Inger verstand davon nichts und sagte: Ja, das kann schon sein. Hat

etwa sie, die Oline, das gesagt? -- Ich erinnere mich nicht, wer es

war, antwortete der Lappe, und er ließ seine unsteten Augen in allen

Richtungen umherschweifen. Inger wunderte sich darüber, daß er nicht

um etwas bettelte, das tat Os-Anders sonst immer, alle Lappen betteln.

Os-Anders aber sitzt ruhig da, stopft seine kurze Kreidepfeife und

zündet sie an. Das ist eine Pfeife! Er raucht und pafft so, daß sein

ganzes runzliges Gesicht aussieht wie ein Rindenstück. -- Ja, ich

brauche nicht zu fragen, ob das deine Kinder sind, sagte er noch

schmeichlerischer. Denn sie sind dir so ähnlich. Genau so nett wie du

selbst, als du klein warst.

Inger, die eine Mißgeburt und ein Auswurf gewesen war -- natürlich war

es verkehrt, aber ihr Herz schwoll doch vor Stolz. Selbst ein Lappe

kann ein Mutterherz froh machen. Wenn dein Sack nicht schon so voll

wäre, so würde ich dir ein bißchen was hineintun, sagte sie. -- Nein,

du sollst dich nicht in Unkosten stürzen!

Inger geht mit dem Kind auf dem Arm hinein, während Eleseus bei dem

Lappen draußen bleibt. Die beiden kommen gut miteinander aus. Der Junge

darf etwas Merkwürdiges aus des Lappen Sack sehen, etwas Haariges, er

darf es streicheln. Der Hund winselt und bellt. Als Inger mit etwas

Mundvorrat herauskommt, stößt sie einen kleinen Seufzer aus und sinkt

auf die Türschwelle. Was hast du da? fragt sie. -- Ach nichts, es ist

ein Hase. -- Das hab' ich gesehen. -- Dein Kleiner wollte ihn sehen.

Mein Hund hat ihn heute gejagt und umgebracht. -- Da ist dein Essen,

sagt Inger.

5

Es ist eine alte Erfahrung, daß wenigstens zwei Mißjahre aufeinander

folgen. Isak war geduldig geworden und fand sich in sein Los. Das

Getreide verbrannte auf dem Felde, und die Heuernte war mittelmäßig,

aber die Kartoffeln sahen wieder aus, als würden sie sich erholen;

es war demnach zwar schlimm genug, aber doch keine Not. Isak hatte

auch noch Klafterholz und Balken, die er ins Dorf hinunterschaffen

konnte, und da an der ganzen Küste der Heringsfang gut ausgefallen

war, hatten die Leute Geld genug zum Holzkaufen. Es sah fast wie eine

Fügung aus, daß die Getreideernte fehlschlug, denn wie hätte er dieses

Korn dreschen sollen, ohne eine Scheune mit einer Tenne? Ja, laß Fügung

Fügung sein, das schadet auf die Dauer nichts!

Eine andere Sache war die, daß Neues auftauchte und ihn beunruhigte.

Was war nun das, was ein gewisser Lappe im Sommer zu Inger gesagt hatte

-- daß er nicht gekauft habe? Hätte er kaufen sollen, warum denn? Der

Boden lag ja da, der Wald stand da, er machte Land urbar, errichtete

sich ein Haus mitten in der Urnatur, ernährte seine Familie und seinen

Viehstand, war niemand etwas schuldig, arbeitete, arbeitete. Schon

wiederholt hatte er, wenn er drunten im Dorfe war, daran gedacht, mit

dem Lensmann zu sprechen, dies aber immer wieder hinausgeschoben. Der

Lensmann war nicht beliebt, und Isak war wortkarg. Was sollte er sagen,

wenn er ankam, welchen Grund angeben, warum er gekommen sei?

Eines Tages im Winter kam indes der Lensmann selbst in die Ansiedlung

dahergefahren; er hatte einen Mann bei sich und brachte eine von

Papieren strotzende Tasche mit -- und es war der Lensmann Geißler

selbst. Er sah die große offene Halde, die abgeholzt war und glatt und

eben unter dem Schnee lag, und er meinte wohl, die ganze weite Fläche

sei angebaut, deshalb sagte er: Das ist ja ein großes Anwesen, meinst

du, das bekommst du umsonst?

Nun war es da! Isak erschrak bis ins innerste Mark und erwiderte nichts.

Du hättest zu mir kommen und den Boden kaufen sollen, sagte der

Lensmann. -- Ja. -- Der Lensmann sprach von Einschätzung, von

Grenzscheiden, von Steuer, „Kronsteuer”, sagte er; als Isak

einigermaßen Aufklärung bekam, fand er es immer weniger ungereimt. Der

Lensmann neckte seinen Begleiter und sagte: Nun, du Schätzungsmann,

wie groß ist die Ansiedlung? Aber er wartete nicht auf Antwort, sondern

schrieb die Größe aufs Geratewohl hin. Dann fragte er Isak nach

den Heulasten und nach den Kartoffeltonnen. Und wie sie es mit der

Grenzscheide halten wollten? Sie könnten doch nicht die Grenzscheide

in mannshohem Schnee abschreiten, und im Sommer könnten Menschen

nicht hier heraufkommen. Was Isak sich selbst als Weideland und Wald

ausgedacht habe? -- Das wußte Isak nicht, bis jetzt hatte er, so weit

er blickte, für sein Eigentum betrachtet. Der Lensmann sagte, der Staat

setzt Grenzen. Je mehr Land du bekommst, desto mehr kostet es, sagte

er. -- So? -- Ja, du bekommst nicht so viel, als du überschauen kannst,

sondern so viel, als du brauchst. -- So? --

Inger setzte Milch vor, und der Lensmann und sein Begleiter tranken.

Sie brachte noch mehr Milch. Der Lensmann sollte streng sein? Er strich

sogar Eleseus übers Haar und sagte: Spielt er mit Steinen? Laß mich die

Steine mal sehen! Was ist denn das? Die sind aber schwer, da ist gewiß

irgendein Metall drin! -- Ja, von denen gibt's genug oben im Gebirge,

sagt Isak.

Der Lensmann kehrte zum Geschäftlichen zurück. -- Südlich und westlich

ist es wohl am vorteilhaftesten für dich? sagte er zu Isak. Sagen

wir eine Viertelmeile südwärts! -- Was, eine ganze Viertelmeile?

rief der Begleiter des Lensmannes. -- Du allerdings könntest keine

zweihundert Ellen umbrechen, versetzte der Lensmann kurz. -- Isak

fragte: Was kostet eine Viertelmeile? -- Das weiß ich nicht, antwortete

der Lensmann, das weiß niemand. Aber ich werde einen niederen Preis

vorschlagen. Es ist ja meilenweit im Ödland drinnen, ohne jegliche

Zufahrt.

Ja, aber eine ganze Viertelmeile! sagte der Begleiter wieder.

Der Lensmann schrieb eine Viertelmeile südwärts und fragte: Und

aufwärts nach den Bergen? -- Ja, da muß ich es bis zum See haben. Dort

ist ein großer See, antwortete Isak.

Der Lensmann schrieb weiter. Jetzt nach Norden? -- Da kommt es nicht so

genau drauf an, auf dem Moor ist kein ordentlicher Wald, meinte Isak.

Der Lensmann schrieb nach seinem eigenen Kopf eine halbe Viertelmeile.

Nach Osten? -- Da ist es auch nicht so genau. Dort ist nur Gebirge nach

Schweden hinüber.

Der Lensmann schrieb.

Als er fertig war, rechnete er das Ganze in einem Augenblick zusammen

und sagte: Natürlich wird das ein großes Besitztum, und wenn es drunten

in der Gemeinde läge, könnte niemand es kaufen. Ich will hundert Taler

für alles miteinander vorschlagen. Was meinst du? fragte er seinen

Begleiter. -- Das ist ja gar kein Preis, antwortete dieser. -- Hundert

Taler! sagte Inger. Du brauchst gar nicht so viel Land. -- Nein, sagte

Isak. -- Der Begleiter fiel ein: Es ist, wie ich sage. Was wolltet ihr

mit so viel Land?

Der Lensmann sagte: Es roden.

Nun hatte er dagesessen, sich abgemüht und niedergeschrieben; ab und

zu schrie ein Kind in der Stube, er hätte nur ungern das Ganze noch

einmal geschrieben, er kam auch erst spät in der Nacht wieder heim,

nein, erst gegen Morgen sogar. So steckte er entschlossen die Urkunde

in seine Tasche. Geh hinaus und spann an! befahl er seinem Begleiter.

Dann wendete er sich an Isak und sagte: Eigentlich hättest du den Platz

umsonst haben sollen und noch Bezahlung obendrein, so wie du geschafft

hast. Und das will ich bei meinem Vorschlag auch sagen. Dann werden wir

sehen, was der Staat für einen Kaufbrief verlangt.

Isak -- Gott weiß, wie ihm zumute war. Es war, als hätte er nichts

dagegen, daß ein hoher Preis für seine Ansiedlung und seine ungeheure

Arbeit hier angesetzt würde. Er hielt es wohl nicht für unmöglich, mit

der Zeit hundert Taler abzubezahlen, deshalb sagte er nichts mehr; er

konnte wie vorher arbeiten, das Land bebauen und überständigen Wald in

Klafterholz umwandeln. Isak gehörte nicht zu denen, die umherspähen, er

stand nicht auf dem Ausguck nach Glückszufällen, er arbeitete.

Inger bedankte sich beim Lensmann und bat ihn, beim Staat ein gutes

Wort für sie einzulegen.

Jawohl. Aber die Entscheidung liegt ja nicht bei mir, ich gebe nur mein

Gutachten dazu. Wie alt ist denn der Kleinste da? -- Gut ein halbes

Jahr. -- Junge oder Mädchen? -- Ein Junge.

Der Lensmann war nicht hart, sondern oberflächlich und wenig

gewissenhaft. Seinen Vertrauens- und Schätzungsmann, den Gerichtsboten

Brede Olsen, hörte er nicht an, das wichtige Geschäft ordnete er aufs

Geratewohl und nach Gutdünken; diese große Sache, entscheidend für Isak

und seine Frau und entscheidend auch für ihre Nachkommen vielleicht in

zahllosen Geschlechtern, entschied er auf gut Glück, er schrieb nur

so hin. Aber er erwies den Ansiedlern viel Freundlichkeit, er zog ein

glänzendes Geldstück aus der Tasche und gab es dem kleinen Sivert in

die Hand, dann nickte er noch freundlich und ging hinaus zum Schlitten.

Plötzlich fragte er: Wie heißt der Ort?

Heißen? -- Welchen Namen hat er? Wir müssen ihm einen Namen geben.

Daran hatten die Leute nicht gedacht, und Inger und Isak sahen einander

an.

Sellanraa? sagte der Lensmann. Er hatte diesen Namen wohl erfunden, es

war vielleicht gar kein Name, aber er wiederholte: Sellanraa! nickte

und fuhr davon.

Alles aufs Geratewohl, die Grenzscheide, den Preis, den Namen ...

Einige Wochen später, als Isak im Dorfe war, hörte er, daß es mit

dem Lensmann Schwierigkeiten gegeben habe. Es war nach verschiedenen

Geldern geforscht worden, über die er nicht Rechenschaft hatte ablegen

können, und man hatte ihn deshalb beim Landrichter angezeigt. So

schlimm kann es kommen; manche Menschen taumeln so durchs Leben dahin,

dann kommen sie an denen, die bedächtigen Schrittes gehen, zu Fall!

Eines Tages, als Isak mit einer seiner letzten Holzfuhren im Dorf

gewesen war und sich auf dem Heimweg befand, geschah es, daß er den

Lensmann fahren sollte. Der Lensmann trat ohne weiteres mit einer

Reisetasche in der Hand aus dem Walde heraus und sagte: Laß mich bei

dir aufsitzen!

Sie fuhren eine Weile, keiner von beiden sprach ein Wort. Ab und zu

zog der Lensmann eine Flasche heraus und trank einen Schluck; er bot

auch Isak an, der aber dankte. Ich fürchte für meinen Magen auf dieser

Reise, sagte der Lensmann.

Dann sprach er von Isaks Hofangelegenheit und sagte: Ich habe die

Sache gleich weiterbefördert und sie warm empfohlen. Sellanraa ist ein

hübscher Name. Eigentlich hättest du das Land umsonst haben sollen,

aber wenn ich das geschrieben hätte, wäre der Staat unverschämt

geworden und hätte seinen eigenen Preis angesetzt. Ich habe fünfzig

Taler geschrieben. -- Ach so, habt Ihr also nicht hundert Taler

geschrieben? -- Der Lensmann runzelte die Stirn und überlegte, dann

sagte er: Soviel ich mich erinnere, habe ich fünfzig Taler geschrieben.

Wohin reist Ihr jetzt? fragte Isak. -- Nach Vesterbotten, zur Familie

meiner Frau. -- In dieser Jahreszeit? Das ist ein böser Weg, um da

hinüberzukommen. -- Oh, es wird schon gehen. Kannst du mich nicht ein

Stück weit begleiten? -- Doch. Ihr dürft nicht allein gehen.

Sie erreichten die Ansiedlung, und der Lensmann übernachtete in der

Kammer. Am Morgen nahm er wieder einen Schluck aus seiner Flasche und

sagte: Ich ruiniere mir gewiß den Magen auf dieser Reise. Sonst war

er ganz wie bei seinem letzten Besuch, wohlwollend entschieden, aber

etwas fahrig und nur wenig mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt;

vielleicht war es auch gar nicht so trostlos. Als Isak sagte, nicht

die ganze Halde sei angebaut, sondern nur ein kleines Stück davon, nur

ein paar Felder, gab der Lensmann die überraschende Antwort: Das hab'

ich wohl verstanden, als ich damals hier saß und schrieb. Aber mein

Fuhrmann Brede verstand nichts davon, er ist ein Esel. Das Ministerium

hat eine Art Tabelle. Wenn nun auf so einer großen Landstrecke so wenig

Heulasten und so wenig Kartoffeltonnen geerntet werden, dann sagt die

Tabelle des Ministeriums, das sei elender Boden, billiger Boden. Ich

bin auf deiner Seite gewesen, und ich verpfände gern meine Seligkeit

auf dieses Schelmenstück. Ja, zwei- bis dreitausend solcher Männer, wie

du einer bist, sollten wir hier im Lande haben. Der Lensmann nickte und

wendete sich dann an Inger: Wie alt ist der Kleinste? -- Jetzt ist er

dreiviertel Jahr alt. -- Und es ist ein Junge? -- Ja. --

Aber du mußt dich ins Zeug legen und deine Hofangelegenheit so rasch

wie möglich in Ordnung bringen, sagte der Lensmann zu Isak. Es ist noch

ein Mann da, der ungefähr auf halbem Wege zwischen hier und dem Dorf

kaufen will, und dann steigt der Boden im Wert. Kauf du nur zuerst,

dann mag der Preis nachher steigen. Du aber hast dann doch etwas von

all deiner Arbeit. Du hast den Anfang gemacht hier im Ödland.

Die Leute waren ihm dankbar für seinen Rat und fragten ihn, ob er

denn nicht selbst die Angelegenheit zum Abschluß bringen werde. Er

antwortete, er habe nun das seinige dabei getan, es komme jetzt nur

noch auf den Staat an. Ich reise jetzt nach Vesterbotten und kehre

nicht mehr hierher zurück, sagte er geradeheraus.

Er gab Inger ein Geldstück, aber das war wirklich zu viel. Vergiß

nicht, meiner Familie im Dorf etwas zum Schlachten mitzubringen, ein

Kalb oder ein Schaf, meine Frau bezahlt dir's. Nimm auch ab und zu ein

paar Ziegenkäse mit, meine Kinder essen ihn so gern, sagte er.

Isak begleitet ihn übers Gebirge; auf der Höhe lag fester Harsch, man

konnte also gut vorwärts kommen. Isak bekam einen ganzen Taler.

So zog denn Lensmann Geißler fort und kehrte nicht mehr ins Dorf

zurück. Die Leute sagten, es sei ihnen einerlei; man hielt ihn für

einen unzuverlässigen Menschen und einen Abenteurer. Nicht, daß er

nicht genug gewußt hätte, er war ein wohlunterrichteter Mann, der viel

gelernt hatte, aber er tat sich zu viel darauf zugut und verbrauchte

anderer Leute Geld. Es wurde ruchbar, daß er auf ein scharfes Schreiben

von Amtmann Pleym hin durchgebrannt war; aber seiner Familie geschah

nichts Böses, sie bestand aus der Frau und drei Kindern, und die

blieben noch längere Zeit in der Gemeinde wohnen. Übrigens dauerte

es nicht lange, bis die fehlenden Gelder von Schweden aus geschickt

wurden; die Lensmannsfamilie war dann nicht mehr als Pfand da, sondern

blieb aus freiem Willen, weil sie selbst es wollte.

Für Isak und Inger war dieser Geißler kein schlechter Mensch gewesen,

im Gegenteil. Gott mochte wissen, wie sich nun der neue Lensmann zu der

Sache stellen würde, ob am Ende das ganze Geschäft mit der Ansiedlung

noch einmal gemacht werden mußte!

Der Amtmann schickte einen von seinen Schreibern in die Gemeinde, das

war der neue Lensmann. Es war ein Mann in den Vierzigern, der Sohn

eines Vogts und hieß Heyerdahl; er war zu arm gewesen, um zu studieren

und Beamter zu werden, aber er hatte auf einer Gerichtsstube gesessen

und war da fünfzehn Jahre lang Schreiber gewesen. Da er niemals Geld

genug zum Heiraten gehabt hatte, war er Junggeselle; der Amtmann Pleym

hatte ihn von seinem Vorgänger geerbt und gab ihm dasselbe armselige

Gehalt, das er vorher bezogen hatte. Heyerdahl empfing sein Gehalt

und schrieb weiter. Er wurde ein mißmutiger, vertrockneter, aber

zuverlässiger und rechtschaffener Mann, war dabei auch, soweit seine

Begabung reichte, sehr tüchtig zu den Arbeiten, die er einmal gelernt

hatte. Jetzt, da er Lensmann geworden war, stieg sein Selbstgefühl

bedeutend.

Isak faßte sich ein Herz und ging zu ihm.

Die Sache Sellanraa -- ja, da ist sie, vom Ministerium zurückgekommen.

Die Herren wollen über vieles noch Aufklärung haben, das Ganze ist

ja von der Hand dieses Geißlers das reine Durcheinander, sagte der

Lensmann. Das Königliche Ministerium will wissen, ob da vielleicht

große herrliche Multebeerenmoore auf dem Platze sind. Ob Hochwald da

ist. Ob sich möglicherweise Erze und verschiedene andere Metalle in den

Bergen ringsum finden. Es sei ein großer Gebirgssee genannt, ob es da

Fische gebe. Dieser Geißler hat allerdings einige Aufklärung gegeben,

aber es ist ja kein Verlaß auf ihn, ich muß hier alles von ihm genau

durchgehen. Ich werde also so bald wie möglich auf deine Ansiedlung

nach Sellanraa hinaufkommen und alles untersuchen und es einschätzen.

Wie viele Meilen ist es hinauf? Das Königliche Ministerium will, daß

die Grenzen ordentlich abgeschritten werden. -- Es wird sehr schwierig

sein, die Grenzscheide vor dem Sommer abzuschreiten, sagte Isak. --

Ach, es wird sich schon machen lassen. Wir können das Ministerium nicht

bis zum Sommer auf Antwort warten lassen, versetzte Heyerdahl. Ich

komme in den nächsten Tagen hinauf. Bei derselben Gelegenheit soll vom

Staat aus auch noch an einen andern Mann Siedlungsland verkauft werden.

-- Ist das der Mann, der auf halbem Wege von der Gemeinde bis zu mir

herauf Land kaufen will? -- Das weiß ich nicht, aber vielleicht ist er

es. Ein Mann von hier übrigens, mein Schätzungsmann, mein Amtsdiener.

Er hat schon bei Geißler wegen des Kaufs angefragt; aber Geißler hatte

ihn abgewiesen und gesagt, er könne ja nicht einmal zweihundert Ellen

umgraben. Da hat der Mann an das Landgericht selbst geschrieben, und

jetzt ist mir die Sache zur Begutachtung übergeben. Ja, dieser Geißler!

Lensmann Heyerdahl kam zur Ansiedlung und hatte den Schätzungsmann

Brede bei sich. Sie waren sehr naß geworden beim Überschreiten

des Moors und wurden noch nasser, als sie dann im schmelzenden

Frühjahrsschnee die Grenze den Berghang hinauf abschreiten sollten.

Am ersten Tag war der Lensmann sehr eifrig, am zweiten ging er müde

dahin und blieb weit unten stehen, rief nur und deutete. Nein, es war

nicht mehr die Rede davon, die „Berge ringsum abzuschürfen”, und die

Multebeermoore sollten erst auf dem Heimweg genau untersucht werden,

sagte er.

Das Ministerium hatte viele Fragen gestellt, es hatte wohl wieder eine

Tabelle vor; die einzige von diesen Fragen, die einen Sinn hatte,

war die nach dem Walde. Ganz richtig, es war etwas Hochwald da, und

er stand innerhalb Isaks Viertelmeile, aber es war kein Bauholz zum

Verkauf da, nur gerade genug für den eigenen Bedarf. Aber selbst

wenn hier Bauholz gestanden hätte, wer hätte es meilenweit ins Dorf

hinunterschaffen sollen? Das konnte nur der Mühlengeist Isak, wenn er

im Laufe des Winters ein paar Stämme hinunterfuhr und dafür Balken und

Bretter bekam.

Es zeigte sich, daß dieser merkwürdige Mann Geißler eine Darstellung

gegeben hatte, die man nicht außer acht lassen konnte. Da saß nun

der neue Lensmann und versuchte, seinem Vorgänger etwas am Zeuge zu

flicken und Fehler zu finden, mußte dieses Bemühen aber aufgeben. So

fragte er nur öfter als Geißler seinen Begleiter und Schätzungsmann um

Rat und richtete sich nach dessen Worten, und derselbe Schätzungsmann

mußte sich wohl bekehrt und eine andere Ansicht bekommen haben, seit

er selbst Allmende vom Staat kaufen wollte. -- Was denkst du über

diesen Preis? fragte der Lensmann. -- Fünfzig Taler ist mehr als genug

für den, der es kaufen muß, antwortete der Schätzungsmann. -- Der

Lensmann faßte das Gesuch in wohlgesetzten Worten ab. Geißler hatte

geschrieben: Der Mann will von jetzt an auch jährliche Steuer bezahlen,

er sieht sich nicht in der Lage, eine höhere Kaufsumme zu entrichten

als fünfzig Taler, auf zehn Jahre verteilt. Der Staat muß dieses

Angebot annehmen oder dem Mann sein Land und seine Arbeit entziehen. --

Heyerdahl schrieb: Der Mann ersucht ehrerbietig das hohe Ministerium,

das Grundstück, das ihm nicht gehört, auf das er aber bedeutende Arbeit

verwendet hat, behalten zu dürfen für 50 -- fünfzig -- Speziestaler, zu

bezahlen in Terminen nach dem wohlwollenden Ermessen des Ministeriums.

Ich glaube, es wird mir gelingen, dir das Grundstück zu sichern, sagte

Lensmann Heyerdahl zu Isak.

6

Heute soll der große Stier fortgeführt werden. Er ist ein ungeheures

Tier geworden und zu wertvoll, um noch länger auf der Ansiedlung zu

bleiben. Isak will hinunter ins Dorf mit ihm, ihn verkaufen und dafür

einen netten jungen Stier mitbringen.

Inger ist es, die das durchgesetzt hat, und Inger wußte wohl, was sie

tat, wenn sie Isak gerade an diesem Tag fort haben wollte.

Wenn du gehen willst, muß es heute sein, sagte sie. Der Stier ist

gemästet, gemästete Ware steht im Frühjahr gut im Preis, er kann in

die Stadt geschickt werden. Da werden Riesensummen bezahlt. -- Ja,

ja, sagte Isak. -- Die einzige Gefahr ist, daß der Stier auf dem

Hinunterweg wild werden könnte, fuhr Inger fort. -- Darauf gab Isak

keine Antwort. -- Aber seit einer Woche ist er immer etwas draußen

gewesen, hat sich umgesehen und sich ans Freie gewöhnt. -- Isak

schwieg; aber er hängte ein großes Messer am Riemen um und führte den

Stier heraus.

Ach, was für ein Koloß, prächtig und furchtbar zugleich, seine Lenden

schwankten bei jedem Schritt! Er war ziemlich kurzbeinig; wenn er

dahinschritt, brach er mit der Brust den Jungwald nieder, er war wie

eine Lokomotive. Sein Hals war gewaltig bis zur Unförmigkeit, in diesem

Hals wohnte die Stärke eines Elefanten.

Wenn er jetzt nur nicht wild wird und auf dich losgeht, sagte Inger.

-- Erst nach einer Weile antwortete Isak: Nun, dann muß ich ihn eben

unterwegs schlachten und das Fleisch fortschaffen.

Inger setzte sich auf die Türschwelle. Es war ihr übel, und ihr Gesicht

war brennend rot. Sie hatte sich aufrecht gehalten, bis Isak gegangen

war, jetzt verschwand er mit dem Stier im Walde, und Inger konnte ohne

Gefahr stöhnen. Der kleine Eleseus kann schon sprechen, und er fragt:

Mutter weh? -- Ja, weh. -- Er ahmt seine Mutter nach, greift sich nach

dem Rücken und stöhnt auch. Klein-Sivert schläft.

Inger nimmt Eleseus mit sich hinein, gibt ihm allerlei Sachen, womit er

auf dem Boden spielen kann, und legt sich selbst zu Bett. Ihre Stunde

war gekommen. Sie ist die ganze Zeit bei vollem Bewußtsein, gibt auf

Eleseus acht, läßt ihren Blick über die Wiege hinschweifen und sieht

auf die Uhr an der Wand. Sie schreit nicht, bewegt sich kaum; ein

Kampf geht in ihren Eingeweiden vor sich, eine Last gleitet plötzlich

von ihr ab. Fast im selben Augenblick hört sie ein fremdes Geschrei

in ihrem Bett, ein liebes Stimmchen weint. Und jetzt hat Inger keine

Ruhe mehr, sie richtet sich auf und schaut an sich hinunter. Was sieht

sie? Ihr Gesicht wird im selben Augenblick aschgrau und starr, ohne

Ausdruck und Verstand, ein Ächzen wird laut, ein so unnatürliches, so

erschütterndes, wie ein Heulen aus ihrem Innersten heraus.

Sie sinkt zurück. Eine Minute vergeht, sie hat keine Ruhe, das Weinen

im Bett wird lauter, sie richtet sich wieder auf und schaut -- ach

Gott, das schlimmste von allem, ohne Gnade, und das Kind ist überdies

ein Mädchen!

Isak konnte vielleicht noch nicht eine halbe Meile weit gekommen sein,

und es war jetzt kaum eine Stunde vergangen, seit er den Hof verlassen

hatte. In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht ...

Am dritten Tag kehrte Isak zurück; er führte einen mageren, halb

verhungerten Stier, der kaum vorwärts kommen konnte, an der Leine,

deshalb war er so lange unterwegs gewesen.

Wie ist es gegangen? fragte Inger, und doch war sie selbst recht

gedrückt und krank.

Oh, es war ganz leidlich gegangen. Ja, ja, während der letzten halben

Meile war der Stier allerdings wild geworden. Isak hatte ihn anbinden

und Hilfe aus dem Dorfe holen müssen. Als er zurück kam, hatte der

Stier sich losgerissen, und sie hatten ihn lange suchen müssen. Na, es

war ja alles noch gut abgelaufen. Der Händler, der Schlachtvieh für die

Stadt aufkaufte, hatte gut bezahlt. -- Und da ist nun der neue Stier,

sagte Isak, bring die Kinder heraus und seht ihn euch an!

Das gleiche Interesse für jedes neue Stück Vieh. Inger betrachtete den

Stier, befühlte ihn und fragte nach dem Preis. Klein-Sivert durfte auf

seinem Rücken sitzen. -- Es tut mir leid um den großen Stier, sagte

Inger, er war so glänzend und brav! Wenn sie ihn jetzt nur ordentlich

abschlachten!

Die Tage waren mit Frühjahrsarbeit ausgefüllt, die Tiere waren

hinausgelassen worden, in dem leeren Stall standen Kisten und Kasten

voll Saatkartoffeln. Isak säte in diesem Jahr mehr Korn als sonst und

wandte seinen äußersten Fleiß auf, um es gut in die Erde zu bringen,

er richtete Beete für Karotten und Rüben, und Inger streute den Samen

hinein. Alles ging wie früher.

Segen der Erde: Roman · 第 3 / 32 段