III. Der Weg der Gotik

Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, desto mehr fließen

dem anschauenden Geiste das religiöse Gefühl und der künstlerische

Bildungstrieb ineinander. Heute sind Kunst und Religion ja so streng

getrennt, daß sie sich kaum noch in konventioneller Weise finden

können, und daß man schon auf einzelne Künstler blicken muß, um zu

verstehen, wie jeder elementaren Formschöpfung eine religiös gefärbte

Bewegtheit der Seele zugrunde liegt. Ursprünglich aber war die Kunst

eine Schöpferin von Formen, mit deren Hilfe die Gottheit angebetet

wurde. Und diese Formen nahmen wie von selbst immer gotischen Charakter

an, weil sie heftigen Affekten, weil sie dem Leiden der Kreatur

entsprangen. Alle Kunstformen der vorgeschichtlichen Menschen -- auch

die wilden Völker können ja in gewissem Sinne als vorgeschichtlich

bezeichnet werden -- haben diesen gotischen Leidenszug. Der

vorgeschichtliche Mensch dachte bei seiner künstlerischen Tätigkeit

überhaupt nicht an den Menschen, er schuf nicht für seinesgleichen,

wollte nicht erfreuen, nicht unterhalten oder dekorieren, sondern er

wandte sich ausschließlich an die dunklen Gewalten. Mit Furcht, Grauen

und Begierde. Er forderte mittels der Kunstform, er sicherte sich mit

ihrer Hilfe, er beschwichtigte damit die ewig über ihm hängende Drohung.

Ein ungemein wertvolles Material bieten nach dieser Richtung die

in den letzten Jahren entdeckten Höhlenmalereien prähistorischer

Menschen. Man hat im wesentlichen Tierzeichnungen gefunden, die mit

spitzen Werkzeugen in die Felsenwände geritzt und dann mit den wenigen

erreichbaren Ockerfarben getönt worden sind. Als diese Zeichnungen

bekannt wurden, ging eine große Verwunderung durch die Welt. Sie

galt der ungemeinen Sicherheit, womit die Gestalten und Bewegungen

der Tiere charakterisiert und auf die Grundelemente zurückgeführt

worden sind. In das Dunkel, wie diese Kunstgebilde entstanden sind,

fällt ein Licht, wenn man erfährt, daß die Zeichnungen nicht die

Höhle haben schmücken sollen -- denn sie sind oft in verschiedenen

Lagen übereinander angebracht und finden sich auch in den engsten

und dunkelsten Winkeln und Spalten, wo der Zeichner nur mit einem

brennenden Kienspan und in unbequemer Lage hat arbeiten können --,

sondern daß sie sich als Beschwörungen der „Medizinmänner“, die damals

in einer Person Priester und Künstler gewesen sein müssen, darstellen,

daß sie den Zweck verfolgten, den Jägerstämmen die Nahrung zu sichern.

Es muß der Glaube geherrscht haben, das Abbild eines Tieres habe die

Kraft, dieses selbst zu sich hinzuziehen. Die Zeichnungen müssen

Äußerungen sein des sogenannten Totemismus, magische Formeln, die

darauf abzielten, die umliegenden Jagdgründe zu bevölkern. Das würde

auch den mystisch gesteigerten Naturalismus der Form erklären. Ein

heftiger Wille wollte sich einen Teil der Natur unterwerfen. Es handelt

sich offenbar um Gedächtniszeichnungen von Jägern, um Erinnerungsbilder

von Menschen, die die Form direkt aus der Natur nahmen, sie zugleich

aber durch ein heftiges Verlangen subjektiv steigerten und einem

Kultus dienstbar machten. Diese frühesten Kunstformen entsprechen

den sinnlich-übersinnlichen Tänzen, die ebenfalls einen beschwörenden

Charakter hatten. Da sie einen Zwang ausüben sollten, sind sie nicht

ins Gefällige geraten, sondern ins charakteristisch Monumentale. Und

dieses eben verleiht ihnen den gotischen Zug. Diese uralte Kunst stellt

sich dar als ein Ausfluß innerer Unruhe; sie wendet sich unmittelbar an

die Dämonen, es ist eine Kunst des Dunkels und doch auch wieder eine

Kunst, die auf einer höchst lebendigen Anschauung der Natur beruht.

Zwischen diesen vorgeschichtlichen Höhlenmalereien und den

künstlerischen Äußerungen der wilden Völkerstämme besteht, wie auch

die Ethnographen bestätigen, eine grundsätzliche Ähnlichkeit. Sie ist

festzustellen, wenn man die Kunstformen der Neger und Südamerikaner,

der Buschmänner und Eskimos, vor allem die Kunst der Jägervölker

untereinander und mit den Reproduktionen von Höhlenmalereien

vergleicht. Zwar finden sich bei den wilden Völkerschaften

der geschichtlichen Zeit auch Kunstformen, die einem reinen

Schmuckbedürfnis dienen; selbst Schmuck und Putz aber weisen dann noch

darauf hin, daß die Form ursprünglich aus einem inbrünstig betriebenen

Fetischismus stammt. Die geschnitzten Götzenbildnisse wirken immer noch

wie eine zur Raumform gewordene Beschwörungsformel. Es ist ein Irrtum,

wenn man diese Plastik mit einem Mangel an Können erklären will.

Positive Formen lassen sich nicht negativ erklären. Natürlich spricht

das Unvermögen mit; das Entscheidende ist aber der einseitige Strom

des Willens. Das Wesentliche der Form besteht darin, daß sie mit einer

tragisch anmutenden Naivität begriffen worden ist. Mit ungebrochenem

Nachdruck wird z. B. das Konkave empfunden, ebenso unbedingt stellt

sich das Konvexe dagegen, und so rundet sich plastisch ein Kopf, der

über alles Schreckliche, Groteske und Karikaturhafte heraus von einer

gewissen erschütternden Großheit ist. Da der Ausdruckswille stark ist,

stellt sich wie von selbst auch die formale Wirkung ein. Es ist nicht

ein Formales im Sinne einer anmutigen Schönheit, sondern ein Formales,

das die Empfindungen aufrührt, das mit Geheimnis und Drohung beschwert

ist und das aus einem starken Erleiden des Lebens hervorgeflossen ist.

Es ist eine Form im Geiste der Gotik, ein Ornament des Willens, eine

Arabeske der Leidenschaft.

* * * * *

Eine menschenferne Inbrunst der Anbetung hat auch gestaltend hinter den

Formen der ägyptischen Kunst gestanden, obwohl diese auf einem ganz

anderen Niveau steht und an das Höchste rührt, was Menschen gestaltet

haben. Vom Stilpsychologen wäre vor allem die Frage zu beantworten,

wie es kommt, daß die Formen der ägyptischen Kunst, die wie unter

heftigen Zwangsvorstellungen immer wieder spontan entstanden zu sein

scheinen, sich zugleich einer mehrere Jahrtausende währenden Konvention

gehorsam gefügt haben. Die ägyptische Form gibt sich ruhig bis zur

Starrheit; aber es ist eine Ruhe voll gewaltsamer Spannung, voller

Schwermut und Grauen. Selten hat sich der Geist der Gotik unbedingter

und größer im Plan offenbart, als in den Pyramiden -- sie wirken wie

stilisierte Berge --, als in den mit titanischem Formgefühl aus dem

gewachsenen Felsen gehauenen Riesenfiguren, in denen die Stimmung

der Wüstenlandschaft verdichtet erscheint und die mit einer solchen

höheren Wirklichkeit dastehen, daß die lebenden Menschen zu ihren Füßen

ganz kurios anmuten. Gotisch wirken die glatten, nicht einmal durch

Fugen aufgeteilten Mauern der Tempel, die den Eingang festungsartig

flankierenden Pylonen, die mit kühner Abstraktionskraft gezeichneten

Reliefs an Wand und Säule und die wie mit stummer Drohung blickenden,

in sich verschlossenen Gestalten der Plastik. Aber dann führt der

Weg durch Säulenhallen mit wagerecht lagerndem Gebälk, und man weilt

in einer Formenwelt, woran auch der griechische Geist großen Anteil

hat. Auch dieses Griechische ist noch gotisch, was die einzelne

Säule in ihrer Vertikaltendenz und mit ihren wuchtigen Formen, was

die monumentale Gliederung der Gesimse beweisen; aber es ist doch

die griechische Ordnung da, der griechische Ausgleich von Last und

Stütze, der Sinn für das Logische, Vernünftige und Diesseitige. Die

ägyptische Kunst löst das Problem, in einem übersinnlich und weltlich

repräsentativ zu sein, sie ist sowohl barbarisch wie kultiviert.

Der Fürst war zugleich oberster Priester; die Religion ist eine

Sache des Staates geworden und gibt sich orthodox. Der Mensch betet

immer noch an mittels der Kunstform, doch ist das Gebet auch eine

große Geste nach außen. Die Kunst opfert der unsterblichen Seele der

Abgeschiedenen, aber es werden die Opfer auch mit einem gewissen

weltlichen Machtstolz dargebracht. Die religiöse Ergriffenheit hat

sich so oft und so lange in denselben Gedankengängen bewegt -- weil

dem wie auf einer Wüsteninsel lebenden Volke von außen nie ein

Zweifel, eine Störung kam --, bis die Gedankengänge schließlich die

Kraft ewiger Gesetze angenommen haben. Daher die seltsame Mischung von

gotischer Unruhe und griechischer Beruhigung. Das Leiden hat sich in

Fatalismus verwandelt. Das Gotische in der ägyptischen Kunst ist ein

Wille, der Kolossalität erstrebt, der die Form kantig macht, sie wie

auf letzte Formeln zurückführt und das äußerlich Ungeheure auch zu

einem innerlich Ungeheuren macht. Gotisch ist der leidenschaftliche

Trieb eines ganzen Volkes zum Symbol, ist die Gesinnung, woraus jene

Statuen hervorgegangen sind, die nicht ein Handeln oder ein Begehren

ausdrücken, sondern die mit erhabener Melancholie wie in sich selbst

versunken sind und, über alles Leben hinweg, ins Grenzenlose zu

blicken scheinen. Gotisch ist endlich die Stimmung eines starken

Sündenbewußtseins. Wie eine Unterströmung fließt überall aber auch

griechischer Geist. Nicht zufällig mündet diese Kunst aus in den

alexandrinischen Kolonialformen, nicht ohne Ursache ist sie stellenweis

ohne harten Übergang in die dorische Form übergegangen. Die mächtige

Vertikaltendenz ebbt ungezwungen ab zum Horizontalen, aus hieratischer

Frontalität und marionettenhafter Reliefstrenge der Gestalten bricht

eine Anmut hervor, daß es oft ist, als hebe die Form leise den Fuß

zum Tanz; der Rhythmus wird gefällig, das Naturgefühl objektiver und

die Modellierung sinnlicher. Nie sind mit größerem Sinn die beiden

Formenwelten einander angenähert worden. Afrika, Asien und Europa

sind gleicherweise in dieser Kunst; wie sie mit ihren Formen in der

Folge denn ja auch mehrere Weltteile gespeist hat. Zwischen ewiger

Unfruchtbarkeit und exotischer Fülle, zwischen Wüste und Oase ist

diese Kunst geworden; sie starrt ins Nichts und ist zugleich mitten

im blühenden Leben, sie ist asketisch und auch voller Animalität: sie

steht ganz im Zeichen der Sphinx. In ihr ist die Brunst der Natur,

ein erhabener urweltlicher Spuk und auch geistige Freiheit. Sie setzt

Millionen fronende Sklavenhände voraus; während Fürsten und Priester

sich aber der Sklavenheere bedienten, um Machtsymbole zu schaffen,

verkörperte sich in der Form unversehens das Genie des Sklaventums. --

Eine ähnliche Stimmung ist in der babylonischen Kunst. Auch dort

wächst griechischer Geist heran auf dem Boden einer grandiosen

gotischen Gesinnung. Der Gedanke des Turms von Babel, von dem die

Legende berichtet, ist ganz ein gotischer Gedanke; und die Idee der

Stufenpyramide, die auf ihrer Spitze das Allerheiligste trug, um damit

dem Himmel nahe zu sein, entspricht dem gotischen Drang zu türmen. In

den bekannten assyrischen Reliefs kündigt sich in der Modellierung

der Glieder die griechische Objektivität an; der unerbittliche

Parallelismus, der heftige monumentale Naturalismus der Komposition

aber weisen auf gotisches Temperament. Wie man denn wohl allgemein

sagen darf, daß die semitische Rasse ihrer ganzen Anlage nach der

heftigen Form zuneigt. Ihr ist die spekulative Inbrunst eigen, die

Schonungslosigkeit gegen sich selbst und jenes Genie des Leidens, die

Voraussetzungen einer gotischen Geistesanlage sind.

* * * * *

Was in dieser Geistesanlage problematisch ist, offenbart sich

nirgends stärker als in der indischen Kunst. Dort ist die Form

zugleich gewaltig und unklar. Von den über Gräbern und Reliquien

errichteten pyramidenförmigen Bauten bis zu den Pagoden, deren

Konturen Raketenbahnen gleichen, von den Monolithen, die deutlich als

Phallussymbole erkannt werden, bis zu den minarettartigen Türmen,

die erst unter mohammedanischer Herrschaft gebaut worden sind:

überall erhält sich der Eindruck, daß die Form im Banne einer dunkeln

Dämonologie steht, daß sie immer mehr ausdrücken sollen, als Raumformen

es eigentlich können. Mit unheimlichem Nachdruck, die Bewegung durch

eine rippen- und rillenförmige Plastik noch steigernd, schießen

eng beieinanderstehende Pagoden aus dem Boden, wie Siedelungen von

Riesenpilzen; stufenförmig sind dann wieder Pyramidentürme steil

hinaufgeführt, die an der Spitze in kostbaren Tempelgebäuden enden und

die mit einer solchen Fülle von Form bekleidet sind, daß es Flächen

nicht mehr gibt, daß man vor lauter Gliedern nicht mehr den Körper

sieht: eine Vereinigung urwüchsiger Kraft mit barockem Überschwang.

Die Tempelbezirke, die „heiligen Hügel“, gleichen ganzen Städten mit

Mauern und Toren; Gebäude erhebt sich neben Gebäude, Turm neben Turm,

alle Formen streben, zielen, züngeln nach oben, beseelt von einem fast

hysterischen Höhendrang. Oder es bohren sich die Tempel basilikaförmig

ins Gebirge; man betritt sie durch Türen, die wie offene Rachen von

Ungetümen gebildet sind, und wird im Innern von seltsam profilierten

Gewölben, von gedrückten, massigen, untersetzten Formen empfangen, die

in anderer Weise wieder die Seele in Unruhe, Bangigkeit und Schrecken

versetzen. Was an Einflüssen griechischer Art sichtbar wird, wo der

bauende, meißelnde und malende Sinn versucht hat, Glieder und Gelenke,

Kapitäle, Konsolen, Gesimse und Säulen zu bilden, wo Formen verarbeitet

sind, die auf alten Handelswegen vom Abendland eingeführt wurden --

das alles ist abgeirrt zum Grotesken und Gebrochenen. Kein Bauglied

ist eigentlich funktionell, jedes einzelne ist symbolisch; aber es ist

symbolisch mehr in einem dichterischen als in einem architektonischen

Sinne. Alles ist gewaltsam und materialwidrig geschweift, gekuppelt

und vielfach bewegt übereinander gefügt; überall gewittert die

Kolossalität, ja die Monstrosität, ein Grauen geht von der schwülstigen

Form aus -- aber diese Form hat auch die künstlerische Kraft, das ganze

Leben in ein Märchen zu verwandeln. Die indische Kunst ist mit allen

Instinkten eine Sakralkunst. Wie die Naturkräfte in der Vegetation des

Landes zu kochen und in der Tierwelt mit zusammengedrängter Phantasie

zu arbeiten scheinen, so kreist eine tropische Urkraft auch in den

Formen der Kunst. Lapidar und ausschweifend ist die Form in einem,

spekulativ vergrübelt und brünstig; sie zittert vor Erotik und ist

zugleich philosophisch lehrhaft. Ihr fehlt straffe Konzentration, sie

fließt hier auseinander, und ballt sich dort zusammen. Alles Getier des

Landes erscheint an den Tempelwänden, daneben reiche Pflanzenmotive,

Konsolen und Gesimse, auf denen groteske Gestalten hocken, Reliefs und

Rundplastiken, Nischen und Türmchen, Pfeiler und Säulen, Balustraden

und Maßwerk -- nirgends ist ein freies Plätzchen, es wimmelt auf der

Tempelwand die Form, wie der Urschleim von werdender Gestalt wimmelt.

Wie von selbst drängen sich Vergleiche auf. Romanisches scheint in

der Form zu sein und Barockes, man denkt an die Dekorationslust der

Frührenaissance, an ägyptisches und an das chinesische Rokoko; aber

bei aller Fülle bleibt die Kunst fragmentarisch. Ihr ergeht es wie

jener arischen Rasse, die von den nordwestlichen Bergen zu den Gefilden

Indiens einst erobernd herabgestiegen ist und von der die ganze

Bevölkerung Europas ihre Herkunft ableitet: in den Kindern erst ist zur

Besinnung gekommen, was in der Mutter noch schlief. Alle europäische

Philosophie und Religion weist auf das mythenreiche Indien; so weist

auch vieles in der europäischen Kunst auf die ganz vom Geiste der Gotik

erfüllte indische Form -- auf das indische Formlabyrinth, das unter dem

Druck einer ungeheuren Lebensverantwortung entstanden zu sein scheint.

Übersichtlichkeit und Gliederung kommt erst mit dem islamitischen

Einfluß in die indische Kunst. Aus der Durchdringung geht eine

klarere, zierliche Romantik hervor. Mit hundert Erkern baut sich eine

Fassade auf, so daß die Straße wie mit tausend Augen angesehen wird.

Mit graziöser Bestimmtheit steigen nun die heiligen Türme empor,

von märchenhaft reich gemeißelten Kranzgesimsen und Balustraden

stockwerkartig geteilt. Neben dem Buddhatempel erhebt sich die Moschee

und der mehr griechisch gegliederte Gräberbau. Die Formen werden mehr

tektonisch, das Ornament sinkt in die Fläche hinein, der Charakter

der Bauwerke wird heiterer und weltlicher in dem Maße, wie Allah

über Buddha siegt. Auch jetzt bleibt noch ein gotischer Grundton

-- wie ja die ganze islamitische Kunst, vom Morgenland bis tief

hinein nach Spanien, immer reich gewesen ist an Zügen einer gotischen

Ausdruckslust; aber die Problematik ist überwunden. Ein Eroberervolk,

das leicht im Sattel war, hat die einer ausschweifenden Phantasie

hingegebene Rasse der Inder nicht nur mit dem Schwert besiegt, sondern

auch kulturell.

* * * * *

Eigenartig ist der Anteil, den der Geist der Gotik an der Kunst

Ostasiens hat, deren Mutterland China ist. In der chinesischen Kunst

erkennt man zwei verschieden gerichtete Tendenzen, die sich aber

gut vertragen, ja, sich sehr eigenartig zu einem Stilorganismus

verbunden haben. Die Baukunst wird beherrscht von entschiedenen

Horizontaltendenzen. Die Gebäude breiten sich durchweg flach aus, die

Bauweise ist leicht, dem Material fehlt die zur Monumentalität nötige

Schwere, der Grundriß ordnet die Räume nebeneinander und bringt sie auf

klare Achsen. Wo sich mit entschiedener Vertikalbewegung die Pagoden

erheben, da handelt es sich im wesentlichen um indischen Einfluß, der

zugleich mit dem Buddhismus eingedrungen ist. Auf der andern Seite

gibt sich nun aber ein fast zügelloser Wille zum Ornament kund, die

Lust an einer eigenwilligen, naturalistisch abstrakten Dekoration.

Dieser Überschwang und der fast frugale Sinn in allem rein Tektonischen

widersprechen sich im Grunde, und die Folge ist ein Kompromiß. Ein

Kompromiß, der dem Chinesen aber nicht zum Bewußtsein kommt. Die Folge

ist, daß der Geist der Gotik in der chinesischen Kunst nicht monumental

auftritt, sondern mehr im ästhetischen Spiel. Er gibt sich eigentlich

nur in den Einzelkünsten zu erkennen, in der Malerei, der Plastik, dem

Kunstgewerbe: er ist im Baudetail, nicht im Ganzen der Baukunst. Man

versteht am besten, wie die Mischung zustande gekommen ist, wenn man

sich das europäische Rokoko, dessen gotische Freiheit auf dem Boden

einer klassizistischen Baukunst herangewachsen ist, im Raum und in der

Zeit vervielfältigt und gesteigert denkt. Auch die geistige Disposition

ist hier und dort verwandt. Das religiöse Gefühl des Ostasiaten

scheint letzten Endes auf einer dunkeln Dämonologie zu beruhen, auf

dem Glauben an Naturgottheiten und auf Ahnenkult. Die philosophische

Mystik des Buddhismus konnte Einfluß gewinnen, weil die Seele des

Chinesen dafür bereit war. Auch in seinem Gemüt wohnt das geheime

Grauen, auch seine Religiosität hat den Leidenszug und ist eben darum

aggressiv und heftig. Zugleich aber ist der Chinese von einer feinen

natürlichen Klugheit, die ihm Mäßigung und Überlegenheit gibt; er ist

auch ein kultivierter Verstandesmensch, ein philosophischer Moralist

und als solcher ein Skeptiker von Natur. Neben Buddha, ja über Buddha

gar stellt er Laotse und Konfutse, die beiden großen Nationalweisen.

Auch deren Weisheitssprüche haben für ihn die Kraft religiöser

Grundsätze. Der Chinese ist ein Weisheitsfreund, der in der Phantasie

mit Naturdämonen verkehrt. Wie die Detailform an das Rokoko erinnert,

so hat die geistige Verfassung eine gewisse Ähnlichkeit mit der der

Enzyklopädisten des achtzehnten Jahrhunderts. Dieser geistreiche,

philosophische Intellektualismus hat dem religiösen Sinn der Chinesen

das Revolutionäre, das Fanatische genommen, er hat das religiöse

Gefühl temperiert; und damit ist auch die Gebärde der Kunst, die Form,

anmutig geworden, alles urweltlich Heftige hat sich in nationale

Eigenwilligkeit verwandelt, das Elementare ist kokett geworden, der

Drang zum Unbedingten ist spielerisch, das Groteske kostbar, das

Hieratische graziös und die Fülle raffiniert geworden. Das Gotische

wird von einem ganzen großen Volke Jahrtausende hindurch als eine Art

von Zopfstil erlebt. Die gotische Form tritt nicht in Bauwerken oder

groß modelliert auf, sondern mehr ziseliert, geschnitzt, gezeichnet und

gemalt. Eine Fülle von Phantastik, Romantik, Naturalismus, Abstraktion

ist in dem Formgekräusel der Ornamentik; aber es überschreiten diese

Eigenschaften niemals doch die Grenzen des Ornaments. Die ganze

Zierkunst steht gewissermaßen im Zeichen des Drachens; aber sie scheint

auch immer eingeschlossen wie von einem festen Rahmen. In der Malerei

geht das Naturgefühl auf das Charakteristische; doch rundet sich dieses

immer in der geistreichsten Weise den dekorativen Wirkungen zu. Aufs

äußerste wird die künstlerische Handschrift gepflegt. Die Malerei

wird zu einem virtuosen Exerzitium mit dem Pinsel, jeder Pinselstrich

hat struktive Bedeutung. Dargestellt wird von der Malerei immer nur

der Augenblick; doch untersteht diese Augenblickskunst einer strengen

Konvention, die so wenig schwankt, daß das Neuere dem Ältesten noch

durchaus verwandt ist. Alles in der chinesischen, im weiteren Sinne

in der ostasiatischen Malerei wird beherrscht vom Willen zu jener

Stimmung, die das Objekt vernichtet, um es neu zu schaffen. Die

Bilder sind wie „Gedichte ohne Worte“. Alles: Mensch, Tier, Pflanze

und Landschaft, ist für die Augennähe dargestellt, ist auf mittlere

und kleine Formate gebracht, und doch ist die Form nie kleinlich,

die Skulpturen sind wie Hieroglyphen, das Götzenhafte selbst gibt

sich blumenhaft still. Der gotische Geist drückt sich in dieser Kunst

vorwiegend lyrisch aus, er offenbart sich in Arabesken, die wie das

Spiel einer vom ewigen Geheimnis lebenden Weisheit sind. Wir sehen ein

Volk, das es verstanden hat und noch versteht, seine gotischen, seine

barbarischen Instinkte mit Raffinement zu genießen, das es versteht,

seine Leiden ästhetisch auszukosten. Nach außen hat sich dieses Volk

mit einer Mauer umgeben, und nach innen hat es sich wirksam vor der

Selbstverzehrung gehütet.

* * * * *

Wenn wir uns der Kunst in Europa zuwenden, so fällt es auf, daß vor

allem das Tempo ein anderes ist. In Asien sind tausend Jahre oft wie

ein Tag gewesen; dort sind von alters her große Völker über weite

Landstrecken verteilt, es haben nicht, wie in Europa, unaufhörlich

Wanderungen, Beeinflussungen und Durchdringungen stattgefunden. Darum

haben sich dort die Stilformen mehr konstant erhalten. Dafür fehlt aber

auch die Steigerung, die ehrgeizige Veredlung. Wenn man alle Form, die

der Geist der Gotik hervorbringt, als die Form des Leidens anspricht,

so ist zu beachten, daß der Europäer anders leidet als der Asiat. Der

Europäer ist ein Mensch der Aktivität, darum leidet er heftiger, aber

auch kürzer; seine Ungeduld drängt die Leiden dramatisch zusammen, in

seinen Leiden ist Sehnsucht nach Glück, es ist ein Kampf voller Affekt

und Leidenschaft. Der asiatische Mensch leidet mehr passiv, mehr in

der Form einer geduldigen Schwermut, einer etwas trägen Melancholie.

Sein Leiden setzt sich um in Fatalismus. Darum fügt sich auch seine

Kunstform so unbedingt einer die Jahrhunderte, ja die Jahrtausende

beherrschenden Konvention. In den asiatischen Künsten tritt die

Kunstform des Leidens, die ihrer Natur nach eigentlich spontan

ist, immer mehr oder weniger erstarrt auf; sie hat viele Züge des

Monomanischen und ist ethnographisch bedingt. Der Zustand des Leidens

ist chronisch, im Gegensatz zur europäischen Kunst, wo der Geist der

Gotik sich mehr akut äußert. Damit hängt es dann auch zusammen, daß in

der asiatischen Kunst die Formen des gotischen und des griechischen

Geistes fest miteinander verbunden erscheinen, wogegen in Europa ein

dauernder Kampf stattfindet und immer wieder neue Versuche gemacht

werden, die beiden Formenwelten fest gegeneinander abzugrenzen.

Ganz gelungen ist diese grundsätzliche Trennung freilich keinem

europäischen Stil. „Leid will Freud, Freud will Leid!“ Ein reines

Glück, ein reines Leiden gibt es nicht; darum gibt es auch kaum einmal

irgendwo die ganz reine Form. Man kann selbst in der Kunst der alten

Griechen, also recht eigentlich im Gebiete des griechischen Geistes,

eine heimliche Gotik konstatieren. Und zwar findet man manches von der

gotischen „Stimmung“ nicht nur in den dorischen Ordnungen, nicht nur

in den archaischen Werken, die noch auf ägyptische Einflüsse weisen,

sondern es bricht die Form des Affektes selbst in einigen Werken der

klassischen Reife hervor. Manche Formführung der Vasenmalereien oder

der Tanagrafiguren ist kaum noch griechisch, im Sinne, wie das Wort

hier gebraucht wird, zu nennen. Die Gewalt der Form in den Gewändern

der sitzenden und liegenden weiblichen Gestalten im Ostgiebel des

Parthenon ist fast schon als ein erhabenes Barock anzusprechen, also

auch als eine Form aus dem gotischen Empfindungskreis. Die „weise

Mäßigung“ war nicht dauernd durchzuführen, das Temperament einzelner

Künstler suchte immer wieder die Grenzen zu überschreiten. Überall,

wo die Form in der Kunst der Griechen beängstigend groß oder heftig

wird, äußert sich der Geist der Gotik. Aber es geschieht wider Willen,

weil der eingeborene Trieb zuweilen stärker ist als die Absicht.

Grundsätzlich hat der Grieche die Hälfte der menschlichen Empfindung

seiner bildenden Kunst ferngehalten. Er hat, wie Pandora, die Übel des

Daseins in eine Büchse verschlossen, um die Freuden desto reiner zu

genießen. Daß es im wesentlichen gelungen ist, macht ihn zum Helden der

Kunstgeschichte; während es aber gelang, konnte er nicht verhindern,

daß auf geheimnisvolle Weise zuweilen auch die Formen des Leidens aus

der Spitze des Werkzeuges unversehens hervorsprangen.

* * * * *

Das römische Reich hat die griechische Form in jeder Weise übernommen;

doch hat sich daneben immer auch mehr oder weniger eine eingeborene

barbarische Leidenschaftlichkeit, ein kühner Wirklichkeitssinn und

eine aggressive Unbedingtheit des Willens erhalten. Am Anfang und am

Ende der römischen Kunst hat sich auch der gotische Geist mit einer

gewissen nachdrücklichen Gewalt durchgesetzt. Die etruskische Kunst

ist ganz erfüllt von einer geheimen Gotik, so viel Anteil auch die

griechische Kolonialform äußerlich daran hat. Selbst die Künstler aus

Griechenland, die im etruskischen Italien die Grabkammern ausgemalt

und die Grabfiguren modelliert haben, sind dem Einfluß einer düsteren,

schweren Hadesfurcht, einer fast ägyptischen Abstraktionskraft und

wilden Unmittelbarkeit der Anschauung unterlegen. Das Lapidare der

etruskischen Form hat zuweilen etwas Erschreckendes. Die Form ist

bis zum Bersten angefüllt mit individuellem Leben, ein roher, aber

erhabener Weltschmerz ist darin enthalten, sie illustriert das Gefühl

von Menschen, denen das Leben unheimlich war, und legt mit visionärer

Sicherheit in die Abbilder der Wirklichkeit etwas Monumentales. Man

begegnet Einzelformen, die man fast gleichlautend später im Romanischen

und Gotischen wiederfindet. Etwas Antigriechisches, etwas Nordisches

ist in der etruskischen Kunstform: eine werdende Nation spricht in

Urlauten.

Dann kam das Reich der Römer. Die Kunst der Griechen wurde übernommen,

ihre Werke wurden als Beute im schnell erstarkenden Rom aufgehäuft,

eklektizistisch genutzt, unendlich vervielfältigt und dem Etruskischen

verbunden. Da aber die Kunstform der Griechen bis zur Vollkommenheit

bereits ausgebildet war, so hat in Rom nicht eigentlich eine

Fortentwicklung auf derselben Linie stattfinden können. Das wahrhaft

Eigentümliche des römischen Geistes ist erst wieder in der Kaiserzeit

hervorgetreten, als das Bewußtsein der Macht und ein riesenhaftes

Selbstgefühl die Römer vom griechischen Genie, von der griechischen

Kultur unabhängiger werden ließen, als der Millionenstadt Bauaufgaben

größten Stils gestellt wurden. Je mehr sich die römische Baukunst in

ihrer Spätzeit dem Nutzbau, dem Kolossalbau zugewandt hat, desto mehr

sind auch die ursprünglichen etruskischen Instinkte wieder erwacht.

Diese Einsicht wird dem Heutigen erleichtert, weil im Laufe von

zwei Jahrtausenden die äußere Haut griechischer Kunstformen von den

Bauwerken der römischen Kaiserzeit abgeblättert ist und nur noch die

gewaltigen Baukerne stehengeblieben sind. Was ich in meinem „Tagebuch

einer italienischen Reise“[3] das Amerikanische der römischen Baukunst

genannt habe, das bis zum Symbolischen gesteigerte groß Profane, das

zweckhafte Monumentale in den Brückenbauten, Basiliken, Thermen,

Stadtmauern, Aquädukten und Gräberbauten, im Pantheon und Kolosseum --

das ist eine Manifestation des gotischen Geistes, weil es die Äußerung

eines heftigen Willens ist. Diese Bauten der Spätzeit sind weit

entfernt von der Mäßigung und Harmonie der griechischen Architektur.

Man erblickt eine unerhörte Fähigkeit des Mauerns und Wölbens, mit

ingenieurhafter Leichtigkeit werden Riesenspannungen bewältigt. In

diesem kriegerischen Willensvolk muß damals eine Unruhe gewesen sein,

wie sie dem Tode vorhergeht. Denn wie aus zehrender Unrast heraus sind

diese prahlenden Babelgedanken der Baukunst entstanden. Niemals vorher

ist in Rom so stark das Soziale gefühlt worden, wie damals, als in der

Großstadtbevölkerung die Idee des Christentums wie ein Sauerteig zu

arbeiten begann. Selbst das von den Cäsaren Geschaffene hat eine stark

demokratische Note. Nachdem Rom jahrhundertelang fremde Kunstwerte

zusammengerafft hatte, hat es am Ende einen Großstadtstil geschaffen,

voll riesenhafter Sachlichkeit und voll von Zügen des gotischen Geistes.

Dieser Geist spiegelt sich auch in dem großzügigen Naturalismus der

Bildnisskulptur, in vielen barock aufgelösten Formen der Wandmalereien

und in dem Zug zum Illusionistischen, zum Stimmungshaften, der die

plastischen Dekorationen mehr und mehr beherrscht. Überall bricht am

Ende einer Epoche, die nach außen ganz dem griechischen Geist gehört

hat, die charakteristisch-groteske Form hervor, und an ein Ende knüpft

sich bedeutungsvoll ein Anfang.

* * * * *

Denn jetzt trat das Christentum stilbildend hervor, und damit wurde

recht eigentlich die gotische Kunstform in Europa anerkannt.

Formal freilich wirkte die römische Tradition und alles Griechische

noch lange fort, denn die Form wandelt sich langsamer als die

Gesinnung, das Feste langsamer als das Flüchtige, wie die Luft sich

schneller erwärmt als das Wasser. Die Gewöhnung des Auges und der Hand

können durch einen anders gerichteten Willen nicht so bald und nicht

vollständig aufgehoben werden. Aber ein vollständiger Stilwandel mußte

doch eintreten, weil die fortwirkende römische Form nun einer andern

Tendenz dienen mußte, weil die alte Sprache benutzt wurde, Gedanken

auszusprechen, die vorher nicht einmal gedacht worden waren. War vorher

viel Gotisches heimlich schon in der herrschenden griechischen Form

gewesen, so war das Verhältnis nun so, daß Griechisches offensichtlich

in der gotischen Stilform erhalten blieb. Wenn man in Kunstgeschichten

liest, den Künstlern der frühchristlichen Epoche seien die technische

Sicherheit und der strenge Kunstsinn der Römer verlorengegangen, der

neue Primitivismus sei auf einen Mangel am Können zurückzuführen,

so ist das ein Irrtum. Die Völker haben, wie die Individuen, stets

die Begabung ihrer Interessen, das heißt, sie können immer, was sie

wollen -- was sie wollen müssen; und sie vermögen das außerhalb ihres

Interessenkreises Liegende um so weniger zu vollbringen, je bestimmter

der Wille sich äußert. Zwitterhaft ist die frühchristliche Kunstform

nicht aus Mangel an Können, sondern weil ein außerordentlich starkes

neues Lebensgefühl sich der antiken Sprache bedienen mußte. Das

Griechische und Gotische haben in den Jahrhunderten der christlichen

Kunst mächtig miteinander gerungen, zwei Weltanschauungen haben

einen Kampf um die Form ausgetragen. In diesem Kampf mußte der Geist

der Gotik siegen, weil das Schwergewicht der Kunst verlegt war: es

wurde verlegt von außen nach innen, vom sinnlich Objektiven in das

Erlebnis der Seele. Man kann es so ausdrücken: früher war der Mensch

in der Welt gewesen, als ein Teil davon, jetzt war die ganze Welt nur

noch im Menschen, sie galt nur noch, insofern sie gedacht, empfunden

und sittlich gewertet wurde. Das mußte zu einer Umwertung der Form

führen. Die Form mußte abstrakt und ausdrucksvoll werden, sie mußte

zur Hieroglyphe einer religiösen Mystik werden und sich zugleich,

wenn sie sich nicht im Unbestimmten verlieren sollte, gründlich

naturalisieren. Sie mußte zeichnerisch bestimmt werden, weil sie die

Idee umschreiben sollte, und sie mußte zugleich stimmungshaft sein,

um transzendentale Vorstellungen verwirklichen zu können. Sie mußte

weltfern, menschenfern sein und doch auch wieder unmittelbar nahe am

Leben. Ein neuer Darstellungsstoff kam in die Kunst: die religiöse

Legende. Diese Aufgabe war mit der griechischen Form nicht zu lösen.

Die Form sollte nun die Eigenschaft haben zu erzählen, etwas Zeitliches

sollte in ideale Raumwerte verwandelt werden. Wie die griechische

Form den Zustand dargestellt hatte, so sollte die gotische nun den

inneren Vorgang darstellen. Aus diesen Gesichtspunkten wurde die

römische Stilform von der frühchristlichen Kunst verwandelt. Da lag

es nun aber nahe -- um so mehr als der Sitz der christlichen Macht in

Byzanz den äußeren Anlaß gab --, auch orientalische Einflüsse an der

Stilbildung teilnehmen zu lassen. Denn die orientalische Form hat,

wie gezeigt worden ist, von Natur Züge gotischer Art; ihr ist jener

Leidenszug eigen, dessen Monumentalisierung die Kunst der frühen

Christen so leidenschaftlich erstrebte. Zum dritten endlich traf der

Wille zu einem neuen Stil, nachdem er im Orient befruchtet worden

war, im Norden und Westen Europas überall auf die ursprüngliche

Ornamentik kaum schon zivilisierter Völker, auf die abstrakten, ersten

Kunstäußerungen der germanischen und keltischen Rassen, auf jene

merkwürdige Drachenromantik und Liniensymbolik, die ihrem ganzen Wesen

nach gotischer Art sind. Und auch dieses verleibte die frühchristliche

Kunst sich ein.

In welcher Weise die Elemente gemischt und zur Einheit gezwungen

worden sind, erkennt man vor den Miniaturmalereien und Mosaiken der

ersten zehn christlichen Jahrhunderte am besten. Der Ursprung der

Miniatur läßt sich zurückverfolgen bis in die hellenische Kolonialstadt

Alexandria, bis zu Einflüssen aus der ägyptischen Kunst; er liegt

weiterhin in den Mönchsklöstern des Südostens -- womit der Mönch zum

erstenmal als Künstler in der Geschichte auftritt --, und es führt der

Weg dieser Kunst dann durch Europa bis an die westlichsten Grenzen.

Es klingt die Stimmung der späten römischen Malereien aus, es tritt

die hieratische Strenge und die Unendlichkeit des orientalischen

Formempfindens hervor, und es mischen sich die Charaktere einer

fetischhaften germanisch-keltischen Ornamentik hinein. Und Ähnliches

gilt von den Mosaiken, die wie vergrößerte Miniaturen wirken, während

den Miniaturen wieder die Monumentalität der Mosaiken zuweilen

innewohnt. Es spricht für die Größe und Reinheit des bildenden Willens,

daß weder hier noch dort eine Spur von illustrativer Banalität

vorhanden ist, trotzdem es sich um die Darstellung epischer Stoffe

handelt. Nicht nur die Technik hat die Mosaiken davor bewahrt,

unmonumental zu werden, sondern die auf höchste symbolische Gestaltung

gerichtete Gesinnung der Künstler und der Gemeinde. Das Mosaik an der

gewölbten Decke und an der kaum gegliederten Wand wirkt raumbildend

in all seiner Legendenromantik; es ist architektonisch und hat

nichts vom Tafelbild. Die Formen, die Gestalten treten hervor, als

hätte der Raum selbst sie hervorgebracht, als hätte er sich in ihnen

gleichnishaft zusammengezogen. Die Farben ahmen in keiner Weise die

Natur nach; auch sie haben eine architektonische Funktion zu erfüllen,

sie wölben den Raum höher, dehnen ihn ins Ungewisse und machen aus

jeder Apsis ein kostbar schimmerndes Allerheiligstes. Doch sind die

Gestalten auch wieder weit mehr als nur architektonisch: sie sind

Träger tiefsinniger Menschlichkeit. Sie stehen wie in sich erstarrt

nur da, sind einer uniformierenden Konvention nur unterworfen, weil

das heimliche Seelenleben sonst leicht alle Form sprengen könnte, weil

ein heftiger Ausdruckswille sich vernichten würde, wenn er sich nicht

selbst in Fesseln schlüge. Die strenge Form ist ein Selbstschutz. In

der Starrheit gärt ein Wille, der begierig war, eine ganze Welt nach

seinem Bilde neu zu gestalten. Der Allgemeinbegriff Gotik zieht sich

hier zusammen in seine Urzelle: er weist auf das Volk der Goten, dessen

Bildungskraft sich an der römischen Kunst entzündete und sich von den

letzten Griechen belehren ließ.

Auch in den Bauwerken erkennt man den neuen Willensimpuls, so

unscheinbar, puristisch und sektenhaft sie sich in den ersten

christlichen Jahrhunderten auch gegeben haben. Auf antiken Resten oft

fußend, von römischen und orientalischen Überlieferungen lange noch

abhängig, kam immer stärker doch der Wille zur Wölbung, das heißt,

der Wille zur Höhe, zum Ausdruck, wurde immer deutlicher der Trieb

erkennbar, die Achsenwirkung so zu übersteigern, daß der Blick zwischen

Säulen und Pfeilern wie durch einen Korridor zu einem mystischen

Zielpunkt gewaltsam hingerissen wurde. Das konnte um so unbedingter in

dem Maße geschehen, wie die neue Religion nun Angelegenheit des Staates

wurde und wie die Kirche, der Ritus als Grundrißbildner auftraten.

Schüchtern wagt sich dann auch der Turm hervor, der im Kunstgebiet des

gotischen Geistes eine so wichtige Rolle spielt. Überall zeigt sich

der Wille, den Betrachter aus dem glücklichen Gleichmaß des Gefühls

aufzuschrecken und ihn gewaltsam in Bewegung zu setzen. Die Empfindung

wird in die Höhe hinaufgeführt oder mit fast schmerzhaft starkem

Rhythmus vorwärtsgeschnellt, sie wird mystisch betäubt oder hart an die

Grenzen des Daseins erinnert. Je langsamer und gemessener scheinbar die

Gebärde der Form ist, um so mehr ist sie geladen mit Bewegung, Unruhe

und Sehnsucht.

* * * * *

Dieser frühchristliche Stil ist recht eigentlich eine Kunst der

Gemeinde, eine Kundgebung des Laiengenies. Er hätte sich von den

fremden und den antiken Einflüssen sicher ganz frei gemacht, wenn es

schon in seiner Macht gelegen hätte. Daß diese Selbstbefreiung vom

griechischen Kunstgeist aber auch in den folgenden Jahrhunderten,

in jener Epoche, die man die des romanischen Stils nennt, nicht

gelungen ist, daß auch dann noch neben der erstarkenden Gotik der

Sinn für griechisches Gleichmaß immer einhergegangen ist, daß

der Drang zum Vertikalen immer wieder ausgeglichen worden ist

von der Horizontaltendenz und daß der romanische Stil in seinen

repräsentativsten Bauten zu einem imposanten Kompromiß geworden ist:

dafür sind andere Gründe entscheidend gewesen. Auch geistig sind

am sogenannten Romanischen zwei Kräfte beteiligt. Die religiöse

Bewegung drang in immer fernere Länder, immer größere Volkskomplexe

wurden davon ergriffen, der Erlösungsdrang einer ganzen Menschheit

nahm bald teil an der neuen Lebensidee. Dadurch wurde das gotische

Empfinden außerordentlich gestärkt und ins Monumentale hinaufgetrieben;

die Kunst repräsentierte mehr und mehr mit dem Religiösen und

Symbolischen auch eine Machtidee, der Kollektivwille war begierig,

sich selber Denkmale großer Art zu schaffen. Zugleich aber büßte das

schön erregte Laiengefühl in dem Maße, wie es staatlich organisiert

wurde und wie große Völker daran teilnahmen, etwas ein, das man die

soziale Unschuld nennen könnte. Je weiter das neue Christenreich

sich ausdehnte, desto mehr bedurfte es der Organisation, brauchte es

einen regierenden Klerus, ein geistiges Oberhaupt und Exekutivbeamte.

Jede Herrschaft aber hat die Tendenz, weltlich zu werden. Und jede

weltliche Gesinnung wird irgendwie die griechische Form in der Kunst

bevorzugen. Auf die Herrschgewalt des Klerus, der sich seine Baumeister

und Bildhauer selbst in den Klöstern erzog, wie er sie haben wollte,

auf die hierarchische Organisation des tausendjährigen Christentums

ist denn auch jene griechische Formenwelt zurückzuführen, wovon das

Gotische im romanischen Stil überall durchdrungen wird -- am meisten

im Kirchenbau, am wenigsten im profanen Burgenbau. Sehr deutlich kann

man freilich den romanischen Stil nach Ländern unterscheiden und hier

mehr ein Vorwiegen des gotischen, dort mehr des griechischen Geistes

konstatieren; dennoch ist dieser Stil eine allgemein christlich

klerikale Kunst und im wesentlichen übernational. Er geht dem engeren

Staatsgefühl, dem Nationalbewußtsein vorher. Es ist der Stil eines

neuen Glaubens und darum im Ursprung ganz volkhaft; die Ausführung

aber lag in den Händen mönchischer Künstler, die der Ordensdisziplin

unterstanden, die als Träger der Bildung und Kultur nach Rom blicken

mußten und von Kloster zu Kloster, von Land zu Land wanderten, die

nationalen Sonderbedingungen wohl berücksichtigend, aber auch nur

soweit es sich eben tun ließ. Die Ausführung des riesenhaften gotischen

Baugedankens ging aus von einer Geistlichkeit, die sich in der Kirche

von der Gemeinde mehr und mehr absonderte. Diese ängstliche Sorge für

die Rangordnung, die der christlichen Idee letzten Endes widerspricht,

brach auch künstlerisch den unbedingten Willen. Es wurden zum Beispiel

in der Kirche dem durch die Raumgasse des Mittelschiffs auf den Altar

stürmisch zueilenden Blick künstlich Schranken und Hemmungen in

den Weg gestellt; es wurde mit der Basilika zuerst ein Säulen- und

Pfeilersaal geschaffen, in dessen Tiefe das Allerheiligste glüht, und

dann wurde der Gemeinde verboten sich zu nähern. Dieser Widerspruch,

der naturgemäß im Grundriß sowohl wie im Aufriß der heiligen Gebäude

formalen Ausdruck finden mußte, ist bezeichnend für den romanischen

Stil überhaupt. Niemals sind in Europa der Geist der Gotik und des

Griechentums mächtiger und kampflustiger aneinandergeraten, niemals ist

ein Kompromiß größeren Sinnes geschlossen worden. Es ist noch heute

ergreifend, dem Wettstreit zuzusehen von leidenschaftlichem Höhenwillen

und besonnener Horizontalordnung, von modellierendem und zeichnendem

Formgefühl. Die Baukörper sind klar und groß gegliedert, immer läßt

sich vom Äußeren der Grundriß deutlich ablesen, und alle Teile fügen

sich in tektonischer Ordnung zusammen; dann brechen aus der Masse aber

auch steil und wuchtig die Türme hervor, als hätte sich das Temperament

nicht länger zügeln lassen. Auf der einen Seite sieht man strebende

und lagernde Teile sich ausgleichen, ruhige Flächen sich ausbreiten,

alles Ornamentwerk sich bündig einordnen und die Motivationspunkte der

Konstruktion beleben; man sieht überall die Merkmale eines gebundenen

Raumsystems, sieht mit Hilfe von festen Säulen- und Pfeilerordnungen

ideale Raumeinheiten wiederkehren und die Symmetrie sich durchsetzen.

Auf der andern Seite gibt es nicht ein einziges Bauwerk, worauf man

weisen und sagen könnte: dieses ist der romanische Typus; die Bauweise

schwankt fortgesetzt, der Wille ist ewig im Fluß, mit stetig sich

erneuernder Kühnheit wird der Raum hoch und höher gewölbt, wird die

Masse mehr und mehr aufgelockert, werden die Ornamentformen immer mehr

zu Arabesken des Ausdrucks. Eines beschränkt immer das andere. Ganz

unbedingt tritt der Geist des Gotischen nur in der Zweckarchitektur,

in den festungsähnlichen Anlagen der Zeit zutage. Schmucklos, dräuend

steigen die Mauern, Türme, Bastionen und Torbauten empor, wie Symbole

der Wehrhaftigkeit. Von diesen düster großartigen Bauwerken erhalten

zuweilen ganze Landschaften den Charakter. Die Form hat etwas

Gebirgeartiges.

Selten ist ein Kompromiß so fruchtbar geworden wie in der romanischen

Kunst. Die beiden Urkräfte der Kunst drängen gewaltsam gegeneinander,

und da keine nachgeben will, sieht es aus, wie wenn zwei Ringer, die

in Wahrheit beide ihr Letztes hergeben, unbeweglich in einer schönen

Gruppe dastehen.

* * * * *

In dem Stil, der von der Kunstgeschichte im engeren Sinn als Gotik

bezeichnet wird, ist die Form des heftigen Willens dann ganz eindeutig

hervorgetreten. Dieser Stil ist formal eine Reinkultur, er ist eine

der wenigen absoluten Formschöpfungen der Geschichte, er hat primären

Charakter, ist die Tat einer Zeit und einer Rasse, in denen das

Genie des Leidens aufs höchste schöpferisch geworden, die Tat einer

Phantasietätigkeit, die fort und fort von heiliger Unruhe gespeist

worden ist. In der Epoche, die ungefähr das dreizehnte, vierzehnte und

zum Teil auch das fünfzehnte Jahrhundert noch umfaßt, ist die Welt

vom Menschen neu entdeckt worden, das Leben ist vom Temperament, von

einer rastlosen Sehnsucht, von Erkenntniskraft und Freiheitsgefühl, von

einem elementaren Wachstumstrieb in neuer Weise gesehen worden; mit

neuer Heftigkeit ist der uralte Kampf der Seele mit den Wirklichkeiten

ausgekämpft worden. Der gotische Stil ist ein formaler Niederschlag

jener Lebensgesinnung, die später in den Historien vom Doktor Faust

zum Ausdruck gekommen ist, ein Niederschlag jenes Willens, der jedem

Individuum die ganze Verantwortung für das Leben aufbürdet, der

jeden einzelnen schonungslos mit der Gottheit ringen läßt und ihn

selbständig einen Weg zu suchen zwingt durch die Irrsale des Daseins.

Hinter dem gotischen Stil steht eine Gesinnung, die man als einen

schöpferischen Protestantismus bezeichnen kann. Die Schöpfer dieser

Kunstform hatten den Sinn der Urchristen -- und zugleich waren sie

Opfer einer scharfen Skepsis. Sie konnten in einem Atem anbeten und

lästern, glauben und zweifeln; sie standen erregt zwischen Gott und

Teufel da, zwischen Mystik und Rationalismus, zwischen Grauen und

Überlegenheit. Die Menschen erwachten in jener Zeit zu sich selbst.

Nicht zur Objektivität; das geschah erst in der Renaissancezeit, als

die Menschen sich intellektuell vom All zu scheiden begannen, als sie

Distanz zu den Dingen und zu sich selber nahmen. Aber zum Gefühl ihres

Lebens, ihrer Selbstverantwortung, ihrer Macht und diktatorischen

Befugnis erwachten die Menschen. Sie wurden in einer erhabenen Weise

neugierig; sie begannen zu fragen. Das machte sie alle im Geiste schon

zu Protestanten, lange schon vor dem Ereignis, das die Geschichte als

Reformation bezeichnet. Nicht zu kritischen, purifizierenden, sondern

zu schöpferischen Protestanten. Das Laiengenie erwachte, der Volkswille

trat als Bauherr und Bildner auf. Der Stil, der Gotik heißt, ist recht

eigentlich ein Volksstil, er ist demokratisch, er hat den Rhythmus

eines erregten Kollektivwillens und die Linie des Freiheitsdranges.

Denn der Freiheitsdrang hatte noch nicht zersetzend gewirkt, er hatte

die Masse nicht auseinandergesprengt, sondern zusammengeschweißt, weil

er nicht aus der Reflexion, sondern aus dem Gefühl kam.

Die Rasse, die die neue Formenwelt geschaffen hat, wohnte in den

nördlichen Ländern Europas. Sie kehrte eben aus den Kreuzzügen mit

freierem Blick, reichen Erfahrungen und gefestigtem Willen zum

Eigenen zurück, erfüllt vom Eifer jungen Erkennens, von der Freude

am Wissen, am Denken, am Können; sie litt gewissermaßen unter der

Fülle aufgespeicherter Kraft und sehnte sich nach Entladung. Da

sich das Leben jetzt in den Städten zu zentralisieren begann, da

die Begabungen miteinander in engste Berührung kamen, mußte der

Schöpfungsakt mit explosiver Heftigkeit vor sich gehen. Wie ein Wunder

entstand, sich emportürmend über die aufschäumenden Volksmengen,

eine reich gegliederte, von nie gesehenen Reizen verklärte Baukunst.

Hatte der herrschsüchtig denkende Priestersinn die ruhige Größe der

romanischen Bauten gefördert, so schuf sich das seiner Tüchtigkeit,

seiner Selbstbefreiung freuende Laientum den phantastisch reichen

Gedanken der Gotik. Dieser Gedanke ist germanischen, ist im engeren

Sinne fränkischen Ursprungs. Niemals hätte der der griechischen

Ordnung hingegebene Geist der Romanen eine solche Überfülle der

Bildnerlust gewagt, nie hätte er das Spitzbogenprinzip ersinnen und

so phantasievoll exakt anwenden können, nie hätte er diese mystisch

tiefen Gewölbegrotten des Raums, diese Wälder von Pfeilern, dieses

üppige Geranke von kletterndem Ornament, nie hätte er die Willkür

in der Ordnung und die Ordnung im scheinbar Regellosen gewagt. Die

Gotik ist in allen ihren Formen ungriechisch. Der Pfeiler steht

der Säule als ein Kunstgebilde anderer Art gegenüber, die glatt

abschließende Decke hat keine Beziehung zur spitz strebenden Wölbung,

die griechische Proportion hat in jeder Weise andere Wirkungsgesetze

als die gotische. Alle Arbeitsbedingungen sind anders. Der Stein wurde

entmaterialisiert, die Schwere wurde scheinbar aufgehoben, die Wand

wurde vernichtet, die Raumgrenze ungewiß gemacht, und alles zielte

auf eine Stimmungssynthese. Die schwierigsten Probleme sind mit

einer Leichtigkeit gelöst, als sei es ein Nichts. Die Bildhauer und

Maler sahen sich Legendenmotiven gegenüber, die für einen im Geiste

des Griechentums erzogenen Künstler überhaupt nicht zu lösen sind,

die ihn widernatürlich und unsinnlich anmuten müssen; eben aus den

Schwierigkeiten haben die Gotiker aber ein neues Stilgefühl, einen

neuen Formencharakter von schlagender Ausdruckskraft abgeleitet. Dem

Künstler war keine Idee zu unsinnlich, kein Motiv zu grotesk oder zu

naturalistisch, keine Konstruktion zu kühn, keine Masse zu ungeheuer,

kein Affekt zu stark, keine Fülle zu groß: alles bewältigte er,

brachte er organisch zusammen, so daß die Formenwelt aus Gottes Hand

hervorgegangen zu sein scheint. Die Formen sind des höchsten Pathos

fähig, der Wucht, der Gewalt eines fast schmerzhaften Rhythmus;

aber sie bergen auch einen frühlingshaften Reichtum, das Zarte, das

Zierliche und Kokette. Sie beginnen romanisch ernst und endigen mit

barockem Überschwang. Die Linie kann ägyptisch starr sein, doch auch

geistreich beweglich und übermütig wie die chinesische Linie oder wie

das Rokoko. Alles einzelne wird beherrscht von der Vertikaltendenz

und ist zugleich voller Rastlosigkeit. Die Formen streben, steigen,

klettern, wachsen und züngeln nach oben. Oder sie verschlingen sich,

fliehen in sich selbst zurück und kreisen in unablässiger Bewegung.

Niemals ruht die Form aus, alles an ihr ist Leben und Affekt. Dieselbe

Temperamentslinie umschreibt menschliche Figuren, Fensterwölbungen,

Kreuzblumen und Turmsilhouetten, das Große und Kleine untersteht

demselben Formgesetz. Die ganze Natur, das ganze Leben ist in diesem

Transzendentalgedanken, der Gotik heißt: das Erhabene und Groteske, das

Häßliche und Schöne, das Geschaute und Gedachte, Natur und Unnatur,

das Wirkliche und Phantastische, Menschen, Tiere und alle Pflanzen

der Umwelt, Teufelsbestien, Madonnen und Blumen. Eines lebt durch

das andere; die Architektur ist Skulptur, und die Skulptur ist ganz

architektonisch. Die Gotik kennt nur das Gesamtkunstwerk; sie ist eine

Mutterkunst und eben darum eine Volkskunst im höchsten Sinne.

Die Bewegung war so mächtig, daß sie auch nicht gleich aufzuhalten war,

als die Renaissancegesinnung heraufkam, als die einige Kunst in Künsten

auseinanderfiel, die Persönlichkeit mehr isoliert hervortrat und als,

infolge einer halb wissenschaftlichen Objektivität, die griechische

Formenwelt wieder bevorzugt wurde. Die Gotik wirkte fort, durch die

ihr innewohnende Schwungkraft. Die Ausdruckslust zuckte den nordischen

Künstlern lange noch im Handgelenk, auch als sie sich bereits der

italienisierten Formen bedienten. Diese italienischen Formen wurden

unversehens umgebildet, sie wurden gotisiert und gerieten dabei nicht

selten ins Pittoreske und Manierierte. Vor allem aber wirkte der

gotische Drang fort in einzelnen bedeutenden Persönlichkeiten, in

nordischen Naturen, die Gotiker im Temperament waren, die sich nun aber

in eine halb griechische Formenwelt versetzt sahen. In einem Maler wie

Dürer ist das Gotische mit dem Griechischen eine höchst merkwürdige

Verbindung eingegangen; ein Künstler wie Grünewald steht wie in der

Mitte da zwischen Gotik und Barock; und in den Niederlanden erweisen

sich Naturen wie van der Goes oder Brueghel als schöpferische Gotiker

trotz ihrer Renaissance. Das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert

sind reich an Auseinandersetzungen zwischen den beiden Formenwelten.

Durch den gegebenen Dualismus sieht sich das Genie gezwungen, eine

persönliche Synthese zu finden. Dabei tauchen in Fülle wunderschöne

Einzelprobleme auf, die alle in ihrer Weise der Erkenntnis vom Wesen

des gotischen Geistes etwas hinzufügen.

* * * * *

Die Geschichte der Renaissance, wie sie sich vor allem in Italien

abgespielt hat, ist im ganzen eine glänzende Manifestation des

griechischen Geistes. Nicht, weil die Formen der antiken Kunst

aufgenommen und neu bearbeitet worden sind, sondern weil der Italiener

der Renaissance dem alten Griechen menschlich verwandt war, weil er

ähnlich wie dieser empfand, dachte und wollte. Es ist bezeichnend, daß

der Ablauf der italienischen Renaissancekunst ganz ähnlich gewesen ist

wie der der alten griechischen Kunst, daß man für jeden repräsentativen

italienischen Künstler fast ein Gegenbild in der griechischen Kunst

nennen kann. Dennoch hat auch jetzt wieder der Geist der Gotik Einfluß

gewonnen und, ebenso wie in Griechenland, vor allem zu Beginn und

am Abschluß der Epoche. In der Mitte wird das Gotische nur noch als

Persönlichkeitsäußerungen in einzelnen Werken sichtbar.

Abgeleitet sind die Formen der jungen italienischen Kunst vom

frühchristlichen Stil. Das will also sagen: von einem Stil, der

der geistigen Stimmung nach durchaus gotisch war, im rein Formalen

aber vielfach auf römische Überlieferungen zurückging. Was in den

Bildern der Sienesen oder Giottos und seiner Schule gotisch wirkt,

ist ebenfalls mehr die Gesinnung als die konkrete Form. Die gotische

Stimmung kommt zustande, weil bestimmte Akzente der Form betont und

andere Akzente unterdrückt erscheinen. In Wahrheit ist schon in

den Werken der Frühitaliener viel von dem Renaissancegeist, der im

folgenden Jahrhundert zur Herrschaft gelangen sollte; es kündigt sich

schon die Freude an der singenden und klingenden Linie an, die Lust

an der objektiven Naturanschauung, an einer schönen Weltlichkeit und

an der architektonischen Rhythmisierung aller Teile. Aber dieser

Instinkt scheint noch streng beherrscht von religiöser Disziplin,

von einer welt- und menschenfernen Inbrunst, von einem Befehl des

Gewissens, die leidende Kreatur darzustellen. Seltsam mischen sich

das schwere Pathos des christlichen Weltschmerzes und der ~bel

canto~ heidnischer Lebensfreude. Die Gestalten stehen noch da als

Träger tragischer Schicksale, aber sie wandeln sich auch mehr und

mehr um zu schönen Körpern, die nichts wollen als nur da sein.

Das sich auflösende Urchristentum kämpft mit dem immer mächtiger

heraufkommenden Staatskatholizismus. Nordisch Germanisches und

südlich Romanisches erscheinen eng verbunden; in der Kunst spiegelt

sich die politische Situation der Zeit ab. An den Palazzobauten hat

die zweckhafte Monumentalität des nordischen Burgenbaues ebensoviel

Anteil wie eine neu erwachende Lust an heiterer griechischer Ordnung,

sie halten die Mitte zwischen charakteristisch symbolischen und

szenarisch repräsentativen Wirkungen. Die Plastik verkörpert noch Ideen

und seelische Impulse, aber sie möchte auch schon das Leben an sich

darstellen. Die Künste sind schon innerhalb eines neuen Griechischen,

aber sie sind noch von strenger dorischer Gesinnung erfüllt. Und das

Dorische ist eine Form des Gotischen.

Mit ganz anderem Charakter tritt das Gotische am Ende der

Renaissancebewegung wieder hervor, nachdem es sich zwei Jahrhunderte

lang nur in einigen Werken grüblerischer oder heftiger Persönlichkeiten

in seltsamen Verkleidungen hervorgewagt hatte. Es tritt hervor, ohne

die bis dahin gültige griechische Formensprache preiszugeben, es

äußerte sich, indem es die Renaissanceformen verändert, übersteigert

und mit Unruhe erfüllt: es tritt hervor als Barock. Dieser Stil

ist lange Zeit als eine „Entartung“ der Renaissance angesprochen

worden, in Wahrheit ist er aber etwas Neues, er stellt eine seltsame

Renaissance der Gotik dar auf den Grundlagen griechischer Formen.

Der Vorgang war so, daß ein neuer geistiger Impuls in die europäische

Menschheit kam, eine neue Erregung. Das Barock ist nur zum Teil eine

Alterserscheinung, ist es nur insofern, als die Unruhe des Zweifels,

der Skepsis und der Hoffnungslosigkeit darin zum Ausdruck kommt;

zugleich manifestiert sich im Barock aber auch der Wille eines

neuen Zeitalters, einer sich intellektuell und sozial verjüngenden

Weltanschauung. Aus dieser Begegnung von Müdigkeit und Frische, von

Griechischem und Gotischem ist einer der merkwürdigsten Mischstile

entstanden, die die Kunstgeschichte kennt. Im Barock tritt wieder,

wie in der Gotik, nur weniger rein und naiv, weniger allgemeingültig,

ein schöpferischer Protestantengeist hervor. Michelangelo, der diesem

Stil entscheidende Geburtshelferdienste geleistet hat und in dem der

Kampf des gotischen mit dem griechischen Menschen in tragischer Weise

fast verkörpert erscheint, war ein geistiger Aufrührer, ein Rebell, er

war ganz und gar Unruhe. Und nicht anders empfanden die Künstler, die

nach ihm kamen, im Süden und Norden. Daß in der Folge die Jesuiten vor

allem das Barock in den von ihnen gebauten Kirchen reich entwickelt

haben, spricht nicht gegen den gotischen Zug im Barock. Die Jesuiten,

als Führer der Gegenreformation, lenkten in ihrer Weise die Religion

wieder der Mystik, der Tiefe, der Empfindung zu, sie erstrebten wieder

Einfluß auf die desorientierte Seele. Sie waren im Geistigen kühn und

unbedingt, kühner in manchem Gedanken als die Nachfolger Luthers und

anderer Reformatoren. Sie gaben die Kirche der Gemeinde zurück und

ließen das Langhaus wieder aufleben, den gotischen Basilikagedanken.

Nicht zufällig gewannen die Klöster, wie im Mittelalter, wieder Einfluß

auf die Kunstgesinnung. Die Kunst sollte wieder einer überweltlichen

Idee dienen. Freilich haben die Jesuiten die neue Form oft in

theatralischer Weise ausgestaltet, haben sie veräußerlicht, gehäuft

und haben ebensosehr die Betäubung wie die Ergriffenheit des Laien

angestrebt. Aber sie haben den neuen Stil trotzdem mächtig gefördert

und geholfen, wieder ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, in dem jedes

Teilchen Bezug zu einem romantisch großen Ganzen hat. Man darf das, was

hier Protestantengesinnung genannt wird, nicht gleichsetzen mit dem,

was die Kirchengeschichte so nennt. Die Träger jenes Protestantismus,

der hier gemeint ist, sind nicht nur die von den Gemeinden bestellten

Pastoren der evangelischen Kirche im siebzehnten und achtzehnten

Jahrhundert gewesen, sondern es waren auch die Jesuiten und alle

anderen Orden, die der Verweltlichung der Religion entgegenarbeiteten.

Vor allem aber waren es die Gelehrten, die Dichter wie Klopstock,

Wieland, Lessing, Herder, Goethe und Schiller, Philosophen wie Kant

und Leibniz, Musiker wie Bach und Beethoven. Um nur von Deutschen

zu reden. Dieses sind die wahren, nicht kanonisierten Heiligen der

protestantischen Kirche. Und diese alle waren ihren Instinkten, ihren

Schöpfungskräften nach Barockmenschen. Trotzdem einige von ihnen

theoretisch den griechischen Geist verherrlicht haben. Sie alle, die

Freidenker und die Jesuiten, waren in verwandter Weise neue Gotiker,

weil sie sich begegneten in einer neuen Art von Scholastik. Sie alle

waren Vertreter eines neuen Willens, einer neuen intellektuellen

Romantik, Vertreter einer neuen Sehnsucht. Und dasselbe gilt von den

bildenden Künstlern. Rembrandt ist ganz ein Barockkünstler, das heißt

also ein Gotiker, so gut wie Shakespeare es als Dichter war. Eine

heimliche Gotik ist in den großen Bildniswerken des Franz Hals, wie sie

in anderer Form in dem barocken Formenrausch des Rubens ist. Es ist

schon bezeichnend, daß das Barock sich nicht in Italien am reichsten

entfaltet hat, trotzdem Michelangelo sein Ahnherr ist und Maler wie

Tintoretto und dessen spanischer Geistesverwandter Greco dem neuen Stil

sein gotisches Geheimnis mit herrlicher Gewaltsamkeit entrissen haben,

sondern daß die nordischen Länder recht eigentlich der Boden für das

klassische Barock geworden sind. Dem Italiener war dieser Stil, der auf

neue Verinnerlichung abzielte, trotzdem er so heroisch und brünstig

auch die laute Wirkung suchte, nicht dauernd notwendig, wohl aber

den germanischen und den mit germanischem Wesen gemischten Völkern.

Dem nordischen Temperament war dieser leidensselige, phantasievolle

Stil einer spekulativen Selbstberauschung, war dieser Drang zur

Fülle, war diese Selbstverschwendung, dieser romantische Formalismus

notwendig. Zwei Bedingungen kamen zusammen und steigerten sich: ein

neues Freiheitsgefühl und eine erhöhte Genußfähigkeit, bürgerliche

Tüchtigkeit und höfische Repräsentation. Die reinste, wenn auch nicht

stärkste Form des Barock, das Rokoko, ist keineswegs nur der Stil einer

Hofgesellschaft; es ist im Kern ganz bürgerlich, ganz vom gotischen

Instinkt erfüllt. Jede Form stammt vom bürgerlichen Talent. Man

könnte das Rokoko den Stil der Enzyklopädisten nennen, jener klugen

Atheisten, Pantheisten, Aufklärer und Vorläufer der großen Revolution,

die der Zeit ein neues geistiges Gepräge gegeben haben -- trotzdem vom

Rokoko zugleich auch der Puder, der Reifrock und Galanteriedegen nicht

fortzudenken ist. Aus dieser doppelten Tendenz, einer geistigen und

einer gesellschaftlichen, erklärt sich die Bravour, die Routine, die

Virtuosität des Rokoko und des Barock überhaupt; es ergibt sich daraus

das Gekünstelte im Ursprünglichen, das Gewagte und Maßlose neben dem

Eleganten und Schmeichelnden, das Kokette in der Abstraktion der Form.

Johann Sebastian Bach ist ebenso gotisch, ebenso barock, wie Johann

Daniel Pöppelmann, der Erbauer des Dresdener Zwingers. Wo immer man auf

barocke Architekturen blickt, erkennt man, wie unter den Einzelformen

italienischer Art ein gotischer Wille atmet. Der Vertikaldrang läßt

sich von den horizontalen Gesimsführungen nicht aufhalten, alles endigt

wieder irgendwie in Turmgedanken. Nicht ohne Ursache ist die Treppe

eines der liebsten Motive der Architekten dieser Zeit. Trotz der

tektonisch gedachten Einzelteile ist das Ganze mit mächtigem Pathos wie

aus der Masse heraus modelliert; und trotz der Renaissancetraditionen

streben die Achsen der Grundrisse mit einer Macht auf ihr Ziel zu, daß

der Betrachter gewaltsam fortgerissen wird und daß die Achse eines

Gebäudes zuweilen zur Orientierungslinie eines ganzen Gebäudekomplexes

wird. Das Gotische im Barock ist der Größen- und Ausdehnungsdrang nach

der Höhe und Tiefe, ist die Lust an der ekstatischen Wirkung, ist die

Freude am Vielfältigen, am reich Dissonierenden und der Trieb zur

Synthese, zum Gesamtkunstwerk, ist die Übersteigerung des Rhythmus,

die Verwischung der Raumgrenzen, wozu Architektur, Plastik und Malerei

gleichermaßen helfen müssen; gotisch ist die mit Kuppeln, Hallen und

Wandelgängen arbeitende, von Prachtwirkungen träumende Bauphantasie,

ist die ganz auf Stimmung, auf Lichtwirkungen und Entmaterialisierung

bedachte Baugesinnung. Der Raum wird ungewiß, über das Sein siegt der

Schein, die Entfernungen sind nicht mehr zu messen, die Luft selbst

wird zum Element der Architektur. Gotisch ist endlich der mächtige,

wildbrandende Wellenschlag der Form, ist die nach Stimmung lüsterne

Abstraktion darin und der Kampf, den sie dem Auge darbietet.

Zur höchsten Stilreinheit hat das Barock es freilich nicht gebracht.

Diese Formenwelt war künstlich aus zwei Teilen zusammengesetzt. Die

Weltlichkeit der Mächtigen gebrauchte den erwachenden bürgerlichen

Freiheitssinn zu ihren Zwecken; und das bürgerliche Genie diente

noch der Autorität. Darum fehlt die höchste Selbstverständlichkeit,

die letzte Einheit; darum wurde dieser Stil auch in der Folge so

gründlich mißverstanden. Die Empfindung, die das Barock geschaffen

hatte, reichte nicht aus, um das heraufkommende Zeitalter der

bürgerlichen Selbständigkeit zu regieren. Dazu bedurfte es noch einer

anderen Eigenschaft: der Bildung -- einer alle einzelnen befreienden,

revolutionierenden und arbeitstüchtig machenden Bildung. Als sich

diese Bildung dann aber am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts

ausbreitete, erstickte sie das künstlerische Temperament, ließ sie

nicht Raum für naives Formgefühl. Die Folge war, daß das Wissen um

die griechische Form aushelfen mußte, daß die lateinische Sprache auch

in der Kunst gewissermaßen zur europäischen Gelehrtensprache wurde.

Die Menschen brauchten Ruhe, um den ungeheuren Lehrstoff der Zeit

verarbeiten zu können. Darum konstruierten sie sich ein beruhigendes

Vollkommenheitsideal und folgten ihm als Nachahmer.

Doch davon ist im ersten Kapitel, wo die Lehre vom Ideal untersucht

wurde, schon die Rede gewesen.

* * * * *

Die letzte Manifestation des gotischen Geistes fällt in die zweite

Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Sie ist sehr merkwürdig und

psychologisch folgendermaßen zu erklären.

Die absichtsvoll geförderte moderne Bildung mit ihrer einseitigen

Geistesdisziplin hat das kritische Vermögen stark entwickelt, hat

zugleich aber auch die intuitiven Fähigkeiten verkümmern lassen.

Der empirisch vorgehende Verstand hat alle Erscheinungen des Lebens

zergliedert, hat sie wissenschaftlich erklärt und nur das Beweisbare

gelten lassen; die ganze Natur ist mechanisiert worden, bis sie

vor dem Geist der Bildungshungrigen dastand wie ein berechenbares

Produkt von Ursachen und Wirkungen, von „Kraft und Stoff“. Es sind im

neunzehnten Jahrhundert große Fortschritte in der Erkenntnis dessen

gemacht worden, was sich reflektiv bewältigen läßt; erkauft sind diese

Fortschritte aber durch eine radikale Entgötterung. Welt und Leben

sind ihres Geheimnisses beraubt worden, sie hörten für die einseitig

Intellektuellen auf, das große Wunder zu sein. Die Folge davon war,

daß mehr und mehr, trotz des Stolzes auf die neuen Errungenschaften,

die Stimmung einer tiefen Verzweiflung um sich griff. In dem Maße, wie

die Welt in ihren kausalen Zusammenhängen scheinbar verständlicher

wurde, wuchs auch der Pessimismus. Die Mystik des Lebens schien

unwiederbringlich verloren, der Glaube war im Tiefsten erschüttert;

jedermann meinte hochmütig dem Schöpfer in die Werkstatt sehen zu

können; und der Mensch ist ja nun einmal so geartet, daß er nicht

länger verehrt, was er zu fassen imstande ist, weil er die eigene

Beschränktheit zu genau aus dem ständigen Verkehr mit sich selber

kennt. Während das Gehirn triumphierte, wurde die Seele elend. Langsam

spürten die Menschen, daß ihnen ein innerer Schatz abhanden gekommen

war, daß sie unvermerkt zu Fatalisten geworden waren. Das Vertrauen

auf sittliche Endziele des Lebens ging verloren, und von den Gipfeln

exakter wissenschaftlicher Wahrheiten starrte der Bildungsmensch in das

absolute Nichts.

Als dieser Zustand gefährlich zu werden drohte, hat der menschliche

Geist wieder einmal aus eigener Kraft ein Heilmittel, hat er etwas

wie ein geistiges Serum produziert. Es gelang ihm, wie es ihm im

Verlaufe der Geschichte schon unzählige Male gelungen ist, die

Schwäche in eine Kraft zu verwandeln, aus der lähmenden Passivität

der Seele eine neue Aktivität, aus dem Leiden eine neue Willenskraft

zu gewinnen. Als der Mensch verzweifelt in die von seinem eigenen

Verstand entgötterte Welt starrte, begab es sich, daß sich in einer

neuen Weise das große Erstaunen wieder einstellte. Zuerst war es nur

ein Erstaunen über die grausame Phantastik der Situation, über die

Kälte der Lebensatmosphäre, dann aber wurde wahrgenommen, wie eben

in dieser Gefühllosigkeit des Lebens eine gewisse Größe liegt, daß im

Zentrum dieser eisigen Gleichgültigkeit eine Idee gefunden wird, von

der aus die ganze Welt neu begriffen werden kann. Das neue Wundern, das

über den Menschen kam, richtete sich nun nicht mehr auf das Einzelne

der Natur, denn dieses glaubte man ja ursächlich verstehen zu können,

sondern es richtete sich auf das Ganze, auf das kosmische Spiel der

Kräfte, auf das Dasein von Welt und Leben überhaupt. Mit diesem

sich erneuernden philosophischen Erstaunen aber tauchten zugleich

merkwürdige Urgefühle auf, Empfindungen von urweltlicher Färbung. Ein

neues Bangen und Grauen stellte sich ein, eine tragische Ergriffenheit.

Hinter der vom Verstand entgötterten Welt erschien eine neue große

Schicksalsgewalt, eine andere, namenlose Gottheit: die Notwendigkeit.

Und als diese erst gefühlt wurde, da stellte sich auch gleich eine

neue Romantik ein. Die Einbildungskraft trat nun hinzu und begann die

Erscheinungen mit den Farben wechselnder Stimmung zu umkleiden. Alle

zurückgehaltenen Empfindungen brachen hervor und nahmen teil an der

neuen, aus einer Entseelung erwachsenen Beseelung der Welt. Auf dem

höchsten Punkt hat sich das analytische Denken von selbst überschlagen

und hat der Synthese Platz gemacht, das Verstehen ist einem neuen

Erleben gewichen.

Die Kunst aber ist recht eigentlich das Gebiet geworden, auf dem dieses

moderne Welterlebnis sich dargestellt hat. Wie neben der einseitigen

Bildungskultur, neben der Verehrung der Erfahrung als Höchstes der

Eklektizismus, die Nachahmungssucht, die Unselbständigkeit und ein

falscher Idealismus einhergegangen sind, wie alle Künstler dieser

Geistesart mehr oder weniger zur Sterilität verdammt gewesen sind,

so ist von dem neuen großen Erlebnis des Gefühls, von dem produktiv

machenden philosophischen Erstaunen eine eigene optische Sehform

abgeleitet worden. Diese Sehform, aus der ein moderner Kunststil

hervorgegangen ist und die in wenigen Jahrzehnten in großen Teilen

Europas zur Herrschaft emporgestiegen ist, wird in der Malerei

Impressionismus genannt. Die Sehform entspricht genau einer Form

des Geistes; dieses moderne Geistige aber ist seiner seelischen

Beschaffenheit nach gotischer Art. Der Impressionismus ist die letzte

Form des gotischen Geistes, die bisher historisch erkennbar wird.

Gotisch ist der Impressionismus, weil auch er das Produkt eines

erregten Weltgefühls ist, weil ein Wille darin Form gewinnt, weil die

Form aus einem Kampf entspringt, weil er in die Erscheinungen die

seelische Unruhe des Menschen hineinträgt und weil er die künstlerische

Umschreibung eines leidenden Zustandes ist. Alles im Impressionismus

ist auf Ausdruck, auf Stimmung gestellt; die Darstellung des

Atmosphärischen ist nur ein Mittel, Einheitlichkeit und Stimmung

zu gewinnen; dieser Stil ist neuerungslustig, revolutionär und hat

von vornherein im heftigen Kampf mit leblos gewordenen Traditionen

gestanden. Auch im Impressionismus hat die Kunst wieder protestiert

und geistig vertiefend gewirkt. Sie hat den Blick von der griechischen

Normalschönheit der Klassizisten heftig abgelenkt. Zudem handelt

es sich um eine ganz bürgerliche Kunst, um eine Offenbarung des

Laiengenies. Diese neue Sehform geht nicht dem Häßlichen aus dem

Wege, sondern sie hat das sozial Groteske geradezu aufgesucht; sie ist

naturalistisch und romantisch in einem, sie spürt im Unscheinbaren das

Monumentale auf und im Besonderen das Kosmische. Der einfache Entschluß

zu neuer Ursprünglichkeit hat eine moderne Formenwelt geschaffen, der

Wille, die Erscheinungen als Eindruck naiv wirken zu lassen, hat einen

Stil gezeitigt, in dem der Geist des Jahrhunderts sich abspiegelt.

Auch in der Baukunst ist dem Klassizismus und Renaissancismus des

neunzehnten Jahrhunderts eine neue Gotik gefolgt. Sie äußert sich

in dem Interesse für groß begriffene und symbolhaft gesteigerte

Zweckbauten, die den Zug zum Weltwirtschaftlichen, der unserer Zeit

eigen ist, verkörpern; sie äußert sich in einer neuen Neigung zum

Kolossalen, Konstruktiven und Naturalistischen, in der entschiedenen

Betonung des Vertikalen und der ungebrochenen nackten Formen.

Gotisch ist das Ingenieurhafte der neuen Baukunst. Und wo sich die

Architekten um rein darstellende Formen bemühen, um Ornamente und

motivierende Zierformen, da geraten sie wie von selbst in eine

heftige Bewegungslust, sie kultivieren die abstrakte Form und das

Ausdrucksornament. Die Linienempfindung weist unmittelbar oft hinüber

zum Mittelalter und zum Barock, ohne daß man aber von Nachahmung oder

nur von Wahltradition sprechen dürfte. Das am meisten Revolutionäre

ist immer auch das am meisten Gotische. Und die profanen Zweckbauten

nehmen, wo sie ins Monumentale geraten, wie von selbst oft Formen

an, daß man an Fortifikationsbauten des Mittelalters denkt. Ein

unruhiger Drang nach Mächtigkeit, der die ganze Welt erfüllt, gewinnt

in den Speicherbauten, Geschäftshäusern und Wolkenkratzern, in

den Industriebauten, Bahnhöfen und Brücken Gestalt; in den rauhen

Zweckformen ist das Pathos des Leidens, ist gotischer Geist.

Überall freilich ist die neue gotische Form auch innig verbunden mit

der griechischen Form. Denn das Griechische kann, nachdem es einmal in

Europa heimisch geworden ist, nie wieder vergessen und ganz aufgegeben

werden; immer wird es irgendwie Anteil behalten und gegenwärtig

sein. Denn es enthält Lösungen, die sich dem menschlichen Geiste um

ihrer Allgemeingültigkeit willen aufs tiefste eingeprägt haben. Es

wird unmöglich sein, die griechische Form jemals wieder ganz aus der

europäischen Kunst zu entfernen. Jede neue Manifestation des gotischen

Geistes wird auf Mischstile hinauslaufen. Entscheidend wird es für

diese Mischstile aber sein, wo der Nachdruck liegt, ob die Gesinnung

mehr der griechischen Ordnung oder dem gotischen Ausdruckswillen

zuneigt. Daß auch die ihrer Herkunft nach griechische Form im Sinne

einer gotischen Gesamtstimmung benutzt werden kann, hat dieser

flüchtige Gang durch die Geschichte bewiesen. Er beweist auch, daß

der Geist der Gotik unendlich verwandlungsfähig ist, daß er in immer

neue Formen zu schlüpfen vermag und doch stets er selbst bleibt, daß

er immer und überall bildend am Werk sein wird, wo der Willensimpuls

einer Zeit, eines Volkes oder eines schöpferischen Individuums sich

unmittelbar in Kunstformen verwandelt.

Der Geist der Gotik · 第 9 / 15 题