1.
Mac Allan stand wie ein geißelschwingendes Phantom über der Erde und
peitschte zur Arbeit an.
Die ganze Welt verfolgte voller Spannung das atemlose Rasen unter dem
Meeresboden. Die Zeitungen hatten eine stehende Rubrik eingeführt, auf
die sich alle Augen zuerst richteten, wie auf die Nachrichten von einem
Kriegschauplatz.
In den ersten Wochen des siebten Baujahres aber wurde Allan vom
Geschick eingeholt. In den amerikanischen Stollen ereignete sich die
große Oktoberkatastrophe, die sein Werk ernstlich gefährdete.
Kleinere Unglücksfälle und Störungen waren alltäglich. Es wurden
Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschüttet, beim Sprengen in
Stücke gerissen, von Zügen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause
und holte sich die Tunnelmänner ohne viele Umstände heraus. In allen
Stollen waren wiederholt große Mengen Wasser eingebrochen, die die
Pumpen nur mit Mühe bewältigen konnten, und Tausende von Menschen
liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die
Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend heiß
und dampften wie Geiser. Allerdings ließen sich große Wassermengen in
den meisten Fällen vorherbestimmen, so daß man seine Maßnahmen treffen
konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparaten der
drahtlosen Telegraphie ähnlich, wurden nach einem von Doktor Lövy,
Göttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg
gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren,
reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz
traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschüttet worden und bei
diesen Unfällen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten
Sekunde nicht flüchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung,
Anämie waren alltägliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine
neue Krankheit hervorgerufen, ähnlich jener, die man bei den Arbeitern
in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk
»~the bends~«, die »Beuge«, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes
Erholungsheim für diese merkwürdigen Kranken eingerichtet.
Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr
Opfer gefordert als andere technische Großbetriebe. In Summa 1713
Menschenleben, eine verhältnismäßig niedrige Ziffer.
Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer
Tag ...
Allan pflegte alljährlich im Oktober eine Generalinspektion der
amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch
nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hieß sie das »jüngste
Gericht«. Am 4. Oktober inspizierte er die »City«. Er besuchte die
Arbeiterhäuser, Schlachthäuser, Bäder und Hospitäler. Er kam auch
in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag über in
Aufregung und wurde purpurrot über das Kompliment, das er ihrer
Leitung machte. Er besuchte in den nächsten Tagen die Bürogebäude,
Materialbahnhöfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die
Dynamos schwangen und knisterten, die Expreß- und Drillingspumpen,
Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.
Am nächsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Bärmann in
den Tunnel.
Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte
jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes
Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch
Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein
Stück weiter.
Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwärme
vorbei: Eisengerüste, Menschenleiber, die in den Gerüsten hingen;
eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten
flüchteten zur Seite.
Die dunkeln Stollen rauschten von den Zügen, die dahinflogen. Sie
knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen
Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wölfe, es blies und schnob wie ein
Nilpferd, das auftaucht, dann hörte man mächtige, rauhe Stimmen von
Zyklopen wütend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich
zu verstehen. Ein Gelächter kollerte durch die Stollen und schließlich
vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der
Tunnel mahlte, rauschte, gröhlte und ganz plötzlich fuhr der Zug in
ein Donnerwetter von Gellen und Getöse hinein, daß man sein eigenes
Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine
dröhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hölle stieß.
Hier gleißten die Arbeitsstätten von Licht und Scheinwerfern wie
weißglühende Schmelzöfen.
Die Nachricht, daß Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer
verbreitet. Wo er hinkam -- unkenntlich von Staub und Schmutz und doch
sofort erkannt -- begannen die Rotten »das Lied vom Mac« zu singen:
»~Three cheers and a tiger for him!~
Nehmt die Kappe ab vor Mac,
Mac ist unser Mann!
Mac ist ein Bursche, der alles kann,
~God damn you, yes~, solch ein Kerl ist Mac,
~Three cheers and a tiger for Mac!~«
Auf den Gesteintransporten saßen die abgelösten Mannschaften und die
Züge ließen in dem Rollen und Grollen des Stollens ein Echo von Gesang
zurück.
Mac war populär und -- soweit es der fanatische Haß zwischen Arbeiter
und Kapital zuließ -- bei seinen Leuten beliebt. Er war einer wie sie,
aus ihrem Stoffe, wenn auch von hundertfältiger Kraft.
»Mac --!« sagten sie, »ja, Mac ist ein Bursche --!« Das war alles, aber
es war das höchste Lob.
Besonders seine »Sonntagsaudienzen« hatten viel zu seiner Popularität
beigetragen. Auch über sie gab es ein Lied, das diesen Inhalt hatte:
»Schreibe eine Zeile an Mac, wenn du Sorgen hast. Er ist gerecht und
einer von uns. Besser noch, geh zur Sonntagsaudienz. Ich kenne ihn, er
wird dich nicht fortschicken, ohne dich gehört zu haben. Er versteht
das Herz des Arbeiters.«
Im »Fegfeuer« prasselten und surrten die elektrischen Nietmaschinen,
wie Propeller bei Vollgas, das Eisen dröhnte. Auch hier sangen die
Leute. Das Weiße der Augen blinkte aus den schmutzigen Gesichtern, die
Mäuler öffneten sich gleichmäßig, aber man hörte keinen Ton.
Die letzten dreißig Kilometer des vorgeschobenen Südstollens mußten sie
fast ganz zu Fuß zurücklegen oder auf langsam rollenden Materialzügen.
Hier war der Stollen ein Wald roher Pfosten, ein Gerüst von Balken,
erschüttert von einem unfaßbaren Getöse, dessen Wucht man immer wieder
vergaß und stets neu erlebte. Die Hitze (48° ~C.~) zerriß Pfosten
und Balken, trotzdem sie häufig mit Wasser bespritzt wurden und die
Wetterführung unaufhörlich frischen, gekühlten Wind hereinschleuderte.
Die Luft war schlecht, verbraucht, eine elende Grubenluft.
In einem kleinen Querschlag lag ein ölbeschmutzter halbnackter
Leichnam. Ein Monteur, den der Herzschlag getroffen hatte. Umtobt von
Arbeit lag er da und eilige Füße stiegen über ihn hinweg. Nicht einmal
seine Augen hatte man geschlossen.
Dann kamen sie in die »Hölle«. Mitten in den heulenden Staubwirbeln
stand ein kleiner, erdfahler Japaner, bewegungslos wie eine Statue, und
gab die optischen Befehle. Bald rot, bald weiß, blendete der Lichtkegel
seines Reflektors und zuweilen schoß er einen grasgrünen Lichtstrahl in
eine Rotte wühlender Menschen hinein, so daß sie wie Leichen, die noch
schufteten, aussahen.
Hier beachtete sie niemand. Kein Gruß, kein Gesang, völlig erschöpfte
Menschen, die halb bewußtlos rasten. Vielmehr mußten sie hier auf die
andern achten, um nicht von einem Pfosten, den keuchende Männer übers
Geröll schleppten oder von einem Steinblock, den sechs Paar nervige,
zerschundene Arme auf einen Karren schwangen, niedergeschlagen zu
werden.
Der Stollen lag hier schon sehr tief, viertausendvierhundert Meter
unter dem Meeresspiegel. Die glühende Atmosphäre, von Staubsplittern
erfüllt, riß die Luftwege wund. Hobby gähnte unaufhörlich aus
Lufthunger und Harrimans Augen traten aus seinem roten Gesicht
hervor, als ersticke er. Allans Lungen aber waren an sauerstoffarme
Luft gewöhnt. Die donnernde Arbeit, die hin- und herstürzenden
Menschenhaufen machten ihn lebendig. Unwillkürlich bekamen seine Augen
einen herrischen und triumphierenden Ausdruck. Er ging aus seiner Ruhe
und Schweigsamkeit heraus, glitt hin und her, schrie, gestikulierte
und sein muskulöser Rücken glänzte von Schweiß.
Harriman kroch mit einer Gesteinsprobe in der Hand zu Allan und hielt
sie ihm vor die Augen. Dann legte er die Hände vor den Mund und heulte
in Allans Ohr: »Das ist das unbekannte Erz!«
»Erz?« tutete Allan auf dieselbe Art zurück. Es war ein rostbraunes,
amorphes Gestein, das sich leicht brechen ließ. Geologisch die erste
Entdeckung während des Tunnelbaus. Das unbekannte Erz, das den Namen
Submarinium erhalten hatte, war stark radiumhaltig und die Smelting and
Refining Co. erwartete jeden Tag, daß man auf große Lager stoßen würde.
Harriman heulte das Allan ins Ohr.