Andeutung, die Isak zurückweisen mußte. Die Kinder sind

schon recht, sagte er. Aber kannst du mir sagen, welche Wohltaten

Os-Anders mir und den Meinigen erwiesen hat? -- Wohltaten? versetzte

Oline. -- Ja. -- Er, Os-Anders? wiederholte sie. -- Ja, weil ich ihm

Ziegenkäse schuldig bin. -- Oline hat nun Zeit zum Überlegen gehabt und

gibt folgende Antwort: Gott bewahre mich, Isak! Bin ich es gewesen, die

mit Os-Anders angefangen hat, so soll mich gleich der Schlag rühren!

Ausgezeichnet! Isak muß nachgeben, wie so manches Mal vorher.

Oline gab nicht nach: Und wenn ich jetzt, wo es dem Winter zugeht, hier

barfuß laufen und das nicht zu eigen haben soll, was Gott zu Schuhen

für die Füße geschaffen hat, dann sag es lieber geradeheraus. Schon vor

drei bis vier Wochen habe ich von Schuhen gesprochen, aber ich habe

noch nichts von ihnen gesehen und muß nun mit denen hier herumlaufen.

-- Isak erwiderte: Was fehlt denn eigentlich deinen Holzschuhen, daß

du sie nicht trägst? -- Was ihnen fehlt? fragte Oline überrumpelt.

-- Ja, das möchte ich fragen. -- Den Holzschuhen? -- Ja. -- Du sagst

nichts davon, daß ich Wolle kardätsche und spinne, das Vieh versorge

und die Kinder aufziehe, davon sagst du nichts. Und zum Kuckuck, deine

Frau, die im Gefängnis sitzt, die ist doch wohl auch nicht barfuß im

Schnee herumgelaufen. -- Nein, sie trug Holzschuhe, sagte Isak. Und

wenn sie in die Kirche oder zu ordentlichen Leuten ging, dann trug

sie Lappenschuhe, sagte er. -- Ja, ja, antwortete Oline, sie war eben

soviel besser! -- Ja, das war sie. Und wenn sie im Sommer Lappenschuhe

trug, so hatte sie nichts als dürres Gras darin. Aber du, du trägst das

ganze Jahr Strümpfe und Schuhe.

Oline sagte: Was das betrifft, so werde ich meine Holzschuhe wohl noch

abnützen. Ich habe nicht geglaubt, daß es so große Eile hätte, meine

eigenen Holzschuhe durchzulaufen. -- Sie sprach leise und gedämpft,

aber sie kniff die Augen halb zu, oh, sie war klug und schlau. Die

Inger, sagt sie, der Wechselbalg, wie wir sie genannt haben, ist unter

meinen Kindern umhergegangen und hat da in all den Jahren dies und

jenes gelernt. Jetzt haben wir den Dank dafür. Wenn meine Tochter in

Bergen einen Hut trägt, dann tut das Inger vielleicht südwärts da

drunten auch, ja, vielleicht ist sie nach Drontheim gereist, um sich

einen Hut zu kaufen, haha!

Isak stand auf und wollte hinausgehen. Aber jetzt war Oline das Herz

aufgegangen, und sie zeigte, wie schwarz es war, ja, sie strahlte

wahrhaftig Dunkelheit aus, sagte, keine von ihren Töchtern habe ein

Gesicht wie ein feuerspeiendes Raubtier, könne sie gern sagen, aber

deshalb seien sie doch gut genug. Nicht alle hätten Geschick dazu,

Kinder umzubringen. -- Jetzt nimm dich aber in acht! rief Isak, und

um sich recht klar verständlich zu machen, fügte er noch hinzu: Du

verdammtes Weibsbild.

Aber Oline nahm sich nicht in acht, nein. Haha! sagte sie und sah zum

Himmel auf und deutete an, daß es eigentlich übertrieben sei, mit einer

solchen Hasenscharte herumzulaufen wie gewisse Leute. Man könne auch

darin Maß halten.

Isak war wohl froh, als er endlich glücklich aus dem Hause draußen war.

Und was blieb ihm anderes übrig, als Oline Lederschuhe zu verschaffen!

Er war ein Ansiedler im Walde und war nicht einmal so weit den Göttern

ähnlich, daß er seine Arme über der Brust kreuzen und zu seinem

Dienstboten sagen konnte: Geh! Eine so unentbehrliche Haushälterin wie

Oline war in Sicherheit, sie mochte sagen und tun, was sie wollte.

Die Nächte sind kühl, und es ist Vollmond, die Moore erstarren so weit,

daß sie zur Not einen Mann tragen; bei Tag taut die Sonne sie wieder

auf und macht sie ungangbar. Isak wandert in einer kühlen Nacht ins

Dorf hinunter, um Schuhe für Oline zu bestellen. Er hat zwei Ziegenkäse

mit für Frau Geißler.

Auf halbem Wege nach dem Dorf hat sich nun der neue Ansiedler

niedergelassen. Er war wohl ein vermöglicher Mann, da er Zimmerleute

vom Dorfe bestellt hatte, die ihm sein Haus bauten, und dazu noch

Taglöhner, um ein Stück sandiges Moor für Kartoffeln umzugraben; er

selbst tat nichts oder nur wenig. Der Mann war Brede Olsen, Amtsdiener

und Gerichtsbote, ein Mann, an den man sich wenden mußte, wenn der

Doktor geholt oder bei der Pfarrfrau ein Schwein geschlachtet werden

sollte. Brede Olsen war noch nicht dreißig Jahre alt, hatte aber schon

vier Kinder zu versorgen, außer seiner Frau, die eigentlich auch noch

ein Kind war. Ach, Bredes Mittel waren wohl nicht so sehr groß, es warf

nicht so sehr viel ab, Topf und Pfanne zu sein und zu Auspfändungen zu

fahren; jetzt wollte er es mit der Landwirtschaft versuchen. Für seinen

Hausbau hatte er auf der Bank Geld aufgenommen. Sein Grundstück hieß

Breidablick, Lensmann Heyerdahls Frau hatte ihm diesen herrlichen Namen

gegeben.

Isak geht an der Ansiedlung vorüber und nimmt sich nicht Zeit,

hineinzugehen, aber so früh am Morgen es auch ist, am Fenster stehen

schon dichtgedrängt die Kinder und schauen heraus. Isak eilt vorüber,

er will beim nächsten Nachtfrost schon wieder hier zurück sein. Im

Ödland draußen hat ein Mann gar viel zu bedenken und sich zu überlegen,

wie er es auf die beste Weise einrichtet. Er hat zwar jetzt gerade

nicht so übermäßig viel Arbeit, aber er hat Heimweh nach den Kindern,

die daheim bei Oline zurückgeblieben sind.

Während er so dahinschreitet, muß er unwillkürlich an seine erste

Wanderung hier denken. Die Zeit ist dahingegangen, die beiden letzten

Jahre sind sehr lang gewesen; vieles ist gut gewesen auf Sellanraa,

aber etwas ist schlimm gewesen, ach ja, Herrgott im Himmel! Nun war

also eine neue Ansiedlung hier entstanden; Isak erkannte die Stelle gut

wieder, dies war einer von den wirklichen Plätzen, die er auf seiner

ersten Wanderung untersucht, dann aber wieder aufgegeben hatte. Es

war hier näher beim Dorf, jawohl, aber der Wald war nicht so gut; es

war hier Ebene, aber Moor, die Erde war leicht umzubrechen, aber das

Entwässern war schwierig. Der gute Brede hatte noch keinen Acker damit,

daß er Moorboden umgrub. Und was sollte das heißen, wollte denn Brede

nicht einen Schuppen an die Scheune anbauen für Geräte und Fahrzeuge?

Isak sah einen zweirädrigen Karren unter offenem Himmel gerade vor dem

Hause stehen.

Er macht seine Besorgung beim Schuhmacher, aber Geißler ist weggereist;

da verkauft er seine Ziegenkäse an den Krämer. Am Abend geht er

heimwärts. Es gefriert immer mehr, so daß man leicht übers Moor gehen

kann; aber Isaks Gang ist schwer. Gott mochte wissen, wann Geißler nun

wiederkam, da seine Frau verreist war, vielleicht kam er nie wieder.

Inger war fort, die Zeit verging.

Er geht auch jetzt auf dem Rückweg nicht zu Bredes hinein, nein, er

macht einen Bogen um Breidablick herum und kommt so ungesehen vorbei.

Er will nicht mit Menschen reden, er will nur weitergehen. Noch

immer steht Bredes Fuhrwerk im Freien. Ich möchte wissen, ob es da

stehenbleibt? denkt Isak. Na, jeder hat das Seine! Jetzt hat er ja

selbst, er, Isak, ein Fuhrwerk und einen Schuppen dazu, aber es ist

deshalb doch nicht besser gegangen, sein Heim ist nur halb, einmal war

es ganz, jetzt ist es nur halb.

Als er bei vollem Tageslicht so weit gekommen ist, daß er sein Haus auf

der Halde droben sehen kann, wird ihm leichter ums Herz, obgleich er

müde und matt ist nach der zweitägigen Wanderung. Die Gebäude stehen

noch da. Rauch steigt vom Schornstein auf, beide Jungen sind im Freien,

sowie sie ihn sehen, stürmen sie ihm entgegen. Er geht hinein, in der

Stube sitzen zwei Lappen. Oline steht überrascht vom Hocker auf und

sagt: Was -- bist du schon wieder da? Sie kocht Kaffee auf dem Herd.

Kaffee? Kaffee!

Isak hat es wohl schon früher bemerkt: wenn Os-Anders oder andere

Lappen dagewesen sind, kocht Oline sich lange Zeit nachher in Ingers

kleinem Kessel Kaffee. Sie tut es, wenn Isak im Wald oder auf dem Feld

ist; und wenn er unerwartet heimkommt und es sieht, schweigt er. Aber

er weiß, daß er jedesmal um ein Bündel Wolle oder einen Ziegenkäse

ärmer geworden ist. Deshalb ist es sehr gut von Isak, daß er Oline

jetzt nicht packt und zwischen seinen Händen zerschmettert für ihre

Niedertracht. Ja, im ganzen genommen versucht es Isak in Wahrheit, ein

immer besserer Mensch zu werden, was er auch dabei im Sinne haben

mag, ob er es um des lieben Friedens willen tut oder weil er hofft,

Gott werde ihm dann Inger früher zurückgeben. Er hat einen Hang zum

Grübeln und zum Aberglauben; selbst die Bauernschlauheit, die er hat,

ist treuherzig. Jetzt eben im Herbst hatte es sich gezeigt, daß das

Torfdach auf seinem Stall auf das Pferd herabzusinken drohte; da kaute

Isak ein paarmal an seinem rostigen Bart, aber dann lächelte er wie

jemand, der einen Spaß versteht, er richtete das Dach auf und stützte

es mit Sparren. Kein böses Wort entfuhr ihm. Ein anderer Zug: Das

Vorratshaus, in dem alle seine Lebensmittel untergebracht waren, stand

nur mit den Ecken auf hohen steinernen Füßen. Nun gelangten durch die

große Öffnung in der Grundmauer kleine Vögel ins Vorratshaus hinein,

flatterten darin herum und fanden den Weg nicht mehr hinaus. Oline

klagte, die kleinen Vögel pickten an den Eßwaren herum, liefen auf dem

Speck hin und her, ja, sie täten auch das, was noch schlimmer sei,

darauf. Isak sagte: Ja, es ist auch schlimm, daß die kleinen Vögel

hereinkommen und den Weg nicht mehr hinausfinden! Und mitten in der

strengen Arbeitszeit brach er Steine aus und füllte die Mauer damit auf.

Gott mochte wissen, was er sich dabei dachte, ob er hoffte, er werde,

wenn er sich so gut aufführe, Inger schon bald zurückbekommen.

9

Die Jahre vergehen.

Wieder kam ein Ingenieur mit einem Vorarbeiter und zwei Arbeitern nach

Sellanraa, und sie wollten wieder eine Telegraphenlinie übers Gebirge

abschreiten. So, wie sie jetzt abschritten, würde die Linie nicht

weit von Isaks Haus zu liegen kommen, und ein gerader Weg würde durch

den Wald geführt werden. Aber das schadete nichts, es würde den Ort

weniger öde machen, die Welt würde hereinkommen und ihn erhellen.

Der Ingenieur sagte: Dieser Platz hier wird nun der Mittelpunkt

zwischen zwei Tälern, man wird dir vielleicht die Aufsicht über die

Linie nach beiden Seiten hin anbieten. -- So, sagte Isak. -- Du

bekommst fünfundzwanzig Taler im Jahr dafür. -- So, sagte Isak, aber

was habe ich dafür zu tun? -- Die Leitung in Ordnung halten, die Drähte

ausbessern, wenn sie abgerissen sind, die Büsche weghauen, wenn sie

in die Linie hineinwachsen. Du bekommst eine nette kleine Maschine

an deine Wand, die dir zeigt, wenn du hinaus mußt. Dann mußt du

augenblicklich alles liegen und stehen lassen und gehen.

Isak überlegte: Im Winter könnte ich die Arbeit übernehmen, sagte er

dann. -- Nein, es muß das ganze Jahr hindurch sein, das ganze Jahr

natürlich, Sommer wie Winter. -- Aber Isak erklärte: Im Frühjahr und

im Sommer und im Herbst habe ich meine Feldarbeit und keine Zeit für

anderes.

Da mußte der Ingenieur Isak eine gute Weile ansehen, ehe er die

folgende erstaunte Frage tat: Kannst du damit mehr verdienen? --

Verdienen? sagte Isak. -- Ob du an den Tagen, die du bei der Aufsicht

der Telegraphenlinie verbringen mußt, mit Feldarbeit mehr verdienen

kannst? -- Das weiß ich nicht, antwortete Isak. Aber es ist nun einmal

so, daß ich wegen der Felder hier bin. Ich habe für das Leben von

vielen Menschen und von noch mehr Haustieren zu sorgen. Wir leben

von dem Grundstück. -- Ja, ja, ich kann den Posten auch einem andern

anbieten, versetzte der Ingenieur.

Diese Drohung schien wahrhaftig Isak das Herz nur zu erleichtern, er

wollte dem hohen Herrn wohl nur ungern eine abschlägige Antwort geben,

und so erklärte er: Ich habe ein Pferd und fünf Kühe, dazu einen

Stier. Dann habe ich zwanzig Schafe und sechzehn Ziegen. Die Tiere

geben uns Nahrung und Wolle und Felle, sie müssen Futter haben. -- Ja,

das ist klar, sagte der Ingenieur kurz. -- Jawohl. Und nun sage ich

nichts weiter als, wie sollte ich das Futter für sie herschaffen, wenn

ich mitten in der Heuernte fortgehen müßte und nach dem Telegraphen

sehen? -- Der Ingenieur erwiderte: Wir wollen gar nicht mehr darüber

reden. Der Mann da unten, Brede Olsen, soll die Aufsicht bekommen, er

übernimmt sie wohl gerne. -- Dann wendete er sich an seine Leute und

befahl: Kommt, wir wollen weitergehen!

Nun erriet wohl Oline an dem Ton, daß Isak steif und unvernünftig

gewesen war, das mußte ihr zugute kommen. Was hast du gesagt, Isak?

Sechzehn Ziegen? Es sind doch nicht mehr als fünfzehn. -- Isak sah sie

an, und Oline sah ihn an, sah ihm mitten ins Gesicht. -- Sind es nicht

sechzehn Ziegen? -- Nein, versetzte sie und sah den fremden Herrn über

Isaks Unvernunft ratlos an. -- So, sagte Isak leise. Er nahm einen

Büschel seines Bartes zwischen die Zähne und begann darauf zu kauen.

Der Ingenieur und seine Leute entfernten sich.

Wenn es nun Isak darum zu tun gewesen wäre, sich mit Oline unzufrieden

zu zeigen und sie vielleicht zu schlagen, so hätte er jetzt eine

gute Gelegenheit, oh, eine herrliche Gelegenheit dazu gehabt. Sie

waren wieder allein in der Stube, die Kinder waren mit den Fremden

hinausgelaufen und verschwunden. Isak stand mitten im Zimmer, und

Oline saß am Herd. Isak räusperte sich ein paarmal, um sie verstehen

zu lassen, daß er nicht weit davon entfernt sei, sich auszusprechen.

Aber er schwieg. Das war seine Seelenstärke. Sollte er etwa nicht

wissen, wie viele Ziegen er hatte, konnte er sie nicht an den Fingern

herzählen, war das Weib verrückt? Sollte eines von den Tieren im

Stall, mit denen er persönlich umging, mit denen er täglich plauderte,

verschwunden sein, eine von den Ziegen, die sechzehn an der Zahl waren!

Dann hatte wohl Oline die eine Ziege um irgend etwas vertauscht,

gestern, als die Frau von Breidablick dagewesen war und sich umgesehen

hatte.

Hm! sagte Isak, und er war nahe daran, noch mehr zu sagen. Was hatte

Oline getan? Es war vielleicht nicht geradezu ein Mord, aber doch nicht

weit davon. Er konnte in tödlichem Ernst von der sechzehnten Ziege

reden.

Er konnte jedoch nicht in alle Ewigkeit hier mitten in der Stube stehen

und schweigen. Er sagte: Hm! So, es sind also jetzt nicht mehr als

fünfzehn Ziegen? -- Nein, antwortete Oline freundlich. Ja, du kannst

sie ja selbst zählen, ich bekomme nicht mehr als fünfzehn heraus.

Jetzt, in diesem Augenblick hätte er es tun können: die Hände

ausstrecken und Oline in der Gestalt bedeutend verändern, nur mit einem

guten Griff. Das hätte er tun können. Er tat es nicht, aber er sagte

laut, indem er nach der Tür ging: Ich sage jetzt nichts weiter! Damit

ging er hinaus, wie wenn es beim nächsten Male von seiner Seite nicht

an deutlichen Worten fehlen sollte.

Eleseus! rief er.

Wo war Eleseus, wo waren beide Jungen geblieben? Der Vater wollte

eine Frage an sie stellen, sie waren jetzt große Jungen und hatten

Augen im Kopfe. Er fand sie unter dem Scheunenboden, sie waren da ganz

hineingekrochen und vollständig unsichtbar, aber sie verrieten sich

durch ein ängstliches Flüstern. Dann kamen sie zum Vorschein wie zwei

Sünder.

Die Sache war die, daß Eleseus ein Stück farbigen Bleistift gefunden

hatte, das dem Ingenieur gehörte; aber als er ihm damit nachlaufen

wollte, waren die weitausschreitenden erwachsenen Männer schon ein

Stück droben im Walde drin, und Eleseus blieb stehen. Der Gedanke stieg

in ihm auf, er könnte am Ende den Bleistift behalten -- ach, wenn er

das könnte! Er zog den kleinen Sivert mit sich fort, damit er die

Verantwortung nicht allein hätte, und dann krochen die zwei mit ihrer

Beute in einen Winkel unter dem Scheunenboden. Ach, dieses kurze Stück

Bleistift -- es war eine Merkwürdigkeit in ihrem Leben, ein Wunder!

Sie suchten sich Holzspäne und bedeckten sie mit allerlei Strichen,

und der Bleistift zeichnete rot mit dem einen Ende und blau mit dem

andern; die Jungen wechselten ab, wer ihn haben durfte. Als nun der

Vater so eindringlich und laut rief, flüsterte Eleseus: Die Fremden

sind wohl zurückgekommen, um den Bleistift zu holen! Da war die Freude

daran plötzlich verschwunden, sie war wie aus ihrer Seele weggewischt,

und die kleinen Herzen begannen ängstlich zu schlagen und zu hämmern.

Die Brüder krochen hervor; Eleseus hielt dem Vater den Bleistift auf

Armlänge entgegen, um ihm zu zeigen, daß sie ihn nicht zerbrochen

hatten, aber sie wünschten, sie hätten ihn nie gesehen.

Doch sie sahen keinen Ingenieur, da beruhigten sich ihre Herzen wieder

und fühlten einen wahren Gottesfrieden nach der Spannung.

War gestern eine Frau hier? fragte der Vater. -- Ja. -- Die Frau von

drunten? Habt ihr sie gesehen, als sie wegging? -- Ja. -- Hatte sie

eine Ziege bei sich? -- Nein, sagten die Kinder. Eine Ziege? -- Hatte

sie nicht eine Ziege bei sich, als sie wieder heimging? -- Nein. Was

für eine Ziege?

Isak überlegte und grübelte nach, und am Abend, als das Vieh von der

Weide zurückkam, zählte er die Ziegen zum erstenmal: es waren sechzehn.

Er zählte sie noch einmal, zählte fünfmal -- es waren sechzehn Ziegen.

Keine fehlte.

Isak atmete erleichtert auf. Wie war das zu verstehen? Oline, diese

Kreatur, hatte wohl nicht bis sechzehn zählen können. Er sagte in

ärgerlichem Ton zu ihr: Was faselst du denn, es sind ja sechzehn

Ziegen! -- Sind es sechzehn? fragte sie unschuldig. -- Ja. -- So, ja,

ja. -- Ja, du bist mir ein guter Rechenmeister. -- Darauf erwiderte

Oline ruhig und gekränkt: Nun, wenn alle Ziegen da sind, dann hat Oline

Gott sei Dank keine von ihnen aufgefressen. Ich bin recht froh für sie!

Sie verwirrte ihn mit diesem Streich und brachte ihn dazu, sich die

Sache aus dem Kopf zu schlagen. Er zählte nun den Viehstand nicht

mehr, es fiel ihm auch nicht ein, die Schafe zu zählen. Natürlich war

Oline nicht so schlimm, sie führte ihm gewissermaßen das Hauswesen,

versorgte sein Vieh, sie war nur sehr dumm -- aber dadurch schadet sie

sich selbst und nicht ihm. Mochte sie dableiben und weiterleben, sie

war nicht mehr wert. Aber es war düster und freudlos, in einem solchen

Leben der Isak zu sein.

Die Jahre waren vergangen. Jetzt war Gras auf dem Hausdach gewachsen,

ja, sogar das Scheunendach, das mehrere Jahre jünger war, stand grün.

Die Eingeborene des Waldes, die Feldmaus, hatte längst im Vorratshaus

ihren Einzug gehalten. Es schwirrte von Meisen und anderen kleinen

Vögeln auf der Ansiedlung, auf der Halde gab es Auerhähne, ja, auch

Krähen und Elstern waren herbeigekommen. Aber das Merkwürdigste hatte

sich doch im letzten Sommer begeben, da waren Möwen von der Meeresküste

heraufgeflogen und hatten sich auf dieses Grundstück im Ödland

herabgesenkt. So bekannt war die Ansiedlung unter der ganzen Schöpfung

geworden. Und was meint ihr, welche Gedanken in Eleseus und dem kleinen

Sivert aufstiegen, als sie die Möwen sahen? Oh, es waren fremde Vögel

von weit her, und sie waren nicht sehr zahlreich, aber es waren doch

sechs Stück, weiße Vögel, alle ganz gleich; sie spazierten auf den

Feldern umher, zuweilen bissen sie Gras ab. -- Vater, warum sind sie

hierhergekommen? fragten die kleinen Buben. -- Weil sie auf dem Meer

einen Sturm erwarteten. -- Ach, wie sonderbar und geheimnisvoll war

das mit den Möwen!

Segen der Erde: Roman · 第 6 / 32 段