Der Grundnerv dieser ganzen Diluvialkunst sei eigentlich gewesen,

daß dieser Mensch ewig +hungrig+ war. Er lechzte als wilder Jäger

ewig nach Fleisch, mehr Fleisch. Mammut- oder Bisonfleisch zum Mahl.

Vielleicht auch erotisch nach Weiberfleisch. (Deshalb die an sich

wirklich festgestellte Fettleibigkeit gewisser Menschenplastiken der

Aurignacenser.) Er konnte einfach gar nicht genug kriegen. „Weib, o

Weib! Fettes Weib! Schönes Weib! Bison, großer Bison! Starker Bison!“

(wörtlich so bei Hoernes), war der beständige rote Schrei seiner Seele.

Deshalb wurde auch seine Kunst die reine Lyrik dieses Schreies. Deshalb

die lechzende Masse dieser Kunst, das Verbreiten bis in dunkelste

unwegsamste Höhlenschlünde, das mehrfache Übereinandermalen an ein und

derselben Stelle.

Die Kunst selber kam auch ihm dabei ganz roh suggestiv vom Objekt

zu. Der Hergang lief auf eine einfache Faszination des Auges hinaus,

eine „Mußbeschäftigung“, des engeren daheim wieder angeregt durch

zufällige Linien und Buckel der Höhlenwände etwa wie gewisse erotische

Kritzeleien auf geheimen Orten bei uns.

Als Vergleich könne auch das sog. „Hasenlaufen“ gelten, das dem

Jäger nach ergiebigem Jagdtage vor dem Einschlafen immer wieder

bei geschlossenem Auge Hasen in größter Naturwahrheit der Stellung

vorüberlaufen lasse.

Dem wohlwollenden Leser wird nicht entgehen, daß auch hier aus dem

Fetthunger allein doch noch nicht die objektive Höhe dieser Kunst

erklärt wird. Es müßte denn die vorzügliche Technik gewisser berühmter

älterer Niederländer unserer Galerien auch rein aus dem Wurstreiz ihrer

Stilleben abzuleiten sein.

Vielleicht könnte hier nur eine Hilfstheorie fördern, die ebenfalls

gelegentlich aufgestellt worden ist: der Mensch sei auf dieser Stufe

überhaupt noch +reines Instinktgeschöpf+ gewesen. So habe er mit der

vollkommenen Folgerichtigkeit und Unfehlbarkeit solchen Instinkts

einfach zwangsweise treu zeichnen +müssen+, ohne selber irgendeine

Empfindung zu besitzen, was er tat; also strenggenommen noch einmal

Rückschritt hinter jene Schimpansen Koehlers.

Hoernes selbst war andererseits sehr geneigt, vor „Überschätzung“ jenes

angeblichen diluvialen Kunstwerkes selbst zu warnen.

Es sei zuzugeben, daß in der ganzen Zeit zwischen jenem Pferdekopf von

Mas d’Azil und den griechischen Parthenonpferden in der Tierdarstellung

nichts vergleichbar Vollkommenes geleistet worden sei. Aber diese

hohe Phidiaskunst bilde ein Glied in langer kunstgeschichtlicher

Entwicklungskette, die Diluvialkunst dagegen sei bloß eine für alle

wahre Kultur belanglose Moment-Mutation gewesen. Sie hatte „keine

Vergangenheit und keine Folge“, kam „aus dem Nichts“ (offenbar mit

dem ersten Aurignacensermagen, obwohl die Neandertaler doch auch

wohl schon gelegentlichen Fetthunger verspürt haben mochten) und

ging ohne echte eigene Entwicklung „wieder ins Nichts“ — im Grunde

tiefste Unfruchtbarkeit, bettelarme Borniertheit (ich gebrauche

fast lauter Hoernessche Ausdrücke), die uns nur durch jenen Zwang

formaler Vollendung äfft. Mit solchem „Ungeist“ waren diese

Troglodyten geschlagen, daß ihnen „die Syntax der bildenden Kunst ewig

verschlossen“ bleiben mußte.

So wanderten die Gedanken.

Gelegentlich wurden wir auch noch in einem anderen Sinne

„nationalökonomisch“ belehrt: daß diese wilde naturalistische Urkunst

lediglich noch Jägerkunst des +Mannes+ gewesen sei. Als später der

Ackerbau eingeführt wurde und die Töpferei in die Hand der Frau kam,

begann deren, rein ästhetisch betrachtet, „kleinliche, geistlose“ und

im Gegensatz zum Mann „pedantisch-ordnungsliebende“ Art auf die Kunst

zu drücken (ich referiere nur!) und leitete vom Topfschmuck eine Epoche

des naturfremden Ornaments und der „abergläubischen“ Kunst ein.

Es dürfte doch recht lehrreich sein, kurz zusammenzustellen, was die

inzwischen rasch weitergehende Diluvialforschung heute bereits von all

diesen glänzenden Konstruktionen übrig gelassen hat.

Hoernes selbst war allerdings der Ansicht, daß „Überraschungen durch

zukünftige Funde“ gegenüber seinen Ideen „wahrscheinlich vollkommen

ausgeschlossen“ seien.

Zunächst sollte auch ohne neue Funde klar sein, daß wir in all dem

Material zunächst doch nur den Ausschnitt der engeren +bildenden+ Kunst

dieser alten Leute vor uns haben.

Sollte aber ein hier so reich begabtes Volk sich nicht auch gleich

allen Naturvölkern von heute künstlerisch in Tanz, Musik, Gesang

ausgelebt haben? Schmuck trugen sie, wie wir wissen, in Masse. Es ist

aus den Resten wahrscheinlich, daß sie Pansflöten aus Röhrenknochen

herstellten, auf denen sie doch wohl nicht bloß „Hasenlaufen“ gespielt

haben werden.

Hier würden aber überall +rhythmische+ Bewegungen und Erzeugungen nicht

zu vermeiden gewesen sein, auf deren Fehlen die meisten jener Theorien,

recht besehen, doch aufbauen.

Was die mysteriöse Entstehung aus dem Nichts anbetrifft, so ist nur

richtig daran, daß wir aus dem Chelleen bis Mousterien bisher keine

Zeugnisse gerade bildender Kunst besitzen. Damals lebte aber unter

ganz anderen klimatischen Verhältnissen eine völlig andere Rasse, die

Neandertaler, von denen bisher durchaus nicht feststeht, daß sie sich

in die folgende höhere Rasse verwandelt hätten. Viel einleuchtender

handelt es sich um einen Ersatz durch Einwanderung, wobei die neuen

Menschen ihre Kunst schon mitbrachten, ohne daß wir irgend etwas

darüber aussagen könnten, was für +eigene+ Entwicklungen an +anderem+

Fleck da schon voraufgegangen waren.

Ebenso unbewiesen ist aber bislang, daß die Neandertaler selbst noch

+ganz+ kunstfrei gewesen seien.

Hugo Obermaier, dem wir ein geistvolles Werk über den „Menschen

der Vorzeit“ (von klerikalem Grundstandpunkt, der aber doch meist

geschmackvoll gemäßigt ist) verdanken, bezeichnet es mit Recht als

eine „totale Verkennung der Menschennatur“, diesen Neandertalmenschen

„Körperschmuck und jede freie primitive Kunstbetätigung“ absprechen zu

wollen.

Denkbar, daß sie eben als Rasse weniger gerade zu bildender Kunst

neigten.

Sehr möglich, daß ihre technische Bevorzugung von Steinwerkzeugen

gegenüber Bein und Horn sie gerade am Gravieren und Schnitzen als

Ausgangspunkt gehindert oder auf Holz gewiesen hat, das nicht erhalten

ist. Solche reinen +Material+fragen sind aber bei der Kunst aller

Völker bis heute wichtig gewesen. Bereits wird für Knochenarbeit, wo

sie doch im Mousterien schon vorkommt, neuerlich prompt auch schon

Kunstarbeit behauptet. Hier kann trotz Hoernes ein einziger ganz

sicherer neuer Fund all jene Urweisheit umwerfen.

Aber bleiben wir ruhig bei der höheren Rasse. So ist Verworns purer

Ur-Naturalismus und schließlich doch auch Hoernes’ rohe Freßtheorie

hinfällig im Augenblick, wo auch für die Diluvialzeit bereits

deutliches religiöses Leben mit Seelenkult nachweisbar wäre.

Dieser Beweis ist restlos geglückt.

Schon der so rasch berühmt gewordene Neandertaler-Knabe, den Hauser und

Klaatsch 1908 als ~Homo mousteriensis~ im Vézèretal ausgegraben haben,

war allem Anschein nach sorgsam in seitlicher Schlafstellung und unter

Beigabe von Waffe und Proviant bestattet worden.

Ähnliche und noch viel sicherere und verwickeltere Begräbnisse, oft in

deutlicher Hockerstellung, mit reichstem Schmuck, die Knochen mit Rötel

bestreut, liegen jetzt auch aus der jüngeren Rasse in ganzer Menge vor.

Die Beigaben deuten nach sicherster Analogie heutiger Naturvölker

durchaus auf Seelentrennung, Unsterblichkeitsglauben, Totenkult. Die

rote Farbe soll Ansehen des Blutes, fortgesetzten Lebens geben.

Wenn das die Kunst beeinflussen konnte, so war der stärkste Einfluß da.

Weitere Züge hierüber geben dann die Bildwerke selbst.

Man besitzt Darstellungen von Menschen, die Tierfelle noch mit

den natürlichen Köpfen daran, z. B. von Gemsen, samt dem Gehörn

übergestülpt tragen. Das konnten Jagdverkleidungen zum unbemerkten

Beschleichen des Wildes nach Buschmannart sein. Aber auch die bei

heutigen Wilden so beliebten Tanzmasken für magische Tänze und Kult.

Ganz kürzlich ist nun in der Höhle Trois Frères (Provinz Ariège an

den Pyrenäen) eine große Gestalt entdeckt worden, die auch diese

Frage im letzteren Sinne zu erledigen scheint. „Die Figur ist etwa

75 ~cm~ lang und steht in Verbindung mit einem gravierten Friese von

Tierbildern (Pferd, Bison, Löwe, Mammut, Bär, Nashorn, Renn usw.). Sie

befindet sich hoch am Ende der Höhlenwand und beherrscht den ganzen

Raum. Das Bild ist graviert, die Umrißlinien sind teilweise durch

schwarze Farbe betont. Die Darstellung der Bewegung ist ungewöhnlich

vollkommen: während der Körper im Profil gegeben ist, wendet sich

das Gesicht voll dem Beschauer zu. Die Wiedergabe der Einzelheiten

läßt erfreulicherweise an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Die Bildung der Hände und Füße sowie die Wiedergabe der Genitalien

behebt jeden Zweifel darüber, daß es sich hier um einen verkleideten

Menschen handelt. Auffallend ist der lange Pferdeschwanz, der zu einem

Hirschfell nicht paßt.“

Gerade diese Verbindung von Hirschdecke und Roßschweif widerstreitet

aber einer rein profanen Jagdmaske. Oswald Menghin, der umsichtige

neueste Bearbeiter von Hoernes’ Hauptwerk, dem das Zitat entnommen,

gibt nach diesem Fund eines so unzweideutigen „Zauberers“ rund zu, daß

Hoernes’ Ablehnung aller diluvialen Kultdarstellung ferner nicht mehr

zu halten sei.

Darüber werden aber noch andere Sachen wichtig. Was man bisher für

Bilder von Zelten gehalten, könnten „Geisterfallen“ sein, wie sie

heute noch in der Magie der Malaien eine Rolle spielen. Schon längst

ist vermutet worden, die vielen Einzeltierbilder auf Höhlenwänden

und besonderen amuletthaften Gegenständen hingen mit der Idee eines

+Jagdzaubers+ zusammen — im Sinne, daß das Tier, von dem man ein Bild

besitzt, leichter zu erlegen sei.

Solche Deutung kann natürlich selber wieder nicht die Existenz der

Kunst und auch nicht ohne weiteres die Höhe dieser Kunst erklären. Sie

gibt einen sekundären Kunstzweck, der aber zu allen Zeiten (genau wie

das Geschlechtliche) auch in die spätere Kunst seitens des Zauberwesens

und der Religion eingespielt hat. Religion hat auf höchster Stufe

dieser Kunst sogar echte und innerliche Anregung gegeben. Auf tieferer

war sie aber selber immer eng mit Zauberei verquickt.

Also solcher Zauberzweck könnte uns doch manche +Eigenart+ der

Stoffwahl und Methode auch dieser Altkunst enträtseln. Wir finden

Bisonbilder mit Speeren im Leibe gezeichnet, was sehr gut paßte.

Manchmal roh, handwerksmäßig, aber auch auf der herrlichen Saaldecke

von Altamira, wo der Bison wirklich getroffen in ganzer farbiger

Malpracht vor uns zusammenbricht.

Aber gerade dieser magische Zweck, der vielleicht durch uralte

Überlieferung gefestigte, vorgeschriebene Regeln vertrat, könnte

auch erklären, warum wir so hartnäckig immer wieder losgelöste

+Einzelfiguren+ von Tieren dargestellt sehen. Die Figuren selbst sind

jede für sich bewegten Lebens voll, rennen, wiehern, sehen sich um,

stürzen wie aus großen Gruppen solcher Jagd gewaltsam entnommen, aber

sie sind meist nicht wirklich zu solcher Gruppe vereint. Jede steht

(oft kunterbunt zu den anderen) auf eigenem Horizont. In Altamira

hat man alle denkbaren Einzeltypen einer drohenden, flüchtenden,

beschossenen, fallenden Bisonherde, aber auch hier bilden sie kein

wahres Einheitsgemälde mit Bezug von Typ zu Typ.

Dabei +konnten+ die Leute Gruppenbilder machen. Was man grundsätzlich

auch dagegen gesagt hat, ist wieder vorgefaßte Theorie.

Man sieht wenigstens in kleiner Skizze, die nach Entwurf für Größeres

schmeckt, ganz köstlich, fast in der Art Wilhelm Buschs, Renntier- und

Wildpferdherden, bloß die Ecktiere voll ausgezeichnet, die anderen

durch Geweihe oder Köpfe und Beinstriche angedeutet. Wenn etwas

unmittelbar nach Skizze draußen vor der bewegten Szene selbst aussieht,

so müßten es diese virtuos hingeworfenen Gruppen sein mit ihrer

Atemlosigkeit der Improvisation.

Warum also bis in die erhaltenen riesigen Prachtgemälde der

Bilderhöhlen so zäh bloß das Einzeltier?

Lag hier eine magische Vorschrift, ein Gesetz der Zauberer des Stammes

für die Künstler vor, vor dem sie sich zu beugen hatten? Brachte nur

das Einzelbild Glück, die Gruppe irgendeinen mystischen Schaden?

Die Frage hat noch Konsequenzen.

Waren gerade diese Bilderhöhlen nicht eigentliche Wohnungen, sondern

Zauberklüfte mit einem für Generationen wirksamen kombinierten

Stammeszauber? Man könnte auch an Totenkult denken — Tiere für die

Gründe des Jenseits, die doch auch geisterhaft einzeln schweben

mußten nach wieder einem Ritual. Oder Häuptlingshöhlen, die (nach

Art der Buschmänner) mit einzelnen noch bekannten Trophäen wie eine

Bilderchronik bemalt wurden? Ich dächte doch, das wären wertvollere

Gedanken, als eine Freßhypnose, die sich in Kunst verwandeln soll.

Zu den Menschenbildern, die man neuerlich auch viel reicher zu finden

beginnt, dabei noch ein Wort.

Bereits im Aurignacien stellten diese alten Herren offenbar mit Liebe

kleine weibliche Püppchen her, bald in Elfenbein, bald in Stein,

künstlerisch wie anatomisch auch durchaus beachtlich gemacht, aber

offenbar durchweg mit etwas Eigensinn — auch sie wie auf eine Kult-

oder sonstige Instanzvorschrift Rücksicht nehmend, die noch über der

Kunst stand.

Das berühmteste Stück ist die sog. Venus von Willendorf aus dem Löß

des Donautals in Niederösterreich. Der ferne Ort verrät die allgemeine

Zeitmode. Venus gilt doch nur in spöttischem Sinne. Ein Scheusälchen

von 11 ~cm~ Höhe, mit tollen Brüsten, reichlichem Spitzbauch und

Hinterteil, doch noch nicht ganz so schlimm im Sinne dessen, was man

bei den Hottentottenfrauen Steatopygie (monströsen Fettsteiß) nennt.

Jedenfalls stark geschlechtlich pointiert, nackt, bloß der Kopf seltsam

kappenartig verhüllt und ohne Gesicht, die eben markierten Ärmchen

mit Schmuckringen, die Füße nicht ausgeführt. Am Ganzen Reste roter

Bemalung. Die Fundschicht oberstes Aurignacien. Nicht fern lag ein

Vorratshaufen von Mammutstoßzähnen.

Man denkt unwillkürlich einen Augenblick an die Laune des Schicksals,

die diesen Kobold durch die Jahrtausende kommen ließ, in denen der

olympische Zeus des Phidias untergehen mußte!

Aus Brassempouy in Südfrankreich hat man verwandte elfenbeinerne Torsi,

aus Predmost in Mähren, von dem berühmten Mammutschlachtfeld, fünf

schwangere Frauen aus Mittelfußknochen dieses diluvialen Elefanten.

Was sollten diese Alräunchen?

Man hat diesmal wirklich mit Fruchtbarkeitsidolen, allerdings im

Gegensatz zu Hoernes auch aus dem Magiegebiet, verglichen. Die

verhüllende Haube kehrt auch modern als Schutz für Wöchnerinnen vor

Kindbettfieber wieder. Aber auch bei Toten, um sie vor Dämonen zu

bewahren.

An solchen Totenkult hat Schuchhardt in seinem bekannten geistreichen

Buch „Alteuropa“ gedacht. Der Rötel mahne deutlich an Tote. Das

verborgene Gesicht und die Hände über der Brust verrieten Ehrerbietung

vor der Gottheit. Die Nacktheit wäre vielleicht nur Wiedergabe echter

Lebensgewohnheit in der warmen Höhle, wie heute noch bei den Eskimo. So

wären es vielleicht kleine Ahnenbilder gewesen, die man in Wandnischen

der Wohnfelsen aufstellte.

Die Erklärung ist wahrscheinlicher geworden durch neue interessante

Entdeckungen vortrefflicher Menschenreliefs in der Dordognehöhle von

+Laussel+.

Man hat da zunächst den fast halbmeterhohen Relieftorso eines rein

edelschlanken Jünglings, nackt, bloß mit einer Art Schmachtriemen,

lebhaft bewegt, eine glänzende Probe. Mit solchen Figuren mehr, meint

Hoernes, hätte ein Großes „entstehen können, wenn eine andere Sonne

darüber geleuchtet hätte“. Es ist aber Bestes entstanden und lag also

eben auch schon in der Zeit!

Dazu auch hier wieder sehr fettleibige nackte Frauenfiguren in

gleichem Relief, eine mit einem Steinbockhorn in der Rechten ist

jetzt in Berlin. Auch darin verteidigt Schuchhardt Totenbilder über

dem Bestattungsort, mit guter Dialektik. Das Horn sei das älteste

Opfergefäß. Es muß aber wohl doch noch ein geheimer Sexualbezug dabei

gewesen sein.

Man datiert wieder ins Aurignacien. Gerade diese +früheste+ bekannte

Zeit der höheren Rasse wäre also bereits bis über den Kopf in

religiöser Kult-Kunst gewesen trotz Hoernes und Verworn. Tatsachen sind

schließlich jeder Theorie überlegen.

Und das muß auch von der Idee der „Allkunstbegabung“ gelten, so

bestechend sie ersonnen war.

Die Vorstellung, daß jeder im Stamm ein berufener Künstler sei, kann

sich ja dem oberflächlichen Blick bei überhaupt kunstreichen Natur-

und Halbkulturvölkern von heute leicht aufdrängen. In Wahrheit sind

die Dinge auch dort nicht viel anders als bei uns. Wenige schaffen,

erfinden wirklich; an sie schließt sich ein sehr viel breiteres

Virtuosen- und Kunstgewerblertum; der große Rest ist Publikum, das

zwar nicht ohne Kunstempfindung ist, aber doch nur aufnehmend. Selbst

beim einfachsten Wildentanz gibt es den ursprünglichen Schöpfer,

die Nachahmer, die in unendlicher Tradition sein Werk ausschleifen,

bis nach erlahmter Mode wieder ein Meister ein neues Motiv liefert,

und die zuschauende Masse. Kein Volk, wohin wir auch sehen, so weit

wir zurückdenken, das nicht seine bestimmten gefeierten Dichter,

Musiker von Beruf hätte, seine fahrenden Sänger, Künstlergilden und

Kunstschulen. Selbst berühmte Tätowiermeister ziehen so herum. Nichts

erscheint so folgerichtig, so gleichförmig in diesem Bilde auf all

ihren Stufen, wie die Kunst. Wozu sich also Schwierigkeiten suchen für

dieses alte Volk, das gerade in seiner Kunst (das ist ja das Problem)

durchaus nichts Primitives, sondern bereits eine glänzende Höhe

hatte. Sicher werden wir auch für damals schon ein ähnlich geordnetes

Kunstleben annehmen dürfen, und recht besehen sprechen auch wieder

mancherlei Züge der erhaltenen Bildwerke selber dafür.

In glücklichen Einzelfällen mag uns ein wirkliches Original überliefert

sein, wie jener Meisterkopf von Mas d’Azil; daneben steht gute

Nachahmung aus der Schule, roheres Dutzendprodukt bis zur völlig

dilettantischen Kritzelei. Wer Pompeji näher kennt, findet alle

Gegensätze von dort auch hier wieder.

Gerade das, was die Kritik voreilig als Beschränktheit und Schwäche

deuten wollte: der so weit verbreitete und zäh immer wiederkehrende

einheitliche Stilcharakter, spricht (wie Obermaier wieder mit Recht

ausgeführt hat) für echte Kunsttradition und wirkliche Schulen,

spricht für weit von Stamm zu Stamm ziehende „fahrende Künstler“, oft

sonst vielleicht „arme Teufel“, die, dem Jäger und Kriegerberuf nicht

gewachsen, dafür den Ruhm ihrer begehrten Malerbegabung genossen.

Bisweilen meint man ihre Arbeit noch wie lebendig zu erblicken, wenn

in einer spanischen Höhle (Hormos de la Penja) auf der Wand ein

Pferdehinterteil eingraviert erscheint und daneben am Fleck selbst ein

Pferdestirnbein erhalten ist mit der peinlich genauen Skizze dazu.

Auf gesonderte feinere und daneben mehr zweitklassige Arbeitsstätten

weist, wenn an einer Fundstelle allgemein solche künstlerischen

Erstproben und Versuchsproben in Menge auftauchen, an anderer dagegen

durchweg schon fabrikmäßig zum Gebrauch ausgemünztes Kunstgewerbe sich

häuft.

Auch das könnte an fahrende Gesellen mahnen, die überallhin gleichmäßig

ihre besondere Tradition übertrugen, wenn bisweilen die erhaltenen

Knochen der gerade dort gejagten Tiere nicht zu den Bildern stimmen

wollen — also z. B. der Zeichner die ihm geläufigen Mammute noch

verewigt hat, wo gar keine vorkamen.

Im übrigen ist aber auch nicht wahr, daß diese

französisch-nordspanische Kunst in sich keinerlei +Entwicklung+ gehabt

hätte.

Der Abbé Breuil, der fast sein ganzes Leben mit einer rührenden

Liebe in den Dienst dieser uralten Dinge gestellt, hat sich seit

Jahren bemüht, Linien solcher Innenentwicklung doch zu fixieren —

mit schwankendem Glück, aber unermüdlich neu tastend. Man gewahrt

Mammute auf verschiedenen Stufen mit durchaus verschiedener Technik

dargestellt. Glaubt die Gravierung sich verfeinern und dann vor der

Malerei zurücktreten zu sehen, während diese selbst über Lücken und

Krisen schließlich erst zu ihrem vollen buntfarbigen Endausdruck

gelangt. Auf der letzten Stufe machen sich aber, scheint es, auch

bereits Manier und Konvention mit ihrer beginnenden Erstarrung

geltend. Wo wäre eine spätere kunstgeschichtliche Periode, die nicht

ähnliches zeigte, zumal die Dauer groß erscheint. Vieles mag bei dem

lückenhaften und ungleichen Stoff hier noch Täuschung sein oder auf

fremde Einmischungen gehen, die nicht von innen kamen — alles gewiß

nicht.

Hier noch ein Wort auch zu Stilisierung und Ornament als solchen.

Nach dem, was früher über das Rhythmische wohl aller Kunst und Vorkunst

gesagt ist, sollte man theoretisch das auch hier schon voraussetzen.

Und wenn es in der allein gegebenen bildenden Kunst wirklich so radikal

ausschaltete, wie Hoernes oder Verworn glaubten, so müßte man auch

dann nicht gleich von „Ur-Naturalismus“ reden, sondern zunächst einen

besonderen Grund der +nachträglichen+ Wiederausmerzung suchen — etwa in

jenem Zauberzweck oder sonst einem nicht rein künstlerischen Nebenzwang.

Inzwischen wissen wir aber, daß die Leute auch ganz ausgezeichnete

Ornamente herstellen konnten, wenn sie wollten.

Es gibt solche aus gewissen südfranzösischen Höhlen, die in ihrer

Art fast genau so vorzüglich sind wie das naturalistische Tierbild.

Und auch diese flotten Spiralen und verwickelten Arabesken, zum Teil

wieder in Mammutelfenbein, sind ebenso unzweideutig echt, wie das

andere Material, so stark man sie auch dem guten alten Piette, der

sie zuerst fand und abbildete, anzweifeln wollte. Piette, Autor des

dicken Quartanten ~L’art pendant l’Age du Renne~ mit vielen schönen

grundlegenden Tafeln, war kein übermäßig kritischer Kopf, aber er

behielt in dem Punkte wie im andern Recht.

Des weiteren zeigen sich mehr oder minder weitgehende Umgestaltungen,

Rhythmisierungen, Stilisierungen echter Naturobjekte (Pflanzen,

Tierköpfe) in solches Ornamentale hinein. Hübsche Tierhäupter, z. B.

Gemsen, werden zunächst einfach identisch in Reihen wiederholt, dann

immer mehr auch im einzelnen ausstilisiert, in Arabesken verwandelt,

bis endlich das Tier fast unkenntlich nur noch aus einer Art

hieroglyphischer Zeichen durchschimmert.

Auch da ist (wie bei heutigen Naturvölkern, die es noch ähnlich machen)

wieder viel mit Theorien herumgearbeitet worden. Als wenn allgemein

das Naturalistische das Rhythmische nachträglich erst aus sich

+erzeugte+! Als ob auch die verschnörkeltsten Ornamente zuletzt etwa

nur Tierhörner wären. Das ist so gesagt natürlich wieder grundsätzlich

unmöglich. Um etwas zu rhythmisieren, muß ich zunächst das rhythmische

Bedürfnis schon +haben+. Das kann aber dann sehr eigene Wege auch

hier gehen, wie in der Musik. Kann aus solcher „innerer Musik“ auch

+freie+ Ornamente schaffen. Andererseits wird es aber auch Naturmotive

+benutzen+, gleichsam zur Kristallisationsstelle machen, zumal wenn in

denen selber bereits aus den früher dargelegten Gründen +organische+

Rhythmik steckt, wie in einem Hirschgeweih oder einem Akanthusblatt.

Und wird diese gegebene Natur-Rhythmik dann selbsttätig so lange weiter

stilisieren, bis schließlich auch so die reine Formenmusik übrig bleibt

und das pure Kunstornament auch von hier erreicht ist.

Auch diese einfachen Dinge sollte man sich doch nicht überflüssig

schwer machen. Sollte nicht ein Volk bloß auf ein Stück des

ursprünglichen Kunsterlebnisses festnageln wollen, anstatt jeder Kunst

ursprünglich auch ihre ganzen Mittel zuzubilligen.

Ein anderes ist es natürlich, ob eine spezielle Kunstrichtung örtlich

oder zeitlich aus irgendwelchen Gründen mehr die Realistik oder diese

innere Musik in ihrem Kunstbild +pflegen+ will. In gleicher Zeit können

hier parallele Kunstvölker doch sehr verschiedene Wege gehen, und es

kann auch eines das andere nachträglich beeinflussen.

Man hat Anzeichen, daß zur gleichen Epoche, da in Westeuropa das

naturgetreue Tierbild so feste diluviale Mode war, weit im Osten mehr

das Ornament blühte. Immerhin blühte es doch parallel, wieder ein

Beweis, daß es selber auch damals schon je nach Wunsch da war.

Die Abstammung der Kunst · 第 4 / 6 段