Man könnte auch betonen: das Rhythmische kann besonders durchbrechen

in der Liebeszeit, weil sie immer etwas auch von einer Asylzeit mit

allgemein herabgesetzter Rücksicht auf den gewöhnlichen Daseinskampf

hat. Wo der Daseinskampf aber auch sonst hier und da einmal für ganze

Tierarten stärker aussetzte, da mag ja schon auf der organischen Stufe

das Ornamentale sich stärker ausgelebt haben als sonst: man hat bei

den über und über stilisierten schönsten Arten jener Paradiesvögel im

Asyl von Neuguinea gelegentlich an so etwas gedacht — daß die Natur

mit dem Ornamentalschmuck sich bei ihnen etwas leisten durfte, das in

bedrohterer Lage zu gefährlich gewesen wäre.

Daß aber die Männchen in Körper wie Instinkt die rhythmische Steigerung

häufig mehr vor uns bewähren als die oft unscheinbaren, nicht tanzenden

und nicht singenden Weibchen — das könnte wieder sein, weil die

Nutzzüchtung beim Weibchen doch stärker gebremst, dieses kostbarste Gut

für die Erhaltung der Art nachträglich immer wieder in unscheinbarere

Schutzfarben gekleidet und mit Rücksicht auf seine mehr oder minder

schwere Geburtsarbeit an zuviel Kraftvergeudung ans Rhythmische

gehindert habe. (Diese Erklärung ist bereits einwandfrei von unserem

Altmeister Goethe in seiner „Einleitung in die vergleichende Anatomie“

von 1795 im vierten Kapitel gegeben worden.)

So könnte man denken. Es ist aber doch noch mehr versuchsweise gedacht

worden.

Man nahm an und nimmt vielfach an, daß wenigstens zu dem Liebesleben

der höheren Tiere jedesmal eine bestimmte +Wahl+ seitens der Weibchen

gehöre. Sie sollten stets oder doch meistens bestimmte Männchen aus

mehreren, die sich zur Liebe anböten, bevorzugen. Also eine beständige

Liebesauslese ausüben können. Und darauf sind dann wieder mehr oder

weniger verwickelte weitere Theorien auch für das Rhythmische aufgebaut

worden.

Wenn die Liebeshitze das Rhythmische gleichsam stärker mit

herauspeitschen kann — ob dann nicht solches verstärkte Rhythmische

gegebenenfalls selber auch wieder Erotisches aufpeitschen könnte? Das

könnte aber folgende Linie ergeben.

Wenn vielfach nur die Männchen durch die Liebe rhythmisch gesteigert

wurden, die Weibchen aber nicht — so könnte erhöhter Rhythmus der

Männchen auf die Weibchen liebeserregend wirken. Klar aber dann:

bei der besagten Wahl müßte das Weibchen sich notwendig dem

bestrhythmischen Männchen hingeben, da dieses es einfach am stärksten

aufregte.

Der Gedanke ließe sich hören, obwohl immer noch ein Sprung darin

bleibt: daß erhöhte Rhythmik ohne weiteres sexuell steigern soll.

Jedenfalls aber hätte er wieder Konsequenzen.

Das Rhythmische selbst würde durch die einseitige Begünstigung stets

des besten Sängers, Tänzers usw. fortgesetzt gesteigert oder doch in

Reinkultur gehalten worden sein. Zugleich rückte es aber als berufener

Geschlechtserreger in die praktischen Nutzzwecke zur Erhaltung der Art

selber ein und unterläge deren Nutzzüchtung. Man dürfte sich nicht

wundern, wenn das erotische Leben auf dieser Stufe schließlich die

ganze Rhythmik wirklich überwuchert und für sich mit Beschlag belegt

hätte.

Dieser Gedanke hat viele gefesselt und fesselt noch, zumal er der

„Wahl“ bei den Weibchen selbst etwas durchaus Zwangsweises, Suggestives

wahrt, wie es auf dieser Stufe noch näherzuliegen scheint.

Inzwischen hatte der alte Darwin aber noch einen anderen Gedanken

verfolgt.

Er ging vom rhythmischen Trieb selbst aus, den er an dieser Ecke zuerst

äußerst klar sah.

Durch den Rhythmus der Männchen sollte das Weibchen nicht sexuell

erregt werden, sondern selber feinen rhythmischen Wahlerregungen

unterliegen.

Es sollte aus eigenem rhythmischem Sinn stets das rhythmisch

vollkommenste Männchen wählen.

Man konnte auch das noch suggestiv denken als eine Art rhythmischer

Hypnose. Aber wie Darwin es darstellte, schien es doch leicht mehr.

Man kam auf einen raffinierten Schönheitssinn der Weibchen, der immer

schöner singende, tanzende, aussehende Männchen züchtete.

Schließlich glaubte Darwin fast die ganze organische

Ornamentalschönheit unserer ersten Stufe auch rein aus der

Wahlzüchtung dieser zweiten ziehen zu können, indem er z. B. auch alle

Schmetterlingsherrlichkeit so ableitete und den rhythmischen Sinn der

Weibchen mit der Zeit immer feinere und feinere Effekte herausholen

ließ.

Der Gedanke hatte bei aller genialen Durchführung aus Darwins

unbegrenztem Wissens- und Ideenschatz mehrere Stellen, wo er angreifbar

war.

Für die letzten Gebiete, wie jene Radiolarien, langte er doch nicht,

denn da war überhaupt kein wählendes Auge mehr gegeben.

Es mußte also doch noch ein unabhängiges Ornamentalgebiet aus sich

bestehen.

Selbst bei Schmetterlingen aber wurde so extreme Schönheitswahl mehr

als bedenklich.

Galt aber bis hierher die Unterschicht, so mochte sie auch bis zu den

Vögeln gelten.

Schließlich handelte es sich vielleicht doch nur um eine leise

Nachhilfe, die aber dann das starke Grundaufgebot des schon so weit

entwickelten ästhetischen Sinns nicht lohnte.

Immerhin hat auch der Darwinsche Gedanke noch immer Anhänger, die vor

allem fest an die Laubenvögel anknüpfen und meinen, wer bunte Federn

zur Verzierung sammelt, hätte auch lebenden Vögeln solche Buntfedern

durch konsequente Wahl auf den Leib züchten können. Und sollte sie

fallen (schwer widerlegbar, wie beweisbar sie ist), so wird die

Theorie der „geschlechtlichen Zuchtwahl“, wie Darwin sie bezeichnet

hatte, jederzeit ein interessantes Ideendokument der Menschheit und

Kunstgeschichte bleiben.

Nun aber: beide letzte Theorien ruhen auf der Wahrheit der Liebeswahl

überhaupt.

Und es muß leider gesagt sein, daß sie in dem dort angenommenen Umfang

bisher keineswegs sicher bewiesen ist. Nicht bei Vögeln und vollends

nicht bei Insekten.

Hier macht sich (wie so oft) eine höchst bedauerliche Lücke in unseren

neueren Tierbeobachtungen geltend, die erst zu beseitigen wäre und die

von keiner noch so logischen Theorie beseitigt wird. Es ist ein Jammer,

wie wenig wir praktisch vom Tierleben hier wieder wissen.

Wenn die Weibchen überhaupt nicht so frei wählen, wie man vorausgesetzt

hatte, so bleibt es aber wirklich ziemlich gleichgültig, ob sie es

nun aus Geschlechtserregung durch Rhythmisches oder aus unmittelbarer

ästhetischer Rhythmuswahl selbst tun würden.

Wir sind also nach wie vor nur Vermutungen über das Eindringen des

Rhythmischen gerade in die Geschlechtssphäre auf der Instinktstufe

ausgeliefert, von denen uns keine absolut sicheren Boden gibt.

Darum bleibt aber für unseren Gesamtfaden doch die Existenz auch von

rhythmischen Instinkten +bestehen+, in denen sich auch die zweite

Vorstufe unserer menschlichen Kunst darstellen konnte.

Wobei ich abschließend bloß noch bemerken will, daß ich auch hier die

Frage nach der +Gefühlsseite+ absichtlich weggelassen habe.

Auch Instinkt, wenn er doch sicher bereits eine Gehirnsache im Rahmen

des Geistigen darstellt, +kann+ in moderner Naturforscherfassung

noch ohne Gefühl definiert werden. Daß solches einspielt, kann aber

ebensowenig ausgeschlossen werden.

Ein Vogel hat sicher bereits reich entwickelte Gefühle. Und es hielte

meines Erachtens sehr schwer, sich hineinzudenken, daß eine Amsel nicht

auch schon eigenes Wohlgefallen an ihrem Gesang haben sollte.

Wenn Darwin recht hätte, könnte auch seine rhythmische Wahl der

Weibchen von angenehmen Empfindungen begleitet sein, wie er selbst wohl

stets annahm. Rhythmus als sexueller Erreger würde aber ähnlich wirken

müssen; wollen wir doch nicht übersehen, daß die Liebe selbst mit

Wollustprämien arbeitet.

Aber ich gebe zu, daß die Empfindungsseite schwer im Instinktbegriff

von heute unterzubringen ist. Dafür ist er selber einstweilen unklar

genug und reichlich provisorisch. Manchmal will mir scheinen, er

sei trotz aller unendlichen Mühe, die unsere schlauesten Leute

darangewendet, noch so unzulänglich, wie auf anderem Gebiet die

Theorien über die Eiszeit. Das muß nun auch vorläufig hingenommen

werden.

Die nächste und letzte Stufe aber wäre jetzt +der Mensch+ selbst.

Ich verglich das künstlerische Erlebnis mit einem wachen Traum. Im

Wesen des ganzen Menschen liegt aber etwas von solchem Erwachen

gegenüber der niederen Natur.

Die Persönlichkeit erwachte in ihm im Gegensatz zum Tier, das auch

als Einzelwesen unerbittlich noch am Gängelbande des gleichmachenden

Art-Instinktes hing.

Über diese Persönlichkeit geht fortan auch die Kunst, und es bedarf nur

dieses Wortes, um zu verstehen, daß es jetzt erst +echte+ Kunst geben

konnte, gestaltend aus dem Kern solcher bewußten Persönlichkeit.

Das Wort ist dabei besser noch als Intelligenz, die zu leicht an reine

Nützlichkeit auch auf dieser dritten Stufe denken läßt.

Mag man noch so sehr betonen, daß auch diese menschliche Kunst das

dunkle „Es“ des uralten Geheimnisses bewahrt, das immer wieder aus dem

Unbekannten auch in sie eingeht, gleichsam den Goldgrund bildet, vor

dem das Antlitz der Person wie in Heiligenbildern steht, — so ist

doch das Entscheidende, daß auch dieses Letzte sich jetzt nur noch

durchsetzen kann und durchsetzen muß durch die Persönlichkeit. Erst

diese Person zeugt fortan die neue äußere Kunstwirklichkeit in Klang

und Wort und Bild, die, wirklich und doch einer höheren Welt angehörig,

zwischen die hart sich stoßenden Dinge des Alltagsraumes tritt.

Gern möchten wir den Finger auf den Moment legen, wo dieser

entscheidendste Akt geschah. Ist uns doch der Ursprung des Menschen

historisch sicher unendlich viel näher noch, als etwa die erste

organische Bildung oder ein erster Instinktanfang.

Aber trotz aller guten Indizienbeweise haben wir bekanntlich

einstweilen nicht einmal die Knochen, die Schädel des Übergangs —

geschweige, daß uns solcher Schädel etwas von dem tieferen geistigen

Hergang verraten könnte, der sich gewiß hinter ihm vollzogen hat, aber

eben „hinter“ ihm.

Immerhin können uns ein klein wenig die obersten Tiere noch lehren,

die, ohne selber Menschen zu werden, dem wahren Geheimnis doch noch

sehr nahegestanden haben müssen, um dann in seltsamer Beharrlichkeit

bis heute einfach so fortzuexistieren.

Bei den höheren Säugetieren wird vielfach sichtbar, daß der Instinkt

schon etwas abblaßt, während die Persönlichkeit leise steigt. Man

hat den Eindruck, daß auch diese Persönlichkeit langer Hand bereits

angelegt war, aber auf der ganzen Mittelstufe gleichsam überglänzt,

unterdrückt wurde von der Allmacht des Instinkts. Es brauchen nicht

gerade unmittelbare Vorfahren des Menschen zu sein, die das verraten,

aber es ist doch der Schatten der Menschwerdung, der sich hier bereits

auf dem ganzen Spielraum zu verbreiten beginnt.

Beim Menschenaffen, der sicherlich auch in der Skala selbst einmal ganz

nahegestanden hat, nimmt das dann bereits greifbare Gestalt an.

Bei den so berühmt gewordenen und wirklich vortrefflichen Koehlerschen

Prüfungen in der Affenstation auf Teneriffa kam auch dem Ungläubigsten

klar zutage, daß +Schimpansen+ für Nutzzwecke bereits persönlich

handelten, wählten, probten, abänderten.

Gerade diese intelligenten Affen zeigten aber, lehrreich genug, auf

ihrer Übergangsstufe auch offensichtliche Kunstzüge, wie sie sonst bei

Säugetieren nicht so sehr häufig erscheinen. Sie tanzten, indem sie

im Kreisspiel das Gehen rhythmisch stilisierten (Ausdruck von Koehler

selbst), sammelten rote Lappen und glänzende Kiesel. Das konnten an

sich noch nachklingende Laubenvogelinstinkte aus ihrem Urwald sein.

Aber wie sie sich dargereichte Metallketten und Schnüre in sichtbar

gesteigertem Selbstgefühl als Schmuck um Hals und Ohren schlangen, auf

hohlen Blechbüchsen tuteten und gar weißen Ton zu Farbe anfeuchteten,

um Wände und den eigenen Leib regelrecht zu bemalen — das sah doch

schon unzweideutig „persönlich“ aus. Wie ihr Intellekt bereits Holz

zum Werkzeug spontan anspitzte, so meint man hier die äußere Technik

auch zur Farbenkunst bereits individuell von einem klugen Einzelaffen

erfunden. (Ein Geschlechtsbezug war dabei offenbar hier nicht

Bedingung.)

Wenn diese Affentechniker trotzdem selber keine Menschen geworden sind,

so kann es intellektuell nur an einer Lichthöhe gelegen haben, die

allerdings auch sie noch nicht überschritten. Sie besaßen +noch+ kein

+begriffliches Denken+ und gelangten im engsten Zusammenhang damit auch

nicht zur echten menschlichen Sprache, die alle Menschen, von denen wir

wissen, haben und die kein Tier je besessen hat. In dem tiefsinnigen

Mythus der Bibel wird sehr mit Bedeutung hervorgehoben, daß der

Mensch zuerst den Tieren +Namen+ gab, was genau auf diesen Punkt

geht. Ich bin aber der Ansicht, daß er auch wieder von einer weiteren

ausschlaggebenden Bedeutung war für die wirklich ausübende Kunst.

Mit etwas befeuchtetem Farbton als Mittel war es allein doch noch nicht

getan. Es mußte noch „ein Tier“ dazu, wenn es ein wirkliches Tierbild

werden sollte. „Ein Hirsch.“ Oder auch „ein Mensch“. Auch dazu ist aber

die innere Brücke des begrifflichen Denkens nötig gewesen, wie in der

Sprache zur Wortbezeichnung. Ich glaube aber auch, daß das nicht auf

die bildende Kunst allein Bezug hat. Es entspricht ebenso dem Sinn in

jedem Tanz, wie ihn selbst der roheste Wilde hineinlegt, der „Idee“ in

jedem Ornament; selbst auf die Musik wäre es zuletzt anzuwenden. Am

„Tage“ (biblisch gesprochen), da der Mensch auch an diesen Zauberring

in seiner erwachten Persönlichkeit rührte, ist er „Mensch“ geworden

und nicht zum Schimpansen lebendig versteinert. Am gleichen Tage ist

aber auch die +ganze+ Kunst geboren worden, ob sie nun in der Folge von

namenlosen Südseeinsulanern oder Raffael und Beethoven ausgeübt werden

sollte.

Es scheint doch noch ein Rätsel in dieser menschlichen Kunst zu geben.

Wo in den letzten Jahrzehnten vom „Ursprung der Kunst“ die Rede war, da

hat es eine Hauptrolle gespielt.

Bis in weiteste Kreise hat man sich mit ihm beschäftigen zu müssen

geglaubt, nachdem einmal eine gewisse Tatsachenkunde durchgedrungen war.

Wissenschaftlich hat es eine unendliche Literatur erzeugt — auch von

solchen, die vorher an Abstammungsfragen hier nicht im Traum gedacht

hatten. An ihm erst hat sich die eigentliche, gegen alles auch nur halb

Naturgeschichtliche durchweg stark vermauerte Kunstgeschichte aufgeregt

und ihr schwerstes Geschütz spielen lassen. Mit Recht? Mit Unrecht?

Es ist hier jedenfalls ein ganzer Geistesfeldzug für sich noch einmal

ausgefochten worden. Und es ist wohl nur angemessen, wenn ich ihm den

Rest dieses Bändchens widme, vielleicht doch mit einem Versuch, auch

hier wenigstens etwas Klarheit zu schaffen — auf die Gefahr, daß ein

zunächst Ungeheuerliches und einzigartig Verblüffendes schließlich doch

auch einfacher aussieht und damit an Sensation einbüßt, wenn auch nicht

an Interesse.

Ausgangspunkt wurden wirklich jene +Diluvialmenschen+.

Unsere Kenntnis von so entlegenem Menschentum ist schrittweise

gekommen. Sonst hätte sie uns noch mehr verblüfft.

Zuerst zeigte sich auch hier seine Nützlichkeitskultur — einfachste

Waffen und Werkzeuge aus Stein und Tierhorn.

Noch keine Nutzpflanzen, kein Haustier, nicht einmal der Hund. Keine

Töpferei, geschweige Metalle.

Das war doch sehr wenig; denn wenn es auch bei den heutigen

afrikanischen Buschmännern in ihrem Winkel noch immer eine gewisse

Analogie findet, so stand man doch hier, so schien es, vor +all+ diesen

Dingen noch in der Gesamtkultur +überhaupt+ — darauf wies doch wohl der

ungeheure Zeitabstand.

Es waren Menschen einer anderen geologischen Epoche (eben der

Diluvialzeit), die in der letzten Eiszeit und (vermutlich) einer

voraufgegangenen wärmeren Zwischeneiszeit gelebt hatten — die damals in

unserem Europa Elefanten und Nashörner gejagt hatten.

Ich will nicht mit Zahlen spielen, aber das mußte doch schon mehrere

Zehntausende hinter die eigentlich historische Kultur zurückgehen.

Dann bekamen wir in Skeletten die Menschen selbst zu sehen, relativ

wohlerhalten, da sie schon sorgsam bestattet waren.

Zwei Rassen, eine ältere, robustere, — keine Tiermenschen, aber

doch recht fremdartig: die Neandertaler; wohl aus jener warmen

Zwischeneiszeit, wo sie wirklich etwa wie heutige Buschmänner bei uns

gelebt haben mochten. Und eine jüngere, feinere (oder mehrere solcher)

in der letzten Eiszeit selbst.

Man lernte die Kultur dazu auf Stufen bringen, drei alte etwa

(Chelleen, Acheuleen, Mousterien) für die Neandertaler; drei weitere

(mindestens) als Aurignacien, Solutreen, Magdalenien für die Feineren.

Kein großer, aber doch ein merkbarer Fortschritt, der sich daran

geltend machte.

Inzwischen begann man langsam, widerstrebend aber auch das Dritte,

Wunderbarste zu ahnen.

Wenigstens die obere Reihe war bereits erfüllt mit +Kunst+.

Bildender Kunst.

Diese Aurignacenser bis Magdalenier hatten sich massenhaft in Stein,

Mammutelfenbein, Tierhorn, auf Höhlenwänden und -decken künstlerisch

verewigt. Hatten Tier- und Menschenfiguren plastisch geschnitzt,

Bildumrisse eingeschnitten, Reliefs hergestellt, zuletzt sogar

unmittelbar auf dem Höhlenfels gemalt, einfarbig, schließlich bereits

prachtvoll bunt.

Ein bestimmtes Lokalgebiet schien sich zunächst für diese Kunst

einheitlich abzugrenzen. Südfrankreich bis über die Pyrenäen nach Nord-

und Westspanien hinein, auf der anderen Seite durch die Schweiz bis zum

Rhein; getrennt im Osten, über Österreich, noch etwas wie eine Insel

dazu dämmernd.

Was nun aber für eine +Höhe+ schon in dieser Kunst!

Das war das eigentliche, ich möchte fast sagen, Niederschmetternde.

Tierbilder von fabelhafter Naturwahrheit, Lebendigkeit. In höchsten

technischen Mitteln. Und dabei doch noch als Modell auch hier Mammut,

Nashorn, Bison, Wildpferd, Renntier. Neben einzelnen Proben, daß man es

wohl auch vom Menschen konnte.

Ich greife nur ein Beispiel heraus, ohne hier weiter beschreiben zu

wollen.[2]

[2] Einige Angaben und Bilder gibt bereits mein Kosmosbändchen

„Mensch der Vorzeit I“.

Ein kleiner ausgeschnitzter +Pferdekopf+ aus der tunnelartigen,

vom Fluß durchströmten Riesenhöhle von Mas d’Azil im französischen

Pyrenäenvorland. Magdalenienzeit; aus Renntierhorn; damals noch nicht

gezähmtes Wildpferd mit kurzer Mähne; wiehernd; leicht stilisiert.

Aber nun von einer wahrhaft antik klassischen Schönheit. Man hat

ihn ohne Übertreibung mit den Parthenonpferden der Phidiasschule

verglichen. Es mochte auch damals das Meisterwerk eines begnadeten

Einzelkünstlers gewesen sein, steht aber doch nicht allein.

Ein erster Kenner, Eduard Meyer in seiner „Geschichte des Altertums“,

urteilt hierzu und allgemein: „Eine Höhe der Kunst, der scharfen

Beobachtung und realistischen Wiedergabe der Natur und eine Entwicklung

der Technik, der die neolithische [jungsteinzeitliche] Zeit und die

heutigen sog. Naturvölker nirgends auch nur Ähnliches zur Seite zu

setzen haben. Erst die Schöpfungen der Ägypter kurz vor der ersten

Dynastie, die der Babylonier etwa seit Sargon und Naramsin, oder auch

die der Kreter auf der Höhe ihrer Kultur lassen sich an künstlerischem

Empfinden diesen Erzeugnissen vergleichen. Ja, bei manchen

Tierzeichnungen wird man in Ägypten bis zur fünften Dynastie hinabgehen

müssen, um gleichartige Parallelen zu finden.“

Von ähnlich bedeutenden Ritzzeichnungen hat Schuchhardt das Wort

geprägt: „Wie mit Rembrandtscher Rohrfeder gezeichnet.“ „Man fühlt noch

ganz frisch die künstlerische Freude nach, die so etwas geschaffen hat.“

Die herrlichen Farbentafeln, die Breuil mit Cartailhac nach den

Deckengemälden der nordspanischen Höhle von Altamira gegeben hat, wird

niemand ohne Gefühl tiefster Ergriffenheit durchblättern können.

Das war nicht ein erster Versuch, sondern bereits eine strahlende

Kunstreife.

Am Rande von Eiszeitgletschern und, nochmals betont, mit Bisons,

Mammuten und diluvialen Wildpferden als Motiv.

Bei Menschen, deren Nutztechnik auch verbessert bis zum Schluß bei

Stein, Horn und Holz ruhte.

Alle Schnitzereien selbst mit feinem Stein ausgeführt, die Malerei

bestenfalls mit ein paar einfachen Naturfarbstoffen (Rötel, Ocker,

Schwarz und Weiß), wie sie bereits jene Schimpansen zu belustigen

begannen.

Begreiflich, daß diese Entdeckung, als sie einmal feststand (und sie

steht heute als solche absolut fest), selber eine Art Hypnose auf die

erste Generation ihrer modernen Beurteiler ausüben mußte.

Es waren zunächst meist angesehene Naturforscher, erst später haben

sich auch wirkliche Kunstsachverständige eingemischt. Naturforscher,

die wenigstens in der Mehrzahl auf entwicklungsgeschichtlichem Boden

standen. Aber hier, wenn das die wirkliche Ur- und Anfangskunst der

Menschheit sein sollte, schien etwas aller Entwicklung ins Gesicht zu

schlagen. Als sei der Mensch wirklich gleich geistig fertig vom Himmel

gefallen.

Bei den Neandertalern wollte sich einstweilen noch gar keine Bildkunst

finden lassen. So schien der Anfang am gleichen Ort bei den ersten

Aurignacensern völlig unvermittelt zu liegen. Mindestens schienen

allerlei Hilfstheorien nötig. Ich verzeichne auch hier wieder ein paar

Gedanken, die man da zunächst gehabt hat.

Etwa vier Fünftel dieser bisher gefundenen Bildwerke (die Funde jagen

sich bis heute) stellten in meist vorzüglich naturgetreuer Technik mit

extremer Einzellebendigkeit +Tiere+ der Zeit dar.

Mit dem früher einmal angezogenen Wort also +naturalistische+ Kunst,

allerdings ganz hervorragend dabei auch mit jenem Zuge der inneren

Einheitsschau; den modernen Zoologen entzückten z. B. die „richtigen“

Einzelheiten der Mammute, der moderne Maler berauschte sich an dem

seelischen Todeskampf im Auge und Schweifschlag eines vom Speer

getroffen hingestürzten Bisons, den sein uralter Fachgenosse bereits so

fabelhaft hineingeschaut.

Hier setzte also zuerst ein Gedanke ein.

Die Anfangskunst des Menschen sei zunächst rein naturalistisch gewesen.

Er zeichnete und malte nur, was er sah. Er änderte, stilisierte

überhaupt noch nicht. Die in diesem Sinne „vergeistigende“ Seite fehlte

ihm noch vollständig. Die sei erst viel später gekommen.

In der folgenden Jungsteinzeit und werdenden Metallzeit sehen wir

allerdings die europäische Kunst fast ganz aus dieser Naturtreue heraus

— extrem auf Ornament, Stilisierung gewandt, Mensch und Tier zu oft

fast gespenstischem Gebild umschauend.

Das sei eben die Folgezeit. Der Mensch wurde dort vor allem religiös,

dachte sich Leib und Seele getrennt, erfand Magie und Gespenster. Und

das verdarb die Kunst auf lange, füllte sie mit Ideen, statt Natur.

Erst bei uns, die wir aus solchem Dualismus und Seelenkult wieder

herauskommen, nimmt auch die Kunst wieder neue naturalistische Anläufe.

Aber wir sind arg verbildet. Der Eiszeitmensch dagegen war in dem

Punkte noch der „reine Tor“. Und deshalb gelangte er gleich zu so über

alle Maßen herrlichem Rein-Naturalismus.

Max Verworn (ausgezeichneter Naturforscher) hat so ähnlich geschlossen.

Es lag nahe, von hier zu folgern, daß, wer sich nur nicht mit „Ideen“

verfälsche, nicht die Wucherpflanze der „Vorstellungen“ kultiviere,

eben damit allein schon ein Künstler sei. So wären am Ende +alle+

Eiszeitmenschen durch die Bank echte ausübende Künstler gewesen. Und

wenn heute wenigstens hier und da noch solches Genie einzeln auftauche,

so sei’s nur ein Rückschlag auf diese gottbegnadete Allkünstlerzeit des

diluvialen Paradieses.

Wieder andere gaben aber doch auch dem Grundgedanken eine bösere

Wendung für unsere Diluvialahnen selbst.

Der Wiener Moritz Hoernes, ein erstklassiger Ordner und Darsteller des

ganzen prähistorischen Gebiets, von umfassendem Wissen, wenn auch weit

geringerem künstlerischem Blick, konstruierte etwa so.

Die Abstammung der Kunst · 第 3 / 6 段