Schluß

Die Bohrmaschinen zermalmten den Berg in den atlantischen Stollen und

täglich kamen die Tunnelköpfe einander näher und näher. Die letzten

dreißig Kilometer waren eine Sträflingsarbeit. Allan war gezwungen, für

zwei Stunden zehn Dollar zu bezahlen, denn kein Mensch wollte hinein

in den »Krater«. Der Mantel dieser Stollenabschnitte mußte mit einem

Netz von Kühlröhren übersponnen werden. Nach einem Jahr furchtbarer

Arbeit war auch dieser Stollen bewältigt.

Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die

Menschen hatten ihn vollendet! Aus Schweiß und Blut war er gebaut, rund

neuntausend Menschen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die

Welt gebracht, aber nun stand er! _Und niemand wunderte sich darüber._

Vier Wochen später nahm die submarine pneumatische Expreßpost den

Betrieb auf.

Ein Verleger bot Allan eine Million Dollar, wenn er die Geschichte des

Tunnels schreiben wolle. Allan lehnte ab. Er schrieb lediglich zwei

Spalten für den Herald.

Allan machte sich nicht bescheidener als er war. Aber er betonte wieder

und wieder, daß er nur mit Hilfe solch ausgezeichneter Männer wie

Strom, Müller, Olin-Mühlenberg, Hobby, Harriman, Bärmann und hundert

andern den Bau habe vollenden können.

»Ich muß indessen bekennen,« schrieb er, »daß mich die Zeit überholt

hat. Alle meine Maschinen über und unter der Erde sind veraltet und ich

bin gezwungen, sie im Laufe der Zeit durch moderne zu ersetzen. Meine

Bohrer, auf die ich einst stolz war, sind altmodisch geworden. Man hat

die Rocky-Mountains in kürzerer Zeit durchbohrt, als ich es hätte tun

können. Die Motorschnellboote fahren heute in zweieinhalb Tagen von

England nach New York, die deutschen Riesenluftschiffe überfliegen den

Atlantic in sechsunddreißig Stunden. Noch bin ich schneller als sie

und je schneller Boote und Luftschiffe werden, desto schneller werde

ich! Ich kann die Geschwindigkeit leicht auf 300-400 Kilometer die

Stunde steigern. Zudem fordern Schnellboote und Luftschiffe Preise,

die nur der reiche Mann bezahlen kann. Meine Preise sind populär. Der

Tunnel gehört dem Volke, dem Kaufmann, dem Einwanderer. Ich kann heute

vierzigtausend Menschen täglich befördern. In zehn Jahren, wenn die

Stollen alle doppelt ausgebaut sein werden, achtzig bis hunderttausend.

In hundert Jahren wird der Tunnel den Verkehr nicht mehr bewältigen

können. Es wird Aufgabe des Syndikats sein, bis dahin _Parallelstollen_

zu bauen, die relativ leicht und billig herzustellen sein werden.«

Und Allan kündigte in seinem schlicht und unbeholfen geschriebenen

Artikel an, daß er genau in sechs Monaten, am ersten Juni des

sechsundzwanzigsten Baujahrs, den ersten Zug nach Europa laufen lassen

werde.

Um diesen Termin einhalten zu können, peitschte er Ingenieure und

Mannschaften zu einem tollen Finish an. Monate hindurch rasten Züge

voll alter Schwellen und Schienen ans Licht. Die Geleise für die

Tunneltrains wurden instand gesetzt, Probefahrten in allen Stollen

ausgeführt. Ein Bataillon von Führern wurde ausgebildet, wozu Allan

Leute wählte, die an hohe Geschwindigkeiten gewöhnt waren: Automobil-

und Motorrad-Rennfahrer und Flugzeugführer.

In den Stationen Biskaya und Mac City waren in den letzten

Jahren gespenstische Riesenhallen emporgewachsen: die

Tunnel-Wagenbau-Fabriken. Diese Wagen riefen eine neue Sensation

hervor. Sie waren etwas höher als Pullmancars, aber nahezu zweimal so

lang und doppelt so breit. Panzerkreuzer, die auf einem Kiel von vier

Doppelpaaren dicker Räder liefen und Kreisel, Kühler, Behälter, Kabel

und Röhren, einen ganzen Organismus im Bauche hatten. Die Speisewagen

waren Prunksäle. (Kinematographische und musikalische Vorführungen

sollten die Reise durch den Tunnel verkürzen.)

Ganz New York stürmte Hoboken-Station, um in diesen neuen Wagen vorerst

wenigstens bis Mac City zu fahren. Die Tunneltrains selbst waren für

die ersten drei Monate bis auf den letzten Platz seit vielen Wochen

belegt.

So kam der erste Juni heran ...

New York hatte geflaggt. London, Paris, Berlin, Rom, Wien, Peking,

Tokio, Sidney hatten geflaggt. Die ganze zivilisierte Welt feierte

Allans erste Fahrt wie ein Völkerfest.

Allan wollte um Mitternacht die Reise antreten und um Mitternacht des

zweiten Juni (amerikanische Zeit) in Biskaya eintreffen.

Schon Tage vorher liefen Extrazüge von Berlin, London und Paris nach

Biskaya, von allen großen Städten der Staaten nach Mac City. Flotten

von Dampfern gingen nach den Azoren und Bermudas in See. Am ersten

Juni flogen von frühmorgens an stündlich zwanzig Züge nach Mac City,

vollgestopft mit Menschen, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie

sich der erste Amerika-Europa-Flieger in den Tunnel hineinstürzte.

Die großen Hotels in New York, Chikago, San Franzisko, Paris, Berlin,

London veranstalteten Bankette, die um zehn Uhr ihren Anfang nehmen

und volle achtundzwanzig Stunden dauern sollten. Edison-Bio wollte in

allen diesen Hotels ihren Riesentunnelfilm vorführen, der sechs volle

Stunden dauerte. In den Varietés und Concerthalls traten Chöre von

früheren Tunnelmen auf, die die Tunnellieder sangen. Auf den Straßen

wurden Millionen von Postkarten mit Allans Porträt verkauft, Millionen

von »Tunnel-charms«, kleine in Metall gefaßte Gesteinsplitter aus den

Stollen.

Allan startete Punkt zwölf Uhr nachts. Die ungeheure Bahnhofhalle

von Hoboken-Station, die größte der Welt, war bis auf den letzten

Quadratfuß mit erregten Menschen angefüllt und alle reckten die Hälse,

um einen Blick auf den mächtigen Tunneltrain zu werfen, der zur Abfahrt

bereit stand. Grau war er wie Staub und ganz aus Stahl.

Der Zug, der mit dem Führungswagen aus sechs Waggons bestand, war hell

erleuchtet, und die Glücklichen, die nahe genug standen, blickten in

prächtige Salons. Es waren Salonwagen. Man vermutete, daß Ethel die

erste Fahrt mitmachen werde, denn trotz phantastisch hoher Angebote

waren Passagiere abgelehnt worden. Ein Viertel vor zwölf wurden die

eisernen Rolläden heruntergezogen. Die Spannung der Menge wuchs mit

jeder Minute. Zehn Minuten vor zwölf bestiegen vier Ingenieure den

Führungswagen, der an ein Torpedoboot mit zwei runden Augen am scharfen

Bug erinnerte. Allan mußte nun jeden Augenblick erscheinen.

Allan kam fünf Minuten vor zwölf Uhr. Als er den Perron betrat,

brandete ein solch donnerndes Geschrei durch die Halle, daß man hätte

glauben können, Hoboken-Station krache in sich zusammen.

Als junger Mann hatte Allan den Bau begonnen und nun stand er da,

schneeweiß, verbraucht, mit fahlen, etwas schwammigen Wangen und

gutmütigen, blaugrauen Kinderaugen. Mit ihm kam Ethel heraus, die den

kleinen Mac an der Hand führte. Hinter ihr ein kleiner gebückter Mann

mit aufgestülptem Mantelkragen und weiter Reisemütze, die tief übers

Gesicht sank. Er war kaum größer als der kleine Mac und man hielt ihn

allgemein für einen farbigen Groom. Es war Lloyd.

Die meterhohe Mumie gab Ethel und dem kleinen Mac die Hand und

kletterte behutsam in den Waggon: Lloyd also war der Passagier! Nicht

ein Kaiser oder König, nicht der Präsident der Republik, die Großmacht

Lloyd, das _Geld_, war der erste Passagier!

Ethel blieb mit ihrem Knaben zurück. Sie hatte den kleinen Mac von

Rawley herübergebracht, damit er diesen großen Augenblick miterlebe.

Allan verabschiedete sich von seinem Sohn und Ethel, und Ethel sagte:

»~Well, good bye, Mac. I hope you will have a nice trip!~«

Die Kreisel begannen zu rotieren und füllten die Halle mit einem

hohlen, pfeifenden Sausen. Die Stützbacken lösten sich automatisch,

als die Kreisel die erforderliche Tourenzahl erreicht hatten -- und

der Zug glitt unter dem tobenden Jubel der Menge aus der Halle. Die

Scheinwerfer schleuderten ihre bleichen Lichtkegel über Hoboken, New

York und Brooklyn, die Sirenen der Dampfer in den Docken, auf dem

Hudson, der Bai, dem East-River tuteten und heulten, die Telephone

klingelten, die Telegraphen spielten -- -- New York, Chikago, San

Franzisko brausten auf, der Jubel der ganzen Welt begleitete Allan auf

die Reise. Zur gleichen Zeit blieben alle technischen Betriebe der

Welt auf fünf Minuten stehen, alle Schiffsschrauben, die in diesem

Augenblick die Weltmeere peitschten, zur gleichen Zeit heulten und

tuteten die Pfeifen und Sirenen aller Eisenbahnzüge und Dampfer, die

unterwegs waren: ein brutaler, gewaltiger Schrei der Arbeit, die ihrem

Werk zujubelte.

Der alte Lloyd ließ sich entkleiden und legte sich zu Bett.

Der Tunnel: Roman · 第 37 / 42 题