Renée zeigte mit keiner Miene Freude darüber, daß er zurückgekehrt
war. Sie schmollte. Sie tat tödlich gelangweilt, sie tat unglücklich.
So sehr war sie mit ihrem hochmütigen, verzogenen und eigensinnigen
Persönchen beschäftigt, daß ihr seine Verstörtheit gar nicht auffiel.
Über diesen Grad von weiblichem Egoismus mußte Woolf laut auflachen.
Und dieses Lachen, das mit sehr viel Verzweiflung gemischt war, brachte
ihn auf den Ton zurück, in dem er mit Renée zu verkehren pflegte. Er
sprach Französisch mit ihr. Die Sprache schien einen andern Menschen
aus ihm zu machen. Auf Sekunden -- auf ganz kurze Sekunden -- vergaß er
zuweilen ganz, daß er ein toter Mann war. Er scherzte mit Renée, nannte
sie sein kleines verzogenes Kind, sein böses Püppchen, sein Kleinod
und Spielzeug und gab ihr mit seinen feuchten kalten Lippen einen Kuß
auf den schönen, schwellenden Mund. Renée war eine außerordentliche
Schönheit, eine rotblonde Nordfranzösin aus Lille, die er im vorigen
Jahr aus Paris importiert hatte. Er log ihr vor, daß er ihr ein Wunder
von einem Schal und die prächtigsten Federn aus Paris mitgebracht habe,
und ein Lichtschein glitt über Renées Mienen. Sie befahl den Tisch zu
decken und schwatzte von all ihren Sorgen und Launen.
Oh, sie haßte dieses New York, sie haßte dieses Volk von Amerikanern,
die eine Dame mit äußerster Rücksicht und äußerster Gleichgültigkeit
behandelten. Sie haßte es, auf »ihrer Etage zu sitzen« und zu warten.
~Oh, mon dieu, oui~, sie wäre viel lieber eine kleine Modistin in Paris
geblieben ...
»Vielleicht kannst du bald zurückkehren, Renée,« sagte Woolf mit einem
Lächeln, das unter Renées niedriger Stirn weiterarbeitete.
Bei Tisch vermochte er keinen Bissen über die Lippen zu bringen, aber
er trank große Mengen Burgunder. Er trank und trank, wurde heiß im
Kopf, aber nicht betrunken.
»Wir wollen Musik und Tänzer bestellen, Renée,« sagte er. Renée
telephonierte an ein ungarisches Restaurant im Judenviertel und nach
einer halben Stunde waren die Tänzer und Musiker da.
Der Primas der Kapelle kannte Woolfs Geschmack und hatte ein junges
schönes Mädchen, das direkt aus der ungarischen Provinz kam,
mitgebracht. Das Mädchen hieß Juliska und sang ein kleines Volkslied,
so leise, daß man sie kaum hörte.
Woolf versprach der Truppe hundert Dollar unter der Bedingung, daß auch
keine Sekunde Pause entstehe. Ohne Unterbrechung wechselten Musik,
Gesänge und Tänze ab. Woolf lag wie eine Leiche im Sessel, nur seine
Augen glänzten. Er schlürfte immerzu Rotwein und wurde doch nicht
trunken. Renée kauerte mit angezogenen Beinen in einem Fauteuil, in
einen prächtigen zinnoberroten Schal eingewickelt, die grünen Augen
halb geschlossen, wie ein roter Panther. Sie sah immer noch gelangweilt
aus. Gerade ihre beispiellose Indolenz hatte ihn gereizt. Kam man ihr
nahe, so wurde sie bösartig wie eine Idiotin, bis endlich die Hölle aus
ihr loderte.
Die schöne junge Ungarin, die der smarte Primas mitgebracht hatte,
gefiel S. Woolf. Er richtete häufig seinen Blick auf sie, aber sie
wich scheu mit den Augen aus. Darauf winkte er den Primas heran und
flüsterte mit ihm. Eine Weile später verschwand Juliska.
Punkt elf Uhr verließ er Renée. Er schenkte ihr einen seiner
Brillantringe. Renée liebkoste mit ihren Lippen sein Ohr und fragte ihn
flüsternd, weshalb er nicht bleibe. Er gebrauchte seine alte Ausrede,
er habe zu arbeiten, und Renée runzelte die Stirn und verzog das
Mündchen.
Juliska wartete bereits in Woolfs Wohnung. Sie zitterte, als er sie
berührte. Ihr Haar war braun und weich. Er goß ihr ein Glas Wein
ein und sie nippte gehorsam daran und sagte sklavisch: »Auf Ihre
Gesundheit, Herr!« Dann sang sie auf seinen Wunsch ihr kleines
melancholisches Volkslied, wiederum so leise, daß man sie kaum hörte.
~Két lánya volt a falunak~ -- sang sie -- ~két virága; mind a kettö úgy
vágyott a boldogsagra~ ...
Zwei Mädchen hatte das Dorf, zwei Blumen. Beide sehnten sich nach dem
Glück; die eine führte man zum Traualtar, die andere brachte man zum
Friedhof.
Hundertmal in seiner Jugend hatte S. Woolf das Lied gehört. Aber
heute drückte es ihn nieder. Seine ganze Hoffnungslosigkeit hörte er
daraus. Er saß da und trank und bekam Tränen in die Augen. Er weinte
aus Mitleid mit sich selbst und die Tränen liefen langsam über seine
wächsernen, schwammigen Wangen.
Nach einer Weile schnaubte er sich die Nase und sagte weich und leise:
»Das hast du gut gemacht. Was kannst du sonst, Juliska?«
Sie sah ihn mit traurigen, braunen Augen an, die an die Augen eines
Lamas erinnerten. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts, Herr,« flüsterte
sie verzagt.
Woolf lachte nervös. »Das ist nicht viel!« sagte er. »Höre, Juliska,
ich will dir tausend Dollar geben, aber du mußt tun, was ich dir sage?«
»Ja, Herr,« antwortete Juliska ergeben und ängstlich.
»So kleide dich aus. Geh ins Zimmer nebenan.«