I. Die Lehre vom Ideal

Nach einem Ausspruch Goethes deutet alles Theoretisieren auf ein

Stocken oder Nachlassen der schöpferischen Kräfte. Dieses Wort hat

die Kraft eines Lehrsatzes und gilt ebensowohl für die Völker wie für

die Individuen. Aus ihm allein könnte man schon schließen, wenn nicht

andere Anzeichen noch in Fülle vorhanden wären, daß es kritische Jahre

für die schöpferischen Kräfte der Kunst gewesen sein müssen, als jene

groß gedachten Theorien aufkamen, die nun schon einhundertundfünfzig

Jahre lang das geistige Leben Europas beherrschen und deren Schöpfer

in Deutschland so große Geister wie Winckelmann, Lessing und Goethe

gewesen sind. Die Theorien sind in dem Augenblick aufgetreten, als in

den Künsten mit den Formen des Barock und Rokoko die ursprüngliche

Gestaltungskraft abklang und als mit dem Klassizismus eine kritisch

abgeleitete Kunst, eine Bildungskunst, heraufkam. Auch jetzt war

die Theorie, wie edel die Gedanken und Forderungen, wie genial die

Vertreter immer sein mochten, ein Notprodukt; ihre Verkünder standen im

Dienste einer Kultursehnsucht, sie fühlten sich -- selbst schöpferische

Geister -- unbefriedigt von der Zeit und wollten eine allgemeine

Vollkommenheit erzwingen. Wer die Kunsttheorien von Männern wie Lessing

oder Goethe kritisiert, muß betonen, daß sie und viele ihrer Genossen

als Persönlichkeiten und Begabungen viel mehr waren als Theoretiker --

selbst dann noch, wenn man von ihren poetischen Arbeiten absieht. So

strittig ihre Kunstlehren sind, so groß stehen ihre kunsttheoretischen

Schriften doch da als Denkmale eines klassischen Schreibstils und einer

vorbildlichen Methode, Gedankenfolgen mit architektonischer Klarheit

zu entwickeln. Diese Männer werden nicht kleiner, weil sie in einem

Punkte geirrt haben, denn ihr Irrtum war der einer ganzen Zeit, er war

eine notwendige Folge des „Stockens oder Nachlassens der schöpferischen

Kräfte“ in den bildenden Künsten. Heute, wo diese Kräfte sich wieder

regen, würden so lebendige Geister ganz woanders stehen. Lessing hätte

in unsern Tagen wahrscheinlich mit seiner zielsicheren Logik einen

Anti-Laokoon geschrieben und würde orthodoxe Anhänger der Laokoonlehre

mit eben jenem heiteren Witz verfolgen, der seinerzeit die Herren Lange

und Goeze getroffen hat. Und Goethe würde vielleicht den herrlichen

Instinkten seiner Jugend glauben, würde mehr seiner eingeborenen

gotischen Natur folgen, die den „Faust“ hervorgebracht hat, und

nicht einem abgeleiteten klassizistischen Bildungsideal so unbedingt

vertrauen.

Die Gefahr der von unsern Klassikern meisterhaft formulierten

Kunsttheorien, die den Deutschen noch jetzt heilig sind, besteht

darin, daß diese Lehren nur die Hälfte der menschlichen Kunstkraft

gelten lassen. Die Kunst ist von diesen großen Begriffsreinigern nicht

als eine Ganzheit mit zwei Polen erfaßt und dargestellt worden. Sie

lebten auf der einen Hemisphäre der Kunst und vergnügten sich dort an

ihren Spekulationen; die andere Halbkugel blieb für sie im Dämmer,

und sie sprachen davon mit einem gewissen Schauder. Keiner glaubte,

daß auch diese andere Welt einmal im Mittagslicht daliegen könne.

Und doch war unter den Gesetzgebern wenigstens einer, der vor allen

andern berufen gewesen wäre, eine neue Lehre von dem Zusammenhang

aller bildenden Kräfte zu geben: Goethe. Während auf ihn mehr oder

weniger alle Lehren zurückweisen, die die Natur als ein unzerstörbares

Ganzes nehmen, während er in der Natur an Polarität und Stetigkeit, an

Metamorphosen und an feste Gesetze des Formwerdens glaubte, hat er die

Kunst -- die doch eine zweite Natur, eine Natur auf dem Wege über den

menschlichen Willen und die menschliche Erkenntniskraft ist -- nicht

so umfassend gesehen. Vielleicht weil er Künstler war und sich als

solcher für ein bestimmtes Klima entscheiden mußte. An die Formen der

Kunst ist er kritisch, ausscheidend herangetreten, hat sich für eine

bestimmte Formenwelt begeistert und eine andere verurteilt. Überzeugt,

durchaus objektiv vorzugehen, hat er -- und mit ihm seine ganze

Zeit -- tendenzvoll gewertet. Und so ist der Begriff zur Herrschaft

gelangt. Es war das Unglück jener Zeit, daß die Theorie nicht einer

lebendigen Kunst folgte, sondern eine neue Kunst schaffen wollte, daß

sie sich über den Künstler stellte, anstatt neben und unter ihn. Auch

waren die großen Werke der Vergangenheit, die den Theoretikern als

Muster galten, nur unvollkommen aus Kopien und Nachahmungen bekannt;

die bedeutendsten Beispiele waren noch nicht gefunden. Es war fast

unmöglich, von konkreten Vorbildern aus ein wünschenswertes Ganzes zu

denken. Im Gegenteil: von einem für wünschenswert gehaltenen Ganzen aus

wurden Forderungen für alles einzelne festgestellt. Und dieses eben ist

der Weg des Begriffes. Nichts ist dem Denken über Kunst gefährlicher

als Mangel an Anschauungsstoff und Herrschaft des Begriffs. Denn

jeder Begriff, so grenzenlos er scheinen mag, ist hart begrenzt und

stößt immer irgendwo mißtönend mit der Unendlichkeit des Lebens

zusammen. Wogegen in jeder sinnlich geborenen Empfindung immer das

ganze Lebensgefühl enthalten ist, etwa so, wie in jedem Naturausschnitt

die ganze Natur zu sein scheint. Dieses ist das große Geheimnis des

reinen Gefühls: daß im Augenblick das Ewige, im Beschränkten das

Unbegrenzte, im Zufälligen das Gesetzmäßige aufglänzen. Nur wer die

Kunst aus der Erfahrung der sinnlichen Empfindungen denkt, hat sie in

ihrer Totalität; wer sie begrifflich meistern will, besitzt sie immer

nur in Teilen. Darum haben die schaffenden Künstler, in all ihrer

Einseitigkeit, ein so fruchtbares Verhältnis zur Kunst. Sie wählen,

gruppieren und werten aus dem Instinkt, ihre Gedanken werden von der

leidenschaftlichen Liebe geboren, während sich beim Theoretiker nicht

selten die Liebe erst am Gedanken entzündet.

Als Kind eines genialisch gesteigerten Denkens über die Kunst ist nun

vor anderthalb Jahrhunderten eine Idee hervorgetreten, die freilich

etwas Blendendes hat und die darum auch heute noch fast unumschränkt

herrscht. Sie spricht sich aus in dem Lehrsatz, der Endzweck der Künste

sei „das Schöne“, und die Wirkung der Künste auf das menschliche Gemüt

müsse ein Vergnügen sein. Lessing sagt im „Laokoon“, daß bei den Alten

die Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste gewesen wäre,

und daß darum alles andere, auch von uns, der Schönheit untergeordnet

werden müsse. Diesem Lehrsatz ist die Frage entgegenzustellen: Was ist

Schönheit? Ist Schönheit etwas ein für allemal Feststehendes? Fragt man

die Kunstgeschichte um Rat, so zeigt es sich bald, daß die Schönheit,

wie unsere Klassiker sie verstanden, nicht das Endziel der Künste sein

kann, sondern daß sie eine Begleiterscheinung ist, ähnlich etwa wie die

Wohlgestalt des menschlichen Körpers nicht der Zweck, sondern eine von

selbst sich ergebende Eigenschaft der organisierenden Natur ist.

Gäbe es eine absolute Schönheit in der Kunst und dürfte folgerichtig

nur sie gelten, so wäre alles andere neben ihr niederen Grades. Das

haben unsere Theoretiker ja auch behauptet. Man ist sogar so weit

gegangen, zu sagen, diese Schönheit wäre nur einmal einem auserwählten

kleinen Volke, den Griechen, gelungen, und die Nachgeborenen könnten

nichts Besseres tun, als sich nach ihnen richten. Das kommt aber einer

Bankerotterklärung der Menschheit gleich. Es ist unmöglich, das Wesen

der Kunst von der Schönheit aus zu bestimmen. Der junge Goethe war dem

Zentrum des Problems näher, als er, hingerissen von einem Erlebnis des

Auges, vor dem Straßburger Münster stand und das Wort fand: „Die Kunst

ist lange bildend, ehe sie schön ist, und doch so wahre, große Kunst

ja oft wahrer und größer, als die schöne selbst.“ Mit diesem Wort ist

das Wesen der Kunst wie mit einer einzigen Linie umschrieben. Der Wille

der Kunst ist es, bildend zu sein und ein Inneres so auszudrücken,

daß es ein Äußeres wird. Der Ausdruck eines inneren Zustandes, das

ist das Entscheidende. Die Schönheit umfaßt nur die Hälfte, sie zielt

auf den Genuß, sie befriedigt Glückseligkeitsbedürfnisse und das

Verlangen nach ruhiger, heiterer Harmonie. Das Glück aber ist in der

Kunst ebensowenig das Höchste wie im Leben. Um ein Wort Lessings zu

variieren: auch in der Kunst ist das Streben nach Glück und Schönheit

mehr als der Besitz von beiden. Der Welt des Kunstgefühls gehören

ebensowohl die Empfindungen des Schreckens, die Dissonanzen des

Charakteristischen, die Monumentalität des Erhabenen an. Auch die

Formen des Willens, die das Groteske erzeugen, gehören zur Kunst;

denn die Kunst ist vor allem ein Akt des Willens und darum ihrer

Natur nach elementar. Auch sie setzt vor die Form das Chaos, vor die

Harmonie das Übermaß und die Urkraft vor die Schönheit. Die Kunst

entsteht im kleinen nicht anders, wie die Welt im großen entstanden

ist. Wie die uns heute umgebende Landschaft kaum etwas gemein hat mit

der von der menschlichen Hand noch unberührten Landschaft, wie die

kultivierte, in soziale Rhythmen gebrachte Landschaft etwas anderes

ist als die vorgeschichtliche, aus Gottes Hand hervorgegangene, und

wie die Schönheit der vermenschlichten Landschaft nicht höher gewertet

werden darf als die Gewalt der ursprünglichen, so darf auch eine

klassizistisch geglättete und veredelte, so darf auch die „schöne“

Kunst nicht absichtsvoll der ursprünglichen Kunst als etwas Höheres

entgegengestellt werden. Es darf nicht heißen: dieses ist richtig

und jenes ist falsch, sondern es muß heißen: die Kunst geht lebendig

in Metamorphosen durch die Zeiten dahin, sie kennt nicht „Ziele“,

sie kennt nur Bewegung, und auch für sie ist der Weg das Ziel. Wie

kein einzelner Sterblicher die ganze Wahrheit hat, wie die Wahrheit

vielmehr unter alle ausgeteilt ist, so ist auch die Kunst als Ganzes

nie im Besitz eines einzelnen Volkes oder einer bestimmten Zeit. Alle

Stile zusammen erst sind die Kunst.

Aus der Lehre, das Endziel der Kunst sei die Schönheit, hat sich

folgerichtig die Verkündigung eines Ideals ergeben. Nun hat aber jedes

Ideal etwas Autokratisches, etwas Ausschließendes. Es duldet nicht

seinesgleichen neben sich, es kann seinesgleichen gar nicht geben, wie

die Pyramide nur eine Spitze haben kann. Daneben ist in jedem Ideal

etwas Einschmeichelndes und Betörendes. Es pflegt den Wahn, es gäbe

im Leben und in der Kunst etwas Absolutes, wo doch alles Sterbliche

und von Sterblichen Geschaffene irgendwie bedingt sein muß. Und

indem es angeblich zum Streben nach dem Höchsten auffordert, lähmt

es von vornherein die Flugkraft, weil es den Strebenden immer mehr

oder weniger zur Nachahmung verdammt und ihn unselbständig macht.

Nur unproduktive Menschen und Zeiten konstruieren das Ideal, sie

geben sich mit seiner Hilfe eine Wichtigkeit, die sie nicht haben;

naive Menschen, willenskräftige Völker tragen ihre Ziele im Instinkt,

niemals aber drücken sie sie begriffsmäßig mit Idealforderungen aus.

Wie es denn auch bezeichnend ist, daß unsere großen Dichter wohl

Idealforderungen für die bildende Kunst aufgestellt haben, nicht aber

für die Kunst, worin sie selbst Meister waren, für die Poesie. In

unserm Falle hat die Idee vom absoluten Ideal in der Kunst unser Volk,

ja, unsere Rasse lange Zeit hindurch blind gemacht für das eigentlich

Bildende der Kunst. Besonders die Deutschen haben schwer gelitten

unter der Idealisierungstheorie, weil sie alle geistigen Dinge immer

bis zur letzten Konsequenz verfolgen und gründlich sind bis zur

Selbstvernichtung. Noch heute ist dem Deutschen das Wort „Idealismus“

etwas Heiliges, vor dem die Kritik anhält; das Wort bezeichnet

etwas Sittliches. Und doch lehrt die Erfahrung, daß dem unbedingten

Idealismus zumeist der Jüngling verfällt, der Werdende, der noch nicht

mit sich selbst einig Gewordene, der Sehnsüchtige, ja Unzufriedene.

Wendet man diese Erfahrung auf das Ganze an, so zeigt es sich, daß der

deutsche Idealismus, der uns in unseren Augen über die anderen Völker

erhebt und uns zu dem auserwählten Volke zu machen scheint, auch ein

Produkt der Not ist, ein Mittel, um über eine gewisse Unfertigkeit und

Unbegabtheit hinwegzukommen, und ein Zeichen dafür, daß das Wollen

noch bedenklich größer ist als das Können. Der deutsche Idealismus ist

das Werkzeug einer Schwäche, die Kraft werden möchte. In der Kunst

hat gerade das Ideal die Deutschen seit anderthalb Jahrhunderten

verhindert, das Nächste zu tun, hat ihre Blicke nach Wolkenkuckucksheim

schweifen lassen, wo es besser gewesen wäre, einfach, vernünftig und

besonnen vom Handwerk auszugehen. Der Idealglaube hat die Tradition

verdorben. Er macht das deutsche Volk ehrwürdig, aber er hat es auch

problematisch gemacht; er verleiht uns -- vielleicht -- „Wichtigkeit

vor Gott“, aber er verhindert den Einfluß auf die Menschen. Er macht

im Inneren unsicher und -- in der Folge -- begriffsüchtig, lehrhaft

und hochmütig nach außen. So fruchtbar ein lebendiger Idealismus sein

kann, wenn er still und unbewußt in der Brust des Individuums glüht

und alle Taten adelt, so gefährlich ist er, wenn er als Begriff zum

Bewußtsein erwacht und sich Herrschaft anmaßt. Geht man die Geschichte

der deutschen Kunst in den letzten hundertundfünfzig Jahren durch, so

zeigt es sich, daß das griechische Vollkommenheitsideal zwar eine Kunst

aus dritter und vierter Hand nachhaltig gefördert hat, ja daß es sogar

allgemein eine gewisse edle Afterkultur zu schaffen fähig gewesen ist;

zugleich aber hat es die eigentlich schöpferischen Kräfte, die naiven

Talente bedroht und sie gezwungen, sich abseits zu entwickeln, es hat

die geniale Begabung einsam gemacht und in die Verbannung getrieben.

Und so ist eine tiefe Kluft entstanden, die quer durch unsere Kultur

geht. Dieser stolze Idealismus erweist sich als ein Danaergeschenk; er

macht oft blind für die Grenzlinie, die Wahrheit von Lüge scheidet und

echte Empfindung von Schwärmerei; er peitscht auf und verhindert doch

zugleich das Schöpferische, er predigt das Absolute und läßt nur das

Bedingte entstehen. Während die Zeit ganz unharmonisch war, ja eben

weil sie es war, hat dieser Idealismus die Harmonie gepredigt. Da aus

sich selber aber niemand imstande war, harmonisch zu werden, so wurde

als Muster in der Kunst der griechische Stil aufgestellt.

Ein Stil! Es ist das Eigentümliche des begrifflichen Idealismus, daß

er lieber von einem Stil redet, als von bestimmten Kunstwerken. Oder

er macht das einzelne Kunstwerk zu einem Stilsymbol. In Deutschland

sind zum Beispiel die einflußreichsten Theorien an ein Kunstwerk

geknüpft worden -- an die Laokoongruppe --, das keineswegs zu den guten

griechischen Arbeiten gehört, in dem die spezifischen Eigenschaften des

griechischen Formwillens nur sehr bedingt enthalten sind, ja das recht

eigentlich dem Formenkreis des griechischen Barock angehört und dessen

Lobpreisung von seiten Lessings, Goethes und ihrer Geistesverwandten

beweist, wie sehr dieses Geschlecht, das so viel von der „edlen

Einfalt und stillen Größe“ der Antike sprach, im Instinkte noch den

Barockempfindungen des achtzehnten Jahrhunderts unterworfen war. Es

ist damals der grundsätzliche Fehler gemacht worden, Stil und Qualität

miteinander zu verwechseln; man meinte, ein Kunstwerk sei schon wegen

seiner Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stil -- zum griechischen Stil

-- gut und besser als jedes andere. Darin liegt eine folgenschwere

Verwechslung der Art mit dem Grad. Die Art kann überhaupt nicht

kritisiert werden, weil sie gar nicht vom Willen abhängig ist, sie

kann nur konstatiert werden, kritisieren kann man allein den Grad.

Kunststile lassen sich ebensowenig kritisch vergleichen, wie man die

Buche mit der Tanne qualitativ vergleichen darf. Man sagt ja auch

nicht, der Granit sei besser als der Sandstein, man sagt nur, er sei

härter. Der Stil eines Volkes ist der Abdruck seines Willens, seiner

ganzen Eigenart, wie sie im Wind und Wetter der Geschichte geworden

ist; auch der Stil ist ein Naturprodukt, er kann nicht anders sein als

er ist und muß darum hingenommen werden wie ein Schicksal. Er kann

nur naturgeschichtlich beurteilt werden. Es geht ebensowenig an, zu

sagen, der eine Stil sei richtig und der andere sei falsch, wie man

eine Sprache richtig oder falsch nennen darf. Es gibt begünstigte

Kunststile, die sich in einer, viele Hemmungen beseitigenden Umwelt

entwickeln, und es gibt andere, die sich mühsam durchringen müssen und

die dabei eine mehr knorrige Formenwelt hervorgebracht haben -- wie es

vokalreiche und konsonantenreiche, harte und weiche, mehr wohllautende

und mehr charakteristische Sprachen gibt. Man mag so weit gehen, zu

sagen, daß es talentvolle und weniger begabte Völker gibt und daß

dieses Mehr oder Weniger sich deutlich in den Kunststilen ausdrückt.

Selbst damit aber hat das von einem begabten Stil getragene Kunstwerk

nichts Entscheidendes gewonnen; das Entscheidende bleibt immer die

schöpferische Persönlichkeit. Auch eine Sprache kann den Dichter

fördern oder hemmen, sie kann für ihn bis zu gewissen Graden „dichten

und denken“; aber sie kann nicht den Dichter machen. Ein Stil kann mit

seinen Regeln bestenfalls das Schlechte verhindern, Kunstwerke aber

kann er nicht spontan hervorbringen. Kurz: die Qualität des Kunstwerks

ist in den wesentlichen Punkten vom Stil unabhängig, ja sie beginnt

erst jenseits der Stilform. In dieser Hinsicht ist es von tiefer

Bedeutung, daß die großen Kunstwerke aller Zeiten und Länder einander

verwandt erscheinen. Homer ist dem Dichter des Nibelungenliedes,

Sophokles ist Shakespeare näher verwandt, als Schiller es einem

seiner mittelmäßigen Epigonen ist. Damit ist nicht gesagt, der Stil

sei unwesentlich, denn er ist ja das Formenklima, in dem der Künstler

heranwächst; nur darf die Zugehörigkeit zu bestimmten Stilformen nicht

zum Kriterium des Wertes oder Unwertes gemacht werden. Und das eben

ist in Deutschland, in Europa im letzten Jahrhundert geschehen. Dieser

Vorgang ist um so unnatürlicher, als es eine fremde, in einer südlichen

Kultur einst gewordene Formenwelt gewesen ist, der die Deutschen sich

zugewandt, die sie als Vollkommenheitsideal verkündet haben. Soll schon

ein Stilideal aufgestellt werden, so liegt es doch am nächsten, die

im eigenen Lande organisch gewachsenen Kunstformen als vorbildlich zu

bezeichnen. Der auf germanische Initiative zurückzuführende gotische

Stil aber ist von den Gesetzgebern unserer Ästhetik geradezu verfemt

worden. Als unsere Literatur auf ihrer Höhe stand, wurde den bildenden

Künsten von den Schöpfern einer klassischen deutschen Schriftsprache

eine fremde Formensprache gezeigt, mit der Forderung, diese müsse

das den Deutschen eigentümliche Idiom werden. So war es, wie gesagt,

in ganz Europa. Aber die anderen Nationen haben verstanden, das

Griechische mehr zu französieren, zu anglisieren, zu italienisieren;

wir allein sind so „objektiv“ gewesen, daß wir nur schüchtern eine

Verdeutschung des Griechischen gewagt haben. Wir haben geglaubt,

glauben es wohl noch heute, es gäbe einen Normalstil.

Wohin diese Meinung geführt hat, das liegt vor aller Augen: sie

hat eine Epigonenkunst gezeugt. Eine Epigonenkunst, die als

Bildungsresultat bewundernswürdig ist, die bei alledem aber wie ein

Laboratoriumserzeugnis erscheint. Aus den Theorien ist eine Kunst

hervorgegangen, die lehr- und lernbar ist, eine gelehrte Kunst,

kurz: die Akademie. Das Streben nach der absoluten Schönheit hat

zu einem trüben Eklektizismus geführt. Und hat zu gleicher Zeit

einen temperamentlosen Naturalismus aufkommen lassen. Denn beides,

Stileklektizismus und Naturalismus, sind einander keineswegs

entgegengesetzt, sie sind miteinander verwandt. In Zeiten, wo aus

den Meisterwerken der Vergangenheit und der Fremde Einzelformen

losgelöst und in anderem Zusammenhang, zu anderen Endzielen verwandt

werden, wo die einst genial gebildeten Formen der Alten mit

gelehrtem Wissen nachgeahmt werden, macht sich der Künstler auch

von der Natur in subalterner Weise abhängig. Das griechische Ideal

konnte nicht eine neue Klassik heraufbeschwören, denn diese fließt

allein aus dem elementaren Willen, es hat nur den klassizistischen

Stil geschaffen. Und das große Naturgefühl der Alten hat nicht

das moderne Naturgefühl selbständig gemacht, sondern unfrei. Das

neunzehnte Jahrhundert ist eine Epoche der stückweisen Kunst- und

Naturnachahmung, der Formflauheit, der sentimentalischen Ideologie

gewesen. Es haben in ihm die Künstler der mittleren Linie geherrscht,

während die wahrhaft Selbständigen verfolgt und vernachlässigt

worden sind. Wir haben uns gewöhnt, inmitten einer abgeleiteten

Bildungskultur zu leben, als sei dieser Zustand normal. Das heute

lebende Geschlecht weilt, vom ersten Tage seines Daseins ab, in einer

unerfreulichen klassizistisch-naturalistischen Umwelt, entstanden aus

dem Kompromiß, den der verstiegene Idealismus und das rohe Bedürfnis

eines wirtschaftlich schnell erstarkten Siebzigmillionenvolkes

geschlossen haben. In unseren Städten ziehen, zu seiten der

geraden, breiten Straßen, in Reihen die Palazzofassaden dahin. Die

ganze architektonische Formenwelt ist irgendwie gräzisiert oder

italienisiert; wir haben uns in verkünstelte Verhältnisse hineingelebt,

als könne es nicht anders sein.

Um so merkwürdiger ist das Erlebnis, wenn wir aus den gleichmäßigen

Straßen mit den akademischen Bauformen unversehens einmal in alte

Stadtteile geraten, in enge Gassen mit hochgegiebelten Bürgerhäusern

und auf Plätze, wo mit dunklen Massen ein gotischer Dom mächtig

emporsteigt. Es scheint plötzlich ein Urlaut zu erklingen, ein

erschütternder Schrei des Willens. Dieses Erlebnis stellt sich,

schwächer oder stärker, auch vor gewissen Werken des Barockstils

oder vor den Resten romanischer Bauten ein. In allen Fällen erlebt

man die Form mit einemmal anders, viel intensiver, unmittelbarer und

lebendiger. Es spricht der Wille, der vor langer Zeit einst elementar

in die Formen hineingetragen worden ist, und dieser Wille ergreift

den Nachgeborenen und reißt ihn mit fort. Man fragt gar nicht nach

Schönheit oder nach einem Formenideal; es ist genug an der starken

inneren Bewegung und an dem Glück, das mit solcher Bewegung verbunden

ist. Dieses Glück müssen nun aber doch auch die großen Männer gefühlt

haben, denen wir die Lehre vom griechischen Kunstideal verdanken. Auch

sie haben vor diesen alten Bauwerken gestanden; und daß sie nicht blind

daran vorübergegangen sind, davon zeugt wenigstens der Dithyrambus

des jungen Goethe vor dem Straßburger Münster. Warum hat Goethe diese

herrlichen Jugendinstinkte verleugnet, warum hat er später auf alles

Gotische ärgerlich gescholten und es barbarisch genannt? Wären die

Führer alle mit ihren Kunstgedanken naiv vom Eindruck ausgegangen,

hätten sie mehr dem Instinkt geglaubt, so würden sie den Deutschen

doch einen weiten Umweg erspart haben. Daß sie sich um das Erlebnis

der Anschauung nicht groß gekümmert haben, ist ein Beweis dafür, wie

sehr der Verstand das Gefühl zu tyrannisieren vermag und welche

Macht kritische Tendenzen ausüben können. Viele hundert Jahre haben

die Wunderbauten der Gotik den Deutschen, den Europäern vor Augen

gestanden, und sind für die Kunst doch wie nicht vorhanden gewesen;

der Idealbegriff hat über sie hinweggesehen. Dann und wann hat es

wohl Zeiten der Reaktion nach einem allzu einseitigen Klassizismus

gegeben. Unter den Künstlern im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts

ist sogar eine gewisse Schwärmerei für das Gotische aufgekommen, und

auch das Barock ist zeitweise wieder nachgeahmt worden. Aber es blieb

in allen Fällen bei einer sentimentalischen, halb literarischen und

epigonenhaften Romantik. Erst in der letzten Zeit ist ein tieferes

Verständnis für das Gotische erwacht, in dem Maße, wie die Kenntnis

des Anschauungsmaterials zu dem Gefühl geführt hat, daß die gotischen

Kunstwerke keineswegs Gebilde mittelalterlicher Roheit oder Werke des

Unvermögens sind, sondern nur der Teil einer größeren, über die ganze

Erde verbreiteten Formenwelt, und daß die gotische Form jener anderen

Form, die im griechischen Stil die reinste Ausprägung erfahren hat,

gegenübersteht wie der Winter dem Sommer, wie der Sturm der Ruhe, daß

es sich um eine Formenwelt handelt, die man schon darum nicht kritisch

ablehnen kann, weil sie unter gewissen Bedingungen überall ähnlich

entstanden ist und immer wieder entstehen wird. Diese Einsicht wird uns

erleichtert, weil wir inzwischen von einer lebendigen Kunst belehrt

worden sind und weil unmittelbar gewonnene Erfahrung ersetzt, was uns

von dem persönlichen Genie Lessings oder Goethes abgeht. Wir haben, mit

Zweifeln und Entzückungen, das Werden und Wachsen einer neuen Malerei

in Europa erlebt, die der Kunst der alten Holländer kongenial ist. Wir

haben gesehen, wie ein neuer Stil in der Kunst entsteht. Eine solche

Lehre aber wirkt zurück auf die Kunstauffassung überhaupt. Nicht eine

Theorie, sondern tausend Erfahrungen haben uns bewiesen, daß Stilfragen

nicht Qualitätsfragen sind, daß jeder Stil aber eine Kraft ist, eine

Kollektivkraft, und daß diese Kraft sich notwendig auf einen der beiden

Pole beziehen muß, in denen die ganze Welt der Kunst hängt.

Bevor nun im folgenden von den beiden Formenwelten der Kunst, von

dem Gegensatz zweier ewig wiederkehrender Stilbewegungen gesprochen

wird, muß auf die Schwierigkeit hingewiesen werden, die beiden

Formenkomplexe mit kurzen Worten treffend zu bezeichnen. Der Titel

dieses Buches lautet „Der Geist der Gotik“. Doch ziele ich weit über

die Grenzen dessen hinaus, was in der Kunstgeschichte der gotische

Stil genannt wird. Dem Begriffe der Gotik ist Prähistorisches und

Ägyptisches, Indisches und Barockes, Antikes und Modernes, Fernes und

Nahes eingeordnet worden. Ebenso schwierig ist es, das Gegenspiel

des gotischen Geistes, nämlich jene Formenwelt, die in der Kunst der

alten Griechen am reinsten verkörpert worden ist, mit einem Wort zu

umschreiben. Klassisch darf sie nicht heißen, weil wir uns gewöhnt

haben, alles Meisterhafte so zu nennen, weil ein Werturteil mit diesem

Wort verbunden ist; und klassizistisch darf man nicht sagen, weil darin

ein herabsetzender Nebensinn enthalten ist. Es ist schlechterdings

unmöglich, Bezeichnungen zu finden, die nicht mißzuverstehen sind;

es möge darum bei den Worten „gotisch“ und „griechisch“ bleiben, um

das ganz Allgemeine zu bezeichnen. Das, worum es sich handelt, muß

aus der Fülle der Vergleiche anschaulich werden. Ist der Leser erst

einmal im Besitz einer sicheren, wenn auch wortlosen Vorstellung, so

kann er der Schlagworte entraten. Das Wesentliche liegt immer jenseits

aller Worte. Notwendig ist nur, daß der Leser sich bei der einmal

gewählten Terminologie beruhigt, daß er sich vom Wort und von dem damit

verbundenen konventionellen Begriff nicht irreführen läßt und sich bei

allen allgemeinen Bemerkungen konkrete Kunstwerke vor Augen hält.

Der Geist der Gotik · 第 7 / 15 题