Er war grundlos und schöpfte immer mehr. So war's immer, wenn er vom

Dorf kam.

Inger sagte: Es war recht schade, daß die Oline nicht das alles zu

sehen bekam, solange sie hier war.

Lauter Getue und Eitelkeit von seiten des Weibes, und der Mann lächelte

verächtlich über ihre Worte. Oh, aber er hätte gewiß nichts dagegen

gehabt, wenn Oline diese ganze Herrlichkeit gesehen hätte.

Das Kind weinte.

Geh wieder zu dem Jungen hinein, sagte Isak. Denn nun hat sich das

Pferd beruhigt.

Er spannt aus und führt das Pferd in den Stall hinein -- stellte sein

Pferd in den Stall. Er füttert und striegelt es und liebkost es. Was er

für Pferd und Karren schuldig war? Alles, die ganze Summe, eine sehr

große Schuld, aber sie sollte nicht älter werden, als bis Ende des

Sommers. Er hatte Klafterholz dafür, etwas getrocknete Birkenrinde zum

Bauen vom vorigen Jahr und schließlich noch einige gute Stämme. Aber

das hielt nicht vor. Als sich später die Spannkraft und der kecke Mut

etwas gelegt hatten, stellte sich manche bittere Stunde der Furcht und

Besorgnis ein; jetzt kam alles auf den Sommer und den Herbst an!

Die Tage waren mit Feldarbeit ausgefüllt, mit immer mehr Feldarbeit! Er

reinigte neue Strecken von Wurzeln und Steinen, pflügte sie um, düngte,

pflügte, hackte, zerkleinerte Klumpen mit den Händen und mit den

Absätzen, war überall ein fleißiger Ackermann und machte den Acker so

glatt wie Plüsch. Dann wartete er ein paar Tage, und als es nach Regen

aussah, säte er Korn.

Seit mehreren hundert Jahren hatten wohl seine Vorfahren Korn gesät.

Das war eine Arbeit, die an einem milden, windstillen Abend in

Andacht vollbracht wurde, am liebsten bei einem geeigneten feinen

Staubregen, so es möglich war, am liebsten, gleich wenn die Wildgänse

gezogen kamen. Die Kartoffel war eine neue Frucht, da war nichts

Geheimnisvolles dabei, nichts Religiöses. Frauen und Kinder konnten

beim Legen dabeisein, beim Legen dieser Erdäpfel, die von einem fremden

Lande kamen, gerade wie der Kaffee, ein großartiges, herrliches

Lebensmittel, aber von der Familie der Rüben. Korn, das war das Brot,

Korn oder nicht Korn, das war Leben oder Tod. Isak schritt barhäuptig

und in Jesu Namen dahin und säte; er war wie ein Baumstumpf mit Händen,

aber innerlich war er wie ein Kind. Auf jeden seiner Samenwürfe

verwendete er größte Sorgfalt, er war freundlich und ergeben gestimmt.

Seht, jetzt keimt das Korn und wird zu Ähren mit vielen Körnern, und

so ist es auf der ganzen Welt, wenn Korn gesät wird. Im Morgenland, in

Amerika, im Gudbrandstal -- ach, wie groß die Erde ist, und das winzig

kleine Feld, auf das Isak säte! Das war der Mittelpunkt von allem.

Fächer von Körnern strahlten aus seiner Hand. Der Himmel war bewölkt

und günstig, es sah nach einem ganz feinen Staubregen aus.

4

Zwischen Frühjahrs- und Herbstarbeit kamen und gingen die Tage, aber

Oline kam nicht.

Isak hatte jetzt seine Felder bestellt, er richtete zwei Sensen

und zwei Rechen zur Heuernte, machte einen langen Boden auf seinen

Karren, damit er Heu darauf laden konnte, richtete sich auch Kufen und

geeignetes Holz zu einem Arbeitsschlitten für den Winter her. Er machte

viele gute Sachen. Und was zwei Borte an der Wand in der Stube betraf,

so brachte er auch diese an, so daß man die verschiedensten Dinge

darauf legen konnte, den Kalender, den er sich endlich gekauft hatte,

und Quirle und Schöpfkellen, die nicht im Gebrauch waren. Inger sagte,

diese beiden Bretter seien etwas außerordentlich Gutes.

Inger fand alles außerordentlich gut. Seht, Goldhorn wollte nun nicht

mehr durchgehen, sondern sie vergnügte sich mit dem Kalb und dem

Stier und weidete den lieben langen Tag im Walde. Seht, die Ziegen

gediehen so, daß ihre schweren Euter fast auf dem Boden schleppten.

Inger nähte ein langes Kleidchen aus blauem Kattun und ein Mützchen

von demselben Stoff, es war das Hübscheste, was man sehen konnte, es

war der Taufanzug. Das Kind selbst lag ganz still da und verfolgte das

Werk mit seinen Augen, es war schon ein rechter Junge geworden, und

wenn er durchaus Eleseus heißen sollte, so wollte sich Isak auch nicht

länger dagegen sträuben. Als das Kleidchen fertig war, hatte es eine

zwei Ellen lange Schleppe, und jede Elle kostete ihr Geld, aber das

half nichts, das Kind war nun einmal der Erstgeborene. -- Wenn dein

Perlenhalsband einmal getragen werden soll, so ist es wohl diesmal

an der Zeit, sagte Isak. -- Oh, Inger hatte auch schon an die Perlen

gedacht, sie war nicht umsonst Mutter, sondern durchaus einfältig und

stolz. Die Perlen reichten dem Jungen nicht um den Hals, aber sie

würden vorne auf der Mütze hübsch aussehen, und da brachte sie sie an.

Aber Oline kam nicht.

Wäre es nicht wegen der Tiere gewesen, dann hätten alle Bewohner das

Haus verlassen und mit dem getauften Kinde nach drei bis vier Tagen

zurückkommen können. Und wäre es nicht wegen der Trauung gewesen, so

hätte Inger allein reisen können. -- Ob wir nicht die Trauung so lange

verschieben könnten? sagte Isak. -- Aber Inger antwortete: Es wird zehn

bis zwölf Jahre dauern, bis Eleseus daheim bleiben und melken kann.

Nun, da mußte Isak seinen Verstand gebrauchen. Eigentlich war das Ganze

nicht am Anfang begonnen worden, und die Trauung war vielleicht ebenso

notwendig wie die Taufe, was wußte er. Jetzt sah es nach Trockenheit

aus, nach richtiger böser Trockenheit; wenn nicht bald Regen kam,

verbrannte der Ertrag der Felder, aber alles stand in Gottes Hand.

Isak machte sich fertig, ins Dorf hinunterzueilen und sich nach einem

Menschen zur Aushilfe umzusehen. Da mußte er wieder viele Meilen laufen.

All diese Beschwer einer Trauung und einer Taufe wegen! Die Leute im

Ödland haben wirklich viele kleine und große Sorgen!

Dann kam Oline ...

Jetzt waren sie verheiratet und getauft, alles war in Ordnung, sie

waren sogar darauf bedacht gewesen, sich zuerst trauen zu lassen,

damit das Kind ehelich wurde. Aber die Trockenheit hielt an, und nun

verbrannten die kleinen Kornäcker, verbrannten diese Plüschteppiche,

und warum nur? Alles stand in Gottes Hand. Isak mähte seine

Wiesenstücke, aber es stand kein hohes Gras darauf, obgleich der Boden

im Frühjahr gedüngt worden war. Er mähte und mähte auch auf weit

entfernten Halden und wurde nicht müde, zu mähen, zu trocknen und

Futter heimzuführen, denn er hatte ja jetzt ein Pferd und einen großen

Viehstand. Aber mitten im Juli mußte er auch das Korn zu Grünfutter

mähen, zu anderem war es nicht zu gebrauchen. So, und nun kam es nur

noch auf die Kartoffeln an.

Wie stand es mit der Kartoffel? War sie nur eine Kaffeeart aus

fremdem Lande, die entbehrt werden konnte? Oh, die Kartoffel ist eine

unvergleichliche Frucht, sie steht draußen in Trockenheit, steht in

Nässe, wächst aber doch. Sie trotzt dem Wetter und hält viel aus,

bekommt sie nur eine einigermaßen gute Behandlung von den Menschen, so

lohnt sie es fünfzehnfach. Seht, die Kartoffel hat nicht das Blut der

Traube, aber sie hat das Fleisch der Kastanie, man kann sie braten und

kochen und zu allem benutzen. Ein Mensch kann Mangel an Brot haben, hat

er Kartoffeln, dann ist er nicht ohne Nahrung. Die Kartoffeln können

in warmer Asche gebraten werden und ein Abendessen sein, sie können

in Wasser gekocht werden und zum Frühstück dienen. Was brauchen sie

an Zuspeise? Wenig. Die Kartoffeln sind genügsam, eine Schale Milch,

ein Hering ist genug für sie. Der Reichtum ißt Butter dazu, die Armut

taucht sie in ein bißchen Salz auf einem Teller. Isak verzehrte sie als

Sonntagsspeise mit ein wenig Sahne von Goldhorns Milch. Die mißachtete,

gesegnete Kartoffel!

Aber jetzt spukte es auch für die Kartoffel.

Unzählige Male am Tag sah Isak nach dem Himmel. Der Himmel war blau.

Manchen Abend sah es nach einem Regenschauer aus. Dann ging Isak hinein

und sagte: Möchte wissen, ob es nicht doch Regen gibt. Aber nach ein

paar Stunden war alle Hoffnung wieder verschwunden.

Jetzt hatte die Trockenheit schon sieben Wochen gedauert, und die Hitze

war sehr groß. Die Kartoffel stand in all dieser Zeit in voller Blüte,

sie blühte unnatürlich und wunderbar prächtig. Die Äcker sahen von

ferne aus wie Schneefelder. Wie sollte das schließlich werden? Der

Kalender gab keinen Wink, der derzeitige Kalender war nicht mehr wie

früher, der taugte gar nichts. Jetzt sah es wieder nach Regen aus, und

Isak ging zu Inger hinein und sagte: Mit Gottes Hilfe wird nun heute

nacht doch Regen kommen! -- Sieht es nach Regen aus? -- Ja, und das

Pferd schüttelt sich im Geschirr.

Inger schaute zur Tür hinaus und sagte: Ja, jetzt wirst du sehen! --

Ein paar Tropfen fielen. Die Stunden vergingen, die Leute legten sich

zur Ruhe, und als Isak in der Nacht einmal hinausging, um nachzusehen,

war der Himmel blau.

Ach du lieber Gott im Himmel! sagte Inger. Nun, dann wird morgen auch

dein letztes Laub trocken, sagte sie und tröstete, so gut sie konnte.

Jawohl, Isak hatte auch Laub gesammelt und besaß nun eine Menge vom

besten Laub. Das war wertvolles Futter, er behandelte es wie Heu

und bedeckte es mit Birkenrinde im Walde. Jetzt war nur noch ein

kleiner Rest draußen, deshalb antwortete er Inger tief verzweifelt

und gleichgültig: Ich nehme es nicht herein, und wenn es auch ganz

austrocknet. -- Du weißt nicht, was du redest, versetzte Inger.

Am nächsten Tag holte er es also nicht herein -- da er es nun einmal

gesagt hatte, holte er das Laub nicht herein. Es konnte draußen

bleiben, es kam ja doch kein Regen, mochte es in Gottes Namen draußen

sein! Er konnte es vor Weihnachten einmal hereinnehmen, wenn es bis

dahin die Sonne nicht ganz und gar versengt habe.

Ganz tief und vollständig gekränkt fühlte er sich, es war ihm keine

Freude mehr, unter der Haustür zu sitzen und über seinen Grund

und Boden hinzusehen und alles zu besitzen. Da standen nun die

Kartoffeläcker, blühten wie verrückt und vertrockneten, dann mochte

auch das Laub bleiben, wo es war, bitte! Oh, aber Isak -- vielleicht

hatte er mitten in seiner dicken Treuherzigkeit doch einen kleinen

schlauen Hintergedanken, vielleicht tat er es aus Berechnung und wollte

versuchen, jetzt beim Mondwechsel den blauen Himmel herauszufordern.

Am Abend sah es wiederum nach Regen aus. Du hättest das Laub

hereinholen sollen, sagte Inger. -- Warum denn? fragte Isak und tat

äußerst unzugänglich. -- Ja, ja, du spottest, aber es könnte jetzt doch

Regen kommen. -- Du siehst doch wohl, daß in diesem Jahr kein Regen

kommt.

Aber in der Nacht war es doch, als würden die Glasscheiben ganz dunkel,

und es war auch, als jage etwas dagegen und mache sie naß, was es nun

auch sein mochte.

Inger erwachte und sagte: Es regnet! Sieh die Fenster an. -- Isak

schnaubte nur verächtlich und erwiderte: Regen? Das ist kein Regen. Ich

verstehe nicht, was du sagst. -- Ach, du sollst nicht spotten, sagte

Inger.

Isak spottete, ja. Und er betrog sich nur selbst. Gewiß regnete es, und

zwar einen tüchtigen Schauer; aber als Isaks Laub ordentlich durchnäßt

war, hörte es auf zu regnen. Der Himmel war wieder blau. Ich hab' es ja

vorhergesagt, daß kein Regen kommt, sagte Isak eigensinnig und recht

sündhaft.

Für die Kartoffeln nützte dieser Regenschauer nichts, die Tage kamen

und gingen. Der Himmel war blau. Da machte sich Isak an die Herstellung

seines Holzschlittens. Er gab sich alle Mühe damit. Er beugte sein Herz

und hobelte demütig Kufen und Stangen. Ach ja, Herrgott im Himmel!

Seht, die Tage kamen und gingen ja, das Kind wuchs heran, Inger machte

Butter und Käse, es war eigentlich nicht so schlimm, ein Mißjahr

überlebten tüchtige Leute draußen im Ödland wohl. Und außerdem -- als

neun Wochen vergangen waren, kam auch richtiger, segensreicher Regen;

einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch regnete es, sechzehn

Stunden lang goß es in Strömen, die Himmel hatten sich geöffnet. Wenn

es nun vierzehn Tage früher gewesen wäre, dann hätte Isak gesagt: Es

ist zu spät. Jetzt aber sagte er zu Inger: Du wirst sehen, es hilft den

Kartoffeln doch noch ein wenig auf. -- O ja, antwortete Inger tröstend,

es hilft ihnen noch ganz und gar.

Und dann sah es allmählich besser aus; jeden Tag fiel ein Regenschauer,

das Gras wurde wieder grün wie durch Zauber, die Kartoffeln blühten,

jawohl, und zwar mehr als zuerst, und an den Stengeln wuchsen große

Beeren, und das war eigentlich ganz richtig, aber niemand wußte, was

unten an den Wurzeln war; Isak wagte nicht nachzusehen. Dann kam eines

Tages Inger daher, und sie hatte unter einem Stock zwanzig kleine

Kartoffeln gefunden. Und jetzt haben sie noch fünf Wochen zum Wachsen!

sagte Inger. -- Diese Inger, sie mußte immerfort trösten und gut

zureden mit ihrer Hasenscharte! Und eine jämmerliche Stimme hatte sie,

sie zischte, es war, wie wenn ein Ventil etwas Dampf herausläßt; aber

ihr Trösten war eine Wohltat draußen im Ödland. Und eine lebensfrohe

Natur hatte sie auch. -- Wenn du noch eine Bettstatt zimmern könntest,

sagte sie zu Isak. -- So? sagte er. -- Ja, ja, es eilt nicht gerade,

sagte sie.

Sie machten sich an die Kartoffelernte und wurden nach altem Herkommen

bis Michaelis damit fertig. Es wurde ein mittelmäßiges Jahr, ein gutes

Jahr; es zeigte sich wieder, daß die Kartoffeln nicht so sehr vom

Wetter abhängig sind, sondern viel aushalten und doch heranwachsen.

Natürlich war es, wenn sie genau nachrechneten, nicht gerade ein so

recht mittelmäßiges und gutes Jahr, aber in diesem Jahr konnten sie

nicht so genau nachrechnen. Eines Tages war ein Lappe vorübergekommen

und hatte sich über all die Kartoffeln auf der Ansiedlung sehr

verwundert; in den Dörfern sei es viel schlimmer, sagte er.

Dann hatte Isak wieder einige Wochen vor sich, während der er Land

roden konnte, ehe die Kälte einsetzte und der Boden gefror. Jetzt

weidete das Vieh auf den Feldern und wo es wollte. Es machte Isak

Freude, mit den Tieren zusammen zu arbeiten und ihre Glocken zu hören.

Es hielt ihn zwar auch von der Arbeit ab, denn der Stier stieß gar zu

gerne mit seinen Hörnern in die Laubhaufen hinein, oder die Geißen

waren droben und drunten und überall, sogar auf dem Dach der Hütte.

Kleine und große Sorgen!

Eines Tages hörte Isak einen lauten Schrei. Inger steht vor dem Hause

mit dem Kind auf dem Arm und deutet auf den Stier und die kleine Kuh

Silberhorn; die sind Liebesleute. Isak wirft die Haue weg und rennt

hinunter, aber es ist zu spät, das Unglück ist geschehen. Sieh die

Hexe, die ist zeitig dran, erst ein Jahr alt, ein halbes Jahr zu früh,

die Hexe, das Kind. Isak bringt sie in den Stall hinein, aber es ist

wohl zu spät. Ja, ja, sagt Inger, es ist nun gewissermaßen gut, sonst

wären beide Kühe im Herbst trächtig geworden. -- Ach, diese Inger,

nein, sie hatte keinen guten Kopf, aber sie hatte vielleicht gewußt,

was sie tat, als sie am Morgen Silberhorn und den Stier zusammen

herausließ.

Es wurde Winter, Inger kardätschte und spann, Isak fuhr Klafterholz zu

Tal, ungeheure Ladungen von trockenem Holz auf guter Schlittenbahn;

alle Schulden wurden getilgt, Pferd und Wagen, Pflug und Egge gehörten

nun ihm. Er fuhr mit Ingers Ziegenkäse zu Tal und brachte Webgarn,

Webstuhl, Haspel und Scherbaum dafür nach Hause, und wieder brachte er

Mehl und Eßwaren, und wieder Bretter, Dielen und Nägel; eines Tages

kam er sogar mit einer Lampe an. So wahr ich hier dastehe, rief Inger,

du bist verrückt! Aber sie hatte schon lange erraten, daß die Lampe

kommen würde. Am Abend zündeten sie sie an und waren wie im Paradies,

der kleine Eleseus glaubte gewiß, es sei die Sonne. Siehst du, wie

verwundert er ist! sagte Isak. Von da an konnte Inger bei Lampenlicht

spinnen.

Isak brachte Leinwand zu Hemden und neue Schuhe für Inger. Sie hatte

ihn um verschiedene Farben zum Färben der Wolle gebeten, und er brachte

auch diese. Aber eines Tages kam er wahrhaftig mit einer Uhr an! Mit

was? Mit einer Uhr! Da war Inger wie aus den Wolken gefallen, und sie

konnte eine Weile kein Wort herausbringen.

Isak hing die Uhr mit vorsichtigen Händen an die Wand und stellte

sie nach seiner Schätzung; er zog die Gewichte auf und ließ die Uhr

schlagen. Das Kind drehte die Augen nach dem tiefen Klang und sah dann

die Mutter an. Ja, du kannst dich wohl verwundern! sagte sie und nahm

den Jungen auf den Schoß und war selbst gerührt. Denn von allem Guten

hier in der Einsamkeit konnte sich nichts mit der Wanduhr vergleichen,

die den ganzen dunklen Winter hindurch ging und die Stunden richtig

schlug.

Dann war alles Holz fortgeschafft, Isak ging wieder in den Wald und

fällte wieder Bäume; er machte seine Straßen und seine Stadt aus

Klafterholzstapeln für den nächsten Winter. Er mußte jetzt immer

weiter von seinem Haus weggehen, eine große, weite Halde lag da schon

zum Bebauen bereit, und er wollte jetzt nicht noch mehr Boden ganz

abholzen, sondern von jetzt an nur die ältesten Bäume mit vertrockneten

Wipfeln fällen.

Natürlich hatte er auch schon längst verstanden, warum Inger von einem

zweiten Bett gesprochen hatte, jetzt durfte er es wohl nicht länger

hinausschieben, sondern mußte sich beeilen. Als er an einem dunklen

Abend aus dem Walde heimkehrte, da war es geschehen: die Familie hatte

sich vermehrt, wieder um einen Jungen. Inger lag zu Bett. Diese Inger!

Am Morgen hatte sie ihn ins Dorf hinunterschicken wollen. Du solltest

das Pferd ein wenig bewegen, hatte sie gesagt. Denn es steht nur in

seinem Stand und scharrt. -- Ich habe keine Zeit zu solchem Unsinn,

sagte Isak und ging fort. Jetzt merkte er, daß sie ihn nur aus dem Wege

hatte haben wollen, aber warum? Es wäre doch vielleicht gut gewesen,

wenn sie ihn in der Nähe gehabt hätte. -- Wie kommt es nur, daß du

einem nie ein Zeichen geben kannst? sagte er. -- Nun mußt du dir eine

eigene Bettstatt richten und in der Kammer schlafen, erwiderte sie.

Aber mit der Bettlade war es nicht getan, es gehörten auch Bettstücke

hinein. Sie hatten keine zwei Felldecken und konnten sich auch vor

dem nächsten Herbst, wo sie einige Hämmel schlachten würden, keine

zweite Felldecke verschaffen; aber selbst von zwei Hämmeln bekam man

noch keine Decke. In der nächsten Zeit hatte es Isak nicht gut, er

fror jämmerlich bei Nacht. Er versuchte, sich in das Heu unter dem

Felsenhang einzugraben, versuchte, bei den Kühen zu schlafen, obdachlos

war er. Zum Glück war es schon Mai, dann kam der Juni, der Juli ...

Merkwürdig, wieviel hier in nur drei Jahren zustande gebracht worden

war: eine Behausung für Menschen, ein Stall und urbar gemachtes Land.

Was baute Isak jetzt? Einen neuen Schuppen, eine Scheune, einen Anbau

ans Wohnhaus? Es dröhnte durchs Haus, wenn er die acht Zoll langen

Nägel hineinschlug, und Inger kam ab und zu heraus und bat um Gnade

für die Kleinen. Jawohl, die Kleinen! Unterhalte sie einstweilen.

Sing ihnen was vor, gib dem Eleseus den Eimerdeckel, dann kann er

damit lärmen! Die großen Nägel werden bald hineingeschlagen sein, sie

müssen eben gerade hier sitzen, in den Streckbalken, mit denen der

Anbau am Haus festgemacht wird. Nachher hab' ich nur noch Bretter und

zweieinhalb Zoll lange Nägel, das ist das reine Kinderspiel.

Hätte er es vermeiden können, zu hämmern? Bisher wurden die

Heringstonne, das Mehl und andere Eßwaren im Stall aufbewahrt, damit

sie nicht unter freiem Himmel stehen mußten; aber der Speck bekam einen

Stallgeschmack, eine Vorratskammer war die reinste Notwendigkeit.

Die kleinen Jungen mußten sich auch an so ein paar Hammerschläge an

die Wand gewöhnen; Eleseus war allerdings etwas zart und schwächlich

geworden, aber der andere saugte wie ein Posaunenengel, und wenn er

nicht schrie, dann schlief er. Ein prächtiger Junge! Isak wollte sich

dem nicht widersetzen, daß er Sivert heißen sollte, es war vielleicht

am besten so, obgleich er abermals an den Namen Jakob gedacht hatte.

In manchen Fällen hatte Inger recht, Eleseus war nach ihrem Pfarrer

getauft, und es war ein vornehmer Name, aber Sivert hieß Ingers Oheim,

der Bezirkskassierer, der ein Junggeselle und ein vermöglicher Mann

ohne Erben war. Was hätte dem Kinde Besseres widerfahren können, als

Sivert zu heißen!

Dann kam wieder die Frühjahrsarbeit, und alles wurde vor Pfingsten in

die Erde gelegt. Damals, als Inger nur Eleseus ihr eigen nannte, hatte

sie nie Zeit gehabt, ihrem Manne zu helfen, so sehr hatte sie der

Erstgeborene in Anspruch genommen. Jetzt, da sie zwei Kinder hatte,

jätete sie das Unkraut aus und verrichtete noch vieles andere; sie half

viele Stunden lang beim Kartoffellegen, säte auch Karotten und Rüben.

Eine solche Frau fand sich nicht so leicht wieder. Und hatte sie nicht

auch Tuch auf dem Webstuhl? Jeden Augenblick nützte sie aus, um in die

Kammer zu laufen und ein paar Spulen abzuweben; es war halbwollenes

Tuch zu Wäsche für den Winter. Nachdem das Garn gefärbt war, webte sie

blau und roten Kleiderstoff für sich und die Kinder; dann legte sie

noch mehr Farben ein und machte Bettbezüge für Isak. Lauter notwendige,

nützliche und höchst dauerhafte Sachen.

Seht, nun war die Familie im Ödland schon recht heraufgekommen, und

wenn dieses Jahr gut einschlug, waren die Ansiedler geradezu zu

beneiden. Was fehlte ihnen noch? Ein Heuschuppen natürlich, eine

Scheune mit einer Tenne in der Mitte, das war ein Zukunftsziel, und

es würde erreicht werden wie die andern Ziele auch. Mit der Zeit, ja!

Jetzt hatte die kleine Silberhorn ein Kalb, und die Ziegen hatten

Zicklein, und die Schafe hatten Lämmer, es wimmelte von kleinen Tieren

auf der Weide. Und die Menschen? Eleseus konnte schon auf seinen

eigenen Beinen gehen, wohin er wollte, und der kleine Sivert war

getauft. Und Inger? Sie war gewiß schon wieder guter Hoffnung, sie sah

so rundlich aus. Was war auch ein Kind für sie? Nichts -- das heißt

große Dinge, nette kleine Leute, sie war stolz auf ihre Kinder und

gab zu verstehen, daß Gott nicht allen Leuten solche großen, hübschen

Kinder anvertraue. Inger war ganz davon in Anspruch genommen, jung

zu sein. Sie hatte ein verunstaltetes Gesicht und hatte ihre ganze

Jugend als eine Ausgestoßene verbracht, die Burschen hatten sie nicht

angesehen, obgleich sie tanzen und arbeiten konnte, sie hatten ihre

gute Weiblichkeit verschmäht, sie hatten sich weggewendet -- jetzt war

ihre Zeit, sie entfaltete sich, sie stand ununterbrochen in voller

Blüte und war guter Hoffnung. Isak selbst, der Hausvater, war und blieb

ein ernster Mann, aber er hatte guten Erfolg gehabt und war zufrieden.

Wie und womit er sich das Leben erträglich gemacht hatte, ehe Inger

kam, war sehr dunkel; mit Kartoffeln und Ziegenmilch, ja mit gewagten

Gerichten ohne Namen; jetzt hatte er alles, was ein Mann in seinen

Verhältnissen nur verlangen konnte.

Wieder kam große Trockenheit, wieder ein Mißjahr. Der Lappe Os-Anders,

der mit seinem Hund vorüberkam, konnte berichten, daß die Leute im

Dorfe schon alles Getreide zu Viehfutter abgemäht hätten. -- So, sie

hatten also keine Hoffnung mehr? fragte Inger. -- Nein, aber dafür

haben sie einen guten Heringsfang gemacht. Dein Oheim Sivert bekommt

seinen Anteil als Strandbesitzer. Und er hat doch vorher schon ein

bißchen etwas in Küche und Keller gehabt. Gerade wie du, Inger. -- Ja,

Gott sei Dank, ich habe nichts zu klagen. Was sagen sie denn daheim von

mir? -- Os-Anders wiegt den Kopf hin und her und sagt schmeichlerisch,

er habe keine Worte dafür! -- Wenn du eine Schale süße Milch möchtest,

so brauchst du es nur zu sagen, versetzt Inger. -- Du sollst dich nicht

in Unkosten stürzen. Aber hast du ein wenig für den Hund?

Die Milch kam, das Futter für den Hund auch. Der Lappe hörte Musik aus

der Stube heraus und lauschte: Was ist das? -- Das ist unsere Wanduhr,

die schlägt, sagt Inger; sie ist am Platzen vor lauter Stolz.

Wieder wiegte der Lappe den Kopf hin und her und sagte: Ihr habt Haus

und Pferd und Wohlbehagen, kannst du mir sagen, was ihr nicht habt?

-- Nein, wir können Gott nicht genug danken. -- Oline hat mir einen

Gruß an dich aufgetragen. -- So. Wie geht es ihr? -- Es geht. Wo ist

dein Mann? -- Er ist auf dem Feld draußen. -- Es heißt, er habe nicht

gekauft! wirft der Lappe hin. -- Gekauft? Wer sagt das? -- Es heißt

so. -- Von wem sollte er denn kaufen? Es ist Allmende. -- Ja, ja. --

Und viele Schweißtropfen hat er in diesen Grund und Boden hineinfallen

lassen. -- Es heißt, euer Boden gehöre dem Staat.

Segen der Erde: Roman · 第 2 / 32 段