Allan besorgte eine Loge und sah die Blanche spielen, wenn es ihn auch
langweilte, ein hysterisches Frauenzimmer von Wein- in Lachkrämpfe
übergehen zu sehen.
Von nun an sah New York Allan und Ethel Lloyd häufig zusammen. Ethel
fuhr fast täglich den Broadway entlang in Allans Car. Und Allan
steuerte selbst, wie in der Zeit, da seine Gesundheit noch nicht
gelitten hatte. Im Fond saß Ethel Lloyd, in Mäntel und flotte Schleier
gehüllt und blinzelte auf die Straße.
Ethel drängte Allan, sie einmal mit in den Tunnel zu nehmen. Allan
erfüllte ihr auch diesen Wunsch.
Als der Zug die Trasse hinabflog, schrie Ethel vor Vergnügen auf und im
Tunnel kam sie aus ihrer Verwunderung nicht heraus.
Sie hatte die ganze Tunnelliteratur studiert, aber ihre Phantasie war
in technischen Dingen nicht geschult genug, als daß sie sich eine klare
Vorstellung von den Stollen hätte machen können. Sie ahnte nicht, was
vierhundert Kilometer in einem nahezu dunkeln Tunnel bedeuten. Das
Donnern, das den Zug einhüllte und so stark war, daß man schreien
mußte, um sich zu verständigen, erschreckte sie angenehm. Die Stationen
rissen sie zu lauten Ausrufen der Bewunderung hin. Sie hatte keine
Vorstellung gehabt, welch ungeheure Maschinen hier standen und Tag und
Nacht arbeiteten. Das waren ja Maschinenhallen unter dem Meer! Und die
Wetterführung, pfeifend wie ein Sturmwind, der einen fast in Stücke
blies!
Nach einigen Stunden glühte ein rotes Licht wie ein Leuchtfeuer aus der
Finsternis.
Der Zug hielt. Sie waren bei der Unglücksschlucht angekommen. Beim
Anblick der Schlucht verstummte Ethel. Was bedeutete es für sie, wenn
sie wußte, daß die Schlucht sechzig bis achtzig Meter tief war, hundert
Meter breit und daß tausend Menschen Tag und Nacht Erz förderten.
Nun aber _sah_ sie, daß sechzig bis achtzig Meter eine schauerliche
Tiefe, eine zwanzig Stockwerktiefe waren. Tief unten in dem Staubnebel,
der den übersehbaren Teil der Schlucht anfüllte, zwanzig Stockwerke
tief unten glühten Scharen von Bogenlampen und unter ihnen wimmelte es
-- das waren Menschen! Plötzlich stieg eine kleine Staubwolke auf und
ein Kanonenschuß rollte durch die Schlucht, in den Tunnel hinein.
»Was war das?«
»Sie haben gesprengt.«
Darauf bestiegen sie den Förderkorb und fuhren ab. Sie stürzten an den
Bogenlampen vorbei und die Menschen schienen rasch senkrecht zu ihnen
emporzukommen. Sie waren unten und nun konnte Ethel nicht genug staunen
über die _Höhe_, aus der sie kamen. Die Tunnelmündung erschien wie ein
schwarzes, kleines Tor. Riesenschatten, Schatten von turmhohen Dämonen
bewegten sich an den Wänden hin und her ...
Ethel kam verwirrt und entzückt aus dem Tunnel zurück und erzählte
Lloyd den ganzen Abend, wie es da drinnen sei und daß die Schleusen des
Panama Kinderspielzeuge im Vergleich zum Tunnel seien.
Am nächsten Tag wußte ganz New York, daß Ethel mit Allan im Tunnel war.
Die Zeitungen brachten spaltenlange Interviews.
Am übernächsten verkündeten sie die Verlobung Allans und Ethels. Ihr
Doppelbildnis erschien.
Ende Juni fand die Hochzeit statt. Am gleichen Tage stiftete
Ethel Lloyd einen Pensionsfonds von acht Millionen Dollar für die
Tunnelleute. Die Hochzeit wurde mit fürstlichem Aufwand im großen
Festsaal des Atlantic gefeiert, desselben Hotels, auf dessen Dachgarten
vor neun Jahren das berühmte Meeting stattgefunden hatte. Drei Tage
lang gab die sensationelle Heirat den Zeitungen Stoff. Sunday Mirror
beschäftigte sich eingehend mit Ethels Trousseau. Zweihundert Paar
Schuhe! Tausend Paar Seidenstrümpfe! Ethels Wäsche war bis ins Detail
beschrieben. Und wenn Allan in diesen Tagen die Zeitungen gelesen
hätte, so hätte er erfahren, welch ungeheures Glück der ehemalige
Pferdejunge von Uncle Tom hatte, eine Ethel Lloyd heimzuführen, deren
Strumpfhalter mit Brillanten besetzt waren.
Seit Jahren hatte New York keine so glänzende Gesellschaft vereinigt
gesehen wie die Hochzeitsgesellschaft. Der menschenscheue, alte Lloyd
aber fehlte. Er war mit seinem Arzt auf dem »Goldkarpfen« abgedampft.
Ethel glitzerte. Sie trug den Rosy Diamond und erschien jung,
strahlend, heiter und glücklich.
Allan schien ebenfalls glücklich zu sein. Er scherzte und lachte sogar:
niemand sollte die allgemeine Ansicht bestätigt finden, daß er sich
_verkauft_ habe an Ethel. Aber er tat alles wie im Fieber. Seine große
Qual, diese Komödie spielen zu müssen, sah niemand. Er dachte an Maud,
und Gram und Ekel schnürten ihm die Brust zusammen. Niemand sah es. Um
neun Uhr fuhr er mit Ethel nach Lloyds Haus, wo sie die ersten Wochen
wohnen wollten. Sie sprachen kein Wort, und Ethel verlangte auch nicht,
daß Allan sprach. Allan lag im Wagen, müde und erschöpft, und blickte
mit halbgeschlossenen Augen teilnahmlos auf die wimmelnde Straße voll
tanzender Lichter hinaus. Einmal machte Ethel den Versuch, seine Hand
zu fassen, aber sie fand diese Hand eiskalt und ohne Leben.
Bei der dreiunddreißigsten Straße wurde ihr Car aufgehalten und mußte
eine Minute stoppen. Da fiel Allans Blick auf ein Riesenplakat, dessen
blutrote Lettern in die Straße leuchteten:
»Tunnel! Hunderttausend Mann!«
Er öffnete die Augen, seine Pupillen weiteten sich, aber trotzdem
verließ ihn nicht eine Sekunde die schreckliche seelische Müdigkeit,
die ihn lähmte.
Ethel hatte den Palmensaal beleuchten lassen und bat Allan, ihr noch
ein wenig Gesellschaft zu leisten.
Sie kleidete sich nicht um. Sie saß in ihrer glitzernden Hochzeitsrobe
in einem Sessel, den Rosy Diamond auf der Stirn, und rauchte eine
Zigarette und hob von Zeit zu Zeit die langen Wimpern, um verstohlen
nach Allan zu sehen.
Allan ging hin und her, als sei er allein, und besah sich, dann und
wann innehaltend, zerstreut Möbel und Blumen.
Es war sehr still im Saal. Der verborgene Springbrunnen plätscherte
und schwätzte. Manchmal raschelte geheimnisvoll eine Pflanze, die
sich dehnte. Man glaubte die Worte zu verstehen, die auf der Straße
gesprochen wurden.
»Bist du sehr müde, Mac?« fragte Ethel nach langem Stillschweigen. Sie
fragte es ganz leise und demütig.
Allan blieb stehen und sah Ethel an.
»Ja,« sagte er mit klangloser Stimme, während er sich gegen den
Kamin lehnte. »Es waren so viele Menschen!« Von ihm zu ihr waren nur
zehn Schritte zu gehen, aber doch war es, als seien sie meilenweit
voneinander entfernt. Nie war ein Hochzeitspaar einsamer.
Allan sah fahl und grau im Gesicht aus. Seine Augen waren glanzlos und
erloschen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu verstellen. Ethel aber
erschien er nun endlich ein Mensch geworden zu sein, wie sie einer war,
ein Mensch mit einem Herzen, das fühlen und leiden konnte.
Sie stand auf und ging näher. »Mac!« rief sie leise.
Allan blickte auf.
»Höre, Mac,« begann sie mit ihrer weichsten Stimme, »ich muß mit dir
sprechen. Höre zu. Ich will nicht, daß du unglücklich bist, Mac. Im
Gegenteil, ich wünsche von ganzem Herzen, daß du glücklich wirst -- so
gut es geht! Glaube nicht, ich sei so töricht anzunehmen, du habest
mich aus Liebe geheiratet. Nein, so töricht bin ich nicht. Ich habe
nicht das Recht, Ansprüche an dein Herz zu stellen und ich stelle
sie auch nicht. Du bist genau so frei und ungebunden wie früher. Du
brauchst dir auch keine Mühe zu geben, mich glauben zu machen, daß du
mich ein wenig liebtest, nein! Es würde mich beschämen. Ich verlange
nichts von dir, gar nichts, Mac. Nur das Recht, das ich schon seit
Wochen genoß, immer ein wenig in deiner Nähe sein zu dürfen ...«
Ethel hielt inne. Aber Allan sagte nichts.
Und Ethel fuhr fort: »Ich spiele jetzt nicht mehr Komödie, Mac. Das
ist vorbei. Ich mußte Komödie spielen, um dich zu bekommen, aber
nun, da ich dich habe, brauche ich es nicht mehr. Nun kann ich ganz
aufrichtig sein und du wirst sehen, daß ich nicht nur ein launenhaftes
und garstiges Geschöpf bin, das die Menschen quält. Höre, Mac, ich
muß dir alles sagen, damit du mich kennen lernst ... Du hast mir
gefallen, als ich dich zuerst sah! Dein Werk, deine Kühnheit, deine
Energie bewunderte ich. Ich bin reich, ich wußte es schon als Kind,
daß ich reich sei. Mein Leben sollte groß und wunderbar werden, so
dachte ich bei mir. Ich dachte es nicht klar, aber ich empfand es.
Mit sechzehn Jahren träumte ich davon, einen Prinzen zu heiraten
und mit siebzehn wollte ich mein Geld verschenken an die Armen. Das
war alles Nonsens. Mit achtzehn hatte ich schon keinen bestimmten
Plan mehr. Ich lebte genau wie andere junge Leute, die reiche Eltern
haben. Aber das wurde bald schrecklich langweilig. Ich war nicht
unglücklich, aber ich war auch nicht gerade glücklich. Ich lebte
von einem Tag zum andern, amüsierte mich und schlug die Zeit tot,
so gut ich es konnte. Ich dachte in dieser Zeit überhaupt nichts,
so scheint es mir wenigstens jetzt. Dann kam Hobby zu Pa mit deinem
Projekt. Aus purer Neugierde drang ich in Pa, mich einzuweihen, denn
die zwei taten sehr geheimnisvoll. Ich studierte mit Hobby deine Pläne
und tat, als verstände ich alles. Dein Projekt interessierte mich
außerordentlich, das ist die Wahrheit. Hobby erzählte mir von dir
und was für ein prachtvoller Mensch du seist und schließlich war ich
ungeheuer neugierig, dich zu sehen. Nun, ich sah dich! Ich hatte einen
solch riesenhaften Respekt vor dir, wie noch nie vor einem Menschen!
Du gefielst mir! So einfach, so stark und gesund sahst du aus. Und
ich wünschte: möchte er doch nett zu mir sein! Aber du warst ganz
gleichgültig. Wie oft habe ich an diesen Abend gedacht! Ich wußte, daß
du verheiratet warst, Hobby hatte mir ja alles erzählt, und es kam mir
auch gar nicht in den Sinn -- damals -- daß ich dir mehr werden könnte
als eine Freundin. Später aber fing ich an, auf Maud eifersüchtig zu
werden. Verzeihe, daß ich ihren Namen nenne! Wo man stand und ging,
hörte und sah man deinen Namen. Und ich dachte, warum könntest du nicht
an Mauds Stelle sein. Das wäre herrlich! Es hätte dann auch Sinn,
reich zu sein! Das war nicht möglich, ich sah es ein und ich wollte
mich zufrieden geben, wenn ich zu deinen Freunden zählen dürfte. Um
das zu erreichen, kam ich damals öfter zu euch hinaus, aus keinem
anderen Grund. Denn wenn ich auch verrückte Pläne schmiedete: wie ich
es anstellen könnte, dich in mich verliebt zu machen, so verliebt, daß
du Frau und Kind verließest, so meinte ich das doch nicht ernst und
glaubte selbst nicht daran. Aber auch freundschaftlich kam ich dir
nicht näher, Mac! Du verschlossest dich, du hattest weder Zeit noch
Gedanken für mich. Ich bin nicht sentimental, Mac, aber damals war ich
sehr, sehr unglücklich!
Dann kam die Katastrophe. Glaube mir, ich hätte alles hingegeben, um
das Schreckliche ungeschehen zu machen. Ich schwöre es dir! Es war
grausam und ich litt schrecklich damals. Aber ich bin ein Egoist,
Mac, ein großer Egoist! Und während ich noch weinte um Maud, kam es
mir zum Bewußtsein, daß du ja nun frei warst, Mac! Du warst frei! Und
von diesem Augenblick an trachtete ich dir näher zu kommen. _Mac,
ich wollte dich haben_! Der Streik, die Sperre, der Bankerott, all
das kam mir gelegen -- das Schicksal arbeitete mir plötzlich in die
Hände. Ich drang monatelang in Vater, sich für dich einzusetzen. Aber
Pa sagte: >Es ist unmöglich!< In diesem Januar bestürmte ich ihn von
neuem. Aber Pa sagte: >Es ist ganz unmöglich!< Da sagte ich zu Pa:
>Es muß möglich sein, Pa! Denke nach, du mußt es möglich machen!< Ich
quälte Pa, den ich liebe, bis aufs Blut. Tagelang. Endlich sagte er
zu. Er wollte an dich schreiben und dir seine Hilfe anbieten. Da aber
dachte ich nach. Was dann? dachte ich. Mac wird Pas Hilfe annehmen,
ein paarmal bei uns speisen -- und dann wird er sich wieder in die
Arbeit vergraben und du siehst ihn nicht mehr. Ich sah ein, daß ich nur
eine einzige Waffe gegen dich hatte -- und das war Pas Geld und Name!
Verzeih, Mac, daß ich so offen bin! Ich zögerte nicht, diese Waffe zu
gebrauchen. Ich verlangte von Pa, nur zu tun, was ich wollte, einmal in
seinem Leben, und nicht nach meinen Gründen zu fragen. Ich drohte ihm,
meinem kleinen, lieben, alten Pa, daß ich ihn verlassen würde und er
mich nie, nie mehr sehen sollte, wenn er mir nicht gehorchte. Das war
schlecht von mir, aber ich konnte nicht anders. Ich hätte Pa ja doch
nicht verlassen, denn ich liebe und verehre ihn, aber ich jagte ihn
ins Bockshorn. Mac, und das andere kennst du. Ich handelte nicht schön
-- aber es gab für mich keinen anderen Weg zu dir! Ich habe gelitten
darunter, aber ich wollte bis ans Äußerste gehn. Wie du mir im Car den
Antrag machtest, hätte ich gleich annehmen wollen. Aber ich wollte doch
auch, daß du dir ein wenig _Mühe_ um mich gäbest, Mac --«
Ethel sprach mit halblauter Stimme und oft flüsterte sie nur. Sie
lächelte dabei, weich und anmutig, sie zog die Wangen lang und legte
die Stirn in Falten, daß sie traurig aussah, sie schüttelte den schönen
Kopf, sie sah schwärmerisch zu Allan empor. Häufig hielt sie bewegt
inne.
»Hörtest du mich, Mac?« fragte sie nun.
»Ja!« sagte Allan leise.
»Das alles mußte ich dir sagen, Mac, ganz offen und ehrlich. Nun weißt
du es. Vielleicht können wir trotz allem gute Kameraden und Freunde
werden?«
Sie sah mit einem schwärmerischen Lächeln in Allans Augen, die müde und
vergrämt waren wie vorhin. Er nahm ihren schönen Kopf in beide Hände
und nickte.
»Ich hoffe es, Ethel!« erwiderte er und seine fahlen Lippen zuckten.
Und Ethel folgte ihrem Gefühl und schmiegte sich einen Augenblick an
seine Brust. Dann richtete sie sich mit einem tiefen Atemzug auf und
lächelte verwirrt.
»Eines noch, Mac!« begann sie nochmals. »Wenn ich dir schon das sagte,
muß ich dir alles sagen. Ich wollte dich haben und nun habe ich dich!
Aber höre nun: jetzt will ich, daß du mir vertraust und mich _liebst_!
Das ist nun meine Aufgabe! Nach und nach, Mac, hörst du, es soll meine
Sache sein, und ich glaube daran, daß es mir gelingen wird! Denn wenn
ich das nicht glaubte, so wäre ich todunglücklich. -- -- Gute Nacht
nun, Mac!«
Und langsam, müde, wie schwindlig ging sie hinaus.
Allan blieb am Kamin stehen und regte sich nicht. Während er mit müden
Augen durch den Saal blickte, in dem er ein Fremder war, dachte er,
daß sein Leben an der Seite dieser Frau am Ende doch weniger trostlos
werden würde, als er befürchtet hatte.
5.
»Tunnel!«
»Hunderttausend Mann!«
Sie kamen. Farmhands, Miner, Taglöhner, Strolche. Der Tunnel zog sie an
wie ein Riesenmagnet. Sie kamen aus Ohio, Illinois, Iowa, Wiskonsin,
Kansas, Nebraska, Colorado, aus Kanada und Mexiko. Extrazüge rasten
durch die Staaten. Aus Nord-Carolina, Tennessee, Alabama und Georgia
fluteten die schwarzen Bataillone herauf. Viele Tausende der großen
Armee, die einst der Tunnelschrecken verscheucht hatte, kehrten zurück.
Aus Deutschland, England, Belgien, Frankreich, Rußland, Italien,
Spanien und Portugal strömten sie den Baustellen zu.
Die toten Tunnelstädte erwachten. In den grünen, staubigen
Riesenglashallen glühten wieder die bleichen Monde; die Krane bewegten
sich wieder; weiße Dampfschwaden jagten dahin, der schwarze Qualm
brodelte wie früher. Im Eisenfachwerk der Neubauten kletterten
Schatten, es wimmelte von Menschen oben und unten. Die Erde bebte,
gellend und brausend spien die Schuttstädte wieder Staub, Dampf,
schwarzen Qualm, Licht und Feuer zum Himmel empor.
Die schlafenden Dampfer in den Friedhöfen der Häfen von New York,
Savannah, New Orleans und San Franzisko, von London, Liverpool,
Glasgow, Hamburg, Rotterdam, Oporto und Bordeaux stießen plötzlich
wieder dicken Rauch durch die Kamine, die Winden rasselten. Die
verödeten Hüttenwerke lärmten und tobten, bestaubte Lokomotiven
kamen aus ihren Schuppen und holten Atem. Die Förderkörbe der Zechen
klirrten mit erhöhter Schnelligkeit in die Schächte hinab. Die große
Maschine, die sich seit der Krise langsam dahingeschleppt hatte,
zog mit einem plötzlichen Ruck an. Die Asyle der Arbeitslosen, die
Säle der Hospitäler leerten sich, die Vagabunden verschwanden von
den Landstraßen. Die Banken und Börsen waren in lauter Erregung, als
platzten Granaten in der Luft. Die Industriepapiere kletterten in die
Höhe, Mut und Unternehmungslust kehrten zurück. Die Tunnelaktien kamen
wieder zu Ehren.
»Lloyd übernimmt den Tunnel!«
Lloyd ganz allein! Ein einzelner Mann!
Der Tunnel holte tief Atem. Wie eine Riesenpumpe begann er
Menschenleiber einzusaugen und auszuspeien und am sechsten Tage schon
arbeitete er mit seiner alten Geschwindigkeit. In den Stollen donnerten
die Bohrmaschinen, die glühenden, wütenden Nashörner aus Allanit rasten
wie früher trillernd und heulend ins Gestein. Die Stollen tobten,
lachten und delirierten. Die schweißtriefenden Menschenhaufen wälzten
sich wieder im gleißenden Licht der Scheinwerfer vor und zurück. Als
sei nie etwas geschehen. Streik, Katastrophe -- alles war vergessen!
Allan peitschte zu dem alten Höllentempo an und auch er dachte nicht
mehr daran, daß es einst anders gewesen war.
Die amerikanische Strecke war am leichtesten zu bewältigen. Die
Unglücksschlucht nahm achtzig Doppelkilometer Gestein auf. Tag und
Nacht ergoß sich eine Lawine von Gestein und Geröll in die Tiefe. Ein
dreihundert Meter breiter Damm überquerte sie. Er war übersponnen
von Geleisen und ohne Pause flogen die Gesteinszüge aus den Stollen
und stürzten ihren Inhalt hinab. Der nördliche Abschnitt war nach
einem Jahre ausgefüllt und planiert und trug riesige Maschinenhallen
mit Dynamos, Kühlmaschinen und Ozonapparaten. Fünf Jahre nach
Wiederaufnahme der Arbeit hatten sich die Stollen Amerikas und der
Bermudas einander soweit genähert, daß Allan drahtlos mit Strom, der
in Bermuda befehligte, durch den Berg telephonieren konnte. Er ließ
Richtungsstollen vortreiben und die ganze Welt wartete voller Spannung
auf den Augenblick, da die Stollen zusammenstoßen würden. Es gab
selbst in wissenschaftlichen Kreisen Leute, die bezweifelten, daß die
Stollen sich überhaupt treffen würden. Die ungeheuren Gesteinsmassen,
die Hitze, die enormen Massen an Eisen und elektrischen Energien
mußten die genauesten Instrumente beeinträchtigen. Aber schon, als
sich die Richtungsstollen bis auf fünfzehn Kilometer genähert hatten,
verzeichneten die Seismographen die Sprengungen in den Stollen.
Im fünfzehnten Baujahr stießen die Richtungsstollen zusammen. Die
Berechnungen ergaben eine Höhenabweichung von dreizehn Metern und eine
seitliche Abweichung von zehn Metern, Differenzen, die sich spielend
leicht ausgleichen ließen. Zwei Jahre später waren die Doppelstollen
Amerika-Bermuda durchgeschlagen und mit dem Eisenbetonmantel umspannt.
Das war von ungeheurem Vorteil: Die Züge konnten Eisen, Zement,
Schienen und Mannschaften nach den Bermudas befördern.
Die Tunnelaktien stiegen um zwanzig Prozent! Das Geld des Volkes kam
zurück.
Schwieriger gestaltete sich der Ausbau der französischen Strecke,
die Allan vorerst einstollig weiterführen ließ. Hier ereignete sich
im vierzehnten Baujahr ein großer Schlammeinbruch. Der Stollen war
auf eine der ozeanischen »Falten« gestoßen. Drei Kilometer des
gebohrten Stollens mußten preisgegeben werden mit kostbaren Maschinen
und Apparaten. Eine zwanzig Meter starke Mauer aus Eisenbeton wurde
gegen die eindringende Schlamm- und Wassermasse errichtet. Bei diesem
Schlammeinbruch verloren zweihundertzweiundsiebzig Menschen das Leben.
Der Stollen aber wurde in großem Bogen um die gefährliche Stelle
herumgeführt. Er stieß hier wiederum auf Schlammmassen, aber sie wurden
nach verzweifelten Anstrengungen bewältigt. Fünf Kilometer dieses Teils
der Strecke kosteten die ungeheure Summe von sechzig Millionen Dollar.
Der Stollen wurde im einundzwanzigsten Baujahr vollendet.
Mit der Fertigstellung der französischen und amerikanischen Strecke
verringerten sich die Baukosten ganz beträchtlich. Von Monat zu Monat
konnten Arbeiterbataillone abgestoßen werden. Aber trotzdem verschlang
der Tunnel noch Milliarden. Ethel hatte ihr ganzes ungeheures Vermögen
in den Tunnel geworfen, bis auf den letzten Cent! Sie war an dem Tage
bettelarm, an dem der Tunnel nicht vollendet wurde. Lloyd selbst war
am Bau so stark beteiligt, daß er seine ganze finanzielle Strategie
aufbieten mußte, um sich aufrechtzuerhalten.
Die schwerste Arbeit bereiteten die atlantischen Strecken mit
ihren enormen Ausdehnungen. Tag und Nacht, Jahre hindurch tobten
schweißbedeckte Menschenhaufen gegen das Gebirge. Je tiefer sie
vordrangen, desto schwerer wurden Transport und Verpflegung, zumal
auch diese Strecken vorläufig größtenteils einstollig gebaut wurden.
Hier war der Feind der Tunnelmen nicht das Wasser, sondern die Hitze.
Die Stollen stiegen hier bis zu einer Tiefe von sechstausend Meter
unter dem Meeresspiegel hinab. Die Hitze war so ungeheuer, daß zur
Verzimmerung nicht mehr Holz verwandt werden konnte, sondern nur noch
Eisen. Die Luft in dem heißen, tiefen und langen Stollen war um so
schlechter, als nur durch Doppelstollen eine einigermaßen genügende
Ventilation erzielt werden kann. Von zehn zu zehn Kilometern mußten
Stationen in den Berg geschlagen werden, in denen Kältemaschinen,
Ozonapparate und Luftpumpen Tag und Nacht arbeiteten.
Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen
vollbracht haben.
Von zwei Seiten fraßen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der »dicke
Müller« von den Azoren herüber, Strom von den Bermudas. Strom leistete
Übermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie
bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken
und Schlaf sein konnte. Er war fast täglich im Stollen und leitete
stundenlang persönlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er
zuweilen nicht aus dem glühenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm
den Namen »der russische Teufel«.
Täglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und
dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen
worden. Klippen, Sandbänke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent
zusammengeschweißt. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen
hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen
und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die größten
Dampfer konnten anlaufen. Seine Städtebaumeister hatten neue Städte
aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhäuser, Kirchen,
Schulen -- alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fünf neue
Städte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit
standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke
im Wind. In zehn Jahren aber würden sie ebenso grün sein wie andere
Städte, denn es waren Plätze, Gärten, Parke vorgesehen, wie London,
Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde
in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang.
Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bäume. Und in der Tat,
es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit
bestaubten Palmen und Bäumen und einer jämmerlichen Grasnarbe.
Allans Städte hatten dafür aber etwas anderes. Sie besaßen die
geradesten Straßen der Welt und die schönsten Strandanlagen aller
Kontinente. Sie glichen einander wie Brüder. Sie waren alle Ableger
Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit
Willenskraft und angefüllt mit Aktivität.
Mac City hatte gegen das Ende der Bauzeit schon über eine Million
Einwohner!
Wiederholt ereigneten sich kleinere und größere Unglücksfälle und
Katastrophen beim Bau. Aber sie waren nicht größer und häufiger als
bei anderen großen technischen Unternehmungen. Allan war vorsichtig
und ängstlich geworden. Er hatte nicht mehr die Nerven wie früher.
Am Anfang war es ihm nicht auf hundert Menschen angekommen, aber
jetzt lastete jedes einzelne Menschenleben, das der Tunnel forderte,
auf seiner Seele. Die Stollen waren voll von Sicherheits- und
Registrierapparaten, und beim geringsten Anzeichen, das zur Vorsicht
mahnte, verlangsamte er das Tempo. Allan war grau geworden, »~old gray
Mac~« hieß er jetzt. Seine Gesundheit war untergraben. Er schlief fast
gar nicht mehr und war jeden Augenblick in Unruhe, irgendein Unglück
könne sich ereignen. Er war ein einsamer Mann geworden, dessen einzige
Erholung darin bestand, am Abend eine Stunde allein in seinem Park
spazieren zu gehen. Was in der Welt vorging, interessierte ihn kaum
mehr. Schöpfer des Tunnels, war er zu seinem Sklaven geworden. Sein
Gehirn kannte keine anderen Ideenassoziationen mehr als Maschinen,
Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdekräfte.
Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur
einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten
häufig die Abende zusammen. Da saßen sie in ihren Sesseln, rauchten und
_schwiegen_.
Im achtzehnten Baujahr brach ein großer Streik aus, der zwei Monate
währte und bei dem Allan verlor. Nur der Kaltblütigkeit Stroms war
es zu danken, daß eine zweite Panik und Massenangst im Keim erstickt
wurde. Eines Tages stieg die Hitze im Stollen um volle fünf Grad. Die
Erscheinung war unerklärlich und mahnte zur Vorsicht. Die Arbeiter
weigerten sich einzufahren. Sie befürchteten, der Berg werde sich jeden
Augenblick öffnen und ihnen glühende Lava entgegenspeien. Es gab Leute,
die den unsinnigen Gedanken verbreiteten, der Stollen nähere sich dem
glühenden Erdinnern. Viele Wissenschaftler vertraten den Gedanken,
daß die Tunnelachse den Krater eines submarinen Vulkans tangiere. Die
Arbeiten wurden unterbrochen und genaue Forschungen der entsprechenden
Komplexe des Meeresgrundes angestellt. Die Temperatur am Meeresboden
wurde gemessen, aber von einem Vulkan oder heißen Quellen fand sich
keine Spur.
Strom wählte Freiwillige aus und blieb vier Wochen Tag und Nacht im
Stollen. »Der russische Teufel« gab es erst auf, als er ohnmächtig
zusammenbrach. Acht Tage später aber war er wieder in der »Hölle«.
Die Menschen arbeiteten hier vollkommen nackt. Wie schmutzige, ölige
Molche glitten sie da unten im Stollen hin und her, halb bewußtlos,
durch Reizmittel aufrecht erhalten.
Im vierundzwanzigsten Baujahr, da die beiden Stollenköpfe der
Berechnung nach sechzig Kilometer voneinander entfernt waren, gelang
es Strom, drahtlos mit dem »fetten Müller« von den Azoren durch den
Berg zu sprechen. Nach sechsmonatiger mörderischer Arbeit waren
beide Stollen soweit vorgetrieben, daß sie sich in nächster Nähe
voneinander befinden mußten. Aber die Seismographen registrierten keine
einzige Detonation, obwohl Müller täglich dreißigmal sprengte. Durch
alle Zeitungen ging die aufregende Depesche, daß die Stollen sich
verfehlt hätten. Die Ingenieure in den beiden Richtungsstollen waren
unaufhörlich miteinander in Verbindung. Die Entfernungen von Azora und
Bermuda waren bis auf den Meter bestimmt worden, über und unter dem
Meere. Es konnte sich also nur um wenige Kilometer Abstand handeln. Man
hatte eigens empfindliche Apparate, die der Hitze standhielten, gebaut,
aber die Apparate reagierten nicht.
Gelehrte aus Berlin, London und Paris eilten herbei. Einige von ihnen
wagten sich sogar bis in den kochenden Stollen hinein, ohne Erfolg.
Allan ließ Stollen schräg in die Höhe und schräg in die Tiefe treiben,
er ließ ein Netz von Seitenstollen bohren. Es war ein vollkommenes
Bergwerk. Die Arbeit ins Dunkle und Ungewisse hinein war höllisch
und erschöpfend. Die Hitze warf die Menschen nieder wie eine Seuche.
Wahnsinnsausbrüche kamen fast täglich vor. Obwohl die Pumpen
unaufhörlich gekühlte Luft in die Stollen drückten, blieben die Wände
doch heiß wie Kachelöfen. Blind von Staub und Hitze kauerten die
Ingenieure, vollkommen nackt, mit Staub und Schmutz bedeckt, in den
Stollen und beobachteten die Registrierapparate.
Es war das schrecklichste Stück Arbeit, das aufregendste, und Allan
fand keinen Schlaf mehr.
Sie suchten vier Monate lang, denn das Bohren der Seitenstollen
beanspruchte viel Zeit.
Die Welt lag in einem Krampf von Spannung. Die Tunnelpapiere aber
begannen zu sinken.
Eines Nachts jedoch wurde Allan von Strom angerufen, und als er durch
den Stollen kroch, kam ihm Strom entgegen, triefend von Schweiß,
schmutzig und kaum mehr menschenähnlich. Und zum erstenmal sah Allan
diesen kühlen Menschen in Erregung und sogar lächeln.
»Wir sind Müller auf der Spur,« sagte Strom.
Am Ende eines tiefgehenden Schrägstollens, wo die Luft durch den
Schlauch pfiff und kühlte, stand ein Registrierapparat unter einer
Grubenlampe und zwei geschwärzte Gesichter lagen daneben.
Der Registrierapparat verzeichnete zwei Uhr eine Minute eine
millimeterfeine Schwankung. Müller mußte in genau einer Stunde wieder
sprengen, und die vier hockten eine Stunde lang in atemloser Erregung
vor dem Apparat. Genau drei Uhr zwei Minuten zitterte die Nadel wieder.
Die Zeitungen gaben Extrablätter aus! Wäre Müller ein großer Verbrecher
gewesen, dessen Spur eine Meute von Detektiven aufstöberte, die
Sensation hätte nicht größer sein können.
Die Arbeit war von nun an leicht. Nach vierzehn Tagen stand es
fest, daß Müller unter ihnen sein mußte. Mac telephonierte ihm
»heraufzukommen«. Und Müller ließ den Stollen in die Höhe treiben. Nach
vierzehn weiteren Tagen waren sie einander so nahe, daß der Apparat
sogar das Arbeiten der Bohrer verzeichnete. Nach drei Monaten hörte man
mit eigenen Ohren den Knall des Sprengens. Ganz dumpf und fein wie ein
Donner in der Ferne. Nach weiteren dreißig Tagen hörte man die Bohrer!
Und dann kam der große Tag, da ein Bohrloch die beiden Stollen verband.
Die Arbeiter und Ingenieure jubelten.
»Wo ist Mac?« fragte der »fette Müller«.
»Hier bin ich!« antwortete Allan.
»~How do you do~, Mac?« sagte Müller mit fettem Lachen.
»~We are all right!~« antwortete Allan.
Diese Unterhaltung stand noch am Abend in allen Extrablättern, die über
New York, Chicago, Berlin, Paris und London niederregneten.
Sie hatten vierundzwanzig Jahre lang gearbeitet -- es war der
größte Augenblick ihres Lebens! -- und doch hatten sie keine Phrase
gesprochen! Eine Stunde später konnte Müller eine gekühlte Flasche
Münchner Bier an Allan schicken und am nächsten Tage konnten sie
durch ein Loch zusammenkriechen -- alle übermüdet, schwitzend, nackt,
schmutzig, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.
Allans Rückfahrt durch den Stollen war eine Triumphfahrt. Die
Arbeiterbataillone, die hier in der Finsternis wühlten, schrien und
jubelten.
»Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann ...«
Hinter Allan aber donnerten schon wieder die Bohrer gegen den Berg.
6.
Ethel war aus anderem Material als Maud. Sie ließ sich nicht an
die Peripherie der Arbeit drängen, sie siedelte sich im lärmenden
Mittelpunkt an. Sie absolvierte einen regulären Ingenieurkursus, um
»mitreden zu können«.
Von dem Tage an, da sie Allan die Hand gereicht hatte, verteidigte sie
in würdiger Weise ihre Rechte.
Es schien ihr genug zu sein, wenn sie Allan für den Lunch freigab. Um
fünf Uhr aber, Punkt fünf Uhr war sie da -- ob Allan in New York weilte
oder in der Tunnel-City, einerlei -- und bereitete still, ohne ein
Wort zu sprechen, den Tee. Allan konferierte mit einem Ingenieur oder
Architekten, darum kümmerte Ethel sich nicht im geringsten.
Sie wirtschaftete lautlos in ihrer Ecke oder im Nebenzimmer, und wenn
der Teetisch fertig war, so sagte sie: »Mac, der Tee ist fertig.«
Und Allan mußte kommen, allein oder in Gesellschaft, das war Ethel
einerlei.
Um neun Uhr stand sie mit dem Car vor der Türe und wartete geduldig,
bis er kam. Die Sonntage mußte er bei ihr verbringen. Er konnte Freunde
einladen oder ein Rudel Ingenieure bestellen, ganz wie er wünschte.
Ethel führte ein gastliches Haus. Man konnte kommen und gehen, wann
man wollte. Sie hatte einen Park von fünfzehn Automobilen zu ihrer
Verfügung, die jeden Gast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht
hinbrachten, wohin er wollte. An manchen Sonntagen kam auch Hobby von
seiner Farm herüber. Hobby produzierte jährlich zwanzigtausend Hühner
und Gott weiß wie viele Eier. Die Welt interessierte ihn nicht mehr. Er
war religiös geworden und besuchte Betsäle. Zuweilen blickte er Allan
ernst in die Augen und sagte: »Denke an dein Seelenheil, Mac --!«
Wenn Allan reiste, so reiste Ethel mit ihm. Sie war mit ihm wiederholt
in Europa, auf den Azoren und den Bermudas.
Der alte Lloyd hatte ein Stück Land bei Rawley, vierzig Kilometer
nördlich Mac City, gekauft und dort ein riesiges Landhaus, eine Art
Schloß für Ethel bauen lassen. Das Land reichte bis ans Meer und lag
mitten in einem Park alter Bäume, die Lloyd von japanischen Gärtnern
hatte für die Verpflanzung präparieren und nach Rawley bringen lassen.
Lloyd kam jeden Tag, um sie zu besuchen, und von Zeit zu Zeit brachte
er ganze Wochen bei seiner abgöttisch geliebten Tochter zu.
Im dritten Jahre ihrer Ehe gebar Ethel einen Sohn. Dieser Sohn! Er
wurde von Ethel wie ein Heiland gehütet. Es war Macs Kind, Macs, den
sie liebte, ohne viele Worte zu machen, und er sollte in zwanzig
Jahren das Werk des Vaters übernehmen und vervollkommnen. Sie nährte
ihn selbst, sie lehrte ihn die ersten Worte sprechen und die ersten
Schritte tun.
In den ersten Jahren war der kleine Mac zart und empfindlich. Ethel
nannte ihn »rassig und aristokratisch«. Im dritten Jahre aber ging er
in die Breite, sein Schädel wurde dick und er bekam Sommersprossen.
Sein blondes Haar wurde brandrot: er verwandelte sich in einen
richtigen kleinen Pferdejungen. Ethel war glücklich. Sie liebte zarte
und empfindliche Kinder nicht, stark und kräftig mußten sie sein und
tüchtig schreien, damit die Lungen wuchsen -- genau wie der kleine Mac
es tat. Sie, die nie Angst gehabt hatte, lernte nun die Angst kennen.
Sie zitterte stündlich um ihr Kind. Ihre Phantasie war erfüllt von
Entführungsgeschichten, die sich zugetragen hatten, da man Kinder von
Millionären gestohlen, verstümmelt, geblendet hatte. Sie ließ eine
Stahlkammer, wie in einer Bank, in ihr Haus zur ebenen Erde einbauen.
In dieser Stahlkammer mußte der kleine Mac mit der Nurse schlafen. Ohne
sie durfte er nie den Park verlassen. Zwei auf den Mann dressierte
Polizeihunde begleiteten ihn und stets schnüffelte ein Detektiv die
Gegend drei Meilen im Umkreis ab. Nahm sie ihn mit sich, so fuhren zwei
Detektive im Wagen mit, bewaffnet bis an die Zähne. Der Chauffeur mußte
ganz langsam fahren, und Ethel ohrfeigte ihn einmal auf offener Straße
in New York, weil er »~hundred miles an hour~« fuhr.
Jeden Tag mußte ein Arzt den Kleinen, der prächtig gedieh, untersuchen.
Wenn das Kind sich nur räusperte, so depeschierte sie sofort nach einem
Spezialisten.
Überall sah Ethel Gefahren für ihr Kind. Aus dem Meer konnten sie
steigen, ja sogar aus der Luft konnten Verbrecher herabkommen, um den
kleinen Mac zu stehlen.
Im Park war eine große Wiese, die, wie Ethel sagte, »geradezu zur
Landung von Aeroplanen einlud«. Ethel ließ ein Rudel Bäume darauf
pflanzen, so daß jeder Aeroplan, der eine Landung versuchte, elend
zerschmettern mußte.
Ethel stiftete eine Riesensumme für die Erweiterung des Hospitals, das
sie »Maud Allan Hospital« taufte. Sie gründete die besten Kinderheime
der ganzen Welt in allen fünf Tunnelstädten. Schließlich war sie nahe
am Bankerott und der alte Lloyd sagte zu ihr: »Ethel, du mußt sparen!«
Die Stelle, wo Maud und Edith getötet worden waren, ließ Ethel umzäunen
und in ein Blumenbeet verwandeln, ohne Allan ein Wort davon zu
sagen. Sie wußte recht gut, daß Allan Maud und die kleine Edith noch
nicht vergessen hatte. Es gab Zeiten, da sie ihn des Nachts zuweilen
stundenlang auf und abgehen und leise sprechen hörte. Sie wußte auch,
daß er in seinem Arbeitstisch sorgfältig ein vielgelesenes Tagebuch
aufbewahrte: »Leben meines kleinen Töchterchens Edith und was sie
sagte.«
Die Toten hatten ihre Rechte und Ethel dachte nicht daran, sie ihnen zu
schmälern.