Vorwort

Die Gedanken, die auf den folgenden Seiten ausgesprochen sind, haben

mich zwei Jahrzehnte lang beschäftigt. In vielen meiner Arbeiten sind

sie schon erörtert worden, ja, wer sich die Mühe gibt, danach zu

suchen, findet sie in meiner ganzen Kunstauffassung. Ich habe mich

entschlossen, sie mehr systematisch nun zusammenzufassen, weil die

Zeit dafür günstig scheint. In den letzten Jahren haben einige unserer

besten Kunsttheoretiker verwandte Anschauungen vertreten und sie --

jeder in seiner Weise -- zu Werkzeugen der Forschung gemacht. Und

es mehren sich die Anzeichen, daß in der Kunstbetrachtung überhaupt

ein grundsätzlicher Wandel vor sich geht. Wenn mehrere gute Köpfe

gleichzeitig auf dieselbe Idee verfallen, so ist damit bewiesen, daß

es sich nicht um subjektive Spekulationen handelt, sondern um eine

objektive Erkenntnis. Es mag darum nützlich sein, das Problem einmal in

seinem ganzen Umfang wenigstens anzudeuten.

Zu der Wichtigkeit, die ich dem Gedanken von der Polarität der

Kunst beimesse, steht das Volumen dieses Buches freilich in keinem

Verhältnis. Ich benutze die Gelegenheit, das Bekenntnis abzulegen,

daß ich dieser Arbeit über den „Geist der Gotik“ gern viele Jahre

meines Lebens gewidmet hätte, daß ich sie am liebsten erweitern möchte

zu einem umfangreichen, auf genauen Spezialforschungen und vielen

Reiseerlebnissen beruhenden, von einem reichen wissenschaftlichen

Abbildungsmaterial erläuterten Werk. Die Erfüllung dieses Wunsches

ist mir dauernd versagt. Notgedrungen begnüge ich mich, das schöne

Problem aphoristisch zu behandeln und intuitiv gewonnene Resultate

vorzulegen, ohne sie im einzelnen auch empirisch zu beweisen. Ich bin

mir bewußt, daß dieses nicht eigentlich ein Buch ist, sondern nur etwas

wie eine Einleitung zu dem Werk, das mir vorschwebt. Es ist nur eine

Disposition; jeder kleine Abschnitt könnte zu einem ausführlichen Band

erweitert werden.

Die Abbildungen sollen dem allgemein Gesagten als einige konkrete

Beispiele zur Seite stehen. Manches hätte charakteristischer gewählt

werden können, wenn alle gewünschten photographischen Vorlagen in

der Kriegszeit hätten beschafft werden können. Um so dankbarer bin

ich denen, die mir geholfen haben, dieses Resultat wenigstens zu

erzielen. Für einige schwer erreichbare Vorlagen bin ich vor allem zu

Dank verpflichtet den Herren Otto Bartning, Professor Peter Behrens,

Reg.-Baumeister Ernst Boerschmann, Prof. ~Dr.~ Heinr. Bulle, ~Dr.~ Curt

Glaser, Geheimrat ~Dr.~ Peter Jessen, Karl Robert Langewiesche, Hans

von Müller, Stadtbaurat Prof. Hans Poelzig, ~Dr.~ Emil Waldmann, Frau

Hedwig Fechheimer und den Verlagen Bruno Cassirer, Georg Hirth, Julius

Hoffmann, Wilhelm Meyer-Ilschen und E. A. Seemann.

Der Geist der Gotik · 第 6 / 15 题