II. Die beiden Formenwelten der Kunst

Während ich das erste Wort suche, um diese Ausführungen zu beginnen,

muß ich des Augenblickes gedenken, als sich der Gedanke vom ewigen

Dualismus der Kunst zum erstenmal deutlich in mir bildete. Es

geschah, als ich eines Tages zum Fenster hinaussah und eine Schar

von Tauben beobachtete, die sich auf dem Dach und den Gesimsen des

gegenüberliegenden Hauses tummelten. Einige der Tauben flatterten

auf, flogen im Kreise und ließen sich schwebend nieder, andere

hockten auf den Gesimsen oder verfolgten sich im Paarungstrieb. Im

stillen Hinsehen fiel es mir auf, daß alle Bewegungen, die rein

automatisch vor sich gehen, das Emporsteigen, Fliegen, Schweben und

Niedergleiten, daß alle rein körperlichen Funktionen, die unwillkürlich

ausgeübt werden, angenehm und „schön“ wirken, daß dagegen Formen des

Charakteristischen, ja des Grotesken entstehen, wenn die Tiere im Banne

einer psychischen Regung sind, wenn sie etwa erschreckt um sich äugen,

einander ängstlich fliehen oder brünstig suchen. Die beiden Gruppen

von Bewegungen stellten sich meinem Auge als grundsätzlich verschieden

dar. Die erste Gruppe enthält die gymnastisch glücklichen, und darum

die harmonischen, die ornamentalisch schönen Formen; die zweite Gruppe

umfaßt die leidvollen Formen, die sich dem Häßlichen nähern. Die Formen

der ersten Gruppe schmeicheln dem Auge, die anderen haben dagegen

etwas Frappierendes. Solange sich die Kräfte automatisch balancieren,

stellt sich beim Betrachter ein reines ästhetisches Vergnügen ein;

wenn sich der Wille der Tiere aber im Gehirn konzentriert und die

Bewegungen psychischen Impulsen unterworfen sind, finden Ausschaltungen

und partielle Lähmungen statt, die ornamentalische Schönheit ist

dahin, das Bild ist dann als bedeutende Erscheinung eindrucksvoll,

nicht aber als ein Reiz angenehm. Mit dieser einen Erfahrung des Auges

war mir plötzlich ein Schlüssel gegeben. Die Beobachtung an sich ist

nichts Besonderes, aber sie war für mich und zu jenem Zeitpunkt etwas

Besonderes. Das wurde schon dadurch offenbar, weil sie von jenem Gefühl

des Glücks begleitet war, das sich einstellt, wenn der Mann fühlt, wie

er wächst und wie Entscheidendes in ihm vorgeht. Es mußte von der einen

Erfahrung gleich auf ein Ganzes geschlossen werden: die beiden Gruppen

von Bewegungen teilten mir im Augenblick die ganze Kunst, die ja nichts

anderes ist als ein großes Bewegungsgleichnis, in zwei Hemisphären,

deren jede ihre besonderen seelischen Voraussetzungen und eine ihr

eigentümliche Formenwelt hat, in zwei Kräftegruppen, die sich bekämpft

haben, solange es eine Kunstgeschichte gibt, und die sich in aller

Zukunft bekämpfen werden.

Am anschaulichsten ist der Kampf dieser beiden Formenwelten in Europa

ausgetragen worden. Zwei Stile haben von je in Europa geherrscht

und während der Zeiten, die von geschichtlicher Erkenntnis erhellt

werden, einander den Vorrang streitig gemacht, zwei primäre Stile,

ursprüngliche Formenschöpfungen, die in einem grundsätzlichen Gegensatz

zueinander stehen. Wenn man sie als den griechischen und gotischen

Stil bezeichnet, so weiß jedermann, was gemeint ist, trotzdem die

Worte ungenau sind. Ungenau ist das eine Wort, weil das Griechische,

wie es hier verstanden wird, nicht eine Formenwelt umfaßt, die

fertig dem Geiste eines einzigen Volkes entsprungen ist, und weil

die griechische Form anderseits entscheidenden Anteil hat an vielen

europäischen und außereuropäischen Stilwandlungen bis auf unsere Tage.

Und ungenau ist auch die Bezeichnung „gotisch“, weil das Gotische im

Sinne meiner Auffassung keineswegs nur ein Gebilde des nordischen

Mittelalters gewesen ist, sondern irgendwie immer gegenwärtig war,

wenn in Europa oder sonstwo etwas Neues mit elementarer Kraft zutage

trat. Jedenfalls aber handelt es sich um zwei grundsätzlich sich

unterscheidende Bildungskräfte, und jede Zeit, jedes Volk müssen eine

Entscheidung darüber treffen, welcher dieser Kräfte sie sich vor allem

anvertrauen wollen. Wie diese Entscheidungen getroffen worden sind,

das in der Geschichte der europäischen Kunst zu verfolgen, ist von

großem Reiz. Oft ist der Entschluß vom Volksinstinkt, vom Zeitgeist

schnell und kühn gefaßt worden, oft auch nur zögernd und ungewiß. Wie

für ewige Dauer haben sich die südlichen, die romanischen Völker der

griechischen Formen bemächtigt; die nordischen Völker dagegen haben

dauernd geschwankt zwischen dem Griechischen und dem Gotischen. Es gibt

Mischstile und Kompromisse und höchst seltsame Metamorphosen. Alles

aber weist letzten Endes doch zurück auf den einen großen Gegensatz,

der in der Natur selbst begründet ist.

Die beiden Formenwelten, die mit den Worten „griechisch“ und „gotisch“

gleichnishaft bezeichnet werden, begünstigen hier vor allem den

Willen zum Ausdruck und dort die Ehrfurcht vor dem Gesetzlichen. In

der griechischen Baukunst sind alle Einzelformen auf lange, man darf

sagen auf ewige Dauer gestellt. Die Säule hat etwas Endgültiges, es

ist daran nicht zu viel und nicht zu wenig getan, es ist eine Formel

gefunden, die an erschöpfender Knappheit nicht übertroffen werden

könnte. Ebenso stellt sich das schön gegliederte Gesims als eine

formale Quintessenz dar, als das Ergebnis einer bewunderungswürdigen

Zusammenarbeit vieler Geschlechter und Individuen, als das Werk einer

von allem störenden Subjektivismus gereinigten Phantasietätigkeit

ganzer Zeiten. Eben um ihrer Endgültigkeit willen konnten diese reinen,

überpersönlichen Formen so bequem übernommen, angewandt und abgewandelt

werden. Auf griechische Bauformen gehen ja sowohl die Formen der

römischen Baukunst wie die Formen der über ganz Europa, über die ganze

Welt verbreiteten italienischen Renaissance zurück. Keiner gotischen

Bauform wohnt eine solche Allgemeingültigkeit inne. Die gotischen

Formen erscheinen vom Augenblick geschaffen, die Persönlichkeit hat an

ihnen mehr Anteil, und eben darum können sie nicht leicht übernommen

und umgebildet werden. Gegenüber der griechischen Form wirkt die

gotische fast improvisiert; sie ist nicht so sehr ein Extrakt als

vielmehr das Gebilde des Augenblicks. Die griechischen Säulenordnungen

konnten nach bestimmten Regeln angewandt und in fast wissenschaftlicher

Weise variiert werden: an den Kapitellen und am Steingebälk konnten

Tausende von Sklavenhänden fortmeißeln, weil die Formen regelmäßig

wiederkehren, weil sie eine unendliche Vervielfältigung geradezu

bedingen. Der griechische Stil reiht gleiche Formen aneinander, er

will die Wiederholung derselben Form, und eben darum bedarf er bei der

Ausführung nicht so sehr großer, schöpferischer Persönlichkeiten als

vielmehr geschickter und sorgfältiger Arbeiter. Alles in diesem Stil

ist auf Gesetzmäßigkeit gestellt, es herrscht die Regel, der Kanon,

das Wissen um die Wirkungen und um die überlieferbaren, meßbaren und

erprobten Verhältnisse. Innerhalb der gotischen Formenwelt aber konnte

dem sklavischen Arbeiter nur weniges überlassen werden. Denn dort ist

eigentlich nicht eine Form genau wie die andere, jede Form erscheint

spontan geschaffen und -- selbst dort, wo ihr Charakter konventionell

festgelegt ist -- von einem subjektiven Willen durchgebildet; dadurch

kommt in jede Form ein eigensinnig genialisches Eigenleben. Nicht

die Wiederkehr des Gleichen ist das Prinzip der gotischen Bauweise,

sondern die Abwandlung eines Formprinzips durch viele Möglichkeiten;

nicht Regelmäßigkeit wird erstrebt, sondern Mächtigkeit oder Freiheit

und Fülle. Das Wesentliche in der gotischen Form sind nicht Gesetz und

Regel, sondern es ist die unmittelbare Ausdruckskraft. Es wird nicht

ein endgültiges, ein sozusagen destilliertes Verhältnisleben der Teile

erstrebt, es wird nicht ein Kanon der reinen Proportionen geschaffen,

sondern es muß das wirkungsvolle Verhältnisleben in der gotischen Kunst

vom Künstler eigentlich jedesmal von neuem intuitiv gegriffen werden.

Dadurch wird die Wirkung sehr unmittelbar, doch haftet ihr auch viel

Einmaliges, ja etwas Einzigartiges an. Um einen griechischen Tempel,

einen römischen Palast, eine italienische Renaissancekirche gut zu

bauen, genügten unter Umständen die Tradition, die Erfahrung, das

Wissen, die Kenntnis des Kanons und der Praxis; um aber einen gotischen

Dom wirkungsvoll zu türmen, dazu gehörte in erster Linie schöpferische

Kühnheit. Die griechisch-italienische Bauweise könnte gegebenenfalls

ohne geniale Begabungen bestehen und doch eine gewisse Höhe halten,

die gotische Bauweise aber muß ohne ursprüngliche Genialität gleich

maniriert und konventionell werden. Eben darum setzt die gotische Form

selbständigere Arbeiter und willenskräftigere Persönlichkeiten voraus.

Nur eine an Individualitäten, an Temperamenten reiche Zeit ist reiner

gotischer Formenschöpfungen fähig. Schon aus diesem Grunde bleibt der

gotischen Form die unendliche Ausdehnungsmöglichkeit und die allgemeine

Anwendbarkeit versagt. Denn Persönlichkeiten und Temperamente sind

nicht zu allen Zeiten da, sorgfältige, genaue Arbeiter aber sind stets

zu erziehen.

Auch in der Natur steht einem Prinzip der langen Dauer überall ein

Prinzip des schnellen Antriebs gegenüber. Die Natur will ebenfalls

die ewige Wiederkehr des Gleichen oder doch des Ähnlichen; aber

sie will auch immer ein Neues. Sie will zugleich die Regel und den

Überschwang. Paradox könnte man sagen, die Natur sei ebensowohl

griechisch wie gotisch. Wie aber in der Natur der orgiastischen Fülle

der Schöpfungskraft, dem Übermaß des Triebhaften die regelnde Ordnung,

die eherne Notwendigkeit beschränkend und formgebend gegenübersteht,

und wie der Elementardrang des Schöpfungswillens wiederum dafür sorgt,

daß das heilig ordnende Gesetz niemals formalistisch erstarrt, wie

ein ewiger Kampf ist zwischen Unruhe und Ruhe, zwischen Rausch und

Besonnenheit, zwischen Ungeduld und Geduld, und wie das Resultat dieses

Kampfes ohne Ende eine Welt ist, die immer wieder frisch und herrlich

ist, als sei sie eben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen -- so

wirken auch in der Kunst aufeinander Maß und Übermaß, Ruhe und Unruhe,

Geduld und Ungeduld, so geht auch dort aus diesem ewigen Kampf erst

das Bedeutende ursprünglich und mannigfaltig hervor. In der Kunst

wirkt, wie in der Natur, eine zentrifugale und eine zentripetale

Kraft; in der Kunst wie in der Natur heißen die beiden entscheidenden

Gewalten Antrieb und Hemmung, Freiheit und Gesetz. Der künstlerische

Bildungstrieb des Menschen hat sich dualistisch spalten müssen, um

im Höchsten schöpferisch werden zu können. Etwa so, wie die Natur

den Menschen in Mann und Weib zerlegt hat, um sich zu erhalten und

fortzupflanzen.

In diesem Sinne ist die gotische Form die männliche, sie ist die

zeugende und anregende Form. Sie ist die Form des heroischen

Affektes. Auch dort, wo sie scheinbar nüchtern vom profanen Bedürfnis

ausgeht. Denn während sie rein zweckmäßig bestimmt zu sein scheint,

steigert sie das Zweckmäßige unversehens zum Monumentalen. Man denke

an die mittelalterliche Verteidigungsarchitektur. Es ist strenge

Zweckarchitektur, ohne Zierat, ohne rein darstellende Formen, nur aus

Mauern, Zinnen und Türmen gebildet. Sie sollte den Feind abhalten.

Aber zugleich sollte sie ihn schrecken und einschüchtern, das heißt,

sie sollte eine Wirkung auf seine Seele ausüben. Darum wurden Formen

gewählt, deren Wucht voller Drohung war, die kriegerisch wirkten und

eine Macht repräsentierten; und so geriet das Fortifikatorische wie von

selbst zur düsteren Großheit und starren Unbedingtheit. Das Einfache

wirkte nicht mehr nüchtern zweckhaft, sondern wie ein Symbol des

Dräuenden und Wehrhaften. Diese Übersteigerung ins Symbolische aber ist

einer der wesentlichen Züge alles Gotischen.

Aus dem Burgenbau, aus der Befestigungsarchitektur ging organisch der

Kirchenbau hervor. Der trotzig auf Selbstbehauptung bestehende Wille

erstrebte die mächtige Wirkung, aus dem groß begriffenen Bedürfnis

wurde die Idee abgeleitet; diese Idee aber wurde mit der Zeit

selbständig und wuchs ins Geistige, ins rein Künstlerische hinein.

Die Stimmung, die den primitiven gotischen Kunstwerken anhaftet,

wurde zum Motiv an sich erhoben. Um die Stimmung aber künstlerisch

auszudrücken, mußte eine Formenwelt geschaffen werden, die sich

aus lauter Stimmungselementen zusammensetzt. Das will sagen: aus

Elementen, die neun Zehntel des Lebens, der Natur, der menschlichen

Empfindung ignorieren, um dem einen Zehntel desto einseitig stärker zum

Ausdruck zu verhelfen, aus Elementen, die das Objekt vergewaltigen,

die alle helfen, ein einziges mächtiges Gefühl zu illustrieren und

die alle erfüllt sind von der Leidenschaft, einen bestimmten Willen

auszudrücken, ihn zu steigern und zu motivieren. Jede gotische

Kunstform will vor allem dieses: motivieren. Sie ist nicht vom Zweck

genesen, wie die griechische Form. Alle Formen der Gotik, sowohl

dort, wo sie sich einfach, wuchtig und primitiv, wie auch dort, wo

sie sich darstellend, reich und barock geben, weisen irgendwie immer

auf etwas Konstruktives. Das sichtbar Konstruktive jedoch nimmt in

der Baukunst die Stelle ein, die der Naturalismus in der Malerei

einnimmt. Nun ist aber dieser Konstruktionsnaturalismus der Gotik

nicht zu profanen Zwecken, sondern um der künstlerisch-symbolischen

Wirkung, um des starken Ausdrucks willen da. In allem Gotischen

ist die Frage nicht zu lösen, ob zuerst die Konstruktion oder

die künstlerische Vorstellung dagewesen ist. Die Antwort ist so

schwierig wie die Beantwortung der Frage, ob zuerst das Huhn oder

das Ei dagewesen sei. Konstruktion und Form werden im Gotischen

zugleich und eines durch das andere immer gefunden. Neuerungen, wie

der Spitzbogen und das Pfeilersystem, sind erst möglich geworden,

als eine mit sich selbst noch unbekannte Sehnsucht nach Mitteln

ausschaute, dunkel ihr vorschwebende Wirkungen zu realisieren. Es mag

mit solchen technischen Entdeckungen gehen wie mit den geographischen,

die auch erst erfolgen, wenn der von Expansionstrieben genährte

Instinkt zweckvoll wissenschaftlich Schiffe ausrüstet. Dieses aber

ist so recht das Wesen des gotischen Geistes: ein mit sich selbst

unbekanntes mächtiges Lebensgefühl in neue Kunstformen zu kleiden,

urweltliche Instinkte artistisch zu rechtfertigen und aus der Notdurft

des Lebens unmittelbar eine zwar naturalistisch gebrochene, aber

auch geheimnisvolle Formenwelt abzuleiten. So ist es im Mittelalter

gewesen, als auf der Grundlage des Zweckmäßigen und des tektonisch

Mathematischen eine betörende Romantik aufblühte, ein Urwald von Form,

wimmelnd von Leben und Gestalt. Der erregte Wille führte das Bedürfnis

über sich selbst hinaus -- bis an die Grenzen der Phantastik. Der

Raum wurde überhöht, seine natürlichen Mauergrenzen wurden gesprengt,

ein System von Pfeilern wuchs, voll eines dröhnenden Rhythmus, steil

in die Höhe, das Licht selbst wurde romantisiert, indem man es durch

farbige Fenster leitete, und in allen Teilen des Doms -- der ein

Gesamtkunstwerk der Architektur, Plastik und Malerei war -- begann ein

Spiel mit der Konstruktion, mit dem Zweckhaften, bis alles Materielle

sich schließlich im Transzendentalen verlor. Hier wird die andere

Seite des gotischen Geistes offenbar: seine Lust an der Fülle, seine

romantische Schmucklust. Das Gemäuer bedeckte sich mit phantastisch

reichem Zierat, mit Menschen- und Tiergestalten, mit Blättern und

Blumen, mit tektonischen und malerischen Formen bunt durcheinander --

scheinbar willkürlich und doch logisch geordnet nach einem Gesetz der

Empfindung. Alles einzelne weist zurück auf etwas Individuelles, im

dunkelsten Winkel noch betätigt sich das sehnsüchtig bildende Talent;

über allem einzelnen aber steht einigend ein großer, leidenschaftlicher

Kollektivwille. Alle Menschen haben irgendwie Anteil an den

Wunderbauten der mittelalterlichen Gotik; aber alle bleiben sie auch

anonym. Und dieses eben ist ein Charakteristikum des Geistes der Gotik

überhaupt: er lebt sich in Massenkundgebungen aus; seine Ideen können

zwar nur von Persönlichkeiten verwirklicht werden, aber sie schließen

auch jede Persönlichkeit ein. Daher dieser bezeichnende Trieb zum

Rauhen und Kolossalen einerseits und zur Fülle des Details anderseits,

daher diese heftige Neigung zur Phantastik der Quantität. Beides, der

Kolossaltrieb und der Formenüberschwang, die primitive Nacktheit

sowohl wie die Schmuckfülle, weisen auf eine geistige Unruhe zurück.

Diese Unruhe setzt sich immer dann in künstlerische Wirkungen um, wenn

sich eine Kraft von hartem Druck befreit, wenn ein Kampf stattfindet,

wenn Sehnsucht, Unruhe und Trotz sich um ein Höchstes bemühen, während

ein rauhes Klima, arme Lebensformen, Not und Mühsal den titanisch

erregten Willen beschränken. Der Empordrängende vor allem will

ungewöhnliche Denkmale seines Willens errichten, er denkt in steinernen

Babelgedanken. Alle gotische Kunst deutet auf einen Zustand des Gemüts,

der eintritt, wenn sich der Geist aus phantasievoller Dämonologie, aus

schaudernder religiöser Ergriffenheit zur Gewissensfreiheit selbständig

durchringt. In Augenblicken, wo ein Volk in der Mitte dasteht zwischen

unbedingter Anbetung und Geistesfreiheit, wo es sich selbst wachsen

fühlt und auch die Lust des Wachsens, geraten die Werke am größten

und reichsten im Sinne des Geistes der Gotik. Beruhigte, saturierte

Völker kennen nicht diese elementaren Willensausbrüche in der Kunst.

Darum sind vor allem werdende Völker, die noch auf Morgenstufen weilen,

Völker mit Jünglingstemperament, voll vom Geiste der Gotik. Oder auch

die alternden Völker, in denen eine neue Unruhe erwacht und neue

Begierde. Auch glückliche Völker, die in einem heiteren Klima leben,

fassen die Kunst nicht so ekstatisch auf, sie suchen mehr das Glück und

den Genuß; die Gotiker dagegen sind nie heiter, ruhig und harmonisch,

sie werden gepeinigt von einem Verantwortlichkeitsgefühl, ihre Kraft

ist nicht frei von Angst, ihr Wille ist voller Leidenschaften. Darum

bedeutet ihnen auch die Tradition nicht viel. Ihnen schwebt als Ideal

immer etwas Phänomenisches vor. In ihrer Kunst herrscht die Stimmung.

Der gotische Mensch hat ganz den einseitigen Druck der Kräfte. Er

lebt innerlich ruckweis, nicht stetig. Und dieses gilt ebensowohl

für ganze Völker wie für die einzelnen Talente, für die Individuen,

die ihrer Natur nach als Gotiker anzusprechen sind, und für ganze

Künstlergeschlechter, die vom Geiste der Gotik regiert werden.

Im Gegensatz hierzu suchen Völker und Individuen, die auf die

griechische Formenwelt eingestellt sind, nicht den Affekt, sondern

die Beruhigung. Selbst wenn sie einmal das Ungeheure unternehmen,

setzen sie Wohlklang und Harmonie allem anderen voran; sie schaffen

das Kolossale nur, um zu prahlen, nicht aus einem eingeborenen Hang

zum Phänomenischen. Wenn sie das Übergroße schaffen, so sind es nur

Vergrößerungen des eigentlich für eine mittlere Größe Gedachten. Im

allgemeinen sagt ihnen das Mittlere und eine gewisse Normalempfindung

zu. Die Baukunst des griechischen Menschen geht nie sichtbar und

absichtsvoll vom Zweck und von der Konstruktion aus, sie ist nicht

naturalistisch und ebensowenig romantisch-symbolisch. Der Zweck und die

Konstruktion fügen sich willig dem schönen Schein. Die Architektur ist

rein darstellend; darum bedarf sie gar nicht der Anstrengung, die nötig

ist, wo etwas an sich Profanes aufs höchste idealisiert werden soll,

darum gerät die Form auch nirgends zum gewaltsam Charakteristischen.

Die Bedürfnisse treten in einem Klima, das die Mitte hält zwischen

eisiger Kälte und tropischer Hitze, bei weitem nicht so anspruchsvoll

hervor; das Materielle der Zwecke erscheint von vornherein mehr

aufgehoben, jedes einzelne Bauglied hat ein dekoratives Eigenleben, das

sich auch erhält, wenn es für sich allein betrachtet wird, und alles

Statische ist wohlklingend geworden. Die Bauwerke scheinen nicht so

sehr, wie die des gotischen Geistes, einzelne Individuen zu sein, sie

sind vielmehr Gebilde des reinen Wohllautes und Verkörperung eines sehr

durchgebildeten Stilprinzipes. Eine Cella und ringsherum Säulenreihen:

das ist der griechische Tempel; vier Mauern mit regelmäßig angeordneten

Fensteröffnungen auf einem Rechteck errichtet, edel gegliedert von

Pfeilern und Gesimsen: das ist der italienische Palast. Da nun aber

das Ganze dekorativ ist, da jede Form ein Wohlklang ist, so kann diese

Bauweise auf Häufungen verzichten. Darum ist sie im allgemeinen einfach

und ein Kind der Selbstbeschränkung. In der griechischen Formenwelt

dominiert das Klare, das formal Endgültige. Alle Anstrengung erscheint

überwunden, das Gerüst des Bauwerks ist wie mit blühendem Fleisch

bedeckt, ohne daß aber die Gelenke undeutlich würden, ohne daß die

gymnastische Elastizität der Glieder verloren ginge. Die Kunst des

griechischen Menschen weist, wo und wann immer sie uns entgegentritt,

auf eine Gemütsverfassung, die nicht ekstatisch erregt ist, sondern

besonnen, die nicht religiös gefärbt ist, sondern weltlich. Diese

Gemütsart will weniger, daß das Kunstwerk drohe, als vielmehr, daß es

schmeichle; sie ist nicht unruhig nach dem Neuen, sondern glücklich im

Besitz. Darum ist der griechische Mensch wie von selbst ein Verweser

der Tradition. In seinen Künsten geht das eine immer scheinbar ohne

Anstrengung aus dem anderen hervor. Wo der gotische Mensch das Gefühl

des Werdens rauschhaft und doch auch leidend erlebt, da genießt der

griechische Mensch sein Werden und Sein als Glück. Das gibt seiner

Kunst die stolze Ruhe, das Aristokratische, es löst die Spannungen und

schafft die Harmonie. In der gotischen Kunstwelt geht der Mensch mehr

sittlich wollend vor, in der griechischen mehr ästhetisch genießend.

Benutzt man einmal die Terminologie Nietzsches, um die Gegensätze

zu bezeichnen, so könnte man die gotische Welt die des dionysischen

Geistes, die griechische Welt aber vom apollinischen Geiste geschaffen

nennen.

Man möchte das Gotische sentimentalisch nennen, trotzdem in diesem

Wort ein herabsetzender Nebensinn verborgen ist. Das Sentimentalische

muß entstehen, weil die Formen des gotischen Geistes nicht in erster

Linie aus einer freien Vernunft, sondern aus dem stark okkupierten

Gefühl fließen. Die Kunstform dient einer reizbaren Idee, nicht

einer zufriedenen Sinnlichkeit, das macht sie sentimentalisch. Das

Sentimentalische in diesem Sinne ist die Hälfte der Menschennatur. Mit

ihm zusammen hängt jenes große Erstaunen vor der Welt, jenes tiefe

philosophische Wundern, worauf alle Religion letzten Endes zurückgeht.

Die sentimentalische Natur gibt sich einem schreckhaften Gottgefühl

hin, sie steht immer mehr oder weniger im Banne eines Schuldgefühls,

einer mystischen Lebensfurcht. Aus dieser Furcht aber geht dann eine

besondere Art von Willen hervor; es wohnen darin die Instinkte, die

göttlichen und die tierischen, eng beieinander, und es ruht darin

embryonisch die Idee, die, über alle Vernunft, über alle Realität

hinaus, dem Leben das Unbedingte abtrotzen möchte, die nicht davor

zurückschreckt, zum Himmel selbst eine Jakobsleiter anzulegen, worauf

die Engel herab- und hinaufwallen. In diesem Sentimentalischen ist

jenes Dämonische enthalten, worauf Goethe so oft zurückkam und das

in ganzen Völkern sich ebensowohl zeigt wie in großen Individuen. Es

„wählt sich gern etwas dunkle Zeiten“, wie Goethe meinte, es übt eine

besondere Anziehungskraft aus, und nicht selten ist darin die Größe

dem Diabolischen gesellt. Auch im Geiste der Gotik ist immer mehr

oder weniger von dieser Dämonie. Das erklärt den oft beängstigenden

Formenspuk aller gotischen Kunst, es erklärt die Hysterie und die

krankhafte Heftigkeit des Empfindens neben einer eiskalt erscheinenden

Spekulation und erhellt die Frage, warum diese Kunst so oft mehr

bildend ist als schön.

+Der griechische Mensch erschafft die Formen der Ruhe und des Glückes,

der gotische Mensch die Formen der Unruhe und des Leidens.+

* * * * *

Es leuchtet ein, daß in den beiden großen Kunstwelten gewisse formale

Grundtendenzen immer wieder hervortreten müssen, wo und wann die

einzelnen Formen auch entstehen und wie verschieden die besonderen

Bedingungen der Zeit, der Rasse, der Umwelt auch sein mögen. Alle

Kunstformen des gotischen Geistes weisen -- ob sie nun vor tausend

Jahren geschaffen sind oder gestern, im Morgen- oder im Abendland und

so viele nationale Sonderbedingungen dafür auch maßgebend gewesen sind

-- denselben Temperamentszug auf; und ebenso gehen alle Kunstformen

des griechischen Geistes, wie immer sie auch abgewandelt und angewandt

werden, auf dasselbe bildende Prinzip zurück.

Ein allgemeines formales Merkmal in diesem Sinne ist es, daß vom

gotischen Menschen mit Vorliebe die Vertikalrichtung betont wird, vom

griechischen Menschen mehr die Horizontalrichtung. Im Gotischen strebt

die Form immer schnell und gewaltsam nach oben, im Griechischen will

sie beharren im Zuständlichen, sie erscheint breit gelagert. Die Gotik:

das ist der Turm. Was immer der gotische Geist auch angreift, es drängt

ihn, die Massen zu türmen, die Formen steil hinaufzuführen und sie nach

oben zuzuspitzen; wogegen der griechische Geist in horizontal gestuften

Plänen architektonisch denkt, in Stockwerken und Gesimsführungen, in

Friesen und Bändern. Und das gilt nicht nur für die großen Baumassen,

sondern auch für alle architektonischen Einzelformen und Ornamente, es

gilt nicht nur für die Architektur, sondern für die Künste überhaupt.

Man erkennt das verschiedenartige Temperament, wenn man die nach der

Last begierige griechische Säule mit dem gotischen Pfeilersystem

vergleicht, in dem alle Schwere spielerisch überwunden erscheint; wenn

man dort auf die horizontal gereihten Perlschnüre und Eierstäbe, auf

Palmetten und Akanthusornamente, auf die Triglyphen und Konsolen, auf

die Stockwerksteilungen, Dachgesimse und Dachentwicklungen blickt und

hier auf die Pfeilerbündel und kühn springenden Strebepfeiler, auf die

wie trillernde Kadenzen an den Turmwänden und -spitzen hinaufeilenden

Steinkrabben, auf die ungehemmt emporsteigenden Mauern und die spitz

in die Luft schneidenden Dächer und Türme. Man hat den Gegensatz, wenn

man sieht, wie im Griechischen der Grundriß immer einfach orientierend

ist, im Gotischen aber zur Hälfte desorientierend und zur anderen

Hälfte überorientierend. Wenn man dort ruhig zum Ziel hingeführt

wird, so wird man hier entweder dahin geworfen, oder es bewegt sich

das Raumgefühl in einem wunderlichen Irrgarten. Wenn auf der einen

Seite der Drang herrscht, den Raum durch feste Mauern abzuschließen,

bestimmt zu umgrenzen und ihn dem menschlichen Maße anzunähern, so

herrscht auf der anderen Seite die Lust an der Wölbung, am Ausweiten,

am Durchbrechen fester Grenzen, am Unbestimmten. Und auch dieses

alles wird wieder zur Höhentendenz. Was im Griechischen ein Saal

ist, das wird im Gotischen zur Halle, was dort ein abgeschlossener

architektonischer Bezirk ist, wird hier zu einer Raumfiktion. Wo dort

alle Räume streben, einander ähnlich zu sein, da suchen sie sich hier

in jeder Weise zu unterscheiden, indem sie übereinander hinausgehen.

Dieser Gegensatz geht gleichmäßig durch alle Künste. In den Statuen,

wie sie einem steinernen Volke gleich vor den Mauern und Pfeilern

gotischer Dome, zwischen farbigen Fenstern im Schiff und Chor dastehen,

wie sie, rhythmisch zu Verbänden geordnet, die Spitzbogenportale

füllen und im feierlichen Tempo, mit verzückt bewegten Leibern, über

Gesimse und Balustraden dahinwandeln, ist eine besondere Schlankheit,

ein sich Dehnen und Sehnen, ein sich Recken in die Länge, kurz

dieselbe Vertikaltendenz, wie im Ganzen des Gebäudes. Den Statuen

der griechischen Stilkreise fehlt diese absichtsvolle Übersteigerung,

es fehlt dieser Drang, einer unaufhaltsam emporschnellenden

Turmarchitektur formal zu folgen; im Griechischen sind die Verhältnisse

der Gestalten „richtiger“, die Vertikale ist nicht mehr betont, als

die Natur sie betont, und in den Giebelfeldern lagern die Gestalten

beruhigt beieinander. Herrscht innerhalb des Vertikalstils eine

primitive, eine hölzerne Anmut, so erscheint sie innerhalb des

Horizontalstils elastisch und natürlich. Bei den gemalten gotischen

Heiligen fallen die Gewänder gerade herab, um am Boden dann mit

zackiger Heftigkeit oder Koketterie zu zerknittern; bei den gemalten

Gestalten der griechischen Formenwelt fügen sich die Linien der

Gewänder zu fließenden Ornamenten. Sind die Bewegungen dort absichtlich

steif und hieratisch, so sind sie hier dem Leben nachgebildet und dann

gefällig gemacht. Die Figur griechischer Art steht auch, in Plastik

und Malerei, anders als die Figur gotischer Art auf den Füßen da.

Bei jener unterscheidet man deutlich Standbein und Spielbein, diese

steht gleichmäßig auf beiden Beinen, wodurch eine gewisse sprechende

Ungeschicklichkeit, eine psychologisch ausdrucksvolle Unbeholfenheit

hervorgerufen wird. Eben diese gedankenvolle Unbeholfenheit aber sucht

die Gotik. Sie drückt damit das In-sich-versunken-sein des statuarisch

dargestellten Menschen aus. Die griechische Statue hat durchweg

Beziehung zu etwas außerhalb Liegendem; in ihr ist der Impuls des

Handelns dargestellt, sie zeigt den Jüngling im Kampf oder Wettspiel,

das Mädchen, wie es sich zum Tanz oder zur Opferhandlung anschickt:

sie interessiert auch durch das, was sie gewissermaßen dramatisch

ausdrückt. Die gotische Statue bleibt dagegen ganz im zuständlich

Symbolischen. Sie hat nur Beziehungen zu sich selber oder zu einer

überwirklichen Legende; sie wendet sich nicht an den Menschen und

seine Interessen, sondern unmittelbar an Gott. Die griechische Figur

ist vom Bildhauer von vornherein plastisch gedacht, sie ist von Anfang

an artistisch angeschaut; die gotische Figur verdankt ihre Entstehung

einer Vorschrift der Kirche, sie ist den Legenden entnommen und

darum recht eigentlich im Ursprung unplastisch. In ihr wird aber das

Unplastische mit höchster Anstrengung plastisch, architektonisch und in

jeder Form künstlerisch gemacht, und eben dadurch entsteht die ungemein

eindringliche Form, die unbeholfene Monumentalität, die hölzerne

Grazie, die tief beseelte Starrheit und eine ergreifende menschenferne

Stimmung. Der griechische Geist nimmt es ernster mit der Durchbildung

der Form; der gotische Geist nimmt es ernster mit der Idee. Darum wird

die Form hier ideenhaft unbedingt. Der Geist der Gotik will nicht

ausgleichen, er wählt seine Formen allein unter dem Gesichtspunkt, ob

sie aus derselben Empfindungswurzel wachsen, ob sie von derselben Art

sind, ob sie die Farbe eines bestimmten ungebrochenen Willens tragen.

Einheitlichkeit, Eindeutigkeit ist ihm alles. Der griechische Geist

aber wählt die Stellungen und Formen nach ihrer kontrapunktischen

Reinheit, nach ihrem Reizwert; er sucht die psychische Wohlgestalt, den

schönen Menschen, die schöne Kleidung, und er verschönert das Modell,

wenn es an sich nicht schön genug ist: er neigt zum Idealisieren des

Physischen, wie der gotische Geist zur Übersteigerung des Psychischen

neigt. Darum scheut sich dieser nicht vor dem häßlichen, aber

ausdrucksvollen und charakteristischen Menschen, ja, er liebt es, den

Menschen zu proletarisieren, in dem Sinne etwa, wie das Christentum

es getan hat. Es gerät der Mensch im Gotischen wie von selbst zum

Persönlichen und im Griechischen zum Typischen. Auch das ist eine

Folge der schönen, ausgeglichenen Form hier und der grotesken, in

die Länge gezogenen Form dort. Es handelt sich um zwei Handschriften

der Menschheit: die eine strebt in ihrer weichen edlen Rundung und

Bestimmtheit zum Kalligraphischen, die andere ist eine ungleiche,

steile und nicht immer klar leserliche Charakterschrift.

Ein anderer formaler Unterschied besteht darin, daß die gotische

Baumasse immer wie modelliert, das griechische Bauwerk dagegen

tektonisch gefügt erscheint. Jenes gleicht dem Werk eines Bildhauers,

eines Modelleurs, dieses gleicht der Schöpfung eines die Teile

zusammensetzenden Werkmeisters. Gotische Bauwerke kann man den halb

phantastischen Gestalten der Saurier vergleichen, ungeheuer im

Ausdruck, aber verschwommen in vielen Einzelformen, hinter unheimlich

schönen Schalen und Krusten den Gliederbau halb verbergend, von der

eigenen Masse behindert und in der Ausbildung gewisser Organe noch

amphibienhaft ungewiß. Das griechische Bauwerk aber ist wie ein

edles, wohl durchgebildetes Tier unserer Lebenszone, überzeugend in

den Bewegungen, klar in den Gelenken und rassig in der Ökonomie der

Mittel. Man könnte, um anders zu vergleichen, die Berge modelliert

nennen -- modelliert von der die Erdrinde faltenden Kraft, von der

Zertrümmerung, vom Erdrutsch, von Verwitterung und Wasserspülung wie

vom Finger eines Erdgeistes --, den Baum mit Stamm, Zweigen, Blättern

und Blüten dagegen als ein organisches, tektonisches Gebilde der Natur

bezeichnen. Die Vergleiche sind primitiv, sie weisen aber doch auf

einen wesentlichen Punkt. Sie weisen zum Beispiel darauf, daß bei einem

tektonischen Bauwerk die Symmetrie konsequent durchgeführt sein muß,

daß das modellierte Bauwerk aber immer mehr oder weniger die Willkür

der Asymmetrie aufweisen wird. Der ganze Rhythmus muß hier und dort ein

anderer sein. Im Kunstwerk des griechischen Geistes fließt der Rhythmus

schnell, aber ruhig und sicher dahin, wie die Gewässer in einem tiefen,

gleichmäßigen Strombett; im gotischen Bauwerk ist der Rhythmus fast

gewalttätig, doch stellen sich der Strömung Hemmungen entgegen, wodurch

Brandungen und Strudel entstehen. Ein Formengedränge ergibt sich,

in dem notwendig Unbestimmtes und Vielfältiges ist, gegenüber dem

Bestimmten und Eindeutigen der tektonisch geordneten Form. Tatsächlich

setzt die gotische Bauweise in ihren entwickelten Stadien ein

ungeheures tektonisches Können, einen starken „logischen Formalismus“

voraus, ja tektonisches Genie, denn es muß das Gewagteste, das

Unerhörte praktisch möglich gemacht werden; nur nimmt man dieses Können

nicht wahr, weil der Stil nicht den Ehrgeiz hat, im ganzen tektonisch

zu wirken, weil ihm das Konstruktive nur Mittel ist, um Stimmungen

zu erzielen. Auch die griechische Einzelform hat dann viel von der

sauberen Bestimmtheit, von der klaren Gliederung der tektonischen

Architektur, wogegen die gotische Einzelform zur malerischen

Unbestimmtheit drängt. Sie ist mehr modelliert als gezeichnet,

mehr plastisch als linear. Die griechische Form ist immer irgendwie

reliefartig, die gotische ist kubisch. Diese wächst aus der Masse

hervor und ist untrennbar damit verbunden, jene erscheint mehr wie

gefügt. Das griechische Kunstwerk besteht aus geistreich verbundenen

Teilen, das gotische ist immer ein einziges, untrennbares Ganzes. Wenn

dort die Formen gereiht und wie Bänder um das Gebäude gelegt werden, so

wuchern sie hier vegetativ auf dem Gemäuer, in sich selbst verschlungen

oder heftig nach oben strebend, als suchten sie das Licht.

Auch das Flächenleben ist sehr verschieden. Wenn ein Bauwerk des

griechischen Geistes nur fünfzig verschiedene Flächen hat, so weist

das gotische davon tausend auf. Der gotische Geist begreift den Raum

reicher. Man darf nicht sagen sinnlicher oder phantasievoller, weil

der Raum im griechischen Bauwerk auf seine Grundelemente zurückgeführt

worden ist, was ebenfalls höchste Phantasietätigkeit voraussetzt.

Der Gotiker aber kann sich im Empfinden des Raumes kaum genug tun,

ihm schillert der Raum wie in Millionen Facetten. Die Flächen sind

nicht mehr mit dem Winkelmaß zu messen, die Formen fangen mit jedem

Detail die Brechungen des Raumes tausendfältig auf, und darum

vibriert das Kunstwerk immer in einer unruhigen Pracht von Licht

und Schatten. Die griechische Raumauffassung beruhigt, die gotische

beunruhigt. Dort spricht das Mathematische des Raumes, hier spricht

sein Geheimnis, sein Grauen. Die Auffassungen sind so verschieden,

wie die Zeitempfindung in den Dramen der Griechen und in den barocken

Dramen Shakespeares grundsätzlich verschieden sind. Dort werden Raum

und Zeit exakt begriffen, hier romantisch.[1] Im gotischen Kunstwerk

scheint der Raum unaufhörlich in Bewegung zu sein, im griechischen

scheint er fest zu stehen. Der griechische Mensch baut gewissermaßen

mit Luftwürfeln, dem gotischen Menschen ist der Raum etwas Flüssiges.

Dort gilt nur die positive Form, hier auch die negative; dort denkt

man an das mathematische Gesetz der Teilung, hier empfindet man die

unendliche Melodie des Raumes; dort zentralisiert, hier dezentralisiert

man gern. Im Griechischen ist die Schwere gebändigt, im Gotischen

wird sie verneint. Das wirkt nicht nur auf die Materialbehandlung

insofern zurück, als der Gotiker jedes Material zu entmaterialisieren

strebt, sondern es wirkt auf jede Einzelform zurück. Der griechische

Mensch bevorzugt die gerade und die einfach geschwungene Linie, er

kommt mit wenigen Formelementen aus; der gotische Mensch braucht,

trotzdem er einseitiger ist, ja eben darum, viele Formelemente, er

kultiviert die reich bewegte und vielfach gebrochene Linie. In der

griechisch-italienischen Ornamentik herrscht die gleichmäßig sich

verjüngende Kurve, die symmetrisch geordnete Arabeske, und es werden

wenige Naturformen in einer strengen, aber immer auch sinnlich

durchgefühlten Stilisierung benutzt; in der gotischen Ornamentik ist

die Zierform zugleich naturalistisch und abstrakt und sie bildet sich

ununterbrochen um. Dort herrscht in der Kunstform ein gemäßigtes Klima,

hier ein tropisches. Was dort Knochen und Gelenk ist, das ist hier

Knorpel und Wirbel; was dort wie eine weiche Haut erscheint, mutet

hier an wie eine schuppige Hülle. Die Form bewegt sich in Rillen und

Schwellungen, in Brechungen und Lähmungen und kann sich im einzelnen

an Motivation gar nicht genug tun; aber sie erfüllt dabei nicht

entfernt so viel Funktion wie die griechische Form. Diese scheint

immer gemächlich und auf Umwegen das Ziel zu erreichen, während sie in

Wahrheit den kürzesten Weg nimmt; die gotische Form scheint nach dem

Ziel gewaltsam hinzuschnellen, doch geht sie tatsächlich den weiteren

Weg und verliert sich nicht selten unterwegs. Das griechische Ornament

scheint nur ein Klang zu sein und ist doch durchaus argumentierend,

das gotische ist mit Eigenbedeutung beschwert, aber es zweckt mehr

zu einem stimmungshaften als zu einem architektonischen Ganzen. Auf

der einen Seite ist die Form konsonierend, auf der anderen liebt

sie die Dissonanz, den übermäßigen und den verminderten Akkord; die

griechische Formensprache ist auch in der bildenden Kunst, so könnte

man sagen, vokalreich und gesangartig, die gotische Formensprache

ist reich an Zischlauten und charakterisierenden Schärfen. In der

ganzen Kunst des griechischen Geistes sind der innere Sinn, der

das Lebensgesetz intuitiv nachfühlt, und der äußere Sinn, der die

organischen Ausprägungen des Lebensgesetzes sinnlich wahrnimmt, restlos

in Übereinstimmung gebracht; in der gotischen Kunst kämpft die innere

Vorstellung mit der äußeren Anschauung. Dort fördern darum Natur und

Kunst einander, hier vergewaltigen sie sich gegenseitig; dort ist ein

göttliches Genießen, hier ein titanenhaftes Kämpfen.

* * * * *

Als die Italiener dem mittelalterlichen Stil des Nordens den Namen

„Gotik“ gaben, wurden sie insofern von einem richtigen Instinkt

geleitet, als sie ausdrücken wollten, daß in dem nordischen Stil

die Elemente des Barbarischen enthalten seien. Falsch war nur

die verächtliche Betonung, die in den Ausdruck gelegt wurde; wie

es denn immer sehr primitiv ist, wenn Völker und Rassen einander

Geringschätzung zeigen. In Wahrheit ist auch die Bezeichnung eines

Kunststils als barbarisch ein Charakteristikum, nicht ein Werturteil.

Wenn es uns anders erscheint, so liegt es daran, daß eben jetzt

das Wort „barbarisch“ wieder einmal zu einem weltgeschichtlichen

Schimpfwort gemacht worden ist. In Wahrheit umschreibt der Begriff

des Barbarischen nicht einen Zustand der Bildungsunfähigkeit,

der Unbegabtheit und Unwürdigkeit, sondern einen Zustand der

Ursprünglichkeit und Naturnähe, der sich einer festen Normierung

mehr oder weniger widersetzt. Der Gegensatz des Barbarischen ist

ein Zustand, in dem die Norm herrscht, wo der Mensch und die Natur

jenem lebendigen Formalismus unterworfen sind, den man sich gewöhnt

hat Kultur zu nennen. Beide Formen sind notwendig und ergänzen, ja

durchdringen einander; sie unterscheiden sich nicht wie schlecht

und gut, sondern wie zwei Kräfteströme, die sich hier anziehen

und dort abstoßen, die aber zusammen erst das schöpferische Genie

der Menschheit ausmachen. Gegeneinander wirkend schaffen sie den

Wechselstrom der Kunstgeschichte. Es ist nicht so, daß alle Völker im

Anfang ihrer geschichtlichen Laufbahn barbarisch sind und im Laufe

der Jahrhunderte kultiviert werden. Wer so denkt, verwechselt die

kultivierende mit der zivilisierenden Kraft. Ein Volk wird mit der

Bestimmung zum Barbarischen oder zum Kultivierten geboren, oder es ist

auch bestimmt, ein Kompromißvolk zu werden. Die höhere Produktivität

wird von der Anlage nicht berührt. Wie Mozart ein mit der Bestimmung

zur Kultur geborenes Talent gewesen ist und wie Beethovens Genie

in seinen höchsten Werken noch barbarisch anmutet, wie Raffael und

Michelangelo sich artverschieden gegenüberstehen, wie dieses aber

nicht ohne weiteres auch Gradverschiedenheit bedeutet, so stehen

sich auch ganze Völker artverschieden gegenüber. In den barbarischen

Völkern bleibt immer, wie sie sich auch abmühen, etwas Dunkles, Wildes

und Gewaltsames, in den kultivierten ist etwas Heiteres, Klares und

Müheloses. Es wäre zu wenig, mit halbem Zugeständnis dem gotischen

Geist zuzugeben, er habe für eine Erneuerung und Verjüngung, für eine

gesunde Barbarisierung zu sorgen, wenn der griechische Geist in seinem

edlen Kulturgehäuse formalistisch zu erstarren droht. Der gotische

Geist ist viel mehr als nur ein Anreger und Wiedererwecker. Er stellt

recht eigentlich das zeugende Prinzip in der Kunst dar. Er ist, wie

gesagt, der männliche Teil in der Kunst. Alles Männliche ist und bleibt

im Wesen barbarisch, muß es schon sein um seiner starken Aktivität

willen. Völker, die die Bestimmung haben, sich zu kultivieren, die

die Probleme der Kunst lange austragen und endlich die Schönheit

gebären, sind im wesentlichen weibliche Völker. Der gotische Geist

tritt überall, wo er sich manifestiert, befruchtend, revolutionierend

auf, aber er muß das Harmonisieren, er muß die Kultur des Glücks dem

weiblichen griechischen Geist überlassen. Er steht so recht in seiner

Glorie da in unruhigen Zeiten, wenn neue Ideen gären, wenn Probleme zu

lösen und Aufgaben gewaltsam zu bewältigen sind. Ihm ist die Heroenzeit

des Geistes gemäß. Nicht Zufall ist es, daß der gotische Geist in

Europa so lange mit dem Christentum in gleichem Schritt dahingegangen

ist und in Asien mit jenem religiösen Gefühl, das dem Christentum in

manchem Zuge verwandt ist. Der gotische Geist gehört seiner ganzen

Natur nach zu jenem, man könnte wieder sagen: barbarischen religiösen

Gefühl, das auf heftige Sehnsucht zurückzuführen ist, auf einen

unstillbaren Vervollkommnungstrieb; er gehört zu jenen Religionen

-- ob sie nun Christentum, Buddhismus oder sonstwie heißen --, die

das Individuum mit der ganzen Schwere der Verantwortung belasten, es

unmittelbar vor Gottes Angesicht stellen und es zwingen, sich von Mund

zu Mund mit dem ewig Unbegreiflichen auseinanderzusetzen. Völker und

Individuen, die von Natur geschaffen sind, das Leben schwer zu nehmen,

die zur Mystik, zur Askese neigen, die geborene Philosophen sind und

von den sittlichen Forderungen nicht loskommen, kurz die Idealisten des

Religiösen, die den kirchlichen Formalismus am leichtesten aufgeben,

weil sie zwischen sich und Gott keinen Mittler dulden, sind instinktiv

stets auch Vertreter des gotischen Geistes in den Künsten. Ihnen stehen

die Vertreter des griechischen Geistes gegenüber als Menschen, deren

Religiosität recht eigentlich heidnisch ist. Heidnisch nämlich in

dem Sinne, als ihre Religion nicht auf Beunruhigung abzielt, sondern

auf Beruhigung, auf eine Entlastung, als viele Mittler -- seien es

nun Götter, Götzen oder Heilige -- nicht entbehrt werden können und

als die Menschen den Drang haben, ihre Sorgen und Nöte abzuwälzen,

damit sie Welt und Leben glücklich genießen können. Diese heidnische

Religiosität des griechischen Menschen ist immer staatenbildend, weil

sie auf Konventionen beruht und nichts dem einzelnen überläßt; sie

ist praktisch, weltlich und mehr eine Sache der Organisation als eine

Sache des stetig sich erneuernden geistigen Triebes. Darum ist diese

heidnische Geistesrichtung bestimmt, kultivierend zu wirken; und es

haften jener anderen religiösen Geistesrichtung, die zu einem steten

Protestantismus neigt, die Merkmale des Barbarischen ein für allemal

an. Damit ist schon angedeutet, daß in allen christlich gefärbten

Kunststilen die Schöpfung der Form in erster Linie eine Angelegenheit

des Laienelementes mit seiner primitiven, aber elementaren Bildnerkraft

ist, daß in jeder heidnisch gefärbten Kunstkultur aber der

entscheidende Einfluß beim Kenner, beim Fachmann liegt. Dort schafft

das Genie des Instinkts, hier das Genie der Bildung. Alle Formen des

gotischen Geistes sind von einer naiv tiefsinnigen Laienempfindung

umgeben, als von ihrer Lebensatmosphäre; wogegen die Formen des

griechischen Geistes immer anmuten, als seien sie aus der Hand des

exakt arbeitenden Meisters hervorgegangen. Jene Formen sind oft

unsicher im Technischen, im Handwerklichen, aber sie drücken vollkommen

einen inneren Zustand aus; diese Formen dagegen sind selbst dort, wo

sie allgemein und leer in der Empfindung bleiben, immer doch technisch

und handwerklich einwandfrei. Im Gotischen sind die Formen heftig und

unbeholfen zugleich, im Griechischen sind sie maßvoll und von sicherer

Haltung. Darum bringt die gotische Formenwelt so recht die Kunststile

hervor, die ganzen Nationen bis hinab zum Letzten gehören, die ihrem

ganzen Wesen nach volkhaft sind; und es gehen aus der griechischen

Formenwelt die Stile hervor, die ihrem Wesen nach aristokratisch

und höfisch sind. Dort ist die Form vor allem symbolisch, hier ist

sie repräsentativ; dort bleibt sie im wesentlichen im Bezirk der

Sakralkunst, hier wird sie weltlich und hilft den Vornehmen das

Leben schmücken. Die griechische Form ist ausdehnungsfähiger und

wandlungsfähiger als die gotische, sie nimmt mehr teil am täglichen

Leben und an den profanen Aufgaben. Darum folgt sie auch mit so viel

Leichtigkeit der Zivilisation; sie hat recht eigentlich zivilisierende

Kraft. Alle kolonialen Kunstformen, das ist bezeichnend, sind irgendwie

abgeleitet vom Griechischen. Keine barbarische Kunstform kann in diesem

Sinne der Zivilisation über die Grenzen eines bestimmten Bezirks hinaus

folgen. Sie hat nur dann Bedeutung und Kraft, wenn sie ganz von innen

heraus wirkt, wenn sie hervorbricht wie eine innere Nötigung. Sie kann

nicht, wie die griechische, gelehrt und gelernt werden. Woher es denn

kommt, daß sie nicht so sehr internationale Geltung gewinnt, sondern

mehr im Nationalen bleibt.

Der Unterschied wird noch deutlicher, wenn man auf die

Entartungsmerkmale der beiden Formenwelten blickt. Naturgemäß muß

sich die griechische Form mehr als die gotische auf dem Boden fester

Traditionen entwickeln. Die Entartung äußert sich bei ihr darum so,

daß sie formalistisch erstarrt. Aber selbst dann behält sie noch eine

gewisse Haltung und Würde; sie kann nie ganz wertlos werden, wie

schematisch sie auch auftritt. Sie wird in der Entartung akademisch,

aber auch so bleibt sie noch anwendungsfähig. Die gotische Form dagegen

hat mehr die Neigung, sich selbst zu zerstören, ihr wichtigstes

Entartungsmerkmal ist der barocke Überschwang. Wo sie rein auftritt,

da erstarrt sie nicht, sondern sie stirbt an der Erschöpfung. Über

lange Zeiträume erhalten kann sie sich nur, wenn sie einen Bund mit der

griechischen Form eingeht, wenn sie einen Kompromiß großer Art schließt

-- wie es etwa in der ägyptischen Kunst geschehen ist -- und wenn sie

aufgenommen wird von einer selbstherrlich regierenden Konvention.

In der Kunstgeschichte wechseln die griechischen und die gotischen

Formenwelten miteinander ab, sie bestimmen und beeinflussen einander,

durchdringen sich bis zu gewissen Graden und wirken im ewigen

Wechselspiel gegeneinander. Aber man darf gegenüber diesem Spiel der

Kräfte ebensowenig von Entwicklung sprechen, wie man es etwa vor

meteorologischen Erscheinungen tun dürfte. Wärme und Kälte werden

bis ans Ende aller Tage den Ausgleich suchen und dabei Erscheinungen

des Sturms und der Windstille, des Hochdrucks und des Tiefdrucks

hervorrufen. Auch die Begegnungen der beiden formbildenden Kräfte

dürfen nicht verwechselt werden mit dem Ablauf vom Tieferen zum

Höheren, vom Einfachen zum Vielfachen, vom Primitiven zum Kultivierten.

Die Kontraste stehen sich für alle Zeiten gegenüber; wenn die

Erscheinungsformen auch immer andere sind, der Gegensatz an sich ist

unverrückbar.

Es ist ja sogar bedenklich, von Entwicklung innerhalb eines bestimmten

Stiles zu sprechen, da es sich auch dort nicht eigentlich um eine

Veränderung vom Tieferen zum Höheren handelt, selbst wenn man von

Jugend, Reife und Alter eines Stils sprechen will. Es handelt sich im

Grunde nur um Bewegungen, und jeder Bewegung entsprechen bestimmte

Formen. Die Jugend, die Zeit der Reife und die des Alters haben ihre

eigene Ausdrucksweise, haben besondere Stärken und besondere Schwächen,

aber sie sind nicht ohne weiteres qualitativ verschieden. Wenn von

Entwicklung gesprochen werden soll, mag es so geschehen, daß man sagt:

die Folge von Bewegungen, die jeder Stil gesetzmäßig zu durchlaufen

hat, drückt sich immer in bestimmten Formen und Formwandlungen

aus. Und an diesen Formwandlungen hat der Temperamentsgegensatz,

der hier mit den Worten „griechisch“ und „gotisch“ bezeichnet wird,

immer irgendwie Anteil. Jeder Stil, ob er nun ein Niederschlag des

griechischen oder des gotischen Geistes ist, beginnt damit, eindeutig

und streng den Ausdruck für Grundempfindungen zu suchen, er beginnt

-- mehr oder weniger -- charakterisierend und symbolisierend. In

jedem archaischen Stil ist ein naturalistischer Wille monumental und

symbolisch geworden. Die Natur wirkt heftig auf den Künstler, und

heftig ist der Wille, sich die Natur mittels der Form zu unterwerfen.

Das will sagen: alle Stile, selbst die griechischen, beginnen mit

Zügen des Gotischen. Dann folgt eine Zeit der inneren Beruhigung.

Die Formen werden klarer und heiterer, sie werden mehr auf Typen

zurückgeführt, und das Objekt tritt mehr vor das Subjekt; das Tempo

wird maßvoller, die Feierlichkeit erscheint weltlicher, und die Form

wird mehr schmückend als ausdrucksvoll. In dieser Periode sind selbst

die gotischen Stile irgendwie vom griechischen Geiste erfüllt. In der

letzten Periode endlich wird die Form barock. Alles Barocke aber ist

eine bestimmte Art des Gotischen. Die Kunst wird auf dieser Stufe

virtuos, weil viele Erfahrungen technischer Art gesammelt worden sind

und weil zugleich das Gefühl der Menschen wieder unruhig wird. Auch die

virtuose Form ist eine Form des Überschwangs, wie die primitive; nur

ist der Wille jetzt nicht mehr hoffnungsvoll, sondern skeptisch, ja zum

Teil verzweifelt. Die Form ist nicht mehr elementar und starr, sondern

unruhig bewegt. Ihre Heftigkeit ist spielerisch und kokett, blasiert

und spöttisch, die Ausdruckslust gibt sich überwiegend dekorativ. Jede

Stilentwicklung endet damit, daß das Subjektive wieder die Überhand

gewinnt. Zuerst äußert sich in einem Volke immer der Wille zur neuen

Tat. Alles ist im Werden: das Religiöse, Staatliche und Soziale, und

eben darum gerät die Form um so heftiger und tendenzvoll bestimmter.

Dann folgt eine Zeit des Besitzgefühls, der Sicherheit, Gewißheit

und der Freude an sich selber, was auf die Form aristokratisierend

wirkt. Endlich kommt eine neue Unruhe auf, eine intellektuelle Unruhe,

die Zweifelsucht erhebt sich, die zersetzende Reflexion schafft neue

Ungewißheit, und die Form wird dadurch in einer bestimmten Weise

wieder bis zum Grotesken getrieben. Der Wille steht wieder auf, doch

ist er jetzt ohne die großen Ziele der Jugend, es ist in ihm etwas

Nervöses, und oft häuft er die Formen nur, weil er sie nicht in allen

Teilen neu gestalten kann. Wie das Individuum in der Jugend und im

Alter sentimentalisch ist, nicht aber in der Mitte des Lebens, so

sind es auch die Völker. Das Werden und auch das Vergehen -- das ein

umgekehrtes Werden ist -- sind sentimentalisch, das Sein aber ist es

nicht. Zuerst ist die Form voller Mystik, dann wird sie exakt, sie

endigt im Überschwang.[2] Die gewaltsam vereinfachte und die gewaltsam

vermannigfachte Form sind von derselben Art, so verschieden sie auch

scheinen mögen; gemeinsam stehen sie der reinen, der objektivierten

Form gegenüber. Sowohl der Anfang wie das Ende werden von der

Stimmung beherrscht, in der Mitte aber ist die Auffassung positiv.

Die verschiedenen Gemütszustände, die die Formwandlungen der Stile

bestimmen, kann jedes Individuum in sich selber nachfühlen. Denn Formen

der Kunst haben immer etwas Handschriftliches, auch wenn sie von ganzen

Völkern niedergeschrieben werden, sie drücken unwillkürlich innere

Zustände aus. Es ist so, daß jede Jugend etwas Grundsätzliches will,

daß sie ethisch denkt, in Übersteigerungen, daß sie unruhig ist, aber

absolut im Wollen und auf wenige Formeln eingeschworen; in der Zeit

seiner Reife genießt der Mann dann sich selbst, sein Dasein scheint

ihm gesichert, er denkt mehr empirisch als ethisch, mehr real als

utopisch, mehr sachlich als persönlich; je mehr der Mensch sich dann

aber dem Grabe nähert, je näher ihm das Mysterium des Todes kommt,

desto unruhiger wird er wieder, desto gleichnishafter erscheinen ihm

alle Dinge, und desto mehr stellt sich ein neues Pathos ein. Jenes

Pathos, das Ausdruck eines Leidens ist. Übersetzt man diese inneren

Zustände in Kunstformen, so müssen Gebilde herauskommen, wie sie

sich darstellen auf den drei Stufen jeder ungestört verlaufenden

Stilbewegung. Es erscheint zuerst das archaische Kunstwerk, dann das

sogenannte klassische und am Ende das barocke. Untrennbar verbunden mit

den Seelenzuständen sind stets die Formen des optischen Erlebnisses;

die Farben, die Linien, die plastischen Massen scheinen immer Symbole

der inneren Energie zu sein. Jede Form ist, in diesem Sinne, eine Kraft,

die einer seelischen Kraft entspricht. Das Gefühl des Menschen betont

Formen, wodurch es vor sich selber bestätigt wird, und es verwirft die

ihm widersprechenden. Das ist, ~in nuce~, das Wesen jedes Stilwandels.

Dieses gilt ebensowohl für den Stil der einzelnen Künstler. Auch in

dem Lebenswerk großer Künstlerpersönlichkeiten findet ein typischer

Formwandel statt, auch dort hat jedes Lebensalter seine bestimmten

Formen, auch dort wird die Zeit der Lebensmitte immer irgendwie im

griechischen Geist regiert und das Alter von den Formen des gotischen

Geistes. (Die Werke der Jugend freilich sind weniger charakteristisch,

weil sie noch nicht selbständig sind, weil in ihnen noch das Ringen mit

dem Handwerk sichtbar ist.) Gerade bei den größten Malern, Bildhauern

und auch Architekten aller Zeiten ist dieses Hinübergleiten von

griechischer Ruhe zu einer bewegten Altersgotik deutlich nachzuweisen;

jedes große Lebenswerk endet mehr oder weniger barock.

Es drückt sich also der eine fundamentale Formenkontrast vielfältig

aus: einmal in der Anlage der Rassen und Völker, sodann in dem Ablauf

aller Stile und endlich in der Anlage und Entwicklung der einzelnen

Künstler. Die Natur bedient sich nur eines einzigen Kunstgriffes;

mit ihm aber erzeugt sie eine unübersehbare Mannigfaltigkeit. Eine

staunenswerte Fülle der Erscheinung wird hervorgebracht, weil das

Gesetz vom Dualismus der Kunst an die Bedingungen von Raum und Zeit

gefesselt ist. Wir sehen die Rassen, Völker und Individuen hier mit der

Bestimmung, mit dem Temperament zur gotischen und dort zur griechischen

Form ihre historische Mission erfüllen; wir sehen daneben jede Rasse,

jedes Volk durch drei Entwicklungsstadien dahingehen und dabei einmal

mehr dem gotischen und ein andermal mehr dem griechischen Geiste

zuneigen; und wir sehen endlich auch jedes Individuum mehr als Griechen

oder mehr als Gotiker geboren werden und für sich selbst ebenfalls

jene typische Entwicklung durchmachen. Bei den Rassen erstrecken sich

die Metamorphosen der Form über Jahrtausende, bei einzelnen Völkern

über Jahrhunderte, bei den Individuen über Jahrzehnte. Das eine Volk

beginnt, wenn ein anderes am Ende seiner schöpferischen Kraft steht,

Jugend und Alter, Alter und Jugend begegnen sich, und immer wieder

beginnt derselbe Weg, in der Idee gleichartig und doch auch wieder

ganz verschieden der Ausdehnung, der Zeitdauer und der Führung nach.

Absichtsvoll mischen sich reaktionäre Willensregungen in das Spiel

der Kräfte; und auf allen Stufen werden Kompromisse geschlossen. Das

ergibt eine unendliche Fülle der Erscheinung. Neben Völkern gotischer

Art wohnen solche von griechischer Anlage; und zwischen ihnen leben

Völker, die unentschieden hierher oder dorthin schwanken. Es begegnet

das Nordische dem Südlichen, das Exotische dem Gemäßigten; und jedes

hat seine besondere Existenzbedingung. So vermengen sich die Formen

bis zum Unabsehbaren. Um so mehr, als die einzelnen Künstler mit

ihrem persönlichen Willen hinzukommen, der einmal mit dem Willen der

Gesamtheit übereinstimmt, ein andermal ihm aber auch widerspricht.

Es gibt geborene Griechen in den Gebieten des gotischen Geistes und

Gotiker innerhalb der griechischen Stiltendenzen; es gibt Talente,

die in ein ihnen nicht gemäßes Formenklima verschlagen sind und

andere, die ganz an ihrem Platz sind. Zuweilen kommt es vor, daß die

Scheitelpunkte gleichartiger, aber verschieden langer Kurven in einem

Punkt zusammenfallen, daß der Wille eines genialen Individuums sich

mit dem seines Volkes, seiner Rasse begegnet. Dann gibt es in der

Kunstgeschichte einen helleren Klang, es ist dann, als steigerten

sich zwei Töne von gleicher oder verwandter Schwingungsdauer. Aber es

kommt ebenso häufig vor, daß sich die Individuen mit ihrer Zeit nicht

zusammenfinden können, wo beide disharmonisch aufeinanderprallen. So

verwirren sich die Fäden zu einem scheinbar unlöslichen Knäuel. Die

verschiedenen Tempi, das harte Nebeneinander im Raum und der Umstand,

daß dasselbe Gesetz an sehr verschiedenartige Massen gebunden ist,

machen es, daß die Willensströme scheinbar chaotisch durcheinander,

übereinander laufen. Es sieht oft aus, als gäbe es überhaupt keine

Ordnung, als sei alles zufällig und gesetzlos. Alle diese geistigen

Wellenbewegungen aber verfließen nun ebensowenig gestaltlos ineinander,

wie es die Wellen des Wassers tun. Wie hier jede Welle Richtung und

Form behält, wie die verschieden langen und hohen Wellenbildungen

übereinander hingleiten, nicht aber verschmelzen, so wird auch in der

Kunst jede Bewegung für sich begonnen und zu Ende geführt. Das ist

es, was der Kunstgeschichte den Anblick eines bewegten Meeres gibt.

Wie aber die Formen aller Wellen schließlich auf zwei Grundkräfte

zurückzuführen sind, auf eine Kraft, die hebt, und eine andere, die

das Erhöhte in die Fläche zurückzwingt, so sind auch in der Kunst

alle Formen letzten Endes zwei Bildungskräften unterworfen. Zwei

Bildungskräften, die notwendig wie Naturgewalten auftreten und die

zwei Formen des menschlichen Willens überhaupt sind. Das Ganze ist im

Grunde das Spiel zweier Energien: es ist der +Widerstreit von Ruhe und

Unruhe, von Glück und Leiden+ -- zur Form erstarrt. Durch alle Künste,

durch das ganze Leben sogar kann man diese beiden Energien verfolgen;

indem man sie anschaut, bietet sich einem der Grundgedanke einer ganzen

Philosophie dar. Der tausendfältige Wechsel, wie die beiden Kräfte, die

eine mehr diesseitig, die andere mehr jenseitig orientiert, sich suchen

und fliehen, locken und bekämpfen, wie sie sich durchdringen und auch

wieder zur fruchtbarsten Einseitigkeit treiben: das ist die Geschichte

der Kunst.

Der Geist der Gotik · 第 8 / 15 题