Eine Zeitlang trug Inger ein Heukissen auf dem Leib, um dick

auszusehen. Allmählich verminderte sie das Heu, und schließlich ließ

sie den Sack weg. Endlich eines Tages fiel es Isak auf, und er fragte

verwundert: Was ist denn das? Ist diesmal nichts daraus geworden? --

Nein, sagte sie, diesmal nicht. -- So, warum nicht? -- Ach, es war

eben so. Was glaubst du, Isak, bis wann du alles das umgebrochen haben

wirst, das wir da vor uns sehen? -- Ist es eine Fehlgeburt gewesen?

fragte er. -- Ja. -- So. Und du hast keinen Schaden davongetragen? --

Nein. Du, Isak, ich habe schon sooft gedacht, ob wir uns nicht Schweine

aufziehen sollten. -- Isak, der sehr bedächtig war, sagte nach einer

Weile: Ja, ein Schwein. Ich hab' in jedem Frühjahr daran gedacht. Aber

solange wir nicht mehr Eßkartoffeln und auch Futterkartoffeln und etwas

mehr Getreide haben, haben wir kein Futter für ein Schwein. Nun, wir

wollen in diesem Jahr einmal sehen. -- Es wäre sehr schön, wenn wir ein

Schwein hätten. -- Ja.

Die Tage vergehen. Regen fällt, und Acker und Wiese stehen schön, in

diesem Jahr darf man auf Gutes hoffen! Große und kleine Erlebnisse

folgen einander, es gibt Mahlzeiten, Schlaf und Arbeit, Sonntage mit

rein gewaschenen Gesichtern und gekämmten Haaren, Isak trägt sein neues

rotes Hemd, das Inger gewebt und genäht hat. Da geschieht es, daß das

gleichmäßige Leben durch ein großes Ereignis aufgescheucht wird. Ein

Mutterschaf mit seinem Lamm hat sich in einem Felsenspalt eingeklemmt;

die anderen Schafe kommen am Abend heim, Inger vermißt sofort die

beiden, die fehlen. Isak geht hinaus, sie zu suchen. Sein erster

Gedanke ist, wenn ein Unglück geschehen sei, so sei es nur gut, daß

es gerade Sonntag sei und er somit nicht von der Arbeit weg müsse. Er

sucht stundenlang, endlos ist das Weideland, er geht und geht. Daheim

ist das ganze Haus in Aufregung; die Mutter beschwichtigt ihre Kinder

mit kurzen Worten: Zwei Schafe fehlen, schweigt! Alle tragen an der

Sorge mit, die ganze kleine Gesellschaft, selbst die Kühe merken, daß

etwas Ungewöhnliches vorgeht, und brüllen, denn bisweilen ist Inger

draußen und lockt mit lauter Stimme nach dem Walde hin, obgleich die

Nacht schon herannaht. Dies ist ein Ereignis im Ödland, ein allgemeines

Unglück. Als Inger die Kinder zu Bett gebracht hat, geht sie selbst

hinaus und sucht auch; dazwischen ruft sie, bekommt aber keine Antwort,

Isak ist wohl auch weit weg.

Wo können die Schafe nur sein, was ist ihnen geschehen? Sind Bären

unterwegs? Sind Wölfe von Schweden und Finnland übers Gebirge

herübergekommen? Keins von beiden. Als Isak die Vermißten findet, ist

das Mutterschaf in eine Felsenspalte eingeklemmt mit einem gebrochenen

Bein und stark verletztem Euter. Es muß lange in der Felsenspalte

festgehalten worden sein, denn obgleich es ernstlich verwundet ist, hat

es doch das Gras um sich her bis an die Wurzeln abgenagt. Isak hebt

das Schaf heraus, und das erste, was dieses tut, ist, nach Futter zu

suchen. Das Lamm saugt sofort an der Mutter, es ist die reine Heilung

für das arme wunde Euter, daß es geleert wird.

Nun sucht Isak Steine und wirft sie in die gefährliche Felsenspalte;

diese heimtückische Öffnung soll nie wieder ein Schafbein brechen! Isak

trägt lederne Hosenträger, er zieht sie aus, legt sie um das Schaf und

hält dadurch das aufgerissene Euter an seinem Platz. Dann hebt er das

Schaf auf seine Schulter und trägt es heim. Das Lamm läuft hinter ihm

her.

Und nachher? Schienen und Teerlappen. In einigen Tagen fängt das Schaf

an, mit dem kranken Fuß zu zappeln, weil die Wunde beißt und heilt. Ja,

alles miteinander wird wieder gut -- bis sich wieder etwas ereignet.

Das tägliche Leben, Ereignisse, die das Leben der Ansiedler ganz

ausfüllen. Ach, das sind keineswegs Kleinigkeiten, es ist das

Schicksal, es gilt Glück, Behagen und Wohlfahrt.

Isak benutzt die Zeit zwischen Frühjahr- und Sommerarbeit, um ein paar

neue Stämme zu behauen, die gefällt daliegen; er hat wohl einen Plan

mit ihnen. Außerdem bricht er viele nützliche Steine aus und schafft

sie zum Hofe hin. Wenn er genug Steine beisammen hat, schichtet er sie

zu einer Mauer. Wäre es nun noch wie vor einem Jahr gewesen, so wäre

Inger neugierig geworden und hätte sich gefragt, was denn ihr Mann im

Sinne habe; aber jetzt beschäftigte sie sich lieber mit ihren eigenen

Sachen und stellte keine Fragen mehr. Inger ist so fleißig wie früher;

sie versorgt das Haus und die Kinder und die Tiere, aber sie hat

angefangen zu singen, und das tat sie früher nicht. Sie hat Eleseus ein

Abendgebet gelehrt, das hatte sie früher nicht getan. Isak vermißt ihre

Fragen; ihre Neugierde und ihr Lob über das, was er leistete, waren es,

die ihn zu einem zufriedenen und einem ausgezeichneten Mann gemacht

hatten. Jetzt geht sie an ihm vorbei und sagt höchstens, er werde sich

noch zu Tode schinden. Es muß ihr beim letztenmal doch recht schlecht

gegangen sein! denkt Isak.

Oline kommt wieder zu Besuch. Wäre es nun noch wie im vorigen Jahre

gewesen, so hätte man sie sehr willkommen geheißen; aber jetzt ist es

anders. Inger begegnet ihr vom ersten Augenblick an feindselig; was nun

auch der Grund sein mag, aber Inger ist ihr feindselig gesinnt.

Ich dachte halb und halb, ich würde zu rechter Zeit kommen, sagt Oline

mit feiner Anspielung. -- Wieso? -- Ja, daß das dritte getauft werden

sollte. Wie steht es damit? -- Ach, sagte Inger, darum hättest du dich

nicht herzubemühen brauchen. -- So.

Dann fängt Oline an zu loben, die beiden Jungen seien so groß und

hübsch geworden, und Isak sei so fleißig, und es sehe aus, als wolle

er wieder bauen -- großartig sei es hier, so einen Hof gebe es nicht

wieder! Und kannst du mir sagen, was er jetzt bauen will? -- Nein, das

kann ich nicht, du mußt ihn selbst danach fragen. -- Nein, sagt Oline,

das geht mich nichts an. Ich wollte nur sehen, wie es euch geht, denn

dies ist eine große Freude und Beruhigung für mich. Nach Goldhorn will

ich gar nicht fragen oder ihren Namen in den Mund nehmen, sie hat es ja

so gut wie nur möglich.

Eine Weile vergeht unter guter Unterhaltung, und Inger ist nicht mehr

so unfreundlich. Als die Uhr an der Wand ihre herrlichen Schläge

ertönen läßt, treten Oline die Tränen in die Augen; sie sagt, sie habe

in ihrem ganzen armen Leben noch nie so eine Kirchenorgel gehört. Da

fühlt sich Inger wieder reich und großmütig aufgelegt gegen die arme

Verwandte, und sie sagt: Komm mit in die Kammer, ich zeig dir meinen

Webstuhl.

Oline bleibt den Tag über da. Sie spricht mit Isak und lobt alles, was

er getan hat. -- Ich höre, du hast nach jeder Richtung hin eine Meile

gekauft, hättest du es nicht umsonst haben können? Wer hat es dir

mißgönnt?

Jetzt bekam Isak die Lobsprüche, die ihm gefehlt hatten, und er fühlte

sich wieder mehr anerkannt und obenauf. Ich kaufe es von der Regierung,

antwortet er. -- Jawohl, aber sie soll nicht wie ein Raubtier gegen

dich sein, diese Regierung. Was baust du? -- Das weiß ich noch nicht.

Es wird nichts Besonderes herauskommen. -- Du schindest dich und

baust, du hast gemalte Türen und eine Wanduhr in der Stube, dann

baust du wohl eine Großstube? -- Ach, spotte nicht! erwidert Isak.

Aber es gefällt ihm gut, und er sagt zu Inger: Kannst du nicht ein

klein wenig Sahnengrütze für unsern Gast kochen? -- Nein, antwortete

Inger, denn ich habe erst gebuttert. -- Ich spotte nicht, ich bin nur

ein einfältiges Frauenzimmer, das Fragen stellt, beeilte sich Oline

einzuwerfen. Na ja, wenn es keine Großstube ist, so wird es wohl ein

mächtiges Gebäude zu einer Scheune. Du hast Acker und Wiesen, und alles

wächst heran, und es ist so, wie es in der Bibel steht, hier fließen

Milch und Honig.

Isak fragt: Wie sind die Aussichten heuer in eurer Gegend? -- Ach, es

geht an. Wenn nur unser Herrgott nicht auch diesmal Feuer drauf fallen

und es verbrennen läßt, Gott verzeih mir meine Sünden! Alles steht in

seiner Hand und Allmacht. Aber so großartig wie hier bei euch steht es

nirgends bei uns, o weit, weit entfernt!

Inger erkundigte sich nach einigen von ihren anderen Verwandten,

besonders nach dem Oheim Sivert, dem Bezirkskassierer, der ist der

große Mann der Familie, besitzt ein Großnetz und einen Bootsschuppen,

er weiß bald nicht mehr, was er mit all seinem Reichtum anfangen soll.

Während dieser Unterhaltung versinkt Isak mehr und mehr in Gedanken,

und sein neuer Bauplan ist vergessen. Schließlich sagt er: Nun, da du

es durchaus wissen willst, Oline, so ist es eben eine kleine Scheune

mit einer Dreschtenne, die ich zu bauen versuchen will.

Das hab' ich mir gedacht, sagte Oline. Rechte Leute pflegen vorwärts

und rückwärts zu denken und alles im Kopf zu haben. Hier ist keine

Kanne und kein Gefäß, die du dir nicht im voraus ausgedacht hättest.

Und mit einer Tenne, hast du gesagt, nicht wahr?

Isak ist ein großes Kind, Olines Lobhudeleien steigen ihm zu Kopf, und

er macht sich ein wenig lächerlich. Ja, was das neue Haus betrifft, so

soll eine Tenne drinnen sein, das ist meine Meinung und Absicht, sagt

er. -- Eine Tenne! sagt Oline bewundernd und wiegt den Kopf hin und

her. -- Ja, denn was sollen wir mit Korn auf dem Acker, wenn wir es

nicht dreschen können? sagt er. -- Es ist, wie ich sage, du denkst dir

alles im Kopf aus, versetzt Oline.

Inger ist wieder unfreundlich geworden, das Gerede zwischen den beiden

hat sie wohl aufgeregt, und sie sagt plötzlich: Sahnengrütze -- wo soll

ich denn die Sahne hernehmen? Gibt es etwa Sahne im Fluß?

Oline weicht der Gefahr aus. Liebste, beste Inger, versteh mich doch

recht! Du brauchst dich nicht wegen der Sahnengrütze zu entschuldigen

oder auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Wegen einer Person wie

ich, die sich nur auf den Höfen herumtreibt!

Isak bleibt noch eine Weile sitzen, dann sagt er: Nein, hier sitze

ich und sollte doch Steine zu meiner Mauer ausbrechen. -- Ja, zu so

einer Mauer wie diese hier braucht man viele Steine! -- Viele Steine?

erwiderte Isak. Ja, es ist gerade, als wären es niemals genug.

Als Isak gegangen ist, werden die beiden Frauen wieder einträchtiger,

sie haben so viel über die Gemeinde miteinander zu reden. Die Stunden

vergehen. Am Abend bekommt Oline zu sehen, wie der Viehstand gewachsen

ist. Zwei Kühe mit dem Stier, zwei Kälber, ein Gewimmel von Ziegen und

Schafen. Wo will das noch hinaus! sagt Oline und schlägt die Augen zum

Himmel auf.

Sie bleibt über Nacht.

Aber am nächsten Tag geht sie. Wieder hat sie etwas in einem Bündel

mitbekommen; da Isak im Steinbruch ist, macht sie einen kleinen Umweg,

um ihn zu vermeiden.

Zwei Stunden später erscheint Oline wieder in der Ansiedlung; sie tritt

ein und fragt: Wo ist Isak?

Inger ist beim Geschirraufwaschen. Sie merkt, daß Oline bei Isak und

den Kindern, die im Steinbruch sind, vorbeigekommen sein muß, und

sie ahnt gleich Unrat. Oline, was willst du von Isak? fragt sie. --

Oh, nichts Besonderes! Aber ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt. --

Schweigen. Oline sinkt ohne weiteres auf eine Bank nieder, wie wenn

sie ihre Beine nicht mehr tragen wollten. Sie läßt absichtlich etwas

Ungewöhnliches ahnen, gerade indem sie zeigt, daß sie am Umsinken ist.

Nun kann sich Inger nicht länger beherrschen, ihr Gesicht ist verzerrt

und drückt Wut und Entsetzen aus. Sie sagt: Ich hab' einen Gruß von

dir bekommen durch Os-Anders. Es war ein netter Gruß. -- Was denn? --

Es war ein Hase. -- Was du nicht sagst? versetzte Oline merkwürdig

freundlich. -- Wage nicht, es zu leugnen! ruft Inger mit irren Augen.

Ich schlage dir mit der Holzkelle hier mitten ins Gesicht! So, da!

Schlug sie zu? Ja, gewiß. Und da Oline nicht beim ersten Schlag

zurücktaumelt, sondern im Gegenteil aufsässig wird und ruft: Nimm

dich in acht! Ich weiß, was ich von dir weiß! da gebraucht Inger die

Holzkelle weiter und schlägt Oline zu Boden, zwingt sie unter sich und

setzt ihr das Knie auf die Brust.

Willst du mich ganz töten? fragt Oline. Sie hatte diesen schrecklichen

Hasenmund über sich, eine große, starke Frau mit einem wahren Prügel

von einem Holzlöffel in der Hand. Oline hatte schon Beulen von den

Schlägen, sie blutete, aber sie knurrte noch mehr und gab nicht nach.

So, du willst mich _auch_ umbringen? -- Ja -- dich umbringen, antwortet

Inger und schlägt weiter. Da hast du! Ich werde dich totschlagen! --

Sie hatte jetzt die Gewißheit, daß Oline ihr Geheimnis kannte, und es

war ihr alles einerlei. -- Da hast du eins auf deinen Rachen! -- Meinen

Rachen! _Du_ hast einen Rachen! stöhnt Oline. Unser Herrgott hat dir

ein Kreuz ins Gesicht geschnitten.

Da Oline zu zäh ist, um überwältigt werden zu können, ja, verdammt

zäh, muß Inger mit ihren Schlägen aufhören; es nützt alles nichts,

sie erschöpft sich nur selbst. Aber sie droht -- oh, sie droht Oline

mit der Holzkelle dicht vor den Augen, oh, sie werde noch bekommen,

sie werde noch für alle Zeiten genug bekommen! Ich hab' auch ein

Küchenmesser, du wirst es gleich sehen!

Sie richtet sich auf, wie um nach dem Messer zu greifen, nach dem

großen Tischmesser; aber jetzt ist ihre erste Aufregung vorüber, und

sie gebraucht nur noch den Mund. Oline richtet sich auch auf und setzt

sich wieder auf die Bank, blau und gelb im Gesicht, voller Beulen und

blutig. Sie streicht sich das Haar zurück, rückt ihr Kopftuch zurecht,

spuckt aus; ihr Mund ist verschwollen! Du Vieh! sagt sie.

Du bist im Wald gewesen und hast herumgeschnüffelt! ruft Inger; dazu

hast du die Stunden angewendet, und du hast das kleine Grab gefunden.

Aber du hättest gleich ein Loch für dich selbst graben sollen! -- Du

wirst schon sehen! erwidert Oline, und ihre Augen funkeln vor Rachgier.

Ich sage nichts mehr, aber nun wirst du keine Stube nebst Kammer und

Orgelwerk mehr haben. -- Das kannst du nicht bestimmen! -- Oh, das

werden die Oline und ich bestimmen!

Die zwei Weiber zanken sich weiter. Oline ist nicht so grob und laut,

sie ist in ihrer häßlichen Bosheit geradezu friedlich, aber sie ist

verbissen und gefährlich. Ich gehe, um mein Bündel zu holen, ich

bereue, daß ich es im Wald hab' liegen lassen. Ich gebe dir die Wolle

zurück, ich will sie gar nicht haben. -- So, du denkst wohl, ich hätte

sie gestohlen. -- Das weißt du selbst, was du getan hast.

Darüber zanken sie sich wieder. Inger sagt, sie wolle das Schaf zeigen,

von dem sie die Wolle geschoren habe. Oline erwidert friedlich und

gelassen: Jawohl, aber wer weiß, wo du das erste Schaf herhast? --

Inger nennt Namen und Ort, wo ihre ersten Schafe und Lämmer in Futter

gestanden haben. Und das sag ich dir, nimm dich ein für allemal mit

deinem Mund in acht! droht sie. -- Haha! lacht Oline verächtlich.

Sie hat immer eine Antwort bereit und gibt nicht nach. Meinen Mund!

Und deinen eigenen Mund! Sie deutet auf Ingers Hasenscharte und

sagt, sie sei ein Abscheu vor Gott und den Menschen. Inger antwortet

wutschnaubend, und da Oline dick ist, schimpft sie sie einen Fettwanst

-- ein solcher gemeiner Fettwanst, wie du bist! Und ich danke dir auch

für den Hasen, den du mir geschickt hast. -- Hasen? Wenn ich in allem

so frei von Schuld wäre wie bei dem Hasen! Wie sah er denn aus? -- Wie

sieht ein Hase aus? -- Wie du! Ganz genau wie du! Und du hättest es gar

nicht nötig, Hasen anzusehen. -- Jetzt machst du, daß du hinauskommst!

schreit Inger. Du hast Os-Anders mit dem Hasen hierhergeschickt. Ich

werde dich strafen lassen. -- Strafen lassen! Hast du strafen lassen

gesagt? -- Du bist voller Neid, du gönnst mir nichts von allem, was ich

habe, und du verbrennst fast vor Neid darüber, fährt Inger fort. Seit

ich verheiratet bin und Isak und alles, was hier ist, bekommen habe,

hast du vor lauter Mißgunst fast kein Auge mehr zugetan. Großer Gott

und Vater im Himmel, was willst du denn von mir? Ist es meine Schuld,

daß deine Kinder nicht irgendwohin kamen, wo etwas aus ihnen geworden

ist? Du kannst es nicht ertragen, daß meine Kinder wohlgestaltet sind

und schönere Namen haben als die deinigen, aber kann ich etwas dafür,

daß sie von besserem Fleisch und Blut sind, als deine waren!

Konnte etwas Oline rasend machen, so war es dies. Sie hatte so viele

Kinder geboren und besaß nichts als diese Kinder, so wie sie nun einmal

waren; sie sagte, sie seien gut und prahlte mit ihnen, sie log ihnen

Verdienste an, die sie nicht hatten, und verbarg ihre Fehler. -- Was

hast du gesagt? erwiderte sie Inger. Daß du nicht vor Scham in die

Erde versinkst. Meine Kinder, die im Vergleich zu den deinen wie eine

himmlische Engelschar waren! Wagst du es, meine Kinder in den Mund zu

nehmen? Alle sieben waren als klein wahre Gottesgeschöpfe und jetzt als

erwachsen sind sie alle miteinander groß und wohlgestaltet. Nimm dich

in acht, du! -- Und die Lise, kam sie nicht ins Gefängnis, wie war denn

das? fragt Inger. -- Sie hatte nichts getan, sie war so unschuldig wie

eine Blume, sagt Oline. Und jetzt ist sie in Bergen verheiratet und

geht im Hut. Aber was tust du? -- Und wie war's mit Nils? -- Es ist

mir nicht der Mühe wert, dir zu antworten. Aber du hast eines drüben

im Walde liegen, was hast du mit dem getan? Du hast es umgebracht. --

Pack dich und mach, daß du hinauskommst! schreit Inger wieder, und sie

dringt aufs neue auf Oline ein.

Aber Oline weicht nicht, sie steht nicht einmal auf. Diese

Unerschrockenheit, die wie Verstocktheit aussieht, lähmt Inger

abermals, und sie sagt nur: Jetzt hole ich aber gleich das Hackmesser!

-- Laß das lieber sein, rät Oline, ich gehe schon von selbst. Aber was

das betrifft, daß du deine eigenen Verwandten hinauswirfst, so bist du

ein Vieh. -- Ja, aber mach nur, daß du fortkommst.

Aber Oline geht nicht. Die beiden Frauen zanken sich noch eine gute

Weile, und sooft die Wanduhr halb oder ganz schlägt, stößt Oline ein

Hohngelächter aus und macht Inger rasend. Schließlich beruhigen sich

beide doch ein wenig, und Oline macht sich zum Gehen fertig. Ich habe

einen weiten Weg und die Nacht vor mir, sagt sie. Und es war recht

dumm, ich hätte von daheim etwas zum Essen mitnehmen sollen, sagt sie.

Darauf gibt Inger keine Antwort, sie ist jetzt wieder vernünftig

geworden; sie füllt Wasser in ein Becken und sagt: Da, wenn du dich

abreiben willst! Oline sieht ein, daß sie sich waschen muß, ehe sie

geht, aber da sie nicht weiß, wo sie blutig ist, wäscht sie an den

verkehrten Stellen. Inger sieht ihr eine Weile zu, dann deutet sie.

Da -- fahr auch über die Schläfe, nein, die andere Schläfe, ich deute

ja darauf. -- Hab' ich wissen können, auf welche Seite du gedeutet

hast? versetzt Oline. -- An deinem Mund sitzt auch noch etwas. Bist du

vielleicht wasserscheu? fragt Inger.

Schließlich muß Inger selbst die Verwundete waschen und ihr ein

Handtuch hinwerfen.

Was ich sagen wollte, beginnt Oline, während sie sich abtrocknet, und

sie ist jetzt wieder vollkommen friedlich, wie soll Isak mit den

Kindern das überstehen? -- Weiß er's? fragt Inger. -- Ob er es weiß! Er

kam dazu und sah es. -- Was sagte er? -- Was konnte er sagen! Er war

sprachlos, wie ich auch.

Schweigen.

Du, du bist an allem miteinander schuld! klagt Inger und bricht in

Tränen aus. -- Wenn ich nur an allem so frei von Schuld wäre! -- Ich

werde ihn, den Os-Anders, fragen, darauf kannst du dich verlassen! --

Ja, tu das!

Sie sprechen es in Ruhe durch, und Oline scheint jetzt weniger

rachsüchtig zu sein. Oh, sie ist ein Politikus ersten Ranges und

gewohnt, Auswege zu finden, jetzt äußert sie sogar eine Art Mitgefühl,

indem sie sagt, wenn es nun herauskomme, dann täten ihr Isak und auch

die Kinder herzlich leid. -- Ja, sagt Inger und weint noch mehr.

Ich habe Tag und Nacht gegrübelt und gegrübelt. Als Ausweg fällt es

nun Oline plötzlich ein, daß sie eine Hilfe sein könne, sie könne

vielleicht herkommen und auf der Ansiedlung bleiben, wenn Inger ins

Gefängnis müsse.

Jetzt weint Inger nicht mehr, sie horcht gleichsam plötzlich auf und

überlegt. Nein, du versorgst die Kinder nicht, sagt sie. -- Soll ich

die Kinder nicht versorgen? Du spottest! -- So. -- Ja, denn wenn ich

für etwas ein Herz habe, so sind es Kinder. -- Ja, für deine eigenen,

aber wie wirst du gegen die meinigen sein? Und wenn ich daran denke,

daß du mir den Hasen geschickt hast, nur um mich zu verderben, so bist

du ganz und gar schuld daran. -- Ich? fragt Oline. Meinst du mich? --

Ja, dich meine ich, antwortet Inger mit lautem Schluchzen. Du bist das

größte Scheusal gegen mich gewesen, und ich trau dir nichts Gutes zu.

Und außerdem würdest du uns nur alle Wolle stehlen, wenn du hierher

kämst. Und einen Ziegenkäse nach dem andern würden deine Leute bekommen

und nicht die meinigen. -- Du bist ein Vieh, sagt Oline.

Inger weint, wischt sich die Augen und spricht ab und zu ein paar

Worte. Oline sagt, sie wolle sich gewiß nicht aufdrängen, denn sie

könne bei ihrem Sohn Nils sein, wo sie schon immer gewohnt habe. Wenn

nun aber Inger ins Gefängnis komme, so wäre Isak mit den unschuldigen

Kleinen ganz verlassen, da könne sie hierher kommen und auf sie

aufpassen. Sie stellt das recht verlockend hin, es werde gewiß nicht

schlimm gehen. Du kannst es dir nun überlegen, sagt sie.

Inger ist mutlos; sie weint und schüttelt den Kopf und schaut zu Boden.

Wie eine Schlafwandlerin geht sie in die Vorratskammer und macht für

den Gast Mundvorrat zurecht. -- Nein, du sollst dich nicht in Unkosten

stürzen, sagt Oline. -- Und du sollst nicht ohne Mundvorrat übers

Gebirge gehen, entgegnet Inger.

Als Oline gegangen ist, schleicht sich Inger hinaus, sieht sich um,

horcht. Kein Laut vom Steinbruch herüber! Sie geht näher hin und hört

die Kinder; sie spielen mit Geröll. Isak hat sich gesetzt; er hält den

Spaten zwischen den Knien und stützt sich darauf, wie auf einen Stock.

Da sitzt er.

Inger schleicht sich zum Waldsaum hin. Sie hatte ein kleines Kreuz in

die Erde gesteckt; das Kreuz liegt am Boden, aber da, wo es gestanden

hat, ist der Rasen weggenommen und die Erde aufgewühlt. Inger setzt

sich nieder und scharrt die Erde mit den Händen wieder zusammen. Und da

sitzt sie.

Sie kam aus Neugier, um zu sehen, wie tief Oline in dem kleinen

Grab gewühlt hat, sie bleibt sitzen, weil die Haustiere noch nicht

heimgekommen sind. Sie weint und schüttelt den Kopf und sieht zu Boden.

7

Die Tage vergehen. Es ist ein ausgezeichnetes Wetter für das Feld, mit

Sonnenschein und Regenschauern, und die Frucht wächst dementsprechend

heran. Die Ansiedler sind mit der Heuernte schon fast fertig, und

sie bekommen eine Menge Heu; fast ist nicht alles unter Dach und

Fach zu bringen, sie stopfen es unter vorspringende Felsen, in den

Stall, unter das Wohnhaus, räumen das Vorratshaus ganz aus und stopfen

dieses auch bis zum Dache voll. Früh und spät arbeitet Inger mit als

unentbehrliche Hilfe und Stütze. Isak benützt jeden Regenaugenblick, um

die neue Scheune unter Dach zu bringen und auf jeden Fall die Südseite

vollständig fertigzumachen, dann kann so viel Heu untergebracht werden,

als es nur gibt. Es geht tüchtig vorwärts, es wird schon recht werden!

Das große, traurige Ereignis mit seiner Sorge war da, die Tat war

getan, und die Folgen würden nicht ausbleiben. Das Gute geht oft einen

spurlosen Weg, das Böse zieht immer seine Folgen nach sich. Isak faßte

die Sache von Anfang an verständig auf und sagte nichts weiter zu

seiner Frau, als: Wie bist du nur dazu gekommen? -- Darauf antwortete

Inger nichts. Und nach einer Weile sagte Isak wieder: Hast du es

erwürgt? -- Ja, sagte Inger. -- Das hättest du nicht tun sollen. --

Nein, antwortete sie. -- Und ich verstehe nicht, wie du es hast tun

können. -- Sie hat genau so ausgesehen wie ich, sagte Inger. -- Wieso?

-- Am Mund. -- Isak dachte lange nach, dann sagte er: Ja, ja.

Weiter wurde vorerst nichts darüber gesprochen, und als die Tage

genau so ruhig vergingen wie vorher und außerdem sehr viel Heu

hereingeschafft und untergebracht werden mußte, auch besonders viel

Feldarbeit zu verrichten war, trat die Missetat allmählich in ihren

Gedanken zurück. Aber sie hing die ganze Zeit über den Menschen und

über der ganzen Ansiedlung. Die Eheleute konnten nicht hoffen, daß

Oline schweigen würde, das war zu unsicher. Und selbst wenn Oline

schwieg, konnten dann die stummen Zeugen nicht eine Stimme bekommen,

die Wände des Hauses oder die Bäume im Walde rings um das kleine Grab?

Os-Anders konnte Andeutungen machen, Inger selbst konnte sich wachend

oder schlafend verraten. Sie waren auf das Schlimmste gefaßt.

Segen der Erde: Roman · 第 4 / 32 段