1.
Unterdessen hatten sich Mac Allans Bohrmaschinen an den fünf
Arbeitszentralen schon meilenweit in die Finsternis hineingefressen.
Wie zwei schauerliche Tore, die in die Unterwelt hinabführen, sahen
diese Tunnelmündungen aus.
Tag und Nacht aber, ohne jede Pause, kamen endlose Gesteinszüge im
Schnellzugstempo aus diesen Toren heraufgeflogen, Tag und Nacht, ohne
Pause, stürzten sich Arbeiter- und Materialzüge in rasendem Tempo
hinein. Wie Wunden waren diese Doppelstollen, brandige schwarze Wunden,
die immerzu Eiter ausspien und frisches Blut verschlangen. Da drinnen
aber, in der Tiefe, tobte der tausendarmige Mensch!
Mac Allans Arbeit war nicht jene Arbeit, die die Welt bisher kannte,
sie war Raserei, ein höllischer Kampf um Sekunden. Er _rannte_ sich den
Weg durchs Gestein!
Die gleichen Maschinen, das gleiche Bohrermaterial vorausgesetzt,
hätte Allan mit den Arbeitsmethoden früherer Zeiten zur Vollendung des
Baus neunzig Jahre gebraucht. Er arbeitete aber nicht acht Stunden
täglich, sondern vierundzwanzig. Er arbeitete Sonn- und Feiertage.
Bei den »Vortrieben« arbeitete er mit sechs Schichten; er zwang seine
Leute, in vier Stunden das zu leisten, was sie bei langsamem Tempo in
acht Stunden geleistet haben würden. Auf diese Weise erzielte er eine
sechsfache Arbeitsleistung.
Der Ort, wo die Bohrmaschine arbeitete, der Vortrieb, hieß bei den
~tunnelmen~ die »Hölle«. Der Lärm war hier so ungeheuer, daß fast
alle Arbeiter mehr oder weniger taub wurden, trotzdem sie die Ohren
mit Watte verstopft hatten. Die Allanschen Bohrer, die den Berg
perforierten, setzten mit einem klirrenden Schrillen ein, der Berg
schrie wie tausend Kinder auf einmal in Todesangst, er lachte wie ein
Heer Irrsinniger, er delirierte wie ein Lazarett von Fieberkranken
und endlich donnerte er wie große Wasserfälle. Durch den kochend
heißen Stollen heulten fünf Meilen weit schreckliche, unerhörte Töne
und Interferenzen, so daß niemand es gehört haben würde, wenn der
Berg in Wirklichkeit zusammengestürzt wäre. Da das Getöse Kommando
und Hornsignale verschluckt hätte, so mußten alle Befehle auf
optischem Wege gegeben werden. Riesige Scheinwerfer schleuderten ihre
grellen Lichtkegel bald gleißend weiß, bald blutrot in das Chaos von
schweißüberströmten Menschenknäueln, Leibern, stürzenden Steinen, die
selbst wieder Menschenleibern ähnlich sahen, und der Staub wälzte
sich wie dicke Dampfwolken im Lichtkegel der Reflektoren. Mitten in
diesem Chaos von rollenden Leibern und Steinen aber bebte und kroch ein
graues, staubbedecktes Ungetüm, wie ein Ungeheuer der Vorzeit, das sich
im Schlamm gewälzt hatte: Allans Bohrmaschine.
Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem
ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als
Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schädel, einen Schwanz von Drähten
und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von
zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwärts,
betastete mit seinen Fühlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen
Maules den Berg, während er helles Licht aus den Kiefern spie.
Bebend in urtierischem Zorn, hin- und herschwankend vor Wollust des
Zerstörens fraß er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins
Gestein. Er zog die Fühler und Lefzen zurück und spritzte etwas in die
Löcher, die er gefressen hatte. Seine Fühler und Lefzen waren Bohrer
mit Kronen aus Allanit, hohl, mit Wasser gekühlt, und was er durch die
hohlen Bohrer in die Löcher spie, war Sprengstoff. Wie der Tintenfisch
des Meeres, so änderte er plötzlich seine Farbe. Aus seinen Kiefern
dampfte Blut, seine Rückennarbe funkelte böse drohend, und unheimlich
wie der Tintenfisch des Meeres zog er sich zurück, in roten Dunst
eingehüllt -- und wieder kroch er vorwärts. Vor und zurück, Tag und
Nacht, jahrelang, ohne Pause.
Sobald er die Farbe wechselt und sich zurückzieht, stürzt sich eine
Rotte Menschen die Gesteinswand hinauf und windet fieberhaft die Drähte
zusammen, die aus den Bohrlöchern hängen. Und wie vom Grauen gepeitscht
jagt die Rotte zurück. Es grollt, donnert, dröhnt. Der zerschmetterte
Berg rollt den Fliehenden drohend nach, ein Steinhagel jagt vor ihm her
und prasselt gegen die Panzerplatten der Bohrmaschine. Wolken von Staub
wälzen sich dem roten Glutatem entgegen. Plötzlich blendet er wieder
grellweiß und Horden halbnackter Menschen stürmen in die brodelnde
Staubwolke hinein und stürzen den noch rauchenden Schutthaufen hinauf.
Das gierig vorwärtsrollende Ungetüm aber streckt Freßwerkzeuge
schauerlicher Art aus, Zangen, Krane, es schiebt seinen stählernen
Unterkiefer vor und in die Höhe und _frißt_ Gestein, Felsen, Schutt,
den hundert Menschen mit verzerrten Gesichtern, glänzend von Schweiß,
ihm in den Rachen werfen. Seine Kiefer beginnen zu mahlen, zu
schlingen, der bis zum Boden schleifende Bauch schluckt und zum After
kommt ein endloser Strom von Felsen und Steinen heraus.
Die hundert schweißtriefenden Teufel da oben taumeln zwischen dem
rollenden Gestein, zerren an Ketten, schreien, brüllen und der
Schuttberg schmilzt und sinkt sichtbar unter ihren Füßen zusammen.
Fort, das Gestein muß aus dem Wege, das ist die Losung!
Schon aber meißeln und bohren und wühlen schmutzgetigerte
Menschenklumpen unter den Freßwerkzeugen des Ungeheuers, um ihm den
Weg zu ebnen. Männer mit Schwellen und Schienen keuchen heran, die
Schwellen werden gebettet, die Schienen festgeschraubt, und das
Ungeheuer wälzt sich vorwärts.
An seinem schmutzbedeckten Leib, seinen Flanken, seinem Bauch, seinem
gewölbten Rücken hängen winzige Menschen. Sie bohren Löcher in Decke
und Wände, den Boden, in hervorstehende Blöcke, so daß sie jederzeit im
Augenblick mit Patronen gefüllt und abgesprengt werden können.
So fieberhaft und höllisch die Arbeit vor der Bohrmaschine wütete, so
fieberhaft und höllisch tobte sie hinter ihr, wo der endlose Strom von
Gestein herausquoll. Eine knappe halbe Stunde später mußte die Maschine
zweihundert Meter rückwärts freie Fahrt haben, um das Sprengen abwarten
zu können.
Sobald das Gestein auf dem ewig wandernden Rost unter dem Bauch
der Maschine hervorkam, sprangen herkulische Burschen darauf und
versicherten sich der großen Blöcke, die Menschenkraft nicht heben
konnte. Während sie auf dem Rost, der zehn Schritte hinter die Maschine
reichte, mitwanderten, befestigten sie die Ketten, die um die großen
Blöcke geschlungen waren, an den Kranen, die aus der Rückwand der
Maschine starrten und die Blöcke hoben.
Der ewig wandernde Rost aber schüttete die Gesteinsmassen prasselnd
und krachend in niedrige, eiserne, verbeulte Karren, den Hunden in den
Kohlengruben ähnlich, die, ein endloser Zug, vom linken Schienenstrang
auf den rechten mit Hilfe eines halbkreisförmigen Verbindungsgeleises
geführt wurden und gerade so lange hinter dem Rost stockten, als
nötig war, um Gestein und Blöcke aufzunehmen. Sie wurden von einer mit
Akkumulatoren gespeisten Grubenlokomotive gezogen. Klumpen von Menschen
mit bleichen Gesichtern, einen Brei von Schmutz auf den Lippen,
taumelten um Rost und Hunde, wühlten, wälzten, schaufelten und schrien,
und das grelle Licht der Scheinwerfer blendete unbarmherzig auf sie
hernieder, während die Luft der Wetterführung wie ein Sturmwind in sie
hineinpfiff.
Die Schlacht bei der Bohrmaschine war mörderisch und täglich gab es
Verwundete und häufig Tote.
Nach einer vierstündigen Raserei wurden die Mannschaften abgelöst.
Vollkommen erschöpft, gekocht in ihrem eigenen Schweiß, bleich und halb
bewußtlos vor Herzschwäche, warfen sie sich auf das nasse Gestein eines
Waggons und schliefen augenblicklich ein, um erst über Tag zu erwachen.
Die Arbeiter sangen ein Lied, das einer aus ihren Reihen gedichtet
hatte. Dieses Lied begann:
Drinnen, wo der Tunnel donnert
In der heißen Hölle, Brüder,
Gee, wie ist die Hölle heiß!
Einen Dollar extra für die Stunde,
Für die Stunde einen Dollar extra
Zahlt dir Mac für deinen Schweiß ...
Zu Hunderten flohen sie die »Hölle« und viele brachen nach kurzer Zeit
für immer zusammen. _Aber es kamen immer neue_!
2.
Die kleine Grubenlokomotive aber rasselte mit den beladenen Hunden
kilometerweit durch den Tunnel, bis dahin, wo die Eisenbahnwaggons
standen, die die Hunde an Kranen in die Höhe zogen und entleerten.
Waren die Waggons gefüllt, so fuhren die Züge ab -- in jeder Stunde
ein Dutzend und mehr -- und neue, mit Material und Menschen standen an
ihrer Stelle.
Die amerikanischen Stollen waren gegen das Ende des zweiten Jahres
fünfundneunzig Kilometer weit vorgetrieben worden und diese ganze
mächtige Strecke entlang fieberte und tobte die Arbeit. Denn Allan
peitschte unaufhörlich zur größten Kraftanspannung an, täglich,
stündlich. Rücksichtslos verabschiedete er Ingenieure, die ihre
geforderten Kubikmeter nicht bewältigen konnten, rücksichtslos entließ
er Arbeiter, die den Atem verloren.
Wo noch die eisernen Hunde rasseln und der zerfetzte Stollen von Staub,
Steinsplittern und einem donnernden Getöse erfüllt ist, sind Bataillone
von Arbeitern beim Schein der Reflektoren beschäftigt, Balken und
Pfosten und Bretter zu schleppen, um den Stollen gegen hereinbrechendes
Gestein zu sichern. Eine Schar von Technikern legt die elektrischen
Kabel und provisorischen Schläuche und Röhren für Wasser und zugepumpte
Luft.
Bei den Zügen stürzen Horden von Menschen hin und her, um das
Material abzuladen und über die Strecke zu verteilen, so daß man nur
hinzugreifen hatte, wenn man es brauchte: Balken, Bretter, Klammern,
Eisenträger, Schrauben, Röhren, Kabel, Bohrer, Sprenghülsen, Ketten,
Schienen, Schwellen.
Von dreihundert zu dreihundert Metern aber wütet ein Trupp schmutziger
Gestalten zwischen den Pfosten mit Bohrern gegen die Stollenwand. Sie
sprengen und schlagen eine Nische so hoch wie ein Mann und sobald ein
Zug gellend vorbeikommt, flüchten sie zwischen die Pfosten. Bald aber
ist die Nische so tief, daß sie sich nicht mehr um die Züge zu kümmern
brauchen, und nach einigen Tagen klingt die Wand hohl, sie stürzt
ein und sie stehen im Parallelstollen, wo die Züge vorbeifliegen wie
drüben. Dann marschieren sie ihre dreihundert Meter weiter, um den
neuen Querschlag in Angriff zu nehmen.
Diese Querschläge dienen zur Ventilation, zu hundert anderen Zwecken.
Ihnen auf den Fersen aber folgt ein Trupp, dessen Aufgabe darin
besteht, diese schmalen Verbindungsgänge kunstgerecht auszumauern.
Jahraus, jahrein tun sie nichts anderes. Nur jeden zwanzigsten
Querstollen lassen sie stehen wie er ist.
Weiter, vorwärts!
Ein Zug rauscht heran und hält bei dem zwanzigsten Querschlag. Eine
Schar geschwärzter Burschen springt von den Waggons, und Bohrer,
Spitzhacken, Eisenträger, Zementsäcke, Schienen, Schwellen wandern über
ihre Schultern blitzschnell in den Querstollen hinein, während hinten
schon die Glocken der aufgehaltenen Züge ungeduldig gellen. Weiter! Die
Züge rollen. Der Querstollen hat die geschwärzten Burschen verschluckt,
die Bohrer schrillen, es knallt, das Gestein birst, der Stollen wird
breiter und breiter, er steht schräg zu den Tunneltrassen, Eisen und
Beton sind seine Wände, seine Decke, sein Boden. Ein Geleise führt
durch ihn hindurch: eine Weiche.
Diese Weichen haben den ganz unschätzbaren Wert, daß man von sechs
zu sechs Kilometern nach Belieben die ewig rollenden Material- und
Gesteinszüge des einen Stollens auf den anderen überführen kann.
Auf diese höchst simple Weise ist eine Strecke von sechs Kilometern
isoliert für den Ausbau.
Der sechs Kilometer lange Wald von Kronbalken, Pfosten, Stempeln,
Riegeln verwandelt sich in einen sechs Kilometer langen Wald aus
Eisenrippen und Eisenfachwerk.
Wo es eine Hölle gibt, da gibt es auch ein Fegfeuer. Und wie es beim
Tunnelbau »~hellmen~« gab, so gab es »purgatorymen«, denn diese
Baustelle hieß »~purgatory~«.
Hier ist freie Bahn und ein Meer von Waggons wälzt sich in diesen
Stollenabschnitt und Trauben von Menschen hängen an den Waggons.
An hundert Orten zugleich beginnt die Schlacht: Kanonenschüsse,
Hornsignale, das Blitzen der Scheinwerfer. Der Stollen wird zur
erforderlichen Breite und Höhe ausgesprengt. Es dröhnt, wie wenn
Geschosse in ein Panzerschiff einschlagen. Eisenträger und Schienen,
die auf den Boden donnern. Mennigrotes Eisen überschwemmt den Stollen,
Rippen, Platten, gewalzt in den Werken von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma
und Kentucky. Die alten Schienen werden aufgerissen, das Dynamit
und Melinit schlitzt die Sohle auf, Pickel und Schaufeln wirbeln.
Achtung! Es heult und keucht, verzerrte Mäuler, geschwollene Muskeln,
zuckende Schläfenadern, wie Nattern geringelt, Leib hinter Leib:
sie schleppen die Sohlenstücke heran, mächtige Doppel-~T~-Träger,
die bestimmt sind, die Schiene der Tunnelzüge (denn die Tunnelbahn
wird als Einschienenbahn gebaut) zu tragen. Rudel von Ingenieuren
mit Meßinstrumenten und Apparaten liegen am Boden und arbeiten mit
Anspannung all ihrer Nerven, während der Schweiß ihre halbnackten
Körper mit Schmutzstreifen tigert. Das Sohlenstück, vier Meter lang,
achtzig Zentimeter tief, an den Enden leicht aufwärts gebogen, wird in
Beton gebettet. Wie der Kiel eines Schiffes gelegt wird, so reiht sich
Sohlenstück an Sohlenstück und ein Betonstrom flutet ihnen nach, so daß
sie darin versinken. Schwellen. Wie hundert Ameisen einen Strohhalm
schleppen, so schleppen hundert keuchende Männer mit eingeknickten
Knien die mächtigen, dreißig Meter langen Schienen heran, die auf
den Schwellen befestigt werden. Hinter ihnen kriechen andere mit den
schweren Teilen der Rippen, die das ganze Tunneloval als Eisenfachwerk
umschnüren sollen. Zusammengesetzt haben diese Rippen die Gestalt einer
Ellipse, die an der Sohle etwas flach gedrückt ist. Vier Teile bilden
eine Rippe: ein Sohlenstück, zwei Seitenstücke (die Widerlager) und
ein Deckenstück, die Kappe. Diese Stücke sind aus zolldickem Eisen,
und durch starkes Fachwerk untereinander verbunden. Die Nietmaschinen
prasseln, der Stollen dröhnt. Rippe reiht sich an Rippe. Ein Gitterwerk
von mennigrotem Eisen umschnürt den Stollen. Schon aber, da hinten,
klettern die Maurer im Eisenfachwerk, um den Mantel des Tunnels
auszumauern, einen meterdicken Panzer aus Eisenbeton, den kein Druck
der Welt sprengen kann.
Zu beiden Seiten der mächtigen Schiene werden in angemessenem Abstand
Röhren in allen Dimensionen gelegt, verschweißt, verschraubt. Röhren
für Telephon- und Telegraphendrähte, für Stromkabel, ungeheure Röhren
für Wasser, mächtige Röhren für die Luft, die die Maschinen draußen
über Tag ohne Pause in die Stollen pressen sollen. Besondere Röhren
für die pneumatische Expreßpost. Sand, Schotter bedeckt die Röhren;
Schwellen und Schienen für die gewöhnlichen Materialzüge werden darüber
gelegt, solide Geleise, die den Material- und Gesteinszügen erlauben,
mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinzurasen.
Kaum haben sie da vorn die letzte Rippe genietet, so sind auch schon
die Geleise für die Strecke von sechs Kilometern fertig. Die Züge
werden hereingeleitet und fliegen dahin, während die Maurer noch im
Eisenfachwerk hängen.
Dreißig Kilometer hinter dem Vortrieb, wo die Bohrmaschine donnerte,
war der Stollen schon fertig ausgebaut.
3.
Das aber war nicht alles. Tausend Dinge mußten vorgesehen werden!
Sobald die amerikanischen Stollen mit den Stollen zusammenstießen,
die sich von den Bermudas aus durch den Gneis fraßen, mußte die ganze
Strecke betriebsfähig sein.
Allans Pläne lagen seit Jahren bis auf die letzten Kleinigkeiten fertig
vor.
Von zwanzig zu zwanzig Kilometern ließ er kleine Stationen in den Berg
schlagen, in denen die Streckenwärter hausen sollten. Alle sechzig
Kilometer plante er größere Stationen und alle zweihundertvierzig
Kilometer große Stationen. All diese Stationen waren Depots für
Reserveakkumulatoren, Maschinen und Nahrungsmittel. Die größeren und
großen Stationen sollten Transformatoren, Hochvoltstationen, Kühl- und
Luftmaschinen aufnehmen. Es waren ferner Seitenstollen nötig, in denen
abgeleitete Züge Platz fanden.
Für alle diese Arbeiten waren verschiedene Arbeiterbataillone
ausgebildet worden und all diese Horden fraßen sich in den Berg und
schlugen Lawinen von Gestein heraus.
Wie ein Vulkan in höchster Raserei spien die Tunnelmündungen Tag und
Nacht Gestein aus. Unaufhörlich, dicht hintereinander flogen die
vollen Züge aus den gähnenden Toren hervor. Mit einer Leichtigkeit,
die das Auge entzückte, nahmen sie die Steigung, um oben angelangt
einen Augenblick zu halten. Was aber nur Gestein und Schutt schien, das
bewegte sich plötzlich auf den Waggons und geschwärzte, beschmutzte,
unkenntliche Gestalten sprangen herab. Der Gesteinszug aber wand sich
über hundert Weichen und schoß davon. Er fuhr in einem großen Bogen
durch »Mac City« (wie die Tunnelstadt in New Jersey allgemein hieß),
bis er auf eins der hundert Geleise am Meer einlenkte, wo er entladen
wurde. Hier am Meer waren sie alle laut und heiter, denn sie hatten die
»leichte Woche«.
Mac Allan hatte zweihundert Doppelkilometer Gestein herausgeschafft,
genug um eine Mauer von New York nach Buffalo zu bauen. Er besaß den
größten Steinbruch der Welt; aber er verschwendete keine Schaufel
voll. Er hatte das ganze ungeheure Gelände zweckmäßig nivelliert. Er
hatte das Gestade, das mählich abfiel, geebnet und das seichte Meer
kilometerweit hinausgedrängt. Dort draußen aber, wo das Meer schon
tiefer war, versanken täglich Tausende von Waggonladungen Gestein im
Meer und langsam schob sich ein ungeheurer Damm ins Meer hinaus. Das
war einer der Kaie von Allans Hafen, der die Welt auf dem Plan der
Zukunftsstadt so verblüfft hatte. Zwei Meilen entfernt davon bauten
seine Ingenieure den größten und gleichmäßigsten Badestrand, den
irgendein Ort der Welt besaß. Hier sollten riesige Badehotels errichtet
werden.
Mac City selbst aber sah aus wie ein ungeheures Schuttfeld, auf
dem kein Baum, kein Strauch wuchs, kein Tier, kein Vogel lebte.
Es flimmerte in der Sonne, daß die Augen schmerzten. Weithin war
diese Wüste mit Geleisen bedeckt, übersponnen mit fächerförmig sich
nach beiden Seiten ausbreitenden Geleisen, den magnetischen Figuren
ähnlich, zu denen sich Eisenfeilstaub bei den Polen eines Magnets
ordnet. Überall schossen Züge dahin, elektrische, Dampfzüge, überall
qualmten Lokomotiven, heulte, schellte, pfiff und klingelte es.
Draußen im provisorischen Hafen Allans lagen Scharen von qualmenden
Dampfern und hohen Seglern, die Eisen, Holz, Zement, Getreide, Vieh,
Nahrungsmittel aller Art von Chikago, Montreal, Portland, Newport,
Charleston, Savanah, New Orleans, Galveston hierhergebracht hatten.
Und im Nordosten stand eine dicke Mauer von Rauch, undurchdringlich:
der Materialbahnhof.
Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des
Trasseneinschnittes blitzten Glasdächer: Maschinenhallen,
Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebäude stießen. Mitten in der
Steinwüste erhob sich ein zwanzigstöckiges Hotel: »Atlantic-Tunnel«. Es
war kalkweiß, nagelneu und diente als Absteigequartier für die Scharen
von Ingenieuren, Agenten, Vertretern großer Firmen, und für Tausende
von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herüberkamen.
Gegenüber hatte Wannamaker ein vorläufig zwölf Stockwerke hohes
Warenhaus errichtet. Breite Straßen, vollkommen fertig, liefen
schnurgerade durch das Schuttfeld, Brücken spannten sich über den
Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwüste aber lagen
freundliche Arbeiterstädte mit Schulen, Kirchen, Spielplätzen, mit Bars
und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet
wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergföhren, stand einsam,
vergessen und tot ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sah: ein
Krematorium mit langen leeren Kreuzgängen. Nur ein Gang enthielt schon
Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen,
französischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen
Namen: Verunglückt beim Bau des Atlantic-Tunnels -- beim Sprengen --
verschüttet -- von einem Zug überfahren: wie die Inschriften gefallener
Krieger.
Nahe am Meere lagen die weißen neuen Hospitäler, nach modernsten
Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem
frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.
4.
Maud hatte soviel Macht als möglich in ihren kleinen Händen
zusammengerafft.
Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims für Frauen und Kinder von
Mac City geworden. Ferner gehörte sie einem aus Ärzten und Ärztinnen
gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die
Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen oblag. Aus eigener Initiative
hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule für junge Mädchen
gegründet, einen Kindergarten und einen Klub für Frauen und junge
Mädchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische
Vorträge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre
»Office«, genau wie Mac, und beschäftigte eine Privatsekretärin und
eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen --
übrigens Töchter der ersten Familien New Yorks -- stand ihr zur Seite.
Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rücksichtsvoll, freundlich,
sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam
es, daß alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.
Sie hatte in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Hygienekomitees
fast alle Arbeiterhäuser betreten. Im italienischen, polnischen und
russischen Viertel hatte sie eine energische und siegreiche Kampagne
gegen den Schmutz und das Ungeziefer ausgefochten. Sie hatte es
durchgesetzt, daß alle Häuser von Zeit zu Zeit desinfiziert und von
oben bis unten ausgefegt wurden. Die Häuser waren fast ganz aus Zement
und ließen sich auswaschen wie eine Waschküche. Ihre Besuche hatten sie
den Leuten nahe gebracht und sie stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite,
wo immer sie konnte. Ihre Wirtschaftsschule war bis auf den letzten
Platz besetzt. Sie hatte ausgezeichnete Lehrerinnen engagiert, für
die Küche sowohl als die Schneiderwerkstätte. Maud versäumte es nicht,
zu kontrollieren und zu inspizieren, um ihre Institute fortwährend im
Auge zu behalten. Eine ganze Bibliothek der einschlägigen Literatur
hatte sie durchstudiert, um sich die nötigen theoretischen Kenntnisse
anzueignen. Und es war ihr, bei Gott, nicht leicht geworden, alles
so vortrefflich und gut zu schaffen, zumal sie von Natur aus keine
besonderen organisatorischen Talente besaß. Aber es ging. Und Maud war
stolz auf das Lob, das die Zeitungen ihren Einrichtungen spendeten.
Das Feld ihrer hauptsächlichen Tätigkeit aber war das
Rekonvaleszentenheim für Frauen und Kinder.
Das Heim lag dicht neben ihrer Villa, sie brauchte nur zwei Gärten zu
durchqueren. Sie erschien täglich Punkt neun Uhr morgens, um ihren
Rundgang zu machen, interessierte sich für jeden einzelnen ihrer
Schützlinge und half häufig aus eigener Kasse, wenn das Budget des
Hospitals erschöpft war. Mit ganz besonderer Sorgfalt umgab sie die ihr
anvertrauten Kinder.
Sie hatte Arbeit, Freude, Erfolge, ihre Beziehungen zu den Menschen und
zum Leben waren fruchtbarer und reicher geworden, aber Maud war ehrlich
genug sich einzugestehen, daß all das zusammen nicht imstande war, ihr
das eheliche Glück zu ersetzen.
Zwei, drei Jahre lang hatte sie im reinsten Glück mit Mac gelebt -- bis
der Tunnel kam und ihn ihr entriß. Mac liebte sie ja noch, ja! Er war
aufmerksam, liebenswürdig, gewiß, aber es war nicht mehr wie früher --
keine Lüge!
Sie sah ihn jetzt häufiger als in den ersten Jahren des Baus. Er hatte
wohl seine Bureaus in New York beibehalten, sich aber Arbeitsräume
in der Tunnelstadt eingerichtet, wo er oft wochenlang mit kurzen
Unterbrechungen blieb. Darüber hätte sie nicht klagen können. Aber
Mac selbst hatte sich verändert. Seine Harmlosigkeit, sein naiver
Frohsinn, die sie im Anfang ihrer Ehe so überrascht und entzückt
hatten, verschwanden mehr und mehr. Ernst wie in der Arbeit und in der
Öffentlichkeit war er auch zu Hause. Er gab sich Mühe, so heiter und
gutgelaunt wie früher zu erscheinen, aber es gelang ihm nicht immer.
Er war zerstreut, absorbiert von der Arbeit, und aus seinen Augen wich
nicht jener scheinbar geistesabwesende Ausdruck, den die Konzentration
auf ein und dieselbe Idee erzeugt. Seine Züge waren auch magerer und
härter geworden.
Die Zeiten waren vorüber, da er sie auf den Schoß nahm und liebkoste,
er küßte sie, so oft er kam und ging, sah ihr in die Augen,
lächelte -- aber ihr weiblicher Instinkt ließ sich nicht täuschen.
Merkwürdigerweise hatte er, gehetzt von der Arbeit, all die Jahre
hindurch nie mehr einen der »wichtigen Tage« vergessen, wie Ediths oder
ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag, Weihnachten. Aber Maud sah einmal
zufällig, daß in seinem Taschenbuche diese Tage rot angestrichen waren
-- sie lächelte resigniert: er merkte sie sich mechanisch, nicht mehr
mit dem Herzen, das ihn täglich daran erinnerte.
Es ging ihr nicht anders wie den meisten ihrer Freundinnen, deren
Männer den Tag über in Fabriken, Banken und Laboratorien schufteten,
sie anbeteten, mit Spitzen, Perlen und Pelzen behingen, sie
zuvorkommend ins Theater führten, aber mit den Gedanken doch bei der
Arbeit waren. Das Leben war nicht anders, aber sie, Maud, fand es
entsetzlich, wenn es nicht anders war. Lieber wollte sie arm sein,
unbekannt, fern von der Welt -- dafür aber forderte sie ewige Liebe,
ewige Zärtlichkeit. Ja, so wünschte sie es sich, obschon ihr das
zuweilen töricht erschien.
Maud liebte es, nach getaner Arbeit bei einer Handarbeit zu sitzen und
ihren Gedanken nachzuhängen. Dann kam sie immer auf die Zeit zurück,
da Mac um sie warb. Er erschien ihr in der Erinnerung unendlich jung
und naiv. Völlig unbewandert im Umgang mit Frauen, war er nicht auf
originelle Gedanken verfallen, ihr seine Liebe zu verstehen zu geben.
Blumen, Bücher, Konzert- und Theaterbillette, kleine Ritterdienste --
ganz wie der banalste Mensch. Und doch gefiel ihr das an ihm, jetzt
mehr als damals. Ganz unerwartet hatte er sein Benehmen aber dann
geändert und war mehr jenem Mac ähnlich geworden, den sie jetzt kannte.
Eines Abends hatte er ihr nach einer ausweichenden Antwort bestimmt
und fast unhöflich gesagt: »Denken Sie darüber nach. Ich lasse Ihnen
bis morgen um fünf Uhr Zeit. Wenn Sie sich dann noch nicht entschieden
haben, so sollen Sie nie wieder ein Wort von mir darüber hören. ~Good
bye!~« Und siehe da, Punkt fünf Uhr hatte er sich eingestellt ...! Maud
erinnerte sich stets mit einem Lächeln an diese Szene, aber sie hatte
auch nicht vergessen, mit welcher Bangigkeit sie die Nacht und den Tag
darauf verbracht hatte.
Je weiter der Tunnel ihr Mac entführte, desto hartnäckiger, mit desto
größerer Beharrlichkeit, die gleichzeitig wohltat und schmerzte,
verweilten ihre Gedanken bei ihren ersten Spaziergängen, Gesprächen
und harmlosen und doch so bedeutungsschweren kleinen Erlebnissen ihrer
jungen Ehe. Sie hatte einen Groll gegen den Tunnel im Herzen! Sie haßte
den Tunnel, denn er war _stärker_ gewesen als sie! Ach, die kleine
Eitelkeit der ersten Zeit war längst verflogen. Es war ihr einerlei,
ob man Macs Namen in fünf Kontinenten kannte oder nicht. Wenn nachts
der gespenstische Widerschein der brennenden Tunnelstadt in ihr Zimmer
drang, so war ihr Haß dagegen oft so stark, daß sie die Läden schloß,
um ihn nicht zu sehen. Sie hätte weinen mögen vor Groll, und zuweilen
weinte sie auch, still und ungesehen. Wenn sie sah, wie die Züge sich
in die Stollen stürzten, so schüttelte sie den Kopf. Es war Tollheit!
Für Mac aber schien es nichts Selbstverständlicheres zu geben. Trotz
alledem aber -- und diese Hoffnung hielt sie aufrecht! -- hoffte sie
darauf, daß Mac wieder mit seinem Herzen zu ihr zurückkehren würde.
Eines Tages mußte ihn der Tunnel doch wieder _freigeben_! Wenn der
erste Zug lief ...
Aber, o guter Gott, das waren noch Jahre! Maud seufzte. Geduld, Geduld!
Vorläufig hatte sie ihre Tätigkeit. Sie hatte ihre geliebte Edith, die
sich zu einem kleinen Dämchen entwickelt hatte und mit neugierigen,
klugen Augen ins Leben blickte. Sie hatte Mac öfter als früher. Sie
hatte Hobby, der fast täglich bei ihr speiste, allerhand Schnurren
erzählte und mit dem es sich so wunderbar plaudern ließ. Auch ihr
Haushalt stellte größere Ansprüche an sie als früher. Denn Mac brachte
häufig Gäste mit, berühmte Leute, deren Name so gewichtig war, daß
ihnen Mac den Zutritt in den Tunnel erlaubte. Maud freute sich über
jeden derartigen Besuch. Diese Berühmtheiten waren meistens ältere
Herren, mit denen es sich leicht verkehren ließ. Denn alle hatten
eine Eigenschaft gemeinsam: sie waren sehr einfach, um nicht zu sagen
schüchtern. Es waren große Gelehrte, die geologische, physikalische
und technische Fragen zu Mac führten und die oft wochenlang mit ihren
Instrumenten in einer Station tausend Meter unter dem Meeresspiegel
hausten, um irgend etwas herauszufinden. Mac aber verkehrte mit diesen
Berühmtheiten ganz wie er mit ihr oder mit Hobby verkehrte.
Aber wenn sich diese großen Tiere verabschiedeten, so verbeugten sie
sich vor Mac und drückten ihm die Hand und konnten ihm nicht genug
danken. Und Mac lächelte sein bescheidenes und gutmütiges Lächeln und
sagte: »Allright, sir!« und wünschte ihnen gute Reise. Denn diese Leute
kamen meist von weit her.
Einmal kam auch eine Dame zu ihr heraus.
»Mein Name ist Ethel Lloyd!« sagte diese Dame und hob den Schleier in
die Höhe.
Ja, es war Ethel, in der Tat! Sie errötete, denn sie hatte keinen
eigentlichen Anlaß, Maud einen Besuch zu machen. Und Maud errötete
ebenfalls -- weil Ethel errötete, und weil ihr der Gedanke durch den
Kopf schoß, daß Ethel sehr unverfroren sei, und weil sie dachte, Ethel
müsse diesen Gedanken in ihren Augen lesen.
Ethel faßte sich aber sofort. »Ich habe soviel von den Schulen gelesen,
die Sie ins Leben riefen, Frau Allan,« begann sie, gewandt und fließend
sprechend, »daß ich zuletzt den Wunsch hatte, Ihre Einrichtungen kennen
zu lernen. Ich stehe ja persönlich ähnlichen Bestrebungen in New York
nahe, wie Sie wissen werden.«
Ethel Lloyd trug einen angeborenen Stolz und eine natürliche Würde
zur Schau, die nicht unangenehm wirkte, eine natürliche Offenheit
und Herzlichkeit, die entzückte. Sie hatte das Kindliche, das
Allan seinerzeit vor Jahren aufgefallen war, verloren und war eine
vollkommene Dame geworden. Ihre früher etwas süßliche und zarte
Schönheit war reifer geworden. Hatte sie vor Jahren den Eindruck eines
Pastellgemäldes erweckt, so erschien jetzt alles an ihr klar und
leuchtend, ihre Augen, ihr Mund, ihr Haar. Sie sah stets aus, als käme
sie gerade aus ihrem Toilettezimmer. Die Flechte an ihrem Kinn hatte
sich unmerklich vergrößert und war um eine Nuance dunkler geworden,
aber Ethel suchte sie nicht mehr durch Puder zu verdecken.
Maud mußte aus Höflichkeit persönlich die Führung übernehmen. Sie
zeigte Ethel das Hospital, die Schulen, den Kindergarten und die
bescheidenen Klubräume des Frauenklubs. Ethel fand alles ausgezeichnet,
ohne aber nach Art junger Damen übertriebenes Lob zu spenden. Und
schließlich fragte Ethel, ob sie sich irgendwie nützlich machen könne?
Nein? Es war Ethel auch so recht. Zu Hause plauderte sie so reizend mit
Edith, daß das Kind augenblicklich Zuneigung zu ihr faßte. Nun überwand
Maud ihre unerklärliche und durch nichts begründete Abneigung gegen
Ethel und bat sie, zum Diner zu bleiben. Ethel telephonierte an ihren
»Pa« und blieb.
Mac brachte Hobby mit zu Tisch. Hobbys Anwesenheit gab Ethel eine
große Sicherheit, die sie nie und nimmer gefunden haben würde, wenn
nur der stille und schweigsame Mac dagewesen wäre. Sie führte die
Unterhaltung. Hatte sie am Nachmittag Mauds Institute sachlich gelobt
-- nicht nach Art junger Damen übertrieben --, so lobte sie sie jetzt
überschwenglich. Mauds Argwohn wurde wieder wach. >Sie hat es auf Mac
abgesehen,< sagte sie sich. Aber zu ihrer größten Befriedigung schenkte
ihr Mac kaum mehr als höfliches Interesse. Er betrachtete die schöne
und verwöhnte Ethel mit denselben gleichgültigen Augen wie er etwa eine
Stenotypistin betrachtete.
»Die Bibliothek im Frauenklub scheint mir noch etwas dürftig zu sein,«
sagte Ethel.
»Sie soll im Laufe der Zeit ergänzt werden.«
»Es würde mir große Freude machen, wenn Sie mir erlaubten, einige
Bücher beizusteuern, Frau Allan. Hobby, nehmen Sie meine Partei.«
»Wenn Sie einige Bücher übrig haben,« sagte Maud --
In den nächsten Tagen sandte Ethel ganze Ballen von Büchern, gegen
fünftausend Bände. Maud dankte ihr herzlich, aber sie bereute ihr
Entgegenkommen. Denn seitdem kam Ethel öfter herausgefahren. Sie tat,
als sei sie innig befreundet mit Maud und überhäufte die kleine Edith
mit Geschenken. Einmal fragte sie Mac, ob sie nicht gelegentlich in den
Tunnel einfahren könne?
Mac sah sie erstaunt an, denn es war das erstemal, daß eine Dame diese
Frage an ihn stellte.
»Das können Sie nicht!« antwortete er kurz und fast etwas schroff.
Aber Ethel war gar nicht gekränkt. Sie lachte herzlich und sagte:
»Aber, Herr Allan, habe ich Ihnen Anlaß gegeben, ärgerlich zu werden?«
Seitdem kam sie etwas seltener. Und Maud hatte nichts dagegen. Sie
konnte Ethel Lloyd nicht lieben, so sehr sie sich auch Mühe dazu gab.
Und Maud gehörte zu den Leuten, die nur mit jemand verkehren können,
wenn sie ihm aufrichtig zugetan sind.
Aus diesem Grunde war ihr Hobbys Gesellschaft so angenehm. Er verkehrte
täglich in ihrem Hause. Er kam zum Lunch und Diner, einerlei ob
Allan da war oder nicht. Es kam dahin, daß sie ihn vermißte, wenn er
ausblieb. Und das selbst in Zeiten, da Mac bei ihr war.
5.
»Hobby ist immer bei so prächtiger Laune!« sagte Maud des öfteren.