In der Musik selbst haben wir ein ganzes tiefstes Kunstgebie

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Die beiden Fußnoten wurden direkt an das Ende des jeweiligen Absatzes

angefügt. In der für dieses Buch verwendeten Frakturschrift sind die

Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ identisch, demnach werden im Sachregister

werden die entsprechenden Begriffe gemeinsam aufgeführt. Für die

vorliegende Ausgabe wurden die betreffenden Einträge jedoch gesondert

angegeben.

Der Übersichtlichkeit halber wurde die ganzseitige Anmerkung über die

‚Kosmos, Gesellschaft für Naturfreunde‘ den restlichen Ausführungen

der ‚Kosmos‘-Gesellschaft am Ende des Buches vorangestellt.

Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

unterstrichen: _Unterstriche_

fett: =Gleichheitszeichen=

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Antiqua: ~Tilden~

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[Illustration]

Die Abstammung der Kunst

Die

Abstammung der Kunst

Von

Wilhelm Bölsche

Mit 14 Tafelbildern und

1 farbigem Umschlagbild

[Illustration]

+Stuttgart+

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in

den Vereinigten Staaten von Nordamerika:

~Copyright 1926 by

Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart~

~Printed in Germany~

STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI

HOLZINGER & Co., STUTTGART

In meinen Knabenjahren gab mir ein Buch viel Anregung, das den

hübschen Titel führte: „Entdeckungsreisen in Haus und Hof“. Es knüpfte

bei den alltäglichen Dingen unserer Umgebung an und spann daraus

naturwissenschaftliche Belehrung.

Von dieser Lektüre ist mir eine Liebhaberei geblieben, auch bisweilen

vom Nächsten meines Arbeitszimmers, dem Stuhl, auf dem ich saß, dem

Tisch, an dem ich schrieb, an Fernes und Vergeistigtes meiner Arbeit

selbst zu denken. Dabei ist mir gelegentlich auch ein Einfall gekommen,

der, öfter halb im Scherz gesprochen, hier doch etwas ausgeführt werden

mag.

Angenommen, die ganze menschliche Kultur würde noch einmal unter dickem

Eis begraben wie die berühmten sibirischen Mammutleichen. (Es gibt ja

allerhand Kältetheorien, die so etwas vorsehen, obwohl ich selbst nicht

übermäßig viel davon halte.)

Und nun käme von irgendeinem Stern eine Sorte überkluger Wesen, nach

undenkbaren Zeiten vielleicht, und veranstaltete wissenschaftliche

Ausgrabungen.

Wir kennen ja aus eigener Erfahrung, was da später alles noch einmal

interessant wird: die bedenklichste Topfscherbe kommt zuletzt

noch irgendwo hinter die Glasscheiben eines Museums. Wir gedenken

aber auch des Zufalls solcher Grabung. Also eine Weile würden

vielleicht ausgespart lauter Gegenstände unserer Zeit herauskommen,

die praktischen Nützlichkeitszwecken gedient hatten. Die findigen

Gelehrten, selber etwa gerade darauf gestimmt, würden feststellen,

daß diese verschollenen Erdwesen durchaus kühle Verstandespraktiker

gewesen sein müßten, die keinen Finger für etwas anderes rührten als

für solchen unmittelbaren Nutzzweck des Alltagskampfes.

Plötzlich aber sollte das Holzgerüst des alten braven Sessels sich

zeigen, auf dem ich seit Jahren bei meiner schriftstellerischen

Tätigkeit zu sitzen pflege. Ein sog. Lutherstuhl von immerhin, wie

nicht zu leugnen, ganz solider Nutzarbeit im Sinne solchen Besitzens

— hat er doch so lange Zeit treu ausgehalten, ohne andere Gebresten

als ein leises Knacken. Man würde messen, daß ein Mensch rückseitig

bequem hineinpaßte, Lehnen, Beine, alles Wesentliche dem Tragen und

Stützen angemessen war — kurz ebenfalls „Zweck“. Jetzt aber doch etwas

Überraschendes, Widersprechendes, Rätselhaftes, wie es als Kobold so

oft schon die kluge Forschung geäfft hat.

Die Seitenlehnen meines Stuhls laufen in zwei wohlgefällige Schnecken

aus, die Rückhalter hinauf zieht zierliches Ornament, und die Knäufe

der Hauptlehne sind jederseits zu zwei deutlichen, wenn auch in sich

etwas stilisierten Löwenköpfen ausgeschnitzt.

Hier würden aus dem bisher allein verfolgten Gedanken heraus mehrere

sehr schwierige wissenschaftliche Abhandlungen nötig werden über

eine zunächst unbegreifliche, nämlich aus dem reinen Nutzprinzip

völlig widersinnige Absicht oder Eigenschaft der vereisten ehemaligen

Erdenwürmer — voll kühner Hypothesen, von denen vielleicht keine gleich

den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Die gescheiten Herren von da

oben hätten nämlich einfach — die menschliche +Kunst+ entdeckt.

Ein Irgendetwas, das doch noch einmal neben dem zunächst so

sonnenklaren Nutzzweck herliefe als (dazu gehalten) purer Luxus,

Allotria, die offensichtlich auch Arbeit gefordert und doch (in unserem

Falle) den realen Sitznutzen des Stuhls selber in gar keiner Weise

erhöht hätten.

Es würde im Verfolg der Ausgrabungen sicherlich eintreten, daß unsere

Gelehrten dergleichen Wunder noch mehr und noch viel intensiver

entdeckten, ja zuletzt die ganze ehemalige Menschheit in einem

Ozean ähnlicher „zweckloser“ Dinge herumplätschernd fänden, die sie

schließlich dazu begeistert hätten, einfache brave Stützpfeiler in

griechische Säulen zu verwandeln und gar eine Gewölbedecke mit der

unerhörten Überflüssigkeit bunter Farbflecke in der Anordnung der

sixtinischen Gemälde Michelangelos zu übertünchen.

Nun, wir Menschen, die wir erfreulicherweise noch nicht im Eis liegen —

wir haben es ja zu unserer Zeit selber auch hierin besser gewußt.

Wir wußten und wissen, daß es sich hier um eine Betätigung unseres

tiefsten Menschenwesens handelt, die allerdings nicht ein Anhängsel

unserer Sitz- oder Eß- oder Hautätigkeit und der daranknüpfenden

Technik ist — die aber gerade deswegen +kein+ wirklicher Luxus, sondern

uns in einer andern Schicht Dasein ebenso „brotnötig“ geworden ist, wie

nur irgend etwas dort drüben selbst. Vom nackten Papuaneger bis zum

verfeinerten Hochkulturträger diesem Menschen die Kunst fortnehmen,

hieße sein halbes Leben vernichten oder eigentlich sogar noch mehr.

Denn überall, wo des Lebens gemeine Not mit ihrer Technik uns nur

etwas Freiheit läßt, da bricht diese Kunst alsbald mit einer Wucht und

Allgemeinerfüllung hervor, daß man klärlich merkt, sie bilde recht

eigentlich eine +wahre Unterschicht alles Menschlichen überhaupt+,

die bloß wartet, von einem gewissen Zwang befreit zu werden. Jene

ganze Nutztechnik, so gewaltig und glücklich sie sich auch allmählich

entwickelt haben mag, erscheint in Wahrheit nur als ein gewisses ihr

abgetrotztes Reservat, das sie doch auch noch jeden Augenblick zu

sprengen, mindestens zu überwuchern droht.

Man muß ein ethnographisches Museum oder ein Zeughaus besuchen, um

sich zu überzeugen, wie selbst bei den bösesten Waffen sozusagen kein

überzähliges Fleckchen frei wird, daß sich nicht sogleich die Kunst

darauf stürzte, den Dolchgriff, Giftpfeil oder Gewehrkolben mit ihrem

Ornament zu schmücken. Der Papua ist uns sogar im reinen Kunstgewerbe

darin noch über, während wir auf oberer Kulturhöhe dafür auch unsere

obersten Geisteswerte alle mit Kunst durchwachsen haben.

Und wenn man vielleicht einen Moment geneigt sein könnte, den Gedanken

doch bei unseren allermodernsten maschinellen Errungenschaften lahm

laufen zu lassen, so möge man sich bloß erinnern, wie wir schon wieder

für so typisch Modernes wie einen Bahnhof oder eine Flugzeughalle nach

einem neuen „Kunststil“ suchen, kaum daß wir die Technik haben. Auch

hier ist nur erst ein kleines Aufatmen nötig, um sofort auch die andere

Kraft zurückzubringen.

Zu schweigen von den unendlichen Gebieten wie Musik oder Dichtung, wo

die Notwehr des unmittelbar Nützlichen überhaupt kaum antippt, und der

Tatsache, daß der tiefste Ideengehalt unseres ganzen Kulturbewußtseins

sich eben in den +Formen+ der Kunst +verkörpert+ hat; man denke sich

nur Goethes „Faust“ herausgenommen aus dem Lebensgesetz dieser Kultur:

es wäre, wie wenn der Mexikaner einem Opfer das Herz ausschnitt.

Aber man raube selbst jenem Papua seinen Tanz, seine Tamtam-Musik,

seine Malereien und Schnitzereien, versuche den künstlerischen

Phantasiegehalt unter seinen religiösen Vorstellungen fortzuziehen,

und man würde im buchstäblichen Sinne auch bei ihm schon mit dem

scheinbaren Beiwerk den wahren Nerv seines Daseins vernichten. Und

wenn wir an Fortschritt auch noch unserer oberen Kultur denken, wenn

wir Bannung der Lebensnot für möglichst weite Volkskreise, sozialen

Heraufgang, mehr Luxusraum gleichsam gegenüber der Notarbeit erstreben

— was schwebt uns auch da immer wieder vor, als daß wir den Menschen

auch befreien zum vermehrten Anteil an diesem seinem besten, tiefsten,

reichsten Weltinhalt — der Kunst.

Durchaus entsprechend dieser grundlegenden Bedeutung sehen wir an diese

Kunst von der Menschheit seit Jahrtausenden tatsächlich nicht eine

nebensächliche, sondern eine ungeheure Arbeit gewandt, die sinnloseste

Energieverschwendung wäre, wenn das Exempel Menschengeist wirklich mit

der +gewöhnlichen+ Nützlichkeit aufginge.

Mag diese Kunstarbeit entsprechend dem höheren Selbstzweck eine

freiwilligere und darum angenehmere sein als die Kraftanspannung

dort. Mag für einen großen Teil Menschen (was übrigens bedingt auf

die Technik selbst zutrifft) ihre Aneignung sich fast als mühelose

Glücksquelle vollziehen — so kennen wir doch auch hier alle die

unendliche Arbeit des Erstschaffens, die hingebende Helden- und

Märtyrerrolle des Einzelkünstlers, der sich an seinem Werk verzehrt

und verblutet, das fast wie ein neuer Mensch auch ihm unter Schmerzen

geboren werden muß.

Und auch daran werden wir denken müssen, daß zwar Kunst als solche

mit dem praktischen Nutzzweck des Lebenskampfes +nichts zu tun haben

soll+, schlecht und unrein wird, wo sie sich mit ihrem inneren Wesen

den Tendenzen und Forderungen solcher Nützlichkeit anzupassen sucht

— daß aber hinter der erfinderischen Tätigkeit selbst auch innerhalb

der Technik, soweit auch sie mit dem genialen Blitz, der Intuition und

Phantasie, rechnen muß, Anteile des Künstlerischen im Menschenhirn

sichtbar werden. Auch der ordnende und kombinatorisch schauende Geist

der strengen Wissenschaft, die Logik der Philosophie arbeiten zuletzt

mit einem wohl erkennbaren künstlerischen Einschlag. Unsere Sprache,

dieses kostbarste praktische Verkehrsmittel der Menschheit, wäre nicht

möglich geworden ohne den Ur-Anteil des Musikalischen und zugleich

der Einstellung auf das Begriffliche, das Typische gegenüber den

Einzeldingen, das von je zugleich als ein Grundelement künstlerischer

Schau erkannt worden ist.

Es hat bisweilen ja der Auffassung von diesem Ur- und Wesenselement der

Gesamtmenschheit in der Kunst geschadet, daß man eben im Alltagsleben

das Künstlerische nur für eine außergewöhnliche, an wenigen seltenen

Einzelmenschen haftende Gabe zu halten liebte. Der Dichter, der Maler

erschienen als ein mehr oder minder abnormer Gelegenheitsfall, dessen

Auftreten man unter Umständen sogar auf bestimmte erregtere Epochen

der Geschichte einschränken wollte und von dem ein sehr bekannter

neuerer Philosoph hat drucken lassen, daß er wohl nächstens ganz

aussterben werde. Wie wir doch auch die eigentlich schon uralte Idee

kennen, alles Geniale, also auch das Künstlerische, stelle im Grunde

nur eine Art persönlicher Krankheit, eine Form des Wahnsinns, dar —

woran vermutlich nur so viel richtig ist, als im Sinne eines Barometers

der denkbar höchste Stand immer ebenso wie der denkbar tiefste etwas

Abnormes zur braven Mitte hat.

Aber diese ganze einseitige Ansicht vom Vereinzelten des Künstlers

ist überhaupt getrübt. Hier wie überall ist der ganz große schaffende

Genius gewiß etwas Einsames, dessen Auftauchen an uns noch völlig

unbekannten Gesetzmäßigkeiten haftet; aber seine Leistung wäre wertlos,

wenn nicht in der Gesamtmenschheit ebenso sicher eine Resonanz für

dieses Künstlerische bestände, die seine Anregung aufnimmt, weitergibt

und in ihrer Weise erst zu einem Gesamterlebnis und Kulturwert macht.

Wir wissen nichts von Homer, wenig von Shakespeare und fühlen doch, daß

ihre Wirkungen eine Macht sind, die uns alle durch die Zeiten erfüllt

und so gut den Erdrund erobert hat wie nur irgendeine beste technische

Erfindung. Die scheinbare Trennung und doch entscheidende innere

Zusammenarbeit von Genius und Menge ist keineswegs eine Erscheinung

bloß der Kunst; sie spiegelt auch hier nur ein Grundgesetz aller

menschlichen Geistesbetätigung überhaupt.

Wie stark aber gerade auch das künstlerische Element in +allen+

Menschen wurzelt, dafür gibt es vielleicht keinen sinnfälligeren

Beweis als das frühe und tiefe Erwachen dieses Gefühls bereits

im Kinde. Es taucht ganz allgemein auf, ehe noch die eigentliche

Nützlichkeitsbewältigung des Lebens im Sinne von Lernen beginnt.

Jean Paul hat gelegentlich sehr hübsch von dieser ursprünglichen

Kinderphantasie gesagt, daß im Wesen jedes Kind ein Dichter sei und die

späteren wirklichen Künstler sich nur dadurch von ihren Mitmenschen

abhöben, daß sie eben in stärkerem Maße Kinder geblieben seien.

Der Mensch ist ein sehr vielseitiges Wesen, und auch die Technik des

Notkampfs holt aus ihm gewaltige Kräfte heraus, die sich gerade mit

unserer neuesten Kultur ins Unermessene gesteigert haben, so riesig,

daß wir geneigt sein möchten, alles andere darüber zu vergessen.

Aber diese Kräfte der Nutztechnik scheinen doch wirklich immer nur

nachträglich ein gewisses engeres Gebiet herauszugreifen aus dem

ungeheuren Grundreichtum des im Ganzen des Menschengeistes Gegebenen.

Und in diesem Ganzen lebt und webt als eine ursprünglich von diesem

Zwang freie Urmacht auch die Kunst.

Daß auch sie ausübend in weitem Maße in die +Mittel+ dieser Technik,

nachdem solche einmal gegeben waren, eingetreten ist, also die Stufe

des +Werkzeugs+ und der damit gebotenen äußeren Projektion mitgemacht

hat, kann dabei nur den überraschen, der im Menschheitsgeist an

+vollkommene+ innere Schranken glaubt. In Wahrheit ist dieser

Geist bis zu gewissem Grade auch in seinen äußeren geschichtlichen

Erfahrungen und Erprobungen immer eine Einheit geblieben und nie zu

einer nachträglichen Mosaikarbeit geworden. Nichts Menschliches ist dem

Andersmenschlichen in uns selbst jemals +ganz+ fremd geworden.

Ein altes gutes Wort sagt: bilde, Künstler, rede nicht. Du sollst Kunst

ausüben, du sollst dich an ihr freuen, aber du sollst nicht über sie

sprechen. Das Wort ist alt und wahr, und doch bewährt sich auch vor ihm

eben diese Einheit des menschlichen Geistes.

Wenn schon einmal das Philosophieren (und das ist ja das richtige

Fachwort für Darüberreden) in unserem Bewußtsein eine Rolle spielen

soll, so müssen wir es gelegentlich auch auf die Kunst anwenden. Und

es wird uns erleichtert, wenn wir deutlich gewahren, daß auch diese

Kunst, so intuitiv sie zuletzt sein mag, ihre innere Logik und ihr

selbstgestelltes Gesetz hat.

Es gibt gewisse Züge an ihr, die immer wiederkehren und die man sehen

kann, auch ohne gleich in die schwierigsten Paragraphen ästhetischer

Wissenschaft sich hineinzulesen.

Alle Kunst als inneres Erlebnis im Künstler hat zunächst eine sehr

deutliche Beziehung zu etwas, das wir durchaus nicht erst auf den Höhen

solcher Ästhetik zu suchen haben, sondern das uns allen allnächtlich

geläufig ist: nämlich dem +Traum+.

Das wache Dasein macht uns unausgesetzt zum Zuschauer von außer uns

(wie man wenigstens hergebracht sagt) verlaufenden Handlungen. Unser

Gehirn aber bewahrt davon Erinnerungen, die wach doch immer etwas von

fernen, halb verblaßten Schemen annehmen. Diese Erinnerungen schafft

der Traum mit seiner schon in ihm wirksamen Phantasiekraft wieder zu

einer neuen, vollbelebten Wirklichkeit um, wenn auch zunächst nur

innerlich.

Die gleiche Phantasie aber erzeigt sich in ihm nicht nur

wiederbelebend, sondern auch bereits darüber hinaus selbsttätig +neu

schaffend, neu gestaltend+. Sie verknüpft die wieder lebenskräftigen

Bilder zu neuen Handlungen, neuen Gestalten weit über alles wirklich

Erinnerte hinaus, indem sie uns selbst zugleich lebhaft und scheinbar

wie in die äußere Wirklichkeit hineingerissen mitspielen läßt.

Allnächtlich übt +diese+ Kraft jeder von uns aus, ob er nun ausübender

Künstler sei oder nicht. Es ist ein ungeheuerlicher Gedanke, was

für eine Belebungs-, was für eine Gestaltungs- und Erfindungsfülle

beständig so schon von der Menschheit erzeugt wird, wenn sie auch

zunächst mit dem Erwachen immer wieder verpufft.

Von diesem echten Traum unterscheidet sich +das künstlerische Erlebnis+

nun zunächst nur wie eine Art wachen Traumes.

Auch in ihm belebt die Phantasie innere Motive bis an die Grenze wieder

voll durchbluteter Wahrheit und vollzieht zugleich mit ihnen neue

Gestaltung mit neu verwebter Handlung. Nur daß das Wachen zugleich

eine viel größere Ordnung hält, wenigstens bis zu gewissem Grade

immer dem inneren Meister den Taktstock klar in der Hand läßt. Im

höchsten künstlerischen Schwung wird auch er sich als Person in sein

Werk hineingerissen fühlen, aber doch nicht entfernt so passiv, nicht

überrumpelt, sondern viel mehr bewußt sein Leben und Herzblut nur

gleichsam leihweise in seine Gebilde, seine Gestalten einströmend, um

sich ebenso bewußt jederzeit wieder abzulösen, wo er will.

Wie freilich die Phantasie selber arbeitet, heraufwirft, beleuchtet,

vereint, zum Spiel stellt und verknüpft und was sie selber im letzten

sei, das wird auch im wachen Kunsterlebnis uns niemals völlig

klar. Hier wahrt sich auch in ihm der letzte und unentbehrliche

Traumcharakter, bleibt auch ihm immer jener Eindruck des +Intuitiven+,

aus dem Unbekannten heraus Zuströmenden. Das „Es“, das die Puppen

tanzen macht. Der „Furor“, von dem so oft beim Dichter die Rede gewesen

ist und der doch meiner Überzeugung nach so ganz und gar nichts mit

dem Wahnsinn zu tun hat und sich zur echten künstlerischen Tat +nur+

entwickeln kann, wenn er eben auf der anderen Seite in einem ganz klar

überlegenen, gesunden und wachen Gehirn auftaucht.

Bis hart an den Schatten dieses Dunkelgebiets heran lassen sich dann

für diese Tat selbst allerdings +gewisse Gesetzmäßigkeiten+ mehr oder

minder deutlich erkennen, die durchweg weit über den echten Traum

hinausgehen.

Zu dem inneren Beleben und Neugestalten, je weniger es wirklich +echt+

traumhaft verpufft, tritt gleichsam als Ersatz der Drang zum +äußeren

Schaffen+. Wie die Technik sich über das Organ hinaus ihr Werkzeug

gebildet hat, so sucht auch der Künstler das Werkzeug seines Ausdrucks.

Er projiziert in die Außenwelt — wesentlich jetzt mit der Klarheit des

Wachseins noch in erhöhtem Sinne.

Diese Klarheit wird ihn im allgemeinen doch verhindern, sein Kunstwerk

auch auf dieser Stufe zu +verwechseln+ mit Gebilden der +gewöhnlichen+

äußeren Wirklichkeit.

Wohl bildet auch er es nach der Wahrheit seines inneren Erlebnisses,

gibt es also in diesem Sinne als möglichste Wahrheit auch äußerlich

— eben als Kunstwahrheit. Nicht aber als Konkurrenz und Mitspiel

noch einmal zu der gemeinen Wahrheit dort. Ich möchte sagen: je mehr

der Künstler ganz rein in sich Künstler ist, desto weniger wird

er bei seiner Kunst an Tendenzen, Zwecke, Rücksichten, Einflüsse,

Nützlichkeiten, Beziehungen überhaupt seiner Kunst im profanen Leben

denken.

Während er anderseits allerdings die echten Innenzüge seines

künstlerischen Erlebnisses selbst bald so, bald so auch äußerlich

stärker hervorkehren mag. Wie dieses Innenerlebnis gleich dem Traum

selbst bald mehr Erinnerungsstoff aus der gemeinen Wirklichkeit

belebte, bald von sich aus stärker neu gestaltend sich bewährte —

so wird er etwa als bildender Künstler auch bald mehr solche reinen

Erinnerungsbilder und unmittelbaren Abbilder selbst herauszuprojizieren

suchen, bald stärker eigenes Neumaterial. Im einen Falle wird das

Kunstwerk sich immerhin mehr Gebilden der gewöhnlichen Wirklichkeit

anähneln, im anderen entferntere eigenere und freiere Wege gehen, die

es auch äußerlich sichtbar stärker von dieser Alltagswelt scheiden.

Ich denke, man erkennt hier bereits jene beiden Züge, die in weiten

Gebieten der Kunst stets eine so gewaltige Rolle gespielt haben: den

mehr +naturalistischen+ Zug, der auch in der Kunst die Natur stärker

nachzuschaffen scheint — und den +neugestaltenden+, der auch darin

seine Sonderwelt bewährt, daß er durchweg Nieerlebtes in seiner Sphäre

erleben macht. Unsere Betrachtung wird noch auf diesen wichtigen

Gegensatz zurückführen.

Wo immer wir aber diese eigentliche Neugestaltung selbst im Kunstwerk

wirksam sehen im Gegensatz zur naturalistischen Nurneubelebung — da

treten uns auch in ihr, so scheint es, wieder besondere gesetzliche

Regelmäßigkeiten entgegen.

Die Kunst als wirkliche Neuschöpferin bleibt auch darin dem echten

Traum stets gleich, daß sie nicht bloß aneinandersetzt, sondern auch

ihre Neugebilde immer wieder zu +Einheiten+ von innen heraus zu

+beseelen+ vermag.

Wenn sie menschliche Gestalten im inneren Erlebnis schafft, die so nie

profan wirklich existiert haben, Handlungen, die sich so nie vollzogen

haben, so gibt sie ihnen doch wieder diese volle Persönlichkeit und

Lebenskraft, die (so schwer es sein mag) im großen echten Kunstwerk

auch äußerlich projiziert noch durchaus als solche auf uns wirkt.

Deshalb ergreift uns die Madonna, die so nie auf Erden gewandelt ist,

mit so absolut überzeugender Gewalt, folgen wir dem Shakespeareschen

Drama mit der ganzen atemlosen Spannung des Erlebens. Diese Schau aus

geschlossener innerer Einheit lebt aber ebenso in aller echten Musik,

lebt in jeder Säule eines Griechentempels, wirkt aus Beethoven wie aus

dem einsamen Koloß der Asphodeloswiese zu Pästum.

Man hat gelegentlich billig bemerkt, auch alle schaffende Kunst

sei zuletzt doch nur eine Stückelarbeit aus längst gegebenem

Wirklichkeitsmaterial. Das ist natürlich klar, daß sie Material

benützt, genau wie der Traum von Erinnerungen zehrt. Aber gerade

diese Betrachtung übersieht das eigentliche Wunder: daß nämlich die

Neuzusammenfügung eben wieder neue Einheiten gleichsam aus dem Urgesetz

des Lebens selbst herausbildet; Material hat auch die Natur immer

wieder verwertet und ist doch von Urzellen bis zum Menschen gekommen.

Raffaels Dresdener Madonna oder der Moses des Michelangelo mögen aus

noch so vielen verschollenen menschlichen Modellteilen aufgebaut

sein, so sind es doch nicht diese Teile, sondern es ist die neue

künstlerische Einheit, die uns als das eigentliche Meisterwunder darin

ergreift.

+Wie+ die innere künstlerische Kraft das +kann+, das ist ja wie beim

Traum wieder ihr Geheimnis. Aber daß sie es kann, erleben wir immer

wieder, und wir sehen auch, daß diese innere Einheitsschau stark genug

ist, selbst auf der Leinwand und im Marmor, also an sich dem sprödesten

Surrogat, ihren ganzen Zauber noch durchzusetzen. Wobei wir nicht

vergessen wollen, daß auch alle noch so naturalistische Kunst etwas von

dieser Einheit braucht, wenn auch sie wirklich echt sein soll — für

jedes Neuschaffen aber ist sie unerläßlich.

Zu ihr sehen wir dann, eng verknüpft, noch ein zweites treten.

In aller neu schaffenden Kunst glauben wir einen Zug zu erkennen auf

+ein Rhythmisches, ein Harmonisches+ — eine +Melodie+, wenn ich’s so

nennen soll, nach der sie ihr Selbstgeschaffenes noch einmal gegen die

gemeine Wirklichkeit korrigiert, stilisiert.

In der Musik selbst haben wir ein ganzes tiefstes Kunstgebiet,

das ausschließlich darauf gebaut ist. Aber der Geist dieses

Rhythmisch-Harmonischen waltet nicht minder in jedem kleinsten

Ornament, bis in das des zu Anfang geschilderten Lehnstuhls. Es lebt in

jedem Vers und bildet das innere Gesetz jedes Dramas mit Steigerung,

Krisis und Lösung. Es ordnet in unendlicher Feinheit (je unsichtbarer

im groben Sinne, desto besser) die Linien der Sixtinischen Madonna, wie

die der Peterskuppel.

Oft ist bemerkt worden, daß bereits über der allerersten Konzeption

jedes Kunstwerks in der Seele des Schaffenden (auch für bildende oder

dramatische Gestaltung) etwas wie solche +musikalische Grundstimmung+

zu schweben scheint — Beweis, wie tief auch dieses Rhythmische bereits

mit dem innersten Wesen aller Kunst verknüpft sein muß.

Zweifellos bildet auch zu ihm Voraussetzung jene tiefe Einheit des

Kunstwerks in sich selbst, — aber noch mit einer Erweiterung.

Jede einzelne künstlerische Gestaltung, Handlung wird vom Künstler

sogleich wenigstens bis zu einem gewissen Maße +intuitiv überschaut+.

Mit dem ersten Aufschlag ahnt er bereits den Schluß, das Ganze kann

rückwärts in die Teile hinein motivieren. Manchmal scheinen auch hier

ganz besondere Geheimnisse der Intuition zu liegen: es wirkt wie

ein Durchschauen ins Dunkle, das doch schon Richtlinien gibt. Jeder

Schaffende wird sich hier an Rätselhaftes erinnern: als stände das

Kunstwerk schon in einer anderen Dimension fertig und lenkte von dort.

Man kennt Goethes Schilderung von dem blitzhaften Auftauchen eines

ganzen lyrischen Gedichtes, das nicht Zeit läßt, auch nur den Bogen

bei der Niederschrift geradezurücken. Kennt die ungeheure Kraft erster

Erfindungsaugenblicke, wo das Ganze bereits wie Pallas Athene gerüstet

aus dem Haupte des Zeus zu springen scheint.

Der Vorgang selbst mag zu den anderen Dunkelheiten in Traum und Kunst

hingehen. Jedenfalls aber wäre jenes Rhythmische als typischer Kunstzug

wohl unmöglich ohne diese gleichzeitige Vor- und Zurückschau. Kein

geschlossenes Ornament käme zustande ohne sie, kein Reim im Vers, keine

Folge von Dissonanz und Lösung, von denen die erste erst durch die

zweite bedingt ist, in der Musik.

Das rhythmische Prinzip selbst kann man dabei sehr verschieden

beurteilen. Je nachdem man es klein nimmt oder im Größten sucht.

Wirklich bloß bei den gefälligen Ornamenten eines Lehnstuhls sucht oder

in den Klängen der neunten Symphonie und der Weltdichtung des Faust.

Man kann an ihm einfache Gesetze des besseren Wohlgefallens aufsuchen,

die uns eine geordnete Arabeske einem wirren Krackel vorziehen oder

(was selbst in die Kunstformen unserer Möbel, Fenster, Buchformate

hinein verfolgbar ist) das mathematische Verhältnis eines Rechtecks mit

Teilung nach dem sog. Goldenen Schnitt einem reinen Quadrat intuitiv

voransetzen läßt.

Man kann aber ebenso (und jede vergeistigtere Kunst fordert das

unbedingt) die wunderbare Kraft darin sehen, dem ewig Zerrissenen,

Fragmentarischen unserer gemeinen Wirklichkeitswelt die reinen Rhythmen

einer befreiten, verklärten, geläuterten Welt gegenüberzustellen. Dem

Unzulänglichen das reine Urbild der ungetrübten Form — wie Schopenhauer

in der Kunst unmittelbar den Ausdruck der Platonischen Ideen sah.

Einem Dasein voll Not das Symbol der Erfüllung unserer Sehnsucht nach

ewiger Harmonie. Den Ausdruck des Höchstmenschlichen und Göttlichen,

das sonst keine Sprache hat. Wer wollte sich solchen Gedanken entziehen

beim Anhören bis ins Tiefste erschütternder Musik, die ganz auf solchen

Rhythmen schwebt.

Bis ins einfachste Volksbewußtsein ist dafür das ursprüngliche

Fremdwort gedrungen vom „Idealisieren“ der Kunst. Das Wort hat aber

noch eine tiefste Bedeutung auch für den wahren Wert aller Kunst. Wenn

auch die echte Kunst keine Tendenz, keinen Zweck im gemeinen Dasein

haben, nicht moralisieren und „nützen“ soll, so tut sie doch auf ihrer

reinen und vom gemeinen Erdenstaube unbefleckten Höhe ständig das

höchste Werk an aller Kultur eben durch diese Schau auf das Ideal.

Es ist gewiß ein ungeheurer Weg von der schlichten intuitiven Freude

eines Papua an seinen hübschen Farbmustern und Schnitzarabesken — bis

zu diesen Ahnungen und Idealen einer höchsten Weltharmonie in Beethoven

oder Raffael. So bleibt doch, daß es nur ein Weg ist, der auch sonst

dem Heraufgang und der Vertiefung unserer Kultur entspricht, die eben

auch diese geheime Musik in aller Kunst vertieft hat. Diese Musik und

Melodie war aber offenbar von Anfang an schon in aller Kunst, sofern

sie schaffend und nicht bloß nachbildend war, gegeben. Wie ein gutes

Wort gelegentlich gesagt hat: alle Kunst (einerlei, was für ein Gebiet

sie bevorzuge) sei um so echter, je mehr sie solche geheime Musik

enthalte.

Bei alledem, sagte ich, wahrt der Mensch in seinem Kopf eine Einheit,

und auch die Kunst ist in diesem Sinne nur eine Farbe darin, die erst

scharf getrennt erscheint wie das Rot oder Blau des Sonnenspektrums,

wenn man auch diesen Menschen gleichsam unter ein Prisma stellt. Und

das allein könnte Mut machen zu etwas sonst wahnsinnig Vermessenem: —

nämlich von „+Abstammung der Kunst+“ zu reden.

In der Umrißskizze, wie ich sie eben selber gegeben, bleibt jedes

einzelne aktive Kunsterlebnis immer wieder etwas ewig „+Autochthones+“,

Selbstgewachsenes, das aus dem Unbekannten — kein Verstand begreift

zuletzt, wie — heraufsteigt. Daß wir mit dem, was wir für gewöhnlich

Verstand nennen, an die wahre Wurzel auch nur der allereinfachsten

intuitiven Kunstleistung nicht herankönnen, weiß jeder. Wir können

diese Intuition weder herausklügeln, noch herausprügeln — sie ist eben

da oder nicht da. Darin hat der Volkswitz durchaus recht, daß der

Dichter ein Mann sei, dem bisweilen etwas einfällt oder auch nicht.

Und es gibt wohl keinen noch so großen Meister, der sich nicht solcher

Augenblicke, wo das Unbekannte und Unberechenbare versagte, schaudernd

bewußt wäre.

Schließlich würde das aber doch auch auf vieles andere im einzelnen

menschlichen Geistesuhrwerk zutreffen, z. B. die Art, wie wir

Erinnerungen in uns speichern, was jener Verstand selber sei, warum

wir träumen und so fort — geschweige denn, wie es mit den berühmten

letzten Philosophenfragen über Raum, Zeit und Kausalität in uns und

mit dem ganzen Bewußtsein überhaupt stehe. Fragen, die sämtlich im

individuellen Menschen vorläufig und wohl auf lange für uns noch nicht

lösbar sind. Gleichwohl haben wir uns heute, wie männiglich bekannt,

mit gewissen allgemeinen Menschheitsfragen auch ohne das ziemlich weit

gerade ins +geschichtliche+ Gebiet vorgewagt, und, wie doch wohl nicht

zu leugnen, mit manchem guten Erfolg.

Wir haben versucht, den Menschen als Ganzes +historisch an die Natur+

zu schließen; zugestanden, daß dabei in ihm wie in der Natur selber

noch manches unklar bleibt.

Mit einem langen Indizienbeweis, der ihn zunächst einmal an einen

+langen Stammbaum der übrigen Lebewesen+ auf Erden angliederte.

Zu oberst aus einem Geschöpf, das die Kraft hatte, ein Mensch zu

werden, aber doch noch kein Mensch war. Wir werden es doch wohl ein

+Tier+ nennen müssen, und so ginge es über Tiere weiter hinunter.

Gewiß ein Indizienbeweis, aber doch ein ungemein folgerichtiger, dem

bereits alle besseren Denkkräfte unserer Kultur zuneigen.

Wenn sie in Amerika jetzt dagegen gelegentlich nach der Polizei rufen,

so bedeutet (mit Goethes Wort) dieses „Bellens lauter Schall“ doch nur,

„daß wir reiten“, und schließlich wird sich drüben wie bei uns eine

wirklich geläuterte und echte Religion auch mit diesen neuen Ideen in

Einklang zu setzen wissen.

Noch im Menschenwesen selbst sind wir dann auch ein Stück

zurückgegangen — auch da bis auf eine ziemliche Strecke Brücke weiter

hinaus. Nämlich bis zu jenen lange geleugneten, aber doch endlich

festgestellten, wenn auch in vielem immer noch recht rätselhaften

+Diluvialmenschen+, die jedenfalls noch lange vor all dem standen,

was wir bisher für Kulturgeschichte (auch mit Einschluß aller

Kunstgeschichte) gehalten hatten. Menschen, die ein großer Meister, wie

Ranke, überhaupt noch nicht sah, als er seine „Weltgeschichte“ begann,

deren Überbleibsel aber heute Museen füllen.

In beiden Fällen haben wir aber bereits etwas von einer gewissen

„Abstammung“ — einmal des bisher bekannten Menschen von einem

älteren Menschentum, dann gar des ganzen Menschen überhaupt aus

etwas Außermenschlichem, Tierhaftem — beides, wenn auch nicht wie in

unserer fingierten Erzählung bisher geradezu unter Eis, so doch einem

ungeheuren Schuttberg Alter und Unkenntnis begraben.

Unsere Märchenleute entdeckten unter ihrem Eis auch die Kunst. Wäre es

denkbar, daß auch dort schon etwas wie Kunst dabei gewesen sein könnte?

Wenn der Mensch aus der +Natur+ kam, wie die Entwicklungslehre sich das

denkt, könnte also auch in dieser Natur unter ihm schon etwas angelegt,

vorgezeichnet sein, das gerade zu seiner Kunst führte? Und wie standen

jene diluvialen +Vorzeitmenschen+ zur Kunst? Hatten sie schon so etwas

wirklich, oder lebten auch sie in diesem Punkt doch immer noch auf der

Vor- und Probierstufe?

Ich gehe zunächst ein Stück weit durch die erste Frage, wobei ich

vorausschicke, daß sie noch viel Dunkles hat. Andererseits ist aber

gerade sie auch so interessant, daß sich ein Spaziergang lohnt.

Wenn wir dauernd ernst machen wollen mit der Abstammung des Menschen,

so werden wir doch wenigstens versuchen müssen, auch mit solcher

engeren Frage, die ein so ungeheures Stück heutigen Menschentums

angeht, zu ihr heranzukommen. Zumal kein geringerer als der alte Darwin

selbst sie gleich zu Anfang mit der ganzen Unbekümmertheit seines hohen

Geistes schon angeschnitten hatte.

Die Frage lenkt zunächst über zum +Tier+ als nächstniederem Lebewesen;

sie noch über das Lebendige hinaus zu führen, also sozusagen kosmisch

zu stellen, scheint für unseren Zweck hier nicht ratsam, da sie so

schon schwer genug ist.

Und sie deckt sich dort mit einer sehr alten und sehr beliebten

Frage, die unzählige Male bereits gestellt worden ist auch in

vordarwinistischen Tagen: ob bei +Tieren+ sich nämlich schon etwas

zeige wie +Anfänge der Kunst+?

Ganze ältere dicke Bücher findet man tatsächlich bereits gefüllt

mit sinnigen Betrachtungen über die „+Kunsttriebe der Tiere+“, die

meistens schon als ungemein hoch entwickelt gefeiert werden. Danach

könnte die Frage umgekehrt sogar als sehr leicht lösbar erscheinen.

Wir hören da von den kunstvollen Bauten des Bibers und Maulwurfs, der

Ameisen, Termiten und Papierwespen, den Wundern des Vogelnestes und des

Spinnennetzes.

Richtig besehen aber ergibt sich, daß das alles gar keine „Kunstwerke“

sind, sondern höchst praktische Nützlichkeitsbauten, also gerade das,

was wir beim Menschen als ganz ausgesprochenen Gegensatz von der Kunst

abschalteten.

Wenn wir schon vergleichen wollen, müssen wir also eine viel engere

Auslese treffen, die ans wirkliche Kunstgebiet grenzen könnte. Auch

dafür scheint ja nun einiges zu sprechen.

Ich sagte, die Kunst habe stets einen Bezug zum Phantasieleben des

Traums. Daß Tiere Erinnerungen bewahren, bestreitet niemand, es scheint

aber durchaus, daß solche auch bei ihnen bereits im Schlaf zum Traum

belebt werden können. Hunde knurren, setzen zu Heulen und Bellen an im

Schlaf, zucken mit den Beinen und dem Schwanz. Ähnlich Pferde. Auch von

Vögeln wird Entsprechendes berichtet.

Man wird solchem träumenden Tier nicht die Anfänge des

Phantasievermögens absprechen wollen, das sehr wahrscheinlich doch

auch schon neu aufbaut. Wenn es irgendeine Stelle gibt, in die man gern

hineinsähe, wäre es gewiß solches träumende Tiergehirn. Nur ist leider

die „geistige Röntgentechnik“ noch nicht dazu erfunden, und mit dem

angeblichen „Briefeschreiben“ der Hunde ist es trotz des Wunderhundes

der Frau Moekel und der ehrlichen Begeisterung des jüngst verstorbenen

Professors Ziegler in Stuttgart doch noch so eine Sache oder, besser,

es ist nicht jedermanns Sache.

Phantasie äußert sich wohl auch beim Spiele der Tiere, soweit es

nicht bloß ein Vorproben des Jungtieres auf noch nicht klar geweckte

Instinkte ist. Wobei übrigens gerade mit diesem Worte Spiel für unsere

Menschenseite wieder Vorsicht zu üben ist. Ich erwähnte, alle Kinder

kämen mit einem Künstlerzug zur Welt, aber die echte Kunst ist deswegen

kein Kinderspiel, das mit einem nichtssagenden Wort wie „Spieltrieb“ zu

erledigen wäre. So wenig wie diese Kunst (um es noch einmal zu sagen)

ein wirklicher Luxus ist.

Ergiebiger scheint unser Gebiet dann zu werden, wenn wir an den

+rhythmischen+ Bezug aller Kunst denken.

Jeder schwärmt vom Schlag der Nachtigall mit seinem unverkennbaren,

in Strophen wiederkehrenden Rhythmus, vom „Gesang“ der Amsel. Und

die kleinen, aber dauerhaften „Musikanten“ vom Typ Grille, Laub-

und Feldheuschrecke werden wir zwar nicht für bedeutende Virtuosen

erklären, aber es wirkt doch besonders musikähnlich, wenn gerade

sie je nachdem bald mit dem einen Flügel auf dem anderen oder dem

Hinterschenkel gegen solchen Flügel regelrecht geigen und dazu schon

richtige körperliche Apparate führen. Ja, der Specht, indem er

Dürrholz zum Schwirren bringt, stellt gar auch schon ein äußerliches

Musikinstrument in primitivster Form her.

Hier mischt sich aber sogleich der Gedanke ein, inwiefern (was auch auf

jene Nutzbauten zugetroffen hätte) dabei fest eingefahrene angeborene

Triebe, d. h. sog. tierische +Instinkte+, in Frage kommen könnten.

Ich habe in meinem früheren Kosmosbändchen über „Tierseele und

Menschenseele“ ausführlich entwickelt, was das an und für sich noch für

ein schweres Gebiet zwischen Tier und Mensch ist, voll Fallgruben und

Stacheldrähte einstweilen für unsere Erkenntnis.

Jedenfalls kann die Kunst im Menschen, wenn sie auch durchweg eine

gewisse triebhafte Unterschicht hat, doch in ihrem eigentlichen und

oberen Stockwerk unmöglich für einen solchen Instinkt gelten.

Man sieht, es stellt sich bei solchem kursorischen Durchgreifen des

Terrains manches dafür und manches dagegen, und das dürfte wohl zu

einer etwas systematischeren Allgemeinbetrachtung locken.

Das Kunstwerk des Menschen hat nicht nur die starke persönliche Note,

sondern überall auch die +geistige+. Im Tier unterhalb des Menschen

wissen wir aber, wie erschreckend rasch dieses Geistige überhaupt für

uns undeutlich wird. Wir sehen bald überall nur noch auf die äußere

Maschine. Gewisse Beurteiler meinen deshalb, das Tier sei wirklich bloß

eine Maschine, was ich an und für sich für ziemlich unsinnig halte.

Aber die Schwierigkeit wird niemand ernsthaftes leugnen, aus all den

zunehmenden reinen Maschinengeräuschen noch die Stimme eines so zarten

Dings, wie Kunst, wirklich herauszuhören.

Also ich meine, man wird zunächst einen Umweg wählen müssen, um etwas

näherzukommen.

Kunst und reiner Daseinskampfnutzen sind (unbeschadet der oben betonten

letzten Einheit) für uns straffe äußere Gegensätze. Aber wenn man

schon einmal den Menschen aus dem Tier irgendwie entwickelt nimmt und

den Tieren selber eine lange Eigenentwicklung zuerkennt, so kann es

doch auch für unser Problem immerhin lehrreich sein, etwas von dem

Wege sich zu vergegenwärtigen und als Vergleich anzuziehen, den dieser

+praktische+ Nutzen in jenem großen Stammbaum genommen hat. Wie der

ganze Maschinenbegriff ja eigentlich aus ihm stammt, so hat sich dieser

Weg gerade bei ihm auch sehr glücklich in jenem äußerlich Maschinellen

der Lebewesen ausgeprägt und kann also weit sicherer und bequemer dort

abgelesen werden, als alles tiefer Vergeistigte.

Da sehen wir denn sehr deutlich auf +drei Stufen+ dieser Nützlichkeit

im tierischen Stammbaum bis zum Menschen herauf. Darwin selber hat auch

sie bereits seinerzeit klar aufgezeigt.

Zuerst ergreift die Nützlichkeit das +Organ+ am Körper des Tieres.

Sie baut Flossen, Flügel, Schuppen, Augen, Kiemen, wer weiß was

alles für wohlangepaßte Nutzorgane der praktischen Brauchbarkeit im

Daseinskampf.

Dann, als +ein+ Organ in der Einheitlichkeit des Tierkörpers allmählich

zu dominieren beginnt, das Gehirn, baut sie in dieses Gehirn als

nächsthöhere Station gewisse feste +Triebe+, +Instinkte+ ein, die

gewissermaßen von einem oberen Stockwerk jetzt entsprechend auf Nutzen

weiterleiten.

Endlich — auf dritter Stufe —, indem dieses Gehirn zur +Intelligenz+

übergeht, ersetzt diese auch die starren, vererbten Instinkte durch

persönliche Wahl des Nützlichen, — während zugleich an das Organ von

dieser Intelligenz das Werkzeug geschlossen wird. Diese dritte Stufe

ist bereits der Mensch selbst.

Es läge nun nahe, alle drei Stufen, die offenbar in tiefen allgemeinen

Entwicklungsdingen geboten gewesen sein müssen, auch +auf die Kunst

anzuwenden+, natürlich jetzt ohne Nützlichkeitsbezug.

Ob auch die Kunst (oder was schließlich bei uns Kunst werden sollte)

eine erste Stufe des rein Organischen durchgemacht haben könnte, eben

nicht verkörpert dort in den Schutz- und Nutzorganen, sondern nebenher

und besonders, aber doch schon mit eigener Marke. Auch sie könnte dann,

bereits an das Gehirn angeschlossen, vielleicht eine höhere Station

wirklicher, wenn auch noch starrer Kunsttriebe durchgemacht haben. Bis

auch sie sich endlich im Menschen befreit hätte zum Anschluß an die

Persönlichkeit und zugleich äußerlich schaffend durch Benutzung des

Werkzeugs.

Über den geistigen Betrieb wäre auf der ersten Station wohl schwerlich

etwas zu sagen, wir hätten auch hier nur die äußere Maschinenschau.

In der Gegend des Instinkts würde das Geistige doch wohl schon in

der Maschine bedingt merkbar. Die volle Vergeistigung im Menschen

bedarf keines Worts, falls nicht auch da bei jenen besagten uralten

Diluvialleuten noch engere Schlußstufen interessant werden sollten.

Ich will mit möglichst vorsichtigem Wort in die Analogie hineingehen,

nicht, weil sie schon überall vollkommen klares Licht aufsteckte,

aber weil sie geeignet erscheint, allerlei, was heute gelegentlich

als Einfall, Wort und Frage herumschwirrt, zunächst einmal fest zu

inventarisieren.

Mindestens zwei feste Fragen ordneten sich auch hier hinein in das

Gebiet noch unterhalb des Menschen.

Gibt es auf der Stufe der rein körperlichen organischen Formenwelt, wie

es massenhaft dort Nützlichkeitsorgane gibt, so auch schon irgendwelche

organischen Andeutungen, die an etwas in unserer Kunst erinnern

könnten, ohne Zufall zu sein?

Und gibt es auf der Instinktstufe schon wirkliche Kunsttriebe, die

auch hier das spätere echte künstlerische Erleben und Schaffen bereits

triebhaft starr vorweg nähmen?

Die erste Frage ist, so gestellt, ersichtlich keine andere, als die

bereits oft erörterte: ob es tatsächlich sog. „+Kunstformen der Natur+“

gibt. Und zwar nicht als Spielerei, sondern mit dem Ernst, den eine

wissenschaftliche Betrachtung fordern darf.

Das Wort stammt wohl zuerst von Haeckel. Geht auf sein allbekanntes

Bilderwerk, in dem er, unterstützt von seinem Mitarbeiter Giltsch in

Jena, viele Hunderte tierischer und pflanzlicher Objekte rein unter

dem Gesichtspunkt zusammengestellt hat, inwiefern ihre natürliche

Körperlichkeit in Form und Farbe uns als „schön“ erscheinen könnte. Das

Werk hat wenig mit Haeckels polemischen Schriften zu tun und bietet

seinen eigentlichen Gegnern also kaum einen Angriffspunkt.

„Schön“ ist dabei nicht so zu verstehen, wie etwa eine Landschaft durch

allerlei verwickelte Bezüge in uns Stimmungen des Idyllischen oder

Romantischen oder Erhabenen auslöst.

Diese tierischen und pflanzlichen Körper und Körperteile der reinen

Organstufe sollen vielmehr unmittelbar durch ihre eigene +symmetrische,

harmonische, rhythmische Anordnung+ im Sinne eines Ornamenten- oder

Farbmusterschatzes im Anklang an menschliche Kunst wirken, und es wird

sehr schwer zu leugnen sein, +daß+ sie so wirken.

Sie haben, um einen früher gebrauchten Ausdruck mit Absicht zu

wiederholen, fast alle die entschiedene Marke einer „+inneren Musik+“.

Ganz im Sinne eines menschlichen Kunstwerks sind auch sie nicht von

außen zusammengestoppelt, sondern verraten eine innere Einheit,

darin eben typisch „organische“ Gebilde, Lebenswerk — bloß in all

diesen echten Fällen auch noch eingestellt auf die charakteristische

Gliederung der Teile aus dem Ganzen im rhythmischen Effekt.

Je nachdem sind bald nur symmetrische Formen, bald auch Farben in diese

„innere Musik“ aufgenommen und ihrem ornamentalen Gebot unterstellt.

Eine Zufallswirkung erscheint vollkommen ausgeschlossen.

Auch helfen nicht Einzeldeutungen etwa auf rein chemischen Anlaß oder

Kraftüberschuß oder was man sonst noch versucht hat, denn es wird nicht

bezweifelt, daß alles auch hier irgendwie natürlich zugehe; was aber

zur Frage steht, ist die aus tausend organischen Ecken und Lagen immer

und immer wieder eindeutig durchbrechende +rhythmische+ Anordnung der

Gestalt.

Gegen den Zufall spricht schon die Fülle nach verschiedenster

Variante, aber stets dem gleichen rhythmisch-ornamentalen Grundgesetz

gebauter Objekte — es sollte aber, meine ich, ebenso entschieden

bereits die wirklich genaue Betrachtung auch nur eines einzigen

guten Beispiels widersprechen. So wenig über die objektive Kunstform

einer korinthischen Säule ein Zweifel sein kann, so hier über eine

rhythmische Gestaltung des Organischen.

Die Haeckelschen Bildertafeln geben selbst nur eine verschwindende

Auslese des in der Natur nach dieser Seite Vorhandenen. Sie sind

gelegentlich, wie das Haeckels Art war, ein klein wenig aufgearbeitet

für den populären Zweck, um das zu Sehende möglichst deutlich zu

machen, was ja für den Anfänger immer sehr wichtig ist. Jeder, der die

Naturobjekte selbst kennt, vergleichen und erweitern kann, weiß aber,

wie weit immer noch menschliche Beispielwahl und Wiedergabe hinter dem

verschwenderischen Reichtum der Wirklichkeit zurückbleibt. Man kann

hier in Wahrheit gar nicht übertreiben, die Natur überbietet immer

noch. Die reine Ornamentalschönheit z. B. auf Schmetterlingsflügeln zu

übertreffen, sollte auch dem berufensten Künstler schwer werden.

Haeckels Werk ist (aus einem fast drolligen Eigensinn, der ihm die

Entomologen verhaßt machte) gerade nach dieser Schmetterlingsseite

äußerst unvollständig, man muß schon die neuen Prachtbände der großen

Monographie von Seitz zu Hilfe nehmen, die zugleich den Vorteil haben,

streng wissenschaftlich genau und doch auf Schritt und Tritt beweisend

zu sein.

Mit Recht aber hat gerade Haeckel darauf hingewiesen, daß diese

„Tendenz“ rhythmischer Gestaltung bereits auf den niedrigsten Stufen

organischer Körperbildung mit einer wenigstens nach Seite der reinen

Grundformen kaum mehr zu überbietenden Kraft und Fülle einsetzt.

Durch ihn sind als Musterleistung (die ihn selbst zugleich auf das

ganze Prinzip gebracht) die Radiolarien berühmt geworden, einzellige,

fast mikroskopisch winzige Urtierchen von tiefster Stufe des

tierischen Systems, die durch unendlich verwickelte Verkieselung ihrer

Körpersubstanz in jeder ihrer mehrtausend Arten eine andere fast

mathematisch regelmäßige Ornamental-Kunstform hervorbringen. (Was man

neuerlich über die Einzelheiten der Bildung ermittelt hat, führt auch

hier auf allen Umwegen wieder auf das zentrale Problem des Rhythmus

selbst zurück.)

Die Abstammung der Kunst · 第 1 / 6 段