Hobbys Verwirrtheit steigerte sich, zumal er sich nicht regen konnte,
ohne Maud zu nahe zu kommen.
»Wer weiß es, Maud?« Hobby lächelte.
»Hast du mich früher wirklich geliebt, Frank, oder tatest du nur so?«
flüsterte Maud.
»Ja, wirklich!«
»Wärst du glücklich mit mir geworden, Frank, glaubst du?«
»Ich glaube es.«
Maud nickte und ihre feinen Brauen zogen sich träumerisch in die Höhe.
»Ja?« flüsterte sie, noch leiser, voller Glück und Weh.
Hobby ertrug die Situation nicht länger. Wie konnte es Maud nur in den
Sinn kommen, an diese alten Dinge zu rühren? Er wollte ihr sagen, daß
das alles Nonsens sei, er wollte einlenken. Ja, zum Teufel, Maud gefiel
ihm immer noch und er hatte seinerzeit böse Tage gehabt ...
»Und nun sind wir gute Freunde geworden, Maud, nicht wahr?« fragte er
in so harmlosem alltäglichen Tonfall, als er es in diesem Augenblick
vermochte.
Maud nickte, ganz unmerklich. Sie sah ihn immer noch an und so saßen
sie eine, zwei Sekunden und sahen einander in die Augen. Plötzlich
geschah es! Er hatte eine kleine Bewegung gemacht, weil er nicht länger
stillhalten konnte -- ja, wie war es doch gekommen? --: ihre Lippen
berührten sich wie von selbst.
Maud fuhr zurück. Sie stieß einen kleinen, erstickten Schrei aus, stand
auf, stand eine Weile regungslos da und verschwand im Dunkel. Eine Türe
ging.
Hobby kletterte langsam aus dem Korbsessel und sah mit einem
verwirrten, geistesabwesenden Lächeln ins Dunkle hinein, während er
noch Mauds Mund auf seinen Lippen fühlte, weich und warm, und seine
Arme vor Müdigkeit abzufallen drohten.
Dann fand er sich zurecht. Er hörte plötzlich die Dünung wieder zischen
und einen Zug in der Ferne klingeln. Er zog gedankenlos die Uhr und
ging durch die dunklen Zimmer in den Garten hinunter.
»Nie wieder!« dachte er. »~Stop, my boy!~ Maud wird mich sobald nicht
wieder sehen.«
Er nahm den Hut vom Nagel, zündete sich mit zitternden Händen eine
Zigarette an und verließ das Haus, immer noch erregt, beglückt,
verwirrt.
»Ja, zum Teufel, wie kam es nur?« dachte er immer wieder und hielt den
Schritt an.
Unterdessen saß Maud zusammengeduckt in ihrem dunklen Zimmer, die Hände
im Schoß, blickte mit erschrockenen Augen vor sich auf den Boden und
flüsterte: »Die Schande -- die Schande -- o Mac, Mac!« Und sie weinte
still und zerknirscht. Nie mehr würde sie Mac in die Augen sehen
können, nie mehr. Sie mußte es ihm sagen, sie mußte sich scheiden
lassen, ja, das mußte sie! Und Edith? Sie konnte wirklich stolz auf
ihre Mutter sein, in der Tat!
Sie erschrak. Hobby ging drunten. Er geht so leicht, dachte sie, sein
Schritt ist so leicht. Ihr Herz pochte im Hals. Sollte sie aufstehen,
rufen: »Hobby, komm --!« Ihr Gesicht glühte und sie rang die Hände. O
Himmel, nein -- die Schande -- was war über sie gekommen? Den ganzen
Tag über hatte sie schon törichte Gedanken im Kopf gehabt und am Abend
die Augen nicht von Hobby losreißen können und gedacht -- ja, nun
wollte sie schon ganz ehrlich sein! -- wie es wäre, wenn er sie
küßte ...
Maud weinte noch im Bett vor Kummer und Reue. Dann wurde sie ruhiger
und faßte sich. »Ich werde es Mac sagen, wenn er kommt, und ihn bitten,
mir zu verzeihen, ihm schwören ... Laß mich nicht so allein, Mac, werde
ich sagen. Übrigens war es doch schön -- Gott, Hobby erschrak bis ins
tiefste Herz hinein. Schlafen, schlafen, schlafen!«
Am andern Morgen, als sie mit Edith zusammen badete, spürte sie nur
noch einen kleinen Druck im Herzen, der auch blieb, wenn sie gar nicht
an den gestrigen Abend dachte. Es würde alles wieder gut werden, gewiß.
Es kam ihr vor, als habe sie Mac nie heißer geliebt. Aber er sollte sie
nicht so vernachlässigen! Nur manchmal versank sie in Nachdenken und
sah mit blickleeren Augen vor sich hin, von heißen, raschen, unruhigen
Gedanken erfüllt. Wenn sie nun aber Hobby wirklich liebte ...?
Hobby kam drei Tage nicht. Er arbeitete am Tage wie ein Teufel und
abends war er in New York und spielte und trank Whisky. Er borgte sich
viertausend Dollar und verlor sie bis auf den letzten Cent.
Am vierten Tag sandte ihm Maud eine Note, daß sie ihn bestimmt erwarte
am Abend. Sie habe mit ihm zu reden.
Hobby kam. Maud errötete, als sie ihn sah, empfing ihn aber heiter und
lachend.
»Wir wollen nie wieder eine solche Dummheit begehen, Hobby!« sagte sie.
»Hörst du? O, ich habe mir solche Vorwürfe gemacht! Ich habe nicht
geschlafen, Hobby. Nein, nie wieder. Ich bin ja schuldig, nicht du, ich
lüge mich nicht an. Zuerst dachte ich, ich müsse es Mac beichten, nun
aber bin ich entschlossen, ihm nichts zu sagen. Oder meinst du, ich
sollte?«
»Du kannst es ja gelegentlich tun, Maud. Oder ich --«
»Nein, du nicht, hörst du, Hobby! Ja, gelegentlich -- du hast recht.
Und nun wollen wir wieder die alten, guten Kameraden sein, Hobby!«
»~All right!~« sagte Hobby und nahm ihre Hand und dachte, wie hübsch
ihr Haar glänze und wie hübsch ihr diese leichte Röte und Verwirrtheit
stehe und wie gut und treu sie sei, und daß ihn dieser Kuß viertausend
Dollar gekostet habe. ~Never mind!~
»Die Balljungen sind da, willst du spielen?«
So waren sie wieder die alten Kameraden, und nur Maud konnte dann und
wann nicht umhin, Hobby durch einen Blick daran zu erinnern, daß sie
ein Geheimnis zusammen hätten.