»Ich kann nicht!« antwortete der Chauffeur.
Aber Ethel fand ihre gute Laune bald zurück.
Über ein Bataillon von Japanern, die mit hastigen Schritten wie gelbe
Affen dahertrippelten, mußte sie schon wieder lächeln.
»Vater, siehst du die ~japs~?«
»Ich sehe, Ethel,« antwortete Lloyd stereotyp.
Lloyd wußte genau, daß sie in unmittelbarer Lebensgefahr schwebten,
aber er verriet sich mit keinem Wort. Er befürchtete nicht,
totgeschlagen zu werden, nein, aber er wußte, daß, sobald eine Stimme
rufen sollte: »Das ist Lloyds Wagen!« folgendes eintreten mußte: die
Neugierigen würden seinen Wagen umdrängen und zerdrücken. Man würde
sie (ganz ohne Arg!) herausholen und sie würden totgedrückt werden.
Im besten Fall hatten Ethel und er das Vergnügen, auf zwei Paar
Negerschultern die Prozession durch New York mitzumachen -- und das
war keineswegs nach seinem Geschmack.
Er bewunderte Ethel, die er stets bewunderte. Sie dachte gar nicht an
Gefahr! Sie war in dieser Beziehung wie ihre Mutter.
Er erinnerte sich an eine kleine Szene, die sich in Australien zutrug,
damals, als sie noch kleine Leute waren. Eine wütende Dogge stürzte
sich auf Ethels Mutter. Was aber tat sie? Sie bot der Dogge Ohrfeigen
an und sagte höchst indigniert: »~You go on, you!~« Und der Hund wich
aus irgend einem Grunde tatsächlich zurück. Daran dachte er, und seine
Haut legte sich in Falten, weil er lächeln mußte.
Plötzlich aber surrte der Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Lloyd streckte seinen ausgetrockneten Mumienkopf vor und lachte, wobei
seine Zunge stoßweise durch die Zähne fuhr. Er klärte Ethel über die
Gefahr auf, in der sie eben (eine Stunde lang) geschwebt hatten.
»Ich habe keine Furcht,« erklärte Ethel, und lachend fügte sie hinzu:
»Wie sollte ich überhaupt vor Menschen Furcht haben?«
»So ist es gut, Kind. Ein Mensch, der Furcht hat, lebt nur halb.«
Ethel war sechsundzwanzig Jahre alt, vollkommen selbständig, die
Tyrannin ihres Vaters, aber Lloyd behandelte sie immer noch als kleines
Mädchen. Und sie ließ ihn gewähren, denn am Ende tat er doch, was sie
wollte.
Als der rote Flaggenwald das Syndikatgebäude erreichte, fanden die
Tunnelmänner die schwere Türe des Gebäudes geschlossen und die beiden
ersten Stockwerke mit eisernen Läden versehen. Kein einziges Gesicht
zeigte sich an den vierhundert Frontfenstern. Auf der Granittreppe, vor
der schweren Eichentüre, stand ein _einziger_ Schutzmann. Ein riesiger
fetter Irländer in grauer Tuchuniform, das Lederband des grauen
Tuchhelmes unter dem rosigen Doppelkinn. Er hatte ein vollmondrundes
Gesicht mit rötlich goldenen Bartstoppeln, betrachtete mit blauen
lustigen Augen das heranflutende Arbeiterheer und hob beschwichtigend
und gutmütig lächelnd die Hand empor -- eine riesige Hand in einem
weißen Wollhandschuh, einer Schaufel voll Schnee ähnlich -- und
wiederholte mit einem fetten rasselnden Lachen immerfort: »~Keep your
shirt on, boys! Keep your shirt on, boys!~«
Wie zufällig rasselten in langsamem Tempo drei blanke Dampfspritzen
(mit dem Zeichen »heimkehrend«) durch Pine Street, und da sie sich
aufgehalten sahen, stoppten sie ab und warteten geduldig, während
dünner weißer Rauch aus ihren blitzenden Messingkaminen in die klare
Luft emporstieg und die Hitze über ihren Stahlleibern zitterte.
Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß der gutmütig
lächelnde Irländer mit den großen weißen Händen, der nicht die kleinste
Waffe trug, nicht einmal einen Knüttel, eine Pfeife in der Tasche
hatte. Sollte er gezwungen sein, diese Pfeife trillern zu lassen,
so würden innerhalb einer Minute diese drei blanken, unschuldig und
höflich wartenden Dampfspritzen, die sich vor verhaltener Kraft leise
auf den Federn wiegten, 9000 Liter Wasser in der Minute in die Menge
abschießen; ferner würde sich jene vier Meter breite Rolle, die an den
Fenstersimsen des ersten Stockwerkes hing und die niemand beachtete,
aufrollen und in großen Lettern in die Straße hinausschreien: »Achtung!
Zweihundert Konstabler im Innern des Buildings. Achtung!«
Der riesige rosige Irländer hatte aber keinen Grund, nach der Pfeife zu
greifen.
Zunächst brandete ein ungeheures Geschrei an den vierhundert
Fenstern des Syndikatbuildings empor, ein wetternder Lärm, in dem der
wahnsinnige Radau der Musik glatt versank. Darauf wurde Mac gehenkt!
Er wurde unter tobendem Lärm einige Male am Galgen auf und abgezogen.
Dabei riß der Strick und Mac stürzte mit einer hilflosen Gebärde über
die Köpfe. Der Strick wurde wieder gebunden und die Exekution unter
gellenden Pfiffen wiederholt. Dann hielt ein Mann, auf zwei Schultern
stehend, eine kurze Ansprache. Keines seiner Worte, auch nicht ein
Laut seiner Stimme war in der Brandung von Lärm zu vernehmen. Der Mann
aber sprach mit dem verzerrten Gesicht, mit den Armen, die er in die
Luft warf, mit den Händen, in deren verkrampften Fingern er die Worte
knetete und sie über die Menge schleuderte. Er schüttelte, Schaum auf
den Lippen, beide Fäuste gegen das Syndikatbuilding und damit war seine
Rede zu Ende und jedermann hatte sie verstanden. Ein Orkan von Geschrei
fegte empor. Man vernahm diesen Aufschrei bis zur Battery.
Es wäre am Ende doch möglich gewesen, daß die Dampfspritzen in
Tätigkeit hätten treten müssen, denn die Erregung vor dem Building
steigerte sich zu wildem Fanatismus. Aber es lag in der Natur der
ganzen Demonstration, daß es nicht bis zu einem Ausbruch kommen
konnte, der den fetten Irländer plattgedrückt und die drei blanken
Dampfspritzen hinweggefegt hätte. Denn während zweitausend vor dem
Gebäude demonstrierten, drängten achtundvierzigtausend nach -- mit
einer automatischen, gleichmäßigen Energie. So mußte es kommen, daß
stets die Zweitausend, die sich angesichts des toten Gebäudes erhitzt
hatten, nachdem der höchste Punkt der Kompression erreicht war, wie ein
Bolzen in einem Luftdruckgewehr durch Wallstreet hinausgepreßt wurden.
Über zwei Stunden war das Syndikatbuilding von höllischem Lärm
umbrandet, so daß die Clerks und Stenotypistinnen es mit der Angst
bekamen.
Der Lärm zog durch die Pearlstreet, Bowery hinauf zur 3. und von da zur
5. Avenue, wo die geschmacklosen Paläste der Millionäre stehen. Die
Paläste lagen still, ohne Leben. Es war der dampfende, laute Schweiß,
der sich an den verschanzten und stillen Millionen vorbeiwälzte.
Vor Lloyds gelbem, etwas verwittertem Renaissance-Palast, den ein
Gartenstreifen von der Straße trennte, staute sich der Zug wieder,
da Lloyd »gehenkt« wurde. Lloyds Haus lag tot wie die andern. Nur im
Eckfenster des ersten Stockes stand eine Frau und sah heraus. Das war
Ethel. Aber da kein Mensch glaubte, daß jemand den Mut haben könnte,
sich zu zeigen, so hielt man Ethel allgemein für ein Dienstmädchen.
Die Prozession bewegte sich am Zentralpark vorbei nach Columbus-Square.
Von da zurück zum Madison-Square. Hier wurden die Puppen angezündet und
unter fanatischem Geschrei verbrannt.
Das war das Ende der Demonstration. Die Tunnelmen zerstreuten sich. Sie
verloren sich in den Saloons am East-River, und nach einer Stunde hatte
das große New York sie aufgesaugt.
Es war die Losung ausgegeben worden, sich um zehn Uhr vor der
Tunnelstation Hoboken wieder einzufinden.
Hier aber stießen die Tunnelmänner auf eine große Überraschung: die
Station war verschanzt hinter breiten Konstablerbrüsten. Da sie aber
erst nach und nach zusammenströmten, ihr Unternehmungsgeist durch das
lange Wandern, durch Schreien und Alkohol gebrochen war, so hatten sie
keine Stoßkraft mehr. Plakate verkündeten, daß unverheiratete Arbeiter
nichts mehr in Mac City zu suchen hätten. Nur die verheirateten würden
zurückbefördert werden.
Eine Schar von Agenten übte genaue Kontrolle, und in Abständen von
einer halben Stunde rollten Züge nach Mac City zurück. Früh um sechs
Uhr wurden die letzten abgefertigt.
2.
Während der Lärm das Syndikatgebäude umtobte, hatte Allan eine
Konferenz mit S. Woolf und dem zweiten finanziellen Direktor des
Syndikats, Rasmussen.
Die finanzielle Lage des Syndikats war keineswegs alarmierend,
aber auch nicht befriedigend. Für den kommenden Januar war die
zweite Milliardenanleihe vorbereitet gewesen. Unter den momentanen
Verhältnissen war natürlich nicht daran zu denken. Niemand würde einen
Cent zeichnen!
Das Dröhnen der Explosion im amerikanischen Südstollen, der Lärm des
Streiks war in allen Börsen der Welt widergehallt. Die Papiere stürzten
in wenigen Tagen um fünfundzwanzig Prozent, denn jedermann wollte sie
so rasch wie möglich loswerden und niemand hatte Lust, sich daran
die Finger zu verbrennen. Acht Tage nach der Katastrophe schien ein
Krach unvermeidlich. Aber S. Woolf warf sich mit einer verzweifelten
Anstrengung gegen den wankenden finanziellen Riesenbau -- und er stand
wieder! Er zauberte eine verführerische Bilanz vor die Öffentlichkeit,
er bestach ein Heer von Börsenberichterstattern und überschüttete die
Presse der alten und neuen Welt mit beruhigenden Communiqués.
Die Kurse zogen an, die Kurse blieben fest. Und S. Woolf begann die
mörderische Schlacht, die Kurse zu halten und wieder langsam in die
Höhe zu schrauben. In seiner Office im zehnten Stock des Buildings
arbeitete er mit verbissener Energie, schnaufend und rasselnd wie ein
Nilpferd, die Pläne dieser Kampagne aus.
Während die Horde drunten heulte, unterbreitete er Allan seine
Vorschläge. Die Kali- und Eisenerzlager des »fetten Müllers« sollten
ausgebeutet werden. Die elektrische Energie der Kraftstationen
verwertet. Das Submarinium der Unglücksschlucht gefördert. Nach den
Bohrresultaten lag es in einer durchschnittlichen Mächtigkeit von
zehn Metern -- ein Vermögen! S. Woolf hatte der Pittsburg Smelting
and Refining Co. Verträge unterbreitet. Die Company sollte die Erze
herausbrechen, das Syndikat würde die Förderung an Tag übernehmen.
Dafür forderte S. Woolf 60 Prozent vom Reingewinn. Die Company wußte
recht gut, daß das Syndikat »~hard up~« war und bot 30 Prozent. S.
Woolf aber schwor, daß er sich eher lebendig einmauern lasse, als auf
die Schamlosigkeit einzugehen. Er wandte sich sofort an die »American
Smelters« und die Pittsburg Co. kam zurück und bot 40 Prozent.
Woolf ging auf 50 Prozent herab und drohte, daß das Syndikat in
Zukunft überhaupt keine Handvoll Erz mehr fördern werde; es würde
einfach die Stollen unter den Lagern durchführen oder darüber hinweg,
einerlei. Endlich einigte man sich auf 46-1/3 Prozent. Um das letzte
Drittel kämpfte S. Woolf wie ein Massaikrieger und die Pittsburg-Leute
erklärten, sie hätten lieber mit dem Teufel zu tun als mit diesem
»~shark~«.
S. Woolf hatte sich in den letzten zwei Jahren auffallend verändert.
Er war noch fetter geworden und noch asthmatischer. Zwar hatten seine
dunklen Augen immer noch den leicht schwermütigen, orientalischen
Glanz und den Kranz schwarzer langer Wimpern, die stets gefärbt
erschienen. Aber ihr Feuer war verdüstert. S. Woolf begann stark zu
ergrauen. Er trug den Bart nicht mehr kurz geschnitten, sondern als
dicke Zotteln am Kinn und auf den beiden Backen. Mit seiner mächtigen
Stirn, den weitstehenden, vorquellenden Augen und der breiten gebogenen
Nase hatte er Ähnlichkeit bekommen mit dem amerikanischen Büffel --
ein Einzelgänger und Einsiedler, den die Herde ausgestoßen hatte, weil
er zu tyrannisch war. Diesen Eindruck verstärkte das blutunterlaufene
Auge. S. Woolf hatte in den letzten Jahren mit einem konstanten
Blutandrang gegen den Kopf zu kämpfen.
So oft das Geschrei drunten anschwoll, zuckte S. Woolf zusammen und
seine Augen bekamen einen flackernden Blick. Er war nicht feiger als
andere Menschen, aber das atemraubende Tempo der letzten Jahre war ihm
an die Nerven gegangen.
Und dann: S. Woolf hatte noch ganz andere Sorgen, _ganz andere_, die er
wohlweislich vor aller Welt verschwieg ...
Nach der Beratung war Allan wieder allein. Er ging auf und ab in
seinem Arbeitsraum. Sein Gesicht war abgemagert und seine Augen trüb
und elend. Sobald er allein war, überfiel ihn die Unruhe und er mußte
wandern. Tausendmal ging er hin und her und schleppte seinen Gram von
einer Zimmerecke in die andere. Zuweilen blieb er stehen und sann nach.
Aber er wußte selbst nicht, was er dachte.
Dann telephonierte er ins Hospital nach Mac City und fragte nach Hobbys
Befinden. Hobby lag im Fieber und niemand wurde zugelassen. Endlich
raffte er sich auf und fuhr aus. Am Abend kam er etwas erfrischt zurück
und nahm wieder seine Arbeit auf. Er arbeitete an verschiedenen
Projekten für den Ausbau der submarinen Schlucht. Eine große Station,
ungeheure Depots und Maschinenräume sollte sie aufnehmen. 80
Doppelkilometer Gestein konnte er in sie stürzen. Recht besehen, war
die Unglücksschlucht, in der der Tod Jahrmillionen auf die Tunnelmänner
gelauert hatte, von unschätzbarem Wert. Die Projekte beschäftigten ihn
und verdrängten düstere Visionen. Keine Sekunde durfte er an die Dinge
denken, die hinter ihm lagen ...
Spät in der Nacht legte er sich schlafen und er war froh, wenn er ein
paar Stunden ruhte, ohne von entsetzlichen Träumen gemartert zu werden.
Ein einzigesmal speiste er bei Lloyd zu Abend.
Ethel Lloyd sprach mit ihm vor Tisch. Sie zeigte einen solch
aufrichtigen Schmerz über den Tod Mauds und Ediths, daß Allan sie
fortan mit ganz anderen Augen betrachtete. Sie schien ihm plötzlich um
viele Jahre älter und reifer geworden zu sein.
Allan verbrachte einige Wochen ununterbrochen im Tunnel.
Eine Unterbrechung von einigen Wochen, die sich bei regulärem Betrieb
nur durch ungeheure finanzielle Opfer hätte ermöglichen lassen, war
ihm im Grunde genommen ganz erwünscht. Durch die atemlose jahrelange
Arbeit waren alle Ingenieure erschöpft und brauchten Ruhe. Dem
Arbeiterausstand legte er keine große Bedeutung bei. Nicht einmal dann,
als die Union, die Gewerkschaften der Monteure, Elektriker, Eisen-
und Betonarbeiter, Maurer, Zimmerleute die Sperre über den Tunnel
verhängten.
Vorläufig galt es, die Stollen zu verwalten, wenn sie nicht in kurzer
Zeit verwahrlosen sollten. Für diese Arbeit stand ihm ein Heer von
achttausend Ingenieuren und Volontären zur Verfügung, das er über die
einzelnen Strecken verteilte. Mit einer heroischen Anspannung der
Kräfte verteidigten diese achttausend das riesige Werk.
Monoton gellten die Glocken vereinzelter Züge durch den öden Tunnel.
Der Tunnel schwieg, und alle brauchten lange Zeit, um sich an die
Totenstille der Stollen zu gewöhnen, die früher dröhnten von Arbeit.
Die Truppe der Tiefbautechniker, Eisenkonstrukteure, Elektrotechniker,
Maschineningenieure fuhren die europäischen, atlantischen und
amerikanischen Stollen ab. Jede Schiene, jede Schwelle, jede Niete und
jede Schraube wurde sorgfältig revidiert und notwendige Korrekturen
und Verbesserungen gebucht. Geometer und Mathematiker prüften genau
Lage und Richtung der Stollen. Die Maße wichen nur um geringes von den
berechneten ab. Am größten waren die Abweichungen der atlantischen
Strecke des »fetten Müllers«, wo sie drei Meter in der Breite und
zwei Meter in der Tiefe betrugen -- Differenzen, die sich auf
Ungenauigkeiten der Instrumente, die von den enormen Massen von Gestein
beeinflußt wurden, zurückführen ließen.
In der verhängnisvollen Schlucht waren Tag und Nacht tausend
halbnackte, schweißtriefende Arbeiter der Cleveland Mining Co. mit
dem Bohren, Sprengen und Fördern des lockergelagerten Submariniums
beschäftigt. Die tropisch-heiße Schlucht heulte und brandete von
Arbeit, ganz als sei nie etwas geschehen. Die Tagesproduktion hatte
einen ungeheuren Wert.
Im übrigen aber war alles tot. Die Tunnelstadt war wie ausgestorben.
Wannamaker hatte sein Warenhaus geschlossen, das Tunnelhotel die
Pforten zugemacht. In den Arbeiterkolonien hausten Weiber und Kinder,
die Witwen und Waisen der Verunglückten.
3.
Das gerichtliche Verfahren, das gegen das Syndikat eingeleitet worden
war, wurde nach einigen Wochen wieder eingestellt, da es sich bei der
Katastrophe ganz offenbar um ~force majeure~ handelte.
Allan war solange in New York zurückgehalten worden. Nun aber war er
frei und reiste augenblicklich ab.
Er verbrachte den Winter auf den Bermudas und Azoren und blieb einige
Wochen in Biskaya. Zuletzt erschien er auf der Kraftstation Ile
Ouessant, dann verlor sich seine Spur.
Allan verlebte den Frühling in Paris, wo er unter dem Namen C. Connor,
Kaufmann aus Denver, in einem alten Hotel der Rue Richelieu wohnte.
Niemand erkannte ihn, obwohl jeder hundertmal sein Porträt gesehen
hatte. Er hatte dieses Hotel absichtlich gewählt, um jener Klasse von
Menschen zu entgehen, die er am meisten haßte: die reichen Müßiggänger
und lauten Schwätzer, die sich von Hotel zu Hotel durchschlagen und die
Mahlzeiten mit einer lächerlichen Feierlichkeit einnehmen.
Allan lebte ganz allein. Er saß täglich nachmittags vor dem gleichen
Boulevard-Café an seinem runden Marmortischchen, trank seinen Kaffee
und blickte still und gleichgültig in den lauten Strom der Straße.
Von Zeit zu Zeit wandte er den Blick empor zu einem Balkon im zweiten
Stock des gegenüberliegenden Hotels: dort hatte er vor Jahren mit Maud
gewohnt. An manchen Tagen erschien dort oben eine hellgekleidete Frau;
dann konnte Allan den Blick nicht von dem Balkon abwenden. Täglich
begab er sich in den Jardin de Luxembourg, in jenen Teil, wo die Kinder
zu Tausenden spielen. Dort stand eine Bank, auf der er einmal mit
Maud und Edith gesessen hatte. Und auf dieser Bank saß Allan jeden
Tag und sah zu, wie sich die Kinder um ihn her tummelten. Jetzt, nach
einem halben Jahre, begannen die Toten und der Schmerz allmählich eine
merkwürdige Macht über ihn zu bekommen. Im Laufe des Frühlings und
Sommers absolvierte er die gleiche Reise, die er mit Maud und Edith vor
Jahren unternommen hatte. Er war in London, Liverpool, Berlin, Wien,
Frankfurt, begleitet von düsteren und schmerzlich-süßen Erinnerungen.
Er wohnte in den gleichen Hotels und häufig sogar in den gleichen
Räumen. Oft hielt er den Schritt an vor Türen, die Mauds Hand einst
öffnete und schloß. Es fiel ihm nicht schwer, sich in all den fremden
Hotels und Korridoren zurechtzufinden. Die vielen Jahre, die er in den
finstern unterirdischen Labyrinthen der Bergwerke verbrachte, hatten
seinen Ortsinn geschult. Die Nächte verbrachte er schlaflos in einem
Sessel, im dunkeln Zimmer. Da saß er mit offenen, ausgetrockneten
Augen, ohne sich zu regen. Zuweilen richtete er an Maud halblaut kleine
Ermahnungen, wie er es zu tun pflegte, als sie noch lebte. »Geh jetzt
schlafen, Maud!« -- »Verdirb dir die Augen nicht.« Er quälte sich
mit Vorwürfen, daß er Maud an sich gefesselt habe, obgleich er doch
damals schon sein großes Werk plante. Es schien ihm, als habe er ihr
niemals seine Liebe ganz enthüllt, als habe er sie überhaupt nicht
genügend geliebt -- nicht so, wie er sie jetzt liebte. Voller Pein
und Selbstanklage erinnerte er sich daran, daß ihm Mauds Vorwürfe,
er vernachlässige sie, sogar lästig geworden waren. Nein, er hatte
es nicht verstanden, seine kleine süße Maud glücklich zu machen. Mit
brennenden Augen, überschattet von seinem Gram, saß er in den toten
Räumen, bis es Tag wurde. »Es wird schon Tag, die Vögel zwitschern,
hörst du?« sagte Maud. Und Allan erwiderte raunend: »Ja, ich höre sie,
Liebe.« Dann warf er sich aufs Bett.
Schließlich verfiel er auf den Gedanken, Gegenstände aus diesen
geheiligten Räumen zu erwerben, einen Leuchter, eine Uhr, ein
Schreibzeug. Die Hotelbesitzer, die Mr. C. Connor für einen spleenigen
reichen Amerikaner hielten, forderten schamlos hohe Summen, aber Allan
bezahlte, ohne zu feilschen, jeden Preis.
Im August kehrte er von seiner Rundreise wieder nach Paris zurück und
stieg wieder in dem alten Hotel in der Rue Richelieu ab, noch stiller,
trüber, ein düsteres Feuer in den Augen. Er machte den Eindruck eines
gemütskranken Mannes, der das Leben ringsum nicht mehr bemerkt und in
seine eigenen Grübeleien versunken ist. Wochenlang sprach er kein Wort.
Eines Abends ging Allan im Quartier latin durch eine krumme,
geschäftige Straße und plötzlich blieb er stehen. Jemand hatte seinen
Namen gerufen. Aber ringsum hasteten fremde gleichgültige Menschen.
Da sah er plötzlich seinen Namen, seinen früheren Namen, in riesigen
Lettern dicht vor den Augen.
Es war ein grellfarbiges Plakat der Edison-Bio: »~Mac Allan,
constructeur du »Tunnel« et Mr. Hobby, ingenieur en chef conversant
avec les collaborateurs à Mac City.~«
»~Les tunnel-trains allant et venant du travail.~«
Allan sprach nicht Französisch, aber er verstand den Sinn der Affiche.
Von einer merkwürdigen Neugierde getrieben, trat er zögernd in den
dunklen Saal. Er kam gerade mitten in ein Rührstück hinein, das ihn
langweilte. Allein in diesem Stück trat ein kleines Mädchen auf, das
ihn entfernt an Edith erinnerte und dieses Kind vermochte ihn eine
halbe Stunde in dem überfüllten Raume festzuhalten. La petite Yvonne
hatte die gleiche Art, wichtigtuerisch und mit dem Ernst erwachsener
Leute zu plaudern ...
Plötzlich hörte er den Conférencier seinen Namen nennen und in diesem
Augenblicke stand auch schon »seine Stadt« vor ihm. Flimmernd in Staub
und Rauch und Sonne. Eine Gruppe von Ingenieuren stand vor der Station,
lauter bekannte Gesichter. Sie wandten sich alle wie auf ein Signal
um, um ein Automobil zu erwarten, das langsam heranrollte. In dem
Automobil saß er selbst und neben ihm Hobby. Hobby richtete sich auf
und schrie den Ingenieuren etwas zu, worauf alle lachten. Allan wurde
von einem dumpfen Schmerz erfaßt, als er Hobby sah: frisch, übermütig
-- und jetzt hatte ihn der Tunnel vernichtet wie viele andere. Das
Automobil rollte langsam weiter und plötzlich sah er sich aufstehen
und zurücklehnen über den Wagen. Ein Ingenieur griff an den Hut, zum
Zeichen, daß er verstanden habe.
Der Conférencier: »Der geniale Konstrukteur gibt seinen Mitarbeitern
Befehle!«
Der Mann aber, der an den Hut griff, sah unvermutet forschend ins
Publikum, gerade auf ihn, Allan, als habe er ihn entdeckt. Da erkannte
er ihn: es war Bärmann, den sie am 10. Oktober erschossen hatten.
Plötzlich sah er die Tunnelzüge laufen: sie flogen die schiefe Ebene
hinab, sie jagten herauf, einer hinter dem anderen und eine Wolke von
Staub fegte über sie hin.
Allans Herz pochte. Er saß gebannt, unruhig, mit heißem Gesicht, und
sein Atem kam so gepreßt aus der Brust, daß man neben ihm lachte.
Die Züge aber flogen ... Allan stand auf. Er ging augenblicklich. Er
nahm ein Auto und fuhr ins Hotel. Hier erkundigte er sich bei dem
Manager nach dem nächsten auslaufenden Amerika-Schnelldampfer. Der
Manager, der Allan stets mit der zartesten Rücksicht behandelte, wie
einen Schwerkranken, nannte ihm den Cunardliner, der am nächsten
Vormittag von Liverpool in See ging. Der Abendschnellzug sei aber schon
abgegangen.
»Bestellen Sie augenblicklich einen Extrazug!« sagte Allan.
Der Manager sah Mr. C. Connor an, überrascht von Allans Stimme und Ton.
Was hatte diesen Menschen seit heute mittag so verändert? Ein ganz
neuer Mensch schien vor ihm zu stehen.
»Gerne,« erwiderte er. »Allerdings muß ich Mr. Connor um bestimmte
Garantien bitten ...«
Allan trat an den Lift. »Wozu? Sagen Sie, Mac Allan aus New York
bestellt den Zug!«
Da erkannte ihn der Manager und trat verblüfft zurück und verbarg sein
Erstaunen in einer Verbeugung.
Allan war wie umgewandelt. Er sauste dahin in einem vorwärtsstürmenden
Zug, der alle Stationen in einem Tempo passierte, daß die Luft klirrte,
und die Schnelligkeit der Bewegung allein brachte ihn wieder auf sich
selbst zurück. Er schlief vorzüglich in dieser Nacht. Zum erstenmal
seit langer Zeit. Nur einmal wachte er auf. Als der Zug durch den
Kanaltunnel donnerte. >Sie haben die Stollen viel zu klein gebaut,<
dachte er und schlief weiter. Am Morgen fühlte er sich frisch und
gesund, voller Entschlossenheit. Er sprach vom Zug aus telephonisch mit
dem Kapitän des Dampfers und der Direktion der Gesellschaft. Um zehn
Uhr erreichte er den Cunardliner, der, fiebernd vor Ungeduld, pfeifende
Wolken von Wasserdampf durch die Kamine ausstoßend, auf ihn wartete. Er
stand erst mit einem Fuß auf dem Schiff, als die Schrauben schon das
Wasser zu flüssigem Marmor peitschten.
Nach einer halben Stunde wußte das ganze Schiff, daß der verspätete
Passagier kein anderer als Mac Allan war.
Auf hoher See begann Allan fieberhaft zu depeschieren. Über Biskaya,
Azora, Bermuda, New York und Mac City ging ein Regen von Depeschen
nieder. Durch die finsteren Stollen unterm Meer zuckte ein belebender
Strom: Allan hatte das Steuer wieder in die Hand genommen.
4.
Allans erster Besuch galt Hobby.
Hobbys Landhaus lag etwas abseits von Mac City. Es bestand in der
Hauptsache aus Loggien, Balkonen und Veranden und stieß an ein Wäldchen
junger Eichen.
Niemand öffnete, als Allan klingelte. Die Klingel schien nicht zu
funktionieren. Das Haus machte den Eindruck, als sei es schon seit
langer Zeit verlassen. Aber alle Fenster standen weit offen. Auch
die Gartentüre war verschlossen, so daß Allan sich kurz entschlossen
über den Zaun schwang. Er stand kaum im Garten, als ein Schäferhund
angestürzt kam und ihn wütend kläffend stellte. Allan sprach auf den
Hund ein, und der Hund gab schließlich den Weg frei, wenn er ihn auch
nicht aus den Augen ließ. Der Garten war voll welker Eichenblätter und
verwahrlost wie das Haus. Hobby schien ausgegangen zu sein.
Um so größer war Allans Freude und Überraschung, als er Hobby plötzlich
vor sich sah. Er saß auf den Stufen, die in den Garten führten, das
Kinn in die Hand gestützt, in Gedanken versunken. Er schien nicht
einmal gehört zu haben, daß der Hund anschlug.
Hobby war elegant wie immer gekleidet, aber die Kleidung wirkte
stutzerhaft, denn es war die Kleidung eines jungen Mannes, und
der sie trug, war ein Greis. Hobby trug teure Wäsche mit farbigen
Streifen, Lackschuhe mit breiten Sohlen und koketten Seidenschleifen,
gelbseidene Strümpfe und eine hechtgraue Hose mit Bügelfalten und
Hüftenschnitt. Eine Jacke hatte er nicht an, obschon es empfindlich
kühl war.
Er saß in der Haltung eines gesunden, intelligenten Menschen und Allans
Freude wallte schon auf. Aber als Hobby den Blick zu ihm emporhob und
er seine entstellten kranken Augen sah und sein runzeliges fahles
Greisengesicht, wußte er, daß es mit Hobbys Gesundheit noch nicht zum
besten stand.
»Da bist du ja wieder, Mac,« sagte Hobby, ohne Allan die Hand zu geben
und ohne sich zu regen. »Wo warst du?« Und um seine Augen und seinen
Mund ordneten sich die Falten zu kleinen Fächern. Er lächelte. Seine
Stimme klang immer noch fremd und unrein, wenn auch Allan deutlich
Hobbys alte Stimme heraushörte.
»Ich war in Europa, Hobby. Und wie geht's, mein Junge?«
Hobby sah wieder vor sich hin wie vorhin. »Es geht besser, Mac. Auch
mein verfluchter Kopf arbeitet schon wieder!«
»Wohnst du denn ganz allein, Hobby?«
»Ja, ich habe die Dienstboten hinausgeworfen. Sie machten zu viel Lärm.«
Nun aber schien Hobby plötzlich zu begreifen, daß Allan da war. Er
stand auf und drückte ihm die Hand und sah erfreut aus. »Komm herein,
Mac! Ja, so geht es, siehst du!«
»Was sagt der Arzt?«
»Der Arzt ist zufrieden. Geduld, sagt er, Geduld.«
»Weshalb sind alle Fenster offen? Es zieht ja schauderhaft, Hobby.«
»Ich liebe den Luftzug, Mac!« entgegnete Hobby mit einem fremden
Lachen.
Er flatterte am ganzen Körper und seine weißen Haare flogen, als sie in
sein Arbeitszimmer hinaufstiegen.
»Ich arbeite schon wieder, Mac. Du wirst sehen. Es ist etwas ganz
Ausgezeichnetes!« Und Hobby blinzelte mit dem rechten Auge, ganz als ob
er den alten Hobby nachahme.
Er zeigte Mac einige Blätter, die mit zitternden wirren Strichen
bedeckt waren. Die Zeichnungen sollten alle seinen neuen Hund
darstellen. Aber sie waren kaum besser als Zeichnungen von Kindern
-- und ringsum an den Wänden hingen Hobbys großartige Entwürfe von
Bahnhöfen, Museen, Warenhäusern, die alle die Hand des Genies zeigten.
Allan machte ihm die Freude, die Skizzen zu loben.
»Ja, sie sind wirklich gut,« sagte Hobby stolz und goß mit bebenden
Händen zwei Gläser ~black and white~ zusammen. »Es beginnt wieder,
Mac. Nur werde ich rasch müde. Bald wirst du Vögel zu sehen bekommen.
Vögel! Wenn ich so dasitze, so sehe ich häufig die sonderbarsten Vögel
in meinem Kopf -- Millionen, und alle bewegen sich. Trink, mein Junge!
Trink, trink, trink.«
Hobby ließ sich in einen abgeschabten Ledersessel fallen und gähnte.
»War Maud mit in Europa?« fragte er plötzlich.
Allan schrak zusammen und erbleichte. Ein leichtes Schwindelgefühl
überkam ihn.
»Maud?« sagte er halblaut, und der Name klang merkwürdig in seinen
Ohren, als sei es ein Unrecht, ihn auszusprechen.
Hobby blinzelte und dachte angestrengt nach. Dann stand er auf und
sagte: »Willst du noch Whisky haben?«
Allan schüttelte den Kopf. »Danke, Hobby! Ich trinke nichts am Tage.«
Mit trüben Blicken sah er durch die herbstlichen Bäume hindurch hinaus
aufs Meer. Ein kleiner schwarzer Dampfer zog langsam südwärts. Er
beobachtete ganz mechanisch, daß der Dampfer plötzlich zwischen einer
Astgabel stehen blieb und sich nicht mehr rührte.
Hobby setzte sich wieder und eine lange Zeit waren sie ganz still. Der
Wind blies durch das Zimmer und schüttelte das Laub von den Bäumen.
Über die Dünen und das Meer liefen rasche Wolkenschatten hintereinander
und erweckten ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und ewig neuer Qual.
Dann begann Hobby wieder zu sprechen.
»So ist es zuweilen mit meinem Kopf,« sagte er, »siehst du? Ich weiß
natürlich alles, was geschehen ist. Aber manchmal verwirren sich meine
Gedanken. Maud, die arme Maud! Hast du übrigens gehört, daß Doktor Herz
in die Luft geflogen ist? Mit seinem ganzen Laboratorium. Er hat ein
großes Loch in die Straße gerissen und dreizehn Menschen mitgenommen.«
Doktor Herz war ein Chemiker, der an Sprengstoffen für den Tunnel
arbeitete. Allan hatte die Nachricht schon auf dem Dampfer erhalten.
»Es ist zu schade,« fügte Hobby hinzu, »diese neue Sache, die er da
hatte, muß sicher gut gewesen sein!« Und er lächelte grausam. »Zu
schade!«
Allan brachte hierauf das Gespräch auf Hobbys Schäferhund und eine
Zeitlang folgte Hobby. Dann sprang er wieder ab.
»Was für ein süßes Mädchen Maud doch war!« sagte er unvermittelt. »Ein
Kind! Und doch tat sie immer, als sei sie klüger als alle Menschen. Sie
war in den letzten Jahren nicht sehr zufrieden mit dir.«
Allan streichelte, in Gedanken versunken, Hobbys Hund.
»Ich weiß es, Hobby,« sagte er.
»Ja, sie klagte zuweilen, daß du sie so allein hier sitzen ließest.
Nun, ich sagte ihr: sieh, Maud, es geht nicht anders. Einmal haben wir
uns auch geküßt. Ich weiß es wie heute. Zuerst spielten wir Tennis und
dann fragte Maud alle möglichen Dinge. Gott, wie deutlich ich ihre
Stimme jetzt höre! Sie sagte >Frank< zu mir ...«
Allan starrte Hobby an. Aber er fragte nichts. Hobby sah in die Ferne
und sein Blick war erschreckend glänzend.
Nach einer Weile erhob sich Allan, um zu gehen. Hobby begleitete ihn
bis zur Gartentür.
»Nun, Hobby,« sagte Allan, »willst du nicht mit mir kommen?«
»Wohin?«
»In den Tunnel.« Da verfärbte sich Hobby und seine Wangen zitterten.
»Nein -- nein ...« erwiderte er mit einem scheuen, unsicheren Blick.
Und Allan, der seine Frage bereute, sah, daß Hobby am ganzen Körper
zitterte.
»Adieu, Hobby, morgen komme ich wieder!«
Hobby stand unter der Gartentür, den Kopf leicht geneigt, fahl, mit
kranken Augen, und der Wind spielte mit seinen weißen Haaren. Gelbe,
dürre Eichenblätter wirbelten um seine Füße. Als der Hund Allan wütend
nachbellte, lachte Hobby -- ein krankes, kindisches Lachen, das Allan
noch am Abend in den Ohren klingen hörte.
Schon in den nächsten Tagen trat Allan wieder mit der Arbeiter-Union
in Verbindung. Er hatte das Empfinden, als ob man jetzt zu einer
Verständigung geneigter sei. In Wirklichkeit konnte die Union die
Sperre über den Tunnel nicht länger aufrecht erhalten. Die »Farmhands«
kamen mit dem Eintritt des Winters zu Tausenden vom Westen und suchten
Beschäftigung. Die Union hatte im vorigen Winter ungeheure Summen für
Arbeitslose ausgeschüttet und dieser Winter würde sie noch teurer zu
stehen kommen. Seit die Arbeit im Tunnel still stand, war auch die
Beschäftigung in den Bergwerken, Eisenhütten und Maschinenfabriken
unerhört zurückgegangen und ein Heer von Menschen war auf die Straße
geworfen worden. Die Löhne sanken infolge des großen Angebots von
Arbeitskräften, so daß selbst die Beschäftigten nur ein karges
Auskommen fanden.
Die Union berief Meetings und Versammlungen ein, und Allan sprach in
New York, Cincinnati, Chicago, Pittsburg und Buffalo. Er war zäh und
unermüdlich. Seine Stimme rauschte wie ehedem durch den Brustkorb und
seine Faust sauste gewaltig durch die Luft, während er sprach. Nun, da
sich seine elastische Natur wieder aufgerichtet hatte, schien auch jene
alte Macht wieder von ihm auszuströmen wie früher. Die Presse hallte
wider von seinem Namen.
Seine Sache stand günstig. Allan hoffte die Arbeit im November,
spätestens Dezember wieder aufnehmen zu können.
Da aber zog sich -- für Allan ganz unerwartet -- ein zweites Ungewitter
über dem Syndikat zusammen. Ein Ungewitter, das weitaus verheerendere
Folgen haben sollte als die Oktober-Katastrophe.
Durch den finanziellen Riesenbau des Syndikats ging ein böses
Knistern ...
5.
S. Woolf fuhr mit der gleichen Würde wie früher in seinem 50 ~HP~.-Car
den Broadway entlang. Er erschien wie sonst Punkt elf Uhr im Klub zum
Poker und trank seine Tasse Kaffee. Er wußte recht wohl, daß nichts
die Welt argwöhnischer macht als eine Änderung der Lebensführung, und
so spielte er nach außen hin seine Rolle in allen Einzelheiten weiter.
Aber er war nicht mehr der alte. S. Woolf hatte seine Sorgen, die
er ganz allein tragen mußte. Das war nicht leicht! Es genügte ihm
nicht mehr, zur Erholung mit einer seiner Nichten und Göttinnen zu
Abend zu speisen. Seine überreizten Nerven brauchten Orgien, Exzesse,
Zigeunermusik und Tänzerinnen zur Betäubung. Nachts, wenn er zuckend
vor Übermüdung auf dem Bett lag, brannte sein Hirn lichterloh. Es kam
dahin, daß er sich Abend für Abend an schwerem Wein berauschte, um
Schlaf zu finden.
S. Woolf war ein guter Haushalter. Sein enormes Einkommen genügte
vollkommen zur Deckung seiner Extravaganzen. Das war es nicht. Aber er
war vor zwei Jahren in einen Mahlstrom ganz anderer Art geraten und
trotz seinen gewaltigen Schwimmstößen, mit denen er wieder das glatte
Wasser zu erreichen suchte, trieb er Monat für Monat dem kreisenden
Strudel näher.
S. Woolfs zottiger Büffelschädel hatte einen napoleonischen Gedanken
ausgebrütet. Er hatte mit diesem Gedanken gespielt, er war verliebt
um ihn herumgeschlichen. Er hatte ihn gepflegt und großgefüttert. Zu
seinem Vergnügen, in seinen Mußestunden. Der Gedanke war gewachsen
wie der Dschinn aus der Flasche, die der arabische Fischer fand,
ein Phantom aus Rauch. S. Woolf konnte ihm befehlen, wieder in die
Flasche zurückzukriechen und ihn in der Westentasche mit sich tragen.
Aber eines Tages sagte der Dschinn: »Stop!« Der Dschinn hatte sich
ausgewachsen zur normalen Größe, er stand da wie ein Wolkenkratzer,
blitzte mit den Augen und donnerte und wollte nicht mehr in die Flasche
zurück.
S. Woolf mußte sich entscheiden!
S. Woolf pfiff auf Geld. Die kläglichen Zeiten waren längst vorüber,
da ihm das Geld an sich etwas bedeutete. Er konnte es aus dem Schmutz
der Straße schöpfen, aus der Luft, es lag in seinem Hirn zu Millionen
angehäuft und er brauchte es nur herauszuschlagen. Ohne Namen, ohne
einen Pfennig in der Tasche, verpflichtete er sich, in einem Jahr ein
Vermögen zu schaffen. Das Geld war nichts! Nur Mittel zum Zweck. S.
Woolf war ein Trabant, der um Allan kreiste. Er wollte ein Mittelpunkt
werden, um den die andern kreisten! Das Ziel war erhaben, würdig, und
S. Woolf entschied sich.
Weshalb sollte er nicht dasselbe tun, was all die andern getan hatten,
diese Lloyds und Großmächte ringsum? Es war nichts anderes, es war
genau das gleiche, was der junge Wolfsohn vor zwanzig Jahren getan
hatte, als er alles auf eine Karte setzte, sich elegant kleidete,
dreißig Mark in sein Gebiß steckte und nach England abdampfte. Es war
sein Gesetz, das ihm eingeborene Gesetz, das ihn zwang, in bestimmten
Perioden gleich zu handeln.
S. Woolf wuchs in diesem Moment über sich hinaus, sein Dämonium
streckte ihn ins Überlebensgroße.
Sein Plan war fertig, eingraviert in seinen Schädel, haarscharf,
unsichtbar für andere Menschen. In zehn Jahren würde es eine neue
Großmacht geben, die Großmacht S. Woolf. In zehn Jahren würde die
Großmacht S. Woolf den Tunnel annektieren.
Und S. Woolf machte sich ans Werk.
Er tat, was Tausende vor ihm taten, niemals aber tat es jemand in
seinem ungeheuren Maßstab! Er ging nicht auf ein Vermögen. Er hatte
berechnet, daß er 50 Millionen Dollar für seinen Plan nötig hatte.
Und so ging er auf 50 Millionen Dollar. Er handelte kühn, kalt, von
Gewissensbissen und Vorurteilen verschont.
Er spekulierte auf eigene Rechnung, obgleich sein Vertrag ihm das
ausdrücklich untersagte. Nun, sein Vertrag war ein Stück Papier,
tot und nichtig, und diese Bedingung war gerade von jenen andern
Großmächten eingefügt worden, um ihm die Hände zu binden. Er kümmerte
sich nicht darum. Er kaufte die gesamte Baumwolle Südfloridas und
verkaufte sie eine Woche später und verdiente zwei Millionen Dollar.
Mit dem Syndikat im Rücken machte S. Woolf seine Geschäfte, ohne daß
er einen Dollar des Syndikats dazu benötigte. In einem Jahre brachte
er fünf Millionen Dollar auf seine Seite. Mit diesen fünf Millionen
ging er in geschlossener Reihe auf den westindischen Tabak los. Aber
ein Zyklon zerstörte die Tabakkulturen und die fünf Millionen waren
bis auf ein Bataillon von Krüppeln aufgerieben. S. Woolf gab den Kampf
nicht auf. Er versuchte es wieder mit der Baumwolle und siehe da, die
Baumwolle blieb ihm treu. Er gewann. Er geriet in eine Gewinnserie,
gewann immerzu und lieferte erstklassige Schlachten. Dann aber fiel er
unerwartet in einen Hinterhalt. Das Kupfer schlug ihn, das er umzingelt
hatte. Es waren unbekannte Kupfervorräte da, die ihm in den Rücken
fielen und ihn total aufrieben. Er verlor viel Blut und war gezwungen,
eine Anleihe bei den Reserven des Syndikats zu machen. Der Strudel
hatte ihn erfaßt. S. Woolf pumpte sich die Brust voller Luft und stach
in See -- aber der Strudel saugte. S. Woolf schwamm großartig, aber er
kam nicht von der Stelle. Blickte er zurück, so mußte er konstatieren,
daß er Terrain zugesetzt hatte. S. Woolf schwamm verzweifelt und schwor
sich, wenn er wieder ins glatte Wasser käme, vorläufig Luft schöpfen
und sich von weiteren Abenteuern fernhalten zu wollen.
Das waren S. Woolfs Sorgen, die ihm niemand abnehmen konnte.
Im vorigen Jahre war es ihm noch gelungen, eine befriedigende Bilanz
hinzuzaubern. Noch genoß er das volle Vertrauen des Syndikats.
Die Zeiten waren schlecht, die Oktober-Katastrophe hatte den Markt
verwüstet, und S. Woolf ergraute, wenn er an den kommenden Januar
dachte.
Es ging auf Leben und Tod.
Geld! Geld! Geld!
Es fehlten ihm drei bis vier Millionen Dollar. Eine Kleinigkeit
verhältnismäßig. Zwei, drei gelungene Coups und er hatte wieder Boden
unter den Füßen.
Es galt, und S. Woolf verteidigte sich heroisch.
Er stürzte sich vorerst in einen weniger gefährlichen Kleinkrieg, aber
als der Sommer kam und er nur schrittweise Boden gewonnen hatte, war er
gezwungen, ein großes Treffen anzunehmen. S. Woolf zögerte nicht, ins
Feuer zu gehen. Er versuchte es nochmals mit der Baumwolle und legte
seine Hand gleichzeitig auf das Zinn. Wenn diese Riesenspekulationen
nur einigermaßen gelangen, so war er gerettet.
Monatelang lebte er in Schlafwagen und Schiffskabinen.
Er bereiste Europa und Rußland, um nach Stellungen auszuspähen, die
einen Sturm lohnten. Seine persönlichen Ausgaben schränkte er nach
Möglichkeit ein. Weder Extrazüge noch Salonwagen mehr, S. Woolf
begnügte sich mit einem regulären Kupee erster Klasse. In London und
Paris kündigte er seinen Königinnen, die große Summen verschlangen. Sie
verteidigten ihre Festungen mit Schaum vor den bleichen Lippen. Allein
sie hatten nicht daran gedacht, daß sie mit S. Woolf kämpften, der mit
der Möglichkeit einer plötzlichen Auflösung seines Hofstaates seit
einem Jahr gerechnet hatte und die Göttinnen schon seit Monaten durch
Detektive beobachten ließ. Er wies ihnen mit vorzüglich gespielter
Empörung nach, daß sie am 10. Mai, 15. Mai, 16. Mai -- an dem und jenem
Datum -- mit Herrn X. und Z. da und da gewesen seien -- auf kleinen
»Erholungsreisen« -- er ließ aus Sprechmaschinen alle Gespräche, die
geführt worden waren, vor den Entsetzten wiederholen, er zeigte ihnen,
daß Böden und Decken angebohrt waren und an jeder Öffnung Tag und Nacht
ein Auge und ein Ohr gelauert hatte -- bis die Königinnen Herzkrämpfe
bekamen. Dann setzte er sie auf die Straße.
Er fuhr wie ein Rachegott über Europa hin und entließ eine Schar seiner
Befehlshaber und Agenten.
Er verkaufte die Zechen in Westfalen und die Eisenhütten in Belgien,
er zog sein Geld von der schweren Industrie zurück, wo immer es anging
und warf es auf andere Werte, die momentan mehr Aussichten hatten. Mit
brutaler Rücksichtslosigkeit stellte er die Grundstückspekulanten in
London, Paris und Berlin, die Bodenwerte in Biskaya und Azora besaßen
und infolge der Krise mit den Zahlungen in Rückstand gekommen waren.
Sie mußten den tiefen Sturz machen. Eine Menge kleiner Banken ging in
Splitter. S. Woolf kannte keine Gnade, er kämpfte um sein Leben. In
Petersburg hatte er gegen das hübsche Trinkgeld von drei Millionen
Rubel eine hundert Millionen Rubel Holzkonzession in Nordsibirien
erhalten, die sich mit zwanzig Prozent rentierte. Er verwandelte
das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft und zog die Hälfte des
Syndikatkapitals zurück. Aber unter solch gerissenen Bedingungen,
daß das Syndikat in Zukunft nahezu das gleiche Einkommen hatte. Die
Manipulationen streiften das Gesetzbuch -- aber für den äußersten Fall
hatte er seine Trinkgelder bei der Hand. Er schuf Geld, wo immer er
konnte.
Ein Mann wie S. Woolf kann sich -- bei einer ununterbrochenen
schärfsten Einstellung auf alle Erfahrungen, alles Wissen -- nur
auf seinen Instinkt verlassen. Wie ein Mathematiker in dem Wald
komplizierter Formeln verloren wäre, wenn er den Gedanken Herr über
sich werden ließe, daß am Anfang ein Fehler sei, so wurde ein Mann wie
S. Woolf nur durch die Überzeugung aufrecht erhalten, daß alles, was er
getan hatte, das einzig Richtige gewesen war. S. Woolf folgte seinem
Instinkt. Er _mußte_ siegen, er glaubte es.
Die europäische Hetzjagd ließ ihm zu nichts anderem Zeit. Aber er
konnte es nicht übers Herz bringen, nach Amerika zurückzukehren, ohne
seinen Vater besucht zu haben. Er gab ein dreitägiges Fest, an dem ganz
Szentes teilnahm. Hier in seiner Heimat, in dem gleichen ungarischen
Nest, in dem ihn eine arme Frau zur Welt gebracht hatte, sollten ihn
die ersten beunruhigenden Telegramme einholen.
Einige seiner kleineren Spekulationen waren mißglückt, die Vorposten
seiner Armee geschlagen. Das erste Telegramm schob er gleichmütig in
seine weite amerikanische Hosentasche. Beim zweiten hörte er plötzlich
die Sänger nicht mehr, als sei er für Momente taub geworden, und beim
dritten ließ er anspannen und fuhr zur Station. Er hatte kein Auge für
die in der Sonne röstende, wohlbekannte Landschaft, sein Auge sah in
die Ferne, bis New York, in Mac Allans Gesicht!
In Budapest erwartete ihn eine neue Hiobsbotschaft: der
Baumwollen-Corner war nicht länger ohne Riesenverluste zu halten und
der Agent wollte wissen, ob er verkaufen solle. S. Woolf zögerte. Er
schwankte, aber nicht aus Überlegung, sondern aus Unsicherheit. Vor
drei Tagen noch hätte er Millionen an der Baumwolle gewonnen und doch
hatte er keinen Ballen unter seinem Preis abgegeben. Warum? Er kannte
die Baumwolle, denn er hatte drei Jahre nur in Baumwolle gearbeitet.
Er kannte den Markt, Liverpool, Chikago, New York, Rotterdam, New
Orleans -- jeden einzelnen Broker -- er kannte das Gesetz der Kurse,
tauchte täglich in die Zahlenwälder der Börsen unter, er lauschte
mit seinem feinen Ohr über die Welt und empfing täglich ungezählte
drahtlose Telegramme, die durch die Luft gehen und die nur jene
aufnehmen und entziffern können, die mit den Chiffern vertraut sind.
Er war wie ein Seismograph, das die feinsten Erschütterungen und Beben
aufzeichnet, und registrierte jede Schwankung des Marktes.
In Budapest nahm er den Expreß nach Paris und erst in Wien gab er dem
Agenten in Liverpool Order zu verkaufen. Er verlor Blut dabei -- es war
eine aufgeflogene Festung! -- aber er hatte plötzlich nicht mehr den
Mut, alles zu riskieren.
Eine Stunde später schon bereute er diese Order, aber er konnte
sich nicht entschließen, sie zu widerrufen. Zum erstenmal in seiner
Tätigkeit _mißtraute_ er seinem Instinkt.
Er fühlte sich matt, schlaff wie nach einer Orgie, ohne Entschluß und
wartete auf etwas. Es kam ihm vor, als sei schwächendes Gift in sein
Blut gekommen. Böse Ahnungen durchschauerten ihn und zuweilen hatte er
leichtes Fieber. Er fiel in Halbschlaf, aber bald wachte er wieder auf.
Er träumte, er spreche durch seinen Officeapparat mit den Vertretern
der großen Städte und alle -- einer nach dem andern -- riefen ihm durch
das Telephon zu, daß alles verloren sei. Er erwachte, als die Stimmen
sich zu einem lamentierenden Unglückschor vereinigten. Aber was er
gehört hatte, war nichts als das Schleifen des Zuges, der bei einer
Kurve die Bremsen angeschlagen hatte. Er saß und starrte in die kalte
Lampe an der Decke des Abteils. Dann nahm er sein Notizbuch zur Hand
und begann zu rechnen. Während er rechnete, schlich sich eine Lähmung
durch seine Füße und Arme und kroch auf das Herz zu: er wagte nicht,
die Verluste in Liverpool mit nackten Zahlen hinzuschreiben.
>Ich darf nicht verkaufen!< sagte er zu sich. >Ich will telegraphieren,
sobald der Zug hält. Warum haben sie kein Telephon im Zug, diese
Hinterwäldler? Wenn ich jetzt verkaufe, so bin ich tot, im Fall das
Zinn nicht vierzig Prozent bringt und das ist unmöglich! Ich muß alles
riskieren, das ist die letzte Möglichkeit!<
Er sprach Ungarisch! Auch das war merkwürdig, denn gewöhnlich machte er
seine Geschäfte in Englisch, die einzige Sprache, in der man über Geld
richtig reden kann.
Als aber der Zug plötzlich stillstand, hielt ihn eine Lähmung auf
dem Polster zurück. Er dachte daran, daß seine ganze Armee mit allen
Reserven jetzt im Feuer stand. Und er glaubte nicht an diese Schlacht,
nein! Sein Kopf war voller Zahlen. Wo er hinblickte standen Posten,
sieben-, achtstellige. Zahlenstaffeln, Summen von enormer Länge. Diese
Zahlen waren alle akkurat gedruckt, kalt, aus Eisen geschnitten. Diese
Zahlen erschienen ganz von selbst, sie veränderten sich willkürlich,
sie schwenkten eigenwillig von der Debet- zur Kreditseite über, oder
sie verschwanden plötzlich, als seien sie erloschen. Ein verwirrendes
Kaleidoskop, in dem Zahlen rasselten. Wie Schuppenpanzer klirrten sie
nieder, winzig klein, oder sie glommen in gigantischer Größe einsam
und düster drohend im öden schwarzen Raum. Sie setzten ihn in kalten
Schweiß und er befürchtete, irrsinnig zu werden. So groß und grausam
war ihre Wut, daß er in seiner Hilflosigkeit weinte.
Totgehetzt von Zahlen kam er in Paris an. Nach einigen Tagen erst fand
er seine Ruhe einigermaßen zurück. Es ging ihm wie einem Mann, der
ohne jedes Anzeichen von Krankheit plötzlich auf der Straße umsinkt
und, obwohl nach einigen Stunden wieder hergestellt, doch nur mit
Bangen an dieses Symptom von Verfall denkt.
Eine Woche später erfuhr er, daß sein Instinkt ihn nicht betrogen hatte.
Der Baumwollen-Corner war, sobald er verkaufte, in andere Hände
übergegangen. Ein Konsortium hatte ihn an sich gebracht, eine Woche
gehalten und mit einem Millionengewinn verkauft.
S. Woolf schäumte vor Wut! Wenn er seinem Instinkt gefolgt wäre, so
wäre er jetzt auf solidem Grund!
Das war sein erster großer Fehler. Aber in den nächsten Tagen beging
er den zweiten. Er hielt das Zinn zu lange. Drei Tage zu lange und
verkaufte dann. Er gewann noch immer, aber vor drei Tagen hätte er
das Doppelte gewonnen. Er gewann zwölf Prozent, vor drei Tagen hätte
er fünfundzwanzig gewonnen. Fünfundzwanzig! und er wäre in Sicht des
Festlandes gewesen! S. Woolf wurde grau im Gesicht.
Was war es, daß er nun Fehler über Fehler machte? Die Baumwolle
verkaufte er eine Woche zu früh, das Zinn drei Tage zu spät! Er war
unsicher geworden, nichts sonst. S. Woolfs Hände waren fortwährend mit
Schweiß bedeckt und zitterten. Er taumelte zuweilen auf der Straße, von
einer plötzlichen Schwäche überfallen, und häufig fehlte ihm der Mut,
über einen Platz zu gehen.
Es war Oktober. Es war genau der zehnte Oktober, der Jahrestag der
Katastrophe. Er hatte noch drei Monate Zeit und es gab noch immer eine
geringe Möglichkeit, daß er sich rettete. Aber er mußte ein paar Tage
ruhen und sich erholen.
Er reiste nach San Sebastian.
Aber gerade als er drei Tage da war und sich sein Zustand schon soweit
gebessert hatte, daß ihn die Damen zu interessieren anfingen, erreichte
ihn ein Telegramm Allans: seine persönliche Anwesenheit in New York sei
unbedingt erforderlich. Allan erwarte ihn mit dem nächsten Dampfer.
S. Woolf nahm den nächsten Zug.
6.
Eines Tages im Oktober hatte sich zu Allans großer Verwunderung Ethel
Lloyd bei ihm anmelden lassen.
Sie trat ein und warf einen raschen Blick durchs Zimmer. »Sind Sie
allein, Allan?« fragte sie lächelnd.
»Ja, Fräulein Lloyd, ganz allein.«
»Das ist gut!« Ethel lachte leise. »Haben Sie keine Angst, ich bin
kein Erpresser. Pa schickt mich zu Ihnen. Ich soll einen Brief an Sie
abgeben, aber nur, wenn Sie allein sind.«
Sie zog einen Brief aus dem Mantel.
»Danke,« sagte Allan und nahm den Brief in Empfang.
»Es ist gewiß etwas merkwürdig,« fuhr Ethel lebhaft fort, »aber Pa ist
so sonderbar in manchen Dingen.« Und Ethel begann frisch und ungeniert,
wie es ihre Art war, zu plaudern und hatte Allan, der mit den Worten
sparsam umging, bald in ein Gespräch gezogen, dessen Kosten sie
größtenteils bestritt. »Sie sind in Europa gewesen?« fragte sie. »Ja,
wir haben eine wunderbare Sache diesen Sommer gemacht, zu fünft, zwei
Herren, drei Damen. Wir fuhren in einem Zigeunerwagen bis nach Kanada
hinauf. Immer in frischer Luft. Schliefen im Freien, kochten selbst, es
war wunderbar! Wir hatten ein Zelt mit uns und ein kleines Ruderboot
auf dem Dach des Wagens. -- Das sind wohl Pläne?«
Mit der ihr eignen Freimut ließ Ethel den Blick durch den Raum gehen,
ein nachdenkliches Lächeln auf den schöngeschwungenen, lebhaft rot
gefärbten Lippen. (Das war momentan Mode.) Sie trug einen seidenen
Mantel von der Farbe angereifter Pflaumen, einen kleinen runden Hut,
der eine Nuance heller war und von dem eine graublaue Straußenfeder bis
zur Schulter herabhing. Das matte, verwischte Graublau ihres Kostüms
ließ ihre Augen viel blauer erscheinen, als sie wirklich waren. Wie
dunkeln Stahl.
Allans Arbeitsraum war erschreckend nüchtern. Ein abgetretener
Teppich, ein paar Ledersessel, ohne die es nicht geht, ein Tresor. Ein
halbes Dutzend Arbeitstische mit Stößen von Schriftstücken, die mit
Bruchproben von Stahl beschwert waren. Regale mit Rollen und Mappen.
Ein Wust von Papieren, scheinbar willkürlich durch den Raum gefegt. Die
Wände des großen Raumes waren vollkommen mit riesigen Plänen bedeckt,
die die einzelnen Baustrecken darstellten. Mit den fein eingezeichneten
Meerestiefenmaßen und der angetuschten Tunnelkurve sahen sie aus wie
Zeichnungen von Hängebrücken.
Ethel lächelte. »Wie hübsch Sie Ordnung halten!« sagte sie.
Die Nüchternheit des Raumes enttäuschte sie nicht. Sie dachte an »Pa's«
Bureau, dessen ganze Ausstattung aus einem Schreibtisch, einem Sessel,
Telephon und Spucknapf bestand.
Dann sah sie Allan in die Augen. »Ich glaube, Allan, Ihre Arbeit ist
die interessanteste, die je ein Mensch ausführte!« sagte sie mit einem
Blick voll aufrichtiger Bewunderung. Plötzlich aber sprang sie entzückt
auf und klatschte in die Hände.
»Ja, Gott, was ist das!« rief sie begeistert aus. Ihr Blick war durchs
Fenster gefallen und sie sah New York liegen.
Aus tausend flachen Dächern stiegen dünne weiße Dampfsäulen empor in
die Sonne, schnurgerade. New York arbeitete, New York stand unter Dampf
wie eine Maschine, die aus allen Ventilen pfeift. Die Fensterfronten
der zusammengerückten Turmhäuser blitzten. Tief unten im Schatten
der Broadwayschlucht krochen Ameisen, Punkte und winzige Kärrchen.
Von oben gesehen sahen Häuserblöcke, Straßen und Höfe wie Zellen
aus, Waben eines Bienenstockes, und man wurde unwillkürlich zu dem
Gedanken gedrängt, daß die Menschen diese Zellen aus einem ähnlichen
animalischen Instinkt erbauten, wie die Bienen die Waben. Zwischen zwei
Gruppen von weißen Wolkenkratzern sah man den Hudson und darauf zog ein
winziger Dampfer, ein Spielzeug mit vier Kaminen, ein Ozeangigant von
50000 Tonnen.
»Ist es nicht herrlich!« rief Ethel wieder und wieder aus.
»Haben Sie New York noch nie von der Höhe aus gesehen?«
Ethel nickte. »Doch,« sagte sie, »ich bin zuweilen mit Vanderstyfft
darüber geflogen. Aber in der Maschine zieht es so, daß man immer den
Schleier festhalten muß und nichts sieht.«
Ethel sprach natürlich und schlicht und ihr ganzes Wesen strömte
Einfachheit und Herzlichkeit aus. Und Allan fragte sich, weshalb er
sich in ihrer Nähe nie ganz behaglich fühlte. Er vermochte es nicht,
ohne Rückhalt mit ihr zu plaudern. Vielleicht irritierte ihn nur ihre
Stimme. Im großen und ganzen gibt es in Amerika zwei Arten weiblicher
Stimmen: eine weiche, die ganz tief im Kehlkopf klingt (so sprach
Maud), und eine scharfe, etwas nasale, die sich keck und aufdringlich
anhört. So war Ethels Stimme.
Dann ging Ethel. Unter der Türe fragte sie Allan noch, ob er nicht
gelegentlich auf ihrer Jacht einen kurzen Ausflug mitmachen wolle.
»Ich habe gegenwärtig viele Verhandlungen, die meine ganze Zeit
beanspruchen,« lehnte Allan ab und riß Lloyds Brief auf.
»Nun, dann ein andermal! ~Good bye!~« rief Ethel fröhlich und ging.
Der Brief Lloyds enthielt nur ein paar Worte. Er war ohne Unterschrift:
»Haben Sie ein Auge auf S. W.«
S. W. war S. Woolf. Allan hörte plötzlich das Blut in den Ohren sieden.
Wenn Lloyd ihn warnte, so geschah es nicht ohne Grund! War es Lloyds
Instinkt, der Verdacht schöpfte? Lloyds Spione? Schlimme Ahnungen
erfüllten ihn. Geldgeschäfte waren nicht seine Sache und er hatte sich
nie um S. Woolfs Ressort gekümmert. Das war Sache des Verwaltungsrates
und es war all die Jahre ausgezeichnet gegangen.
Er rief sofort Rasmussen, den Vertreter S. Woolfs, zu sich. Ganz
unauffällig bat er ihn, eine Kommission vorzuschlagen, die zusammen
mit ihm, Rasmussen, den gegenwärtigen finanziellen Stand des Syndikats
genau festsetzen sollte. Er wolle die Arbeit bald aufnehmen und wissen,
welche Summen sich in nächster Zeit flüssig machen ließen.
Rasmussen war ein distinguierter Schwede, der seine europäischen
Höflichkeitsformen während eines zwanzigjährigen Aufenthaltes in
Amerika bewahrt hatte.
Er verbeugte sich und fragte: »Wünschen Sie die Kommission noch heute
vorgeschlagen zu erhalten, Herr Allan?«
Allan schüttelte den Kopf. »So eilig ist es durchaus nicht, Rasmussen.
Aber morgen vormittag. Werden Sie bis dahin Ihre Wahl treffen können?«