begriff er, warum Inger jedesmal bei der Geburt hatte allein sein
wollen, allein hatte sie die große Angst über die Wohlgestaltetheit
des Kindes ausstehen, allein der Gefahr entgegengehen wollen. Dreimal
hatte sich das wiederholt. Isak schüttelte den Kopf, und sie tat
ihm sehr leid mit ihrem Unglück, die arme Inger. Und als er von der
Sendung des Lappen mit dem Hasen hörte, da sprach er Inger frei. Das
führte zu großer Liebe zwischen ihnen, einer verrückten Liebe, sie
schmiegten sich aneinander an in der Gefahr, sie war voll urwüchsiger
Süßigkeit gegen ihn, und er wurde wild und unmäßig gierig nach ihr, der
Mühlengeist, der Klotz. Als Schuhwerk gebrauchte sie nur Lappenschuhe,
aber sie hatte nichts von einer Lappennatur an sich, sie war nicht
klein und welk, sondern im Gegenteil herrlich und groß. Jetzt im Sommer
ging sie barfuß und kurzgeschürzt, mit nackten Waden, und von diesen
nackten Waden konnte Isak seine Augen nicht losreißen.
Den ganzen Sommer hindurch sang sie Bruchstücke von Kirchenliedern
und lehrte auch Eleseus Gebete hersagen; aber sie haßte alle Lappen
ganz unchristlich und sagte denen, die vorbeizogen, ihre Meinung
geradeheraus. Sie könnten ja wieder von jemand geschickt sein, könnten
einen Hasen in ihrem Fellsack haben, sie sollten nur weitergehen! --
Einen Hasen? Was für einen Hasen? -- Na, hast du nicht gehört, was
Os-Anders getan hat? -- Nein. -- Ich kann es dir gern selbst sagen. Er
kam mit einem Hasen hierher, als ich guter Hoffnung war. -- Hat man je
so etwas gehört? Hast du einen Schaden davon gehabt? -- Das kümmert
dich nichts, geh jetzt nur! Da hast du einen Bissen und dann mach, daß
du weiterkommst! -- Du hast wohl nicht ein Stück Leder, womit ich meine
Schuhe ausbessern kann? -- Nein, aber einen Stecken kannst du zu fühlen
bekommen, wenn du jetzt nicht gehst.
Ein Lappe bettelt demütig, bekommt er jedoch nichts, dann wird er
rachsüchtig und droht. Jetzt kam ein Lappenpaar mit zwei Kindern an der
Siedlung vorüber; die Kinder wurden ins Haus geschickt, um zu betteln,
sie kamen zurück und meldeten, es sei niemand daheim. Die Familie blieb
eine Weile stehen und redete lappisch miteinander, dann ging der Mann
hinein, um nachzusehen. Er kam nicht wieder. Da ging die Frau ihm nach
und zuletzt auch die Kinder, sie blieben alle in der Stube stehen und
flüsterten in der Lappensprache. Der Mann steckt den Kopf in die Kammer
hinein, auch da war niemand. Jetzt schlägt die Wanduhr, die Familie
lauscht verwundert und bleibt stehen.
Inger mußte geahnt haben, daß fremde Leute auf den Hof kamen, jetzt
lief sie rasch die Halde herunter. Als sie sieht, daß es Lappen sind,
und dazu Lappen, die sie nicht kennt, sagt sie geradeheraus: Was wollt
ihr hier? Habt ihr nicht gesehen, daß niemand daheim war? -- O ja, sagt
der Mann. -- Inger sagt: Macht, daß ihr fortkommt!
Die Familie rückt langsam und widerwillig hinaus. Wir sind
stehengeblieben und haben dieser Uhr zugehört, sagt der Mann. Sie hat
so wundervoll geschlagen. -- Du hast wohl nicht einen Brotlaib für uns?
sagt die Frau. -- Woher kommt ihr? fragt Inger. -- Von Vatnan auf der
andern Seite. Wir sind die ganze Nacht hindurch gewandert. -- Wohin
wollt ihr? -- Übers Gebirge.
Inger geht hinein und richtet etwas Mundvorrat; als sie wieder
herauskommt, bettelt die Frau noch um Stoff zu einer Mütze, um einen
Knäuel Wolle, um ein Stück Ziegenkäse, alles kann sie gebrauchen. Inger
hat keine Zeit, Isak und die Kinder sind auf der gemähten Wiese. Jetzt
geht nur, sagt sie.
Die Frau versucht es mit Schmeicheln: Wir haben dein Vieh auf der Weide
gesehen, es sind so viele Tiere, gerade wie die Sterne am Himmel.
-- Großartig! sagt auch der Mann. Hättest du nicht ein paar alte
Lappenschuhe?
Inger schließt die Haustür und geht zu ihrer Arbeit zurück. Da rief der
Mann ihr etwas nach, sie tat jedoch, als höre sie es nicht, und ging
nur weiter, aber sie hatte es gut gehört. Ist es richtig, daß du Hasen
kaufst?
Das war nicht mißzuverstehen. Der Lappe hatte vielleicht in gutem
Glauben gefragt, vielleicht hatte es ihm jemand weisgemacht, vielleicht
fragte er auch aus Bosheit, aber Inger hatte jedenfalls eine Warnung
erhalten. Das Schicksal meldete sich ...
Die Tage vergingen. Die Ansiedler waren gesunde Menschen, was kommen
sollte, mochte kommen, sie taten ihre Arbeit und warteten. Sie lebten
dicht beieinander wie Tiere im Walde, sie schliefen und aßen, die
Jahreszeit war schon so vorgeschritten, daß sie die neuen Kartoffeln
versuchten; sie waren groß und mehlig. Der Schlag -- warum fiel der
Schlag nicht? Jetzt war es schon Ende August, bald kam der September,
sollten sie den Winter über verschont bleiben? Sie waren beständig
auf der Wacht, jeden Abend krochen sie in ihrer Höhle zusammen, froh
darüber, daß der Tag ohne etwas Schlimmes vergangen war. So verstrich
die Zeit bis zum Oktober, da erschien der Lensmann mit einem Mann und
einer Aktenmappe bei ihnen. Das Gesetz schritt zur Tür herein.
Die Nachforschungen brauchten Zeit, Inger wurde unter vier Augen
verhört. Sie leugnete nichts; das Grab im Walde wurde geöffnet und
geleert und die kleine Leiche zur Untersuchung eingeschickt. Die kleine
Leiche war in Eleseus' Taufkleid gehüllt und hatte die Mütze mit den
Perlen auf dem Köpfchen.
Da fand Isak gleichsam seine Sprache wieder. Ja, ja, jetzt steht es so
schlimm für uns, als es nur kann, sagte er. Ich sage eben auch jetzt
noch dasselbe, du hättest es nicht tun sollen. -- Nein, gibt Inger
zu. -- Wie hast du es gemacht? -- Inger gab keine Antwort. -- Und daß
du es übers Herz hast bringen können! -- Sie war genau so wie ich. Da
legte ich sie aufs Gesicht. Isak schüttelte den Kopf. -- Und dann starb
sie, fuhr Inger fort und brach in lautes Weinen aus. Isak schwieg eine
Weile. Ja, ja, jetzt ist es zu spät zum Weinen, sagte er dann. -- Sie
hatte braunes Haar im Nacken, schluchzte Inger.
Damit war die Angelegenheit wieder zu Ende.
Und wieder vergingen die Tage. Inger wurde nicht festgenommen, die
Obrigkeit ließ Milde walten. Lensmann Heyerdahl fragte sie aus, wie er
jeden anderen Menschen ausgefragt hätte, und sagte nur: Es ist traurig,
daß so etwas vorkommt! Als Inger fragte, wer sie angezeigt habe,
antwortete der Lensmann, niemand, es seien ihm von verschiedenen Seiten
Andeutungen über die Sache gemacht worden. Ob sie sich nicht selbst
teilweise bei einigen Lappen verraten habe? -- Inger antwortete: Ja,
sie habe einigen Lappen von Os-Anders erzählt, der mitten im Sommer mit
einem Hasen zu ihr gekommen sei, und davon habe das Kind unter ihrem
Herzen eine Hasenscharte bekommen. Und Oline habe doch sicher den Hasen
geschickt! -- Davon wußte der Lensmann nichts. Aber wie es auch sein
mochte, solche Unwissenheit und solchen Aberglauben würde er nicht
einmal in sein Protokoll aufnehmen. -- Meine Mutter bekam einen Hasen
zu sehen, als sie mich unter dem Herzen trug, sagte Inger ...
Die Scheune war fertig, es war eine geräumige Hütte mit einem
Heuverschlag auf beiden Seiten und einer Tenne in der Mitte. Das
Vorratshaus und die anderen vorläufigen Aufbewahrungsorte wurden
geräumt und das Heu in die Scheune geschafft. Das Korn wurde
geschnitten, auf Heinzen getrocknet und dann eingefahren. Inger grub
die Karotten und Rüben heraus. Nun war alles unter Dach. Jetzt wäre
alles gut gewesen, Wohlstand herrschte auf der Ansiedlung, Isak rodete
wieder Neuland, bevor der Frost kam, und vergrößerte den Kornacker, und
er war ein wirklicher Roder, das war er. Aber im November sagte Inger:
Jetzt wäre sie ein halbes Jahr alt und hätte uns alle gekannt! -- Da
ist nichts mehr daran zu ändern, sagte Isak.
Im Winter drosch Isak auf der neuen Scheunentenne Korn, Inger half ihm
viele Stunden lang und führte ihren Dreschflegel so gut wie er, während
die Kinder im Heu spielten. Die Ähren gaben große dicke Körner. Gegen
Neujahr war eine gute Schlittenbahn, und Isak fing an Klafterholz
fürs Dorf zu richten; er hatte jetzt feste Käufer, und sein im Sommer
getrocknetes Holz wurde gut bezahlt.
Eines Tages kam er mit Inger überein, das fette Kalb, das von Goldhorn
stammte, mitzunehmen und es zu Madam Geißler zu bringen nebst einem
Ziegenkäse. Die Madam war entzückt und fragte ihn, was die Sachen
kosteten. -- Nichts, sagte Isak, der Lensmann hat es schon bezahlt. --
Gott segne ihn, hat er das getan? sagte Frau Geißler gerührt. Sie gab
Isak für Eleseus und Sivert Bilderbücher und Kuchen und Spielsachen
mit. Als Isak heimkam und Inger die Sachen sah, wendete sie sich
ab und begann zu weinen. Was hast du denn? fragte Isak. -- Nichts,
antwortete Inger. Aber gerade jetzt wäre sie ein Jahr alt gewesen und
hätte alles dieses sehen können. -- Jawohl, aber du weißt doch, wie
sie gewesen ist, erwiderte Isak, um Inger zu trösten. Und außerdem ist
es möglich, daß es nicht so schlimm ausfällt. Ich habe mich erkundigt,
wo Geißler sich aufhält. -- Inger horchte auf. Ja, kann er uns denn
helfen? fragte sie. -- Das weiß ich nicht.
Dann fuhr Isak das Korn in die Mühle, es wurde gemahlen, und er brachte
Mehl nach Hause. Dann ging er wieder in den Wald und fällte Bäume für
das Klafterholz des nächsten Jahres. Sein Leben ging von einer Arbeit
zur andern, je nach den Jahreszeiten vom Feld in den Wald und vom Wald
wieder aufs Feld. Jetzt hatte Isak sechs Jahre auf seiner Ansiedlung
gearbeitet und Inger fünf; alles war recht und gut, wenn es so weiter
ging. Aber es ging nicht so weiter. Inger warf das Weberschiffchen hin
und her und versorgte ihren Viehstand, sie sang auch fleißig geistliche
Lieder, aber, ach, du lieber Gott, ihr Gesang war eine Glocke ohne
Klöppel!
Sobald der Weg gangbar war, wurde sie zum Verhör ins Dorf
hinuntergeholt. Isak mußte daheim bleiben. Während er da allein
war, nahm er sich vor, nach Schweden hinüberzuwandern und Geißler
aufzusuchen, der wohlwollende Lensmann würde den Leuten auf Sellanraa
vielleicht noch einmal freundlich entgegenkommen. Aber als Inger
zurückkam, hatte sie schon nach allem gefragt und wußte über das Urteil
einigermaßen Bescheid. Eigentlich sei es lebenslänglich, Paragraph 1,
aber ... Seht, sie hatte sich mitten vor den heiligen Richterstuhl
des Gesetzes hingestellt und einfach alles gestanden; die beiden
Zeugen der Gemeinde hatten sie mitleidig angesehen, und der Hardesvogt
hatte sie freundlich ausgefragt; aber sie war den hellen Köpfen der
Herren vom Gesetz doch unterlegen. Die hohen Herren Juristen sind so
tüchtig, die kennen ihre Paragraphen, sie haben sie auswendig gelernt
und im Gedächtnis, so helle Köpfe sind sie. Und sie sind auch nicht
ohne Verstand neben ihrem Amt, nicht einmal ohne Herz. Inger konnte
sich nicht über das Gericht beklagen; sie hatte nichts von dem Hasen
gesagt, aber als sie unter Tränen gestand, daß sie ihrem mißgestalteten
Kind nichts so Böses habe antun wollen, wie es am Leben zu lassen,
da hatte der Hardesvogt ernst und sachte mit dem Kopf genickt. Aber,
hatte er gesagt, du hast ja selbst eine Hasenscharte, und dir ist es
doch gut ergangen. -- Ja, Gott sei Dank! hatte Inger nur geantwortet.
Und sie hatte nichts von den geheimen Leiden ihrer Kindheit und Jugend
vorbringen können.
Aber der Hardesvogt mußte doch das eine und andere gemerkt haben,
er schleppte selbst einen Klumpfuß herum und hatte niemals tanzen
können. Das Urteil -- nein, das weiß ich noch nicht. Eigentlich ist es
lebenslängliches Gefängnis, aber ... Und ich weiß nicht, ob wir es in
die nächsten Stufen hinunterbringen, in die zweite oder dritte Stufe,
fünfzehn bis zwölf, zwölf bis neun Jahre. Da sitzen einige Männer und
humanisieren das Strafgesetz, werden aber nicht damit fertig. Aber wir
müssen das Beste hoffen, sagte er.
Inger kam in einer stumpfen Gelassenheit zurück, es war nicht nötig
gewesen, sie in Haft zu behalten. Ein paar Monate vergingen, und als
Isak eines Abends vom Fischen heimkam, waren der Lensmann und sein
neuer Gerichtsbote auf Sellanraa gewesen. Inger war lieb und gut gegen
Isak und lobte ihn, obgleich er nicht viel Fische gefangen hatte.
Was wollte ich doch sagen, sind Fremde hier gewesen? fragte er. --
Fremde? Warum fragst du? -- Ich sehe neue Fußstapfen draußen. Spuren
von Stiefeln. -- Es ist niemand anders dagewesen als der Lensmann und
noch einer. -- So. Was wollten sie? -- Das wirst du dir denken können.
-- Wollten sie dich holen? -- Mich holen? Nein, es war nur das Urteil.
Und das kann ich dir sagen, Isak, Gott ist gnädig gewesen, es ist nicht
so, wie ich gefürchtet habe. -- So, sagte Isak gespannt, dann ist es
vielleicht doch nicht sehr lang? -- Nein, nur einige Jahre. -- Wie
viele? -- Ja, ja, du wirst wohl finden, es seien viele Jahre, aber ich
danke Gott, daß ich wenigstens mit dem Leben davonkomme.
Inger nannte die Zahl nicht. Später am Abend fragte Isak, um welche
Zeit man sie holen würde; aber das wußte sie nicht, oder sie wollte es
nicht sagen. Sie war jetzt wieder sehr nachdenklich, redete davon, daß
sie nicht wisse, wie alles gehen solle, aber Oline werde wohl kommen,
und Isak wußte auch keinen anderen Ausweg. Wo war übrigens Oline
geblieben? Sie war in diesem Jahr nicht wie sonst gekommen. War es ihre
Absicht, ganz wegzubleiben, nachdem sie bei ihnen alles aus dem Geleise
gebracht hatte? Sie machten die Feldarbeit, aber Oline kam nicht.
Sollte man sie vielleicht holen? Ach, sie würde schon dahergeschwankt
kommen, der Fettwanst, das Untier!
Endlich eines Tages kam sie. Welch ein Frauenzimmer! Es war, als sei
zwischen ihr und dem Ehepaar gar nichts vorgefallen, sie strickte sogar
ein Paar gereifelte Strümpfe für Eleseus, wie sie sagte. Ich wollte nur
sehen, wie ihr es hier auf dieser Seite des Gebirges habt, begann sie.
Es zeigte sich, daß sie ihre Kleider und Sachen in einem Sack im Walde
liegen hatte und darauf eingerichtet war, dazubleiben.
Am Abend nahm Inger ihren Mann auf die Seite und sagte: Hast du nicht
gesagt, du wollest versuchen, Geißler aufzufinden? Jetzt ist ruhige
Zeit. -- Ja, antwortete Isak, da Oline jetzt da ist, breche ich gleich
morgen früh auf. -- Inger sagte, sie wäre ihm dankbar dafür. Und du
mußt alles bare Geld mitnehmen, das du hast, sagte sie. -- So. Kannst
du es nicht aufheben? -- Nein.
Inger machte reichlich Mundvorrat für ihn zurecht, und Isak wachte
bereits in der Nacht auf und machte sich zum Aufbruch fertig. Inger
begleitete ihn bis zur Haustür, sie weinte nicht und jammerte nicht,
aber sie sagte: Jetzt können sie jeden Tag kommen, um mich zu holen. --
Weißt du etwas? -- Nein, wie sollte ich etwas wissen? Und es wird wohl
auch noch nicht so bald sein, aber ... Wenn du jetzt nur den Geißler
fändest und er dir irgendeinen guten Rat geben könnte!
Was hätte Geißler jetzt noch tun können? Nichts. Aber Isak ging doch.
Aber ja, Inger hatte wohl etwas gewußt. Sie hatte vielleicht auch durch
irgend jemand Oline Nachricht zukommen lassen. Als Isak von Schweden
heimkam, war Inger abgeholt worden, und Oline war bei den beiden
Kindern geblieben.
Das war eine traurige Nachricht für Isak bei seiner Heimkehr, als er
mit lauter Stimme nach Inger rief und keine Antwort bekam. Ist sie
fort? fragte er. -- Ja, antwortete Oline. -- An welchem Tag war es?
-- Am Tag, nachdem du weggegangen warst. -- Jetzt erriet Isak, daß
Inger bei der Entscheidung wieder allein hatte sein wollen und sie ihn
deshalb auch gebeten hatte, alles Geld mitzunehmen. Ach, Inger hätte
gern ein paar Groschen für die große Reise haben können!
Aber die kleinen Jungen waren gleich ganz in Anspruch genommen von dem
netten gelben Ferkelchen, das Isak mitgebracht hatte. Das war übrigens
auch das einzige, was er mitbrachte. Geißlers Adresse war veraltet.
Geißler war nicht mehr in Schweden, er war in Drontheim. Aber das
Ferkelchen hatte Isak auf seinen Armen von Schweden herübergetragen,
er hatte es mit Milch aus seiner Flasche geatzt und im Gebirge mit ihm
auf der Brust geschlafen. Er hatte Inger eine Freude machen wollen,
jetzt spielten Eleseus und Sivert damit und hatten großen Spaß daran.
Das zerstreute Isak ein wenig. Dazu kam noch, daß Oline vom Lensmann
grüßen konnte und ausrichtete, der Staat sei endlich auf den Verkauf
von Sellanraa eingegangen, und Isak solle nur in die Amtsstube des
Lensmanns hinunterkommen und bezahlen. Das war eine gute Nachricht, und
sie riß Isak aus seiner tiefsten Niedergeschlagenheit heraus. Obgleich
er noch recht müde und steifbeinig von seiner Reise war, packte er
neuen Mundvorrat zusammen und wanderte gleich ins Dorf hinunter. Er
hatte wohl eine leise Hoffnung, Inger noch dort zu treffen.
Aber diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung, Inger war fort, für acht
Jahre. Isak wurde es öde und düster zumute, und er verstand nur das
eine und andere von dem, was der Lensmann sagte. Es sei traurig, daß so
etwas vorkommen könne. Er hoffe, es werde Inger eine Lehre sein, daß
sie sich bekehre und ein besserer Mensch werde und ihre Kinder nicht
mehr umbringe.
Lensmann Heyerdahl war seit dem vorigen Jahr verheiratet. Seine Frau
wollte nicht Mutter werden und wollte keine Kinder haben -- sie
bedankte sich dafür. Und sie hatte auch keine.
Endlich kann ich auch die Sache Sellanraa abschließen, sagte der
Lensmann dann. Das Königliche Ministerium ist einigermaßen nach meinen
Vorschlägen auf den Verkauf eingegangen. -- So, sagte Isak. -- Es hat
lang gedauert, aber ich habe die Befriedigung, daß meine Arbeit nicht
vergeblich gewesen ist! Was ich geschrieben habe, ist beinahe Punkt
für Punkt durchgegangen. -- Punkt für Punkt, wiederholte Isak und
nickte. -- Hier ist die Urkunde. Du kannst sie beim nächsten Thing
verlesen lassen. -- Ja, sagte Isak. Was muß ich bezahlen? -- Zehn Taler
jährlich. Hier hat das Ministerium allerdings eine kleine Veränderung
vorgenommen, anstatt fünf Taler jährlich zehn. Ich weiß nicht, wie du
das aufnimmst? -- Wenn ich es nur leisten kann, antwortete Isak. -- Und
zehn Jahre lang. -- Isak sah erschrocken auf. -- Ja, das Ministerium
will auf nichts anderes eingehen, sagte der Lensmann. -- Und das ist
auch gar keine Bezahlung für ein so großes Grundstück, urbar gemacht
und so angebaut, wie es nun dasteht.
Isak hatte die zehn Taler für dieses Jahr, er hatte sie für Klafterholz
und die Ziegenkäse bekommen, die Inger zusammengespart hatte. Er
bezahlte, und es blieb ihm noch ein Rest übrig.
Es ist wirklich ein Glück für dich, daß das Ministerium nichts von der
Tat deiner Frau erfahren hat, fuhr der Lensmann fort. Sonst hätten sie
vielleicht einen anderen Käufer dafür genommen. -- So, sagte Isak,
und dann fragte er: Und sie ist also nun für volle acht Jahre fort?
-- Ja, das läßt sich nicht ändern, die Gerechtigkeit muß ihren Lauf
haben. Ihre Strafe ist übrigens milder als mild. Das nächste, was du
nun zu tun hast, ist, eine deutliche Grenzscheide zwischen dir und
dem Staatseigentum auszuhauen. Rode alles mit Stumpf und Stiel aus,
in gerader Linie nach den Merkzeichen, die ich angegeben und in mein
Protokoll eingetragen habe. Das Holz gehört dir. Ich werde später
hinaufkommen und nachsehen.
Isak wanderte heim.
8
Die Jahre vergehen rasch? Ja, für den, der altert. Isak war weder alt
noch geschwächt, ihm wurden die Jahre lang. Er arbeitete auf seinem
Hofe und ließ seinen rostroten Bart wachsen, wie er wollte.
Ab und zu, wenn ein Lappe vorbeikam oder sich dies und jenes im
Viehstand ereignete, wurde die Einförmigkeit im Ödland unterbrochen.
Einmal kamen viele Männer vorbeigewandert; sie ruhten auf Sellanraa
aus, aßen und tranken Milch dazu und fragten Isak und Oline nach dem
Weg übers Gebirge aus; sie sollten eine Telegraphenlinie abschreiten,
sagten sie. Ein anderes Mal erschien Geißler -- kein Geringerer als
Geißler. Er kam frisch und froh vom Dorfe heraufmarschiert und hatte
zwei Mann bei sich mit Bergwerksgeräten und Pickel und Spaten.
Dieser Geißler! Er war ganz derselbe wie früher, ganz unverändert.
Er sagte guten Tag, plauderte mit den Kindern, ging ins Haus und kam
wieder heraus, betrachtete die Felder, öffnete die Türen von Stall und
Scheune und schaute hinein. Ausgezeichnet! sagte er. Isak, hast du die
kleinen Steine noch? -- Die kleinen Steine? -- Ja, die kleinen schweren
Steine, mit denen dein Junge gespielt hat, als ich das letztemal hier
war?
Die Steine waren im Vorratshaus, sie lagen als Gewicht auf den
Mausefallen, nun wurden sie hereingeholt. Der Lensmann und die beiden
Männer untersuchten sie, besprachen sich darüber, klopften darauf und
wogen sie in der Hand. Schwarzkupfer! sagten sie. -- Kannst du mit ins
Gebirge gehen und uns zeigen, wo du die Steine gefunden hast? fragte
der Lensmann.
Alle miteinander gingen in die Berge, und es war nicht weit bis zur
Fundstätte; aber sie wanderten doch ein paar Tage umher, suchten nach
Metall und sprengten da und dort einen Stein los. Als sie in den Hof
zurückkehrten, brachten sie zwei schwere Säcke voll Steine mit.
Währenddem hatte Isak mit Geißler seine ganze Lage besprochen, auch daß
der Preis für den Hof auf hundert Taler anstatt auf fünfzig festgesetzt
worden war. -- Ach, das spielt keine Rolle, sagte Geißler leichthin.
Du hast vielleicht Kostbarkeiten in deinem Gestein, die Tausende wert
sind. -- So, sagte Isak. -- Aber du mußt die gerichtliche Bestätigung
der Urkunde so rasch wie möglich ins Werk setzen. -- Ja. -- Damit dir
der Staat nicht einen Prügel in den Weg wirft, verstehst du? sagte
er. -- Isak verstand. Ja, ja, aber das Schlimmste ist doch die Sache
mit Inger, erwiderte er. -- Ach ja, sagte Geißler, und er überlegte
für seine Art ungewöhnlich lange. Der Fall könnte vielleicht noch
einmal aufgenommen werden. Wenn alles an den Tag käme, würde ihre
Strafe vielleicht etwas heruntergesetzt. Aber wir könnten vielleicht
um Begnadigung einkommen und damit ungefähr dasselbe erreichen. -- So,
meint Ihr das? -- Um Begnadigung können wir zwar vorderhand noch nicht
einkommen, da muß erst einige Zeit verstrichen sein. Aber was ich sagen
wollte: Du hast meiner Familie ein Kalb und Ziegenkäse gebracht, was
bin ich dir dafür schuldig? -- Nichts, Ihr habt schon dafür bezahlt. --
Ich? -- Und Ihr habt uns so viel geholfen. -- Nein, sagte Geißler kurz,
indem er einige Talerscheine auf den Tisch legte. Hier nimm dies! sagte
er.
Er war ein Mann, der nichts umsonst wollte, und es schienen auch noch
genug Geldscheine in seiner Brusttasche zu stecken, so dick war sie.
Gott mochte wissen, ob er wirklich so reich war!
Aber sie schreibt, sie habe es gut, sagte Isak, der nur an seine
Angelegenheiten dachte. -- Ach so, deine Frau? -- Ja, seit sie das
kleine Mädchen bekommen hat -- sie hat ein kräftiges, wohlgestaltetes
Mädchen bekommen. -- Das ist ausgezeichnet! -- Ja, und die anderen
helfen ihr alle miteinander, und jedermann sei gut gegen sie, schreibt
sie.
Geißler sagte: Jetzt schicke ich diese kleinen Steine hier an einige
gesteinskundige Herren, um zu erfahren, woraus sie bestehen. Wenn
ordentlich Kupfer drin ist, bekommst du viel Geld. -- So, sagte Isak.
Und wann meint Ihr wohl, daß wir um Begnadigung einkommen können? --
In einiger Zeit. Ich werde für dich hinschreiben, und ich komme später
auch selbst wieder her. Was hast du gesagt? Hat deine Frau ein Kind
bekommen, seit sie von hier fort ist? -- Ja. -- Dann haben sie sie
in schwangerem Zustand hier weggeholt? Das hätten sie nicht dürfen.
-- Nicht? -- Nein, und das ist ein Grund mehr, daß sie nach einer
bestimmten Zeit frei wird. -- Das wäre ja sehr gut, sagte Isak dankbar.
Isak wußte nicht, daß die Obrigkeit schon viele und lange Aktenstücke
wegen der schwangeren Frau hatte hin und her schicken müssen. Sie
hatte es seinerzeit aus zweierlei Gründen unterlassen, Inger von ihrem
Hause weg in Haft zu nehmen. Erstens hatte es an einem Arrestlokal
für sie gefehlt, und zweitens hatte die Obrigkeit milde sein wollen.
Die Folgen waren unberechenbar. Später, als Inger festgenommen werden
sollte, hatte niemand nach ihrem Zustand gefragt, und sie selbst hatte
nichts gesagt. Vielleicht hatte sie auch absichtlich geschwiegen, um
das Kind in den bösen Jahren in ihrer Nähe zu haben; wenn sie sich gut
aufführte, durfte sie es vielleicht ab und zu einmal sehen. Vielleicht
war sie aber auch nur stumpf gewesen und war trotz ihres Zustandes
gleichgültig darauf eingegangen, von zu Hause fortgeführt zu werden.