Die Idee ist dann ausgesprochen worden, es sei schon im Solutreen

durch eine diluviale Wanderung einmal solcher Osteinfluß mit seiner

Ornamentliebe vorübergehend auch nach Westen getrieben worden, der sich

dann im folgenden Magdalenien aber wieder verloren hätte. Und ebenso

soll sich in der unverkennbaren Stilisierung der letzten nordspanischen

Höhlenmalerei ein anderer Fremdeinfluß merkbar gemacht haben, der

allmählich die ganze Westkunst überhaupt überflutet, die alte Kunst

dort endgültig zu Fall gebracht und im Ausklang der Diluvialzeit für

ganz Europa eine Hochflut übersteigerter Ornamentkunst heraufgeführt

hätte.

Doch dazu ist jetzt noch ein Letztes von dieser wunderbaren

Diluvialkunst selbst zu erzählen, das auch die neueren Jahre, wie es

scheint, immer reinlicher herausgearbeitet haben und das nun vollends

jenen ersten Theorien den Hals bricht.

Nachdem nämlich all jene mehr oder weniger kühnen Ideen sich wesentlich

nur auf die geschlossene französisch-nordspanische Kunst (mit ihren

doch in der Hauptsache noch gleichartigen östlichen Ausläufen)

versteift hatten; nachdem sie in ihr einfach „+die+“ Kunst der Eiszeit

gesehen hatten, auf der sich jedwede Spekulation über Eigenart einer

menschlichen Ur- und Anfangskunst aufbauen +müsse+ — ist jetzt zum

Schluß am Mittelmeer noch eine ganze +zweite Diluvialkunst+ entdeckt

worden, die, selber ebenfalls eine hohe und geschlossene Kunst, doch

in der gleichen Zeit auch im Tier- und Menschenbild bereits völlig

+andere+ Wege einschlug.

Ich erinnere noch einmal an die sechs diluvialen Kulturperioden, wie

sie zuerst in Frankreich deutlich wurden. Drei (Chelleen, Acheuleen,

Mousterien) Stufen der Neandertaler, drei höhere, zu der jene Schnitz-

und Malkünstler dort gehörten: Aurignacien, Solutreen, Magdalenien.

(Ob das Schema selbst noch zu vertiefen wäre, wie neuerlich Hauser

vertritt, lasse ich hier für meinen Zweck beiseite.) Es hat sich

nun herausgestellt, daß die drei Alt-Stufen mit ihrer typisch

altertümlichen Steintechnik auch durch +das ganze Mittelmeergebiet+

bis drüben an die afrikanische Wüste und fern nach Ägypten und Syrien

gehen. Und auf sie folgt in diesem Riesengebiet dann auch eine etwas

höhere Kultur, zeitlich parallel dem Aurignacien, Solutreen und

Magdalenien, doch nicht identisch, sondern offenbar einen +eigenen+

Nebenweg jetzt einschlagend.

Man hat also für diese einheitliche Oberstufe dort einen neuen

Sondernamen einführen müssen, wobei die tunesische Oasenstadt Gafsa,

einst in der Jugurtha-Zeit +Capsa+ geheißen, Pate stand.

Von Capsa abgeleitet also das +Capsien+.

Darin ein Alt-Capsien zeitlich entsprechend dem

französisch-nordspanischen Aurignacien. Und ein Jung-Capsien zeitlich

parallel bis zum Ende des Magdalenien dort.

Es schien nun zunächst befremdend, daß dieses doch so kolossal

ausgedehnte Capsien keinerlei Kunst zeigen wollte. Dann aber kam die

Überraschung auch hier.

Im Westmittelmeer reichte auch das Capsien selbst noch bis nach Spanien

als Schlußstation. Also ganz verdächtig nahe an die Kunstzone dort des

Aurignacien und Magdalenien heran — um so näher, als diese sich nicht

rein auf Nordwestspanien einschränkte, sondern einen Ableger auch ganz

im spanischen Süden besaß.

Tatsächlich besetzte das spanische Capsien seiner

Mittelmeerorientierung entsprechend wesentlich die Ostküste. Also etwa

von Tarragona rund bis Granada. Und dort nun die verblüffende Neuheit.

Auch die Capsienleute hatten wirklich Kunst getrieben und sich

mindestens hier auch mit ihr verewigt.

Wohlverstanden noch einmal: Kunst jetzt zeitlich ebenfalls genau

parallel zu der der Aurignacien- und Magdalenienkünstler drüben.

Aber es ist eine zwar auch in ihrer Art hohe, doch im Wesen durchaus

+verschiedene+ Kunst.

Diluvialkunst gleichsam aus einem ganz anderen künstlerischen Sehwinkel

als bei denen dort drüben, dabei zunächst keineswegs bloß auf den

Gegensatz: hie Naturalismus, hie Ornament. Sondern auch in ihrer Weise

mit einem gewissen Anlauf Naturalismus, aber völlig anders gewandt.

Eben mit dem Wort: aus einem radikal anderen künstlerischen Augenwinkel.

Der erste Fleck, wo dieses neue Wunder sich andeutete, war +Alpera+,

etwas landeinwärts in der Provinz Albacete. Danach hat man diese ganze

verblüffende Zweit-Kunst die Alperakunst genannt.

Da die andere drüben in Nordspanien in der pompösen Bilderhöhle von

Altamira gipfelt, stellt man sie wohl dieser Alperakunst einfach als

Altamirakunst gegenüber, gute Namen, aber beide wohlverstanden noch

diluvial.

Auch Alpera lieferte gleich vier Felsnischen mit Malerei. Halb offene

Felsnischen, denn diese Ostleute malten statt in Höhlen mehr frei

und außen an, wobei, wie man sich denken kann, in der Folge immer

viel zerstört worden ist — Capsienkunst heute noch zu bekommen, wird

also stets noch etwas schwieriger und unwahrscheinlicher sein als

Altamirakunst. In Ostspanien gehen solche Nischen aber jetzt doch noch

durch das ganze Gebiet aller Provinzen herunter und hinauf. Meist

mehrere, einmal gleich fünfzehn, beisammen.

Malerei aber ist offenbar schon allgemein Trumpf, sobald der Vorhang

aufgeht. Gravierung findet sich nur sehr ausnahmsweise; das meiste

einfach mit roten Ockerfarben gegeben, selten schwarz oder gelb, noch

seltener weiß. Und zwar die Figuren (um solche handelt es sich zunächst

auch hier durchweg) fast rein +silhouettenhaft+ ausgefüllt und nur auf

Umrißwirkung zugeschnitten — eine Teufels- und Hexenwelt sozusagen, die

wie im Schattenspiel über den Fels geistert.

Die Einzelfiguren klein, oft sehr klein, als hätten Leutchen mit einem

kleineren Sehmaß gearbeitet. Aber was für eine wunderbare Welt!

Da ist diesmal keine Rede von jener mit unendlicher Liebe

durchgearbeiteten Einzelnaturtreue der Altamirakunst. Dafür aber eine

ganz andere, ebenso packende Naturtreue der bewegten Gruppenhandlung.

Menschen, Massen von Menschen aufdringlich diesmal im Vordergrund,

die gespenstischen Schattenrisse aber alle in temperamentvollster

Aktion. Nicht immer, aber doch geradezu herrschend diesmal eben

das Gruppenbild. Was wir in Altamira nur gleichsam in Einzelstücke

gesondert erhielten, hier wirklich als die Komposition der

fortlaufenden Lebenshandlung.

Wir sehen als solchen Silhouettentanz ohne Hintergrund, aber doch

aneinanderhängend, die Jagd. Alle möglichen Wildtiere, auch sie nur

solche einfachen, aber durchweg wohl erkennbaren Schattenrisse. Dann

die Jäger, anstürmend, schießend, in den abenteuerlichsten Stellungen

und Verrenkungen der bis in jeden Nerv anspannenden Jagd. Seltsame

Männchen. Also so sahen sie aus, mindestens die Capsienleute, wenn sie

gegen Wildpferd und Nashorn zogen. Unverkennbar etwas von Indianern.

In der Hauptsache splitterfasernackt, aber fast mit einem eiteln

Übermaß zugleich von Schmuck, den auch die Silhouette noch dick

herausarbeitet. Ganz indianerhafter Federkopfputz. Gehänge durchbohrter

Zähne und Schnecken. Troddeln, Gürtel und Kniebänder. Um die Arme

Ringe. Man kann sich denken, daß solch ein nackter Kerl, der

wahrscheinlich im Leben auch rot bemalt war, doch stundenlang Toilette

machen mochte.

Nun die Hauptwaffe, mit der sie dem Wild zu Leibe gehen. Ausgespart

das, was bei den Altamiraleuten niemals klar werden wollte: ob sie

schon Bogen und Pfeil besessen hätten. Unsere roten Capsien-Teufel

führen durchweg ganz mächtige Bogen. Es sind sogar schon sehr

kunstvolle Bogen mit sog. reflexer Einkrümmung beim Gebrauch. Die

hakigen Pfeile gefiedert. Auch die Köcher dazu sieht man.

Noch unterhaltender: es tauchen auch Frauen auf. Keine Willendorfer

Fettmassen, aber doch auch sie recht seltsam. Oben in manchen Fällen

nackt mit langen Brüsten, unten mit kurzen, beinahe modern flotten

Röckchen. Hauben tragen sie oder (ich sehe nicht genau) auch schon

Bubiköpfe. Andere auch höher hinauf bekleidet, wieder dritte ganz

nackt. Auch sie mit mächtigem Halsschmuck und schweren Armreifen.

Stehen sie in Gruppen beisammen, so hat man gemeint, sie umtanzen

feierlich etwas, etwa ein nacktes Männchen. Doch bleibt das unklar.

Eine Merkwürdigkeit, die Erklärung heischt, hält auch hier zäh durch:

daß man nämlich offenbar auch in der Silhouette, wo es doch nahe

läge, keinerlei Gesichtsprofile gibt. Als wenn selbst bei dieser

Massenmenschlichkeit, die uns sonst nichts schenkt, was ein Schattenriß

auch nur eben noch markieren kann, das Antlitz durchaus nicht

nachgeahmt werden dürfe. Magischer Sinn auch darin? Auch hier?

Oder liegt es auch schon an dem (man hat kein besser passendes Wort)

unzweifelhaft diesmal mehr +expressionistischen+ Kunststil, der überall

herrscht, bald vereinfacht, bald im Umriß übertreibt, die menschliche

Körperform bis zum Humoristischen (doch stets aus voll beherrschtem

zielgerechtem Stilprinzip) reckt, verbiegt — über alle zum Ausdruck

minderwertigen Einzelheiten wegzeichnet, Leib und Glieder schließlich

bloß noch als Nerv, als Gedankenlinie faßt, um das Menschenmögliche an

Bewegung, Handlung herauszupeitschen.

Man glaubt auch dabei Stufen, Schulen, immer extremere

Künstlerkühnheiten zu verfolgen.

Einmal ist das Teufelchen noch annähernd auch hier naturalistisch treu,

wie es mit seinem Bogen weit spreizbeinig anstürmt, ein Meisterstück

sicher in der Silhouettenschneiderei aller Zeiten. Dann kommen aber

im „expressionistischen“ Verfolg über schönen Beinen die Leiber ganz

schlangenhaft ausgereckt, mit winzigen Affenköpfchen daran. Wiederum

in anderem Akrobatenexzeß ein feiner Oberkörper über unheimlich dick

aufgeschwollenen Beinen. Und endlich die Silhouetten überhaupt fast

nur noch linear wie die Schneiderspinnen, eben so ganz Nerv. Womit

sich dann allerdings auch ein Umschwung zu einer gleich zu erörternden

Schlußwendung dieser Kunst anbahnt.

Die Jagdtiere geben zoologisch, was von diesem Ostspanien wohl ungefähr

zu erwarten war. Die klimatischen Verhältnisse Spaniens entsprachen

nach Obermaier auch in der Eiszeit am Nordrand etwa denen des heutigen

Schottland, im Innern Polen, im Süden dem jetzigen Südfrankreich.

Mammut und Renntier sind wohl nicht mehr bis in diese Alpera-Gegend

gelangt. So sehen wir den gewöhnlichen Hirsch, den Ur, das Wildpferd,

Gemse und Steinbock, die damals noch unten bis an die Küste streiften,

typisch diluvial aber doch das Nashorn und den Wildesel, vielleicht den

Bison.

Es fällt schwer, diese Kunst bloß zu beschreiben, man muß die Bilder

sehen. Aber schon das erstbeste zeigt, daß man in einer himmelweit

+anderen+ Kunstwelt ist, als so nahe drüben in Altamira, doch auch in

unbedingt +hoher+, bis zu weitem Ziel ausgelebter Kunst.

Stärker noch als drüben hat man sogar den Eindruck einer im letzteren

Sinne bereits „ausgeschriebenen“ Kunstepoche. Nicht eigentlich

Verfall, aber Übersteigerung. Eine Endkunst von offenbar sehr

langer Vergangenheit. Hochgradig vergeistigt geworden mit ihrem

Silhouettenspuk, der alle Form in Bewegung auflöst, bis er etwas von

Fieberspuk bekommt.

Man hat sich diesmal besonders stark an die bekannte heutige

Buschmannkunst gemahnt gefühlt, die in ihrem Winkel eines auch

untergehenden rätselhaften Volkes gewisse zugleich realistischen

und dämonischen Züge unbedingt teilt. Vielleicht ist es doch nicht

bloß ein Zufall, daß diese Capsienkultur räumlich auch an den

uralten Geheimnisboden Afrikas rührte. Man hat bei den kleinen

Männchen und auch einigen Zügen in der späteren Werkzeugtechnik des

Capsien selbst gelegentlich schon direkt an eine „pygmäoide“, an

die afrikanischen Zwergrassen anknüpfende Unterschicht in dieser

diluvialen Mittelmeerkultur gedacht, doch sind das einstweilen nur lose

Vermutungen.

Am heutigen algerischen Sahararand sind Frobenius und Obermaier eben

dabei, auch wundersame Felsbilder zu deuten, von denen allerdings noch

nicht sicher ist, wie alt sie sind, und die vorläufig keine echte

Alperakunst, sondern eher wieder Naturalismus zeigen würden. Ein

monumentales deutsches Prachtwerk „Hadschra Maktuba“ gibt das Material.

Auch das ist noch unklarer Boden, wenn auch hochinteressanter.

Bleiben wir aber bei der Kunst und zweifellosen echten Diluvialkunst in

diesen unseren Alperaleuten selbst. So ist das doch in jedem Betracht

ein ungeheurer Fund.

Also jene diluvialen Südfranzosen und Altamiraleute +waren+ gar nicht

„+der+“ Anfang.

Sie hatten glänzende Künstler, waren eben schon ein starkes Kunstvolk.

Aber sie hatten nahe neben sich (und wohl noch über ein sehr viel

größeres Landgebiet schon damals hinaus) eine andere Kunst, auch

Lebensmalerei und gute, nur völlig andere, nicht naturalistische,

sondern „expressionistische“, extrem auf reinen Handlungsausdruck,

Gruppenbild, von Anfang an Malerei, flotteste Menschendarstellung —

was bedarf es noch der Worte.

Nur der Schluß dieser Alperakunst, den wir wenigstens in Spanien

selbst auch noch sehr gut übersehen, muß noch fesseln, da er zugleich

in die Ornamentfrage überleitet und noch einmal sehr hübsch Hoernes’

schiefe Idee beleuchtet, alle Diluvialkunst sei mit Ende der Eiszeit

ohne innere Wandlung ins „Nichts“ verpufft, wie sie unbegreiflich dem

„Nichts“ entstiegen.

Ein solcher schließlich reiner „Nervenstil“, wie der auf der Höhe von

Alpera, wird immer eine Tendenz haben, jenseits dieser Höhe in sein

Gegenteil umzuschlagen. Nämlich zu erstarren in eine Art Zeichenschrift

mit abstraktem Schematismus, in dem gerade das extravagante Leben

wieder erstickt. Seine Figuren werden sozusagen Noten.

Ganz deutlich sehen wir die ostspanischen Felsmalereien nach einer

(zeitlich vielleicht auch sehr bedeutenden) Weile ungebändigter Kraft

diesen Weg wirklich einschlagen.

Die Menschen- und Tiersilhouetten werden mehr und mehr ganz

regelmäßig, geometrisch, arabeskenhaft. Der Engländer Wells hat in

einem seiner besten Romane einmal vierbeinige Menschenameisen auf dem

Mond geschildert — so fangen die kleinen roten Indianerchen zuerst

auch an auszusehen, dann zehren sie ganz zu einer Art chinesischer

Teebuchstaben ab. Zugleich empfindet man aber die offenbar wachsende

Freude der Leute an diesem so entstehenden rein symmetrischen Ornament

als Kunstausdruck wieder selbst. Alle Sorten auch reiner Ornamentsaat:

Wellenbänder, Kreise, Sterne, drängen sich dazwischen. Noch immer

werden Felswände benutzt, oft die gleichen Nischen von früher, indem

wie bei Palimpsest-Handschriften die verschliffene Kunst über die noch

echte alte weggeführt wird, Beweis, daß sie stets die jüngere ist.

Auf dieser schematischen Stufe scheint die ostspanische Kunst dann

wieder lange geblieben zu sein, sich nur räumlich immer tiefer in

die ganze Halbinsel verbreitend. Über ein Spät-Capsien, das schon

nicht mehr diluvial war, fort durch die ganze jüngere (neolithische)

spanische Steinzeit bis in die Kupferzeit, schätzungsweise zuletzt bis

gegen 2000 v. Chr., womit bereits die engere historische Zeit weit

überschritten war.

Es gibt aber Vermutungen, daß sie mit dem Diluvialausgang selber noch

über Spanien hinaus allgemein nach Norden gegriffen habe. Es wäre

immerhin merkwürdig, wenn die beiden Kunstlinien Altamira und Alpera,

so nahe geographisch beieinander, sich nicht schon vorher und in ihrer

Blüte gelegentlich berührt hätten. Man hat sich gedacht, der Übergang

zur Farbe drüben sei tatsächlich bereits von hier, wo man offenbar

längst malte, angeregt worden. Und noch wieder hätte das merkbare

Stilisieren des gemalten naturalistischen Bildes drüben von der

beginnenden Schematisierung hier Einfluß erfahren. Nur Versuchsblicke

das alles einstweilen.

Aber im Ausgang der Diluvialzeit ist es wirklich, als flössen die

Kunstrivalen merklich im objektiven Gehalt zusammen — mit Sieg der

bereits stark schematischen Kunst. In der gleichen französischen

Pyrenäenhöhle, wo einst jener herrliche Pferdekopf liegen geblieben,

Mas d’Azil, verrät sich jetzt in schon ersichtlich nachdiluvialer

Staffage auch eine beinahe bis zu Hieroglyphen erstarrte Schemakunst

(im sog. Azilien). Was war geschehen? Waren nicht bloß Kunststile

gewandert, sondern ganze Völker ins Rollen gekommen?

Jedenfalls ahnt man, daß überall die Folgezeit in eine stärkere

Ornamentwelle gerissen werden konnte, wie sie denn auch die ganze

neolithische und frühe Metallzeit bis hoch in den Norden hinauf

durchzieht.

Doch ich gehe auf diese Perspektive nicht ein, denn sie hatte mit

der Diluvialzeit selbst nichts mehr zu tun, war der Wellenschlag

einer neuen geologischen Epoche, wie in der Technik und Wirtschaft,

so gewissermaßen auch in der Kunst, der unaufhaltsam bereits auf die

engere historische Zeit zuläuft. Ich komme für meine Schilderung zum

Schluß.

Ich denke doch, daß ich mit zwei Gedanken schließen darf.

Diese diluviale Kunst, wie wir sie jetzt sehen, ist +keine Vorkunst

mehr+.

+Keine+ allgemeine +Anfangsstation+ noch in der menschlichen

Kunstwerdung.

Weder die Altamira- noch die Alperakunst kann vom Himmel gefallen sein

aus dem „Nichts“. Beide waren schon einseitige Gipfel, denen Langes

voraufgegangen sein muß.

Mit beiden sind wir bereits mitten in der „Kunstgeschichte“ mit all

ihren Gegensätzen: Naturalismus, Expressionismus, Ornament, Stil,

Aufstieg, Verfall, religiöse und profane Kunst, gegensätzliche

Kunstwege parallel zu gleicher Zeit, sich trennend, endlich sich

überschneidend.

Wir sehen darin auf ein Kunstvolk, vielleicht ein relativ kleines im

Winkel, das es im Tierbild erstaunlich weit bringt.

Auf ein anderes, dem der rücksichtslose Ausdruck belebter Handlung fast

bis zum Übermaß in seiner bildenden Kunst glückt.

In einer verborgeneren Linie blüht auch das reine Ornament schon, das

sich für eine ganze Ära dann wieder durchsetzt.

Völker wechseln schon damals, und mit ihnen Kunststil und Kunstbegabung.

Fremde Gewalten des übrigen menschlichen Seelenlebens mögen zeitweise

in die reine Kunstübung eingreifen, sie tyrannisieren und retardieren.

Auf eine ungeheure zeitweise Anspannung mag eine Art Lähmung zunächst

wieder gefolgt sein, bis der Genius erneut irgendwo durchbrach, ohne

daß der Faden wohl je ganz gerissen wäre.

Das alles doch Erscheinungen genau wie in aller +späteren+ hell für uns

beleuchteten Kunst.

Auch da sehen wir etwa die Dichtung plötzlich schon solchen Gipfel

erreichen, wie in den homerischen Epen, um dann wieder scheinbar

zu pausieren bis auf die großen griechischen Tragiker und wieder,

noch viel länger, bis zu Dante. Auch die bildende Kunst des

klassisch-griechischen Zeitalters oder der Renaissance auf ihren Höhen

ergreifen bisweilen wie ein Wunder, das wir vergebens rein aus der

Wirtschaft und Technik ihrer Tage zu verstehen suchen. Und doch wissen

wir, wenn wir von den letzten Geheimnissen des inneren künstlerischen

Erlebnisses, die immer bleiben, absehen, daß es sich hier um +kein+

Wunder gehandelt hat, sondern nur um die ewige Ungleichheit, um das

ewige Wechsel- und Gegenspiel des Individuellen, das auch in Völkern

und Zeiten das unersetzliche Ferment aller Entwicklung und des

Gesamtfortschrittes bildet.

Es ist gewiß ein bestrickendes Bild, das sich uns dazu selbst noch aus

der Welt der Mammute enthüllt; aber es ist +nicht mehr+ die „Abstammung

der Kunst“, auch nicht auf der Station Mensch.

Ob wir je an deren engeres Geheimnis rühren werden? Ich will keine

Hoernesschen Prophezeiungen wagen; aber noch haben wir dieses Geheimnis

rückwärts nicht weidgerecht gestellt, auch bei den Mammutjägern nicht.

Aber noch ein Gedanke drängt sich auf, einlenkend wieder zu dem ganz im

Anfang Gesagten.

Was für eine +ungeheure Bedeutung+ muß diese Kunst von Beginn an auch

für den Menschen gehabt haben! Wenn er auf einer technischen Stufe

von solcher Unvollkommenheit, wie sie die Waffen und Werkzeuge und

der ganze Kulturbesitz nach der Seite der Nützlichkeit damals noch

verraten, doch bereits so hoch in allen Kräften und Problemen der

bildenden Kunst gekommen war.

Der erste Mensch, möchte man sagen, muß nicht nur bereits ein erster

Menschenkünstler gewesen sein.

Sondern in ihm muß auch diese Kunst selber ein +Erstes+ gewesen sein —

der leuchtendste Stern vielleicht über der Krippe, in der er lag.

Ja, wer uns auch in dieses Geheimnis einmal schauen ließe ...

Sachregister

Abendpfauenauge 26

Akanthusmotiv 54

Albacete 56

Allkünstlertum der Urzeit 44

Alperakunst 56 ff., 59 f., 61

Altamira 42, 56 f., 59, 61

Amblyornis 30

Argusfasan 29

Asyltheorie 34

Aurignacien 41, 43, 45, 49 f., 51 f.

Azilien 61

Beethoven 13, 15

Begriffliches Denken 39

Bogen 57

Brassempouy 50

Brehm 29 f.

Breuil 42, 52

Briefschreiben, angebliches, bei Hunden 19

Buschmänner 40 f., 47, 49, 59

Busch, Wilhelm 49

Callima 26

Capsa, Stadt 55

Capsien 55 ff.

Dante 62

Darwin 18, 24 f., 26 f., 35 ff.

De Vries 27

Diluvialmenschen 17, 21, 40 ff.

Einheit des Kunstwerks 13

Einzelfiguren in der diluvialen Kunst 48

Elster 29

Erlebnis, künstlerisches 10 ff., 16, 37

Erotik in der Kunst 32 f.

Expressionismus 58 f., 61

Fahrende Künstler der Diluvialzeit 52

Felsnischenkunst, ostspanische 56

Fortschritte innerhalb der diluvialen Kunst 52

Frauenkunst 45

Frobenius 59

Fruchtbarkeitsidole 50

Geheimnis, letztes, der Kunst 37

Geisterfallen 48

Geist im Tiere 20 f.

Gesang der Vögel 19, 28 f., 31

— des Gibbon 29

Geschlechtliche Zuchtwahl 36

Geschlechtsleben, Bezug der rhythmischen Triebe zum 31 ff., 34 ff.,

37, 39

Giltsch 22

Goethe 7, 14, 17, 34

Goldener Schnitt 15

Gruppenbilder 48, 57

Haeckel 22 ff.

Hasenlaufen, Theorie vom 44, 46

Hauser 47, 55

Heinroth, Ehepaar 31

Heuschrecken als Musikanten 19, 29

Hochzeitskleider bei Tieren 32, 34

Hochzeitslauben 32

Hoernes, Moritz 44 ff., 47 f., 50 f., 53, 60, 62

Homer 9, 62

Hormos de la Penja, Höhle 52

Hungertheorie in der diluvialen Kunst 44, 49

Idealisieren 15

Instinkt 19 f., 23 ff., 36 f., 38, 45

Intelligenz 21, 37

Intuition 10 f., 14

Jagdzauber 48

Jean Paul 9

Klaatsch 47

Klippenvögel 29

Koehler 38, 45

Kunstformen der Natur 22, 24, 28

Kunstschulen der Diluvialzeit 51, 58

Kunsttriebe der Tiere 18, 21, 28 ff.

Laubenvögel 30, 32, 36, 39

Laussel, Höhle 50

Liebeswahl der Tiere 34 ff.

Magdalenien 41, 54 f.

Magie in der diluvialen Kunst 43, 47, 49 f., 58

Mammut 5, 42, 50, 52, 58, 62

Mas d’Azil, Höhle 41, 45, 61

Materialfrage in der Kunst 46 f.

Menghin, Oswald 48

Menschendarstellung in der Diluvialkunst 47, 49 ff., 57 f.

Meyer, Eduard 42

Michelangelo 6, 13

Mneme 27

Moekel, Frau 19

Musik als Grundstimmung der Kunst 14, 22, 54

Mutation 27

Nachtigall, nicht vererbter Schlag der 31

Nacktheit bei den Diluvialmenschen 50

Namengebung im biblischen Schöpfungsbericht 39

Naturalismus 12, 43, 53, 56, 59, 61 f.

Neandertaler 41, 43, 45 f., 47, 55

~Nyctipao albicincta~ 26

Obermaier, Hugo 46, 52, 58 f.

Organ 20 f., 35

Ornament 6, 15, 22 ff., 28, 34 f., 43, 53 f., 56, 60

Ostspanien in der Diluvialkunst 55 ff.

Pästum, Tempel von 13

Papuaneger 6 f., 15

Paradiesvögel 30, 32, 34

Persönlichkeit, Wesen der 37 ff.

Peterskuppel in Rom 14

Pferdekopf von Mas d’Azil 41, 45, 51

Phantasie 10 ff.

Phidiasschule am Parthenon 42, 45

Piette 53

Platonische Ideen 15

Pompeji 52

Predmost 50

Radiolarien 23, 35

Raffael 13 ff.

Religion und Entwicklungsidee 17

Rembrandt 42

Rhythmisches i. d. Kunst 14 f.

— bei Tieren 19, 22, 28 ff.

Sahara, Felsbilder am Rande der 59

~Salassa lola~ 26

Schematismus in der Kunst 60 f.

Schimpanse, Kunstzüge beim 38 f., 42, 45

Schmetterlinge 23 f., 26, 32, 35 f.

Schmuck 39, 46

Schönheitssinn bei Tieren 35

Schopenhauer 15

Schuchhardt 42, 50 f.

Seitz 23

Semon, Richard 27

Shakespeare 9, 13

Silhouettenkunst, ostspanische 56, 59

Solutreen 41, 55

Specht, Musikinstrument beim 19

Sprache, begriffliche 39

Steatopygie 50

Tanz beim Menschen 29, 33, 46, 51

— bei Menschenaffen 38

— bei Spinnen 29, 31

— bei Vögeln 29 ff.

Tanzmasken 47

~Telea polyphemus~ 26

Tonapparate der Tiere 31

Totenkult bei den Diluvialmenschen 47, 49

Traum 10 ff., 37

— bei Tieren 18

Trois Frères, Höhle 47

Venus, sog. von Willendorf 50

Vererbung 27, 31

Verworn, Max 44, 47, 51, 53

Viskatscha 29, 31

Wells 60

Wohlgefallen, Gesetze im 15

Zauberer, diluviales Bild von einem 48

Die Abstammung der Kunst · 第 5 / 6 段