Ethel schüttelte den Kopf. »Nein, Dad, Allan liebt Musik nicht.«

Der braune Mumienschädel Lloyds wandte sich Allan zu. »Sie lieben Musik

nicht?«

»Ich habe kein Gehör dafür,« erwiderte Allan.

Lloyd nickte. »Wie sollten Sie auch?« begann er mit der bedächtigen

Wichtigkeit des Greises. »Sie haben zu _denken_ und brauchen keine

Musik. Bei mir war es früher genau so. Aber als ich älter wurde und

sich bei mir das Bedürfnis zu _träumen_ einstellte, da liebte ich sie

plötzlich. Musik ist nur für Kinder, Frauen und schwache Köpfe --«

»Pfui, Vater!« rief Ethel aus ihrem Schaukelstuhl.

»Ich genieße das Privilegium des Alters, Allan,« fuhr Lloyd schwatzhaft

fort. »Übrigens hat mich Ethel für die Musik erzogen -- meine kleine

Ethel, die nun dasitzt und über ihren Vater lacht!«

»Ist Papa nicht lieb?« warf Ethel ein und sah Allan an.

Dann -- nach einem kleinen, hitzigen Geplänkel zwischen Vater und

Tochter, wobei Lloyd jämmerlich geschlagen wurde -- begann Lloyd ganz

von selbst vom Tunnel zu sprechen.

»Wie geht es mit dem Tunnel, Allan?«

Aus all seinen Fragen war deutlich zu erkennen, daß Ethel mit dem Vater

vorher alles besprochen hatte und Lloyd es ihm leicht machen wollte,

»an ihn heranzutreten«.

»Die Deutschen wollen nun eine regelmäßige Luftschiffverbindung

einrichten,« sagte Lloyd. »Sie sollten sehen, daß es bald wieder

vorwärts geht, Allan!«

Der Augenblick war gekommen. Und Allan sagte klar und laut: »Geben Sie

mir Ihren Namen, Herr Lloyd, und ich beginne morgen!«

Darauf erwiderte Lloyd bedächtig: »Ich wollte Ihnen schon lange

Vorschläge machen, Allan. Ich dachte sogar daran, Ihnen ein Wort in

diesem Sinne zu schreiben, als Sie verreist waren. Ethel aber sagte

>Warte, bis Allan selbst zu dir kommt<. Sie erlaubte es nicht!«

Und Lloyd gluckste triumphierend, Ethel einen Hieb versetzt zu haben.

Unvermittelt aber zeigte sich in seinem Gesicht ein Ausdruck der

größten Bestürzung, denn Ethel schlug plötzlich empört mit der flachen

Hand auf die Lehne des Sessels, stand auf, bleich bis in die Mundwinkel

und rief mit blitzenden Augen: »Vater! Wie konntest du es wagen, so

etwas zu sagen!«

Sie warf die Schleppe herum und ging und schlug die Türe so heftig zu,

daß der Saal bebte.

Allan saß fahl und stumm: Lloyd hatte sie verraten!

Lloyd aber drehte bestürzt den Kopf hin und her.

»Was tat ich ihr denn?« stammelte er. »Es war ja nur ein Scherz! Es

war gar nicht so gemeint. Was sagte ich denn Schlimmes? O, wie böse

sie werden kann!« Er faßte sich und gab sich Mühe, wieder heiter und

zuversichtlich zu erscheinen. »Nun, sie wird ja wiederkommen,« sagte

er ruhiger. »Sie hat das beste Herz der Welt, Allan! Aber sie ist

unberechenbar und launisch, ganz wie ihre Mutter es war. Aber, sehen

Sie, nach einer Weile, da kommt sie dann zurück und kniet neben mir und

streichelt mich und sagt: >Verzeih, Pa, ich habe heute einen schlechten

Tag!<«

Ethels Stuhl schaukelte noch immer. Es war ganz still. Der unsichtbare

Springbrunnen rieselte und gluckste. Auf der Straße tuteten die

Automobile wie Dampfer im Nebel.

Lloyd blickte auf Allan, der schweigend dasaß, dann sah er nach der

Türe und lauschte. Nach einer Weile klingelte er dem Diener.

»Wo ist Miß Lloyd?« fragte er.

»Miß Lloyd ist auf ihre Zimmer gegangen!«

Lloyd senkte den Kopf. »Dann sehen wir sie heute nicht mehr, Allan,«

sagte er nach einer Weile leise und niedergeschlagen. »Dann sehe ich

sie auch morgen nicht! Und ein Tag ohne Ethel ist verloren für mich.

Ich habe nichts als Ethel!«

Lloyd schüttelte den kleinen, kahlen Kopf und konnte sich nicht

beruhigen. »Versprechen Sie mir morgen wiederzukommen, Allan, damit wir

Ethel besänftigen. Wer versteht so ein Mädchen? Wenn ich nur wüßte, was

ich Schlimmes getan habe?«

Lloyd sprach in traurigem Ton. Er war aufs tiefste niedergeschlagen.

Dann schwieg er und sah mit geneigtem Kopf vor sich hin. Er machte den

Eindruck eines unglücklichen, verzweifelten Menschen.

Nach einer Weile erhob sich Allan und bat Lloyd, ihn zu entschuldigen.

»Auch Ihnen ist die Laune verdorben durch meine Albernheit,« sagte

Lloyd und nickte und gab Allan die kleine Hand, die weich war wie die

eines Mädchens. »Sie hatte sich so gefreut, daß Sie kamen! Sie war in

so prächtiger Laune! Den ganzen Tag nannte sie mich Dad!«

Und Lloyd blieb allein in dem halbdunkeln Palmensaal sitzen, ganz

klein in dem großen Raum, und starrte vor sich hin. Er war ein alter,

verlassener Mann.

Unterdessen aber zerriß Ethel vor Zorn und Scham in ihrem Zimmer ein

halbes Dutzend Taschentücher und stieß unzusammenhängende Vorwürfe

gegen ihren Vater heraus. »Wie konnte Vater das sagen ... wie konnte er

nur ... was soll Allan jetzt von mir denken ...«

Allan hüllte sich in den Mantel und verließ das Haus. Auf der Straße

wartete Lloyds Automobil, aber er lehnte es ab. Er ging langsam die

Avenue hinab. Es schneite, der Schnee fiel in lautlosen, weichen

Flocken und Allans Schritt war unhörbar auf dem Schneeteppich.

Allan hatte ein bitteres, erstarrtes Lächeln auf den Lippen. Er hatte

verstanden! Sein Wesen war schlicht und offen und er dachte selten

über die Motive seiner Mitmenschen nach. Er hatte keine Leidenschaften

und so verstand er die Leidenschaften anderer nicht. Er war ohne

Raffinement und so vermutete er nicht Intrigen und Raffinement bei den

andern.

Er hatte nichts Besonderes darin gefunden, daß Ethel ihn in der

Tunnelstadt aufgesucht hatte. Sie hatte ja vor Jahren viel in seinem

Hause verkehrt und war mit ihm befreundet. Einen Freundschaftsdienst

hatte er darin erblickt, daß sie zu ihm kam und ihm verriet, daß Lloyd

zur Hilfe bereit sei. Nun aber durchschaute er Ethel plötzlich! Ihr

persönlich sollte er zu Dank verpflichtet sein! Er sollte den Eindruck

gewinnen, als ob sie, Ethel, ihren Vater zu großen finanziellen

Wagnissen überredet hätte. Mit einem Wort, von Ethel Lloyd sollte

es abhängen, ob er weiterbauen könne oder nicht -- aber Ethel Lloyd

stellte ihre Bedingungen! Er selbst war der Preis! Ethel wollte ihn!

Aber, bei Gott, Ethel kannte ihn nicht!

Allans Schritt wurde immer langsamer. Es war ihm, als versinke er in

Schnee, Nacht, Bitterkeit und Enttäuschung. Seine letzte Hoffnung war

Lloyd gewesen. Unter diesen Umständen aber war nicht daran zu denken!

Elend war seine letzte Hoffnung heute abend zugrunde gegangen ...

Am nächsten Morgen erhielt er ein Telegramm von Lloyd, worin ihn der

alte Mann dringend bat, zum Abendessen zu kommen. »Ich werde Ethel

bitten, mit uns zu speisen und ich bin sicher, sie wird nicht nein

sagen. Ich habe sie heute noch nicht gesehen,« telegraphierte Lloyd.

Allan depeschierte zurück, daß er diesen Abend unmöglich kommen könne,

da große Mengen Wassers im Nordstollen eingebrochen seien. Das war die

Wahrheit, aber seine Anwesenheit wäre keineswegs notwendig gewesen.

Tag um Tag war er in den toten Stollen und sein Herz hing an der

Finsternis da drinnen. Die Untätigkeit, zu der er gezwungen war, fraß

wie ein Gram in ihm.

Etwa acht Tage später, an einem klaren Wintertag, kam Ethel Lloyd nach

Mac City.

Sie kam in Allans Büro, gerade als er mit Strom konferierte. Sie

war ganz in schneeweißen Pelz gehüllt und sah frisch und strahlend

aus. »Hallo, Allan!« begann sie ohne Umschweife, als sei gar nichts

vorgefallen. »Wie reizend, daß ich Sie antreffe! Papa schickt mich, ich

soll Sie abholen!« Sie ignorierte Strom vollständig.

»Herr Strom!« sagte Allan, von Ethels Sicherheit und Ungeniertheit

verblüfft.

»Ich hatte schon die Ehre!« murmelte Strom, verbeugte sich und ging.

Ethel nahm nicht die geringste Notiz davon.

»Ja,« fuhr sie heiter fort, »ich komme um Sie mitzunehmen, Allan. Heute

abend konzertieren die Philharmoniker und Papa bittet Sie, mit uns ins

Konzert zu kommen. Mein Auto steht unten.«

Allan blickte ruhig in ihre Augen.

»Ich habe noch zu arbeiten, Fräulein Lloyd,« sagte er.

Ethel prüfte seinen Blick und tat betrübt.

»Mein Gott, Allan,« rief sie aus, »ich sehe, Sie zürnen mir noch wegen

neulich! Ich war gewiß unartig, aber hören Sie, war es denn nett von

Pa, so etwas zu sagen? Ganz als ob ich gegen Sie intrigierte? -- Nun,

Pa sagte, ich solle Sie unbedingt heute mitbringen. Wenn Sie noch zu

tun haben, kann ich ja warten. Das Wetter ist herrlich und ich fahre

unterdessen spazieren. Aber ich darf doch auf Sie rechnen? Ich werde Pa

sofort telephonieren ...«

Allan wollte absagen. Aber als er in Ethels Augen blickte, wußte

er, daß diese Absage ihren Stolz tödlich verletzen würde und damit

seine Hoffnungen für immer begraben wären. Aber auch zu einer Zusage

konnte er sich nicht entschließen und so antwortete er ausweichend:

»Vielleicht, ich kann das jetzt noch nicht sagen.«

»Bis sechs Uhr aber können Sie sich wohl entscheiden?« fragte Ethel

freundlich und bescheiden.

»Ich denke. Aber ich glaube nicht, daß es mir möglich sein wird.«

»Adieu, Allan!« rief Ethel heiter. »Ich werde um sechs anfragen und ich

hoffe, Glück zu haben.«

Punkt sechs stand Ethel wieder vor dem Hause.

Allan bedauerte und Ethel fuhr ab.

3.

Allan hatte die Brücken hinter sich abgebrochen.

Trotz der Hoffnungslosigkeit der Situation entschloß er sich aber,

noch einen letzten Versuch zu machen. Er wandte sich an die Regierung,

was er schon früher, ohne Erfolg, getan hatte. Er blieb drei Wochen

in Washington und war Gast des Präsidenten. Der Präsident gab ihm ein

Diner und man erwies ihm Achtung und Respekt wie einem abgesetzten

Monarchen. Allein an eine Beteiligung am Tunnel konnte die Regierung

vorläufig nicht denken.

Hierauf versuchte es Allan ein letztes Mal mit den Banken und

den Finanzgroßmächten. Gleich erfolglos. Einzelne Banken und

Großkapitalisten gaben ihm aber zu verstehen, daß sie sich eventuell

beteiligen würden, wenn Lloyd vorangehe. So kam Allan wiederum zu Lloyd

zurück.

Lloyd nahm ihn sehr freundlich auf. Er empfing ihn in seinem stillen

Arbeitszimmer. Er sprach mit ihm über die Börse und den Weltmarkt,

schilderte ihm haarklein das Petroleum, den Stahl, Zucker, die

Baumwolle und die Frachtsätze. Eine unerhörte Baisse nach einer

unerhörten Hausse. Die Welt war immer noch um zehn Jahre in ihrer

wirtschaftlichen Entwicklung zurück, so verzweifelt sie auch aufzuholen

versuchte.

Sobald es Allan möglich war, Lloyd zu unterbrechen, ging er geradeswegs

auf sein Ziel los. Er schilderte ihm die Haltung der Regierung und

Lloyd lauschte mit geneigtem Kopf.

»Das ist alles richtig! Man hat Ihnen nichts vorgeflunkert, Allan. Sie

können ja schließlich noch drei bis fünf Jahre warten.«

Allans Gesicht zuckte. »Ich kann das unmöglich!« rief er. »Drei bis

fünf Jahre! Ich habe meine Hoffnung auf Sie gesetzt, Herr Lloyd!«

Lloyd wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Es geht nicht!« sagte

er dann bestimmt und preßte die Lippen zusammen.

Sie schwiegen. Es war zu Ende.

Als Allan sich aber verabschieden wollte, bat ihn Lloyd, zum Diner zu

bleiben. Allan war unentschlossen -- aber es war ihm nicht möglich,

Lloyd jetzt zu verlassen. Trotzdem es vollkommen unsinnig war, log er

sich noch immer eine leise Hoffnung vor.

»Ethel wird vor Überraschung sprachlos sein! Sie ahnt ja nicht, daß Sie

hier sind!«

»Ethel -- Ethel ...« Nun, da Lloyd einmal den Namen seines Abgotts

genannt hatte, konnte er von nichts anderem mehr sprechen. Er schüttete

Allan sein Herz aus.

»Denken Sie,« sagte er, »Ethel war vierzehn Tage mit der Jacht fort,

gerade als das Wetter so schlecht war. Nun hatte ich den Telegraphisten

bestochen -- ja, bestochen, denn so muß ich es bei Ethel machen --

aber er telegraphierte nicht. Ethel hatte mich durchschaut. Sie ist in

schlechter Laune und wir haben uns wieder gezankt. Jeder Tag aber, da

ich Ethel nicht sehe, ist für mich eine Qual. Ich sitze und warte auf

sie. Ich bin ein alter Mann, Allan, und habe nichts als meine Tochter!«

Ethel war äußerst verwundert, als sie Allan plötzlich eintreten sah.

Sie runzelte die Stirn, aber dann ging sie ihm rasch entgegen und gab

ihm erfreut die Hand, während sie leicht errötete.

»Sie sind hier, Allan! Wie schön! -- Ich war nicht gut zu sprechen auf

Sie -- viele Wochen lang, das muß ich Ihnen sagen, wenn ich ehrlich

sein soll.«

Lloyd kicherte. Er wußte, daß Ethel nun wieder besser gelaunt sein

würde.

»Ich konnte damals nicht mit ins Konzert kommen.«

»Allan, Sie lügen doch nicht? Höre doch, Pa, wie Allan lügt. Er wollte

nicht! Sie wollten nicht, Allan. Sagen Sie es offen.«

»Nun -- ich wollte nicht.«

Lloyd machte ein erschrockenes Gesicht. Er fürchtete ein Ungewitter.

Ethel konnte einen Teller zerschlagen und aus dem Zimmer laufen. Er war

erstaunt, als Ethel nur lachte.

»Siehst du, Pa, so ist Allan! Er sagt stets die Wahrheit.«

Und Ethel war den ganzen Abend fröhlich und liebenswürdig.

»Hören Sie aber nun, Allan, mein Freund!« sagte sie, als sie sich

trennten. »Ein zweites Mal dürfen Sie nicht so häßlich zu mir sein --

ich würde es Ihnen nicht mehr verzeihen.«

»Ich werde mir alle Mühe geben!« antwortete Allan scherzhaft.

Ethel sah ihn an. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel ihr nicht. Aber

sie verriet sich nicht und sagte lächelnd: »Nun, ich werde sehen.«

Allan stieg in Lloyds Wagen und hüllte sich in den Mantel. Er sann vor

sich hin und sagte: »Der alte Lloyd wird _nichts_ ohne sie tun -- und

_alles_ für sie.«

Einige Abende später betrat Allan mit Ethel die Loge Lloyds im

Madison-Square-Palast.

Sie traten während des Konzerts ein und ihr Eintreten erregte solch

großes Aufsehen, daß die Egmont-Ouvertüre fast vollkommen verloren

ging.

»Ethel Lloyd und -- Mac Allan!!«

Ethels Robe repräsentierte ein Vermögen. Sie hatte die Phantasie der

drei ersten Bekleidungskünstler New Yorks angepeitscht. Die Robe war

ein Gewebe aus Silberstickerei und Hermelin und brachte ihren Hals und

Nacken herrlich zur Geltung. Im Haar trug sie einen Schopf Reiherfedern

an einer sprühenden Brillantagraffe.

Sie waren allein. Denn Ethel hatte es fertiggebracht, Lloyd, der schon

fürs Konzert angekleidet war, im letzten Augenblick zu bestimmen, zu

Hause zu bleiben, da er nicht wohl aussähe. Sie hatte ihn ~»my dear

little dad and pa«~ genannt, ~»my honey-father«~, so daß Lloyd in

seiner Affenliebe überglücklich war, drei Stunden im Sessel auf seine

Tochter zu warten.

Ethel wollte, daß man sie allein mit Allan sah, und sie wollte, daß die

Loge erleuchtet war. In der Pause richteten sich alle Gläser auf die

Loge und Stimmen wurden laut: »Mac Allan! -- Mac Allan!«

Allans Glanz kam in dem Augenblick zurück, da er sich an der Seite

einer Milliardärin zeigte. Er zog sich beschämt tiefer in die Loge

zurück.

Ethel aber wandte sich an ihn mit einem intimen Lächeln, das nicht

mißzuverstehen war, und dann beugte sie sich über die Brüstung und

zeigte ihre schönen Zähne und ihr schönes Lächeln und kassierte den

Triumph ein.

Allan überstand diese Szene nur mit Anspannung all seiner Kräfte. Er

dachte an jenen Abend, da er mit Maud in der Loge gegenüber saß und

darauf wartete, daß Lloyd ihn zu sich rief. Er erinnerte sich deutlich

an Mauds transparentes rosiges Ohr und ihre vor Erregung geröteten

Wangen, an den verträumten Blick, mit dem sie vor sich hinsah. Und

ebenso deutlich erinnerte er sich an die Stimme Ethels, als sie ihm zum

erstenmal die Hand reichte und sagte: »~How do you do, Mr. Allen?~« Er

fragte sich in Gedanken: Würdest du wünschen, daß Lloyd damals nicht

gekommen wäre, daß man den Tunnel niemals begonnen hätte? -- Und er

entsetzte sich über sich selbst, als sein Inneres antwortete: Nein! --

Selbst für Maud und Edith würde er nicht sein Werk hingeben.

Schon am nächsten Tage stiegen die Tunnelpapiere um sieben Prozent!

Eine unverschämte Zeitung brachte am Morgen die Notiz, daß Ethel Lloyd

sich im nächsten Monat mit Mac Allan verloben würde.

Am Mittag brachte eine andere Zeitung Ethels Dementi.

Miß Lloyd erklärte: »Der Mann, der diese Nachricht verbreitete, ist der

größte Lügner der Welt. Ich bin eine gute Freundin Mac Allans. Das ist

die Wahrheit, und ich bin stolz darauf.«

Aber die Zeitungsschreiber lagen im Hinterhalt. Nach einigen Wochen

ging die mit durchsichtigen Anspielungen gespickte Notiz durch die

Blätter, daß Mac Allan wieder nach New York übergesiedelt sei.

Das entsprach der Wahrheit, hatte aber nicht das geringste mit Allans

Beziehungen zu Ethel Lloyd zu tun. Allan richtete sich im Gebäude der

Tunnelstation Hoboken ein. Dieses Gebäude war noch im Bau und wurde

nach Hobbys Entwürfen ausgeführt. Es bestand aus einem Mittelbau von

dreißig Stockwerken bei einer Front von fünfzig Fenstern, den zu

beiden Seiten zehn Fenster breite Türme von fünfundzwanzig Stockwerken

flankierten. Mittelbau und Türme ruhten auf kolossalen Bogen, die

direkt in die Bahnhofhalle führten. Die Türme waren mit dem breiten

Mittelbau durch zwei Brückenpaare verbunden. Zur Abwechslung sollte das

Gebäude Säulen auf den Dächern tragen, lustige Dachgärten-Arkaden.

Das Gebäude war bis zum sechsten Stockwerk fertig -- und oben das

dreißigste und neunundzwanzigste. Dazwischen ragte das wirre

Gitterwerk der Eisenkonstruktion, in dem am Tage winzige Menschen

kletterten und hämmerten.

Allan bewohnte das erste Stockwerk, direkt über dem großen Mittelbogen

der Halle. Er hatte seinen Arbeitsraum in den großen Restaurationssaal

verlegt, der einen herrlichen Ausblick auf den Hudson und die

Wasserfront New Yorks gewährte.

Ethel hatte es sich nicht nehmen lassen, einiges zur Ausschmückung des

ungastlichen Riesensaales beizutragen, dessen bloßer Anblick einen

Menschen melancholisch machen mußte. Sie hatte Wagenladungen von

Zimmerpflanzen aus ihren Treibhäusern in Massachusetts kommen lassen.

Sie hatte persönlich Ballen von Teppichen im Auto herübergebracht.

Das Aussehen Allans mißfiel ihr. Seine Hautfarbe war fahl und ungesund.

Er ergraute rasch. Er schlief schlecht und aß wenig.

Ethel schickte ihm einen Koch ihres Vaters, einen französischen

Künstler, der aus dem Aussehen eines Menschen auf den Speisezettel

schließen konnte, der ihm zusagte. Sie erklärte ferner, daß ihm nichts

mehr nötig sei als frische Luft, da die Stollen sein Blut vergiftet

hätten. Ohne viele Worte zu machen, erschien sie jeden Tag Punkt sechs

Uhr mit ihrem elfenbeingelben Car und fuhr Allan genau eine Stunde

spazieren. Allan ließ sie gewähren. Sie wechselten auf der Spazierfahrt

zuweilen kein Wort.

Das Gerücht von der baldigen Verlobung tauchte wieder und wieder in

den Zeitungen auf. Die Folge davon war, daß die Papiere des Syndikats

zu steigen begannen. (Lloyd hatte in aller Stille für zehn Millionen

Dollar aufkaufen lassen, als man die Aktien nahezu umsonst bekam, und

verdiente jetzt schon ein Vermögen!)

Die Papiere der schweren Industrie zogen an. In allen Dingen -- den

kleinsten -- zeigte sich eine Besserung. Der bloße Umstand, daß Ethels

Car jeden Tag um sechs Uhr vor Hoboken-Station stand, beeinflußte die

_Weltbörse_.

Allan war der Komödie, die ihn peinigte und beschämte, überdrüssig und

beschloß zu handeln.

Bei einer Spazierfahrt machte er Ethel einen Antrag.

Ethel aber lachte belustigt und sah Allan mit großen, erstaunten Augen

an. »Sprechen Sie keinen Unsinn, Allan!« rief sie aus.

Allan stand auf und klopfte dem Chauffeur. Er war totenbleich.

»Was wollen Sie, Allan?« fragte Ethel erschrocken und ungläubig und

wurde rot. »Wir sind dreißig Meilen von New York!«

»Das ist ganz einerlei!« antwortete Allan brüsk und stieg aus. Er ging

ohne jeden Gruß.

Allan wanderte ein paar Stunden durch Felder und Wälder, knirschend

vor Grimm und Beschämung. Es war aus mit dieser Intrigantin! Aus! Nie

mehr, nie mehr in seinem Leben würde sie sein Gesicht sehen! Der Teufel

mochte sie holen ...

Schließlich stieß er auf eine Bahnstation und fuhr nach Hoboken zurück.

Mitten in der Nacht kam er an. Er bestellte sofort sein Auto und begab

sich nach Mac City.

Tagelang lebte er im Tunnel. Er wollte weder Menschen noch das Licht

sehen.

4.

Ethel Lloyd machte einen Trip mit ihrer Jacht und blieb acht Tage auf

See. Sie hatte Vanderstyfft eingeladen und quälte ihn, daß er nahezu

über Bord ging und heilige Eide leistete, Ethels Wege fortan nicht mehr

zu kreuzen.

Nach New York zurückgekehrt, fuhr sie noch am gleichen Tage bei der

Hoboken-Station vor und erkundigte sich nach Allan. Man sagte ihr, daß

er im Tunnel arbeite. Augenblicklich jagte Ethel eine Depesche nach Mac

City. Sie bat Allan, ihr zu verzeihen. Sein Antrag habe sie überrascht

und sie habe in ihrer Hilflosigkeit eine große Dummheit begangen. Sie

bitte ihn, morgen abend zum Diner zu kommen. Sie erwarte nicht einmal

Antwort und daraus möge er ersehen, daß sie bestimmt auf ihn rechne.

Allan kämpfte nochmals den schweren Kampf. Er erhielt Ethels Telegramm

im Tunnel. Er las es im Lichte einer verstaubten Glühlampe. Ein Dutzend

solcher Lampen sah er aus der Finsternis des Stollens glimmen, nichts

sonst. Er dachte an die toten Stollen. Er sah sie! Die amerikanischen,

europäischen und ozeanischen. Er sah all die tausend Maschinen, die

nutzlos liefen. Er sah die entmutigten Ingenieure in den einsamen

Stationen, erschöpft von der Monotonie der Beschäftigung. Viele

Hunderte hatten ihn schon verlassen, weil sie die einförmige Arbeit

nicht mehr ertrugen. Seine Augen brannten. Während er Ethels Depesche

zusammenfaltete, begann es plötzlich in seinen Ohren zu brausen.

Er hörte die Züge durch die Stollen donnern, die Tunneltrains, die

triumphierend von Amerika nach Europa fegten. Sie klirrten und

rauschten in seinem Gehirn und berauschten ihn mit ihrem rasenden

Takt ...

Ethel empfing ihn mit scherzhaften Vorwürfen: Er müsse doch wissen, daß

sie ein verzogener, launischer Fratz sei! -- Von diesem Tage an stand

ihr Car wieder Punkt sechs Uhr vor der Tunnelstation. Ethel änderte

nunmehr ihre Taktik. Sie hatte Allan vorher mit Aufmerksamkeiten

überschüttet. Das unterließ sie fortan. Dagegen verstand sie es, Allan

zur Erfüllung _ihrer_ kleinen Wünsche zu bewegen.

Der Tunnel: Roman · 第 35 / 42 题