»Ja?«
»Herr Allan ... Edith ...«
Er stand auf und sah nach, ob die Kerze fest im Leuchter stecke, damit
sie nicht etwa umfalle. Dann ging er zur Tür und von hier aus sah er
Maud nochmals an. In seinem Geiste sah er, wie er sich selbst über die
geliebte Frau warf, sie umschlang, schluchzte, schrie, betete, sie um
Verzeihung bat für jeden Augenblick, da er sie nicht glücklich gemacht
hatte -- in Wirklichkeit aber stand er an der Tür und sah sie an.
Dann ging er.
Auf dem Wege zum Sterbezimmer seines kleinen Mädchens holte er seine
letzten Kräfte aus der Tiefe seines Herzens herauf. Er wappnete
sich, indem er sich alle schrecklichen Augenblicke seines Lebens ins
Gedächtnis zurückrief, all jene Unglücklichen, die das Dynamit zerfetzt
und Gesteinssplitter perforiert hatten; jenen einen, den das Schwungrad
mitnahm und an der Wand zerquetschte ... Und als er über die Schwelle
trat, dachte er: »Denke daran, wie du einst Pattersons abgeschabten
Stiefelschaft im verschütteten Flöz gespürt hast ...«
Er kam gerade noch recht, um die letzten erlöschenden Atemzüge seines
kleinen süßen Engels zu erleben. Ärzte, Pflegerinnen und Dienstboten
standen im Zimmer umher, die Mädchen weinten und selbst die Ärzte
hatten Tränen in den Augen.
Aber Allan stand stumm und trocknen Auges da. »Denke, im Namen der
Hölle, an Pattersons abgeschabten Stiefel, denke und schlage nicht hin
vor den Leuten.«
Nach einer Ewigkeit richtete sich der Arzt am Bett auf und man hörte
ihn atmen. Allan dachte, die Leute würden das Zimmer verlassen, aber
sie blieben alle.
Da trat er ans Bett und streichelte Ediths Haar. Wäre er allein
gewesen, so hätte er gerne nochmals ihren kleinen Körper in den Händen
gefühlt, so aber wagte er nicht mehr zu tun.
Er ging.
Als er die Treppe hinabstieg, brach plötzlich lautes, jammerndes
Geschrei über seinem Kopf zusammen, aber es war in Wahrheit ganz still
bis auf ein leises Schluchzen.
Unten stieß er auf eine Pflegerin. Sie blieb stehen, da sie sah, daß er
ihr etwas zu sagen wünschte.
»Fräulein,« sagte er endlich mit großer Mühe, »wer sind Sie?«
»Ich bin Fräulein Evelin.«
»Fräulein Evelin,« fuhr Allan fort, fremd, flüsternd, weich klang seine
Stimme, »ich möchte Sie um einen Dienst bitten. Ich selbst will es
nicht, ich kann es nicht -- ich möchte eine kleine Strähne Haar von
meiner Frau und meinem Kind gern aufbewahren. Könnten Sie das besorgen
für mich? Aber niemand darf es wissen. Wollen Sie mir das versprechen?«
»Ja, Herr Allan.« Sie sah, daß seine Augen voll Wasser standen.
»Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein, Fräulein Evelin.«
Im dunklen Wohnzimmer saß in einem Sessel eine Gestalt, eine schlanke
Frau, die leise weinte und das Gesicht ins Taschentuch preßte. Als
er vorbeikam, stand die Frau auf und streckte ihm die blassen Hände
entgegen und flüsterte: »Allan --!«
Aber er ging vorüber und erst viele Tage später fiel ihm ein, daß die
Frau Ethel Lloyd gewesen war.
Allan ging in den Garten hinunter. Es schien ihm schrecklich kalt
geworden zu sein, tiefer Winter, und er wickelte sich fest in den
Mantel. Eine Weile ging er auf dem Tennisplatz hin und her, dann
schritt er zwischen nassen Büschen hinab zum Meer. Das Meer leckte
und rauschte und warf gleichmäßig atmend seine Gischtkrausen über den
nassen, glatten Sand.
Allan blickte über die Büsche und sah auf den Giebel des Hauses. Dort
lagen sie. Und er blickte nach Südosten über das Meer. Dort unten lagen
die andern. Dort unten lag Hobby, mit verkrampften Fingern und dem
zurückgebogenen Hals der Erstickten.
Es wurde immer kälter. Ja, ein schauerlicher Frost schien vom Meer
herzukommen. Allan war ganz aus Eis. Er fror. Seine Hände erstarrten
genau wie in größter Winterkälte und sein Gesicht wurde steif. Er sah
aber ganz deutlich, daß nicht einmal der Sand gefroren war, obwohl es
knisterte, als zertrete er feine Eiskristalle.
Allan ging eine Stunde im Sand auf und ab. Es wurde Nacht. Dann ging er
durch den vereisten, gefrorenen Garten hindurch und trat auf die Straße.
Andy, der Chauffeur, hatte die Lampen eingeschaltet.
»Fahre mich zur Station, Andy, fahre langsam!« sagte Allan, tonlos und
heiser, und stieg in den Wagen.
Andy wischte sich die Nase am Ärmel ab und sein Gesicht war naß von
Tränen.
Allan vergrub sich in den Mantel und zog die Mütze tief über den Kopf.
»Es ist merkwürdig,« dachte er, »als ich von der Katastrophe hörte,
habe ich zuerst an den Tunnel gedacht und dann erst an die Menschen!«
Und er gähnte. Er war so müde, daß er keine Hand rühren konnte.
Die Menschenmauer stand wie vorher, denn sie wartete auf die Rückkehr
der Rettungszüge.
Niemand schrie mehr. Niemand schwang die Faust. Er war ihnen ja jetzt
ähnlich geworden, er trug am gleichen Schmerz. Die Leute machten von
selbst Platz, als Allan hindurchfuhr und ausstieg. Nie hatten sie einen
Menschen so bleich gesehen.
7.
Allan betrat das kalte Beratungszimmer der Station, für gewöhnlich ein
Wartsaal.
Auf den Baustellen gab es weder Zeremoniell noch Formalitäten. Niemand
fiel es ein, den Hut abzunehmen oder sich irgendwie stören zu lassen.
Heute aber verstummten augenblicklich die erregten Gespräche, und jene,
die die Müdigkeit in einen Stuhl geworfen hatte, erhoben sich.
Harriman ging Allan mit verstörtem, erschöpftem Gesicht entgegen.
»Allan --?« sagte er, lallend wie ein Betrunkener.