An diesem Abend sprach Allan mit Erfolg in der Versammlung der
Gewerkschafts-Delegierten.
An diesem Abend erschoß sich Rasmussen.
Allan erbleichte, als er es erfuhr. Er rief augenblicklich S. Woolf
zurück und ordnete sofort eine geheime Revision an. Der Telegraph
spielte Tag und Nacht. Die Revision stieß auf ein unentwirrbares
Chaos. Es zeigte sich, daß Veruntreuungen, deren Höhe sich im Moment
nicht feststellen ließ, durch falsche Buchungen und raffinierte
Manipulationen vertuscht worden waren. Ob Rasmussen oder S. Woolf
oder andere dafür verantwortlich waren, ließ sich nicht sofort
erkennen. Ferner fand es sich, daß S. Woolfs letztjährige Bilanz eine
Verschleierung war und der Reservefonds ein Minus von sechs bis sieben
Millionen Dollar aufwies.
7.
S. Woolf fuhr über den Ozean, ohne den leisesten Verdacht zu haben, daß
ihn zwei Detektive begleiteten.
Er war zur Überzeugung gekommen, daß es das beste war, Allan von den
Verlusten in Kenntnis zu setzen. Allein er fügte hinzu, daß sich
diese Verluste durch andere gewinnverheißende Transaktionen bis auf
eine Lappalie ausgleichen dürften. Danach fühlte er sich freier. Als
er funkentelegraphisch von Rasmussens Selbstmord hörte, überkam ihn
das Grauen. Er jagte eine Depesche hinter der anderen nach New York.
Er erklärte, daß er für Rasmussen einstehe und sofort eine Revision
anbahnen werde. Allan antwortete, er solle nicht weiter telegraphieren,
sondern ihn augenblicklich nach seiner Ankunft in New York aufsuchen.
S. Woolf ahnte nicht, daß das Messer für ihn schon bereit lag. Er
hoffte immer noch, die Revision persönlich leiten zu können und
einen Ausweg zu finden. Vielleicht war der tote Rasmussen sogar
seine Rettung! Er war, um sich aufs Trockene zu schwingen, zu allem
entschlossen -- wenn es sein müßte, zu einer Schurkerei. Und was er an
dem toten Rasmussen sündigte, das konnte er ja an der hinterbliebenen
Familie wieder gutmachen.
Der Dampfer hatte in Hoboken kaum festgemacht, als Woolf schon in
seinem Car saß und nach Wallstreet fuhr. Er ließ sich sofort bei Allan
anmelden.
Allan ließ ihn warten, fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde.
Woolf war befremdet. Und mit jeder Minute sank sein Mut, mit dem
er sich bis zum Hals vollgepumpt hatte. Als ihn Allan endlich
eintreten ließ, verbarg er seine erschütterte Sicherheit hinter einem
asthmatischen Schnaufen, das sich bei ihm ganz natürlich anhörte.
Den steifen Hut im Nacken, die Zigarre im Mund, trat er ein und begann
schon unter der Tür zu reden. »Sie lassen Ihre Leute warten, Herr
Allan, das muß ich sagen!« rasselte er vorwurfsvoll, mit einem fetten
Lachen, und nahm den Hut ab, um sich die Stirn zu trocknen. »Wie geht
es Ihnen?«
Allan erhob sich. »Da sind Sie ja, Woolf!« sagte er ruhig, ohne einen
verräterischen Klang in der Stimme, und suchte mit den Blicken etwas
auf seinem Arbeitstisch.
Der Ton Allans ermutigte Woolf wieder, er sah wieder Licht, aber
es fuhr ihm plötzlich wie ein eiskaltes Messer am Rücken entlang,
daß Allan ihn nur »Woolf« und nicht »Mr. Woolf« nannte. Diese
Vertraulichkeit war einst einer seiner intimen Wünsche gewesen, nun
aber schien sie ihm kein gutes Anzeichen zu sein.
Er warf sich ächzend in einen Sessel, biß eine neue Zigarre ab, daß
seine Zähne klappten, und setzte sie in Brand.
»Was sagen Sie zu Rasmussen, Herr Allan?« begann er, nach Atem ringend
und schwenkte das Streichholz, bis es erlosch, und warf es auf den
Boden. »Ein solch außerordentlich begabter Mensch! Schade um ihn! Er
hätte uns eine hübsche Sache zusammenmischen können, bei Gott! Wie ich
schon telegraphierte, ich stehe für Rasmussen ein!«
Er brach ab, denn Allans Blick hatte ihn getroffen. Dieser Blick war
kühl, nichts sonst. Er war so bar aller menschlichen Anteilnahme,
alles menschlichen Interesses, daß er beleidigend wirkte und S. Woolf
augenblicklich den Mund verschloß.
»Rasmussen ist ein Kapitel für sich,« entgegnete Allan in
geschäftsmäßigem Ton und nahm einen Stoß Telegramme vom Tisch, »wir
wollen keine Umwege machen und von Ihnen reden, Woolf!«
Um Woolfs Ohren pfiff ein eisiger Wind.
Er beugte sich vor, plusterte mit den Lippen und nickte, wie ein
Mensch, der einen Tadel entgegennimmt und seine Blamage zugibt. Dann
holte er einen tiefen Atemzug aus der Brust hervor und sagte mit einem
ernsten, glühenden Blick: »Ich habe Ihnen schon telegraphiert, Herr
Allan, daß ich diesmal keine glückliche Hand hatte. Die Baumwolle
verkaufte ich eine Woche zu früh, weil ich mich von meinem Liverpooler
Agenten, diesem Idioten, ins Bockshorn jagen ließ. Das Zinn zu spät.
Ich bedaure die Verluste, aber sie lassen sich wieder gutmachen.
Es ist kein Vergnügen, zugeben zu müssen, daß man Dreck im Kopfe
hatte, glauben Sie mir das!« schloß er und richtete sich ächzend im
Sessel auf und lachte leise. Aber das Lachen, das selbstanklagend und
nachsichtheischend klingen sollte, gelang ihm nicht recht.
Allan machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe. Er kochte
innerlich vor Wut und Empörung. Vielleicht hatte er nie einen Menschen
mehr gehaßt als diesen haarigen, fremdrassigen Asthmatiker in diesem
Augenblick. Nun, nach einem Jahre -- einem elendiglich verlorenen Jahre
-- da er mit äußerster Anstrengung alles wieder auf solide Geleise
gesetzt hatte, mußte dieser verbrecherische Börsenjobber ihm von
neuem alles über den Haufen werfen! Er hatte keinen Grund, ihn sanft
anzupacken, und so machte er seinen Mann schonungslos und rasch nieder.
»Darum handelt es sich nicht,« entgegnete er ruhig wie vorhin und nur
seine Nasenflügel blähten sich auf. »Das Syndikat wird keine Minute
zögern, Sie zu decken, wenn Sie im Dienste der Gesellschaft Verluste
erleiden. Aber --« und Allan ließ den Arbeitstisch los, an dem er
lehnte und stand aufrecht und sah Woolf mit Augen an, die nichts waren
als Pupille und beherrschte Mordgier -- »Ihre vorjährige Bilanz war
Humbug, mein Herr! Humbug! Sie haben auf eigene Rechnung spekuliert und
sieben Millionen Dollar unterschlagen!«
S. Woolf sank wie ein Baum. Er wurde grau wie Erde. Seine Züge
vermoderten. Er griff mit der fleischigen Hand an sein Herz und fiel,
nach Luft schnappend, zurück. Sein Mund stand fassungslos und läppisch
offen und seine blutunterlaufenen Augen quollen aus dem Kopf.
Allan wechselte die Farbe; er wurde blaß und rot vor Anstrengung, sich
zu beherrschen. Dann fügte er mit der gleichen Ruhe und Kälte hinzu:
»Sie können ja selbst nachsehen!« Und er warf den Stoß von Telegrammen
nachlässig vor Woolfs Füße, daß sie über den Boden flatterten.
S. Woolf lag noch immer nach Luft ringend im Sessel. Der Boden sank
unter ihm, seine Füße wurden zu Wolken, sein rasselnder Atem klang ihm
in den eigenen Ohren wie das Brausen eines Wasserfalls. Er war so
überrumpelt, so betäubt von diesem turmhohen Sturze, daß er für die
Beleidigung, die in dem nachlässigen Hinwerfen der Telegramme lag, gar
keine Empfindung hatte. Die grauen Lider senkten sich wie Deckel über
seine Augen. Er sah nichts. Er sah Nacht, kreisende Nacht, dachte, er
würde sterben, flehte den Tod herbei ... und dann erwachte er wieder
und fing an zu begreifen, daß es keine Lüge mehr gab, die ihn aufs
Trockene trug.
»Allan --?« stammelte er.
Allan schwieg.
S. Woolf tauchte wieder in den Strudel hinab, keuchte wieder empor
und schlug endlich die Augen auf, eingesunkene Augen, verfault wie
bei Fischen, die lange liegen. Dann setzte er sich keuchend aufrecht.
»Unsere Lage war verzweifelt, Allan,« stammelte er und seine Brust warf
sich stoßweise vor Luftmangel, »ich wollte Geld schaffen -- Geld um
jeden Preis --!«
Allan fuhr empört auf. Das Recht der Lüge hat jeder Verzweifelnde.
Aber er hatte kein Mitleid mit diesem Mann, er empfand nichts für
ihn, _nichts_, nichts als Haß und Wut. Er wollte kurzen Prozeß mit
ihm machen und dann fort mit ihm! Seine Lippen waren schneeweiß vor
Erregung, als er entgegnete: »Sie hatten bei der Budapester Bank
eineinhalb Millionen auf den Namen Wolfsohn deponiert, in Petersburg
eine Million und vorübergehend in London und an belgischen Banken zwei
bis drei Millionen. Sie haben Geschäfte auf eigene Rechnung gemacht und
sich zuletzt das Genick gebrochen. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend
um sechs Uhr. Keine Minute früher und keine Minute später lasse ich Sie
verhaften.«
Woolf erhob sich taumelnd, leichengelb, um in einem instinktiven
Verteidigungsdrang auf Allan einzuschlagen. Aber er konnte keine
Hand heben. Er war am ganzen Körper lahm und zitterte schrecklich.
Plötzlich kehrte ihm für Sekunden ganz klar das Bewußtsein zurück. Er
stand schwer atmend, das fahle Gesicht mit Schweißtropfen punktiert,
und starrte zu Boden. Sein Auge nahm mechanisch die Namen einer Anzahl
europäischer Banken auf, die auf den Depeschen da unten standen. Sollte
er Allan sagen, weshalb er sich auf diese Spekulationen einließ?
Sollte er ihm seine Motive auseinandersetzen? Daß es ihm keineswegs
um _Geld_ zu tun gewesen war? Aber Allan war zu einfältig, zu simpel,
um zu begreifen, wieso ein Mensch nach _Macht_ verlangen konnte --
er, der die Macht besaß, ohne je nach ihr gestrebt zu haben, ohne
es zu wissen, ohne es zu wollen, der sie ganz einfach hatte! Dieser
Maschinenkonstrukteur hatte nur drei Gedanken im Kopf und nie über
die Welt nachgedacht und verstand nichts. Ja, und selbst wenn er ihn
verstand, selbst wenn, so würde er gegen eine Granitmauer rennen,
gegen die Mauer des bürgerlichen, hanebüchenen Ehrlichkeitsbegriffes,
der im kleinen berechtigt ist, aber im großen Dummheit, gegen diesen
Begriff würde er rennen und nicht durchkommen. Allan würde ihn nicht
weniger verachten und verdammen. Allan! Ja, wirklich derselbe Allan,
der fünftausend Menschen auf dem Gewissen hatte, Allan, der dem Volk
Milliarden aus der Tasche nahm, ohne sicher zu sein, ob er je seine
Versprechungen einlösen konnte. Auch Allans Stunde würde noch kommen,
er prophezeite sie ihm! Dieser Mann aber richtete ihn heute und glaubte
ein Recht dazu zu haben! S. Woolfs Kopf arbeitete verzweifelt. Einen
Ausweg! Rettung! Eine Möglichkeit! Er erinnerte sich an Allans bekannte
Gutmütigkeit. Warum packte er ihn mit Haifischzähnen an? Gutmütigkeit
und Barmherzigkeit waren verschiedene Dinge.
So tief dachte dieser verzweifelte Mensch, daß er sekundenlang alles
ringsum vergaß. Er hörte nicht, daß Allan seinen Diener rief und ihm
befahl, ein Glas Wasser zu bringen, da Herr Woolf sich nicht wohl
fühle. Und je länger er dachte, desto leichenfarbener und fahler wurde
er.
Er erwachte erst, als ihn jemand am Arm zupfte und eine Stimme sagte:
»Sir?« Da sah er, daß Allans Diener, Lion, ihm ein Glas Wasser reichte.
Er trank das ganze Glas aus, dann schöpfte er Atem und sah Allan
an. Es schien ihm plötzlich alles weniger schlimm zu sein. Wenn es
ihm gelänge, Allans Herz zu packen? Und er sagte, ganz gefaßt und
beherrscht, mit tiefer Stimme: »Hören Sie, Allan, das kann nicht Ihr
Ernst sein. Wir arbeiten nun seit sieben, acht Jahren zusammen, ich
habe dem Syndikat Millionen verdient ...«
»Das war Ihre Arbeit.«
»Gewiß! Hören Sie, Allan, ich gebe zu, es war eine Entgleisung. Es war
mir nicht um Geld zu tun. Ich will es Ihnen erklären. Sie sollen meine
Motive erfahren ... Aber es kann doch nicht Ihr Ernst sein, Allan!
Die Sache läßt sich ordnen! Und ich bin der _einzige_ Mensch, der sie
ordnen kann ... Wenn Sie mich fallen lassen, so fällt das Syndikat ...«
Allan wußte, daß S. Woolf die Wahrheit sprach. Die sieben Millionen
konnte seinetwegen der Teufel holen, der _Skandal_ aber war eine
Katastrophe. Trotzdem blieb er unerbittlich.
»Das ist meine Sache!« entgegnete er.
Woolf schüttelte den zottigen Büffelkopf. Er konnte es nicht begreifen,
daß Allan ihn tatsächlich aufgeben, stürzen wollte. Es war unmöglich.
Und er wagte es nochmals, sich in Allans Augen zu erkundigen. Aber
diese Augen schrien ihm in ihrer stillen Sprache entgegen, daß von
diesem Manne keine Nachsicht und Gnade zu erwarten war. Nichts! Gar
nichts! Plötzlich erkannte er, daß Allan ein Amerikaner war, ein
_geborener_ und er nur ein _gewordener_, und Allan war stärker.
Die leise Hoffnung, die er sich vorgelogen hatte, war eitel. Er war
verloren. Und von neuem überfiel ihn sein Elend.
»Allan!« schrie er plötzlich, von Verzweiflung gepackt, »das können Sie
nicht wollen. Nein! Sie treiben mich in den Tod! Das können Sie nicht
wollen!«
Er kämpfte jetzt nicht mehr mit Allan, er kämpfte mit dem Schicksal.
Aber das Schicksal hatte Allan vor die Front geschickt, einen kalten
Fechter, der nicht wich.
»Das können Sie nicht wollen, Allan!« wiederholte er wieder und wieder.
»Sie treiben mich in den Tod!« Und er schüttelte seine Fäuste unter
Allans Gesicht.
»Ich habe Ihnen alles gesagt.« Allan wandte sich zur Türe.
S. Woolfs Gesicht war von kaltem Schweiß wie mit Schleim überzogen,
sein Bart klebte.
»Ich werde das Geld ersetzen, Allan --!« schrie er wild und seine Arme
fuhren durch die Luft.
»~Tommy rot~!« rief Allan und ging.
Da schlug Woolf die Hände vors Gesicht und sank mit dumpfem Aufschlag
in die Knie, wie ein geschlagener Stier.
Eine Türe krachte ins Schloß.
Allan war gegangen.
S. Woolfs fetter Rücken zuckte. Er erhob sich halb betäubt. Seine Brust
wurde von einem tränenlosen Schluchzen erschüttert. Er nahm den Hut,
strich mit der Hand über den Filz und ging langsam zur Türe.
An der Türe blieb er nochmals stehen. Allan war im Nebenzimmer und
mußte ihn hören, wenn er rief. Er öffnete den Mund, aber er brachte
keinen Laut hervor. Es war auch einerlei. Denn es hatte keinen Wert!
Er ging. Er knirschte mit den Zähnen vor Zorn, Erniedrigung und Elend.
Tränen der Wut traten ihm in die Augen. Oh, wie er Allan jetzt haßte!
Er haßte ihn so sehr, daß er Blut auf der Zunge spürte ... Auch Allans
Stunde würde noch kommen ...!
Als toter Mann fuhr er im Lift ab.