In den Hotels hatten Tausende von Menschen um zehn Uhr diniert und
erregt über den bevorstehenden Start gesprochen. Musikkapellen
konzertierten. Das Fieber wuchs und wuchs. Man wurde exaltiert und
sogar poetisch. Man nannte den Tunnel »die größte menschliche Tat
aller Zeiten«. »Mac Allan hat das Epos vom Eisen und der Elektrizität
gedichtet.« Ja, Mac Allan wurde sogar im Hinblick auf seine Schicksale
in den fünfundzwanzig Jahren des Baus »der Odysseus der modernen
Technik« genannt.
Zehn Minuten vor zwölf flammte die Projektionsfläche der Edison-Bio auf
und darauf stand: »Ruhe!«
Sofort wurde alles vollkommen still. Und augenblicklich begann der
Telekinematograph zu arbeiten. In allen Weltstädten der Erde sah man
zur gleichen Sekunde die Bahnhofhalle von Hoboken-Station, schwarz von
Menschen. Man sah den gewaltigen Tunneltrain, man sah, wie Allan sich
von Ethel und seinem Sohn verabschiedete -- die Zuschauer schwingen die
Hüte: der Zug gleitet aus der Halle ...
Ein unbeschreiblicher, donnernder Jubel, der minutenlang währte,
erhob sich. Man stieg auf die Tische, Hunderte von Sektgläsern wurden
zerbrochen und zertreten. Die Musik intonierte das Tunnellied: »~Three
cheers and a tiger for him~!...« Aber der Lärm war so ungeheuer, daß
niemand einen Ton hörte.
Hierauf erschien eine Schrift auf der Leinwand: »Die fünfundzwanzig
Köpfe.« Allan, als er den Bau begann, Allan, wie er heute aussah. Ein
zweiter Orkan der Begeisterung brach los. Hobby, Strom, Harriman,
Bärmann, S. Woolf, der »fette Müller«, Lloyd. Dann begann der
eigentliche Film. Er begann mit dem Meeting auf dem Dachgarten des
»Atlantic«, dem »ersten Spatenstich«, er führte im Laufe der Nacht
mit Unterbrechungen durch alle Phasen des Baus, und so oft Allans
Bild erschien, erhob sich neuer, begeisterter Jubel. Der Riesenfilm
zeigte die Katastrophe, den Streik. Man sah wieder Mac Allan durch das
Megaphon zu dem Heer von Arbeitern sprechen (und der Phonograph brachte
Teile seiner Rede!), die Prozession der Tunnelmen, den großen Brand.
Alles.
Nach einer Stunde, um ein Uhr, erschien auf der Projektionsfläche ein
Telegramm: »Allan in den Tunnel eingefahren. Ungeheure Begeisterung der
Menge! Viele Menschen im Gedränge verletzt!«
Der Film ging weiter. Nur von halber zu halber Stunde wurde er durch
Telegramme unterbrochen: Allan passiert den hundertsten Kilometer --
-- den zweihundertsten -- Allan stoppt eine Minute. Ungeheure Wetten
wurden abgeschlossen. Niemand sah mehr auf den Film. Alles rechnete,
wettete, schrie! Würde Allan pünktlich in Bermuda eintreffen? Allans
erste Fahrt war zu einem Rennen geworden, zu einem Rennen eines
elektrischen Zuges und zu _nichts anderem_. Der Rekordteufel wütete! In
der ersten Stunde hatte Allan den Rekord für elektrische Züge gedrückt,
den bis dahin die Züge Berlin-Hamburg behaupteten. In der zweiten war
er den Weltrekorden der Flugmaschinen auf den Leib gerückt, in der
dritten hatte er sie geschlagen.
Um fünf Uhr erreichte die Spannung einen zweiten Höhepunkt.
Auf der Projektionsfläche erschien telekinematographisch übermittelt
die von greller Sonne durchflutete Bahnhofhalle der Bermudastation:
wimmelnd von Menschen und alle sehen gespannt in die gleiche Richtung.
Fünf Uhr zwölf taucht der graue Tunnelzug auf und fliegt herein. Allan
steigt aus, plaudert mit Strom, und Strom und Allan steigen wieder ein.
Fünf Minuten und der Zug fährt weiter. Ein Telegramm: »Allan erreicht
Bermuda mit zwei Minuten Verspätung.«
Ein Teil der Banketteilnehmer ging nun nach Hause, die meisten aber
blieben. Sie blieben über vierundzwanzig Stunden wach, um Allans
Fahrt zu verfolgen. Viele hatten auch Zimmer in den Hotels gemietet
und legten sich auf ein paar Stunden schlafen, mit dem Befehl, sie
augenblicklich zu wecken, »im Falle etwas passierte«. Über die Straßen
regneten schon die Extrablätter nieder. --
Allan war unterwegs.
Der Zug flog durch die Stollen, daß sie meilenweit vor und hinter
ihm dröhnten. Der Zug legte sich in den Kurven zur Seite wie eine
meisterhaft konstruierte Segeljacht: der Zug segelte. Der Zug stieg,
wenn es in die Höhe ging, gleichmäßig und ruhig wie eine Flugmaschine:
der Zug flog. Die Lichter im dunkeln Tunnel waren Risse in der
Dunkelheit, die Signallampen buntglitzernde Sterne, die sich in die
runden Bugfenster des sausenden Torpedoboots stürzten, die Lichter
der Stationen vorbeischwirrende Meteorschwärme. Die Tunnelmänner
(verschanzt hinter den eisernen Rolltüren der Stationen), feste
Burschen, die die große Oktoberkatastrophe trockenen Auges mitgemacht
hatten, weinten vor Freude, als sie »old Mac« vorüberfliegen sahen.
Lloyd ließ sich um acht Uhr wecken. Er nahm sein Bad, frühstückte und
rauchte eine Zigarre. Er lachte, denn hier gefiel es ihm. Endlich
war er ungestört, endlich war er fern von den Menschen und an einem
Ort, wohin niemand kommen konnte! Zuweilen promenierte er durch sein
lichterblitzendes Appartement, zwölf Gemächer, die die Maschine hinter
sich herschleppte und die von einer köstlichen, ozongesättigten Luft
erfüllt waren. Um neun Uhr telephonierte ihn Ethel an und er unterhielt
sich zehn Minuten mit ihr. (»~Don't smoke too much, Pa~!« sagte Ethel.)
Dann las er die Telegramme. Plötzlich hielt der Zug. Sie stoppten in
der großen Station im »heißen Stollen«. Lloyd sah durch ein Guckloch
und unterschied eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte Allan stand.
Lloyd dinierte, schlief und wieder hielt der Zug und die Fenster seines
Salons waren geöffnet: er sah durch eine Glaswand hindurch auf ein
blaues Meer hinaus und auf der andern Seite über eine unübersehbare
Menschenmenge, die begeistert schrie. Azora. Sein Diener berichtete
ihm, daß sie vierzig Minuten Verspätung hätten, da ein Ölbehälter leck
geworden sei.
Hierauf wurden die Fenster wieder geschlossen. Der Zug stürzte sich
in die Tiefe, und der alte, vertrocknete, kleine Lloyd begann vor
Vergnügen zu pfeifen, was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte.
Von Azora an führte Strom. Er schaltete den vollen Strom ein und der
Geschwindigkeitsmesser stieg auf zweihundertfünfundneunzig Kilometer
die Stunde. Die Ingenieure wurden unruhig, aber Strom, dem die Hitze
in den heißen Stollen wohl die Haare abfressen konnte aber nicht die
Nerven, ließ sich nicht ins Handwerk pfuschen.
»Es wäre eine Blamage, wenn wir zu spät kämen,« sagte er. Der Zug fuhr
so rasch, daß er stillzustehen schien; die Lichter schwirrten ihm wie
Funken entgegen.
Finisterra.
* * * * *
In New York wurde es wieder Nacht. Die Hotels füllten sich. Die
Begeisterung raste, als das Telegramm die ungeheure Speed meldete.
Würde man die Verspätung einholen oder nicht? Die Wetten stiegen ins
Unsinnige.
Die letzten fünfzig Kilometer führte Allan.
Er hatte vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber die Erregung
hielt ihn aufrecht. Bleich und erschöpft sah er aus, mehr nachdenklich
als freudig: viele Dinge gingen ihm durch den Kopf ...
In wenigen Minuten mußten sie ankommen und sie zählten Kilometer und
Sekunden. Die Signallampen fegten vorbei, der Zug stieg ...
Plötzlich blendete weißes, grausames Licht ihre Augen. Der Tag brach
herein. Allan stoppte ab.
Sie waren mit zwölf Minuten Verspätung in Europa eingetroffen.
_Ende_
_Werke
von
Bernhard Kellermann_