Andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß in die oberen tierischen

und pflanzlichen Systemstufen hinein ganz wie in den menschlichen

Stilen und Kunstschulen immer raffiniertere und vertieftere Wirkungen

über das anfänglich starr Mathematische hinaus erzielt werden, wozu

die Beispiele auch wieder an Schmetterlingsflügeln, zum Teil auch

an Vogelfedern zu studieren sind. Hier lassen sich als malerische

Höhepunkte u. a. vollkommen durchgeführte Schattenwirkungen beobachten,

durch die farbige Flächenobjekte in scheinbar plastisches Relief

verwandelt, konkave und konvexe Höhlungen und Wölbungen erzeugt werden.

Genau ausgesparte Lichtreflexe verstärken die Täuschung. Auch lassen

sich anscheinend Entwicklungsreihen solcher „organischen Kunststile“

verfolgen, wobei bestimmte Motive durch alle denkbaren Varianten

gehetzt erscheinen, einzelne Moden aufzutauchen und zu verschwinden

scheinen bis in expressionistische und andere Extreme, ganz wie im

Ornamentenschatz der menschlichen Kunstgeschichte.

Ein wirklich vergleichendes Bilderwerk nach dieser Seite fehlt leider

noch.

Haeckel, der durchaus noch nicht die ganze Tragweite dieser Dinge

übersah, legte Gewicht darauf, daß seine Tafeln vielleicht anregend und

bereichernd auf unser menschliches Kunstgewerbe selbst zurückwirken

könnten — das tritt aber doch weit gegen die große theoretische

Bedeutung dieser Naturornamente zurück.

Denn vom Standpunkt des oben Gesagten kann es doch nicht belanglos

sein, wenn eine solche Überfülle rein rhythmischer Tendenzen, wie wir

sie als ein Charakteristikum der menschlichen Kunst fanden, bereits

auch auf der rein organbildenden Stufe des Lebens sich geltend macht.

Wir sehen vorerst nicht einmal in die maschinellen Gesetze hinein,

wie diese Naturrhythmik sich überall durchsetzt, geschweige, daß wir

einen psychischen Anhalt dahinter hätten. Aber irgendein natürlicher

„Selbstzweck“, irgendein Anfang und Ausgang eines Prinzips wird darin

stecken müssen, denn wir werden nicht glauben wollen, daß bloß ein

gespenstischer Spukgeist uns narrt. Das war durchaus auch Darwins

Meinung, obwohl er zunächst noch einen gleich zu besprechenden Nebenweg

davor suchte.

Wieder aber steht fest — und auch das hat Bezug zu unserer Kunst

—, daß, so wenig wie unsere Kunst auf groben Daseinsnutzen geht,

ebensowenig auch diese Welt der „Kunstformen der Natur“ sich ohne

weiteres etwa den Schutzanpassungen der Organstufe dort ein- und

unterordnete.

Im Gefolg der so fruchtbaren Ideen des gleichen Darwin über diese

Schutzseite der Natur war ja hier vielfach seinen Schülern ein kleiner

Fehlzug unterlaufen.

Weil man soviel trefflich auf Notschutz angelegte Organe sah und

Darwin eine so bestechende Erklärung gab, wie die Not selber indirekt

solche herausgearbeitet haben könnte, suchte man in jedem körperlichen

Merkmal zunächst einen solchen Schutz. In manchen Lehrbüchern schienen

die Tiere und Pflanzen nachgerade nur noch Kampf-ums-Dasein-Organe

zu haben, sozusagen reine Feinmechanik zu Schutz und Trutz und

nationalökonomischem Drill zu sein.

Man übersah, daß es unendliche Merkmale und Grundpläne der Tier- und

Pflanzenformen gibt, die zu +dieser+ Seite +völlig gleichgültig+ stehen.

Das ganze wahre Riesenbild des Systems mit seinen unzähligen Arten als

letztem Ausdruck beruht darauf.

Die Natur hat nicht ein paar beste Anpassungen in konsequenter

Zuchtwahl herausgebracht, sondern eben dieses Bild.

Heute sieht man das immer mehr ein. Die Anpassungsorgane grenzen

einen bestimmten beschränkten Kreis in der allgemeinen organischen

Gestaltenfülle heraus, genau wie die Nutztechnik in unserem großen

Gesamtgeistesleben. Sie nehmen, wenn Darwin nach dieser Seite recht

gesehen hat, ihre eigene Auslese aus der dort immer wieder andrängenden

Variantenfülle vor, wie unsere Nutztechnik etwa geniale Blitze unseres

weiteren Geisteslebens benutzt; aber sie erzeugen und erschöpfen diese

Fülle selbst nicht.

In den unberührten +Eigen+gesetzen dieser Fülle aber lebt sich

unverkennbar auch jenes +Rhythmische+ aus, wie in unserem

nichttechnischen menschlichen Felde die menschliche +Kunst+.

In Grenzgebieten mögen natürlich Vermischungen auch hier statthaben.

Manches Ornamentale verquickt sich in Tier und Pflanze nachträglich bis

zur Unauflösbarkeit mit dem Nutztechnischen.

In anderen Fällen sieht man, wie die Nutzanpassung ringt mit hundert

verschiedenen symmetrischen „Luxusstilen“ — wie sie so und so oft

nebeneinander von den verschiedenartigsten Grundplänen, die das andere

Prinzip ihr in den Weg gebaut hat, ihren gleichen Zweck durchsetzen muß.

Es kommt aber auch vor, daß die Nutzauslese das ihr zufällig +passende+

Ornament selber zur Steigerung bringen mag.

Da hat beispielsweise das Ornamentalprinzip auf den Flügeln gewisser

Schmetterlinge große augenartige Zeichnungen hervorgebracht und durch

Schattierungen scheinbar plastisch gemacht — so bei ~Telea polyphemus~

riesige tiefschwarze Scheinlöcher, aus denen ein grauer Kegel mit

einem gelbgesäumten Glasauge unmittelbar dem Beschauer entgegenzuragen

scheint, an sich ein Meisterstück dieser Sorte Organkunst, das in jeder

Sammlung von Exoten entzückt. Oder es ist an Stelle des Augenflecks

bei ~Nyctipao albicincta~ je eine einfache tiefe konkave Höhlung auf

jedem Oberflügel herausschattiert, daß es wie eine gewölbte Schale

aussieht, in die man etwas hineinlegen könnte. Wenn man nun beobachtet

(und es ist vielfach beobachtet), daß ein angreifender Vogel, etwa ein

Huhn, vor solchem „Pfauenauge“ wie vor einem wirklichen bösen Blick

erschrickt und einen Moment abläßt, so daß der Schmetterling entfliehen

kann (unser Abendpfauenauge stellt dazu eine besondere Schreckstellung

mit dem ganzen Körper her) — so sieht man wohl auf ein Überspielen

des einen Prinzips in das andere. In solchem Einzelfall könnte die

Darwinsche Nutzzüchtung ganz gut für ihren Zweck die Augenähnlichkeit

nachträglich noch verstärkt haben, wie vielleicht die australische

~Salassa lola~ zeigt, bei der die Unterflügelflecke so vollkommen

täuschend zwei ganz scharf blickende, stechend böse tierische Augen mit

blutigem Saum, Glanzfleck und finster ausgezogenen schwarzen Brauen

nachahmen, daß ich selbst den Menschen sehen möchte, der sich im

Augenblick der Suggestion entziehen kann.

Wie ebenso bei den berühmten ~Callima~-Arten der Tropen, wo die

Unterseiten der Flügel ein trockenes Blatt zu kopieren scheinen, ein

ursprünglich rein ornamentaler Grundsatz, der zufällig ein Blattmotiv

annäherte, in der Folge auf solche schützende Blattähnlichkeit

weitergezüchtet sein mag.

Und im Allerletzten mag auch hier überhaupt kein absoluter Gegensatz

sein. Wie unsere Kunst in harmonischen Bezügen, gleichsam einer

immerwährenden heimlichen Musik lebt, unsere Nutztechnik aber zuletzt

auch nur ein Mittel ist, sich mit einer gewissen Not des äußeren

Daseins in eine gewisse Harmonie zu setzen, so werden vermutlich auch

in der Mechanik dieser rhythmischen Naturanläufe verborgene harmonische

Ordnungen innerlich ihre Rolle spielen, während außen die Nutzorgane

die beschränkte Harmonie der Darwinschen Anpassung herstellen. Aber

darum bleibt doch der Gegensatz des dort unendlich viel Reicheren,

Eigentlicheren, Aufsichselbststehenden gegen einen kleinen roh von

außen kommandierten Grenzbezirk.

Man ist, seit man den zu weiten Anpassungsgedanken in der Biologie

wieder mehr losgeworden ist, ja auch in der tieferen Erkenntnis über

dieses indifferente freie Variationsfeld heute wesentlich weiter

gekommen, zum Teil unter starker Korrektur Darwins — aber auch da immer

mit merkwürdigen leisen Bezügen zum Kunstproblem.

Auch in dieser noch rein organischen Sphäre gewahren wir ein

beharrendes Prinzip, die Vererbung, die bestrebt ist, gleichsam

naturalistisch das Gegebene immer wieder nachzugestalten. Richard

Semon hat sehr ernsthaft den Gedanken der Ähnlichkeit dieses

Vererbungsmechanismus mit unserem menschlichen Gedächtnis verfochten.

Mit dem mechanischen Substrat dieses Gedächtnisses im Gehirn, sagte

er vorsichtig, was aber an dem Bezug selbst nicht das geringste

ändert. Semon wollte ein gemeinsames Wort sogar für beides einführen:

die Mneme. Seine Idee hat sich (vielleicht wegen der hochgradigen

Schwerflüssigkeit seiner Beweisführung) nicht durchzusetzen vermocht,

harrt aber, glaube ich, nur eines noch unbefangeneren Kopfs zur

Auferstehung.

Neben diesem Reproduktionsprinzip haben uns de Vries und seine

Leute, die jetzt so stark Boden gewinnen, dann auch ein wirklich neu

schaffendes, neu ordnendes Prinzip der organischen Stufe angedeutet.

In ihrer sog. „Mutation“ tritt stoßweise gelegentlich immer einmal

wieder eine völlige Neukombination des Gegebenen hervor. Nicht

auf Schutzanpassung gerichtet, sondern zunächst auch nur auf eine

neue Lösung des freien Gestaltungsproblems aus. Immer aber (sehr

bezeichnend) mit der Marke völliger innerster Umordnung zu einem neuen

Schwerpunkt und Balancepunkt gleichsam, wieder sofort ein „Ganzes“

bildend gegenüber allem Früheren.

Wo auch das Rhythmische einen Wandel erfährt, wird man es sich wohl nur

auf dem Wege solchen einheitlichen, von innen kommenden Mutationsstoßes

denken müssen. Niemals aber wird es ursprüngliches Erzeugnis der

Nützlichkeitszuchtwahl selber sein, so wenig wie die Mutation in ihrer

freien Entstehung solcher verdankt wird.

Ich behaupte, mich einmal in dieses heikle Gebiet hineinwagend,

durchaus +nicht+, daß wir in diesen Erscheinungen der reinen

Organsphäre, von deren Geistigem wir, wie gesagt, nichts und von deren

Maschinellem wir vorerst bloß einiges Hypothetische wissen, bereits

künstlerische Arbeit in +unserem+ Sinne vor uns hätten.

So wenig wir heute ein lebendiges Organ schaffen können, so wenig

konnte jene Organstufe echte menschliche Kunst schaffen.

Aber ich vertrete, daß der Begriff organischer „Kunstformen“ an sich

kein bloßes Bonmot sei. Vertrete, daß sinnfällige Analogien gegeben

sind, die in veränderter Zusammensetzung und unendlich höherer

Vergeistigung zu menschlichem Kunsterleben und Kunstschaffen +führen+

konnten, so gut wie die Einzelzelle eines Urtiers oder die primitiven

Hautzellen eines niedrigsten Wurms sich ohne grundsätzlichen Riß zu den

Ganglienzellen eines menschlichen Gehirns entwickeln konnten, in denen

sich schließlich doch auch das höchste und verwickeltste Kunsterlebnis

vollzieht.

Man vergißt sehr leicht, daß in gewissem Sinne die organische Stufe

ja auch noch bis zu uns selber reicht — bloß (als Maschine weiter

betrachtet) zuletzt eingehend in das ungeheure Wunderwerk des

allumgreifenden Gehirnorgans, von dem wir dann — bei uns — allerdings

+auch+ wissen, daß es die Stätte gewaltigster Geistesvorgänge ist.

Inzwischen sind auch diese obersten Geistesdinge aber nicht mit

einem Tage erst dagewesen, und hier könnte für unsere tastende

Kunstbetrachtung im Naturfeld nun in der Tat noch eine willkommene

Brücke sein, wenn wir auch jene +zweite+ Frage (und vielleicht noch

weit sicherer) beantworten könnten: ob es innerhalb der Tierwelt (die

Pflanze, die für jene organisch-rhythmische Stufe noch vollwertig

mit galt, mag hier einstweilen zurücktreten) kunstähnliche Dinge

auch bereits auf der Stufe des Instinktlebens — also eben +echte

Kunsttriebe+ gebe.

Die Fragestellung ist diesmal erleichtert, da wir bereits vom Instinkt

bei ihr ausgehen und nicht mehr als vorerst Instinktives verlangen.

Immerhin bietet sie, wie wir sehen werden, noch eine neue eigene

Verwicklung.

Als feste Grundtatsache darf gelten: es +gibt+ auch rhythmische

+Triebe+ dort. Triebe mit dieser Grundmarke ebenfalls eines

künstlerischen Einschlags.

Insekten, wie Vögel, um es zunächst so maschinell wie möglich

auszudrücken, bewähren schon einen Gehirnzwang zu rhythmischen

Geräuschen, genau wie auf den Schmetterlingsflügeln und Vogelfedern der

Organstufe symmetrische Ornamente deutlich wurden.

Bereits bei Grillen und Heuschrecken hat dieser „Gesang“ genügenden

melodischen Reiz, daß einfacher Menschensinn sich seit alters daran

erfreuen konnte und die kleinen Sänger in Käfigen gehalten wurden, wie

noch heute der Chinese tut.

Über den unmittelbaren musikalischen Wohllaut des Nachtigallen- oder

Kanarienvogelschlags ist dann nie ein Zweifel gewesen, und es hat wohl

noch keiner versucht, auch hier von täuschendem „Zufall“ zu sprechen.

Auch (was weniger bekannt zu sein pflegt) der Gesang des Gibbonaffen

läßt sich glatt in Noten wiedergeben und steigt vom Grundton ~E~ „in

halben Tönen eine volle Oktave hinauf, die chromatische Tonleiter

durchlaufend“ (Brehm-Heck).

Bei Spinnen (Attiden) treten des weiteren rhythmische Tanzbewegungen

auf, die an die kühnsten Verrenkungen unserer Berufs-Balleteusen

erinnern.

Bei Vögeln äußert sich dieser Tanztrieb auffällig gerade bei solchen

Arten, die auch körperlich einen Gipfel des Ornamentalen zeigen. Der

herrliche Argusfasan auf Sumatra, dessen riesige Augenflecke auf den

Schwungfedern wie bei jenen erwähnten Schmetterlingen durch geeignete

Schattierung als in Sockeln gebettete plastische Kugeln mit Lichtreflex

erscheinen, obwohl es sich tatsächlich nur um eine völlig glatte

Federfläche handelt, stellt sich für solche Tänze im Urwald durch

Reinigen und Festtreten besondere Tanztennen von mehreren Quadratmetern

Ausdehnung her. Die schön orangeroten Klippenvögel Guaynas (Rupicola)

zeigen sich vor versammeltem Volk einzeln nacheinander in den

seltsamsten Tanzschritten und Bewegungen. Wie die Nandu-Strauße am

Boden, so tanzen im gleichen Amerika die edelsteinfunkelnden Kolibris

in der Luft, immer doch mit der Marke des Rhythmischen, wie sie

ja schon das von uns Menschen nicht vergleichsweise, sondern ganz

unmittelbar entnommene Wort Tanz ausdrückt.

Unmittelbar an das eigentlich Ornamentale der reinen Organstufe und

zugleich unserer Menschenkunst gemahnt die Suggestion, wenn ich so

sagen darf, die glänzende und bunte Gegenstände auf Tieraugen ausüben,

wie seit alters her von Elstern und Raben berichtet wird, aber auch bei

südamerikanischen Nagetieren, den Viskatschas, vorkommen soll.

Und die volle rhythmische Durchführung auch dieses Zuges finden wir bei

dem Paradebeispiel endlich aller instinktiven Tierkunst, den Taten

der Lauben- und Kragenvögel des australischen Gebiets, die zu den

Paradiesvögeln gehören, des körperlichen Prachtkleides vieler dieser

Paradiesier nicht teilhaftig sind, dafür aber ihre rhythmische Richtung

um so entschiedener in +Handlungen+ ausleben.

Sie bieten jetzt das typische Beispiel wirklicher „Kunstbauten“, wie

wir sie oben bei Bibern und Termiten vergebens suchten.

Im objektiven Tatbestand durchaus entsprechend den Bräuchen wilder und

halbkultivierter Menschen auf voller menschlicher Kunststufe, stellen

sie für ihre Tanz- und Singplätze regelrechte Tanzlauben her. Meist

lange zeltartige Galerien aus planmäßig oben zueinander geneigtem

Reisig und Graswerk. Und diese Tanzhütten werden dann geschmückt mit

von überall herangeholtem Material jener Farben- und Glanzsuggestion:

roten Beeren, bunten Federn, weißen Bachkieseln, auch beim Menschen

stibitzten Schmucksachen, Glasstücken und bunten Lappen.

Der zugehörige Gärtnervogel (Amblyornis) in Gebirgen von Neuguinea baut

entsprechend eine runde Laube mit einem Dach aus Orchideenstielen,

die „zum Boden herniederhängen und regelrecht strahlenförmig um einen

mittleren Tragpfeiler geordnet sind. Über letzterem erhebt sich eine

kegelförmige Masse von Moos. Innerhalb aber läuft ein Gang im Bogen um

den Pfeiler. Das ganze Bauwerk bleibt auf einer Seite offen und stößt

hier an einen freien, moosbedeckten Platz, der doppelt so groß wie die

Hütte und mit Blüten und Beeren zierlich geschmückt ist. Wenn diese

verbleichen, werden sie entfernt, auf einen Kehrichthaufen hinter der

Hütte geworfen und durch frische ersetzt“.[1]

[1] Schilderung und eine Farbentafel so im neuen Brehm.

Besonders charakteristisch erscheint, daß in diesen letzten Fällen vom

Vogel die bunte Feder als ihm auffallend und ihn lockend gesammelt

wird, die +andere+ Vogelarten am Leibe tragen; man würde also annehmen

dürfen, daß ihn auch beim Anblick des betreffenden buntfederigen Vogels

selbst diese Farbe +reizen+ würde.

Während andererseits bereits die „schöne Blume“ hier auch vom

rhythmischen Trieb gewürdigt wird, nachdem solche auf der niederen

Stufe der Organornamentik selber rhythmisch entstanden war, dann aber

wohl noch eine Steigerung dort durch Hineinspielen eines praktischen

Nutzens (Lockmittel zum Insektenbesuch, der die Befruchtung der Pflanze

vermittelte) erfahren hatte. Wie sehr solche Blüte auf unserer

Menschenstufe abermals Schmuckobjekt und zugleich Ausgangspunkt

unendlicher Ornamentstilisierung der Kunst geworden, wissen wir

alle — vielleicht gibt es aber kein anziehenderes Beispiel, um den

Aneinanderschluß der ganzen Entwicklungskette, wie sie hier zur Frage

steht, zu veranschaulichen.

Daß bei allen diesen tierischen Handlungen aber mehr oder minder noch

wirklich +triebhafte+ Züge herrschen, scheint ebenso unverkennbar.

Gelegentlich machen sie allerdings schon einen recht losen Eindruck,

wie auf der Schwelle des Übergangs.

Vom Gesang unserer Vögel ist bekannt, daß er wenigstens in seiner

bestimmten Melodie nicht immer so fest vererbt wird, wie man von einem

echten Instinkt erwartete. Der Nachtigallenschlag ist z. B. nach den

besten neueren Beobachtern, dem Ehepaar Heinroth, keineswegs angeboren,

sondern muß erst nach dem Gehör erlernt werden. Eine gefangene

Nachtigall, die zufällig zuerst eine Mönchsgrasmücke hörte, gab,

als sie überhaupt zu schlagen begann, solche Grasmückenmelodie. Bei

anderen Vogelarten scheint es allerdings auch wieder strenger damit zu

sein, auch der arteigentümliche Rhythmus gleich mitzukommen. Von den

Laubenvögeln bleibt strittig, wieviel bei ihren Bauten reiner Instinkt

und wieviel Zulernen der Jungen von den Alten ist.

Wer im Instinkt selber bloß vererbte Gewohnheit sucht (die Theorien

sind ja noch reichlich widerspruchsvoll), könnte gerade auf diesem

Gebiet wohl manchen Anhalt finden.

Daß sich aber im ganzen doch noch der +Rahmen+ des Triebhaften darum

schließt, wird nicht zu bestreiten sein, und das bekräftigen auch die

genau entsprechenden körperlichen Tonapparate, die den musizierenden

Tieren überall eigen sind.

Eigentlich könnte ich also auch hier bereits meine Beweisführung

für die zweite Stufe schließen. Nun aber doch noch eine merkwürdige

Nebenerscheinung, die das Bild nicht zerstört, aber doch etwas

verschiebt.

Diese ganze rhythmische Triebecke des Tieres scheint nämlich in

extremem Maß angeschlossen an das +Geschlechtsleben+.

Gesang und Tanz der Vögel, Musik der Insekten, selbst die grotesken

Tänze jener Spinnen vollziehen sich wesentlich im Anschluß an die

Erregungen, teils die Vorglut, teils das Nachzittern, der Liebeszeit.

Ob ein Teil der Vogeltänze reine Geselligkeitsrhythmik und anderweitige

Erregung sein könnte, wird behauptet, ist aber bisher nicht sicher

nachgewiesen.

Jene Schmucklauben der Paradiesvögel werden jedenfalls geradezu als

„Hochzeitslauben“ bezeichnet, weil sie zwar keinerlei Bezug zum Nestbau

besitzen, wohl aber ganz regelmäßig vor der Paarungszeit erbaut oder

wiederaufgesucht und von den Pärchen ausschließlich, scheint es, zu

Liebesspielen benutzt werden.

Vielfach sind es nur einseitig die Männchen, die den rhythmischen Tanz

und Gesang in dieser Minnezeit ausüben.

Wobei man gleichzeitig den Eindruck bekommt, daß auch die rein

organische Ornamententfaltung des Körpers dort in dieser Periode eine

Steigerung erfahre, die sich in besonderen Hochzeitskleidern mit

erhöhter Farben- und Formenrhythmik offenbaren kann.

Wie denn auch die Herrlichkeit der Schmetterlingsflügel im ganzen sich

auf das eigentliche Liebesstadium in der Metamorphose dieser Insekten

zusammendrängt.

Die Beziehung der rhythmischen Gehirntriebe zum Geschlecht aber ist

so +aufdringlich+, daß sie von jeher bemerkt worden ist wie etwas von

vornherein Selbstverständliches. Unwillkürlich fragt man sich, was das

wohl bedeuten könnte.

Daß auch die sexuelle Erregung selbst noch nicht ohne weiteres das

Rhythmische erzeugen könne, scheint doch deutlich.

An sich ist keine innere Logik ersichtlich zwischen einer

geschlechtlichen Liebeshitze und dem rhythmischen Bau etwa im Schlag

einer Nachtigall oder der Suggestion eines roten Lappens oder

glänzenden Bachkiesels auf das Gehirn eines Laubenvogels.

Aber man könnte einmal vermuten, die ungeheure Geschlechtserregung

wühle auch die an sich und unabhängig vorhandenen rhythmischen

Bildungskräfte stärker auf. Vielleicht schon die organischen.

Jedenfalls aber die instinktiven. Zumal das noch unbefriedigte

Sexuelle, im Vorspiel des eigentlichen Akts, wirke so bis in alle

anderen Sphären mit.

Es läge nahe, dabei für die rhythmischen Triebe selbst wieder an

Menschliches zu denken. An Beziehungen auch unserer echten Kunst zum

Erotischen.

Wenn man sagt, menschliche Kunst solle keine grobe Tendenz haben, so

trifft das natürlich auch auf das Sexualleben zu.

Kunst, die sich grob in den Dienst erotischer Aufregung stellt, ist

stets minderwertig und im Selbstziel verfehlt — so gut wie solche, die

umgekehrt lehrhaft moralisiert. Gerade darin äußert sich auch bei uns,

daß die Kunst ihrem Wesen nach etwas Besonderes ist und sein soll, nie

eines anderen Knecht, und sei es selbst des allmächtigen Eros. Aber

manche feineren Anknüpfungen finden sich doch auch so.

Eine diskrete, mehr oder minder vergeistigte Rolle spielt die Liebe,

das „Sichkriegen“ seit alters in aller Dichtung. Die bildende Kunst,

wenn sie den nackten Menschen darstellt, kommt nie +ganz+ auch um

einen leise mitklingenden erotischen Unterton, der in feinster Blume

wohl auch gar nicht fehlen +darf+, wegen des darzustellenden Objektes

Mensch. Wer wollte die Liebesklage aus der Lyrik nehmen? Und erotische

Wirkungen stecken in der Musik, rohere und intimere, je höher die

Kunst, desto intimer, aber ganz streichen dürfen wir auch sie nicht.

In Witz und Satire darf sogar eine herzhafte Gabe ganz scharfen

Geschlechtsgewürzes sein, wenn nur die Kunstform zuletzt immer wieder

darüber siegt.

Gerade da auch, wo die menschliche Kunst vielleicht noch einen

der stärksten instinktiven Nachklänge bewahrt, im rein rezeptiven

Massengefühl, ist zu allen Zeiten die erhöhte impulsive Freude an

Musik, am Lied, am Vers auch im schlichtesten Durchschnittsmenschen mit

einer Pubertätserscheinung verglichen worden.

Ich gebe zu, daß beim ganz starken überragenden Künstler sich das immer

mehr wieder verliert, in den obersten Sphären aller „übermenschlichen“

Kunst die erotische Farbe bis zum Vergehen abblaßt. Aber in den naiven

Niederungen ist sie, soweit sie sich nicht aufdrängt, nirgendwo ganz zu

trennen.

Man denke auch wieder an den Wilden: seine wüsten Liebestänze und

Geschlechtsidole inmitten und unzertrennbar von seinem doch so starken

rhythmischen Sinn. Auch bei ihm wird die Kunstfreude selbst kein

Erzeugnis des Geschlechtlichen sein, aber naiv aufbrennen, wenn er

sonst brennt.

Zuletzt wird man auch die tiefste Analogie nicht vergessen, die

zwischen dem wirklichen Zeugungsakt und jedem künstlerischen Bilden

oben schon einmal angedeutet wurde.

Also warum sollten nicht auch auf der Instinktstufe bei dem Tier

Gesang, Tanz, Farbenzauber gleichsam zu lichterloher Flamme getrieben

werden in den großen Geschlechtsrevolutionen seines Lebens?

Die Abstammung der Kunst · 第 2 / 6 段