Allan lachte: »Das könnte ihnen passen!«

Aus der Bohrmaschine schlüpfte ein rothaariger Mensch von ungeheurem

Knochenbau, mit langen Gorillaarmen. Eine Säule von Dreck und Öl,

grauen Staubbrei auf den schläfrigen Augendeckeln. Er sah wie ein

Gesteinschlepper aus, war aber einer der ersten Ingenieure Allans,

ein Irländer namens O'Niel. Sein rechter Arm blutete und das Blut

vermischte sich mit dem Schmutz zu einer schwarzen Masse, wie

Wagenschmiere. Er spie unausgesetzt Staub aus und nieste. Ein Arbeiter

überspritzte ihn mit Wasser, wie man einen Elefanten duscht. O'Niel

drehte und bückte sich im Wasserstrahl, vollkommen nackt, und kam

triefend zu Allan heran.

Allan gab ihm die Hand und deutete auf seinen Arm.

Der Irländer schüttelte den Kopf und strich mit den großen Händen das

Wasser aus den Haaren.

»Der Gneis wird grauer und grauer!« tutete er Allan ins Ohr. »Grauer

und härter. Der rote Gneis ist ein Kinderspiel dagegen. Wir müssen jede

Stunde neue Kronen auf die Bohrer setzen. Und die Hitze, pfui Teufel!«

»Wir gehen bald wieder in die Höhe!«

O'Niel grinste. »In drei Jahren!« heulte er.

»Habt ihr kein Wasser voraus?«

»Nein.«

Plötzlich wurden sie alle grün und gespenstisch fahl: der Japaner hatte

seinen Lichtkegel auf sie gerichtet.

O'Niel schob Allan ohne weiteres zur Seite, die Bohrmaschine kam zurück.

Allan wartete drei Ablösungen ab, dann kletterte er auf einen

Gesteinszug und fuhr mit Harriman und Hobby zurück. Sie schliefen

augenblicklich erschöpft ein, aber Allan empfand, obschon er schlief,

noch lange Zeit jede Störung, der der Zug auf seiner vierhundert

Kilometer langen Reise nach oben begegnete. Die Bremsen schlugen an,

die Waggons stießen zusammen, daß Steine auf die Geleise rollten.

Gestalten kletterten herauf, Rufe, ein rotes Licht blendete. Der Zug

schleppte sich über eine Weiche und hielt lange Zeit. Allan erwachte

halb und sah dunkle Gestalten, die über ihn stiegen.

»Das ist Mac, tritt nicht auf ihn.«

Der Zug fuhr, hielt, fuhr wieder. Plötzlich aber begann er zu rasen

und es schien Allan, als flögen sie dahin und er fiel in einen tiefen

Schlaf.

Er erwachte, als das grelle, grausame Licht des Tages wie ein

gleißendes Messer nach seinen Augen stieß.

Der Zug hielt vor dem Stationsgebäude und Mac City atmete auf: Das

»jüngste Gericht« war vorüber und es war glimpflich abgelaufen.

Die Ingenieure gingen in den Baderaum. Hobby lag wie schlafend in

seinem Bassin und rauchte eine Zigarette. Harriman dagegen plusterte

und zischte wie ein Nilpferd.

»Kommst du mit zum Frühstück, Hobby?« fragte Allan. »Maud wird schon

wach sein. Es ist sieben Uhr.«

»Ich muß schlafen,« erwiderte Hobby mit der Zigarette im Mund. »Heute

nacht muß ich wieder hinein. Aber ich komme bestimmt zum Abendessen.«

»Schade, dann bin ich nicht hier.«

»New York?«

»Nein, Buffalo. Wir probieren einen neuen Bohrertyp, den der fette

Müller erfunden hat.« Hobby interessierte sich nicht sehr für Bohrer

und so sprang er auf den fetten Müller über. Er lachte leise.

»Pendleton hat mir gestern aus Azora geschrieben, Mac,« sagte er

schläfrig, »dieser Müller soll ja schrecklich saufen!«

»Diese Deutschen saufen ja alle wie die Stiere,« warf Allan ein und

behandelte seine Füße mit der Bürste.

»Pendleton schreibt, er gibt Gartenfeste und säuft alle unter den

Tisch.«

In diesem Augenblick ging der kleine Japaner an ihnen vorbei,

geschniegelt und gebügelt; er hatte schon die zweite Schicht hinter

sich. Er grüßte höflich.

Hobby öffnete ein Auge. »~Good morning, Jap!~« rief er.

»Das ist ein tüchtiger Kerl!« sagte Allan, als der Japaner die Türe

hinter sich zuzog.

Vierundzwanzig Stunden später war der tüchtige Kerl schon längst tot.

2.

Am nächsten Morgen, einige Minuten vor vier Uhr, ereignete sich die

Katastrophe.

Der Ort, an dem die Bohrmaschine des vorgetriebenen Südstollens an

diesem unglückseligen 10. Oktober den Berg zermalmte, war genau

vierhundertundzwanzig Kilometer von der Mündung des Tunnels entfernt.

Dreißig Kilometer dahinter arbeitete die Maschine des Parallelstollens.

Der Berg war soeben geschossen worden. Der Scheinwerfer, mit dem der

kleine Japaner von gestern die Befehle erteilte, blendete kreideweiß

in das rollende Gestein und die Rotte halbnackter Menschen, die den

rauchenden Schuttberg emporjagte. In diesem Augenblick streckte einer

die Arme empor, ein zweiter stürzte hintenüber, ein dritter versank

urplötzlich. Der rauchende Schuttberg rollte rasend schnell vorwärts,

Leiber, Köpfe, Arme und Beine verschlingend wie eine wirbelnde Lawine.

Der tobende Lärm der Arbeit wurde verschlungen von einem dumpfen

Brummen, so ungeheuer, daß das menschliche Ohr es kaum noch aufnahm.

Ein Druck umklammerte den Kopf, daß die Trommelfelle zerrissen. Der

kleine Japaner versank plötzlich. Es wurde schwarze Nacht. Niemand

von all den »Höllenmännern« hatte mehr gesehen als einen taumelnden

Menschen, einen verzerrten Mund, einen sinkenden Pfosten. Niemand hatte

etwas gehört. Die Bohrmaschine, dieses Panzerschiff aus Stahl, das die

Kraft von zwei Schnellzugslokomotiven vorwärts bewegte, wurde wie eine

Wellblechbaracke aus den Schienen gehoben, gegen die Wand geschleudert

und zerdrückt. Die Menschenleiber flogen in einem Hagel von Felsblöcken

wie Projektile durch die Luft, die eisernen Gesteinskarren wurden

weggefegt, zerfetzt, zu Klumpen geballt; der Wald aus Pfosten krachte

zusammen und begrub mit dem niedergehenden Gestein alles unter sich,

was lebte.

Das geschah in einer einzigen Sekunde. Einen Augenblick später war es

totenstill und das Dröhnen der Explosion donnerte in der Ferne.

Die Explosion richtete auf eine Entfernung von fünfundzwanzig

Kilometern Verwüstungen an und der Tunnel brüllte achtzig Kilometer

weit auf -- als donnere der Ozean in die Stollen. Hinter dem Gebrüll

aber, das wie eine große eherne Kugel in die Ferne rollte, kam die

Stille, eine _fürchterliche_ Stille -- dann Staubwolken -- und hinter

dem Staub Rauch: der Tunnel brannte!

Aus dem Rauch kamen Züge gerast, mit Trauben von entsetzten Menschen

behangen, dann kamen unkenntliche Gespenster zu Fuß angestürzt, in der

Finsternis, und dann kam nichts mehr.

Die Katastrophe trat unglücklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein

und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfünfhundert

Menschen zusammengedrängt. Mehr als die Hälfte war in einer Sekunde

zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschüttet und niemand hatte

einen Schrei gehört.

Dann aber -- als das Dröhnen der Explosion in der Ferne verhallte --

wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten

Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelächter,

von hohen winselnden Tönen des letzten Schmerzes, von Hilferufen,

Verwünschungen, Röcheln und tierischem Gebrüll. An allen Ecken begann

es zu wühlen und sich zu regen. Geröll rieselte, Bretter splitterten,

es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der

Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur

Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und

kauerte betäubt auf dem Schutthaufen.

»Wo seid ihr?!« schrie er, »In Gottes Namen!!« Fortwährend schrie er

dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches

Stöhnen. Der Mensch aber brüllte lauter und lauter vor Entsetzen und

Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.

Plötzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerte ein

Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines hausähnlichen

Trümmerhaufens und plötzlich schoß eine schwelende Feuergarbe

empor. Der Mensch, ein Neger, stieß einen Schrei aus, der in ein

entsetztes Röcheln überging: denn -- Gott sei mir gnädig! -- mitten

in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die

Flamme empor, ein qualmendes Bündel mit gelbem Chinesengesicht, ein

schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos höher

und höher, so daß es haushoch oben zu hängen schien, dann rutschte

es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem

verstörten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.

»Hobby!« brüllte er. »Hobby!«

Aber Hobby hörte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, stürzte in die

Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, röchelte und schnappte

nach Luft. Eine Weile kauerte er betäubt am Boden, ein dunkler Klumpen

im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf

beide Hände und begann nun langsam, mechanisch, vorwärts zu kriechen,

instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhörlich seinen Namen schrie.

Unerwartet stieß er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger

hockte mit blutüberströmten Gesicht da und brüllte. Bald blinkten ihn

zwei weiße Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer

wieder ein Auge des Negers anfüllte und er es krampfhaft aufreißen

mußte.

Sie hockten einander eine Weile gegenüber und sahen sich an.

»Fort!« flüsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch

auf.

Der Neger griff nach ihm.

»Hobby!« heulte er entsetzt. »Hobby, was ist geschehen?!«

Hobby leckte sich die Lippe ab und versuchte zu denken.

»Fort!« flüsterte er dann wieder mit heiserer Stimme, immer noch

betäubt.

Der Neger klammerte sich an ihn und wollte sich aufrichten, stürzte

aber schreiend zu Boden. »Mein Fuß!« heulte er. »Großer Gott im Himmel

-- was ist mit meinem Fuß --?!«

Hobby vermochte nicht zu denken. Ganz instinktiv tat er, was man tut,

wenn ein Mensch niederfällt. Er versuchte den Neger aufzuheben. Aber

sie stürzten beide zu Boden.

Hobby fiel mit dem Kinn gegen einen Balken, so heftig, daß sein Schädel

krachte. Der Schmerz rüttelte ihn auf. In seiner Betäubung war es ihm,

als habe er einen Schlag gegen den Kiefer erhalten, und er richtete

sich, halb bewußtlos, zu einer verzweifelten Gegenwehr. Da aber --

da aber ging etwas Merkwürdiges mit ihm vor. Er sah keinen Gegner,

seine Hände hatten sich im Schutt geballt. Hobby wurde wach. Plötzlich

_wußte_ er, daß er im Stollen war und daß etwas Furchtbares geschehen

sein mußte --! Er begann zu zittern, all seine Rückenmuskeln, die sich

nie in seinem Leben so bewegt hatten, zuckten konvulsivisch wie die

Muskeln eines erschrockenen Pferdes.

Hobby verstand.

»Katastrophe ...« dachte er.

Er richtete sich halb auf und sah, daß die Bohrmaschine brannte. Zu

seinem Erstaunen sah er Haufen nackter und halbnackter Menschen in

den erschreckendsten Verrenkungen auf dem Schutt liegen und sie alle

regten sich nicht. Er sah, daß sie überall lagen, neben ihm, rings

umher. Sie lagen mit offenem Mund, lang hingestreckt mit zermalmten

Köpfen, eingeklemmt zwischen Pfosten, aufgespießt, in Stücke zerfetzt.

Überall lagen sie! Hobbys Haare flogen. Sie lagen verschüttet bis zum

Kinn, zusammengerollt zu einem Knäuel, und soviele Steinblöcke, Balken,

Pfosten und Karrentrümmer es hier gab, ebenso viele Köpfe, Rücken,

Stiefel, Arme und Hände starrten aus dem Schutt. Mehr! Hobby schrumpfte

ein vor Grauen, es schüttelte ihn, daß er sich festhalten mußte, um

nicht hinzuschlagen. Jetzt verstand er auch die sonderbaren Laute, die

nah und fern den halbdunklen Stollen füllten. Dieses Miauen, Greinen,

Winseln, Schnauben und Brüllen wie von Tieren -- diese unerhörten, nie

gehörten Laute --: das waren Menschen! Seine Haut, sein Gesicht und

seine Hände erstarrten wie vor Kälte, seine Füße waren gelähmt. In

seiner nächsten Nähe saß ein Mensch, dem das Blut aus dem Mundwinkel

lief wie aus einem Brunnen. Der Mensch atmete nicht mehr, aber er

hielt die hohle Hand darunter und Hobby hörte das Blut plätschern und

rieseln. Es war der kleine Japaner. Er erkannte ihn. Plötzlich sank

seine Hand herab und sein Kopf neigte sich, bis er aufschlug.

»Fort, fort!« flüsterte Hobby, vom Grauen geschüttelt. »Wir müssen fort

von hier!«

Der Neger griff nach Hobbys Gürtel und half mit seinem unverletzten

Fuß nach, so gut es ging. So krochen sie zusammen durch das Gewirr von

Pfosten und Leichnamen und Gestein, den Schreien und tierischen Lauten

entgegen.

»Hobby!« stöhnte der Neger und schluchzte vor Angst und Entsetzen.

»Mister Hobby, ~the Lord bless your soul~ -- verlassen Sie mich nicht,

lassen Sie mich nicht hier! O, ~Lord, mercy~ --! Ich habe eine Frau und

zwei kleine Kinder draußen -- verlassen Sie einen armen Nigger nicht. O

Barmherzigkeit!«

Die brennende Bohrmaschine warf grelle, böse Lichtzacken und schwarze

flatternde Schatten in das dunkle Chaos und Hobby mußte darauf

achten, nicht auf Gliedmaßen und Köpfe zu treten, die aus dem Geröll

hervorragten. Plötzlich tauchte zwischen zwei umgeworfenen Eisenkarren

eine Gestalt auf, eine Hand tastete nach ihm und er fuhr zurück. Da sah

er in ein Gesicht, das ihn mit idiotischem Ausdruck anstarrte.

»Was willst du?« fragte Hobby, zu Tode erschrocken.

»Hinaus!« keuchte das Gesicht.

»Geh weg!« antwortete Hobby. »Das ist die falsche Richtung!«

Der Ausdruck des Gesichts änderte sich nicht. Aber es zog sich langsam

zurück. Und ohne jeden Laut verschwand die Gestalt, wie verschluckt vom

Schutt.

Hobbys Kopf war klarer geworden und er versuchte seine Gedanken zu

sammeln. Die Brandwunden schmerzten ihn, sein linker Arm blutete, aber

sonst war er heil. Er erinnerte sich, daß Allan ihn zu O'Niel mit einem

Auftrag geschickt hatte. Zehn Minuten vor der Explosion hatte er noch

bei den Gesteinskarren mit O'Niel, dem roten Irländer, gesprochen. Dann

war er in die Bohrmaschine geklettert. Weshalb, wußte er nicht mehr.

Er hatte die Maschine kaum betreten, als er fühlte, wie plötzlich der

Boden unter ihm schwankte. Er sah in ein Paar erstaunter Augen -- dann

sah er nichts mehr. Soweit wußte er alles, aber es war ihm rätselhaft,

wie er wieder aus der Bohrmaschine herausgekommen war. Hatte ihn die

Explosion herausgeschleudert?

Während er den stöhnenden und jammernden Neger hinter sich herzerrte,

überdachte er die Lage. Sie schien ihm nicht hoffnungslos zu sein.

Wenn er den Querschlag erreichte, in dem gestern der tote Monteur

lag, so war er gerettet. Dort gab es Verbandzeug, Sauerstoffapparate,

Notlampen. Er erinnerte sich deutlich, daß Allan die Lampen probiert

hatte. Der Querstollen lag rechts. Aber wie weit entfernt? Drei Meilen,

fünf Meilen? Das wußte er nicht. Gelang es ihm nicht, so mußte er

ersticken, denn der Rauch wurde mit jeder Minute stärker. Und Hobby

kroch verzweifelt vorwärts.

Da hörte er dicht in der Nähe eine Stimme seinen Namen keuchen. Er

hielt inne und lauschte mit fliegenden Lungen.

»Hierher!« keuchte die Stimme. »Ich bin es. O'Niel!«

Ja, O'Niel, der große Irländer war es. Er, dessen Knochen sonst

soviel Platz wegnahmen, saß eingerammt zwischen Pfosten, die rechte

Gesichtshälfte von Blut überströmt; grau, wie mit Asche bedeckt sah er

aus und seine Augen waren rote schmerzhafte Feuer.

»Ich bin fertig, Hobby!« keuchte O'Niel. »Was ist geschehen? Ich bin

fertig und leide schrecklich. Erschieße mich, Hobby!«

Hobby versuchte einen Balken zur Seite zu schieben. Er nahm alle Kraft

zusammen, stürzte aber plötzlich auf unerklärliche Weise zu Boden.

»Es hat keinen Wert, Hobby,« fuhr O'Niel fort. »Ich bin fertig und

leide! Erschieße mich und rette dich!«

Ja, O'Niel war fertig, Hobby sah es. Er nahm den Revolver aus der

Tasche. Die Waffe wog zentnerschwer in seiner Hand und er konnte den

Arm kaum heben.

»Mach' die Augen zu, O'Niel!«

»Warum sollte ich, Hobby --?« O'Niel lächelte ein verzweifeltes

Lächeln. »Sage Mac, ich habe keine Schuld -- danke, Hobby!«

Der Rauch beizte, aber der Feuerschein wurde immer schwächer, so daß

Hobby hoffte, er werde erlöschen. Dann gab es keine Gefahr mehr.

Da aber ertönten zwei kurze, heftige Detonationen. »Das sind die

Sprenghülsen,« dachte er.

Gleich darauf wurde es heller. Ein hoher Pfosten brannte lichterloh

und leuchtete weithin durch den Stollen. Da sah Hobby, wie einzelne

sich auswühlten und andere langsam, Schritt für Schritt vorwärts

kletterten, nackte, schmutzige Rücken und Arme, schwefelgelb im

Feuerschein. Es winselte und schrie aus dem Gestein, Hände ragten

heraus und winkten mit verkrampften Fingern, und dort hob sich der

Boden ruckweise in die Höhe, aber die Schuttlage sank immer wieder

herab.

Hobby kroch stumpf weiter. Er keuchte. Der Schweiß tropfte aus seinem

Gesicht und er war halb bewußtlos vor Anstrengung. Er achtete nicht auf

den Arm, der aus dem Schutt ragte und ihn am Fuß festhalten wollte,

apathisch kletterte er durch eine Traufe von Blut hindurch, die von der

Decke herabkam. Wieviel Blut ein Mensch hat! dachte er und nahm seinen

Weg direkt über einen Toten hinweg, der auf dem Bauche lag.

Der Neger, den ihm das Schicksal in dieser schrecklichen Stunde

zugeteilt hatte, klammerte die Arme um seinen Nacken und heulte und

weinte vor Schmerzen und Angst und zuweilen küßte er seine Haare und

flehte ihn an, ihn nicht zu verlassen.

»Mein Name ist Washington Jackson,« keuchte der Neger, »ich stamme aus

Athens in Georgia und heiratete Amanda Bell aus Danielsville. Vor drei

Jahren nahm ich den Tunnel-Job, als Steinträger. Ich habe zwei Kinder,

sechs und fünf Jahre alt.«

»Halt's Maul, Boy!« schrie Hobby. »Klammere dich nicht so fest.«

»O, Mister Hobby,« schmeichelte Jackson, »Sie sind gut, man sagt es --

o, Mister Hobby --« und er küßte Hobbys Haar und Ohr. Plötzlich aber,

da ihn Hobby auf die Hände schlug, überfiel ihn eine wahnsinnige Wut:

er glaubte, Hobby wolle ihn abschütteln. Mit aller Kraft schraubte er

die Hände um Hobbys Hals und keuchte: »Du meinst, du kannst mich hier

verrecken lassen, Hobby! Du meinst -- ach!« Und er fiel mit einem

lauten Schrei zu Boden, denn Hobby hatte ihm die Daumen in die Augen

gedrückt.

»Hobby, Mister Hobby,« flehte er winselnd und weinte und streckte die

Hände aus, »verlassen Sie mich nicht, bei Ihrer Mutter, Ihrer guten,

alten Mutter --«

Hobby rang nach Luft. Seine Brust schraubte sich zusammen, er wurde

steif und lang und glaubte, es gehe nun dahin mit ihm.

»Komm!« sagte er, als er wieder Atem bekam. »Du verfluchter Teufel! Wir

müssen unter diesem Zug durch! Wenn du mich wieder drosselst, so schlag

ich dich nieder!«

»Hobby, guter Mister Hobby!« Und Jackson kroch wimmernd und stöhnend,

mit einer Hand an Hobbys Riemen hängend, hinter Hobby her.

»~Hurry up you idiot~!« Hobbys Schläfen waren nahe am Zerspringen.

* * * * *

Der Stollen war in einer Länge von drei Meilen nahezu vollkommen

zerstört, von Pfosten und Gestein verschüttet. Überall kletterten

Gestalten, blutig, zerfetzt, schreiend, wimmernd, wortlos, und

keuchten so rasch wie möglich vorwärts. Sie kletterten über Gesteins-

und Materialzüge, die aus den Schienen gehoben waren, sie krochen

Schutthaufen hinauf und hinunter, zwängten sich zwischen Balken

hindurch. Je weiter sie vordrangen, desto mehr Gefährten begegneten

sie, die alle vorwärts hasteten. Hier war es ganz dunkel und nur ein

fahler Lichtzacken leckte zuweilen herein. Der Rauch drang vorwärts,

beizend, und sobald sie ihn in der Nase spürten, schlugen sie ein

verzweifeltes Tempo an.

Sie stiegen brutal über die Leiber der langsam kriechenden Verletzten

hinweg, sie schlugen einander mit den Fäusten zu Boden, um einen

einzigen kleinen Schritt zu gewinnen, und ein Farbiger schwang sein

Messer und stieß jeden blind nieder, der ihm in den Weg kam. Bei einer

engen Passage zwischen einem umgestürzten Waggon und einem Gewirr von

Pfosten gab es eine richtige Schlacht. Die Revolver knallten und die

Schreie der Getroffenen vermischten sich mit dem Wutgeheul jener, die

einander drosselten. Aber einer nach dem andern verschwand durch die

Spalte und die Verwundeten krochen stöhnend nach.

Dann wurde die Strecke freier. Hier standen weniger Züge im Wege und

die Explosion hatte nicht sämtliche Pfosten eingerissen. Aber hier

war es vollkommen dunkel. Keuchend, zähneknirschend, schweiß- und

blutüberströmt rutschten und kletterten die Fliehenden vorwärts. Sie

rannten gegen Balken und schrien auf, sie stürzten von einem Waggon

und suchten. Vorwärts! Vorwärts! Die Wut des Selbsterhaltungstriebes

ließ langsam nach und allmählich erwachte wieder ein Gefühl der

Kameradschaft.

»Hierher, hier ist der Weg frei!«

»Geht es hier durch?«

»Rechts an den Waggons!«

* * * * *

Drei Stunden nach der Katastrophe erreichten die ersten Leute aus

dem zerstörten Holzstollen den Parallelstollen. Auch hier war die

Lichtleitung zerstört. Es war finstere Nacht und alle stießen ein

Geheul der Wut aus. Kein Zug! Keine Lampen! Die Mannschaften des

Parallelstollens waren längst geflüchtet und alle Züge fort.

Der Rauch kam und das wahnwitzige Rennen begann von neuem.

Die Rotte glitt, lief, stürzte eine Stunde lang durch die Finsternis

vorwärts, dann brachen die ersten erschöpft zusammen.

»Es hat keinen Sinn!« schrien sie. »Wir können nicht vierhundert

Kilometer laufen!«

»Was sollen wir tun?«

»Warten, bis sie uns holen!«

»Holen? Wer soll kommen?«

»Wir verhungern!«

»Wo sind die Depots?«

»Wo sind die Notlampen?«

»Ja, wo sind sie?«

»Mac --!«

»Ja, warte Mac --!«

Und plötzlich flammte ihre Rachegier auf. »Warte Mac! Wenn wir

hinauskommen --!«

Aber der Rauch kam und sie stürzten wieder vorwärts, bis abermals ihre

Knie wankten.

»Hier ist eine Station, hallo!«

Die Station war dunkel und verlassen. Die Maschinen standen, alles war

von der Panik hinausgerissen worden.

Die Horde drang in die Station ein. Mit den Stationen waren sie

vertraut. Sie wußten, daß hier plombierte Kisten mit Nahrungsmitteln

standen, die man nur zu öffnen brauchte.

Es krachte und knackte in der Finsternis. Niemand war eigentlich

hungrig, denn das Entsetzen hatte den Hunger verscheucht. Aber

inmitten der Vorräte erwachte in ihnen ein wilder Instinkt, sich den

Magen anzufüllen, und sie stürzten sich wie Wölfe auf die Kisten.

Sie stopften die Taschen voll Nahrungsmittel. Noch mehr, sinnlos vor

Entsetzen und Wut verstreuten sie Säcke von Zwieback und getrocknetem

Fleisch, zerschlugen sie Flaschen zu Hunderten.

»Hier sind die Lampen!« schrie eine Stimme.

Es waren Notlampen mit Trockenbatterien, die man nur einzuschalten

hatte.

»Halt, nicht andrehen, ich schieße!«

»Warum nicht?«

»Es könnte eine Explosion geben!«

Dieser Gedanke allein genügte, um sie erstarren zu lassen. Vor Angst

wurden sie ganz still.

Aber der Rauch kam und wieder begann die Jagd.

Plötzlich hörten sie Geschrei und Schüsse. Licht! Sie stürzten durch

einen Querschlag in den Parallelstollen. Und da sahen sie gerade noch,

wie in der Ferne Haufen von Menschen um einen Platz auf einem Waggon

kämpften, mit Fäusten, Messern, Revolvern. Der Zug fuhr ab und sie

warfen sich verzweifelt auf den Boden und schrien: »Mac! Mac! Warte,

wenn wir kommen!«

3.

Die Panik fegte durch den Tunnel. Dreißigtausend Menschen fegte sie

durch die Stollen hinaus. Die Mannschaften in den unbeschädigten

Stollen hatten augenblicklich, als sie das Brüllen der Explosion

vernahmen, die Arbeit eingestellt.

»Das Meer kommt!« schrien sie und wandten sich zur Flucht. Doch die

Ingenieure hielten sie mit Revolvern in der Faust zurück. Als aber eine

Wolke von Staub hereinblies und verstörte Menschen angestürzt kamen,

hielt sie keine Drohung mehr zurück.

Sie schwangen sich auf die Gesteinszüge und jagten davon.

Bei einer Weiche entgleiste ein Zug und die nachfolgenden zehn Züge

waren plötzlich aufgehalten.

Die Horden drangen in den Parallelstollen ein und hielten hier die Züge

auf, indem sie sich mitten auf die Schienen stellten und schrien. Die

Züge waren aber schon gehäuft voller Menschen und es gab erbitterte

Kämpfe um einen Platz.

Die Panik war um so größer, als niemand wußte, was sich ereignet hatte

-- man wußte nur, daß etwas ganz Schreckliches geschehen war! Die

Ingenieure versuchten die Leute zur Vernunft zu bringen, als sich aber

immer mehr Züge voll entsetzter Menschen heranwälzten, die schrien:

»Der Tunnel brennt!« -- und als der Rauch aus den finstern Stollen

hervorkroch, wurden auch sie von der Panik ergriffen. Alle Züge rollten

auswärts. Die einfahrenden Züge mit Material und Ablösungsmannschaften

wurden durch das wilde Geschrei der vorbeijagenden Menschenhaufen

abgestoppt und begannen hierauf ebenfalls auswärts zu fahren.

So kam es, daß zwei Stunden nach der Katastrophe der Tunnel auf hundert

Kilometer vollkommen verlassen war. Auch die Maschinisten in den innern

Stationen waren entflohen und die Maschinen standen still. Nur da und

dort waren ein paar mutige Ingenieure in den Stationen zurückgeblieben.

Ingenieur Bärmann verteidigte den letzten Zug.

Dieser Zug bestand aus zehn Waggons und stand im fertigen Teil des

»Fegfeuers«, wo die eisernen Rippen genietet wurden, fünfundzwanzig

Kilometer hinter dem Ort der Katastrophe. Die Lichtanlage war auch hier

zerstört. Aber Bärmann hatte Akkumulatorenlampen aufgestellt, die in

den Rauch hineinblendeten.

Dreitausend Mann hatten im »Fegfeuer« gearbeitet, zweitausend etwa

waren schon fort, die letzten tausend wollte Bärmann mit seinem Zug

befördern.

Sie kamen in Truppen angekeucht und stürzten sich toll vor Schrecken

auf die Waggons. Immer mehr kamen. Bärmann wartete geduldig und

zäh, denn manche »Fegfeuerleute« hatten drei Kilometer bis zum Zug

zurückzulegen.

»Fahren! Abfahren!«

»Wir müssen auf sie warten!« schrie Bärmann. »~No dirty business now!~

Ich habe sechs Kugeln im Revolver!«

Bärmann war ein ergrauter, kleiner Mann, kurzbeinig, ein Deutscher, und

verstand keinen Spaß.

Er ging hin und her, am Zug entlang, und wetterte und fluchte zu den

Köpfen und Fäusten hinauf, die sich droben im Rauch aufgeregt bewegten.

»Keine Schweinereien, ihr kommt alle hinaus!«

Bärmann hatte den Revolver schußbereit in der Hand. (Bei der

Katastrophe zeigte es sich, daß alle Ingenieure mit Revolvern

ausgerüstet waren.)

Zuletzt, als die Drohungen lauter wurden, postierte er sich neben

dem Maschinisten der Führungsmaschine auf und drohte ihm, ihn

niederzuschießen, wenn er ohne Befehl abfahren sollte. Jeder Puffer,

jede Kette des Zuges hing voller Menschen und alle schrien: »Fahren,

fahren!«

Aber Bärmann wartete immer noch, obschon der Rauch unerträglich wurde.

Da krachte ein Schuß und Bärmann schlug zu Boden und nun fuhr der Zug.

Horden verzweifelter Menschen rannten ihm nach, rasend vor Wut, um

endlich atemlos, keuchend, Schaum vor dem Mund, stehenzubleiben.

Und dann machten sich diese Horden der Zurückgebliebenen auf den

vierhundert Kilometer langen Weg über Schwellen und Schutt. Und je

weiter sie sich wälzten, desto drohender wurde der Ruf: »Mac, du bist

ein toter Mann!«

Hinter ihnen aber, weit hinter ihnen, kamen noch mehr, immer noch mehr,

immer andere.

Es begann das schreckliche Laufen im Tunnel, dieses Laufen um das

Leben, von dem später die Zeitungen voll waren.

Die Horden wurden wilder und toller, je länger sie liefen, sie

zerstörten die Depots, die Maschinen, und selbst dann, als sie die

Strecke erreichten, wo noch das elektrische Licht brannte, nahm ihre

Wut und Angst nicht ab. Und als der erste Rettungszug erschien, der

alle, für die gar keine Gefahr mehr bestand, hinausbringen sollte,

kämpften sie mit dem Messer und dem Revolver, um zuerst auf den Zug zu

kommen.

* * * * *

Zur Zeit als sich tief drinnen im Tunnel die Katastrophe ereignete, war

es noch Nacht in Mac City. Es war düster. Das schwere massige Gewölk

des Himmels glomm düsterrot im hellen Nachtschweiß der schlaflosesten

Stadt dieser schlaflosen Zeit.

Mac City fieberte und lärmte wie am Tage. Bis zum Horizont war die

Erde bedeckt von ewig bewegten glühenden Lavaströmen, aus denen

Funken, Feuerblitze und Dampf stiegen. Myriaden wimmelnder Lichter

schossen hin und her, wie Infusorien im Mikroskop. Die Glasdächer der

Maschinenhallen auf den Terrassen des Trasseneinschnittes funkelten wie

grünes Eis in einer mondhellen Winternacht. Pfeifen und Glocken schrien

gierig und ringsum hämmerte das Eisen und die Erde bebte.

Die Züge schossen hinab, herauf, wie sonst. Die ungeheuren Maschinen,

Dynamos, Pumpen, Ventilatoren spielten und klangen in den blitzblanken

Hallen.

Es war kühl und die Mannschaften, die aus dem backofenwarmen Tunnel

kamen, rückten frierend zusammen und stürzten, sobald der Zug hielt,

zähneklappernd in die Kantine, um heißen Kaffee oder Grog zu trinken.

Dann sprangen sie laut und polternd in die elektrischen Cars, die sie

nach ihren Kasernen und Häusern brachten.

Schon wenige Minuten nach vier Uhr ging das Gerücht um, daß im Tunnel

ein Unglück passiert sei. Ein Viertel nach vier Uhr wurde Harriman

aufgeweckt und erschien verschlafen und fast zusammenbrechend vor

Müdigkeit im Zentralbüro.

Harriman war ein energischer und entschlossener Mann, hart geworden

auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Gerade heute aber befand er sich

in einer elenden Verfassung. Er hatte die ganze Nacht über geweint.

Denn ein Telegramm hatte ihn abends erreicht, daß sein Sohn, das

Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben war, in China dem Fieber

erlegen sei. Schwer und schrecklich hatte er gelitten und schließlich

eine doppelte Dosis Schlafpulver genommen, um einschlafen zu können.

Er schlief jetzt noch, während er in den Tunnel hineintelephonierte,

um näheres über die Katastrophe zu erfahren. Niemand wußte etwas

und Harriman saß apathisch und teilnahmlos im Sessel und schlief

mit offenen Augen. Zur selben Zeit wurde es Licht in Hunderten von

Arbeiterhäusern in den Kolonien. Stimmen sprachen und raunten in den

Straßen, jenes erschreckte Raunen, das man sonderbarerweise im tiefsten

Schlaf hört. Weiber liefen zusammen. Von der Süd- und Nordkolonie her

bewegten sich dunkle Truppe von Weibern und Männern den funkelnden

Glasdächern der Terrassen entgegen zum Zentralbureau.

Sie sammelten sich vor dem nüchternen, hohen Gebäude an und als sie ein

großer Haufe geworden waren, begann dieser Haufe ganz von selbst zu

rufen. »Harriman! Wir wollen wissen, was geschehen ist!«

Ein Clerk mit aufreizend gleichgültiger Miene erschien.

»Wir wissen selbst nichts Bestimmtes.«

»Fort mit dem Clerk! Wir wollen keinen Clerk! Wir wollen Harriman! --

Harriman!!«

Immer mehr sammelten sich an. Von allen Seiten krochen die dunkeln

Bündel heran und vereinigten sich mit der Menge vor dem Bürogebäude.

Harriman erschien endlich selbst, bleich, alt, müde und verschlafen und

Hunderte von Stimmen schrien ihm die Frage entgegen, in allen Sprachen

und Tonarten: »Was ist passiert?«

Harriman machte ein Zeichen, daß er sprechen wollte, und es wurde ganz

still.

»Im Südstollen hat bei der Bohrmaschine eine Explosion stattgefunden.

Mehr wissen wir nicht.« Harriman vermochte kaum zu sprechen, die Zunge

lag ihm wie ein metallner Klöpfel im Mund.

Ein wildes Geheul antwortete ihm. »Lügner! Schwindler! Du willst es uns

nicht sagen!«

Harriman stieg das Blut ins Gesicht und seine Augen traten aus dem Kopf

vor Zorn; er besann sich, wollte sprechen, aber sein Gehirn arbeitete

nicht. Er ging und schlug die Tür hinter sich zu.

Da flog ein Stein durch die Luft und zertrümmerte eine Scheibe im

Parterre. Man sah, wie ein Clerk sich erschrocken davonmachte.

»Harriman! Harriman!«

Harriman erschien wieder in der Türe. Er hatte sich kalt gewaschen

und war etwas wacher geworden. Krebsrot sah sein Gesicht unter den

grauweißen Haaren aus.

»Was für ein Unsinn ist das, die Fenster einzuschmeißen?!« schrie er

laut. »Wir wissen nicht mehr, als ich sagte! Seid vernünftig!«

Stimmen schrien durcheinander.

»Wir wollen wissen, wie viele tot sind. Wer ist tot? Namen!«

»Ihr seid ein Pack von Narren, ihr Weiber!« schrie Harriman zornig.

»Wie soll ich das jetzt schon wissen.« Und Harriman drehte sich langsam

um und ging wieder ins Haus zurück, einen Fluch zwischen den Zähnen.

»Harriman! Harriman!«

Die Weiber drängten nach.

Es hagelte plötzlich Steine. Denn das Volk, das sich sonst der Justiz

ohne zu denken unterwirft, schafft sich in solchen Augenblicken aus

eingeborenem Rechtsgefühl eigene Gesetze und bringt sie augenblicklich

an Ort und Stelle in Anwendung.

Harriman kam wieder, voller Wut. Aber er sagte nichts.

»Zeig uns das Telegramm!«

Harriman blieb stehen. »Telegramm? Ich habe kein Telegramm. Eine

telephonische Nachricht hatte ich.«

»Her damit!«

Harriman verzog keine Miene. »Gut, ihr sollt sie haben.« In einer

Minute kam er wieder zurück, mit einem Zettel von einem Telephonblock

in der Hand und las laut vor. Weithin vernahm man die Worte, die er

hervorhob: »Bohrmaschine -- Südstollen -- Explosion beim Schießen -- 20

bis 30 Tote und Verletzte. -- Hobby.«

Und Harriman übergab den Zettel den Zunächststehenden und ging ins Haus

zurück.

Im Nu war der Zettel in hundert Stücke zerrissen, so viele wollten ihn

gleichzeitig lesen. Die Menge beruhigte sich für einige Zeit. 20 bis 30

Tote -- das war gewiß schrecklich, aber keine große Katastrophe. Man

konnte wieder hoffen. Es war ja nicht gesagt, daß gerade _er_ bei der

Bohrmaschine gearbeitet hatte. Am meisten beruhigte der Umstand, daß

Hobby die telephonische Nachricht gesandt hatte.

Und doch gingen die Weiber nicht nach Hause. Merkwürdig! Ihre alte

Unruhe kam zurück, ihre Augen flackerten, ihre Herzen schlugen. Ein

Druck lastete auf ihnen und sie wechselten scheue Blicke.

Wenn Harriman log --?

Sie fluteten hinüber zur Station, wo die Züge heraufkamen, und warteten

zitternd, frierend, in Tücher und Decken eingehüllt. Von der Station

aus konnte man die Trasse hinab bis zur Tunnelmündung sehen. Die nassen

Geleise glänzten im Licht der Bogenlampen, bis sie zu dünnen Linien

zusammenschmolzen. Ganz unten gähnten zwei graue Löcher. Ein Licht

erschien in einem Loch, es blitzte unbestimmt auf, ein Feuerschein fuhr

heraus und plötzlich sah man das blendende Zyklopenauge eines Zuges die

Trasse herauffliegen.

Die Züge verkehrten noch ganz regelmäßig. In gleichen Abständen

liefen die Materialzüge hinab, in unregelmäßigen Zwischenräumen, wie

gewöhnlich, jagten die Gesteinszüge herauf, oft nur einer, oft drei,

fünf, zehn hintereinander, wie sie es seit sechs Jahren Tag und Nacht

taten. Es war das gleiche Bild, wie sie es alle tausendmal gesehen

hatten. Und doch starrten sie mit wachsender Spannung auf die Züge, die

heraufkamen.

Brachten sie Mannschaften mit, so wurden die Ankommenden umdrängt, mit

Fragen bestürmt. Aber sie wußten nichts, sie waren ja schon auf der

Ausfahrt gewesen.

Es ist unerklärlich, wie das Gerücht kaum zehn Minuten nach der

Katastrophe schon über Tag umgehen konnte. Ein unvorsichtiges Wort

eines Ingenieurs, ein unwillkürlicher Ausruf am Telephon -- es war

bekannt geworden. Nun aber hörte man gar nichts mehr, gar nichts, die

Nachrichten wurden sorgfältig gehütet.

Bis sechs Uhr fuhren die Materialzüge und Mannschaften regelmäßig ein.

(Sie wurden laut Order bis zum 50. Kilometer geführt!)

Um sechs Uhr wurde den bereitstehenden Mannschaften mitgeteilt, daß

ein Materialzug entgleist sei und die Strecke erst geräumt werden

müsse. Sie hätten sich aber bereitzuhalten. Da nickten die erfahrenen

Burschen und warfen einander Blicke zu: Es mußte da drinnen bös

aussehen! Lord!

Den Weibern wurde befohlen, die Station zu räumen. Aber sie kamen dem

Befehl nicht nach. Sie standen unbeweglich, festgeschraubt von ihrem

Instinkt zwischen dem Netz von Geleisen und starrten die Trasse hinab.

Immer größere Truppe gesellten sich zur Menge. Kinder, halbwüchsige

Burschen, Arbeiter, Neugierige.

Der Tunnel aber spie Gestein aus, immerzu, ohne Aufhören.

Plötzlich beobachtete die Menge, daß die Materialzüge seltener

einfuhren und ein wirres Durcheinander von Stimmen schwirrte auf. Dann

fuhren überhaupt keine Materialzüge mehr ein und die Menge wurde noch

unruhiger. Niemand glaubte das Märchen, daß ein entgleister Zug die

Strecke blockiert habe. Alle wußten, daß es täglich vorkam und die Züge

sich trotzdem in der gleichen Anzahl in den Tunnel hinabstürzten.

Nun war es Tag.

Die Zeitungen New Yorks machten bereits mit der Katastrophe Geschäfte:

»Der Ozean in den Tunnel eingebrochen! 10000 Tote!«

* * * * *

Kalt, blinkend, kam das Licht übers Meer her. Die elektrischen Lampen

erloschen mit einem Schlage. Nur weit draußen auf dem Kai, wo plötzlich

der Qualm der Dampferschornsteine sichtbar wurde, drehte sich noch das

Blinkfeuer, als habe man vergessen, es abzustellen. Nach einer Weile

erlosch es auch. Schrecklich nüchtern lag die blitzende Märchenstadt

plötzlich da: mit ihrem kalten Schienennetz, ihrem Meer von Zügen,

Kabelmasten und vereinzelten hohen Häusern, über die sich graue Wolken

schleppten. Die Gesichter sahen alle gelb und übernächtig aus,

erstarrt und blaugefroren, denn vom Meer kam mit dem kalten Licht ein

eisiger Luftstrom und kalter Sprühregen. Die Weiber schickten ihre

Kinder nach Hause, Röcke, Tücher, Decken zu holen. Sie selbst aber

rührten sich nicht von der Stelle!

Die Gesteinszüge, die von jetzt an heraufflogen, waren alle mit

Mannschaften besetzt. Ja sogar die erst vor kurzer Zeit eingefahrenen

Material- und Arbeiterzüge kamen wieder zurück.

Die Erregung wuchs und wuchs.

Aber alle Mannschaften, die heraufkamen, waren völlig im unklaren über

die Ausdehnung der Katastrophe. Sie waren nur ausgefahren, weil alle

hinter ihnen ausfuhren.

Und wieder starrten die Weiber voller Unruhe und schrecklicher Angst

auf die zwei kleinen schwarzen Löcher da unten, die in die Höhe

blickten wie zwei heimtückische zerfressene Augen, aus denen das Unheil

und das Grauen selbst starrte.

Gegen neun Uhr kamen die ersten Züge, auf denen _Mann neben Mann_ saß,

die alle erregt gestikulierten, bevor nur der Zug hielt. Sie kamen aus

dem Innern des Tunnels, wohin die Panik gerade ihre ersten Schrecken

geworfen hatte. Sie schrien und heulten: »Der Tunnel _brennt_!«

Ein ungeheures Geschrei und Geheul stieg empor. Die Menge wälzte sich

vorwärts, hin und her.

Da erschien Harriman auf einem Waggon und schwenkte den Hut und schrie.

Im Morgenlicht sah er wie ein Leichnam aus, fahl, ohne Blut, und

jedermann führte sein Aussehen auf das Unglück zurück.

»Harriman! Ruhe, er will reden!«

»Ich schwöre, daß ich die Wahrheit spreche!« schrie Harriman, als sich

die Menge beruhigt hatte, und dicke Dunstwolken stießen bei jedem Wort

aus seinem Mund hervor. »Es ist ein Unsinn, daß der Tunnel brennt!

Beton und Eisen kann nicht brennen. Infolge der Explosion sind ein paar

lausige Pfosten hinter der Bohrmaschine in Brand geraten und daraufhin

ist eine _Panik_ entstanden. Unsere Ingenieure sind schon bei der

Arbeit zu löschen! Ihr braucht nicht --«

Aber man ließ Harriman nicht ausreden. Ein wildes Pfeifen und Schreien

unterbrach ihn und die Weiber hoben Steine auf. Harriman sprang vom

Waggon und kehrte in die Station zurück. Er sank kraftlos in einen

Stuhl.

Er fühlte, daß alles verloren sei und nur Allan allein eine Katastrophe

hier oben verhindern konnte.

Allan aber konnte nicht vor dem Abend hier sein!

Der nüchterne, kalte Stationssaal war voll von Ingenieuren, Ärzten

und Beamten, die herbeigeeilt waren, um sich zur Hilfeleistung

bereitzuhalten.

Harriman hatte einen Liter schwarzen Kaffees getrunken, um die Wirkung

der Schlafpulver aufzuheben. Er hatte sich übergeben und war zweimal

ohnmächtig geworden.

Ja, was sollte er tun? Das einzig Vernünftige, was er gehört hatte, war

eine Botschaft Bärmanns, von einem Ingenieur in Bärmanns Namen von der

sechzehnten Station aus telephoniert.

Nach Bärmanns Ansicht seien die Pfosten im verzimmerten Stollen

infolge der Hitze von selbst in Brand geraten und das Feuer habe die

Sprenghülsen zur Explosion gebracht. Das war vernünftig, aber dann

konnte doch die Detonation nicht so heftig gewesen sein, daß man sie

bis zur zwölften Station hörte?

Harriman hatte Rettungszüge hineingeschickt, aber sie waren

zurückgekommen, da die Züge aller _vier_ Gleise nach auswärts liefen

und sie zurückpreßten.

Harriman hatte dreißig Minuten nach vier Uhr an Allan telegraphiert,

den die Depesche im Schlafwagen New York-Buffalo erreichte. Allan

hatte geantwortet, daß er mit einem Extrazug zurückeilen werde.

Eine Explosion sei ausgeschlossen, da die Sprengstoffe im Feuer nur

verbrannten. In der Maschine selbst sei die Menge der Sprengstoffe auch

äußerst gering. Rettungszüge! Alle Stationen mit Ingenieuren besetzen!

Den brennenden Stollen unter Wasser setzen!

Allan hatte gut reden. Es war ja gar nicht möglich, vorläufig einen

einzigen Zug in den Tunnel zu bringen, obgleich Harriman augenblicklich

die reguläre Ableitung der Züge auf die nach außen führenden Geleise

angeordnet hatte.

Niemand telephonierte mehr, nur in der fünfzehnten, sechzehnten und

achtzehnten Station waren noch Ingenieure, die angaben, daß alle Züge

vorbei seien.

Die Geleise wurden aber nach einiger Zeit frei und Harrimann sandte

vier Rettungszüge hintereinander in den Tunnel.

Die Menge ließ die Züge finster passieren.

Einzelne Weiber stießen gemeine Schimpfworte gegen die Ingenieure aus.

Die Stimmung wurde von Minute zu Minute erregter. Dann aber, gegen zehn

Uhr, kamen die ersten Züge mit Arbeitern aus dem »Fegfeuer« an.

Nun bestand kein Zweifel mehr, daß die Katastrophe schrecklicher war,

als jemand hätte ahnen können.

Immer mehr Züge kamen und nun kamen Mannschaften, die schrien: »Alles

in den letzten dreißig Kilometern ist tot!!«

4.

Die Männer mit den beschmutzten gelben Gesichtern, die aus dem Tunnel

kamen, wurden umringt und mit tausend Fragen bestürmt, die sie nicht

beantworten konnten. Hundertmal mußten sie erzählen, was sie von dem

Unglück wußten, und es war doch mit zehn Worten zu sagen. Frauen, die

ihren Gatten fanden, warfen sich ihm an den Hals und zeigten ihre

Freude ganz offen den andern, die noch in entsetzlicher Ungewißheit

schwebten. Die Angst irrte in ihren Zügen, sie wiederholten hundertmal

die Frage, ob man ihren Mann nicht gesehen habe, sie weinten still,

sie liefen hin und her und schrien und stießen Verwünschungen aus, und

wieder standen sie still und starrten die Trasse hinab, bis sie die

Angst von neuem umhertrieb.

Man hoffte noch immer; denn daß »alle in den letzten dreißig Kilometern

tot waren,« hatte sich schon als Übertreibung herausgestellt.

Endlich kam auch jener Zug herauf, dessen Abfahrt Ingenieur Bärmann so

lange verhindert hatte, bis man ihn niederschoß. Dieser Zug brachte den

ersten Toten mit, einen Italiener. Aber dieser Italiener hatte nicht

bei der Katastrophe sein Leben eingebüßt. Er hatte mit einem Landsmann,

einem ~amico~, ein verzweifeltes Messergefecht um einen Platz auf einem

Waggon geführt und den Landsmann niedergestochen. Der stürzende ~amico~

hatte ihm den Leib aufgeschlitzt und auf der Ausfahrt war er gestorben.

Immerhin war er der erste Tote. Der Photograph der Edison Bio kurbelte.

Als der Tote in das Stationsgebäude getragen wurde, ereignete sich eine

seelische Explosion in der Menge! Die Wut flammte auf! Und plötzlich

schrien alle (genau wie die Leute im Tunnel): »Wo ist Mac? Mac muß

bezahlen!« Da bahnte sich eine hysterisch schreiende Frau den Weg durch

die Weiber und rannte dem Toten nach, während sie sich die Haare in

Büscheln ausriß und den Bettkittel zerfetzte.

»Césare! Césare --!« Ja, es war Césare.

Als die erregten Arbeiterhorden des Bärmannschen Zuges (zumeist

Italiener und Neger) aber erklärten, daß kein Zug mehr käme -- wurde es

ganz still ...

»Kein Zug mehr?«

»Wir sind die letzten!«

»Was seid ihr?«

»Die letzten!! Wir sind die letzten!«

Es war, als sei ein Hagel von Kartätschen über die Menge

niedergegangen. Alle stürzten hin und her, sinnlos, verstört, die Hände

an den Schläfen, als seien sie in den Kopf getroffen.

»Die letzten!! Sie sind die letzten!!«

Weiber fielen zu Boden und jammerten, Kinder weinten; bei andern

flammte aber sofort die Rachgier auf. Und plötzlich setzte sich die

ganze ungeheure Menge in Bewegung und eine Wolke von Geschrei und Lärm

zog über ihr her.

Ein dunkelhäutiger viereckiger Pole mit martialischem Schnurrbart stieg

auf einen Steinblock und brüllte: »Mac hat sie in einer Mausefalle

gefangen -- in einer Mausefalle -- Rache für die Kameraden!«

Der Haufe tobte. In jeder Hand befand sich plötzlich ein Stein, die

Waffe des Volkes, und Steine gab es hier genug. (Einer der Gründe,

weshalb man in Großstädten gerne asphaltierte Straßen anlegt!)

In den nächsten drei Sekunden war kein Fenster des Stationsgebäudes

mehr ganz.

»Heraus mit Harriman!«

Aber Harriman ließ sich nicht mehr sehen.

Er hatte nach der Miliz telephoniert, denn die paar Polizisten der

Tunnelstadt waren machtlos. Nun saß er bleich und keuchend in einer

Ecke und vermochte nicht mehr zu denken.

Man stieß Schmähungen gegen ihn aus und machte Miene, das Haus zu

stürmen. Da aber hatte der Pole einen anderen Vorschlag: Die Ingenieure

alle zusammen waren ja schuld! Man sollte ihnen die Häuser über dem

Kopfe anzünden und ihre Weiber und Kinder verbrennen!

»Tausende, Tausende sind tot!«

»Alle müssen sie hin werden!« schrie die Italienerin, deren Mann

erstochen worden war. »Alle! Rache für Césare!« Und sie rannte voran,

eine Furie aus Kleiderfetzen und zerzausten Haaren.

Die Menge wälzte sich über das Schuttfeld in den grauen Regen hinein,

umheult von wirrem Lärm. Die Gatten, die Ernährer, die Väter tot --

Not, Elend! Rache! Aus dem Lärm klangen Fetzen von Gesang, Rotten

sangen an verschiedenen Stellen gleichzeitig die Marseillaise, die

Internationale, die Union-Hymne. »Tot, tot, Tausende tot!«

Eine blinde Wut zu zerstören, niederzureißen und zu töten war in

dem erregten Volkshaufen entflammt. Geleise wurden aufgerissen,

Telegraphenstangen niedergemäht, die Wächterhäuser weggefegt. Sobald es

krachte und splitterte, brandete ein wilder Jubel empor. Die Polizisten

wurden mit Steinblöcken bombardiert und ausgepfiffen. Es schien, als

hätten alle in der Wut plötzlich ihren Schmerz vergessen.

Voran aber stürmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische

Weiber, den Villen und Landhäusern der Ingenieure entgegen.

Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter.

Alle, die das stürzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen

hatten, rannten unaufhörlich vorwärts, vor den Zehen des Todes her,

der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da

drinnen, die zähneklappernd, mit gesträubten Haaren vorwärtsstolperten,

Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen

hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krüppel, die um Barmherzigkeit

bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelähmt von der

Angst, daß niemand diese ungeheure Strecke zu Fuß zurücklegen könne.

Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber

gute Läufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern

überholten, beneidet, verflucht von den Erschöpften, deren Knie wankten.

Die Rettungszüge ließen die Glocken gellen, um zu signalisieren, daß

sie kämen. Aus der Dunkelheit stürzten Menschen auf sie zu, schluchzend

vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnel

_hineinfuhr_, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschüttelt

und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fuß zu erreichen, der, wie man

ihnen sagte, fünf Meilen entfernt wartete.

Der Rettungszug kam nur langsam vorwärts. Denn die entsetzten

Mannschaften der letzten ausfahrenden Züge hatten, um Platz in den

Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so daß die Strecke

erst freigelegt werden mußte. Und dann kam der Rauch! Er ätzte,

beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwärts, bis die

Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten.

Auf diesem Rettungszug befanden sich kühne Ingenieure, die ihr Leben

in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken

versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein und schwangen

Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschöpfte Truppe, die

schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch

tausend Meter bis zum Zug zurückzulegen, anzupeitschen.

Dann mußte auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure

erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben über Tag im Hospital.

5.

Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste

Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe

gegangen. Als sie erwachte, saß die kleine Edith schon aufrecht in

ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hübsches

blondes Haar zu dünnen Zöpfchen.

Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und

Maud ein Telegramm überreichte. Im Tunnel habe sich ein großes Unglück

ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.

»Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt?« fragte Maud etwas

unwillig.

»Der Herr hat mir telegraphiert, Sie ausschlafen zu lassen.«

Das Telegramm war von Allan unterwegs aufgegeben worden. Es lautete:

»Katastrophe im Tunnel. Haus nicht verlassen. Ich komme gegen sechs Uhr

abends.«

Maud erbleichte. Hobby! dachte sie. Ihr erster Gedanke galt ihm. Er war

nach dem Abendessen in den Tunnel eingefahren; heiter und scherzend

hatte er sich von ihr verabschiedet ...

»Was ist, Mami?«

»Es ist ein Unglück im Tunnel geschehen, Edith.«

»Sind viele Menschen tot?« fragte die Kleine leichthin, mit singender

Stimme, mit schönen kindlichen Gesten die Zöpfchen flechtend.

Maud antwortete nicht. Sie blickte vor sich hin. War er um diese Zeit

tief drinnen in den Stollen gewesen?

Da schlang Edith die Arme um ihren Nacken und sagte tröstend:

»Du brauchst nicht traurig zu sein. Papa ist ja in Buffalo!«

Und Edith lachte, um Maud zu überzeugen, daß Papa in Sicherheit war.

Maud schlüpfte in den Bademantel und telephonierte in das Zentralbüro.

Erst nach geraumer Zeit bekam sie Anschluß. Aber sie wußten nichts oder

wollten nichts wissen. Hobby? Nein, von Mr. Hobby sei keine Nachricht

da.

Tränen traten in Mauds Augen, rasche Tränen, die niemand sehen durfte.

Beunruhigt und aufgeregt nahm sie mit Edith das Bad. Dieses Vergnügen

genossen sie jeden Morgen. Es machte Maud ebenso kindliche Freude wie

Edith, im Wasser zu plätschern, zu lachen und zu rufen im Badezimmer,

wo die Stimmen so voll und merkwürdig widerhallten, die dampfende

Brause sprühen zu lassen -- und dann wurde sie kälter und kälter und

die kleine Edith lachte, als ob man sie kitzle, weil es so eisig kalt

wurde. Dann kam die Morgentoilette und dann das Frühstück. Das war

Mauds schönste Stunde, die sie sich nicht nehmen ließ. Edith ging nach

dem Frühstück in die »Schule«. Sie hatte ihr eigenes Schulzimmer mit

einer schwarzen Tafel -- so wünschte sie es -- und einer richtigen

kleinen Schulbank, denn sonst wäre es ja keine Schule gewesen.

Heute machte Maud das Bad kurz und mit dem Vergnügen war es nichts.

Edith versuchte die Mutter auf alle erdenkliche Art aufzuheitern und

ihre kindlichen Bemühungen rührten Maud fast zu Tränen. Nach dem Bad

telephonierte sie wieder ins Zentralbüro. Endlich gelang es ihr,

Harriman zu sprechen, und er deutete ihr an, daß das Unglück leider

größer sei, als man bis jetzt angenommen habe.

Maud wurde immer unruhiger. Nun erst fiel ihr Macs merkwürdige Weisung

auf. »Das Haus nicht verlassen!« Weshalb? Sie verstand Mac nicht.

Sie ging durch die Gärten ins Hospital hinüber und unterhielt sich

flüsternd mit den diensttuenden Pflegerinnen. Auch hier Unruhe und

Bestürzung. Sie plauderte ein wenig mit ihren kleinen Kranken, aber sie

war so zerstreut, daß ihr nichts Rechtes einfiel. Schließlich kehrte

sie nur unruhiger und erregter in ihr Zimmer zurück.

»Warum soll ich das Haus nicht verlassen?« dachte sie. »Es ist nicht

recht von Mac, mir das Ausgehen zu verbieten!«

Sie versuchte es wieder mit dem Telephonieren, aber ohne Erfolg.

Dann nahm sie ein Tuch. »Ich will nachsehen,« sagte sie halblaut zu

sich. »Mac kann sagen, was er will. Warum soll ich zu Hause bleiben?

Gerade jetzt! Die Frauen werden in Angst sein und brauchen gerade jetzt

jemand, der ihnen zuredet.«

Aber sie legte das Tuch wieder weg. Sie holte Macs Telegramm aus dem

Schlafzimmer und las es zum hundertstenmal.

Ja, warum denn? Warum denn eigentlich?

War die Katastrophe so groß?

Ja, aber gerade dann durfte sie unmöglich zurückstehen! Es war ihre

Pflicht, den Frauen und Kindern beizuspringen. Sie wurde geradezu

zornig über Mac und entschloß sich zu gehen. Sie wollte wissen, was

eigentlich geschehen war. Aber doch zögerte sie noch immer, Macs

sonderbare Weisung zu verletzen. Und dann war eine geheime Angst in

ihr, sie wußte nicht warum. Endlich schlüpfte sie entschlossen in den

gelben Gummimantel und band das Tuch übers Haar.

Sie ging.

Aber an der Türe überkam sie plötzlich ein unerklärliches Angstgefühl,

daß sie heute, gerade heute, die kleine Edith nicht allein lassen

dürfe. Ach, dieser Mac, all das hatte er angestiftet mit seiner dummen

Depesche!

Nun holte sie Edith aus der »Schule«, hüllte sie in ein Cape und

stülpte der vergnügten Kleinen die Kapuze über das blonde Haar.

»Ich komme in einer Stunde wieder!« sagte Maud und sie gingen.

Über den nassen Gartenweg hüpfte ein Frosch und Maud erschrak, da sie

beinahe auf ihn getreten wäre.

Edith jauchzte. »Hui, der kleine Frosch, Mama! Wie naß er ist! Warum

geht er aus, wenn es regnet?«

Der Tag war elend, mißmutig und häßlich.

Auf der Straße wurde der Wind heftiger, es blies und der Regen stob

schräg und kalt herab. »Und gestern war es noch so heiß,« dachte Maud.

Edith amüsierte es, mit großen Schritten über die Pfützen wegzustapfen.

Nach wenigen Minuten sahen sie die Tunnelstadt liegen; mit ihren

Bürohäusern, Schlöten und dem Wald von Kabelmasten lag sie grau und öde

im Regen und Schmutz. Es fiel Maud sofort auf, daß keine Gesteinszüge

liefen! Seit Jahren war es das erstemal! Aber die Schlöte qualmten wie

immer.

Es ist ja gar nicht wahrscheinlich, daß er gerade am Ort der

Katastrophe war, dachte sie. Der Tunnel ist so groß! Trotzdem aber

irrten wirre und drohende Gedanken in ihr.

Plötzlich blieb sie stehen.

»Horch!« sagte sie. Edith lauschte und sah dabei zur Mutter empor.

Ein Gewirr von Stimmen drang hierher. Und nun sahen sie auch Leute,

eine graue tausendköpfige Menge, die sich bewegte. Es war aber im Dunst

gar nicht zu erkennen, welche Richtung sie nahmen.

»Warum schreien die Leute?« fragte Edith.

»Sie sind wegen des Unglücks beunruhigt, Edith. Wenn die Väter all der

kleinen Kinder in Gefahr sind, so sind die Frauen natürlich in großer

Sorge.«

Edith nickte und nach einer Weile sagte sie: »Es ist wohl ein _großes_

Unglück, Mama?«

Maud schauerte zusammen.

»Ich glaube, ja,« antwortete sie, in Gedanken. »Es muß ein großes

Unglück sein! Wir wollen rascher gehen, Edith.« Maud schritt aus, sie

wollte -- ja, was wollte sie? Sie wollte handeln ...

Plötzlich sah sie einigermaßen erstaunt, daß die Leute näher kamen! Das

Geschrei wurde lauter. Sie sah auch, daß eine Telegraphenstange, die im

Augenblick noch aufrecht gestanden hatte, umsank und verschwand. Die

Drähte über ihr zitterten.

Sie achtete nicht mehr auf Ediths lebhafte Fragen, sondern eilte rasch

und erregt vorwärts. Was taten sie? Was war geschehen? Ihr wurde ganz

heiß im Kopf und einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich

ins Haus einzuschließen, wie Mac ihr befohlen hatte.

Aber es erschien ihr feige, unglückliche Menschen zu fliehen aus Angst

vor dem Anblick fremden Unglücks. Wenn sie auch nicht viel nützen

konnte, so konnte sie doch gewiß etwas tun. Und alle kannten sie ja,

die Weiber und die Männer und grüßten sie und erwiesen ihr kleine

Dienste, wo immer sie erschien! Und Mac? Was würde Mac getan haben,

wenn er hier wäre? Mitten unter ihnen würde er stehen ...! dachte Maud.

Die Menge wälzte sich heran.

»Weshalb schreien sie denn nur so?« fragte Edith, die ängstlich zu

werden begann. »Und warum singen sie, Mama?«

Ja, in der Tat, sie sangen! Ein heulender, wirrer Gesang kam mit

ihnen näher. Schreie und Rufe drangen daraus hervor. Es war ein

ganzes _Heer_, verstreut über das graue Schuttfeld, Kopf an Kopf. Und

Maud sah, daß eine Rotte eine kleine Feldlokomotive mit Steinwürfen

demolierte.

»Mama --?«

»Was war das? Ich hätte nicht ausgehen sollen,« dachte Maud und blieb

erschrocken stehen. Nun aber war es zu spät umzukehren ...

Man hatte sie entdeckt. Sie sah, daß die vorderen die Arme gegen sie

reckten und plötzlich ihren Weg verließen und auf sie zukamen. Zu ihrem

Schrecken bemerkte sie, daß sie liefen und rannten. Aber sie faßte

wieder Mut, als sie sah, daß es meistens Frauen waren. »Es sind ja nur

Frauen ...«

Sie ging ihnen entgegen, plötzlich von grenzenlosem Mitleid für diese

Armen erfüllt. Oh, Gott, es mußte etwas Grauenhaftes geschehen sein!

Der erste Trupp der Weiber keuchte heran.

»Was ist denn geschehen?« rief Maud und ihre Anteilnahme war

ungeheuchelt. Aber Maud erbleichte, als sie die Gesichter der Frauen

sah. Sie sahen alle irrsinnig aus, verstört, triefend vom Regen, nur

halb angekleidet, und ein wildes Feuer brannte in all den hundert Augen.

Man hörte sie nicht. Man antwortete ihr nicht. Die verzerrten Mäuler

heulten triumphierend und schrill.

»Alle sind tot!« gellten ihr Stimmen entgegen, in allen Tonarten, in

allen Sprachen. Und plötzlich schrie eine Frauenstimme: »Das ist Macs

Weib, schlagt sie tot!«

Und Maud sah -- sie traute ihren Augen nicht -- daß ein zerlumptes Weib

mit zerfetztem Kittel und vor Wut schielenden Augen einen Stein aufhob.

Der Stein schwirrte durch die Luft und streifte ihren Arm.

Sie zog instinktiv die kleine, blasse Edith an sich und richtete sich

auf.

»Was hat euch denn Mac getan?« rief sie und ihre Augen irrten voller

Angst umher. Niemand hörte sie.

Die Rasenden hatten sie erkannt, das ganze wilde Heer von tobenden

Menschen. Ein Geheul, das wie ein einziger Schrei klang, brandete

empor. Steine schwirrten plötzlich von allen Seiten durch die Luft und

Maud zuckte zusammen und zitterte am ganzen Körper. Nun sah sie, daß

es Ernst war! Sie wandte sich um, aber überall waren sie, alle in zehn

Schritt Abstand, sie war umzingelt. Und in all den Augen, in die ihr

irrender entsetzter Blick hilfesuchend tauchte, brannte dieselbe Glut:

Haß und Wahnsinn. Maud begann zu beten und der kalte Schweiß schlug aus

ihrer Stirn: »Mein Gott -- mein Gott -- beschütze mein Kind!«

Unaufhörlich aber gellte eine Weiberstimme, wie ein schrilles Signal:

»Schlagt sie tot! Mac soll bezahlen!«

Da traf ein Steinblock Ediths Brust, so heftig, daß sie wankte.

Die kleine Edith schrie nicht. Nur ihre kleine Hand zuckte in Mauds

Hand und sie sah erschrocken zur Mutter empor, mit verwunderten Augen.

»O Gott, was tut ihr?« schrie Maud und kauerte sich nieder und

umschlang Edith. Und die Tränen stürzten ihr vor Angst und Verzweiflung

aus den Augen.

»Mac soll bezahlen!«

»Mac soll wissen, wie es tut!«

Ho! Ho! O, all diese rasenden Körper und unbarmherzigen Augen. Und die

Hände schwangen Steine ...

Wäre Maud feige gewesen, hätte sie sich in die Knie geworfen und die

Hände ausgestreckt, vielleicht hätte sie im letzten Augenblick noch in

diesen rasenden Menschen ein menschliches Gefühl entfachen können. Aber

Maud, die kleine sentimentale Maud, wurde plötzlich mutig! Sie sah, daß

Edith aus dem Mund blutete und totenbleich geworden war, die Steine

hagelten, aber sie flehte nicht um Gnade.

Sie richtete sich plötzlich rasend auf, ihr Kind an sich gezogen, und

schrie mit funkelnden Augen in all diese haßerfüllten Gesichter hinein:

»Ihr seid Tiere! Gesindel seid ihr, schmutziges Gesindel! Wenn ich

meinen Revolver hätte -- niederschießen würde ich euch, wie Hunde! O,

ihr Tiere! Ihr feigen, gemeinen Tiere!«

Da traf Maud ein mit großer Wucht geschleuderter Stein an die Schläfe

und sie stürzte, mit den Händen ausgreifend, ohne Laut über Edith

hinweg zu Boden. Maud war klein und leicht, aber es klang, als sei ein

Pfahl niedergestürzt und das Wasser spritzte empor.

Ein wildes Triumphgeheul erscholl. Schreie, Gelächter, wirre Rufe: »Mac

soll bezahlen! Ja bezahlen soll er, am eigenen Leibe soll er fühlen --

in der Falle fing er sie -- Tausende --«

Nun aber wurde kein Stein mehr geschleudert! Die rasende Menge zog

plötzlich weiter. »Laßt sie liegen, sie werden schon von selbst

aufstehen!« Nur die fanatische Italienerin beugte sich noch mit ihren

entblößten hängenden Brüsten über die am Boden Liegenden und spie

nach ihnen. Und nun die Häuser der Ingenieure! Fort, vorwärts! Alle

sollten sie daran glauben! Aber die Wut war nach dem Überfall auf Maud

abgekühlt. Alle hatten das dumpfe Gefühl, daß hier etwas geschehen

sei, das nicht in Ordnung war. Truppe lösten sich ab und verstreuten

sich über das Schuttfeld. Hunderte blieben unauffällig zurück und

stolperten quer über die Schienen. Als die wütende Kopfgruppe, von der

Italienerin angeführt, die Villen der Ingenieure erreichte, war sie so

zusammengeschmolzen, daß ein einziger Polizist sie in Schach halten

konnte.

Sie zerstreute sich nach und nach.

Und nun brach wieder der Schmerz aus, das Elend, die Verzweiflung.

Überall liefen Frauen, die in die Schürze weinten. Im Regen liefen sie,

im Wind, sie stolperten und achteten nicht auf den Boden.

* * * * *

Alle hatten sich rasend, grausam und schadenfroh, fortgerissen von

einem dunkeln Massenwahnsinn, von Maud und Edith entfernt und die

beiden lagen eine lange Zeit im Regen, mitten im Schuttfeld, von

niemand beachtet.

Dann kam ein kleines Mädchen von zwölf Jahren mit herabhängenden roten

Strümpfen zu ihnen. Sie hatte mit angesehen, wie man »Macs wife« mit

Steinen beworfen hatte. Sie kannte Maud, denn sie war im vorigen Jahr

lange Wochen im Hospital gelegen.

Dieses Mädchen wurde von einem schlichten menschlichen Impuls

hierhergetrieben. Da stand sie nun mit ihren herabhängenden Strümpfen

und wagte sich nicht heran. In einiger Entfernung standen ein paar

Frauen und Männer, die sich ebenfalls nicht heranwagten. Endlich ging

das Mädchen etwas näher, bleich vor Angst und da hörte sie ein leises

Wimmern.

Sie wich erschrocken zurück und begann plötzlich rasch zu laufen.

Das Hospital lag wie ausgestorben im rieselnden Regen und das Mädchen

wagte nicht zu klingeln. Erst als jemand aus der Türe kam, eine

Aufwärterin, trat das Mädchen ans Gitter und sagte, in die Richtung der

Station deutend: »Sie liegen da drüben!«

»Wer liegt da drüben?«

»~Macs wife and his little girl!~«

Drunten in den Stollen liefen sie aber zu dieser Zeit immer noch ...

6.

Allan erfuhr bei seiner Ankunft in New York durch eine Depesche

Harrimans, daß Maud und Edith vom Pöbel attackiert worden seien. Nicht

mehr. Harriman besaß weder den Mut noch die Grausamkeit, Allan die

ganze schreckliche Wahrheit zu sagen: daß Maud tot war und sein Kind im

Sterben lag.

Als der Abend dieses entsetzlichen Tages dämmerte, kam Allan im

Automobil von New York an. Er steuerte selbst, wie immer, wenn er eine

außerordentliche Geschwindigkeit fuhr.

Sein Wagen flog in einem Höllentempo mitten durch die unabsehbare Menge

von Weibern, Tunnelmännern, Journalisten und Neugierigen, die ihre

Regenschirme aufgespannt hatten, zum Stationsgebäude. Jedermann kannte

seinen schweren, staubgrauen Car und das Knarren seiner Hupe.

Im Augenblick war der Car von einer erregten Menge umringt. »Da ist

Mac!« schrien sie. »Da ist er! Mac! Mac!«

Aber als Allan sich erhob, schwiegen sie plötzlich still. Der Nimbus,

der seine Person umgab, dieser Nimbus aus Karriere, Genie, Kraft

erblaßte auch jetzt nicht und flößte der Menge Scheu und Achtung ein.

Ja, nie erschien ihnen Allan achtunggebietender als in dieser Stunde,

da ihn das Schicksal zerschmetterte. Und doch hatten sie, als sie da

drinnen im Rauch um ihr Leben liefen, geschworen, ihn niederzuschlagen,

wo sie ihn auch träfen.

»Macht Platz!« schrie Allan mit lauter Stimme. »Es ist ein Unglück

geschehen, das bedauern wir alle! Wir werden retten, was zu retten ist!«

Nun aber schwirrten von allen Seiten Stimmen auf. Es waren die gleichen

Ausrufe, die man schon seit heute morgen ausstieß. »Du bist schuld ...

Tausende sind tot ... in einer Falle hast du sie gefangen ...«

Allan blieb ruhig, den Fuß auf dem Trittbrett. Mit einem ungehaltenen,

kühlen Blick begegnete er den erregten Stimmen, während sich sein

breites Gesicht verfinsterte. Plötzlich aber -- als er die Lippen

öffnete zu einer Erwiderung -- zuckte er zusammen. Ein Ruf hatte sein

Ohr getroffen, der höhnische Wutschrei einer Frau, und dieser Schrei

schnitt durch seinen ganzen Körper und er hörte die anderen Stimmen gar

nicht mehr. Nur diesen einen gleichen Schrei, der wieder und wieder

unerbittlich und furchtbar an sein Ohr hämmerte:

»Sie haben deine Frau und dein Kind erschlagen ...«

Allan wuchs, streckte sich, als wolle er weiter sehen, sein Kopf

machte eine hilflose Drehung auf den breiten Schultern, sein dunkles

Gesicht wurde plötzlich fahl und sein gesammelter Blick zerrann in den

Augen und flackerte entsetzt. In allen Augen ringsum las er, daß diese

schreckliche Stimme die Wahrheit sagte. Alle Augen schrien ihm das

Entsetzliche zu.

Da verlor Allan die Herrschaft über sich. Er war der Sohn eines

Bergmanns, ein Arbeiter wie sie alle, und sein erstes Gefühl war nicht

Schmerz, sondern Wut.

Er warf den Chauffeur zur Seite und ließ den Wagen anspringen, bevor er

noch hinter dem Steuerrad saß. Der Car stürzte sich mitten in die Menge

hinein, die sich schreiend und entsetzt zur Seite warf.

Dann sahen sie ihm nach, wie er in die regengraue Dämmerung hineinschoß.

»Da hat er es nun!« schrien höhnende Stimmen durcheinander. »Nun weiß

er, wie es tut!«

Einzelne dagegen schüttelten den Kopf und sagten: »Es war nicht recht

-- eine Frau, ein kleines Kind ...«

Die rasende Italienerin aber schrie höhnend und gellend: »Ich habe die

ersten Steine geworfen. Ich! Ich habe sie an die Stirn getroffen! Ja,

hin mußten sie werden.«

»Ihn hättet ihr erschlagen sollen! Mac! Mac ist schuld! Aber seine

Frau? Sie war ja ein so gutes Mädchen!«

»Erschlagt Mac!« schrie die Italienerin, nach Luft ringend, im höchsten

Diskant ihres schlechten Englisch. »~Kill him!~ Schlagt ihn tot wie

einen Hund!«

Das Haus lag verlassen in der elenden Dämmerung. Allan sah es an und

wußte genug. Während er über den knirschenden Kiesweg des Vorgartens

schritt, drängte sich ihm ein Erlebnis in den Sinn, das er vor Jahren,

beim Bau der Bolivia-Anden-Bahn, gehabt hatte. Damals bewohnte er mit

einem Freund eine Baracke zusammen und diesen Freund hatten Streikende

erschossen. Er, Allan, kam ahnungslos von der Arbeit zurück, aber ganz

rätselhafterweise machte die Baracke, in der der ermordete Freund lag,

einen fremden, unerklärlich veränderten Eindruck auf ihn. Die gleiche

Atmosphäre umlagerte sein Haus.

Im Vestibül roch es nach Karbol und Äther. Als er Ediths weißen kleinen

Pelzmantel hängen sah, wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen und

er wäre fast zusammengebrochen. Da hörte er eine Dienerin schluchzend

rufen: »Der Herr -- der Herr --!« und bei dem Klang des Schmerzes und

hilflosen Jammers dieser fremden Stimme faßte er sich wieder. Er trat

in das halbfinstere Wohnzimmer, wo ihm ein Arzt entgegenkam.

»Herr Allan --!«

»Ich bin vorbereitet, Doktor,« sagte Allan halblaut, aber mit solch

ruhiger, alltäglicher Stimme, daß ihm der Arzt mit einem raschen Blick

verwundert in die Augen sah. »Auch das Kind, Doktor?«

»Ich befürchte, es ist nicht zu retten. Die Lunge ist verletzt.«

Allan nickte stumm und ging zur Treppe. Es war ihm, als wirbele

das helle klingende Gelächter seines kleinen Mädchens durch das

Stiegenhaus. Oben stand eine Schwester, an Mauds Schlafzimmer, und gab

Allan ein Zeichen.

Er trat ein. Es brannte nur eine Kerze im Zimmer. Maud lag auf dem

Bett, langgestreckt, sonderbar flach, wächsern, starr. Ihr Antlitz war

schön und friedevoll, aber es schien, als ob eine kleine, demütige

und bescheidene Frage in ihren blutleeren Zügen stehen geblieben sei,

ein leises Erstaunen auf ihren halb geöffneten fahlen Lippen. Der

Spalt ihrer geschlossenen Augen glänzte feucht, wie von einer letzten

kleinen Träne, die zerflossen war. Nie in seinem Leben vergaß Allan

dieses feuchte Glänzen unter Mauds fahlen Lidern. Er weinte nicht, er

schluchzte nicht, er saß mit offenem Mund neben ihrem letzten Lager und

sah Maud an. Das Unbegreifliche hatte seine Seele gelähmt. Er dachte

nichts. Aber die Gedanken gingen blaß und wirr in seinem Kopfe hin und

her, er achtete ihrer nicht. Das war sie, seine kleine Madonna. Er

hatte sie geliebt, er hatte sie aus Liebe geheiratet. Er hatte ihr, die

aus einfachen Verhältnissen herauskam, ein glänzendes Leben geschaffen.

Er hatte sie behütet und ihr täglich gesagt, auf die Automobile acht

zu geben. Er hatte immer Angst um sie gehabt, ohne es ihr je zu sagen.

Er hatte sie in den letzten Jahren vernachlässigt, weil ihn die Arbeit

verschlang. Aber er hatte sie deshalb nicht weniger geliebt. Sein

kleiner Narr, seine gute, süße Maud, das war sie nun. Verflucht sei

Gott, wenn es einen gab, verflucht sei das hirnlose Schicksal!

Er nahm Mauds kleine, runde Hand und betrachtete sie mit hohlen,

verbrannten Augen. Die Hand war kalt, aber sie mußte es ja sein, denn

sie war tot, und die Kälte schreckte ihn nicht. Jede Linie dieser Hand

kannte er, jeden Nagel, jedes Gelenk. Über die linke Schläfe hatte man

den braunen seidigen Scheitel tiefer gestrichen. Aber er sah durch das

Gespinst des Haares hindurch ein bläuliches, unscheinbares Mal. Hier

hatte der Stein sie getroffen, dieser Stein, den er Tausende von Metern

tief unter dem Meere hatte aus dem Berge sprengen lassen. Verflucht

seien die Menschen und er selbst! Verflucht sei der Tunnel!

Ahnungslos war sie dem bösartigen Schicksal begegnet, als es blind und

weitausschreitend vor Wut des Weges kam. Warum hatte sie seine Weisung

nicht befolgt? Er hatte sie ja nur vor Schmähungen beschützen wollen.

_Daran_ hatte er nicht gedacht! Warum war er nicht hier, gerade heute?

Allan dachte daran, daß er selbst zwei Menschen niedergeschossen

hatte, als sie damals die Mine Juan Alvarez stürmten. Er hätte, ohne

sich zu besinnen, Hunderte niedergeschossen, um Maud zu verteidigen.

Er wäre ihr ins tiefe Meer gefolgt, keine Phrase, er hätte sie gegen

hunderttausend wilde Tiere verteidigt, solange er noch einen Finger

bewegen konnte. Aber er war nicht hier ...

Die Gedanken irrten in seinem Kopf, Liebkosungen und Flüche, aber er

dachte gar nichts.

Der Tunnel: Roman · 第 14 / 42 题